{"id":10606,"date":"2018-05-17T07:30:00","date_gmt":"2018-05-17T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/amoklaeufe-und-terroranschlaege-als-medienereignis\/"},"modified":"2018-05-17T12:00:00","modified_gmt":"2018-05-17T10:00:00","slug":"amoklaeufe-und-terroranschlaege-als-medienereignis","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/amoklaeufe-und-terroranschlaege-als-medienereignis\/","title":{"rendered":"Amokl\u00e4ufe und Terroranschl\u00e4ge als Medienereignis"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 227\/228<\/p>\n<p><i>Frank J. Robertz &#038; Robert Kahr (Hrsg.): Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus. Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt. Wiesbaden 2016: Springer, 203 Seiten f\u00fcr 29,99\u00a0&#128; (Softcover) bzw. 22,99 &#128; (eBook)<\/i><\/p>\n<p>Die mediale Berichterstattung \u00fcber Gewaltverbrechen ist vermutlich genauso alt wie die Medien selbst: das Interesse an bzw. die Begeisterung f\u00fcr exzessive Ausbr\u00fcche ist seit jeher ein wichtiger Rohstoff der Medien. Wie stark Medien den Verlauf solcher Gewalttaten beeinflussen k\u00f6nnen, ist in Deutschland sp\u00e4testens seit dem &#132;Geiseldrama von Gladbeck&#147; (1988) bekannt, bei dem die T\u00e4ter von Journalisten hautnah begleitet wurden und w\u00e4hrend ihrer Tat live interviewed wurden.<\/p>\n<p>Doch es ist nicht nur die Lust auf Unterhaltung und Sensation, was hinter der Rezeption solcher Berichterstattung steht &#150; auf die meisten Menschen wirken solche Ereignisse auch verunsichernd. Mit Hilfe der medialen Analyse versucht ein gro\u00dfer Teil des Publikums &#150; so Robertz und Kahr in der Einleitung des Sammelbands &#150; die verloren gegangene Sicherheit zur\u00fcckzugewinnen: &#132;Eine intensive Berichterstattung erzeugt die Illusion, Informationen aufnehmen zu k\u00f6nnen, die f\u00fcr die eigene Sicherheit relevant sein k\u00f6nnten. Daher sind Informationen \u00fcber die Motive und die Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale des T\u00e4ters &#133; wichtige Bausteine im emotionalen Sicherheitsgef\u00fcge der Gesellschaft.&#147; (S.\u00a04)<\/p>\n<p>Welche Effekte die Medien-Berichterstattung \u00fcber Gewalttaten haben, handelt der Band in f\u00fcnf Abschnitten ab: nach einf\u00fchrenden kommunikationswissenschaftlichen Texten zur Darstellung von Gewaltexessen in den Medien und deren gewaltf\u00f6rdernder Wirkung (I) folgen drei Beitr\u00e4ge zur Wahrnehmung und Berichterstattung \u00fcber School Shootings in Deutschland, Finnland und den USA (II); zwei Beitr\u00e4ge gehen auf die Berichterstattung \u00fcber Terroranschl\u00e4ge ein (III), bevor die Perspektive auf die Wirkungen der Berichterstattung auf die Opfer bzw. k\u00fcnftige Suizidgef\u00e4hrdete beleuchtet wird (IV). Zum Abschluss widmen sich drei Beitr\u00e4ge berufsethischen Fragen der Berichterstattung und entsprechenden Handlungsempfehlungen (V).<\/p>\n<p>Entgegen der breit angelegten Einleitung, die noch auf das &#132;allgemeine Publikum&#147; der Medienberichterstattung eingeht, fokussieren sich die Beitr\u00e4ge im folgenden jedoch auf relativ enge Gruppen: die T\u00e4ter sowie ihr Umfeld (z.B. potenzielle Unterst\u00fctzer bzw. Nachahmer) sowie die Opfer der Massaker. Im Mittelpunkt der Wirkungsanalyse stehen dabei zwei Mechanismen: der sog. Copycat-Effekt, d.h. die Frage, inwiefern die Medien\u00a0 (teilweise ungewollt) den T\u00e4ter, seinen biografischen Hintergrund und die sich daraus ergebenden Motive und selbstinszenierten Mythen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung stellen und damit viele Identifikationsm\u00f6glichkeiten sowie Stoff f\u00fcr potenzielle Nachahmungst\u00e4ter bieten. Insbesondere bei den School Shootern (etwa: Columbine-Highschool), aber auch bei den terroristischen Attent\u00e4tern (z.B. Breivik) haben sich &#150; verst\u00e4rkt durch soziale Medien &#150; inzwischen Fangemeinden gebildet, deren Idole bewundert werden und auf die sich nachfolgende T\u00e4ter als Vorbilder beziehen.<\/p>\n<p>Wenn sich zu dieser T\u00e4terorientierung der Medien eine (falschverstandene) R\u00fccksichtnahme auf die Opfer gesellt, so dass diese gar nicht oder kaum in der Berichterstattung \u00fcber das Geschehene vorkommen (s. den Beitrag von Oksanen u.a. zu Finnland), dann tragen die Medien auch noch zu einer sekund\u00e4ren Viktimisierung bei, mit der die Opfer nach der Tat ein zweites Mal ihre Ohnmacht erfahren.<\/p>\n<p>Insoweit ist der Sammelband ein wichtiger und wertvoller Beitrag, um auf einige (Neben-)Folgen der Medienberichterstattung von Gewalttaten aufmerksam zu machen. Er endet mit 12 Empfehlungen, welche die Herausgeber f\u00fcr eine angemessene Berichterstattung bereithalten. Diese Empfehlungen spiegelt die leider recht enge polizeilich-kriminologische Perspektive des Buches wider: &#132;<i>1. Keine vereinfachenden Erkl\u00e4rungen f\u00fcr Handlungsmotive &#133; 2. Auf die Folgen der Tat fokussieren. 3. Keine Romantisierungen &#133; und keine Heldengeschichten &#133; 4. Den Tathergang nicht zu konkret aufzeigen. 5. T\u00e4terphantasien &#133; nicht zu anschaulich darstellen &#133; 6. Keine sensiblen Informationen preisgeben. 7. Auswege aufzeigen. 8. Auf die Wortwahl achten. 9. Quellen besonders sorgsam pr\u00fcfen. 10. Sich nicht instrumentalisieren lassen. 11. Opfer und Hinterbliebene sch\u00fctzen. 12. Sich selbst sch\u00fctzen.<\/i>&#147; (S.\u00a0199 ff.)<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[139],"publikationen":[1090],"class_list":["post-10606","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-221-222"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Amokl\u00e4ufe und Terroranschl\u00e4ge als Medienereignis - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/221-222\/publikation\/amoklaeufe-und-terroranschlaege-als-medienereignis\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Amokl\u00e4ufe und Terroranschl\u00e4ge als Medienereignis - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 221\/222 (1-2\/2018), S. 227\/228 Frank J. 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