{"id":10859,"date":"2017-11-10T10:30:00","date_gmt":"2017-11-10T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wie-objektiv-sind-unsere-medien\/"},"modified":"2017-11-10T12:00:00","modified_gmt":"2017-11-10T11:00:00","slug":"wie-objektiv-sind-unsere-medien","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/219\/publikation\/wie-objektiv-sind-unsere-medien\/","title":{"rendered":"Wie objektiv sind unsere Medien?"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 219 (3\/2017), S. 128-130<\/p>\n<p><i>Jens Wernicke: L\u00fcgen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die \u00f6ffentliche Meinung, Westend-Verlag Frankfurt a. M. 2017, 360 S., 18,- Euro, ISBN 978-3-86489-188-5.<\/i><\/p>\n<p>Das auf unsere Medien gem\u00fcnzte Schimpfwort &#132;L\u00fcgenpresse&#147; assoziieren wir gew\u00f6hnlich mit PEGIDA und anderen rechten Gruppierungen. Aber bedeutet das im Umkehrschluss, dass wir als Demokrat_innen auf den Wahrheitsgehalt unserer Medienberichterstattung wirklich vertrauen k\u00f6nnen? Dieser Frage geht der Kulturwissenschaftler und Journalist Jens Wernicke nach, indem er Interviews mit unterschiedlichen Akteuren, n\u00e4mlich mit einigen kritischen Journalisten (&#132;Die Macher&#147;), Wissenschaftlern (&#132;Die Denker&#147;) sowie anderen Vertreter_ innen der Zivilgesellschaft f\u00fchrt. Dies hat den Nachteil etlicher Wiederholungen, aber zugleich die Vorteile guter Lesbarkeit und der Darstellung durchaus unterschiedlicher Positionen. Das zeigt sich z.\u00a0B. bei den Antworten auf die Frage, ob die Medien gezielt l\u00fcgen: Dies bejaht z.\u00a0B. der Publizist Werner R\u00fcgemer und verweist auf die &#132;Gr\u00fcndungsl\u00fcgen&#147; bekannter &#132;Leitmedien&#147; wie Bild oder Die Zeit, deren Macher nach 1945 eifrig ihre Nazi-Vergangenheit vertuschten und sich pl\u00f6tzlich als &#132;pro-westliche&#147; Demokraten gerierten. (S.\u00a086ff.). Der im Dezember 2016 verstorbene Journalist Eckart Spoo nennt als Beispiel die L\u00fcgen, die 1989 zur Legitimation der Bombardierung Jugoslawiens verbreitet wurden (dazu n\u00e4her Wolfram Wette, in: vorg\u00e4nge 218, S. 11).<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber betrachten z.\u00a0B. der Journalist Ulrich Tilgner und der Publizist Ulrich Teusch die bewusste L\u00fcge eher als Ausnahme. Teusch, dessen Buch &#132;L\u00fcckenpresse&#147; k\u00fcrzlich erschien, verweist auf andere Methoden zur Produktion eines verzerrten Bildes von der Wirklichkeit: &#132;Erstens werden Nachrichten in ganz bestimmter Weise gewichtet. Zweitens werden Nachrichten gezielt unterdr\u00fcckt. Drittens werden Nachrichten in tendenzi\u00f6ser Weise bewertet, das hei\u00dft, es wird mit zweierlei Ma\u00df gemessen, es gibt &#130;Doppelstandards&#146;&#147; (S. 47). Daf\u00fcr werden in dem Buch etliche Beispiele genannt, so u.\u00a0a. die Berichterstattung \u00fcber die Kriegsopfer auf verschiedenen Seiten: W\u00e4hrend deutsche Fernsehprogramme h\u00e4ufig ersch\u00fctternde Bilder von Opfern der Bombardierung syrischer St\u00e4dte durch russische oder syrische Kampfflugzeuge zeigten, werden die zahlreichen zivilen Opfer der Luftangriffe auf den Jemen durch Saudi-Arabien und seine Verb\u00fcndeten weitgehend verschwiegen (S.\u00a0282f.). Immerhin ist das feudalistische Regime Saudi-Arabien mit den westlichen Staaten verb\u00fcndet und \u00fcberdies Empf\u00e4nger von Waffenlieferungen u.\u00a0a. aus Deutschland.<\/p>\n<p>Wie erkl\u00e4rt sich solche Einseitigkeit und das &#132;Framing&#147; von Nachrichten, also das Betrachten durch eine letztlich politisch bestimmte Wahrnehmungsschablone? Die Autor_innen des Bandes beschreiben verschiedene Kan\u00e4le der Einflussnahme auf die Arbeit der Medien. Da ist zun\u00e4chst die dominierende Rolle der gro\u00dfen, global t\u00e4tigen Nachrichtenagenturen wie z.\u00a0B. die US-amerikanische Associated Press (AP), die franz\u00f6sische Agence France Press (AFP) oder in Deutschland die Deutsche Presse-Agentur (DPA), deren Meldungen h\u00e4ufig unbesehen \u00fcbernommen werden (ausf\u00fchrlich dargestellt auf S.\u00a0154ff.). Erich Schmidt-Eenboom beschreibt die Einflussnahme von Geheimdiensten, verweist aber auch auf die Rolle von Presseoffizieren und &#132;Verteidigungspolitikern&#147;, welche die Beteiligung Deutschlands am Kriegseinsatz in Afghanistan als Aktion zur Durchsetzung der Gleichberechtigung der Frauen verkauften (S.\u00a0219) &#150; \u00fcbrigens auf Anraten der CIA (S.\u00a0188).<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle spielt freilich die Abh\u00e4ngigkeit der Printjournalist_innen von ihren Arbeitgebern, den gro\u00dfen Pressekonzernen. Der Psychologe und Sozialwissenschaftler Klaus-J\u00fcrgen Bruder weist auf den Status der Journalisten als &#132;Lohnarbeiter&#147; hin, die im Interesse ihrer Arbeitgeber ihren Arbeitsauftrag erf\u00fcllen (S.\u00a0232). Schon aus diesem Grunde w\u00fcrden sie die Erkl\u00e4rungsmodelle der neoliberalen Ideologie \u00fcbernehmen und damit zur Verteidigung des sozial\u00f6konomischen Status quo beitragen. &#132;Durch ihre Einbindung in \u00f6konomische Machtstrukturen&#147;, so der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld, &#132;werden Medien nahezu zwangsl\u00e4ufig zu einem h\u00f6chst wirksamen Element m\u00e4chtiger \u00f6konomischer Lobbygruppen, die sich auf diese Weise verdeckt in den \u00f6ffentlichen Diskussionsraum einbringen und das Meinungsklima f\u00fcr ihre Belange g\u00fcnstig stimmen k\u00f6nnen.&#147; (S.\u00a0138)<\/p>\n<p>Aber, so ein naheliegender Einwand, berichten die Medien \u00fcber bestimmte Vorg\u00e4nge in Politik und Wirtschaft, z.\u00a0B. den &#132;Dieselskandal&#147;, nicht auch kritisch? Dies tun sie ohne Zweifel, wobei aber bestimmte &#132;rote Linien&#147; wie z. B. das Festhalten an der NATO-B\u00fcndnistreue nicht \u00fcberschritten werden. So wurde auch die &#150; scheinbar merkw\u00fcrdige &#150; Passivit\u00e4t des Verkehrsministers Dobrindt von den meisten Medien mit dessen pers\u00f6nlicher Durchsetzungsschw\u00e4che erkl\u00e4rt, w\u00e4hrend die Verflechtungen zwischen Politik und Wirtschaft kaum je sch\u00e4rfer in den Blick genommen werden. Wo dies doch einmal geschieht und die machtpolitischen Hintergr\u00fcnde aufgehellt werden, wird der Autor oder die Autorin rasch als &#132;Verschw\u00f6rungstheoretiker&#147; abqualifiziert. Der Schweizer Historiker Daniele Ganser, wegen seiner Ver\u00f6ffentlichungen zur problematischen Rolle der NATO selbst Opfer dieser Denunziationsmethode, verweist darauf, dass dieser Begriff aus dem Arsenal der psychologischen Kriegsf\u00fchrung stamme und von der CIA erstmals in den sechziger Jahren etabliert worden sei, als sich nach der Ermordung des US-Pr\u00e4sidenten Kennedy Zweifel an der Einzelt\u00e4terthese regten (S.\u00a0253).<\/p>\n<p>Etwas zu kurz gekommen ist in dem Buch von Wernicke die zunehmende Bedeutung des Informationsaustausches \u00fcber das Internet, der gerade bei jungen Menschen immer mehr an die Stelle der klassischen Medien Zeitung, Radio und Fernsehen tritt. Immerhin kritisiert der Biologe Markus Fiedler Manipulationen bei Eintr\u00e4gen in Wikipedia, bleibt dabei aber recht unkonkret (S.\u00a0315ff.). Die Publizistin Daniela Dahn hingegen lobt Wikipedia als eine Art Gemeineigentum im Netz und als Beispiel f\u00fcr eine verantwortungsvolle Informationsarbeit (S.\u00a0324f.). \u00dcber die Chancen einer objektiven und von politischen bzw. \u00f6konomischen Einflussnahmen freien Willensbildung im Netz und die Gefahr von &#132;Filterblasen&#147; in den weltumspannenden sozialen Netzwerken h\u00e4tte man gerne mehr erfahren. Gleichwohl sind die in diesem Band versammelten Interviews eine faktenreiche Fundgrube und ein wichtiger Ansto\u00df f\u00fcr weitere Debatten um die Objektivit\u00e4t unserer Medien.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[150],"publikationen":[1205],"class_list":["post-10859","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-martin-kutscha","publikationen-1205"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wie objektiv sind unsere Medien? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/219\/publikation\/wie-objektiv-sind-unsere-medien\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wie objektiv sind unsere Medien? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 219 (3\/2017), S. 128-130 Jens Wernicke: L\u00fcgen die Medien? 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