{"id":10970,"date":"2009-09-01T15:30:00","date_gmt":"2009-09-01T13:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/weder-reform-noch-blockadekoalition\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:37","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:37","slug":"weder-reform-noch-blockadekoalition","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/weder-reform-noch-blockadekoalition\/","title":{"rendered":"Weder Reform &#8211; noch Blockadekoalition"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilanz der Gro&szlig;en Koalition<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 129-139<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-einleitung\">I. Einleitung <\/span><\/h2>\n<p>Gro&szlig;e Koalitionen d&uuml;rfte es eigentlich gar nicht geben &#8211; zumindest nicht im Lichte politikwissenschaftliche Koalitionstheorien, die ein solches Regierungsb&uuml;ndnis weder typologisch eindeutig fassen noch deren Bildung befriedigend erkl&auml;ren k&ouml;nnen (vgl. M&uuml;ller 2008). Im wirklichen Leben gibt es Gro&szlig;e Koalitionen aber durchaus &#8211; oft in &Ouml;sterreich, manchmal in den Niederlanden, und in den vergangenen vier Jahren auch wieder in der Bundesrepublik. Vor allem hierzulande gilt eine Gro&szlig;e Koalition aber als ein Ausnahmefall, den es rasch zu &uuml;berwinden gilt. Warum eigentlich? Tats&auml;chlich gingen mit der Bildung der zweiten Gro&szlig;en Koalition im Jahr 2005 gegens&auml;tzliche Erwartungen einher. Welche der ge&auml;u&szlig;erten Hoffnungen und Bef&uuml;rchtungen haben sich bewahrheitet, welche nicht? Was f&uuml;r ein Politikprofil hinterl&auml;sst diese Regierung und wie kann dieses erkl&auml;rt werden? Da bei der Beantwortung dieser Fragen der Parteienwettbewerb eine wichtige Rolle spielt, wird au&szlig;erdem dessen Entwicklung w&auml;hrend der Amtszeit der Gro&szlig;en Koalition analysiert und aufgezeigt, welche Ver&auml;nderungen in der Wettbewerbssituation der Parteien zu beobachten waren.<\/p>\n<p>Die Erwartungen an das Regierungsb&uuml;ndnis aus CDU\/CSU und SPD waren widerspr&uuml;chlich. Auf der einen Seite stand die These, dass nur eine Gro&szlig;e Koalition in der Lage sei, schwierige, als notwendig erachtete Strukturreformen durchzusetzen.[1] Dass in Deutschland gro&szlig;er Reformbedarf herrsche, war auch das Leitmotiv der Begr&uuml;ndung des Bundespr&auml;sidenten zur Aufl&ouml;sung des Deutschen Bundestages im Jahr 2005:<\/p>\n<p>&#8222;Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder steht auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der L&auml;nder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende f&ouml;derale Ordnung ist &uuml;berholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer &auml;lter. Und wir m&uuml;ssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten. In dieser ernsten Situation braucht unser Land eine Regierung, die ihre Ziele mit Stetigkeit und mit Nachdruck verfolgen kann. Dabei ist die Bundesregierung auf die Unterst&uuml;tzung durch eine verl&auml;ssliche, handlungsf&auml;hige Mehrheit im Bundestag angewiesen.&#8220; (K&ouml;hler 2005a: 1).<\/p>\n<p>Tats&auml;chlich hat eine Regierung mit einer so umfassenden Parlamentsmehrheit wie eine Gro&szlig;e Koalition den Vorteil, nicht auf jeden Abweichler im Parlament und nicht auf jeden Parteifl&uuml;gel R&uuml;cksicht nehmen zu m&uuml;ssen. Auch sollte der Bundesrat als Vetospieler weitgehend absorbiert sein, wird doch jede Landesregierung von einem der beiden Koalitionspartner gef&uuml;hrt (wenn auch zum Teil in einer Koalition mit einer Partei, die sich auf Bundesebene in Opposition befindet). Eine &Auml;nderung des Grundgesetzes sollte ebenfalls sehr viel leichter zu bewerkstelligen sein. Schlie&szlig;lich konnte vermutet werden, dass der Parteienwettbewerb um W&auml;hlerstimmen, von dem in den vergangenen Jahren h&auml;ufig eine Reform hemmende Wirkung ausging, w&auml;hrend der gemeinsamen Regierungst&auml;tigkeit der beiden gr&ouml;&szlig;ten Parteien ged&auml;mpft und damit die Handlungskapazit&auml;t der Regierung erh&ouml;ht w&uuml;rde. Folglich mahnte Bundespr&auml;sident K&ouml;hler bei der Vereidigung der Regierung Merkel an, dass diese ihre komfortable Mehrheit dazu nutzen m&uuml;sse, diejenigen Reformen weiterzuf&uuml;hren, f&uuml;r die Kanzler Schr&ouml;der keine verl&auml;ssliche Mehrheit mehr zu erkennen glaubte:<\/p>\n<p>&#8222;Die gro&szlig;e Koalition mit ihrer breiten Mehrheit im Bundestag hat die Chance, die begonnenen Reformen fortzusetzen und das Grundvertrauen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in das Handeln der Politik zu st&auml;rken. Ich sehe darin eine Verpflichtung&#8220; (K&ouml;hler 2005b: 2).<\/p>\n<p>Andererseits wurde aber auch darauf verwiesen, dass eine Gro&szlig;e Koalition aufgrund der geschw&auml;chten parlamentarischen Kontrolle demokratietheoretisch problematisch sei und sich zwei gleich gro&szlig;e Regierungsparteien gegenseitig blockieren w&uuml;rden und daher keine besonderen Reformerfolge zu erwarten seien (vgl. Merkel 2007). F&uuml;r die Blockade-These sprach, dass Union und SPD insbesondere in der Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Energiepolitik wenige oder keine inhaltlichen &Uuml;bereinstimmungen aufwiesen. Folglich war in diesen Bereichen mit Nicht-Entscheidungen bzw. Problemverschiebungen zu rechnen. Schlimmer noch: Da die Gro&szlig;e Koalition von vorn herein nicht auf eine Wiederholung angelegt war, konnte von den Parteien noch weniger als sonst erwartet werden, zugunsten eines zuk&uuml;nftigen &#8222;gemeinsamen&#8220; Erfolges kurzfristige Nachteile im Parteienwettbewerb in Kauf zu nehmen. Notwendige, aber unpopul&auml;re Reformen w&auml;ren somit wenig wahrscheinlich.<\/p>\n<p>In der R&uuml;ckschau ergibt sich das Bild, dass diese Hoffnungen und Bef&uuml;rchtungen gleicherma&szlig;en &uuml;bertrieben waren. Vielmehr agierte die Gro&szlig;e Koalition &#8211; bis zum Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008 &#8211; bemerkenswert unspektakul&auml;r. Bemerkenswert ist auch, dass das Profil der Regierungspolitik gegen&uuml;ber den letzen Jahren der Regierung Schr&ouml;der zwar wieder sozialdemokratischer wurde, aber die SPD der gro&szlig;e Verlierer der Gro&szlig;en Koalition war.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-das-politikprofil-der-grossen-koalition\">II. Das Politik&shy;profil der Gro&szlig;en Koalition <\/span><\/h2>\n<p>Die Regierungspolitik der Gro&szlig;en Koalition war insgesamt uneinheitlich (vgl. Zohlnh&ouml;fer 2009a und die Beitr&auml;ge in Egle\/Zohlnh&ouml;fer 2010). Mindestens f&uuml;nf Merkmale k&ouml;nnen unterschieden werden:<\/p>\n<p>Erstens: Die Gro&szlig;e Koalition verabschiedete durchaus einige (Struktur-) Reformen, die einer &#8222;normalen&#8220; Regierung vermutlich schwerer gefallen w&auml;ren. Hier sind insbesondere die beiden F&ouml;deralismusreformen zu nennen, auch wenn deren Auswirkungen noch nicht abschlie&szlig;end bewertet werden k&ouml;nnen (vgl. Zohlnh&ouml;fer 2010). Die Rahmengesetzgebung des Bundes wurde abgeschafft, womit einige Politikfelder der alleinigen Kompetenz der L&auml;nder zufielen und mit der verfassungsrechtlichen Schuldenbremse wurde ein weitgehendes Neuverschuldungsverbot ab dem Jahr 2016 (Bund) bzw. 2020 (L&auml;nder) festgeschrieben. Wie bereits w&auml;hrend der ersten Gro&szlig;en Koalition (19661969) wurde damit auch in der Amtszeit der zweiten CDU\/CSU-SPD-Regierung das Grundgesetz &uuml;berdurchschnittlich stark ver&auml;ndert (vgl. Lorenz 2010). Weitere beachtliche Reformen waren die Erh&ouml;hung der Altersgrenze in der Rentenversicherung auf 67 Jahre, die Unternehmenssteuerreform mitsamt der Einf&uuml;hrung einer Abgeltungssteuer, die Erh&ouml;hung der Umsatzsteuer auf 19 Prozent, damit zusammenh&auml;ngend die Absenkung der Sozialversicherungsbeitr&auml;ge auf unter 40 Prozent des Bruttolohnes und schlie&szlig;lich die Abschaffung der Eigenheimzulage und der Pendlerpauschale (wenn auch letztere nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes wieder eingesetzt werden musste). Viele dieser Themen standen schon seit &uuml;ber 10 Jahren auf der politischen Agenda, konnten von den Vorg&auml;ngerregierungen Kohl und Schr&ouml;der aber nicht oder nur zum Teil erfolgreich bearbeitet werden (vgl. Egle 2008: 217-288). Diese Ma&szlig;nahmen zielten au&szlig;erdem auf die von Bundespr&auml;sident K&ouml;hler angemahnte Sanierung der Staatsfinanzen und die Sicherstellung der Wettbewerbsf&auml;higkeit des Standortes Deutschland ab und folgten damit noch dem Reformimpuls der Agenda 2010. Auch mit der (zumindest intendierten) Steigerung der Effizienz des Regierungssystems im Rahmen der F&ouml;deralismusreformen nahm die Gro&szlig;e Koalition ein zentrales Anliegen des Staatsoberhauptes auf.<\/p>\n<p>Zweitens: Parallel zu diesen eher angebotsorientierten Ma&szlig;nahmen wurden auch einige dazu gegenl&auml;ufige Entscheidungen getroffen, die in Richtung einer &#8222;Resozialdemokratisierung&#8220; der Regierungspolitik gingen. Hier ist zun&auml;chst die starke Ausweitung branchenspezifischer Mindestl&ouml;hne zu nennen, die sogar weit &uuml;ber das im Koalitionsvertrag Vereinbarte hinausging (vgl. D&uuml;mig 2010). Auch mit der Verl&auml;ngerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I und den verschiedenen ad hoc-Ma&szlig;nahmen zur Stabilisierung und Erh&ouml;hung der Rentenzahlungen (speziell im Wahljahr) wurden einige Zumutungen der vergangenen Jahre zur&uuml;ckgenommen. Der paradoxe Befund, dass nach Eintritt der Union in die Bundesregierung die Regierungspolitik nicht etwa marktwirtschaftlicher, sondern vielmehr sozialdemokratischer wurde, kann zu weiten Teilen auf den Parteienwettbewerb zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden, der w&auml;hrend der 16. Legislaturperiode &#8222;im Schatten der Linkspartei&#8220; verlief (s. u.).<\/p>\n<p>Noch &uuml;berraschender als die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Korrekturen war der von einer CDU-Ministerin eingeleitete Paradigmenwechsel hin zu einer sozialdemokratisch gepr&auml;gten Familienpolitik. Mit der Einf&uuml;hrung des Elterngeldes und dem Programm zum Ausbau von Betreuungspl&auml;tzen f&uuml;r Kinder unter 3 Jahren wurde das Ziel verfolgt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, vor allem f&uuml;r akademisch gebildete Frauen (und M&auml;nner). Diese Abkehr vom traditionellen Familienbild wurde bereits w&auml;hrend der Amtszeit der Regierung Schr&ouml;der vorbereitet, von dieser aber noch nicht umgesetzt. &Auml;hnlich wie bei den Hartz-Reformen kam auch hier das sog. &#8222;Nixon-goes-to-China&#8220;- Theorem zum Tragen: umstrittene Entscheidungen k&ouml;nnen besonders gut von denjenigen Akteuren durchgesetzt werden, von denen man dies am wenigsten erwartet. Auch in der Klima- und Entwicklungshilfepolitik agierte die Gro&szlig;e Koalition eher progressiver als die Regierung Schr&ouml;der. Das Thema Klimaschutz wurde erstmals &#8222;Chefsache&#8220; und von Kanzlerin Merkel mit Nachdruck auf internationaler Ebene verankert, w&auml;hrend der Etat f&uuml;r Entwicklungszusammenarbeit eine deutliche Steigerung erfuhr. Das &uuml;berraschende Profil in der Familien- und Entwicklungshilfepolitik kann u. a. mit dem direkten Einfluss der Bundeskanzlerin bzw. deren Unterst&uuml;tzung der entsprechenden Ministerinnen erkl&auml;rt werden (vgl. Henninger\/von Wahl 2010; Schorlemmer 2010).[2]<\/p>\n<p>Drittens: Folgte auf das Ende der rot-gr&uuml;nen Regierung eine Sozialdemokratisierung der Regierungspolitik, schlug sich in der Umwelt- und Innenpolitik der Regierungseintritt der Union und das Ausscheiden der Gr&uuml;nen in der zu erwartenden Richtung nieder. W&auml;hrend unter Rot-Gr&uuml;n eher das Ziel der Ausweitung b&uuml;rgerlicher Freiheitsrechte im Mittelpunkt stand, konzentrierte sich die Gro&szlig;e Koalition auf eine Ausweitung der Kompetenzen von Ermittlungsbeh&ouml;rden. Der Wandel von einer liberalen zu einer restriktiven Innenpolitik begann jedoch bereits in der zweiten Amtsperiode der Regierung Schr&ouml;der (vgl. Busch 2007), wie auch in der Umweltpolitik der anf&auml;ngliche rot-gr&uuml;ne Elan bereits in der 15. Wahlperiode zum Erliegen kam (vgl. Jacob\/Volkery 2007). Mit Ausnahme der Klimapolitik r&uuml;ckte die Umweltpolitik w&auml;hrend der Gro&szlig;en Koalition weiter in den Hintergrund, zumal die Verabschiedung eines Umweltgesetzbuches abermals nicht gelang und aufgrund der Neuordnung von Gesetzgebungskompetenzen Verschlechterungen beim Natur-, Boden- und Gew&auml;sserschutz bef&uuml;rchtet werden (vgl. J&auml;nicke 2010).<\/p>\n<p>Viertens: Die Regierung Merkel ging auch mit einigen Blockaden und Problemverschiebungen einher. Beispielhaft hierf&uuml;r steht die Gesundheitspolitik, wo sich mit der Kopfpauschale (Union) und der B&uuml;rgerversicherung (SPD) zwei unvereinbare Reformkonzepte gegen&uuml;berstanden. Der Gro&szlig;en Koalition gelang hier das Kunstst&uuml;ck, den Status quo zu ver&auml;ndern, ohne eine der beiden Alternativen zu w&auml;hlen, diese aber auch nicht auf Dauer auszuschlie&szlig;en. Ergebnis dieses prim&auml;r machtpolitisch motivierten Abwartens auf andere Mehrheitsverh&auml;ltnisse war die sachlich nicht zwingende Einf&uuml;hrung des Gesundheitsfonds. Dieser wurde von nahezu allen Experten als misslungen bezeichnet, zumal damit keines der hinl&auml;nglich bekannten Finanzierungsprobleme gel&ouml;st wurde. Au&szlig;erhalb des Blicks der &Ouml;ffentlichkeit gelang im Gesundheitswesen jedoch auch eine Strukturreform, mit der die Steuerungskapazit&auml;t des Staates gest&auml;rkt und der Einfluss partikularer Interessensverb&auml;nde geschw&auml;cht wurde (vgl. Bandelow\/Schade 2008). Auch in der Pflegepolitik verfolgten die Regierungsparteien gegens&auml;tzliche Ziele: die Union wollte eine (zumindest erg&auml;nzende) Kapitaldeckung einf&uuml;hren, die SPD hingegen die Trennung von privater und gesetzlicher Versicherung &uuml;berwinden. Im Ergebnis wurden einige Leistungen und der Versicherungsbeitrag erh&ouml;ht, eine L&ouml;sung des manifesten Finanzierungsproblems aber ebenfalls in die Zukunft verschoben (vgl. B&ouml;nker 2010). Die prominenteste Nicht-Entscheidung gab es schlie&szlig;lich hinsichtlich des Atomausstieges, bei dem das Festhalten am Status quo der inhaltlichen Position der SPD entsprach, w&auml;hrend die Union darauf z&auml;hlte, den Ausstieg aus der Atomenergie nach einem Ausscheiden der Sozialdemokratie aus der Regierung r&uuml;ckg&auml;ngig machen zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>F&uuml;nftens: Neben diesen Problemverschiebungen nutzte die Regierung beim Management der Finanzkrise die einer Gro&szlig;en Koalition zugeschriebene besondere Handlungsmacht in vollem Umfang aus. In zum Teil atemberaubender Geschwindigkeit wurden Gesetze zur Bankenrettung und zur Konjunkturst&uuml;tzung verabschiedet, die ein Finanzvolumen umfassen (auch in Form von B&uuml;rgschaften), das unter normalen Umst&auml;nden nur &uuml;ber Jahre hinweg bewegt wird. Inwiefern diese Entscheidungen eine angemessene Antwort auf die Krise waren, l&auml;sst sich vermutlich erst in einigen Jahren beurteilen. Unbestritten ist, dass die Gro&szlig;e Koalition mit diesen Ma&szlig;nahmen eine enorme finanzielle Hypothek hinterl&auml;sst. So prognostiziert die EU-Kommission einen Anstieg der deutschen Staatsverschuldung auf knapp unter 100 Prozent des BIP bis zum Jahr 2020 (FTD 10.09.09).<\/p>\n<p>Wie lautet nun das Gesamtfazit zur Regierungspolitik der Gro&szlig;en Koalition? Als unbegr&uuml;ndet erwies sich zun&auml;chst die Bef&uuml;rchtung, eine Gro&szlig;e Koalition missbrauche ihre besondere Handlungsmacht. Selbst diese Regierung wurde vom Bundesrat, dem Bundesverfassungsgericht und zweimal sogar vom Bundespr&auml;sidenten in Schranken gewiesen (vgl. Zohlnh&ouml;fer 2009b). Diese waren allerdings selten un&uuml;berwindbar. Die Einspr&uuml;che des Bundesrates wurden vom Bundestag &uuml;berstimmt oder es wurde eine L&ouml;sung im Vermittlungsverfahren gefunden. Nachdem der Bundespr&auml;sident die Privatisierung der Flugsicherung aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken zur&uuml;ckgewiesenen hatte, &auml;nderte die Gro&szlig;e Koalition das Grundgesetz. Lediglich den Urteilsspr&uuml;chen des Bundesverfassungsgerichtes (z. B. Pendlerpauschale, Begleitgesetz zum Lissabon-Vertrag) musste sich die Regierung beugen.<\/p>\n<p>Widersprochen werden kann auch der Behauptung, die Gro&szlig;e Koalition habe eine Politik des kleinsten gemeinsamen Nenners betrieben. Eingedenk der oben genanten Strukturreformen und der Tatsache, dass bis zum Jahr 2008 die Arbeitslosigkeit sp&uuml;rbar zur&uuml;ckging und zum ersten Mal seit der Deutschen Einheit ein ausgeglichener Staatshaushalt in Reichweite war, h&auml;tte der Gro&szlig;en Koalition durchaus eine erfolgreiche Sanierungsarbeit im Sinne der eingangs genannten Mahnungen des Bundespr&auml;sidenten bescheinigt werden k&ouml;nnen &#8211; wenn die Finanzkrise nicht gewesen w&auml;re. Eine reine Blockade-Koalition war die Regierung Merkel jedenfalls nicht. Gleichwohl f&auml;llt ihre Reformbilanz schw&auml;cher aus als diejenige der Regierung Schr&ouml;der. Negativ f&auml;llt insbesondere ins Gewicht, dass in der Phase des konjunkturellen Aufschwungs auf eine ausgabenseitige Konsolidierung der Staatsfinanzen verzichtet wurde (vgl. Grasl\/K&ouml;nig 2010). Gegen&uuml;ber der rot-gr&uuml;nen Regierung bewies die Gro&szlig;e Koalition also nicht mehr, sondern weniger Mut zur Durchsetzung unpopul&auml;rer Reformen. Warum gerade diese Erwartung an eine Gro&szlig;e Koalition nicht erf&uuml;llt wurde, liegt im Ergebnis der Bundestagswahl 2005 und der gest&auml;rkten Rolle der Linkspartei im Parteienwettbewerb begr&uuml;ndet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-gewinner-und-verlierer-im-parteienwettbewerb\">III. Gewinner und Verlierer im Partei&shy;en&shy;wett&shy;be&shy;werb <\/span><\/h2>\n<p>Das Ergebnis der Bundestagswahl 2005 wurde vielfach als eine Z&auml;sur in der Entwicklung des deutschen Parteiensystems interpretiert. Durch die gestiegene Anzahl der im Parlament in relevanter Gr&ouml;&szlig;e vertretenen Parteien nahm die Fragmentierung des Parteiensystems zu, durch das Erstarken einer (linken) Fl&uuml;gelpartei dessen Polarisierung. Die bisherige koalitionspolitische Segmentierung in die beiden Lager Schwarz-Gelb vs. Rot-Gr&uuml;n wurde in Frage gestellt (vgl. Niedermayer 2008). Blieben die Ver&auml;nderungen in den beiden ersten Aspekten im internationalen Vergleich eher gering (vgl. Dalton 2008), ergab sich hinsichtlich der Bedingungen der Mehrheitsbildung in der Tat ein nennenswerter Bruch. Zum ersten Mal verf&uuml;gte neben der Gro&szlig;en Koalition kein anderes Zweierb&uuml;ndnis &uuml;ber eine absolute Mehrheit. Folglich war zu vermuten, dass neue Koalitionskonstellationen vorbereitet oder getestet w&uuml;rden, zumal sich der Durchbruch zu einem &#8222;echten&#8220; 5-Parteien-System (Pappi 2009: 188) w&auml;hrend der 16. Legislaturperiode auf L&auml;nderebene konsolidierte. Tats&auml;chlich schritt der Erosionsprozess der Volksparteien bei fast allen Landtagswahlen w&auml;hrend der Amtszeit der Gro&szlig;en Koalition voran. Die Verluste der Unionsparteien betrugen im Schnitt 5,4 Prozentpunkte, die der SPD 2,5. Gleichzeitig erzielten die kleinen Oppositionsparteien durchg&auml;ngig Stimmengewinne (Linke: +3,2 Prozentpunkte; FDP: +2,5; Gr&uuml;ne: +1,7) und der Linkspartei gelang erstmals der Einzug in f&uuml;nf westdeutsche Landesparlamente (vgl. Egle 2010). Damit setzte sich genau derjenige Trend einer wachsenden Fragmentierung des Parteiensystems fort, der die Bildung der Gro&szlig;en Koalition erzwungen hatte.<\/p>\n<p>Trotz dieser Entwicklungen beschr&auml;nkten sich die koalitionspolitischen Innovationen auf die Bildung einer schwarz-gr&uuml;nen Koalition in Hamburg. Den Mut, ohne Koalitionsaussage in den Bundestagswahlkampf 2009 zu gehen, brachten Gr&uuml;ne und FDP nicht auf. Zu gro&szlig; war in beiden Parteien die Bef&uuml;rchtung, bei einer auf Eigenst&auml;ndigkeit setzenden Strategie den gr&ouml;&szlig;ten Teil der rot-gr&uuml;nen bzw. schwarz-gelben Wechselw&auml;hler an die jeweils gr&ouml;&szlig;ere Partei zu verlieren.[3] Auch der SPD gelang es nicht, ihre Koalitionsoptionen zu erh&ouml;hen &#8211; zumindest nicht auf Bundesebene. Nach dem Ausschluss einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei hatte sie sich damit faktisch auf die Alternativen Gro&szlig;e Koalition oder Opposition festgelegt. Ausgehend vom Verhalten der SPD gegen&uuml;ber der Linkspartei kann auch die zentrale Entwicklung des Parteienwettbewerbs w&auml;hrend der Amtszeit der Gro&szlig;en Koalition benannt werden: eine Linksverschiebung, von der alle Parteien bis auf die FDP erfasst wurden.<\/p>\n<p>Diese Linksverschiebung war zun&auml;chst eine Reaktion auf das Wahlergebnis von 2005. Die Union verschenkte seinerzeit mit einem wirtschaftsliberal gepr&auml;gten Wahlprogramm und der Ank&uuml;ndigung unpopul&auml;rer Entscheidungen (z.B. Erh&ouml;hung der Mehrwertsteuer) den schon sicher geglaubten Wahlsieg, w&auml;hrend SPD und Gr&uuml;ne nach den unpopul&auml;ren Reformen der Agenda 2010 Verluste an die Linkspartei zu verzeichnen hatten.[4] Damit waren die wahlstrategischen Anreize klar f&uuml;r eine sozialstaatfreundlichere Politik und gegen eine Fortf&uuml;hrung der Schr&ouml;der&#8217;schen Reformen gesetzt. Diese Anreize wurden w&auml;hrend der 16. Legislaturperiode von den W&auml;hlern aufrechterhalten, da die Linkspartei bei fast allen Landtagswahlen Stimmengewinne (meist auf Kosten der SPD) erzielte. Auch auf der Angebotsseite des Parteienwettbewerbs setzte die LINKE die Sozialdemokraten unter Druck, indem sie Forderungen der SPD erhob und zuspitzte, die diese in der Gro&szlig;en Koalition nicht oder nur zum Teil umsetzen konnte (v. a. beim Mindestlohn). Unter diesem linken Profilierungsdruck stehend nahm die SPD schlie&szlig;lich sowohl in ihrem Regierungshandeln als auch auf programmatischer Ebene eine linke Kurskorrektur gegen&uuml;ber den Reformen der Agenda 2010 vor (vgl. Egle 2009). Auch die Gr&uuml;nen und die Union konnten sich diesem Schatten der Linkspartei nicht entziehen (vgl. Tabelle 1). Zwar konkurrieren die Unionsparteien im Gegensatz zu SPD und Gr&uuml;nen nicht direkt mit der Linkspartei um W&auml;hlerstimmen und hatten aufgrund ihrer negativen Erfahrungen mit einem wirtschaftsliberalen Reformprogramm bereits Grund genug f&uuml;r eine R&uuml;ckkehr zu einer st&auml;rker sozialstaatsfreundlichen Politik. Aber erst die Linksbewegung der SPD erm&ouml;glichte es der CDU\/CSU, in sozio&ouml;konomischen Fragen wieder in die Mitte des politisch-ideologischen Spektrums vorzusto&szlig;en, welche sie im Zuge ihres Leipziger Reformprogramms verlassen hatte und die zwischenzeitlich von der SPD besetzt worden war. Von entt&auml;uschten Unionsw&auml;hlern, denen diese (Re-) Sozialdemokratisierung der CDU zu weit ging, profitierte elektoral schlie&szlig;lich die FDP, die als einzige Partei dieser Linksbewegung nicht folgte. Der gr&ouml;&szlig;te Gewinner des Schattens der Linkspartei war damit ausgerechnet diejenige Partei, die als einzige weiterhin ein wirtschaftsliberales Programm anbietet.<\/p>\n<p>Tabelle 1: Ann&auml;herung der anderen Parteien an die Positionen der Linkspartei seit 2005 <br \/>XXXXXXX Tabelle<\/p>\n<p>Zweiter Sieger dieser Entwicklungen waren die Unionsparteien. Diese erlitten zwar durchg&auml;ngig Stimmenverluste an die FDP, aufgrund einer gemeinsamen Regierungsperspektive war dies strategisch aber kein gro&szlig;er Nachteil. Au&szlig;erdem kompensierte die Union nach der R&uuml;ckeroberung der politischen Mitte die bei der Bundestagswahl 2009 erlittenen Stimmenverluste an die FDP zu drei Vierteln durch Stimmenzufl&uuml;sse von der SPD.5 Die Sozialdemokratisierung der Union und die dadurch in Kauf genommenen Stimmenverluste an die FDP m&ouml;gen Bundeskanzlerin Merkel innerparteilich einige Schwierigkeiten bringen. Es war aber vermutlich die einzig Erfolg versprechende Strategie, &uuml;berhaupt eine parlamentarische Mehrheit f&uuml;r ein schwarz-gelbes B&uuml;ndnis zu erringen. Verlierer der Linksverschiebung des Parteienwettbewerbs waren die Parteien des linken Lagers. An erster Stelle steht die SPD, die die g&uuml;nstige zentrale Position im Parteienwettbewerb r&auml;umte, ohne jedoch Stimmen von der Linkspartei zur&uuml;ck zu gewinnen. Der Misserfolg dieser Strategie liegt in ihrer Widerspr&uuml;chlichkeit begr&uuml;ndet. Trotz einer inhaltlichen Ann&auml;herung an die Linkspartei wurde eine Koalition mit dieser ausgeschlossen und stattdessen das Ziel formuliert, zusammen mit dem Lieblingsfeind FDP (und den Gr&uuml;nen) das Kanzleramt zur&uuml;ckzuerobern. Erfolgreicher w&auml;re es vermutlich gewesen, sich zu den Reformen der Agenda 2010 zu bekennen, also die Mitte nicht der Union zu &uuml;berlassen, aber dennoch die Linkspartei als potenzielle Koalitionsressource zu nutzen. Die strategische Herausforderung f&uuml;r die SPD in den kommenden Oppositionsjahren besteht also nicht darin, sich entweder &#8222;links&#8220; <i>oder <\/i>&#8222;in der Mitte&#8220; zu positionieren, sondern die Medianw&auml;hlerposition zur&uuml;ckzuerobern und <i>gleichzeitig <\/i>ein Regierungsb&uuml;ndnis mit der Linkspartei vorzubereiten. Ob dies gelingt, h&auml;ngt auch von der Linkspartei und deren F&auml;higkeit ab, ihre inneren Widerspr&uuml;che zwischen Protest- oder Regierungspartei zu &uuml;berwinden. Eine klare Perspektive auf ein Regierungsb&uuml;ndnis mit der SPD wird diesen Prozess eher erleichtern als behindern, wie am Beispiel der Gr&uuml;nen w&auml;hrend der 90er Jahre zu beobachten war. Die Gr&uuml;nen selbst errangen w&auml;hrend der Amtszeit der Gro&szlig;en Koalition fast nur Pyrrhussiege. Sie erzielten zwar wie FDP und Linkspartei bei der Bundestagwahl 2009 ihr bislang bestes Ergebnis, profitierten unter den kleinen Parteien aber am wenigsten von der Erosion der Volksparteien.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-schluss\">IV. Schluss <\/span><\/h2>\n<p>Was bleibt von der zweiten Gro&szlig;en Koalition in der bundesdeutschen Geschichte? Neben dem bereits erl&auml;uterten uneinheitlichen Politikprofil vor allem die Erkenntnis, dass die mit einer solchen Regierungskonstellation einhergehenden Hoffnungen und Bef&uuml;rchtungen gleicherma&szlig;en &uuml;bertrieben sind. Die Regierung Merkel der Jahre 2005 bis 2009 war weder eine Reform-, noch eine Blockadekoalition, sondern eine Konstellation des &Uuml;bergangs. Das bedeutet nicht, dass es zwangsl&auml;ufig verlorene Jahre waren &#8211; aber &#8222;brauchte&#8220; Deutschland diese Regierung? Wolfgang Merkel zufolge (2007: 36) bed&uuml;rfen Gro&szlig;e Koalitionen einer doppelten Legitimation: &#8222;A priori beziehen Gro&szlig;e Koalitionen ihre Rechtfertigung aus der Kombination dr&auml;ngender politischer Probleme bei gleichzeitiger Abwesenheit von politisch wie arithmetisch m&ouml;glichen Koalitionsalternativen. Ex post beziehen sie ihre raison d&#8217;&ecirc;tre aus der L&ouml;sung jener Probleme, die a priori ihr Zustandekommen gerechtfertigt haben&#8220; (ebd.). Vor diesem Hintergrund schneidet die zweite Gro&szlig;e Koalition gar nicht schlecht ab, kann sie hinsichtlich der eingangs genannten Ermahnungen des Bundespr&auml;sidenten doch einiges vorweisen: Der F&ouml;deralismus wurde in einem kaum f&uuml;r m&ouml;glich gehaltenen Umfang reformiert, die Besteuerung von Unternehmensgewinnen und Kapitaleink&uuml;nften ist nun einigerma&szlig;en &#8222;wettbewerbsgerecht&#8220;, die familienpolitische Wende und die Rente mit 67 sind angemessene Antworten auf den demographischen Wandel, und bis zum Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise hatte sich die Haushaltslage entspannt und war die Arbeitslosigkeit stetig zur&uuml;ckgegangen. Au&szlig;erdem ist anzunehmen, dass einer anderen Regierungskonstellation die Bew&auml;ltigung der Finanzkrise nicht besser gelungen w&auml;re. Wahrscheinlich h&auml;tte weder eine rot-gr&uuml;ne noch eine schwarz-gelbe Regierung vollkommen andere Entscheidungen getroffen. Diese w&auml;ren allerdings vermutlich Gegenstand heftiger parteipolitischer Auseinandersetzungen geworden und zum Teil im Bundesrat blockiert worden, was gewiss nicht zur Beruhigung der Bev&ouml;lkerung beigetragen und die Wirkung der Konjunkturpakete tendenziell vermindert h&auml;tte.<\/p>\n<p>Von eher zweifelhaftem Erfolg war die Gro&szlig;e Koalition jedoch f&uuml;r die sie tragenden Parteien. Dies betrifft insbesondere die SPD, die in den vergangenen vier Jahren mit der widerspr&uuml;chlichen Strategie scheiterte, der Linkspartei inhaltlich entgegen zu kommen, ein Regierungsb&uuml;ndnis mir ihr aber auszuschlie&szlig;en. Im Ergebnis unterlag die Sozialdemokratie nicht nur einer elektoralen Auszehrung, sondern hatte im Vorfeld der Bundestagwahl 2009 auch keine realistische Machtperspektive mehr. Vielmehr erlaubte sie mit ihrer Linksbewegung der Union die Wiederbesetzung der strategisch g&uuml;nstigen Mitte-Position, die die SPD nach den schmerzhaften Erfahrungen mit der Agenda 2010 aufgeben zu m&uuml;ssen glaubte. F&uuml;r die Unionsparteien waren die bei fast allen Landtagswahlen erlittenen Stimmenverluste zwar schmerzhaft, aber weniger tragisch, da die an die FDP gewanderten Stimmen f&uuml;r eine gemeinsame Regierungsbildung nicht verloren waren.<\/p>\n<p>Nach der Bildung einer schwarz-gelben Bundesregierung ist davon auszugehen, dass sich der Parteienwettbewerb auf Bundesebene nach den Jahren der Unsicherheit wieder st&auml;rker nach der Logik eines Zweigruppen-Parteiensystems ordnen wird (CDU\/CSU und FDP vs. SPD, Gr&uuml;ne und LINKE), wobei die koalitionspolitische Ausgrenzung der Linkspartei nicht von Dauer sein wird. Auf Ebene der Bundesl&auml;nder sind angesichts der gestiegenen Fragmentierung des Parteiensystems und regionaler Besonderheiten koalitionspolitische Innovationen nicht auszuschlie&szlig;en, wobei hier den Gr&uuml;nen eine wichtige Rolle zukommt (siehe Hamburg und Saarland). Sollten die Gr&uuml;nen beabsichtigen, sich als Scharnierpartei zwischen Union und FDP auf der einen und SPD und Linkspartei auf der anderen Seite zu positionieren, k&ouml;nnten sie &#8211; obwohl kleinste Partei &#8211; machtpolitisch der gro&szlig;e Gewinner des 5-Parteien-Systems sein, das sich w&auml;hrend der Amtszeit der Gro&szlig;en Koalition konsolidiert hat.<\/p>\n<p>[1] So beispielsweise die Schlussfolgerung von Manfred G. Schmidt (2007: 310) in seinem Res&uuml;mee zur Sozialpolitik der Regierung Schr&ouml;der: &#8222;Die politischen Kosten einer Sozialstaatsreform, insbesondere einer Sanierungsreform, so wie sie in Deutschland f&auml;llig ist, &uuml;bersteigen [&#8230;] offenbar die Kr&auml;fte einer Partei. Hierf&uuml;r braucht man wohl die Schultern von zwei gro&szlig;en Parteien.&#8220;<\/p>\n<p>[2] In diesem Fall trifft sich politikwissenschaftliche Ferndiagnose und Selbsteinsch&auml;tzung. Auf die Frage, was ihre &uuml;berraschendste Erfahrung w&auml;hrend ihrer Amtszeit gewesen sei, antwortete Angela Merkel: &#8222;Welches Gewicht das Wort des Kanzlers hat. Dass ich so manches beeinflussen konnte, wie das st&auml;rkere Bem&uuml;hen um die Integration der Migranten, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, verst&auml;rkte Forschungsmittel und eine h&ouml;here Entwicklungshilfe f&uuml;r Afrika. Bei den Beratungen in der Koalition kam es darauf an, dass ich den jeweiligen Ministern den R&uuml;cken f&uuml;r diese Vorhaben st&auml;rke.&#8220; (Interview mit Alice Schwarzer in: Emma 5\/2009, 21).<\/p>\n<p>[3] Die W&auml;hlerwanderungen bei der Bundestagswahl 2009 best&auml;tigen diese &Uuml;berlegungen: Die Stimmengewinne der FDP (insgesamt fast 1.7 Millionen) kamen zu ungef&auml;hr zwei Drittel von der Union (gut 1,1 Millionen), die Zufl&uuml;sse zu den Gr&uuml;nen (insgesamt 920.000) zu &uuml;ber 90% von der SPD (860.000) <a href=\"http:\/\/wahlarchiv.tagesschau.de\/flash\/?wahl=2009-09-27-BT-DE&gt;\" rel=\"nofollow noopener\">http:\/\/wahlarchiv.tagesschau.de\/flash\/?wahl=2009-09-27-BT-DE&gt;<\/a><\/p>\n<p>[4] Fast die H&auml;lfte der SPD-Verluste an andere Parteien ging bei der Bundestagswahl 2005 an die Linkspartei (970.000 von 2.000.000 W&auml;hlern), bei den Gr&uuml;nen machten die Verluste an die Linke sogar &uuml;ber Dreiviertel (240.000 von 310.000) der Verluste an andere Parteien aus (Neu 2006: 18).<\/p>\n<p>[5] Zwar verloren CDU\/CSU &uuml;ber 1,1 Millionen Stimmen an die FDP, die Union konnte aber auch 870.000 von den Sozialdemokraten gewinnen (<a href=\"http:\/\/wahlarchiv.tagesschau.de\/flash\/?wahl=200909-27-BT-DE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/wahlarchiv.tagesschau.de\/flash\/?wahl=200909-27-BT-DE<\/a>).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Bandelow, Nils\/Schade, Mathieu, <\/i>2008: Die Gesundheitsreform der Gro&szlig;en Koalition: Strategische Erfolge im Schatten des Scheiterns, in: Fischer, Thomas\/Kie&szlig;ling, Andreas\/Novy, Leonard (Hrsg.), Politische Reformprozesse in der Analyse, G&uuml;tersloh, 85-144.<\/p>\n<p><i>B&ouml;nker, Frank,<\/i> 2010: Die Pflegepolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Busch, Andreas, <\/i>2007: Von der Reformpolitik zur Restriktionspolitik? Die Innen- und Rechtspolitik der zweiten Regierung Schr&ouml;der, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Ende des rot-gr&uuml;nen Projektes, Wiesbaden, 408-430.<\/p>\n<p><i>Dalton, Russell J.,<\/i> 2008: The Quantity and the Quality of Party Systems. Party System Polarization, Its Measurement, and Its Consequences, in: Comparative Political Studies 41 (7), 899-920.<\/p>\n<p><i>D&uuml;mig, Kathrin,<\/i> 2010: Ruhe nach und vor dem Sturm: Die Arbeitsmarkt- und Besch&auml;ftigungspolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 20052009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Egle, Christoph, <\/i>2008: Reformpolitik in Deutschland und Frankreich. Wirtschafts- und Sozialpolitik b&uuml;rgerlicher und sozialdemokratischer Regierungen, Wiesbaden.<\/p>\n<p><i>Egle, Christoph,<\/i> 2009: No Escape from the Long-term Crisis? The Social Democrats&#8216; Failure to Devise a Promising Political Strategy, in: German Politics &amp; Society 27 (2), 9-27.<\/p>\n<p><i>Egle, Christoph, <\/i>2010: Im Schatten der Linkspartei. Die Entwicklung des Parteienwettbewerbs w&auml;hrend der 16. Legislaturperiode, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut<\/i> (Hrsg.), 2010: Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009. Eine Bilanz der Regierung Merkel, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Grasl, Maximilian\/K&ouml;nig, Markus, <\/i>2010: Von Au&szlig;en getrieben. Die Finanzpolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Henninger, Annette\/von Wahl, Angelika, <\/i>2010: Das Umspielen von Veto-Spielern. Wie eine konservative Familienministerin den Familialismus des deutschen Wohlfahrtsstaates unterminiert, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Jacob, Klaus\/Volkery, Axel, <\/i>2007: Nichts Neues unter der Sonne? Zwischen Ideensuche und Entscheidungsblockade &#8211; die Umweltpolitik der Bundesregierung Schr&ouml;der 2002-2005, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Ende des rot-gr&uuml;nen Projektes, Wiesbaden, 431-452.<\/p>\n<p><i>J&auml;nicke, Martin,<\/i> 2010: Die Umweltpolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden.<\/p>\n<p><i>K&ouml;hler, Horst,<\/i> 2005a: Ansprache von Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler &uuml;ber H&ouml;rfunk und Fernsehen zu seiner Entscheidung &uuml;ber die Aufl&ouml;sung des 15. Deutschen Bundestages und zu Neuwahlen f&uuml;r den 18. September am 21. Juli 2005, Bulletin der Bundesregierung Nr. 65-1 vom 21. Juli 2005.<\/p>\n<p><i>K&ouml;hler, Horst, <\/i>2005b: Ansprache von Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler an das Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22. November 2005 in Berlin, Bulletin der Bundesregierung Nr. 91-2 vom 22.11.2005.<\/p>\n<p><i>Lorenz, Astrid, <\/i>2010: Neue Muster der Verfassungspolitik unter der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Merkel, Wolfgang,<\/i> 2007: Durchregieren? Reformblockaden und Reformchancen in Deutschland, in: Kocka, J&uuml;rgen (Hrsg.), Zukunftsf&auml;higkeit Deutschlands. Sozialwissenschaftliche Perspektiven. WZB-Jahrbuch 2007, Berlin, 26-45.<\/p>\n<p><i>M&uuml;ller, Wolfgang C.,<\/i> 2008: Warum gro&szlig;e Koalitionen? Antworten aus koalitionstheoretischer Sicht, in: Zeitschrift f&uuml;r Staats-und Europawissenschaften 6 (3), 499-523.<\/p>\n<p><i>Niedermayer, Oskar,<\/i> 2008: Das fluide F&uuml;nfparteiensystem nach der Bundestagswahl 2005, in: Niedermayer, Oskar (Hrsg.), Die Parteien nach der Bundestagswahl 2005, Wiesbaden, 9-35.<\/p>\n<p><i>Schmidt, Manfred G.,<\/i> 2007: Die Sozialpolitik der zweiten rot-gr&uuml;nen Koalition (2002-2005), in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Ende des rot-gr&uuml;nen Projektes. Eine Bilanz der Regierung Schr&ouml;der 2002-2005, Wiesbaden, 295-312.<\/p>\n<p><i>Schorlemmer Priska,<\/i> 2010: Die Entwicklungspolitik der Gro&szlig;en Koalition, in: Egle, Christoph\/Zohlnh&ouml;fer, Reimut (Hrsg.), Die Gro&szlig;e Koalition 2005-2009, Wiesbaden, i.E.<\/p>\n<p><i>Zohlnh&ouml;fer, Reimut,<\/i> 2009a: &#8222;Koalition der neuen M&ouml;glichkeiten&#8220; oder Interregnum auf dem Weg zu passenden Mehrheiten? In: Gesellschaft -Wirtschaft -Politik 58 (2), 201-213.<\/p>\n<p><i>Zohlnh&ouml;fer, Reimut,<\/i> 2009b: Gro&szlig;e Koalition: Durchregiert oder im institutionellen Dickicht verheddert? in: Aus Politik und Zeitgeschichte 38\/2009, 9-14.<\/p>\n<p><i>Zohlnh&ouml;fer, Reimut, <\/i>2010: Endlich Durchregieren? Die Effekte der F&ouml;deralismusreform I auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik, in: Blumenthal, Julia von\/Br&ouml;chler, Stephan (Hrsg.), F&ouml;deralismusreform in Deutschland. Bilanz und Perspektiven im internationalen Vergleich, Wiesbaden, i.V.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1870],"publikationen":[2822],"class_list":["post-10970","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-christoph-egle","publikationen-187-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Weder Reform - noch Blockadekoalition - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/187-vorgaenge\/publikation\/weder-reform-noch-blockadekoalition\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Weder Reform - noch Blockadekoalition - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Bilanz der Gro&szlig;en Koalition aus: vorg&auml;nge Nr. 187, Heft 3\/2009, S. 129-139 I. 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