{"id":10996,"date":"2009-03-01T19:00:00","date_gmt":"2009-03-01T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/einheit-in-freiheit-oder-einheit-durch-freiheit\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:29","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:29","slug":"einheit-in-freiheit-oder-einheit-durch-freiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/einheit-in-freiheit-oder-einheit-durch-freiheit\/","title":{"rendered":"Einheit in Freiheit oder Einheit durch Freiheit?"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 59-68<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1989-oder-der-mut-zur-erinnerungsluecke\">1989 oder der Mut zur Erinne&shy;rungs&shy;l&uuml;cke <\/span><\/h2>\n<p>Jubil&auml;en sind willkommene Gelegenheiten der politischen Legitimit&auml;tsbeschaffung, indem man versucht, die erinnerungspolitische Deutungshoheit &uuml;ber die Ereignisse der Vergangenheit zu erlangen. Zwei Ereignisse der j&uuml;ngsten deutschen Geschichte &#8211; die Gr&uuml;ndung der Bundesrepublik 1949 und die Friedliche Revolution in der DDR 1989 &#8211; bieten sich in diesem Jahr an, auf einen historischen Nenner gebracht zu werden: 60 Jahre Grundgesetz, eine &#8222;gegl&uuml;ckte&#8220; Demokratie, und 20 Jahre einer ersten &#8222;gelungenen Revolution&#8220; in Deutschland. Dazu erklang bereits vor zwei Jahren, 2007, ein prominenter &#8222;Ruf aus Leipzig&#8220;, der aufforderte, die friedliche Revolution in die &#8222;demokratische Traditionslinie der Bundesrepublik&#8220; zu integrieren und des 9. Oktober, des Datums der entscheidenden Demonstration der 70 0000 in Leipzig, zu gedenken.[1]<\/p>\n<p>Die bisherige Erfahrung zeigt, dass dieses Anliegen nicht ganz einfach ist. Voraussichtlich wird auch in diesem Jahr die Erinnerungskampagne zum Gedenkjahr mit der Feier des Mauerfalls am 9. November 1989 enden, mit hohen W&uuml;rdentr&auml;gern auf der B&uuml;hne und f&uuml;rs breite Publikum mit ein bisschen &#8222;Wunder&#8220; und &#8222;Wahnsinn&#8220;. Beim letzten Mal, anl&auml;sslich des zehnj&auml;hrigen Jubil&auml;ums 1999 kam es so weit, dass das offizielle Gedenken des Mauerfalls unversehens zu einer vorgezogenen Zehn-Jahres-Feier der deutschen Einheit geriet, die eigentlich erst im Jahr 2000 f&auml;llig war. Das Ereignis von 1989 war im Ergebnis von 1990 untergegangen. Nur ein riesiges schwarzes Plakat mit wei&szlig;en Lettern am Alexanderplatz erinnerte &uuml;ber einige Wochen an das Geschehen: &#8222;Wir waren das Volk&#8220;.<\/p>\n<p>Von einer &#8222;unerh&ouml;rten Begebenheit&#8220; schrieb schon 1992 Wolf Lepenies r&uuml;ckblickend auf 1989 und 1990[2]. Klang im Doppelsinn des Wortes das Au&szlig;erordentliche des Ereignisses an, so klang aber auch schon das Vergebliche, Uneingel&ouml;ste des historischen Moments mit. Von der Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der sich die Bev&ouml;lkerung der DDR des Herbstes 1989 als Souver&auml;n erfand, war binnen weniger Jahre offenbar kaum etwas &uuml;brig geblieben. War man etwa besch&auml;mt, dass wir den &Uuml;berschuss an Hoffnung, oder die gen&auml;hrten Erwartungen nicht einl&ouml;sen konnten?<\/p>\n<p>Der Mauerfall war und ist nat&uuml;rlich das Ereignis mit h&ouml;chster symbolischer Kraft. Aber es war weder der Anfang noch das Ende der Revolution. Im sch&ouml;nen Bild der feiernden Menschen schwingt schon ein Hauch von Befreiung mit, in den Worten &#8222;Wunder&#8220; und &#8222;Wahnsinn&#8220; Dankbarkeit. Das was dazu geh&ouml;rte, geht allerdings in dieser Party unter. In den Hintergrund tritt, dass daran nichts geschenkt war und auch noch nichts beschlossen. Vielleicht wird in diesem Jahr eine Erinnerungsl&uuml;cke, die Zeit der Ereignisse bis zum Mauerfall, geschlossen. Es wird in konservativen Ohren gr&auml;sslich klingen, denn die &#8222;Macht der Stra&szlig;e&#8220; war es, die durch Mahnwachen, Blockaden, Besetzungen, Demonstrationen das Regime in den Wochen zuvor unter Druck gesetzt hatte. Aber ebenso wichtig war, dass man danach nicht aufgab &#8211; was Egon Krenz vielleicht von der allgemeinen Reisefreiheit erhofft hatte. Was also wird mit der Zeit vom November 1989 bis Oktober 1990? Es ging ja weiter, das Ringen um die Freiheiten, die in der DDR demokratische Verh&auml;ltnisse etablierten und &#8211; das sei hier angemerkt &#8211; die f&uuml;r den Beitritt zum Geltungsbereich des Grundgesetzes erforderlich waren. Die erk&auml;mpften Freiheiten, Meinungsfreiheit, Demonstrationsfreiheit, Organisationsfreiheit samt Medienzugang und freien Wahlen, waren auch nicht etwa nach den Volkskammerwahlen im M&auml;rz 1990 &uuml;berfl&uuml;ssig, sondern heftig in Gebrauch. Dass die Erinnerung an diese zuvor nie gekannte Zeit der Freiheit politischer Gestaltung und demokratischer Kultur bislang so wenig gilt, dass diese Freiheit in gewisser Weise unerh&ouml;rt bleibt, ist entweder ein Symptom oder ein Skandal.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"unsere-revolution\">&bdquo;Unsere Revolution&ldquo;? <\/span><\/h2>\n<p>Es &uuml;berrascht nicht, dass 1989 von einer konservativ-nationalen Geschichtspolitik versucht wird zu vereinnahmen. Das Jahr brachte zwar nicht das Ende von 40 Jahren staatlicher Teilung, aber einen Ausblick auf eine wieder zu erlangende staatliche Einheit. Aus dieser Perspektive wird der Herbst 1989 nur zum Vorspiel, erh&auml;lt die Revolution ihre Weihen durch die deutsche Einheit. Eingebunden in das finale Deutungsmuster &#8222;geeintes Deutschland&#8220; ist inzwischen sogar von &#8222;unserer&#8220;, der &#8222;deutschen Revolution&#8220;[3] die Rede, in der die staatliche Einheit Deutschlands zu einem Heilsereignis wird, das alle revolution&auml;ren Erwartungen erf&uuml;llt.<\/p>\n<p>Es kann nicht &uuml;berraschen, dass dies auch ein Weg ist, um der friedlichen Revolution in der DDR &#8222;den Stachel einer unbequemen Erinnerung&#8220; zu nehmen. Wenn sie ihre demokratischen Weihen erst durch die Einheit erlangt, tritt der emanzipatorische Sinn und Gehalt der 89er Revolution hinter eine Geschichte zur&uuml;ck, &#8222;die nicht den Ostdeutschen allein geh&ouml;rt, sondern Teil der Geschichte aller Deutschen ist&#8220;.[4]<\/p>\n<p>&Uuml;berraschen sollte schlie&szlig;lich nicht, dass auf diesem Wege nicht das historische Geschehen, sondern die fortgesetzt gepflegte Wahrnehmung zum Zuge kommt und vermutlich die besseren Karten hat. Es sind die immer wieder verbreiteten Bilder, die mehrheitlich die Deutung von 1989 bestimmen: Bilder von ostdeutschen Fl&uuml;chtlingen, die im Sommer 1989 durch die offene Grenze in Ungarn in den Westen dr&auml;ngen, die Verk&uuml;ndigungsszene auf dem Balkon der Prager Botschaft, wo sich die vorweggenommene Freiheit auf bundesdeutschem Boden ereignet, und schlie&szlig;lich das Finale, die &uuml;berw&auml;ltigende Ost-West-Begegnung und Vereinigung auf der Berliner Mauer. Die Revolution wird aus dieser Perspektive mit der Einheit eins und zugleich aufgehoben. Das vorweggenommene Ergebnis macht sie zu einem gesamtdeutschen Ereignis.<\/p>\n<p>Als Franz M&uuml;ntefering zu Ostern in einem Interview einr&auml;umte, &#8222;dass wir 1989\/90 nicht wirklich die Wiedervereinigung organisiert, sondern die DDR der Bundesrepublik zugeschlagen haben&#8220;, brachte er eine Menge gegen sich auf. Aber er brachte nicht nur eine alte, l&auml;ngst erledigte Frage zur Sprache. Er brachte eine Realit&auml;t ins Spiel, n&auml;mlich das offensichtliche, aber geh&uuml;tete Geheimnis vom Scheitern einer bestimmten Vorstellung von Einheit, die von Anfang an hinter dem Begriff &#8222;Wiedervereinigung&#8220; steht: Es ist, wie der Journalist Peter Bender es einmal formulierte, die Grundannahme wie der Grundirrtum dieser Einheits-Vorstellung, dass sie unterstellt, die Ostdeutschen seien nach 40 Jahren Teilung lediglich eine verhinderte Spezies von Westdeutschen. Es ist niemand verborgen, dass weiterhin zwei Teilgesellschaften in Deutschland nebeneinander her leben, dass die Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse auf sich warten l&auml;sst und die kulturelle Fremdheit zwischen Ost und West keineswegs erledigt ist.<\/p>\n<p>Sich dieser Tatsache zu stellen war und ist ein Problem. Sie wird verst&auml;ndlicherweise gern verdr&auml;ngt und wer darauf hinweist, steht im Geruch der &uuml;blen Nachrede. Die fortgesetzte Unf&auml;higkeit, die Ursachen, anstatt Symptome zu thematisieren, die intellektuelle Verweigerung, einmal getroffene Entscheidungen, nach Nutzen und Kosten zu &uuml;berpr&uuml;fen &#8211; und wenn m&ouml;glich zu korrigieren, wenn der Preis zu hoch ist. Warum geht das nicht? Ist der Preis schon zu hoch?<\/p>\n<p>Wir reden hier nicht vom Geld, sondern vom Preis einer bestimmten Haltung in Sachen Einheit und Freiheit. Eine Einheits-Vorstellung, die daran hindert, ungerechte Ungleichheiten zu benennen und gerechtfertigte Unterschiede anzuerkennen, schlie&szlig;t jene aus, die davon negativ betroffen sind oder selbstbewusst darauf bestehen. Eine Freiheits- Vorstellung, die alles was im Einigungsprozess geschah, durch die Macht des Faktischen erkl&auml;rt und legitimiert, denunziert die Hoffnungen, die auf eine gelingende deutsche Einheit gesetzt wurden und l&auml;sst die Entt&auml;uschten als unvermeidliche Verlierer zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Geschichte ist ein offener Prozess und selbstverst&auml;ndlich sind Einheit und Freiheit in Deutschland unvollendet. Das Grundgesetz spricht in der Pr&auml;ambel davon, &#8222;die Deutschen&#8230;haben&#8230;die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet&#8220; und meint die Herstellung des endg&uuml;ltigen Staatsgebietes, aber nicht die Verfassung der Gesellschaft, von der hier die Rede ist. Inwiefern kommt es aber auf die Verfassung an? Was Franz M&uuml;ntefering zur Sprache brachte, die Weigerung, dem Land 1990 eine neue Verfassung zu geben, wie es das Grundgesetz vorsah, war eben keine Formsache. Dass damals die gemeinsame Verfassungsgebung beiseite gelegte wurde, ist der Grund, weshalb hinter der Legalit&auml;t des neuen, vereinten Landes keine Legitimit&auml;t f&uuml;r etwas Neues steht. Der Versuch, dieses Defizit durch hoch gestimmtes nationales Pathos zu &uuml;bert&ouml;nen, kann nur nach hinten losgehen, mit der Tendenz einer allgemeinen Entmutigung demokratischer Partizipation und der Ermutigung, die Deklassierungserfahrung, das Gef&uuml;hl der Zweitklassigkeit durch nationalistisches, fremdenfeindliches Ressentiment zu kompensieren.<\/p>\n<p>Gesine Schwan hat in ihrer Rede am 9. November 2008 in M&uuml;nchen daran erinnert, &#8222;dass Vergangenheit wie Gegenwart mehr Potenzial enthalten, als zur Realit&auml;t wird&#8220;. Es komme darauf an, &#8222;diese Potenziale unter dem Aspekt einer angestrebten Zukunft in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarit&auml;t ausfindig zu machen&#8220;. Denn: &#8222;Deutschlands Zukunft liegt nicht im Festhalten an einem aus dem 19. Jahrhundert &uuml;berkommenen Nationalgef&uuml;hl. Wir brauchen ein republikanisches, ein selbstbewusst zivilgesellschaftliches Nationalverst&auml;ndnis, das die Nation als Aktionsgemeinschaft m&uuml;ndiger B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger begreift.&#8220;<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1989-1968-oder-1945-wo-faengt-die-gemeinsame-geschichte-an\">1989, 1968 oder 1945: Wo f&auml;ngt die gemeinsame Geschichte an? <\/span><\/h2>\n<p>Eine Gelegenheit, 1989 in das politische Selbstverst&auml;ndnis des vereinten Deutschlands nicht nur einzuverleiben, sondern es mit der eigenen Geschichte im Westen zu einer gemeinsamen zu verbinden, wurde 1999 verpasst. Es war der neuen rot-gr&uuml;nen Bundesregierung vorbehalten, den Berlin-Umzug der Bundesregierung durchzuf&uuml;hren, die praktisch einzige Ver&auml;nderung von Rang, die sich die alte Bundesrepublik nach 1989 auferlegt hatte. Diese historisch-politische Vorlage f&uuml;r die &#8222;68er an der Macht&#8220; wurde aber nicht als Ausgangspunkt f&uuml;r einen Br&uuml;ckenschlag zwischen 1968 und 1989 genutzt. Anstatt diesen Zusammenhang als Verm&auml;chtnis der kommenden &#8222;Berliner Republik&#8220; einzupr&auml;gen, deuteten die West-68er ihren &#8222;Sieg&#8220;[5] lieber als ein f&auml;lliges Zugest&auml;ndnis der Geschichte an eine Generation politisch ambitionierter Zeitgenossen.[6]<\/p>\n<p>Auch das deutsche politische Feuilleton sprang damals nicht &uuml;ber seinen Schatten, obwohl das Fenster f&uuml;r eine gesamtdeutsche Aneignung des 89er Erbes weit offen stand. Vor der Bundestagswahl 1998, als der bevorstehende Abschied von der &#8222;Bonner Republik den Meinungseliten des Landes&#8220; eine Ahnung von etwas Neuem eingab, lud die Wochenzeitung &#8222;Die Zeit&#8220; namhafte Autoren zur Debatte. Die &#8222;Berliner Republik&#8220; vor Augen, sprach man von einer &#8222;Neugr&uuml;ndung der Bundesrepublik&#8220;, meinte man sogar &#8222;Z&uuml;ge einer nachholenden, 1989 verhinderten Verfassungsdebatte&#8220; erkennen zu k&ouml;nnen. Doch der erhoffte Br&uuml;ckenschlag kam nicht zustande. Stattdessen trauerte man Bonn hinterher und hegte Bef&uuml;rchtungen: Davon handelte gleich der erste Beitrag zur Debatte: Klaus Harpprecht &uuml;ber das &#8222;Niemandsland&#8220;[7], das die Hauptstadt umgab, von einer &#8222;Gesellschaft &#8230; die in ihrer Mehrheit auf die Freiheiten des Westens pfeift&#8220;, B&uuml;rgern in &#8222;geistiger Heimatlosigkeit&#8220;. Der Osten war immer noch die &#8222;andere Republik&#8220;, trotz &#8222;Befreiung, ohne Mauer und Zaun&#8220; und 1989 wird 1945 immer &auml;hnlicher, als ob die DDR den Krieg verloren h&auml;tte.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich: Das Ende der DDR als &#8222;Stunde Null&#8220;. Diese Denkfigur war bald nach 1989 aufgetaucht. Sie versprach den &#8222;Marshall-Plan&#8220;, die W&auml;hrungsreform und dann das &#8222;Wirtschaftswunders&#8220; auf ostdeutschem Boden &#8211; das ganze Repertoire westdeutscher Vor- und Erfolgsgeschichte bestimmte die Vorstellungen und damit die Einhegung der &#8222;unerh&ouml;rten Begebenheit&#8220; im Horizont der westdeutschen Nachkriegszeit. Dies erinnere ihn an die f&uuml;nfziger Jahre, schrieb J&uuml;rgen Habermas 1991: Zukunft werde &#8222;in der Vergangenheitsform wahrgenommen&#8220;, das <i>d&eacute;j&agrave; vu <\/i>werde geschichtswirksam. &#8222;Die Bilder von damals &#8230; nehmen &#8230;die Phantasie in Beschlag, deren Beweglichkeit f&uuml;r die Bew&auml;ltigung von Zukunftsproblemen doch n&ouml;tig w&auml;re.&#8220; Es sei vermutlich die Neuartigkeit des Systemwechsels, &#8220; das unerh&ouml;rt Neue eines solchen &Uuml;bergangs&#8220;, das diese &#8222;Neigung zur Regression&#8220; erkl&auml;re. Vieles erinnere an die Anf&auml;nge des Fliegens, als die &#8222;erste Generation die Luftschifffahrt in Begriffen interpretierte, die aus der Seeschifffahrt seit Langem bekannt waren.&#8220;[8]<\/p>\n<p>Einig waren sich das linke und liberale politische Spektrum der Bundesrepublik, dass 1989 keine der Errungenschaften der Republik in Frage stellt, 1968 eingeschlossen. Der im Osten zu vollziehende gesellschaftliche Umbau sei &#8222;nicht der Vorbote von etwas Neuem, sondern Vollendung von etwas Bekanntem&#8220;, meinte der Soziologe Heinz Bude im Jahr 1999.[9] Diese Behauptung stellt einen Zusammenhang von 1989 mit der Geschichte, der westlichen Gesellschaften her, mit dem Unterschied, dass der Westen diese dem Osten voraus hat &#8211; 1968 eingeschlossen. Dazu passt, dass die 89er im Osten selbst von 1968 gepr&auml;gt waren. So gesehen bedeutet die Rede von der &#8222;nachholenden Revolution&#8220;, dass 1989 eine sp&auml;te Erscheinungsform ein und desselben gesellschaftlichen Ver&auml;nderungsprozesses ist. Was sich in vieler Hinsicht beweisen lie&szlig;e, aber von der westlichen politischen Linken nie ernsthaft versucht wurde.<\/p>\n<p>Der seit den 90er Jahren immer wieder unternommene Versuch konservativer Geschichtspolitik, 1989 gegen 1968 auszuspielen, sie als sich gegenseitig aufhebende und konkurrierende Ereignisse zu interpretieren, hat keinen Erfolg gehabt, was die 68er betrifft. Es hie&szlig;, der 68er-Generation seien die Ereignisse von 1989 auf dem Weg zur Macht in die Quere gekommen.[10] Umgekehrt h&auml;tten die 68er, die heute in den Chefetagen der Medien und Kulturproduktion sitzen, daf&uuml;r gesorgt, den Ereignissen von 1989 die Anerkennung zu verweigern.[11] Schlie&szlig;lich wurden immer wieder Versuche unternommen, die 68er Revolte als das gewaltt&auml;tige Gegenbild der friedlichen 89er Revolution zu pr&auml;sentieren, bis dahin, dass 1968 folgerichtig in den Terror der RAF und den &#8222;Deutschen Herbst&#8220; gem&uuml;ndet sei.[12]<\/p>\n<p>Dieses konservative Konzept konnte nicht verhindern, dass 1968 &#8211; trotz aller Kontroversen und trotz einer geringen Beteiligung der Bev&ouml;lkerung an den Ereignissen und Aktivit&auml;ten &#8211; Teil der kollektiven Identit&auml;t der Bundesrepublik geworden ist. Diese Auseinandersetzung und die daraus gewachsene breite Identifikation mit 1968 hatte jedoch den Preis, dass denselben Milieus der Zugang zu 1989 blockiert blieb. Das Ausbleiben einer Identifikation mit 1989, das unzweifelhaft von gr&ouml;&szlig;ter nationaler, europ&auml;ischer und globaler Bedeutung ist, hat aber Konsequenzen f&uuml;r die demokratische Linke insgesamt, in Europa zumindest auch f&uuml;r die Verst&auml;ndigung zwischen Ost und West &#8211; oder jenem &#8222;alten&#8220; und &#8222;neuen&#8220; Europa, wie es von Weitem hie&szlig;.<\/p>\n<p><b>Freiheit im Sozialismus probieren: <br \/>Die Neuerfindung der Opposition nach 68 <\/b><\/p>\n<p>Biografisch waren die meisten Akteure von 1989 von den Ereignissen 1968 direkt oder indirekt politisch gepr&auml;gt. Der Soziologe Wolfgang Engler nennt 1968 &#8222;die Geburtsstunde der dritten politischen Generation der DDR&#8220;,[13] f&uuml;r die Prag, Paris und Westberlin jeweils Orte konkreter Utopien darstellten und die Verarbeitung ihres Scheiterns pr&auml;gend war. F&uuml;r diejenigen, die nicht resignierten, folgte daraus die Suche nach theoretischen Alternativen, die die informellen oder konspirativen Zirkel der 70er Jahre bestimmten. Dort befasste man sich mit der Geschichte des Kommunismus und Stalinismus, referierte man &uuml;ber neueste politische Philosophie oder studierte man die Erfahrungen neuer Bewegungen im Westen oder in der Dritten Welt: &#8222;Je deutlicher das Modernedefizit des real existierenden Sozialismus &#8230; desto notwendiger wurde es, westliche Denktraditionen wahrzunehmen&#8230;.Ein Sozialismus, der politische Demokratie, Menschenrechte, wirtschaftliche und kulturelle Wettbewerbsformen programmatisch ausschloss, war zum Scheitern verurteilt&#8220;.[14] Der Historiker Stefan Wolle spricht von einer &#8222;gemeinsamen Achse der antiautorit&auml;ren Revolte im Westen und der Reformdiskussion im Osten war der Versuch eines Ausbruchs aus der Logik des Kalten Krieges, die Suche nach neuen Wegen jenseits der etablierten Systeme. So entstand aus zwei unterschiedlichen Perspektiven eine virtuelle Projektion, geboren aus verschiedenen Wurzeln, aber vereinigt in der Negation der existierenden Gesellschaft. Das positive Leitbild hie&szlig; aus Mangel an einem besseren Begriff demokratischer Sozialismus.&#8220;[15]<\/p>\n<p>Die &#8222;Suche nach neuen Wegen jenseits der etablierten Systeme&#8220; stand im Osten seit der Niederschlagung des Prager Fr&uuml;hlings auf der Tagesordnung. Innenpolitisch machte die entt&auml;uschte Hoffnung &uuml;ber die Reformierbarkeit des Systems &#8222;von oben&#8220; den Weg frei f&uuml;r neue Formen sozialer und politischer Bewegungen &#8222;von unten&#8220; und deren Widerstand gegen entm&uuml;ndigende Strukturen. Es waren die Akteure des Jahres 1968, die in Polen die Komitees zur Verteidigung der Arbeiterrechte (KOR) 1976 gr&uuml;ndeten, einem Vorl&auml;ufer der &#8222;Solidarnosc&#8220;. In der Tschechoslowakei formierten sie sich in der B&uuml;rgerinitiative Charta &acute;77. In der DDR kam es Anfang der 80er Jahre in der unabh&auml;ngigen Friedensbewegung zu neuen oppositionellen Organisationsformen der ehemals 68er. &#8222;Neue Wege jenseits der etablierten Systeme&#8220; hie&szlig; allem voran die Schaffung einer autonomen &Ouml;ffentlichkeit als Mittel und Zweck zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation.<\/p>\n<p>Das Entstehen neuer sozialer Bewegungen im Westen und einer zivilgesellschaftlichen Opposition im Osten, weisen viele Parallelen auf, wenn auch die politischen Bedingungen nicht zu vergleichen sind. Die Bewegungen reagieren ab Mitte der 70er Jahre darauf, dass die etablierten Systeme f&uuml;r die globalen Herausforderungen keine hinreichenden Antworten hatten, sondern sich die Widerspr&uuml;che versch&auml;rften. Aus der Desillusionierung &uuml;ber die Reformf&auml;higkeit des Systems wurde im Osten zunehmend die Lehre gezogen worden, dass dies nicht durch einen &#8222;Marsch durch die Institutionen&#8220; zu ver&auml;ndern sei, sondern nur, jenseits der kommunistischen Parteien und deren ideologischer Vorgaben und jenseits staatlicher Institutionen. Andere versuchten es unverdrossen, und kamen schlie&szlig;lich zu sp&auml;t. Allen ging es um freie Meinungs&auml;u&szlig;erung, freie Presse, Aufhebung der Zensur, freie Wahlen, Freiz&uuml;gigkeit, Rechtsstaatlichkeit, unabh&auml;ngige Justiz und Rehabilitierung der Opfer des Stalinismus, alles Forderungen aus dem Jahre 1968, Forderungen von Sozialisten und Kommunisten innerhalb der tschechoslowakischen KP und Reformgruppen, wie dem Manifest der &#8222;2000 Worte&#8220;.[16]<\/p>\n<p>Die neue Opposition, die zivilgesellschaftliche Organisationsformen suchte, unterlief zun&auml;chst systematisch die Systemfrage. Adam Michnik, Aktivist der Warschauer Studentenproteste von 1968, einer der Repr&auml;sentanten des polnischen Widerstandes wie der heutigen polnischen Demokratie, sagte r&uuml;ckblickend: &#8222;Kein Oppositioneller sagte vor 1989, dass wir den Kapitalismus anstreben. Niemand forderte eine Privatisierung, niemand dachte daran.&#8220;[17] Auch die Opposition in der DDR einte 1989 bei vielf&auml;ltigen Unterschieden der politischen Kultur und taktischen Vorgehens das Ziel eines demokratischen Sozialismus, einer &#8222;sozialen und &ouml;kologischen Demokratie&#8220;, wie es in den meisten der Programme hie&szlig;. Nicht von deutscher Einheit ist in den Dokumenten der Oppositionsbewegung der DDR vor dem Fall der Mauer die Rede, sondern fast ausnahmslos von einer Gesellschaft, die sozial und demokratisch verfasst sein m&uuml;sse mit den dazugeh&ouml;rigen Freiheiten der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger.<\/p>\n<p>Es ging am Anfang darum Aktionsformen zu erfinden, die das staatliche Feindbild unterliefen und auch die Selbstidentifikation mit dem Feindstatus &uuml;berwanden. Es galt zu behaupten, dass man sich im Rahmen legitimer Anliegen und legaler Formen bewegte. Das war die Bedingung f&uuml;r den Aufbau dauerhafter und belastbarer Strukturen. Daraus entstand eine F&uuml;lle innovativer, heute kaum nachvollziehbarer Formen und Praktiken, die sowohl die St&auml;rken, als auch die Schw&auml;chen der Opposition widerspiegeln.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Spielr&auml;umen f&uuml;r symbolische Aktionen und praktisches Handeln stand allerdings das ganze Spektrum von Lebensformen und Lebensfragen zur Verf&uuml;gung. Es ging beim Beharren auf oder Brechen von herrschenden Konventionen um deren Politisierung. Vaclav Havel hat das seinerseits in dem Buch &#8222;In der Wahrheit leben&#8220; beschrieben. Erziehungsfragen, alternative Lebensformen, praktischer Umweltschutz wie Baumpflanzaktionen waren keineswegs unpolitisch. Sie formten das Legalit&auml;tsbewusstsein, f&ouml;rderten eine Argumentations- und Diskussionskultur, die inklusiv, offen und nicht vorschnell konsensorientiert war, wodurch es den Teilnehmern m&ouml;glich war, den &#8222;Einsatz&#8220; selbst zu bestimmen und die Gruppe gesch&uuml;tzt wurde, f&uuml;r eine bestimmte Position in Anspruch genommen zu werden. Diese Diskurse, bildeten einen alternativen Raum in der Gesellschaft: So weit wie m&ouml;glich &ouml;ffentlich, dialogisch, ergebnisoffenen, mit nichthierarchischen Methoden gestaltet, so dass die verschiedensten Themen alternativ gedacht, gepr&uuml;ft und im Konflikt vertreten werden konnten.<\/p>\n<p>Solange die Mittel klassischer Opposition, Parteigr&uuml;ndung oder die Organisation von Gegenmacht in Form massiver Verweigerungsaktionen &#8211; etwa Streiks &#8211; nicht zur Verf&uuml;gung standen, mussten also Formen, die an den elementaren Lebensfragen und kulturellen Selbstverst&auml;ndlichkeiten ansetzten, genutzt werden. Die Aufhebung des Gef&uuml;hls von Ohnmacht durch das Bewusstsein von Legitimit&auml;t und Kompetenz erzeugte Standfestigkeit und Argumentationsf&auml;higkeit. Daraus erwuchs ein Legalit&auml;tsanspruch, die selbstverst&auml;ndliche Behauptung, bestimmte Praktiken oder Ziele ohne Gesetzes-, Verfassungs- oder Systembruch verfolgen zu k&ouml;nnen. So erm&ouml;glichte schon die Politisierung der Lebenspraxis in unterschiedlichsten Zusammenh&auml;ngen und Ebenen die Erfahrung dessen, was Hannah Arendt in einem elementaren Sinn von Politik nennt: Freiheit.<\/p>\n<p>Die Solidarnosc-Bewegung in Polen war Hoffnung und Lehrst&uuml;ck. &Uuml;bertragen auf die Verh&auml;ltnisse in der DDR ging es darum, auch hier zun&auml;chst eine eigene Basis, eine Struktur und Kultur f&uuml;r eine gesellschaftlich verankerte Opposition zu schaffen. In Polen bot diese strukturelle wie kulturelle Unabh&auml;ngigkeit der Raum der katholischen Kirche. Warum sollten nicht auch in der DDR diese Rolle die Kirchen &uuml;bernehmen, die von den strukturellen M&ouml;glichkeiten her partiell &ouml;ffentliche, logistisch breit verankerte und in bestimmten Grenzen selbstst&auml;ndige Organisationen waren. Wirklich ge&ouml;ffnet hat sich f&uuml;r die Aufgabe nur die evangelische Kirche in der DDR. Das geschah nicht automatisch, sondern geschah, von Auseinandersetzungen nach au&szlig;en und innen begleitet, in einem systematischen Lernprozess. Es ging darum, diese Rolle nicht nur als einen &#8222;gesellschaftsdiakonischen&#8220; Dienst zu verstehen, also den Oppositionellen &#8222;ein Dach&#8220; zu bieten, sondern die eigene Aufgabe der Kirche in der Zeit und in der Gesellschaft zu bestimmen.[18]<\/p>\n<p>Die deutsche Frage stellte sich in jenen Jahren bis 1989 nicht ganz zuf&auml;llig im Zusammenhang mit der Friedensfrage. Die Friedensfrage hatte einerseits in der DDR eine Schl&uuml;sselrolle in der politischen Auseinandersetzung inne, weil das Regime &uuml;ber diese Frage immer wieder Loyalit&auml;t einforderte und die Opposition im Gegenzug daf&uuml;r den Anspruch auf Freiheits- und Mitwirkungsrechte. Die Friedensfrage war also kein Ersatz, sondern ein Schl&uuml;ssel f&uuml;r die Thematisierung der staatlichen Verh&auml;ltnisse und der gesellschaftlichen Alternativen. Sie war auch Anfang der achtziger Jahre kein blo&szlig;er Vorwand. Sie bildete aber eine Br&uuml;cke, eine R&uuml;ck-Verbindung zu den aufgeschobenen Generationenfragen. zur gemeinsamen Vergangenheit aller Deutschen. Das Wissen um die gemeinsame Bedrohung verband jedoch nicht nur die Friedensbewegung in Ost und West, ein nationaler Konsens von unten, sondern auch von oben den Oggersheimer Helmut Kohl mit dem Wiebelskirchener Erich Honecker in der damals so genannten &#8222;Koalition der Vernunft&#8220;.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"das-universale-konzept-von-1989-nach-dem-ende-der-geschichte\">Das universale Konzept von 1989 nach dem Ende der Geschichte <\/span><\/h2>\n<p>Wir vergessen gelegentlich, dass 1989 vor allem eine Z&auml;sur mit globaler Bedeutung war, deren Folgen, wie wir inzwischen wissen, weit &uuml;ber die Intentionen der Akteure des Herbstes 1989 hinausgingen. Eine sehr einflussreich gewordene Deutung der Ereignisse von 1989 setzt von Anfang an auf deren universale Bedeutung. Francis Fukuyama, 1989 Mitarbeiter des US-Au&szlig;enministeriums, wurde ber&uuml;hmt mit seiner These vom &#8222;Ende der Geschichte&#8220;, unter der er die &#8222;v&ouml;llige Ersch&ouml;pfung aller Alternativen&#8220;, das &#8222;Ende der ideologischen Entwicklung der Menschheit&#8220; verstand. &Uuml;brig bleibe der &#8222;Triumph des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus&#8220;[19]. Jeglichen Versuch, etwas Neues zu beginnen, m&uuml;sse man als Illusion zu erkennen. Vergangenheit bietet keine Orientierung in der Gegenwart, die &#8222;Zukunft&#8220; ist die &#8222;vollendete Gegenwart&#8220;.<\/p>\n<p>1989 sollte der Anfang einer neuen Epoche sein &#8211; und zwar als ein radikaler Bruch mit den seit mehr als 200 Jahren unser modernes Weltbild bestimmenden Vorstellungen eines stetigen Fortschritts, dessen Richtungssinn sich aus der Vergangenheit schlie&szlig;en lie&szlig;e. Die &Uuml;berzeugung, dass Geschichte Ausdruck einer in die Zukunft weisenden Bewegung sei, deren Ziel Verbesserung der menschlichen Gesellschaft, sei, geh&ouml;rte zum &#8222;Projekt der Moderne&#8220;.<\/p>\n<p>Die These vom &#8222;Ende der Geschichte&#8220; hat eine Vorgeschichte in den 70er und 80erJahren des vorigen Jahrhunderts. In dieser Periode endet in gewisser Weise die &Uuml;berzeugung, dass Zukunft allgemeinen Fortschritt bringt. Zwar erscheint noch 1976 das ber&uuml;hmte Buch des amerikanischen Zukunftsforschers Herman Kahn, &#8222;Vor uns die guten Jahre&#8220;. Das andere, ber&uuml;hmte Buch erschien 1972, es war der erste Bericht an den <i>Club of Rome,<\/i> der die &#8222;Grenzen des Wachstums&#8220; vorhersagte. Dieser Bericht markiert eine Wende. Wachsende Skepsis, ein allgemeines Krisenbewusstsein bef&ouml;rdern nun kritisches Zukunftsbewusstsein, die Suche nach Alternativen. Der Soziologe Ulrich Beck sprach von &#8222;Risikogesellschaft&#8220;, einem Leben &#8222;auf dem zivilisatorischen Vulkan&#8220;, und J&uuml;rgen Habermas pr&auml;gte das Wort von der &#8222;Ersch&ouml;pfung der utopischen Energien&#8220;[20].<\/p>\n<p>Das Bewusstsein von der Ambivalenz des Fortschritts und zunehmende Ungewissheiten korrespondierten auf der anderen Seite mit der These vom Anbruch der &#8222;Postmoderne&#8220;[21]. Dahinter steht die Behauptung, die philosophischen Systeme der Moderne seien gescheitert, das &#8222;Ende der gro&szlig;en Erz&auml;hlungen&#8220; der Welterkl&auml;rung sei gekommen. Damit verbunden war die These vom Ende der Ideologien: Es g&auml;be keine unterschiedlichen Werte und Interessen mehr, sondern nur noch neutrale Sachzw&auml;nge, gute oder schlechte Politik.<\/p>\n<p>Der Einfluss, den postmodernes Denken auch auf die linke, insbesondere die sozialdemokratische Debatte in den 90er Jahren, hatte, spiegelt sich in damaligen Theorien des &#8222;Dritten Weges&#8220; wider. Wenn politische Ideen keine allgemeine Orientierung mehr bieten, dann gibt es, wie Anthony Giddens formulierte, nur noch Politik &#8222;jenseits von links und rechts&#8220;, nicht mehr entlang sozialer Gegens&auml;tze und &ouml;konomischer Interessen.[22] Bodo Hombach, der 1999 das &#8222;Schr&ouml;der-Blair-Papier&#8220; arrangierte, verstand unter &#8222;Neuer Mitte&#8220;, einen &#8222;pragmatischen Weg zwischen den Ideologien&#8220;, der sich durch Anpassungsf&auml;higkeit an ver&auml;nderte Umwelten auszeichnet.[23] Es galt als das unterscheidende Merkmal dieses Reformkonzeptes, die Verh&auml;ltnisse, so wie sie sind anzuerkennen &#8211; um realistische Gestaltungsspielr&auml;ume zu schaffen.<\/p>\n<p>Das von dem britischen Autor Timothy Garton Ash so genannte &#8222;antiutopische 1989&#8220;- im Gegensatz zum &#8222;utopischen 1968&#8243;[24] &#8211; galt als Berufungsgrundlage f&uuml;r einen neuen Pragmatismus der Reformer des neuen &#8222;Dritten Weges&#8220; und deren sozialdemokratische Parteien in Europa 1989. Zusammen sollte daraus eine &#8222;sozial und kulturell liberale, in politischer Hinsicht sozialdemokratische, globalisierten Variante eines reformierten Kapitalismus&#8220; hervorgehen. Seine &Uuml;berlegungen schlie&szlig;t Timothy Garton Ash allerdings im Sommer 2008 mit einem nachdenklichen Satz, der inzwischen wohl nicht weniger nachdenklich klingt: &#8222;Im 40. Jubil&auml;umsjahr von 1968 erleben wir allerdings, wie es bedenklich im Maschinenraum dieses erneuerten Kapitalismus rumort. Was, wenn die Probleme im n&auml;chsten Jahr schlimmer werden, gerade rechtzeitig zum 20. Jubil&auml;um von 1989?&#8220;[25]<\/p>\n<p>Es sollte der Beginn einer neuen Zeitrechnung sein &#8211; nach dem Ende der Geschichte. Diesen Neuanfang von 1989 feierte vor zehn Jahren die gro&szlig;e amerikanische Investmentbank <i>Merrill Lynch <\/i>weltweit mit einer gro&szlig; aufgemachten Anzeige: &#8222;Die Welt ist 10 Jahre alt&#8220;. Was aber besagt nun die Tatsache, dass es heute, weitere 10 Jahre sp&auml;ter, auch mit <i>Merrill Lynch <\/i>zu Ende ist?<\/p>\n<p>Die Geschichte ist es offensichtlich nicht. Das gro&szlig;e Verm&auml;chtnis von 1989 bleibt nach Ansicht von Adam Michnik angesichts der enormen Unsicherheiten in der gegenw&auml;rtige Wirtschaftskrise, die Demokratie gegen das Aufkommen populistischer und nationalistischer Demagogen zu verteidigen: In Berlin sagte er vor Kurzem: &#8222;Die Krise st&uuml;rzt zahlreiche Dogmen, die bislang auf den freien Markt galten. Daher muss man alles unternehmen, damit nicht auch noch das eine gest&uuml;rzt wird, woran ich grenzenlos glaube: das Dogma der Menschenrechte und der Freiheit in demokratischen Staaten.&#8220;[26]<\/p>\n<p>[1] Ruf aus Leipzig, 18. Juni 2007; <a href=\"http:\/\/www.herbst89.de\/startseite\/ruf-aus-leipzig.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.herbst89.de\/startseite\/ruf-aus-leipzig.html<\/a>.<\/p>\n<p>[2] Lepenies, Wolf, Folgen einer unerh&ouml;rten Begebenheit : die Deutschen nach der Vereinigung, Berlin 1992.<\/p>\n<p>[3] Der Theologe und DDR-Vergangenheitsforscher Erhart Neubert l&auml;sst am Ende seines neuen Buches &#8222;Unsere Revolution&#8220;1 die &#8222;deutsche Revolution&#8220; gleichsam aus dem &#8222;Wunder der deutschen Sprache&#8220; flie&szlig;en: &#8222;Als wir sie im Osten und im Westen auf der Suche nach Auswegen benutzten, lernten wir wiederauszusprechen, was uns am Herzen und auf der Zunge lag: Deutschland.&#8220;. Vgl. Ehrhart Neubert, Unsere Revolution, 2008, M&uuml;nchen, Z&uuml;rich, S. 441.<\/p>\n<p>[4] Garstecki, Joachim, Ein Stachel im Fleisch, Publik-Forum (2009).<\/p>\n<p>[5] D&ouml;pfner, Mathias, Sieg der Achtundsechziger, in: Die Welt, 28.9.1998, S. 1.<\/p>\n<p>[6] Schlauch, Rezzo, Zitat in: Berliner Zeitung, 29.9.1998, S.3: &#8222;Wir waren doch eine unheimlich politische Generation. Es w&auml;re doch ein Treppenwitz gewesen, wenn wir &uuml;bergangen worden w&auml;ren.&#8220;<\/p>\n<p>[7] Harpprecht, Klaus, 1998: Im Niemandsland, in: Die Zeit, vom 10.9.1998.<\/p>\n<p>[8] J&uuml;rgen Habermas, Die andere Zerst&ouml;rung der Vernunft, in: Die Zeit vom 10.5.1991, S.63-64.<\/p>\n<p>[9] Heinz Bude, Kein dritter Weg, nirgends, in: Frankfurter Rundschau vom 4.11.1999.<\/p>\n<p>[10] Greiner, Ulrich, Die Neunundachtziger, in: Die Zeit, 16.09.1994, S.68.<\/p>\n<p>[11] Garton Ash , Timothy , Die sp&auml;te Morgend&auml;mmerung, in: Die Zeit, Nr. 21, 15.05.2008, S.13.<\/p>\n<p>[12] von Lucke. Albrecht, 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht, Berlin, 2008, S.15ff vgl. Koenen, Gerd, Das rote Jahrzehnt, K&ouml;ln 2001.<\/p>\n<p>[13] Engler, Wolfgang, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land; Aufbau-Verlag Berlin, 1999, S. 306.<\/p>\n<p>[14] Engler, Wolfgang, Ebda. S.329-30.<\/p>\n<p>[15] Wolle, Stefan, Der Traum von der Revolte. Die DDR 1968. Chr. Links, Berlin 2008. S. 239.<\/p>\n<p>[16] Vergl. Segert, Dieter, Prager Fr&uuml;hling, Gespr&auml;che &uuml;ber eine europ&auml;ische Erfahrung, Wien 2008.<\/p>\n<p>[17] Michnik, Adam, Wir waren das Volk, Teil eines Vortrags auf der Konferenz &#8222;Freiheit im Blick: Europa 1989\/2009&#8220; am 18.\/19.03.2009 in Berlin, in: Die Zeit, Nr. 11, 05.04.2009S. 47.<\/p>\n<p>[18] Gerhard Rein, Ende November 1989, in: G. Rein (Hg.)., Die Opposition in der DDR, Wichern Verlag 1989, S.9: &#8222;Auf ein besonderes Kennzeichen der Opposition m&ouml;chte ich noch hinweisen, auf die Verbindung wesentlicher Oppositionsgruppen und ihrer Initiatoren zur Evangelischen Kirche in der DDR. Sie hat den kritischen Gruppen Raum gegeben, ein Dach, unter dem sie sich treffen konnten. Ohne Spannungen war das Verh&auml;ltnis Kirche und Gruppen nicht, aber die vom Staat unabh&auml;ngige Kirche hat sich ohne Zweifel Verdienste beim Demokratisierungsprozess erworben. Sie hat ihn mit bewirkt. Nicht nur durch den oft zitierten &#8222;Freiraum&#8220;&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>[19] Fukuyama, Francis, Das Ende der Geschichte?, in: Europ&auml;ische Rundschau, 17.Jg.,Nr.4, Wien 1989, S. 3ff; vgl. auch Das Ende der Geschichte, M&uuml;nchen 1992.<\/p>\n<p>[20] Habermas, J&uuml;rgen, Die neue Un&uuml;bersichtlichkeit, 1985.<\/p>\n<p>[21] Der Begriff geht auf Jean-Francois Lytord zur&uuml;ck. Vgl. Lyotard, J-F., orig.: La Condition postmoderne: Rapport sur le savoir, Paris 1979 ; dt.: Das postmoderne Wissen, Wien: 1999.<\/p>\n<p>[22] Vgl. Giddens, Anthony,: Jenseits von Links und Rechts, Frankfurt\/Main: Suhrkamp: 1999.<\/p>\n<p>[23] Vgl. Hombach, Bodo (1998): Aufbruch. Die Politik der Neuen Mitte, M&uuml;nchen: Econ<\/p>\n<p>[24] Garton Ash, Timothy, Die sp&auml;te Morgend&auml;mmerung, in: Die Zeit, Nr. 21, 15.05.2008, S.13.<\/p>\n<p>[25] Garton Ash, Timothy, a.a.O. S.13.<\/p>\n<p>[26] Michnik, Adam, a.a.O., S. 47.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1891],"publikationen":[2820],"class_list":["post-10996","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hans-misselwitz","publikationen-185-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Einheit in Freiheit oder Einheit durch Freiheit? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/185-vorgaenge\/publikation\/einheit-in-freiheit-oder-einheit-durch-freiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Einheit in Freiheit oder Einheit durch Freiheit? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 185, Heft 1\/2009, S. 59-68 1989 oder der Mut zur Erinne&shy;rungs&shy;l&uuml;cke Jubil&auml;en sind willkommene Gelegenheiten der politischen Legitimit&auml;tsbeschaffung, indem man versucht, die erinnerungspolitische Deutungshoheit &uuml;ber die Ereignisse der Vergangenheit zu erlangen. 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