{"id":11111,"date":"2007-06-01T11:00:00","date_gmt":"2007-06-01T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-anti-huntington\/"},"modified":"2007-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2007-06-01T10:00:00","slug":"der-anti-huntington","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/der-anti-huntington\/","title":{"rendered":"Der Anti-Huntington"},"content":{"rendered":"<p>Armatya Sen pl\u00e4diert f\u00fcr die Anerkennung der Hybridit\u00e4t,<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S. 149-151<\/p>\n<p>Ein weiteres Mal muss die von Michel Foucault gestellte Frage &#8222;Wen k\u00fcmmert\u00b4s, wer spricht?&#8220;, in der der franz\u00f6sische Philosoph die Figur des Autors zu einer v\u00f6llig unrelevanten Gr\u00f6\u00dfe heruntergespielt hat, positiv beantwortet werden: Auch wenn bestimmte Thesen in erkenntnistheoretischer Hinsicht nicht viel Neues offenbaren, k\u00f6nnen sie doch Aufsehen erregen, wenn der Autor eine namhafte Pers\u00f6nlichkeit ist. Dies trifft sicherlich im Fall des neuesten Buches des indisch-englischen Professors und Nobelpreistr\u00e4gers f\u00fcr \u00d6konomie (1998) Amartya Sen zu.<\/p>\n<p><i>Amartya Sen<\/i> Die Identit\u00e4tsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. Aus dem Englischen von Friedrich Griese. C.H. Beck M\u00fcnchen 2007, 208 S., 19,90 Euro<\/p>\n<p>Der 1933 im indischen Shantiniketan geborene Wirtschaftswissenschaftler wurde bekannt durch seine Studien \u00fcber die Ursachen der Armut und seine Arbeiten \u00fcber Wohlfahrts\u00f6konomie. Sen wei\u00df seinen Ruhm zu nutzen, indem er sich als engagierter Intellektueller zu den wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Themen \u00e4u\u00dfert. Er bringt auf diese Weise komplizierte Sachverhalte dem breiten Publikum nahe. Die im englischsprachigen Bereich etablierte Bezeichnung <i>public scholar <\/i>trifft somit auf Amartya Sen v\u00f6llig zu.<\/p>\n<p>Seine neueste Publikation, die auf einigen 2001 und 2002 gehaltenen Vortr\u00e4gen \u00fcber Identit\u00e4t basiert, kann als eine implizite Antwort auf die in der letzten Zeit erneut intensiv diskutierte Hypothese von Samuel Huntington \u00fcber den &#8222;Clash of Civilisations&#8220;[1] betrachtet werden. In seiner kontroversen Studie hat der amerikanische Politologe die These vom Zusammenprall der Kulturen aufgestellt und somit die wachsende Bedeutung der Kultur unterstrichen. Sie k\u00f6nne nicht mehr als eine Fu\u00dfnote der Politik bagatellisiert werden, sondern werde vielmehr zu einem immer bedeutenderen Faktor der Weltpolitik. Die Gefahr des angeblich religi\u00f6s motivierten Terrorismus und Behauptungen \u00fcber eine wachsende Kluft zwischen dem Westen und dem Islam haben den Schlagworten von Huntington Konjunktur gesichert.<\/p>\n<p>Amartya Sen stimmt der Behauptung zu, dass die Kultur z\u00e4hlt; er fragt aber <i>auf welche Weise <\/i>sie z\u00e4hlt. Sen wendet sich gegen jegliche Verallgemeinerungen: Die Kultur oder das religi\u00f6se Selbstverst\u00e4ndnis sind Kritik wichtig, aber ebenso wie nationale, ethnische oder rassische Verallgemeinerung, f\u00fchrt auch die Fixierung auf kulturelle Attribute zu einem sehr beschr\u00e4nkten Bild des Menschen.<\/p>\n<p>In &#8222;Identit\u00e4tsfalle&#8220; werden somit die wichtigsten Grunds\u00e4tze hinterfragt, die der These \u00fcber einen uns drohenden &#8222;Clash of Civilisations&#8220; zu Grunde liegen: &#8222;Wenn man die Weltbev\u00f6lkerung nach Zivilisationen oder Religionen unterteilt, gelangt man zu einer &#8222;solitaristischen&#8220; Deutung der menschlichen Identit\u00e4t, wonach die Menschen einer und nur einer Gruppe angeh\u00f6ren [&#8230;].&#8220; (S. 8). Sen vertritt die Meinung, dass diese Reduzierung von Grunde auf falsch ist. Jeden Menschen charakterisieren n\u00e4mlich verschiedene Zugeh\u00f6rigkeiten und die Identit\u00e4t ist folglich immer eine plurale Gr\u00f6\u00dfe.<\/p>\n<p>F\u00fcr Sen sind Identit\u00e4ten nichts Gegebenes, sondern entstehen weitgehend dank Wahlvorg\u00e4nge des Individuums innerhalb dessen, was f\u00fcr machbar gehalten wird, und sind von daher wandelbare Konstrukte: &#8222;Die Vernachl\u00e4ssigung der Vielfalt unserer Zugeh\u00f6rigkeiten und der Pflicht, nachzudenken und eine Wahl zu treffen, verfinstert die Welt, in der wir leben.&#8220; (S. 10). Grundlegende kulturelle oder religi\u00f6se Einstellungen m\u00f6gen zwar das Denken der Menschen beeinflussen, aber das hei\u00dft noch nicht, dass sie es v\u00f6llig determinieren. Schlie\u00dflich weisen die meisten Kulturen enorme Bandbreiten von Variationen auf und ihre determinierende Wirkung ist keine Konstante, sondern h\u00e4ngt immer von individuellen und situativkontextuellen Bedingungen ab.<\/p>\n<p>In der Illusion einer einzigen Identit\u00e4t sieht der Autor eine gro\u00dfe Gefahr und ein enormes Gewaltpotenzial, was blutige Auseinandersetzungen zwischen Hutus und Tutsis, Serben und Albanern oder Tamilen und Singhalesen belegen. Es ist schade, dass sich Sen dabei nicht auf das klassische Werk zu dieser Dimension der Identit\u00e4tsproblematik beruft: &#8222;M\u00f6rderische Identit\u00e4ten&#8220; des libanesisch-franz\u00f6sischen Autors Amin Maalouf[2] sieht mit Recht den grundlegenden Unterschied zwischen Religion und Sprache als Hauptquelle der Identit\u00e4tskonstruktion darin, dass sich der Mensch \u00fcber mehrere Sprachen definieren kann, die Religion dagegen eine gewisse Exklusivit\u00e4t auszeichnet.<\/p>\n<p>Der Religion als Quelle der Identit\u00e4tszuschreibungen widmet Sen zahlreiche Passagen seines Buches und betont mehrmals, dass die Religion zwar sehr wichtig f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis eines Menschen sein kann, aber nur in extremen F\u00e4llen die einzige Dimension seiner Identit\u00e4t ist. Logisch ist somit seine Kritik an Huntingtons kulturalistisch -reduzierender Sichtweise. Die Gefahr des Einteilungsschemas des amerikanischen Politologen ist nicht nur rein abstrakttheoretischer Natur; derartige Klassifikationen k\u00f6nnen auch sehr negative praktische Folgen haben: sie verfestigen n\u00e4mlich eine bestimmte Denkweise und liefern Argumente, Rechtfertigungen und simple Erkl\u00e4rungsmuster sowohl f\u00fcr verschiedenartig gelagerte und leicht politisierbare Problemlagen als auch f\u00fcr reale Konflikte. Die Illusion einer einzigen Identit\u00e4t kann f\u00fcr aggressive Zwecke ausgebeutet werden.<\/p>\n<p>Amartya Sen zeigt zum Beispiel Gefahren der diskursiven Verfahren auf, die sich der Opposition Westen &#8211; Antiwesten bedienen. Die Identit\u00e4tsfalle beruht in diesem Kontext darauf, dass der Westen unbegr\u00fcndet mit eindeutig positiven Merkmalen und Errungenschaften assoziiert und somit das Minderwertigkeitsgef\u00fchl des kolonisierten Geistes vertieft wird. Dies f\u00fchrt zur Verst\u00e4rkung kolonialer Asymmetrien. Folglich sto\u00dfen angeblich &#8222;westliche&#8220; Ideen (wie Demokratie oder Freiheit) auf Ablehnung der nicht-westlichen Welt. Dies erkl\u00e4rt Sens Diktum: &#8222;Die Entkolonialisierung des Geistes verlangt, dass wir uns von der Versuchung exklusiver Identit\u00e4ten und Priorit\u00e4ten ein f\u00fcr allemal verabschieden.&#8220; (S. 111). Mit der Identit\u00e4tsproblematik zwar weniger deutlich verbunden, aber nicht ohne Relevanz sind Sens Bemerkungen \u00fcber Globalisierungskritik und globale Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Leider sind die Ausf\u00fchrungen von Sen nicht frei von Redundanzen und Wiederholungen.<\/p>\n<p>Sein Anliegen lie\u00dfe sich in f\u00fcnf Punkte zusammenfassen: unsere kulturellen Identit\u00e4ten sind nie von anderen Einfl\u00fcssen wie Geschlecht, Beruf, Klasse, Rasse oder politische Einstellung isoliert; Kultur ist kein homogenes Attribut; sie ist nicht still, sondern unterliegt verschiedenartigen Transformationen; es gibt zahlreiche Wechselbeziehungen zwischen Kultur und anderen Determinanten des gesellschaftlichen Wahrnehmens und Handelns und schlie\u00dflich muss der fundamentale Unterschied erkannt werden zwischen der Idee der kulturellen Freiheit und der Idee der bewertenden Kulturbewahrung. Die letzte Bemerkung macht aus Sens Buch einen wertvollen Beitrag zu den kontrovers gef\u00fchrten Diskussionen \u00fcber den Segen und den Fluch des Multikulturalismus. Amartya Sen bedient sich einer plausiblen Unterscheidung zwischen Multikulturalismus und dem, was er &#8222;pluralen Monokulturalismus&#8220; nennt.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke der &#8222;Identit\u00e4tsfalle&#8220; liegt sicherlich darin, dass der Autor \u00fcber eine multiperspektivische Sichtweise verf\u00fcgt, das Buch mit Erfahrungen aus seinem eigenen Leben bereichert und sich Beispielen bedient, die dem europ\u00e4ischen Leser oft v\u00f6llig neu sind. Sens Stimme gegen den Reduktionismus, gegen Verk\u00fcrzungen des Menschen auf irgendwelche Dimensionen und insbesondere auf seinen kulturellen Hintergrund, ergibt sich aus der \u00dcberzeugung, dass die Kultur nicht unser Schicksal ist. Somit kann &#8222;Die Identit\u00e4tsfalle&#8220; als ein feuriges Pl\u00e4doyer f\u00fcr Anerkennung der Hybridit\u00e4t gedeutet werden.<\/p>\n<p>[1] <i>Huntington, Samuel <\/i>Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. M\u00fcnchen \/ Wien: Europa-Verlag 1996.<\/p>\n<p>[2] <i>Maalouf, Amin <\/i>M\u00f6rderische Identit\u00e4ten. Aus dem Franz. von Christian Hansen. Suhrkamp Frankfurt am Main 2000.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1920],"publikationen":[1225],"class_list":["post-11111","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-kornelia-konczal","publikationen-178-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Anti-Huntington - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/der-anti-huntington\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Anti-Huntington - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Armatya Sen pl\u00e4diert f\u00fcr die Anerkennung der Hybridit\u00e4t, Aus: vorg\u00e4nge Nr.178, Heft 2\/2007, S. 149-151 Ein weiteres Mal muss die von Michel Foucault gestellte Frage &#8222;Wen k\u00fcmmert\u00b4s, wer spricht?&#8220;, in der der franz\u00f6sische Philosoph die Figur des Autors zu einer v\u00f6llig unrelevanten Gr\u00f6\u00dfe heruntergespielt hat, positiv beantwortet werden: Auch wenn bestimmte Thesen in erkenntnistheoretischer Hinsicht [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/178-vorgaenge\/publikation\/der-anti-huntington\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2007-06-01T10:00:00+00:00\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"6\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/178-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-anti-huntington\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/178-vorgaenge\\\/publikation\\\/der-anti-huntington\\\/\",\"name\":\"Der Anti-Huntington - 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