{"id":11191,"date":"1988-01-15T23:00:00","date_gmt":"1988-01-15T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-wunder-von-st-pauli\/"},"modified":"1988-01-15T12:00:00","modified_gmt":"1988-01-15T11:00:00","slug":"das-wunder-von-st-pauli","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/das-wunder-von-st-pauli\/","title":{"rendered":"Das Wunder von St. Pauli"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 1-6<\/p>\n<p>Hamburg im November 1987. Als nach den Sch\u00fcssen an der Frankfurter Startbahn die Feinderkl\u00e4rung gegen \u00bbVermummte\u00ab einsetzte und wenig sp\u00e4ter Springer-Journalisten die ungeduldige Frage stellten, wann denn aus der Hafenstra\u00dfe geschossen werde, schien das letzte Gefecht unausweichlich. Noch wahrend an diesem Dienstag (3. November) einige tausend PolizeibeamtInnen in einem Schweigemarsch durch die Innenstadt zogen wurden in der Presse die ersten sachdienlichen Ger\u00fcchte kolportiert. Beamte der nahe gelegenen Davidswache h\u00e4tten in jener Nacht, als die Meldungen von der Startbahn gerade durch den Ticker gelaufen waren, das Knallen von Sektkorken und Leuchtraketen vernommen. Und dann soll da dieses merkw\u00fcrdige Transparent gewesen sein (ein zum Morgendienst fahrender Polizeibeamter ist der einzige, der es gesehen haben will): \u00bbZwei Morde sind nicht genug\u00ab.<\/p>\n<p>Nach dem ersten Ultimatum des Senats (31. Oktober) l\u00e4uft ein werteres ab (11. November); die bis sp\u00e4t in die Nacht diskutierende B\u00fcrgerschaft lehnt gegen die Stimmen der GAL-Frauenfraktion den vorliegenden Pachtvertrag ab. In derselben Nacht werden auf den Stra\u00dfen um die H\u00e4user Barrikaden errichtet und hier und da angez\u00fcndet. Die zun\u00e4chst \u00fcberraschte Polizeif\u00fchrung la\u00dft ihre Hundertschaften aufmarschieren; dahinter schwere Raumfahrzeuge, Bagger. Erstaunlich genug, aber ein Einsatz bleibt aus. Am n\u00e4chsten Tag sprecht der Innensenator von R\u00e4umung, deren Termin die Polizei sich aber nicht diktieren lasse.<\/p>\n<p>Am Samstag (14. November) wird eine Demonstration verboten und durch massive Polizeipr\u00e4senz auch verhindert. Die Stimmung ist \u00e4u\u00dferst gespannt,\u00a0Ger\u00fcchte jagen einander. Rechtsanwalt Blohm \u00fcberbringt als Bevollm\u00e4chtigter der Hafenstra\u00dfenbewohnerInnen den unterschriebenen Vertrag ins Rathaus, der so ein Vorschlag des FDP-Vorsitzenden Robert Vogel beim Oberlandesgericht 14 Tage hinterlegt werden soll, um dann in Kraft zu treten, wenn die Barrikaden und Befestigungen abgebaut worden sind. Der Koalitionsausschuss von FDP und SPD lehnt ab. Derweil wird drau\u00dfen auf dem Rathausplatz etwa zwanzig M\u00fcttern und V\u00e4tern, die sich um ihre Kinder aus der Hafenstra\u00dfe sorgen, ein Transparent von Polizisten entrissen: Die Regierenden beraten unter dem Schutz einer \u00bbBannmeile\u00ab. Am Montag (16. November), als der FDP-Landesvorstand sein \u00bbNein\u00ab verk\u00fcndet, ist der Tiefpunkt erreicht. Jetzt wird offen vom R\u00fccktritt des B\u00fcrgermeisters geredet; Erinnerungen an die letzten Tage von Hans-Ulrich Klose der sich mit seiner Option f\u00fcr den Ausstieg aus Brokdorf und der Atomenergie zu weit vorgewagt hatte, werden wach. Und viele erinnern sich mit Schrecken an die schon vor Wochen verk\u00fcndete verzweifelte Erkl\u00e4rung der BewohnerInnen, sie wollten ihre H\u00e4user \u00bbbis zum Tod\u00ab verteidigen.<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter, am Bu\u00df- und Bettag (Mittwoch, den 18. November), geben mehrere hundert Junge, aber auch \u00e4ltere Leute in sich l\u00f6sender, fast heiterer Stimmung daran, unter den Augen schaulustiger Anwohner und surrenden Fernsehkameras die Barrikaden abzubauen und von der Stadt bereitgestellte M\u00fcllcontainer zu f\u00fcllen. Aufgeschichtete Gehwegplatten werden zwar weniger akkurat, daf\u00fcr aber mit viel gutem Willen verlegt. Ein ger\u00fchrter Rundfunkreporter aus dem\u00a0\u00dc-Wagen vor Ort erz\u00e4hlt die Geschichte vom Gesetzlosen, der nicht davor zur\u00fcckschreckt, in deutscher Gr\u00fcndlichkeit den B\u00fcrgersteig zu fegen.<\/p>\n<p>Dazwischen\u00a0liegt etwas, das seit einer Randbemerkung des B\u00fcrgermeisters anl\u00e4sslich der Verk\u00fcndung seines allerletzten Ultimatums vom Dienstag (17. November) ratlos als \u00bbWunder\u00ab bezeichnet wird. In letzter Minute hat Klaus von Dohnanyi, gegen die FDP und die einflu\u00dfreiche Betonfraktion\u00a0in seiner eigenen Partei, mit pers\u00f6nlichem Mut und einer politisch klugen Taktik eine scheinbar unaufhaltsam n\u00e4her r\u00fcckende Konfrontation vermieden und, wie das bei Verhandlungsl\u00f6sungen \u00fcblich ist, einen Kompromiss erzielt, der vielleicht sogar auf Dauer tragf\u00e4hig sein wird. Diesen Befreiungsschlag hatte dem ehemaligen Ford-Manager und nicht einmal liberal profilierten Bonner Minister der Schmidt-Ara niemand zugetraut. Auch nicht in der GAL, wo nach dem Wahldesaster vom Mai gerade ein f\u00fcr \u00bbnicht verhandlungsf\u00e4hig\u00ab erkl\u00e4rter \u00bbTolerierungskatalog eingemottet worden war; ebenso wie eine Strategie der scheinbaren Tolerierungsbereitschaft, die von Dohnanyi nach der Dezemberwahl 1986 mit seiner harten Linie (\u00bbKeinen Millimeter mit der GAL\u00ab vordergr\u00fcndig plausibel gemacht hatte.<\/p>\n<p>Der ehemalige Bundeswehr-Major und CDU-Fraktionschef Perschau, der sich gerade aus der Hamburger Politik verabschiedet hatte und mit dem Kanzler durch Afrika jettete, kann den Abr\u00fcstungserfolg von B\u00fcrgermeister und Hafenstra\u00dfe nicht verwinden. Sein Selbstbezichtigungsschreiben, das mit dem aufatmenden Wort \u00bbEndlich&#8230;\u00ab beginnen sollte, mu\u00dfte er in der Jackettasche stecken lassen. Noch am 6. Oktober hatte er im \u00bbHamburger Abendblatt\u00ab kategorisch jeden Vertrag abgelehnt: \u00bbSolange die Bewohner dort wohnen, kann es keinen Frieden geben\u00ab. Sichtlich unter dem Schock des R\u00e4umungsentzuges stehend, versagte er es sich nach seiner R\u00fcckkehr, die arg zerkratzte Platte vom \u00bbrechtsfreien Raum\u00ab ein weiteres Mal aufzulegen. Stattdessen war nun weit D\u00fcstereres zu besorgen: Hatte doch \u00bbder Rechtsstaat\u00ab in dieser Stadt gerade abgedankt. Nur am Rande sei vermerkt, da\u00df f\u00fcr Perschau das eigentliche Wunder woanders liegen d\u00fcrfte, als \u00fcblicherweise vermutet. Wie es von Dohnanyi gelang, ausgerechnet im rechtsfreien Raum einen Vertrag abzuschlie\u00dfen, werden ihm hoffentlich seine Berater erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Rede vom imagin\u00e4ren \u00bbrechtsfreien Raum\u00ab hat nicht einmal AnarchistInnen aufhorchen lassen &#151; sind doch weder in Hamburg noch sonst irgendwo herrschaftsfreie Zonen in Sicht. Wom\u00f6glich verr\u00e4t dieser Begriff auch ganz andere Phantasien des CDU-Mannes. Im Raum Hafenstra\u00dfe k\u00f6nne frei von Recht die Gewalt der Exekutive inszeniert werden, welche sich damit von einer Legalit\u00e4t emanzipierte, die mit jeder Eingriffsgrundlage zugleich auch Fesseln anlegt.<\/p>\n<p>Ansonsten ist oft genug darauf hingewiesen worden, da\u00df gerade in St. Pauli bei weitem nicht jede Straftat auf das Konto der Hafenstra\u00dfe geht. Richtig ist ferner, da\u00df die Hamburger Polizeistatistik, interpretiert nach den hypertrophen Ma\u00dfst\u00e4ben des \u00bbrechtsfreien Raumes\u00ab, ganze Stadtteile als Gebiete des inneren Notstandes ausweisen mu\u00dfte. Au\u00dferdem braucht man die BewohnerInnen der besetzten Hauser keineswegs zu sanftm\u00fctigen Friedensl\u00e4mmern zu stilisieren, um eine defensive\u00a0Strategie der Polizei begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen (die \u00fcbrigens bei ihren verw\u00fcstenden Auftritten um die Jahreswende 1986\/87 nicht gerade Sympathiepunkte f\u00fcr die Staatsmacht gesammelt hatte). Seit wann d\u00fcrfen Wohnungen, in denen die Polizei einzelne Straft\u00e4ter vermutet, gleich H\u00e4userweise ger\u00e4umt werden. Au\u00dferdem gibt es keine oder nur sehr wenige strikten, d.h. alternativlosen gesetzlichen Handlungszw\u00e4nge f\u00fcr die Exekutive. Auch f\u00fcr die Barrikadennacht zum 12. November gilt, da\u00df die Polizei keineswegs immer mu\u00df, was sie vielleicht darf. Brennende Autos, kaputte Fensterscheiben und die Fl\u00fcssigkeit des Berufsverkehrs aus Blankenese wiegen nicht so schwer wie das Leben und die Gesundheit von Menschen. Der Verfassungsgrundsatz der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, der auch im Polizeirecht gilt, erlaubt flexible Einsatzkonzepte, zu denen auch das Nichteingreifen geh\u00f6rt (ein Argument \u00fcbrigens, das derzeit von den Bef\u00fcrwortern\u00a0des strafrechtlichen \u00bbVermummungsverbots vorgetragen wird). Mit dem ihr angedichteten Starrkrampf wird die Rechtsordnung der Bundesrepublik &#151; insoweit ganz zu unrecht &#151; nicht nur bei ihren Gegnern in Verruf gebracht.<\/p>\n<p>Das alternativlose Zuschlagen um jeden Preis ist kein Gebot eines rechtsstaatlichen Gesetzesvollzuges, sondern existiert nur in den mehr oder weniger gez\u00fcgelten Rachephantasien derjenigen, die lieber heute als morgen tabula rasa machen lassen m\u00f6chten. Ihr\u00a0 St\u00f6rerbegriff ist ma\u00dflos im Gegensatz zu \u00fcberkommenen polizeirechtlichen Standards: weil es um weit mehr geht als um die Bek\u00e4mpfung von Straftaten. Das eigentlich\u00a0Unverzeihliche an \u00bbder Hafenstra\u00dfe\u00ab ist nicht, da\u00df dort \u00bbgez\u00fcndelt\u00ab, sondern da\u00df dort anders gelebt wird. Ein Leben, das in der Vorstellungswelt eines F.K. Fromme \u00bbals eine autonome Insel in einer Ordnung\u00ab (FAZ, 20.11.1987) dem versunkenen Atlantis gleich phantastisch Gestalt angenommen hat.<\/p>\n<p>Die Staatsschutzspezialisten einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung haben\u00a0diesen Tagen weitere originelle Beitr\u00e4ge des Genres \u00bbJournalismus als Kriegstanz\u00ab vorgelegt. F.K. Fromme zum Beispiel hat sich nicht nur um eine rationale Variante der Schim\u00e4re \u00bbVermummungsverbot\u00ab verdient gemacht. Er sorgt sich auch um die Probleme, die das Falschparken unseren nicht autonomen Mitb\u00fcrgern bereitet. Unter dem trotz alledem hoffnungsfroh gestimmten Titel \u00bbDas ist kein sicherer Friede\u00ab fragt er im Stil jener vertrauten und gleichmacherischen Argumentationsfigur des \u00bbWenn -das-jeder- machen-wollte\u00ab: \u00bbSoll der Falschparker, von dem ein Ordnungsgeld verlangt wird&#8230; also zum Beispiel sein Automobil k\u00fcnftig quer auf die fragliche Stra\u00dfe stellen d\u00fcrfen, so lange, bis Verhandlungen mit der Ordnungsbeh\u00f6rde den &#8217;sozialen Konflikt&#8216; auf eine den Autofahrer zufrieden stellende Weise gel\u00f6st haben?\u00ab (FAZ, 20.11.1987).<\/p>\n<p>Schon tags zuvor war von F.U. Fack unter dem ebenso kurz angebundenen wie zerknirschten Titel \u00bbLegalisiert\u00ab zwar eine Gelassenheit zur Schau getragen worden, die in diesem Staat nichts mehr wundert: Denn \u00bbso, wie es um die staatliche Autorit\u00e4t hierzulande nun einmal bestellt ist, kann der Ausgang des Trauerspiels in der Hamburger Hafenstra\u00dfe nicht \u00fcberraschen\u00ab. Gleichwohl wurde nicht darauf verzichtet, doppelsinnig auf den \u00bbPreis\u00ab hinzuweisen, den der \u00bbRechtsstaat\u00ab habe, der samt des \u00bbRechtsfriedens . . . auf der Strecke\u00ab geblieben sei: \u00bb. . . wer ihn heute nicht erlegen(!) will, wird ihn morgen zu zahlen haben\u00ab.<\/p>\n<p>Auf der Titelseite eben derselben FAZ-Ausgabe vom 19. November hat Ernst-Otto Maetzke ein neues Buch kommentiert, das sein \u00bbGew\u00e4hrsmann\u00ab Kriele k\u00fcrzlich vorlegte (\u00bbDie demokratische Weltrevolution\u00ab). Man darf vermuten, da\u00df diese strategisch weit ausholende Buchbesprechung nicht von ungef\u00e4hr just in dem Augenblick publiziert wurde, als in Hamburg der Weg zu einer friedlichen L\u00f6sung freigemacht wurde. Maetzke redet programmatisch der Hegung einer gem\u00e4\u00dfigten Feindschaft das Wort und warnt vor der allseits erhobenen Forderung nach dem Abbau von Feindbildern. Den eigentlichen, der FAZ wohlbekannten \u00bbGew\u00e4hrsmann\u00ab dieser Denktradition, Carl Schmitt, erw\u00e4hnt er dabei nicht. Bekanntlich hatte dieser in der Schrift \u00bbDer Begriff des Politischen\u00ab 1932 seine Freund-Feind-Theorie entwickelt und das von allen weltanschaulichen, \u00f6konomischen usf. Motiven gereinigte Wesen des Politischen als die Bereitschaft zur physischen Vernichtung des eben existenziell Anderen bestimmt.<\/p>\n<p>Heutige B\u00fcrgerkriegsmentalit\u00e4t gibt sich aufgekl\u00e4rt und tritt als zynischer Realismus auf (eine Haltung, deren verdummende Faszinationskraft zuweilen auch links beobachtet werden kann). Matzkes Blick schweift in die Ferne, zu den \u00bbreale Feindschaften&#8230; zwischen Kabul und Beirut\u00ab. Dabei werden mit der zeltgem\u00e4\u00dfen Feinderkl\u00e4rung die M\u00f6glichkeiten des gesellschaftlichen Dialoges hier und heute verspielt. Undenkbar, jenseits der vordergr\u00fcndig konstruierten Alternative: Hinweg moralisieren von Konflikten oder Feinderkl\u00e4rung gibt es jedoch ein Drittes. W\u00e4hrend Vermummte und andere Menschen in der Hafenstra\u00dfe Barrikaden abbauen, wird in den Kommentarspalten der FAZ an verwitterten Bewu\u00dftseinsbarrikaden ideologisch aufger\u00fcstet.<\/p>\n<p>Das Frankfurter Allgemeine Sicherheitsbed\u00fcrfnis ist unantastbar. Es zu achten und zu sch\u00fctzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.<\/p>\n<p>Unerh\u00f6rtes ist in Hamburg geschehen. An die Stelle stummer Gewalt ist versuchsweise einmal die Versch\u00e4rfung von Kommunikation getreten. \u00dcberraschend hat die Staatsmacht darauf verzichtet, durch einen v\u00f6llig \u00fcberzogenen Polizeieinsatz die pathetisch \u00fcberh\u00f6hte Militanz von HausbesetzerInnen zur blutigen Realit\u00e4t zu eskalieren.<\/p>\n<p>Ein B\u00fcrgermeister hat einen seit \u00fcber f\u00fcnf Jahren schwelenden Konflikt, den er selbst und seine Senatsbeh\u00f6rden ma\u00dfgeblich mitgestaltet haben (vgl. Herrmann\u00a0\/ Lenger \/ Reemtsma \/ Roth, \u00bbHafenstra\u00dfe\u00ab. Chronik und Analysen eines Konflikts, Hamburg Oktober 1987), durch praktische politische Vernunft vorl\u00e4ufig entmilitarisiert. Er hat in einer festgefahrenen Situation ein konkret durchdachtes, abgestuftes und erf\u00fcllbares Ultimatum gestellt, das schon wegen seiner Details Ernsthaftigkeit signalisierte, oben-drein aber mir dem Versprechen eines Vertragsabschlusses gekoppelt war, f\u00fcr das der B\u00fcrgermeister \u00bbsein Wort verpf\u00e4ndete\u00ab . Er hat schlie\u00dflich einen der Sache nach seit dem Sp\u00e4tsommer ausgehandelten Vertrag unterzeichnet, der am Ende nur noch in der einzigen Frage strittig war, wann denn nun die Befestigung der H\u00e4user beseitigt werden solle. Ausnahmsweise wurde damit einmal auf beiden Seiten darauf verzichtet, deutsche Glaubenskriege um politische Symbolik bis zum bitteren Ende auszufechten.<\/p>\n<p>Die Leute aus der Hafenstra\u00dfe, stilisiert zur Inkarnation militanter Staatsfeindschaft, haben es ihrerseits gewagt &#151; wegen und trotz einer zusammengezogenen B\u00fcrgerkriegsarmee von 6 000 Polizisten und Bundesgrenzsch\u00fctzern &#151; dem \u00bbverpf\u00e4ndeten Wort\u00ab des B\u00fcrgermeisters ein St\u00fcck weit zu vertrauen und sich auf die Vorleistung des Barrikadenabbaus und der \u00bbEntfestigung\u00ab ihrer H\u00e4user einzulassen. Sie haben zudem Besonnenheit bewiesen, als noch am Donnerstag (19. November) Beamte von Kriminalpolizei und Post &#151; erstmals seit langem &#151; Ihre \u00bbrechtsfreien\u00ab R\u00e4ume nach dem Piratensender \u00bbRadio Hafenstra\u00dfe\u00ab durchsuchten und der \u00bbEntziehung elektrischer Energie\u00ab auf der Spur waren.<\/p>\n<p>Eine Ironle der ganzen Geschichte ist es, da\u00df ausgerechnet in Hamburg ein linker Million\u00e4r, der Philologe und Mitbegr\u00fcnder des<br \/>Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung, Jan Philipp Reemtsma, die politische Szenerie\u00a0 in Bewegung\u00a0setzte. Seit er im Fr\u00fchjahr 1987 mit seinem damals zwischen SPD und FDP zerredeten Vorschlag in die \u00d6ffentlichkeit ging, den Konflikt durch Kauf und \u00dcbereignung der H\u00e4user an eine selbstverwaltete Stiftung zu \u00bbentstaatlichen\u00ab , mehrten sich jedenfalls die Anzeichen, die f\u00fcr ein Umdenken wenigstens des B\u00fcrgermeisters sprachen (vgl. u.a. dazu den Hintergrundbericht\u00a0von Ute Scheub, Barrikaden und ver-r\u00fcckte Fronten, taz vom 1. Dezember 1987, S. 9f).<\/p>\n<p>Wenn Klaus von Dohnanyi neuerdings beharrlich von \u00bbden Bewohnerinnen und Bewohnern der Hafenstra\u00dfe\u00ab spricht, ahnt man, welche Lernprozesse auch bei ihm in Gang gekommen sind, seit er sich im Juli 1987 mit den \u00bbSchmuddelkindern\u00ab erstmals an einen Tisch setzte. Die k\u00fcnftige Entwicklung\u00a0ob er den Konflikt mit der Vernunft, die er zu guter letzt bewiesen hat, auch durchstehen kann, oder ob er nicht doch noch Angst vor der eigenen Courage bekommt &#151; so wie jetzt schon viele seiner ParteigenossInnen vor der des Regierungschefs. Zwar hat der SPD-Parteirat zum richtigen Zeitpunkt von Dohnanyis weiche Linie unterst\u00fctzt und entsprechend darf wohl ein Anruf des Bundespr\u00e4sidenten gedeutet werden). Es zeugt aber nicht gerade von politischem Selbstbewu\u00dftsein, wenn wenig sp\u00e4ter Hans-Joachim Vogel Rundfunkmeldungen zufolge verlautbaren l\u00e4\u00dft, in Hamburg habe man strikt verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gehandelt, weil es anderenfalls tote Polizisten h\u00e4tte geben k\u00f6nnen. Da\u00df die Sch\u00fcsse an der Startbahn auf beiden Seiten so manchen nachdenklich gemacht haben m\u00f6gen, steht auf einem anderen Blatt. Doch Politik f\u00fcr Minderheiten ist nur dann zu machen, wenn man sich davon emanzipiert, nach der kochenden Volksseele zu schielen. Da\u00df diese nicht immer so formiert sein mu\u00df, wie es die Springer-Presse suggeriert, zeigt eine \u00bbStern\u00ab-Umfrage (49\/1987). Wenn man ihr trauen darf, bef\u00fcrworten im nachhinein immerhin 73% der HamburgerInnen die friedliche Vertragsl\u00f6sung.<\/p>\n<p>Niemand kann heute sagen, ob es auf Dauer zu einer Normalisierung am Hafenrand kommen wird. Viel wird davon abh\u00e4ngen, ob die Vertreter der Ordnungsmacht gewillt sind, mit den BewohnerInnen der H\u00e4user wenigstens zu einer Art friedlichen Koexistenz zu gelangen. Andererseits darf darauf gesetzt werden, da\u00df die vom akuten R\u00e4umungsdruck endlich befreiten HausbesetzerInnen\u00a0sich jetzt auf Besseres besinnen k\u00f6nnen als auf die Perfektionlerung von Befestigungsanlagen.<\/p>\n<p>Zur Zeit werden die H\u00e4user winterfest gemacht;\u00a0die Stadt hat die ersten Gelder daf\u00fcr bereitgestellt. L\u00e4den und Werkst\u00e4tten sind\u00a0geplant. Vielleicht ist auch \u00bbRadio Hafenstra\u00dfe\u00ab am Tag des Barrikadenabbaus nicht das Letzte mal auf Sendung gegangen. Die Funkpiraten sollen schon bei der Hamburger Anstalt f\u00fcr Medien Erkundigungen \u00fcber die Lizenzvergabe eingeholt haben. Unterdessen berichtet die taz-Hamburg (30. November), im Stadion am Millerntor habe \u00bbfr\u00f6hlich die schwarze Piratenflagge geweht\u00ab. Der \u00bbJubel des Hafenstra\u00dfen-Blocks\u00ab galt dem Ex-Hafenstra\u00dfenbewohner Volker Ippig. Das \u00bbbegnadete Torwarttalent\u00ab von der Reservebank des FC St. Pauli war diesem Samstag der \u00bbHeld des Tages\u00ab, weil er f\u00fcr seine Mannschaft das\u00a01-0 gegen Solingen \u00fcber die 90. Spielminute rettete.<\/p>\n<p>Das Wunder von St. Pauli hat stattgefunden und war doch keins. Es dauerte auch, wie gew\u00f6hnliche Wunder das so an sich haben, l\u00e4nger als sein dramatischer Schlu\u00dfpunkt &#151; eben well es eine bewundernswerte Vorgeschichte hatte: B\u00fcrgerInnen dieser Stadt, GAL -Mitglieder,\u00a0evangelische Pastoren, Gemeindemitglieder,\u00a0eine Vermittlergruppe, Mitglieder der \u00bbPatriotischen Gesellschaft\u00ab und viele andere haben sich ausdauernd in eine \u00f6ffentliche Angelegenheit eingemischt.<\/p>\n<p>In Amsterdam, Kopenhagen oder Mailand \u00fcbrigens h\u00e4tte ein B\u00fcrgermeister den Erfolg einer politischen L\u00f6sung schwerlich als Wunder deklarieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Wunder ist, so der neue Brockhaus, \u00bbein Vorgang, der der Erfahrung oder den Naturgesetzen widerspricht\u00ab. Solange uns die Naturgesetze der hiesigen Sicherheitspolitik nicht wundern, wird das Wunder von St. Pauli eines bleiben.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1980],"publikationen":[1307],"class_list":["post-11191","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-horst-meier","publikationen-91-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Wunder von St. Pauli - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/das-wunder-von-st-pauli\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das Wunder von St. Pauli - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 1-6 Hamburg im November 1987. 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