{"id":11209,"date":"1988-01-15T19:50:00","date_gmt":"1988-01-15T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/neue-buecher-zumue-218\/"},"modified":"1988-01-15T12:00:00","modified_gmt":"1988-01-15T11:00:00","slug":"neue-buecher-zumue-218","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/neue-buecher-zumue-218\/","title":{"rendered":"Neue B\u00fccher zum \u00a7 218"},"content":{"rendered":"<p>Kritik<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 118-121<\/p>\n<p>Eigentlich reicht&#8217;s. Wir haben doch genug daneben geredet und geschrieben. Die geltende IndikationsregBlaug hat sich eingespielt und funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung ist toleranter geworden und will keine Versch\u00e4rfung des geltenden Rechts. Wir konnten uns also zufrieden geben?<\/p>\n<p>Im S\u00fcden der Republik wird es jedoch zu-nehmend schwieriger, einen legalen Schwangerschaftsabbruch erschaftsabbruch zu bekommen, Im Gesundheitsministerium l\u00e4\u00dft Rita S\u00fc\u00dfmuth an einem Beratungsgesetz basteln &#151; dieselbe, die vor den Wahlen gelobt hatte den 218 nicht anzur\u00fchren. Dieses neue Gesetz soll die Durchfuhreng des geltenden Rechts ganz erheblich erschweren. Bayern und Baden-W\u00fcrttemberg haben bereits eine eigene Bundesratsinitiative angek\u00fcndigt, falls Rita S\u00fc\u00dfmuth sich nicht beeilt. Und Herr Stoiber schwangt die Wortkeule: Wenn man schon nicht die IndikationsregBlaug selbst wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen kann da hat er momentan wenig Hoffnung), dann will er wenigstens den Schwangerschaftsabbruch umtaufen: T\u00f6tung menschlichen Lebens soll er in Zukunft hei\u00dfen.<\/p>\n<p>Also: der 218 ist leider wieder ein Thema. Und prompt erscheinen gleich mehrere B\u00fccher dazu. Vier von ihnen greife ich heraus und mit meinem liebsten fange ich an. Das Buch das ich nicht wieder weglegen konnte sondern in einem Zug verschlungen habe, ist<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Susanne von Paczensky: Gemischte Gef\u00fchle; Becksche Reihe 343 M\u00fcnchen 1987; DM 12,80<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein Sachbuch, das so fesselt, mu\u00df schon etwas besonderes an sich haben. In diesem Fall ist es die Emotionalit\u00e4t. Ja im Gegensatz zu den USA gibt es sie bei uns bisher nicht: Sachb\u00fccher, die einf\u00fchlsam sind. Dies Buch handelt von Gef\u00fchlen &#151; von den gemischten Gef\u00fchlen von Frauen, die ungewollt schwanger werden. Und ich erkenne mich wieder (und glaube viele Frauen ebenfalls):<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"left\">der Schrecken: ich bin schwanger;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">der Zorn: das h\u00e4tte nicht Passieren d\u00fcrfen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die Schuldgef\u00fchle \u00fcber die offenbar mangelhafte Verh\u00fctung;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die Zweifel: kann ich die Verantwortung f\u00fcr (noch) ein\u00a0Kind\u00a0tragen;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die Angst um den Partner;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">die Furcht vor der falschen Entscheidung und \u00fcber all dem noch zus\u00e4tzlich lastend\u00a0der\u00a0 Druck zur Geheimhaltung. In welcher Familie kann offen \u00fcber diese\u00a0Krisensituation gesprochen werden? In welchem Freundeskreis?<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Susanne von Paczensky hat ein Jahr lang an der Arbeit eines Familienplanungszentrums teilgenommen. Das Buch l\u00e4\u00dft fast ausschlie\u00dflich die betroffenen Frauen selbst zu Worte kommen. Die Sorgen sind oft \u00e4hnlich die Beweggrunde bei jeder Frau anders und jede Frau wird ernst genommen mit ihren gemischten Gef\u00fchlen. Es gibt ja durchaus auch positive Gef\u00fchle bei ungewollten Schwangerschaften: die Freude, fruchtbar zu sein, die Best\u00e4tigung, da\u00df aus dieser Liebe ein Kind werden k\u00f6nnte mit diesem Partner. Fast alle Frauen w\u00fcnschen sich ein Kind. Jede zweite Frau, die einen Abbruch erw\u00e4gt, ist bereits Mutter. \u00bbEs sind dieselben Frauen die unter bestimmten Umst\u00e4nden zur Abtreibung entschlossen sind und unter anderen Umst\u00e4nden liebevolle M\u00fctter.\u00ab Dies Buch will die Trenneng aufheben zwischen den sogenannten guten Frauen, die Kinder zur Welt bringen, und den schlechten Frauen, die abtreiben.<\/p>\n<p>Die Beratung vor dem Abbruch wird als das gesehen, was sie ist: eine Zwangsberatung, der alle Frauen in dieser Krise sich unterziehen m\u00fcssen. Eigentlich ist dies keine Situation die per se zwischen Beraterin und Beratenen Vertrauen schafft. Erstaunlich, da\u00df trotzdem viele Frauen offen \u00fcber ihre Situation reden wollen, vielleicht, weil sie sonst niemanden haben, dem sie sich anvertrauen k\u00f6nnen. Beraterinnen sto\u00dfen dabei durchaus auch an eigene Grenzen: \u00bbBeratung, und sei sie noch so gewissenhaft und gr\u00fcndlich, vermag die Menschen nicht zu \u00e4ndern und kann keine F\u00e4higkeiten wachrufen, die gar nicht vorhanden sind. Sie kann bestenfalls dazu beitragen, da\u00df ein Mensch seine eigenen M\u00f6glichkeiten besser wahrnimmt, zu den eigenen Kr\u00e4ften mehr Vertrauen gewinnt.\u00ab<\/p>\n<p>Die wirkliche \u00dcberraschung dieses Buches war f\u00fcr mich das Kapitel \u00bbzehn lange Minuten\u00ab, in dem die Verfasserin den tats\u00e4chlichen Eingriff beschreibt. Die \u00f6rtliche Bet\u00e4ubung, das Absaugen, der nur leicht ziehende Schmerz. Und dann die schockierende Frage \u00bbWillst Du Dir&#8217;s ansehen\u00ab? Die Erleichterung; es ist nichts als etwa ein Teel\u00f6ffel blutiger Schleim. Und danach kommt, jedenfalls im Familienplanungszentrum Hamburg, ein Liegebett im sonnigen Ruheraum, ein Wunschfr\u00fchst\u00fcck, ein Gespr\u00e4ch; so menschlich <i>kann <\/i>eine Abtreibung sein.<\/p>\n<p>Zeichnet sich das Buch von Susanne von Paczensky gerade eben durch menschliche W\u00e4rme aus, so handelt es sich bei den beiden folgenden Bechern um coole Sachb\u00fccher.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Herta D\u00e4ubler-Gmelin Renate Faerber&#150;Husemann: \u00a7 218 &#151; der t\u00e4gliche Kampf um die Reform; Verlag Neue Gesellschaft Bonn 1987, DM 19,80<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der einleitende R\u00fcckblick auf die Geschichte der Abtreibung beginnt mit Hexen und Hebammen, der unseligen Rolle der Kirche (ja, auch damals schon) und beschreibt dann den Kampf gegen diese Fessel in Paragraphenform in unserem Jahrhundert als historischen Kampf der SPD. In den zwanziger Jahren ging man noch von einer Million Abbr\u00fcchen pro Jahr aus, eine Zahl, die wir uns heute durch die damals fehlenden Verh\u00fctungsmittel leicht erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Ich denke, f\u00fcr junge Frauen ist gerade die Geschichte der Abtreibungspolitik ein St\u00fcck wichtiger Frauengeschichte, von der wir zu wenig wissen.<\/p>\n<p>Wir Lehrerinnen m\u00fc\u00dften in den Schulen mehr dar\u00fcber reden und daf\u00fcr bietet dieses Buch sicher n\u00fctzliche Beispiele. Die Verfasserinnen dokumentieren die Nachkniegsjahre, die erste Initiative zu einer Fristenregelung von der Humanistischen Union, die Durchsetzung eben dieser Fristenregelung in der sozialliberalen Koalition 1975, die Rolle der Frauenbewegung auf dem Wege dorthin &#151; und schlie\u00dflich das niederschmetternde Verfassungsgerichtsurteil, das alle Bem\u00fchungen wieder zunichte machte.<\/p>\n<p>Wenn das Buch dann allerdings zur Gegenwart kommt, wird es fragw\u00fcrdig. Kein Wort \u00fcber die Unw\u00fcrdigkeit der Zwangsberatungen;\u00a0 f\u00fcr die Verfasserinnen w\u00fcrde es gen\u00fcgen, wenn nur alles ungef\u00e4hr so bliebe, wie es ist.<\/p>\n<p>Mein Hauptvorwurf gegen dieses Buch ist, da\u00df es nicht die notwendigen logischen Schlu\u00dffolgerungen zieht. Die Autorinnen stellen zwar ganz richtig fest, da\u00df Verbote und Strafrechte noch nie getaugt haben, Schwangerschaftsabbr\u00fcche zu verhindern: \u00bbFrauen, die abgetrieben haben, geh\u00f6ren nicht vor den Richter.\u00ab Also m\u00fc\u00dfte die Konsequenz ja wohl hei\u00dfen: raus aus dem Strafrecht, fort mit dem \u00a7 218. Diese Konsequenz ziehen die Verfasserinnen aber leider nicht. Es gibt ja wohl keinen Zweifel, da\u00df sowohl Fristen- als auch Indikationsmodell jeweils <i>Straf<\/i>bestimmungen sind und so der Abbruch eben ein Straftatbestand bleibt.<\/p>\n<p>Die Verfasserinnen gehen davon aus, da\u00df das Bundesverfassungsgerichtsurteil jede andere M\u00f6glichkeit verbaut hat. Das aber meinen die Verfechterinnen der ersatzlosen Streichung nicht: Das Urteil hat festgestellt, da\u00df der Schutz des werdenden Lebens auch auf andere Weise erfolgen kann, als mit den Mitteln des Strafrechts &#151; und da genau gilt es einzuhaken.<\/p>\n<p>Die Inkonsequenz, einerseits Straffreiheit zu fordern und andererseits die Indikationsregelung zu akzeptieren, teilen die Verfasserinnen mit der momentanen Mehrheit in der SPD &#151; nur eine Minderheit in der ASF fordert die Abschaffung des Paragraphen. Schade, da\u00df gerade die prominenten Frauen der Partei nicht den Mut aufbringen, n\u00f6tige Forderungen zu stellen, und wenn es sein mu\u00df, gegen ihre m\u00e4nnlichen Genossen.<\/p>\n<p>Das zweite Fakten-Sachbuch zum Thema<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Verena Krieger: Entscheiden &#151; was Frauen und Manner \u00fcber den \u00a7 218 wissen sollten, Konkret Literaturverlag Hamburg 1987, DM 24.<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>zieht die notwendigen Konsequenzen. Die Verfasserin ist Feministin und Abgeordnete der GR\u00dcNEN im Bundestag. Sie fordert die ersatzlose Streichung des 218 und macht auch deutlich klar, warum. Vehement \u00e4u\u00dfert sie sich auch dagegen, immer nur soziale Mi\u00dfst\u00e4nde als Ursachen zu bejammern (was ja bedeuten wurde, da\u00df eine Welt denkbar w\u00e4re, in der keine Frau mehr abzutreiben br\u00e4uchte) &#151; Verena Krieger betont auch das Recht einer Frau, <i>grunds\u00e4tzlich<\/i> kein Kind zu wollen. Die Sprache ist angenehm munter, und unverbl\u00fcmt kn\u00f6pft sich die Verfasserin auch die eigenen Parteifreunde vor mit ihrer letztendlich eben auch frauenfeindlichen Alles-Leben-Sch\u00fctzenm\u00fcssen-Ideologie. Sogar unsere liebe Frauenbewegung kommt nicht ungeschoren davon. Die neue M\u00fctterlichkeit setzt wieder Muttersein als Norm und dr\u00e4ngt Selbstbestimmung in die Egoistenecke.<\/p>\n<p>Und welch F\u00fclle an Material! Hier handelt es sich nun wirklich um einen 218-Reader, wer Beispiele und Zitate braucht &#151; hier wird er sie finden. Allerdings beschr\u00e4nkt sich dieses Buch auf die Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p>Wer Vergleiche mit dem Ausland ziehen will, sollte eine vergleichende Studie zu Hilfe nehmen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>Evert Ketting und Philip van Praag: Schwangerschaftsabbruch, Gesetz und Praxis im internationalen Vergleich; Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Verhaltenstherapie, T\u00fcbingen 85, DM 21,80<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Diese Studie wurde noch von der SPD-Gesundheitsministerin Huber in Auftrag gegeben und 1984, fertiggestellt, vom neuen Gesundheitsminister Geissler erstmal unter Verschlu\u00df gehalten &#151; entsprach sie doch so ganz und gar nicht der jetzt erw\u00fcnschten Familienpolitik. Erst auf erheblichen \u00f6ffentlichen Druck wurde der Text publiziert. Er vergleicht Schweden, Danemark, England, Niederlande, \u00d6sterreich, Schweiz, Frankreich, Italien und USA mit der Bundesrepublik. Und letztere schneidet dabei schlecht ab.<\/p>\n<p>Holland ist das Land mit der freiesten Abtreibungsregelung und das Land mit den Prozentual wenigsten Abtreibungen. Erkl\u00e4rt wird dies von den Verfassern einleuchtend mit der umfassenden Aufkl\u00e4rung und Verf\u00fcgbarkeit von Verh\u00fctungsmitteln. Klar, da\u00df das kein willkommenes Forschungsergebnis f\u00fcr die jetzige Bundesregierung ist.<\/p>\n<p>Die historische Entwicklung, der Inhalt des jeweiligen Gesetzes und die tats\u00e4chlichen Auswirkungen werden in sehr sachlicher Form dargestellt &#151; nicht gerade ein Lesevergn\u00fcgen, aber ein n\u00fctzliches Nachschlagewerk. Schade nur, da\u00df die Studie sich auf die westlichen L\u00e4nder beschr\u00e4nken mu\u00dfte. Die Neugier auf die Situation in den Oststaaten bleibt unbefriedigt.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[504],"publikationen":[1307],"class_list":["post-11209","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heide-hering","publikationen-91-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Neue B\u00fccher zum \u00a7 218 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/neue-buecher-zumue-218\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Neue B\u00fccher zum \u00a7 218 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Kritik aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 118-121 Eigentlich reicht&#8217;s. 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