{"id":11210,"date":"1988-01-15T19:40:00","date_gmt":"1988-01-15T18:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sozialdemokratische-krisenpolitik\/"},"modified":"1988-01-15T12:00:00","modified_gmt":"1988-01-15T11:00:00","slug":"sozialdemokratische-krisenpolitik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/sozialdemokratische-krisenpolitik\/","title":{"rendered":"Sozialdemokratische Krisenpolitik"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 121-123<\/p>\n<p>Gegen Ende seiner Untersuchung \u00fcber \u00bbSozialdemokratische Krisenpolitik in Europa\u00ab (Frankfurt 1987, Campus, Reihe Theorie u. Gesellschaft Bd. 7 358 S. , 38 DM) stellt Fritz W. Scharpf fest: Die \u00bbunvermeidliche Anpassung der Nationalwirtschaften an die Zw\u00e4nge des internationalen Kapitalmarktes hat also ihre sozialdemokratische Theorie noch nicht gefunden.\u00ab (307)<\/p>\n<p>Damit ist, implizit das doppelte Ziel seiner Arbeit bezeichnet: zum einen die kritische Analyse keynesianisch angeleiteter Wirtschaftspolitik; zweitens: \u00fcber die Kritik hinaus die Richtung sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik unter ver\u00e4nderten weltwirtschaftlichen Bedingungen zu skizzieren. Scharpf untersucht die Wirtschaftspolitiken von vier europ\u00e4ischen Staaten vom Beginn der zweiten Weltwirtschaftskrise (1973\/74) bis zum sogenannten \u00d6lpreisschock (1979). Das Kriterium f\u00fcr die Auswahl der L\u00e4nder \u00d6sterreich, Schweden, Gro\u00dfbritannien und BRD war die Regierungst\u00e4tigkeit sozialdemokratischer Parteien w\u00e4hrend der Krisenperiode. Aufgrund Scharpfs professionellen Interesses an Fragen der Besch\u00e4ftigungsentwicklung und wegen des prim\u00e4ren Rangs der Vollbesch\u00e4ftigung f\u00fcr sozialdemokratische Politik ist sein Thema die Ermittlung der \u00bbBedingungen, unter denen westeurop\u00e4ische L\u00e4nder mit sozialdemokratisch gef\u00fchrten Regierungen die Ziele ihrer Wirtschaftspolitik und insbesondere das Vollbesch\u00e4ftigungsziel erreichten oder verfehlten.\u00ab (11)<\/p>\n<p>Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Zun\u00e4chst entfaltet Scharpf sein begriffliches Instrumentarium und stellt abstrakt die Wirkungsm\u00f6glichkeiten von Finanz-, W\u00e4hrungs- und Lohnpolitik dar. Es folgt die deskriptive Darstellung der Wirtschaftsentwicklung und -politik in den vier L\u00e4ndern. Im dritten Teil f\u00fchrt Scharpf die vergleichende Analyse staatlicher Wirtschaftspolitik durch. Hier geht der Autor von der Analyse zu Prognosen \u00fcber zuk\u00fcnftige Bedingungen wirtschaftspolitischen Handelns \u00fcber und gibt Empfehlungen aus sozialdemokratischer Perspektive.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re eine sterile \u00dcbung, Scharpf, der sich des \u00bbrational-choice\u00ab-Ansatzes bedient, der marxistische und neoklassische Wirtschaftstheorien verwirft und behauptet: \u00bbMan mu\u00df die theoretischen Erkl\u00e4rungen nehmen, wo man sie findet\u00ab (14), mit den Kategorien der Kritik der Politischen \u00d6konomie zu kritisieren. Deshalb hier nur zwei Anmerkungen:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<div align=\"left\">Die \u00bbunaufhebbare Krisentendenz des Kapitalismus\u00ab hervorzuheben, ist keineswegs dem Voluntarismus von Marxisten und Linkskeynesianern geschuldet. Die Erkl\u00e4rung der modernen Wirtschaftskrisen aus den Widerspr\u00fcchen der Verwertung des Werts ist allein in der Lage, die empirische Zyklizit\u00e4t der Krise zu begr\u00fcnden.<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">Scharpf stellt zu Beginn des analytischen Teils klar, da\u00df ausgerechnet die \u00bbInstitutionen auf Seiten des Kapitals\u00ab (210) von der Analyse der wirtschaftspolitischen Bedingungen ausgeschlossen werden. Er begr\u00fcndet dies<\/div>\n<\/li>\n<\/ol>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"left\">mit dem sozusagen apolitischen Charakter \u00bbmikro\u00f6konomischer Entscheidungen\u00ab<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"left\">mit dem erreichten Grad der Internationalisierung der Kapitalbewegung, die nationalstaatliche Wirtschaftspolitik transzendiert.<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Abstraktion von der Politik des Kapitals ist bereits innerhalb Scharpfs eigener Argumentation nicht schl\u00fcssig, da er international wirksame W\u00e4hrungsbewegungen und -politik durchaus als Bedingungen staatlicher Wirtschaftspolitik analysiert: analysieren mu\u00df.<\/p>\n<p>Scharpf beginnt die vergleichende Darstellung der Wirtschaftspolitik der vier Staaten mit der Feststellung, da\u00df \u00bbtrotz gleicher Priorit\u00e4ten und \u00e4hnlicher Ausgangsbedingungen\u00ab (79) die Weltwirtschaftskrise seit 1974 zu differenten Ergebnissen der wirtschaftlichen Entwicklung f\u00fchrte. Trotz der sozialdemokratischen Vollbesch\u00e4ftigungspriorit\u00e4t und bei \u00e4hnlichen weltwirtschaftlichen Bedingungen Entwicklungsimpulse durch den Nachkriegsboom, Betroffenheit durch die Dollar-Inflation, leichter Zugang zu Petrodollars recyklierenden internationalen Krediten) erreichte \u00d6sterreich die relativ besten Werte bei der Entwicklung von Bruttoprodukt, Arbeitslosigkeit und Inflation, wahrte Schweden einen hohen Besch\u00e4ftigungsstand zusammen mit hoher Inflation, hatte die BRD den gr\u00f6\u00dften Besch\u00e4ftigungsr\u00fcckgang bei relativ stabilen Preisen.<\/p>\n<p>Durch die Analyse der nationalstaatlichen Bedingungen der \u00bbkeynesianischen Koordination\u00ab, also die Abstimmung von expansiver Geld- und Finanzpolitik mit zur\u00fcckhaltenden Lohnabschl\u00fcssen will Scharpf die Gr\u00fcnde der differenten wirtschaftlichen Entwicklungsverlaufe ermitteln.<\/p>\n<p>Ins Zentrum der Untersuchung r\u00fcckt die Frage der Beeinflu\u00dfbarkeit der Lohnentwicklung. Hier machten sich Unterschiede des gewerkschaftlichen Organisationsstandes, der Integration und der Handlungstraditionen (Kooperationsbereitschaft in \u00d6sterreich, unberechenbares Auftreten in Gro\u00dfbritannien) und der Beziehungen zwischen sozialdemokratischer Partei und Gewerkschaftsbewegung geltend.<\/p>\n<p>Weitere Einflu\u00dffaktoren sind die Notenbank, die nirgendwo so autonom wie in der BRD handeln konnte, und die organisatorische Struktur des Staatsfinanzsystems. Scharpf zeigt, da\u00df die vergleichsweise beste Bew\u00e4ltigung der Krise, ablesbar an der Ent wicklung konventioneller Indikatoren: Produktion, Besch\u00e4ftigung, Preise, in \u00d6sterreich ihren Grund in der dort erreichten 0ptimalkonstellation der \u00bbkeynesianischen Koordination\u00ab hatte: nicht-restringierte Staatsschulden-Aufnahme und sozialpartnerschaftliche Kooperation und moderate Lohnforderungen der Gewerkschaften.<\/p>\n<p>In den anderen L\u00e4ndern (unkoordinierbare Gewerkschaften in Gro\u00dfbritannien, Zerfall der solidarischen Lohnangleichungs-Strategie in Schweden; monetaristischer Stabilit\u00e4tskurs der deutschen Bundesbank) wurde dieser Zustand nicht erreicht.<\/p>\n<p>Mit der Ver\u00e4nderung der weltwirtschaftlichen Bedingungen nach 1979 (zweite \u00d6lpreiserh\u00f6hung als \u00bbKrisenausl\u00f6ser\u00ab; Zunahme der international Anlage suchenden Finanzkapitalmassen; die Zinspolitik der US-Regierung; Nachfrage-Ausf\u00e4lle bei den verschuldeten L\u00e4ndern; Schwierigkeiten, Kredite f\u00fcr Staatsausgabenprogram me zu beschaffen) schwanden die M\u00f6glichkeiten keynesianischer Nachfragesteuerung. Verringerte politische Handlungsf\u00e4higkeit und konzeptionelle Schw\u00e4che der Sozialdemokraten f\u00fchrten zu b\u00fcrgerlich-konservativen Regierungs\u00fcbernahmen (GB 1979, BRD 1982). Mit der Feststellung des \u00bbZwangs zur angebotsorientierten Umverteilung\u00ab (306) geht Scharpf von der Analyse keynesianischer Wirtschaftspolitik-Praxis zur Frage \u00fcber, wie die Sozialdemokratie die \u00bbChance der wirtschaftspolitischen Gestaltung\u00ab (335) wiedergewinnen k\u00f6nne. Nichts f\u00fchre an der Hinnahme der \u00bbNiederlage im Verteilungskampf\u00ab und an der Erkenntnis der notwendigen \u00bbUmverteilung\u00ab von den Lohn- zu den Kapitaleinkommen vorbei (306) . An die Stelle der blockierten keynesianischen Koordination m\u00fcsse eine \u00bbsozialdemokratischen Kriterien gen\u00fcgende Version der Angebots\u00f6konomie\u00ab (332) treten. Als deren Elemente nennt Scharpf:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<div align=\"justify\">Produktivit\u00e4tsentwicklung, die die natio nale Weltmarktstellung verteidigt;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">Steigerung der Unternehmensertr\u00e4ge;<\/div>\n<\/li>\n<li>\n<div align=\"justify\">unter der Pr\u00e4misse, da\u00df die Massenarbeitslosigkeit ein \u00bbVerteilungsproblem\u00ab darstelle: \u00dcbernahme der Hauptlast zur \u00dcberwindung der Arbeitslosigkeit durch die Arbeitnehmer, das ad\u00e4quate Mrttel, fur das Scharpf schon langer wirbt: \u00bbkostenneutrale Arbeitsumverteilung durch Arbeitszeitverk\u00fcrzung\u00ab Scharpf 1986: 22).<\/div>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Den unverwechselbar sozialdemokratischen Touch bekommt dieses Rahmenprogramm kapitalistischer Krisenbereinigung durch Festhalten \u00bban den Zielen des demokratischen Sozialismus\u00ab (336)<br \/>\u00bbReformismus funktioniert vorz\u00fcglich in Zeiten der Hochkonjunktur, aber nur schlecht in der Krise.\u00ab Altvater 1977<\/p>\n<h5 align=\"justify\">Nachweise:<\/h5>\n<p>E. Altvater (1977): Staat und gesellschaftliche Reproduktion, in: V. Brandes (Hg.), Handbuch 5: Staat; Frankfurt<br \/>F. W. Scharpf (1986): Strukturen der post-industriellen Gesellschaft; in: Soziale Welt 37 Nr. 1<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1992],"publikationen":[1307],"class_list":["post-11210","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ulrich-rasche","publikationen-91-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sozialdemokratische Krisenpolitik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/91-vorgaenge\/publikation\/sozialdemokratische-krisenpolitik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sozialdemokratische Krisenpolitik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 91 (Heft 1\/1988), S. 121-123 Gegen Ende seiner Untersuchung \u00fcber \u00bbSozialdemokratische Krisenpolitik in Europa\u00ab (Frankfurt 1987, Campus, Reihe Theorie u. 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