{"id":11344,"date":"2016-08-15T09:20:00","date_gmt":"2016-08-15T07:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/viele-menschen-moechten-gern-eingreifen-und-etwas-aendern\/"},"modified":"2016-08-15T12:00:00","modified_gmt":"2016-08-15T10:00:00","slug":"viele-menschen-moechten-gern-eingreifen-und-etwas-aendern","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/viele-menschen-moechten-gern-eingreifen-und-etwas-aendern\/","title":{"rendered":"&#8222;Viele Menschen m\u00f6chten gern eingreifen und etwas \u00e4ndern&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Florian Mehnert. In: vorg\u00e4nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 131-135<\/p>\n<p><i>Der K\u00fcnstler Florian Mehnert erregte schon mehrfach mit Kunstprojekten und Ausstellungen zum Thema \u00dcberwachung internationale Aufmerksamkeit. Bei seinen &#132;Waldprotokollen&#147; h\u00f6rten im Wald versteckte Mikrofone die Gespr\u00e4che vorbeigehender Passanten ab und gaben deren Gespr\u00e4che preis. Mit den &#132;Menschentracks&#147; wies er anhand von Videosequenzen gehackter Smartphones auf die intimen \u00dcberwachungsm\u00f6glichkeiten dieser Ger\u00e4te hin, deren Kameras und Mikrofone sich aus der Ferne steuern lassen. <\/i><\/p>\n<p><i>Im vergangenen Jahr startete Mehnert sein Kunstexperiment &#132;11Tage&#147;. Dabei handelt es sich um die Live\u00fcbertragung aus dem Leben einer Ratte, die in einer wei\u00dfen Box gehalten wurde. An der Box war eine fernsteuerbare Waffe installiert, die \u00fcber das Internet ausgel\u00f6st werden konnte. Die Webcam, mit der das Geschehen \u00fcbertragen wurde, war auf dem Lauf der Waffe montiert, wodurch eine typische Egoshooter-Perspektive auf das Tier entstand. Nach 11 Tagen &#150; so die Ank\u00fcndigung des K\u00fcnstlers &#150; sollte die Waffe scharf gestellt werden, so dass die Ratte von jedem beliebigen Rechner oder Smartphone aus get\u00f6tet werden k\u00f6nne.<\/i><\/p>\n<p><i>Mit dem Kunstexperiment wollte Mehnert auf den Zusammenhang von \u00dcberwachung und Drohnenangriffen sowie die durch Computerspiele abgesenkte Hemmschwelle f\u00fcr gezielte T\u00f6tungen aufmerksam machen: Jeder kann zum anonymen T\u00e4ter werden. Mehnert hatte nie geplant, die Ratte wirklich t\u00f6ten zu lassen. Er beendete das Experiment nach sechs Tagen, nachdem er zahlreiche Drohungen erhalten hatte und die Polizei ihn zu einem Abbruch dr\u00e4ngte. \u00dcber die Wirkungen seines Experiments sprachen wir mit dem K\u00fcnstler.<\/i><\/p>\n<p><i>Als erstes w\u00fcrde mich interessieren, warum Sie ihr Experiment bereits nach sechs Tagen abgebrochen haben: Was waren die ausschlaggebenden Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/i><\/p>\n<p>Das waren im Prinzip mehrere Gr\u00fcnde. Der vorrangige Grund war\u00a0 f\u00fcr mich, dass ich nach sechs Tagen den Zenit des Projekts in Bezug auf seine Reaktionen und seine Reichweite erreicht hatte. Ich h\u00e4tte vielleicht noch ein paar mehr TV-Sender oder ein bisschen mehr Presse erreichen k\u00f6nnen &#150; aber mein grunds\u00e4tzliches Ziel, diese Kontroverse aufzuwerfen und einen Diskurs zu erzeugen, das hatte ich erreicht.<\/p>\n<p>Dann spielte mit hinein, dass der Shitstorm nach sechs Tagen f\u00fcr mich zur psychischen Belastung wurde. Anfangs dr\u00e4ngte ich den weg und das funktionierte auch ganz gut, weil ich einfach so viel zu tun hatte mit der \u00d6ffentlichkeitsarbeit f\u00fcr das Projekt. Aber dann wurde es ein sp\u00fcrbarer Druck. Ich finde das auch im Nachhinein interessant: Man spricht ja eigentlich mit niemandem, der einem da schreibt &#150; und dennoch entsteht so ein psychischer Druck, der einen tats\u00e4chlich belastet.<\/p>\n<p><i>Sie waren schon darauf eingestellt, dass es solche Reaktionen geben wird?<\/i><\/p>\n<p>Nicht in dieser Vehemenz. Ich war drauf eingestellt, dass Tiersch\u00fctzer sich melden w\u00fcrden oder demonstrieren in irgendeiner Form. Aber dass das Experiment so starke Aggressionen erzeugen w\u00fcrde, war mir nicht bewusst.<\/p>\n<p>Das war der zweite Grund f\u00fcr den Abbruch. Der dritte Grund war dann das Verhalten der Beh\u00f6rden, das Udo Kau\u00df in seinem Beitrag(1) auch beschreibt.<\/p>\n<p><i>Wieso?<\/i><\/p>\n<p>Das war unangenehm, weil sich dadurch eine Grauzone aufgetan hat. Ich fragte mich dauernd: Wieso kommen die zu mir? Wer schickt die, aus welcher Initiative heraus? Warum diese leeren Drohungen? &#132;Wir finden etwas! Wir haben zwar nichts in der Hand, aber wir finden etwas.&#147; In so einem Moment, wenn solche Drohungen ausgesprochen werden, da entwickelt man leicht Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p><i>Dann haben Sie sich zum Abbruch entschieden?<\/i><\/p>\n<p>Das hat dazu beigetragen, dass ich mir dann gesagt habe: Na gut, ich will den Bogen nicht weiter \u00fcberspannen; ich will nicht noch mehr Hass auf mich ziehen.<\/p>\n<p><i>Wenn Sie zur\u00fcck blicken &#8211; zu welchen Aspekten gab es die meisten R\u00fcckmeldungen: zur Frage des Tierschutzes, oder gab noch andere Aspekte und Themen, die Ihre Rezipienten angesprochen haben?<\/i><\/p>\n<p>Man muss sehen, dass die Problematik der \u00f6ffentlichen Rezeption darin liegt, dass im Grunde genommen eine Minorit\u00e4t, die am lautesten schreit, dadurch am meisten Geh\u00f6r bekommt &#150; obwohl die Mehrheit offensichtlich anderer Meinung ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass in den sozialen Medien die positive Bekundung immer weniger sichtbar ist als die negative. In den Onlinekommentaren habe ich manchmal Zwischenrufer gelesen, die sagten: &#132;Moment mal, das ist ja gar nicht so! Ihr spinnt doch, guckt doch mal genau hin!&#147;<\/p>\n<p>Zahlenm\u00e4\u00dfig, wenn ich es richtig im Kopf habe, war es so: Ich konnte rund hunderttausend registrierte bzw. eingeloggte Besucher auf der Seite des Experiments z\u00e4hlen, die an der Waffenshow und der Abschusssituation teilnahmen. Es gab sechs Petitionen, die einen Abbruch des Projekts forderten, mit insgesamt ca. 35.000 Unterzeichnern. Rund 400 Nutzer\/innen schrieben E-Mails an mich.<\/p>\n<p><i>Bei den 400 Personen, die Ihnen geschrieben haben, um welche Themen ging es da noch, au\u00dfer den Tierschutz?<\/i><\/p>\n<p>Abgesehen von den Drohungen, die nichts mit dem\u00a0 Tierschutz zu tun hatten, sondern einfach gegen meine Person gerichtet waren, da gab es nat\u00fcrlich positive R\u00fcckmeldungen, auch mit Absender, die sagten: Es ist gut, was Sie machen; Sie weisen da auf die Thematik hin in einer Art und Weise, die funktioniert. In den negativen Kommentaren lag der Fokus eigentlich immer auf der &#132;armen&#147;, &#132;bedrohten&#147; Ratte, die nichts f\u00fcr ihr Schicksal kann, die gerettet werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p><i>Haben die Identifikation mit dem &#132;armen Tier&#147; und die Wut auf Ihre vermeintliche Grausamkeit nicht das Anliegen des Experiments \u00fcberlagert?<\/i><\/p>\n<p>Nein, das denke ich nicht. Kritiker werfen mir das gerne vor, aber das sehe ich \u00fcberhaupt nicht so. Wenn ein Kunstprojekt so viele Reaktion weltweit hervorruft, dann zeigt das in erster Linie, dass das Projekt funktioniert, weil die Menschen darauf reagieren. W\u00fcrden sich die Menschen nicht angesprochen f\u00fchlen, w\u00fcrden sie nicht so stark darauf reagieren. F\u00fcr ein solches Kunstprojekt ist jede Reaktion, auch die Drohung mit Mord oder Gewalt, auch Beleidigung und Shitstorm, eine gute Reaktionen, weil dahinter viel Energie steckt.<\/p>\n<p>Und ich bin der Ansicht, dass viele der Leute letzten Endes \u00fcberfordert waren. Sie konnten die Situation nicht durchschauen; sie mussten als gegeben ansehen, dass die Ratte am Ende erschossen werden w\u00fcrde. Und sie waren auch \u00fcberfordert mit dem Sprung zur eigentlichen Thematik dahinter. Ihre Reaktionen sind, glaube ich, auch ein Sinnbild daf\u00fcr, dass viele Menschen in der Gesellschaft vor dieser Komplexit\u00e4t an Informationen und Problemen kapitulieren. Viele Menschen m\u00f6chten gern in so einem Fall wie dem von mir dargestellten Konflikt etwas \u00e4ndern, wollen eingreifen und sind bereit, sich zu mobilisieren &#150; nur sie wissen nicht, wie.<\/p>\n<p><i>Sie haben ja eigentlich die These aufgestellt, dass durch die Gamifizierung die Hemmschwelle zur T\u00f6tung von Lebewesen herunter gesetzt wird. Das ist eine g\u00e4ngige These von Spieleforschern, die ja vom Milit\u00e4r gewisserma\u00dfen best\u00e4tigt wird, wenn dort Computerspiele zur Anwerbung von Rekruten eingesetzt werden. Aber sind nicht gerade die w\u00fctenden Reaktionen auf Ihr Experiment auch ein Zeichen daf\u00fcr, dass diese Hemmschwelle doch noch nicht so niedrig ist, dass die Leute sich\u00a0 emp\u00f6ren und die Ratte retten wollen?<\/i><\/p>\n<p>Vielleicht ist das so. Ich denke aber auch, dass die heftigen Reaktionen eine Art \u00dcbersprungshandlung waren. F\u00fcr viele war das ein einfacher Impuls: Ratte retten, K\u00fcnstler bedrohen. Der Hinweis auf die Gamification bezieht sich nat\u00fcrlich auf Dealer und milit\u00e4rische Eins\u00e4tze. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich nicht, wie viele Gamer unter den Rezipienten tats\u00e4chlich waren. M\u00f6glicherweise kamen die Hassmails alle von Leuten, die sich nicht mit Computergames besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><i>Haben Sie die Gamerszene vielleicht gar nicht erreicht?<\/i><\/p>\n<p>Doch, es wurde in vielen Gamerforen dar\u00fcber geschrieben. Einige Gamer haben mir dann auch geschrieben, haben gelacht und gesagt: &#132;So&#8217;n Quatsch! Wir zocken seit zig Jahren Counterstrike und alles m\u00f6gliche, und sind doch keine Terroristen geworden.&#147; Das ist nat\u00fcrlich eine flache Argumentation, denn ich schneide auch mit meinem K\u00fcchenmesser Zwiebeln und ersteche deshalb niemanden. Nat\u00fcrlich geh\u00f6ren neben den Computergames noch mehr Gr\u00fcnde dazu, warum jemand gegen\u00fcber dem Gewalteinsatz so abstumpft. Aber ich denke, der gezielte Einsatz solcher Spiele durch das Milit\u00e4r zeigt, dass es funktioniert. Die Psychologen in der Armee haben da sicher mehr Erkenntnisse dr\u00fcber, sonst w\u00fcrden sie es nicht einsetzen.<\/p>\n<p><i>Was denken Sie, hat Ihre Installation zum Nachdenken \u00fcber \u00dcberwachen und Drohnen beigetragen?<\/i><\/p>\n<p>(Mehnert seufzt) Ich hoffe es! Es gab viele &#150; auch kritische &#150; \u00c4u\u00dferungen in E-Mails, die am Ende dennoch schrieben: &#132;Aber Sie haben mich zum Nachdenken gebracht.&#147; Ich hatte f\u00fcr die Rezipienten auf der Webseite eine Umfrage erstellt mit der Frage: Soll die Ratte am Leben bleiben oder nicht? Damit wollte ich so eine Art Spiegel f\u00fcr die Teilnehmer schaffen. Nat\u00fcrlich haben dort viele f\u00fcr das Leben der Ratte gestimmt, viele allerdings auch nicht. Das war nat\u00fcrlich auch ein spielerisches Element, um die Wirkungslosigkeit und die Unsinnigkeit solcher Votings sichtbar zu machen.<\/p>\n<p><i>Eine allerletzte Frage: Wurde eigentlich die Sichtbarkeit der Ratte von Rezipienten thematisiert, oder wurde die einfach so hingenommen? Die Kamera war ja Voraussetzung der ganzen Installation und ist wahrscheinlich eher positiv besetzt: nur durch die Kamera konnten die Zuschauer teilhaben am Schicksal des armen Tieres, es beobachten. Ich finde es ja erstaunlich, dass Sie \u00dcberwachung thematisieren wollen und daf\u00fcr eine Anordnung w\u00e4hlen, die die st\u00e4ndige Sichtbarkeit und Verf\u00fcgbarkeit voraussetzt. Deshalb w\u00fcrde mich interessieren, ob da jemand drauf geachtet hat.<\/i><\/p>\n<p>Nein, da haben die Leute nicht drauf geachtet.<\/p>\n<p><i>Sind wir schon so sehr ans Beobachten und Beobachtet-Werden gew\u00f6hnt?<\/i><\/p>\n<p>Das haben die Rezipienten v\u00f6llig au\u00dfer Acht gelassen, das waren f\u00fcr sie Selbstverst\u00e4ndlichkeiten &#150; im Unterschied zu den abgeh\u00f6rten W\u00e4ldern 2013, das hat die Leute damals schon gest\u00f6rt, das fanden\u00a0 die unversch\u00e4mt, abgeh\u00f6rt zu werden. Aber dass man die Ratte andauernd im Internet sehen kann, war f\u00fcr sie eigentlich selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p><i>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<br \/>Das Interview f\u00fchrte Sven L\u00fcders.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[139],"publikationen":[1432],"class_list":["post-11344","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-214-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Viele Menschen m\u00f6chten gern eingreifen und etwas \u00e4ndern&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/viele-menschen-moechten-gern-eingreifen-und-etwas-aendern\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Viele Menschen m\u00f6chten gern eingreifen und etwas \u00e4ndern&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Interview mit Florian Mehnert. 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