{"id":11346,"date":"2015-09-20T09:20:00","date_gmt":"2015-09-20T07:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wir-wollen-nicht-in-der-schweiz-oder-sonst-wo-sterben-sondern-zu-hause\/"},"modified":"2015-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2015-09-20T10:00:00","slug":"wir-wollen-nicht-in-der-schweiz-oder-sonst-wo-sterben-sondern-zu-hause","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/wir-wollen-nicht-in-der-schweiz-oder-sonst-wo-sterben-sondern-zu-hause\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir wollen nicht in der Schweiz oder sonst wo sterben, sondern zu Hause.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Forderung nach einem neuen Sterbepass. In: vorg\u00e4nge Nr. 210\/211 (2-3\/2015), S. 217-224<\/p>\n<p>Demenz als Alterskrankheit endet in den meisten F\u00e4llen mit st\u00e4rkster Hilflosigkeit. Um zu verhindern, im letzten Stadium &#132;dahinzusiechen&#147;, ist es hilfreich, sich vorher mit dem Verlauf der Krankheit auseinanderzusetzen. Wer dabei nicht in der letzten Phase &#132;zu Tode gepflegt&#147; werden m\u00f6chte, braucht eine Willensbekundung, die beispielsweise die Form eines &#132;Sterbepasses&#147; hat. Dieser kann, \u00e4hnlich wie die Patient_innenverf\u00fcgung, regeln, wie man sich eine freiwillige Beendigung seines Lebens w\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Ein Freund im Allg\u00e4u hat Alzheimer. Er ist 84 Jahre alt und merkt, dass seine Kr\u00e4fte schwinden. So will er nicht weiterleben, er st\u00fcrzt sich vom Balkon. Er f\u00e4llt in ein Geb\u00fcsch und \u00fcberlebt. Sp\u00e4ter versucht er es noch einmal, er geht zu einer hohen Br\u00fccke. Weil er aber in seiner Verwirrung barfu\u00df unterwegs ist und im Schlafanzug, rufen Passanten die Polizei, er wird wieder nach Hause transportiert. Zuletzt kommt er ins Pflegeheim, wo er bis zu seinem Tod vor sich hin d\u00e4mmert. Warum konnte er nicht seinen Arzt um Hilfe zum Sterben bitten? <br \/>Wir wollen uns nicht von der Br\u00fccke st\u00fcrzen m\u00fcssen und nicht vom Balkon. Wir stellen uns vor, dass man in Zukunft parallel zur Patient_innenverf\u00fcgung einen Sterbepass haben kann, in dem man festlegt, wie man, ohne k\u00f6rperlich todkrank zu sein, seinen Tod im Falle z.B. einer Demenz geregelt haben will. Wir reden hier von Demenz, weil viele von ihr ereilt werden: laut Alzheimer-Gesellschaft ist sie eine der h\u00e4ufigsten Alterskrankheiten. Die Auseinandersetzung \u00fcber die Sterbehilfe in Deutschland wird solange ein Thema sein, bis endlich \u00fcber die von den Menschen gew\u00fcnschte Hilfe beim Sterben positiv entschieden ist. <br \/>&#132;Grund f\u00fcr Sterbehilfe sind aber nicht nur unertr\u00e4glich Schmerzen, sondern auch der andauernde Verlust der pers\u00f6nlich empfundenen W\u00fcrde und des Lebenssinns oder die fehlende Aussicht auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation. (&#133;) Viele Menschen k\u00f6nnen sich f\u00fcr die eigenen Person eine aktive Sterbehilfe oder einen assistierten Suizid vorstellen, wenn sie Verrichtungen wie Essen, Atmen und zur Toilette gehen nicht mehr selbstst\u00e4ndig durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Nach einer neueren Spiegel-Umfrage (7.4.2007) beantworten 76% der befragten Deutschen die Frage &#132;Sollten unheilbar Erkrankte mit begrenzter Lebenserwartung ihr Leben mit \u00e4rztlicher Hilfe selbst beenden d\u00fcrfen?&#147; mit &#8218;Ja&#8216;.&#147; (Walter Jens\/ Hans K\u00fcng: &#132;Menschenw\u00fcrdig Sterben&#147;, S. 217f.) <br \/>Von \u00c4rzt_innen wird zwar immer wieder beteuert, bei richtiger Behandlung &#150; sprich Antidepressiva &#150; w\u00fcrden die Dementen ihren Sterbewunsch vergessen. Aber was ist mit denen, die sich nicht beruhigen lassen?<br \/>&#132;In vereinzelten F\u00e4llen wird es jedoch Demenzkranke geben, die sich ohne zus\u00e4tzliche Gesundheitsprobleme, frei von akuten Belastungen und unabh\u00e4ngig von anderen \u00e4u\u00dferen Faktoren sowie unter Abw\u00e4gung von Gr\u00fcnden und Gegengr\u00fcnden f\u00fcr eine vorzeitige Beendigung ihres Lebens entscheiden. Nach gewissenhafter Pr\u00fcfung der pers\u00f6nlichen Motive und nach Aussch\u00f6pfung aller Hilfsm\u00f6glichkeiten werden Angeh\u00f6rige und \u00c4rzte auch eine solche Entscheidung hinnehmen m\u00fcssen.&#147; (Prof. Dr. Alexander Kurz, Dr. Julia Hartmann, Klinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Klinikum rechts der Isar, TU M\u00fcnchen, in: Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Alzheimer Info, 1\/2010)<br \/>Ja, werden sie die Entscheidung nicht nur hinnehmen, sondern auch helfen?<br \/>Euthanasie <br \/>Ist aktive Sterbehilfe Euthanasie? Euthanasie hei\u00dft im Griechischen leichter Tod. Medizinisch wird der Ausdruck genutzt f\u00fcr &#8218;Erleichterung des Sterbens oder Herbeif\u00fchrung des Todes bei unheilbar Kranken&#8216;. Jede Verwendung des Wortes Euthanasie in diesem Zusammenhang trifft genau den Tatbestand &#150; das ist leichtes Sterben. Jeder Vergleich mit der Ermordung Behinderter im Nationalsozialismus ist schlicht b\u00f6swillig. Das, was wir wollen &#150; eine Verwirklichung des freien Willens &#150; wurde damals mit F\u00fc\u00dfen getreten. Das Euthanasieprogramm der Nazis war nicht Sterbehilfe, sondern staatlich angeordneter und staatlich organisierter Mord. Andere L\u00e4nder, Belgien z.B. benutzen dieses Wort im richtigen Wortsinn f\u00fcr Sterbehilfe. Die eigentliche Begr\u00fcndung f\u00fcr unsere Initiative ist das im Grundgesetz festgelegte Recht auf Selbstbestimmung.<br \/>Medien und Demenz <br \/>Die \u00f6ffentliche Diskussion in den letzten Jahren hat auf das Problem des Dahinsiechens bei fortschreitender Alzheimer-Erkrankung mehr und mehr aufmerksam gemacht. Walter Jens und Hans K\u00fcng haben im Jahre 1994 eine Diskussion dar\u00fcber er\u00f6ffnet, wie sie selbstbestimmt sterben m\u00f6chten, vorausgesetzt aktive Sterbehilfe w\u00fcrde endlich auch in Deutschland legalisiert.\u00a0 <br \/>Die Medien scheinen fasziniert von dieser Krankheit: Vom Film &#132;Liebe&#147; \u00fcber das medial begleitete Sterben von Walter Jens bis zu unz\u00e4hligen Talkshows und B\u00fcchern. Gern wurde empfohlen, das Buch &#132;Der alte K\u00f6nig in seinem Reich&#147; zu lesen: Liebevoll und mit Humor beschreibt ein Sohn darin seinen kranken Vater. Demenz ist gar nicht so schlimm? Fast eine Idylle? <br \/>Eigentlich wissen wir alle, dass diese Krankheit nicht so nett und freundlich ist. Der Verlauf ist ein st\u00e4ndiges Weniger, das Ende im D\u00e4mmerzustand ist sicher, kein Medikament kann diese Krankheit besiegen. Das Buch \u00fcber Walter Jens von seinem Sohn Tilman Jens (&#132;Demenz&#147;) ist da realistischer. Der Charakter seines Vaters ver\u00e4ndert sich bis hin zur Gewaltt\u00e4tigkeit. Seinen urspr\u00fcnglichen Vorsatz, bei drohendem Verlust seines Selbst lieber sterben zu wollen, hat er aus dem Ged\u00e4chtnis verloren. Warum konnte ihm niemand helfen?<br \/>Die Krankheit <br \/>Alzheimer ist nur eine Form der Demenz. Fr\u00fcher da waren alte Leute halt senil, vergesslich, t\u00fcddelig &#150; einen Namen gab es damals noch nicht. Es geh\u00f6rte meist einfach zum Altsein dazu wie die Falten, es wurde nicht eigentlich als Krankheit gesehen. <br \/>Heute ist Demenz als Krankheit anerkannt und wird in vielen Unterformen diagnostiziert. Einige davon kann man eventuell sogar heilen. Es gibt verschiedene Ursachen &#150; einige beruhen auf Alkoholmissbrauch oder Medikamentenvergiftung. Man spricht hierbei von sekund\u00e4rer Demenz. Dies sind aber nur 10% aller Demenzen &#150; 90% entfallen auf die prim\u00e4ren und in der Regel irreversibel verlaufenden Demenzen. <br \/>Die Demenz vom Alzheimer-Typ ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns, wobei die Nervenzellen im Gehirn unwiederbringlich zerst\u00f6rt werden. Die Mediziner_innen unterscheiden drei Stadien des Verlaufs, die flie\u00dfend ineinander \u00fcbergehen. Von den ersten erkennbaren Zeichen bis zum Tod dauert die Krankheit durchschnittlich sieben Jahre. Sie beginnt mit Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, Sprachschwierigkeiten und Orientierungsst\u00f6rungen. In diesem Stadium registrieren die Kranken meistens selbst ihre Ver\u00e4nderung und reagieren mit Angst und Zorn. <br \/>In der zweiten Phase verlieren sie ihre allt\u00e4glichen F\u00e4higkeiten, beim Waschen und Essen sind sie auf die Unterst\u00fctzung anderer Menschen angewiesen. Jetzt k\u00f6nnen die Patienten Verwandte nicht mehr beim Namen nennen, das Gef\u00fchl f\u00fcr Ort und Zeit geht verloren. Aggression und Depression treten h\u00e4ufig auf. In der dritten Phase sind die Kranken ganz auf fremde Hilfe angewiesen, sie brauchen Pflege rund um die Uhr. Sie verlieren die Kontrolle \u00fcber Darm und Blase. Sie werden bettl\u00e4gerig und sterben h\u00e4ufig an Lungenentz\u00fcndung. Die Ursache der Erkrankung ist, wie wir auch fr\u00fcher wussten, schlicht das Alter. Im Alter von 80 Jahren erkrankt etwa jede f\u00fcnfte Person, mit 90 Jahren ist jede_r Dritte betroffen.<br \/>Die Diagnose<br \/>Der Freitod von Gunter Sachs hat auf das Problem der Diagnose von Demenz aufmerksam gemacht. Diese Frage wird Jedermann und jede Frau f\u00fcr sich selbst entscheiden m\u00fcssen: will ich mich fr\u00fchzeitig um eine Diagnose bem\u00fchen, um dann selbst den Zeitpunkt meines Sterbens zu bestimmen? Will ich es lieber gar nicht wissen?<br \/>Gibt es einen richtigen Zeitpunkt f\u00fcr eine Diagnose? Soll ich bei meinen ersten Zweifeln zum Arzt gehen, peinliche Situationen erleben, weil ich einfache Fragen nicht beantworten kann und von nun an mit der Gewissheit leben muss, es geht bergab? Oder lebe ich weiter drauflos, entscheide mich, mein Restleben zu genie\u00dfen und den Abbau zu riskieren? Diese Diskussion wurde bisher nicht gef\u00fchrt und scheint uns immens wichtig.<br \/>\u00c4rzte\/\u00c4rztinnen, die Alzheimer Gesellschaft und auch das Gesundheitsministerium raten streng zur fr\u00fchzeitigen Diagnose. <br \/>&#132;Bei Alzheimer erm\u00f6glicht ein fr\u00fchzeitiges Erkennen den Betroffenen sich mit der Krankheit und ihren Folgen auseinanderzusetzen, bevor sie die F\u00e4higkeit dazu verlieren&#147; (Bundesministerium f\u00fcr Gesundheit).<br \/>Wenn ich bestimme, dass ich nicht am Lebensende dement dahinsiechen will, muss ich mich also entscheiden. Bei einer rechtzeitigen Diagnose kann ich assistierten Freitod w\u00e4hlen. Riskiere ich den Verlust meiner Entscheidungsf\u00e4higkeit, bleibt Sterben auf Verlangen mit Hilfe meines Sterbepasses.<br \/>Wenn ich nicht mehr entscheiden kann<br \/>F\u00fcr diesen endg\u00fcltigen Zustand haben die Amerikaner die drastische und wenig respektvolle Bezeichnung des &#132;living vegetable&#147; &#150; also lebendige Pflanze. Als living vegetable m\u00f6chte ich nicht weiter leben. Eine K\u00f6rperh\u00fclle, die nur noch von anderen versorgt, gef\u00fcttert, ges\u00e4ubert und entleert wird &#150; das entspricht nicht meiner Vorstellung von Menschenw\u00fcrde.<br \/>Wenn es passieren sollte, dass mein Wille, jetzt zu sterben, nicht mehr deutlich erkennbar ist, dann muss doch mein gesunder Wille von vorher gelten und nicht mein jetziger getr\u00fcbter Zustand. Auch f\u00fcr diesen Fall m\u00f6chte ich vorsorgen. Falls ich den richtigen Zeitpunkt verpasse, meine Liebsten schon nicht mehr erkenne und bereits wegd\u00e4mmere, dann m\u00f6chte ich, dass meine Familie und mein Arzt mir helfen, einzuschlafen. Ich m\u00f6chte mich von meiner Familie verabschieden k\u00f6nnen und zu Hause im eigenen Bett sterben. Das will ich vorher im gesunden Zustand verf\u00fcgen. Ich kann nur hoffen, dass mein Wille dann auch respektiert wird. Diesen allerletzten &#132;Liebesdienst&#147; erbitte ich von meiner Umwelt. <br \/>&#132;Indem wir seinen Willen respektieren, erweisen wir dem Patienten die letzte Ehre, weil wir Gedanken ber\u00fccksichtigen, die sich der Patient \u00fcber das Leben machte, und nicht das menschliche Wesen in Betracht ziehen, das nicht mal mehr um seine Existent wei\u00df&#147;. (Ein holl\u00e4ndischer Arzt in der Zeitung de Volkskrant, 16. 5. 2013)<br \/>Die Person stirbt, bevor der K\u00f6rper sterben kann &#150; Koma <br \/>Wenn mich mein Verstand verl\u00e4sst, soll ich dazu gezwungen sein, bis ans bittere Ende am Leben zu bleiben? In der Patient_innenverf\u00fcgung k\u00f6nnen wir Vergleichbares zum Koma verf\u00fcgen. Dort kann ich im Voraus festlegen, dass ich nicht l\u00e4nger gepflegt werden will, wenn klar ist, dass mein Ich, mein Geist, nicht wieder zur\u00fcckkehren wird. Demenz hei\u00df genau dieses: Meine geistigen F\u00e4higkeiten verlassen mich und werden nicht mehr zur\u00fcckkehren. Die Person stirbt, bevor der K\u00f6rper sterben kann. <br \/>Wohin bei Demenz?<br \/>Ins Heim?<br \/>Wer sich einmal den Schock zumuten will, geht in ein Pflegeheim zu den Demenzkranken und erlebt Menschen, deren K\u00f6rper noch anwesend ist, deren Geist sich aber davon geschlichen hat. Auch die beste Pflege kann die Grausamkeit der Krankheit nicht lindern.<\/p>\n<p>Aus pers\u00f6nlichen Aufzeichnungen vom Besuch bei einer Demenzkranken im Heim: <br \/>2012 : Sie will fliehen und fleht, sie mitzunehmen<br \/>2012 : Sie spricht nicht mehr, nur noch Laute<br \/>2012 : Sie ist angeschnallt<br \/>2013 : Sie erkennt mich nicht mehr und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an<br \/>2013 : gro\u00dfe Unruhe, unkontrollierte\u00a0 Bewegungen<br \/>2014 : der Kopf ist kahl geschoren, sie hat sich die Haare ausgerissen&#133;<\/p>\n<p>Fast immer besteht Personalmangel, sodass die Patient_innen haupts\u00e4chlich allein gelassen werden. Eine Palliativversorgung f\u00fcr Sterbende kann hier nicht geleistet werden, daf\u00fcr ist das Personal nicht ausgebildet. Auch ein Wechsel f\u00fcr die letzten Lebenswochen in ein Hospiz oder zu einer Palliativstation ist nicht m\u00f6glich, daran wird auch das neue Palliativgesetz nichts \u00e4ndern. <br \/>In Wohngemeinschaften?<br \/>Die menschlichere Alternative versprechen seit Neuestem Wohngemeinschaften von Dementen und deren Pflegepersonal. Hier leben sie familien\u00e4hnlich zusammen und sollen sich am Alltag in der Gruppe beteiligen. Jede_r kann da seine F\u00e4higkeiten einbringen? Verzeihung, aber das z\u00f6gerliche Schnippeln von Karotten soll zum sinnvollen Lebensinhalt hochstilisiert werden? Und wir wissen leider, auch mit der K\u00fcchenarbeit wird bald Schluss sein&#8230;<br \/>Ins Hospiz oder auf die Palliativstation?<br \/>Hospize sind eigene Einrichtungen, die Patient_innen nur zum Zweck des m\u00f6glichst schmerzfreien Sterbens begleiten. Palliativstationen hingegen sind Sonderabteilungen, die einzelne Krankenh\u00e4user eingerichtet haben. Die Aufnahme in beide Institutionen setzt voraus, dass offiziell das Therapieziel ge\u00e4ndert wird: Das Ziel ist nicht mehr das Heilen der Krankheit oder die Lebensverl\u00e4ngerung, sondern die Begleitung beim Sterben. 90% dieser Patient_innen haben Krebs im Endstadium. Die Pflege ist intensiv und teuer und von den Kassen deshalb zeitlich begrenzt. F\u00fcr Demenzkranke im Endstadium f\u00fchlen sich weder Hospiz noch Palliativstationen zust\u00e4ndig, aktive Sterbehilfe wird dort abgelehnt, Assistenz beim Freitod ebenso. <br \/>Andere L\u00e4nder<br \/>Das erste Land, das Euthanasie entkriminalisierte, war 1942 die Schweiz. Dann kamen 2001 Niederlande, 2002 Belgien, 2009 Luxemburg, 2015 Kanada und Kolumbien dazu. Nachdem in den USA der Supreme Court 1997 entschieden hat, dass der Tod kein von der Verfassung gesch\u00fctztes Rechtsgut ist, stellte er es den einzelnen Staaten frei, wie sie assistierten Suizid regeln wollen. Kurz darauf wurde in Oregon ein Gesetz erlassen, das \u00c4rzt_innen erlaubt, t\u00f6dliche Medikamente zu verschreiben f\u00fcr Patient_innen, die weniger als 6 Monate leben werden. 2008 folgte Washington mit einem \u00e4hnlichen Gesetz, schlie\u00dflich 2009 Montana und 2013 Vermont.<br \/>Das belgische Gesetz ist heute das liberalste. Es erlaubt Euthanasie bei Patient_innen, die an Krankheiten leiden, die ihnen unertr\u00e4gliches k\u00f6rperliches oder mentales (!) Leiden verursachen. Einer der Mitinitiatoren des Gesetzes, Prof. Wim Distelmans von der freien Universit\u00e4t Br\u00fcssel, sagt: &#132;Wer bin ich denn, um Patienten davon zu \u00fcberzeugen, dass sie l\u00e4nger leiden m\u00fcssen, als sie wollen? &#147; Distelmans gr\u00fcndete die Organisation LEIF (Life End Information Forum), die Sterbewillige \u00fcber die medizinischen und rechtlichen M\u00f6glichkeiten ber\u00e4t. Die meisten Patient_innen, die Sterbehilfe bekamen, hatten Krebs, aber es gab auch F\u00e4lle von Autismus, Borderline, L\u00e4hmung und Taub-Blindheit.<br \/>Bei Todgeweihten m\u00fcssen in Belgien zwei \u00c4rzt_innen entscheiden, bei Nicht-Todgeweihten drei. In die Richtung unserer Initiative f\u00fcr einen Sterbepass geht in Belgien Prof. Etienne Vermeersch. Er arbeitet momentan daran, dass das belgische Gesetz erweitert wird: auch Demenzkranken soll dann Euthanasie gew\u00e4hrt werden, wenn sie diesen Wunsch vorher artikuliert haben1.<br \/>Hilfe zum Freitod auch bei Demenz erlauben<br \/>Eine Idee der Humanistischen Union hat sich durchgesetzt: wer heute eine Patient_innenverf\u00fcgung haben will, findet sie \u00fcberall, es gibt ein vielf\u00e4ltiges Angebot von Vordrucken. Alle regeln, was im Ernstfall zur Linderung angewendet werden soll und was zu einer Lebensverl\u00e4ngerung zu unterlassen ist &#150; in unterschiedlicher Konsequenz, je nach Herausgeber. Demenz wird hier und da erw\u00e4hnt. Aber auch dabei geht es nur um Unterlassen von lebenserhaltenden Ma\u00dfnahmen im Endstadium, d.h. wenn keine Nahrung mehr aufgenommen werden kann. Keine Patient_innenverf\u00fcgung befasst sich mit dem Freitod. Die Humanistische Union hat sich bisher daf\u00fcr eingesetzt, dass der &#132;Schweiz-Tourismus&#147; \u00fcberfl\u00fcssig wird, indem \u00c4rzt_innen erlaubt wird, auch in Deutschland Hilfe zum Suizid zu leisten. <br \/>Die \u00f6ffentliche Diskussion der letzten Jahre hat auf das Problem des Dahinsiechens bei fortschreitender Demenz oder Alzheimer aufmerksam gemacht. Eine Regelung f\u00fcr einen w\u00fcrdigen Tod, wenn uns der Verstand verl\u00e4sst oder verlassen hat, gibt es nicht.<br \/>Wir fordern deshalb die Humanistische Union auf, sich f\u00fcr die M\u00f6glichkeit und Straffreiheit eines assistierten Freitods in Deutschland einzusetzen &#150; sowohl bei k\u00f6rperlichem als auch bei geistigem Verfall.<br \/>Sterbepass <br \/>In einem Sterbepass wollen wir 2 unterschiedliche Ausgangslagen regeln:<\/p>\n<p>A) Ich entscheide (evtl. aufgrund einer Diagnose), dass ich meinem Leben ein Ende setzen will. Ich bitte einen Arzt, mir das n\u00f6tige Medikament f\u00fcr einen sanften Tod zu verschreiben. Ich bin noch selber in der Lage, das Medikament einzunehmen. <br \/>F\u00fcr diesen Fall muss Folgendes ge\u00e4ndert werden:<\/p>\n<p>1. es darf keine gesetzliche Einschr\u00e4nkung der Assistenz zum Suizid geben<br \/>2. das berufsrechtliche Verbot der Assistenz zum Suizid in 10 Landes&#150;\u00c4rztekammern muss aufgehoben werden<br \/>3. das Bet\u00e4ubungsmittelrecht (BTMG) muss ge\u00e4ndert werden: das Verbot der Verschreibung todbringender Mittel muss beseitigt werden.<br \/>\u00a0 <br \/>B) Wenn ich nicht mehr selbst entscheiden kann, dann w\u00fcnsche ich aktive Sterbehilfe, auch im Falle von Demenz. F\u00fcr diesen Fall m\u00fcssen ebenso die Bedingungen 1-3\u00a0 ge\u00e4ndert werden und zus\u00e4tzlich <br \/>4. muss der \u00a7\u00a0216 StGB (T\u00f6tung auf Verlangen) erg\u00e4nzt werden, so wie es die HU schon lange fordert.2<\/p>\n<p>HEIDE\u00a0HERING\u00a0\u00a0 Jahrgang 1938, Gymnasiallehrerin f\u00fcr Kunstgeschichte und Politik, geh\u00f6rte von 1975-1981 dem Bundesvorstand der Humanistischen Union an. Vielseitiges Engagement zu Gleichstellungsfragen, \u00a7\u00a0218, Initiierung des Kongresses &#132;Emanzipation der M\u00e4nner&#147; (1975), Erarbeitung von Forderungen f\u00fcr ein Antidiskriminierungsgesetz f\u00fcr die Bundesrepublik (1978). Vorschl\u00e4ge zur Erweiterung der Frauenrechte im Grundgesetz (Frauen in bester Verfassung) f\u00fchrten ma\u00dfgeblich zu einer Erg\u00e4nzung des Art. 3(2) GG: seit 1994 ist Frauenf\u00f6rderung ein Staatsziel. Hering ist seit 1997 Mitglied des Vorstand der Petra-Kelly-Stiftung, engagiert sich dort u.a. f\u00fcr Geschlechterdemokratie und &#132;Gender politics&#147;.<br \/>HELGA\u00a0KILLINGER\u00a0\u00a0 Jahrgang 1938, ist Mitglied der Humanistischen Union seit den 1960er Jahren. Von 1975 bis 1997 war sie Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der HU in M\u00fcnchen. Aktuelles Interesse: Aktive Sterbehilfe.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[504,355],"publikationen":[1433],"class_list":["post-11346","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heide-hering","autoren-helga-killinger","publikationen-210-211"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>&quot;Wir wollen nicht in der Schweiz oder sonst wo sterben, sondern zu Hause.&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/wir-wollen-nicht-in-der-schweiz-oder-sonst-wo-sterben-sondern-zu-hause\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"&quot;Wir wollen nicht in der Schweiz oder sonst wo sterben, sondern zu Hause.&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Forderung nach einem neuen Sterbepass. 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