{"id":11373,"date":"2011-09-13T12:30:00","date_gmt":"2011-09-13T10:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft\/"},"modified":"2011-09-13T12:00:00","modified_gmt":"2011-09-13T10:00:00","slug":"an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft\/","title":{"rendered":"An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S-42-53<\/p>\n<h5><span id=\"1-einleitung\">1. Einleitung<\/span><\/h5>\n<p>Die Idee des Fortschritts in der europ\u00e4ischen Moderne erm\u00f6glichte der Menschheit einen gro\u00dfen Sprung nach vorne, sie war aber zugleich verbunden mit Naturvergessenheit, einer steigenden Abh\u00e4ngigkeit vom wirtschaftlichen Wachstum und einer \u00d6konomisierung des Denkens. Diese &#132;andere Seite&#148; des Fortschritts f\u00e4llt heute wie ein Bumerang auf die unvollendete Moderne zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Kapitalistische Marktwirtschaften waren in der Verwirklichung von Wachstum und Wohlstand bisher besonders &#132;<i>effizient<\/i>&#148;. Das bedeutet jedoch nicht, dass die kommunistischen Planwirtschaften oder diverse &#132;Dritte Wege&#148; weniger wachstumsorientiert waren oder sind. Nat\u00fcrlich gab es unterschiedliche Auspr\u00e4gungen und Sichtweisen von Wachstum, Wohlstand und Fortschritt. Sie unterlagen immer einem Wandel, wobei die Dominanz der \u00d6konomie in der Entwicklung der Gesellschaft von zentraler Bedeutung war. <i>Karl Polanyi <\/i>kritisierte die &#132;Entbettung&#148; der \u00d6konomie als &#132;Marktgesellschaft&#148;. Sie wurde in der Zeit des Wohlfahrtsstaates im westlichen Teil der Welt halbwegs in Grenzen gehalten bis es zum neoliberalen Finanzkapitalismus kam. Mit ihm einher ging in den letzten vier Jahrzehnten eine Schw\u00e4che der europ\u00e4ischen Moderne, in der die \u00f6kologischen, sozialen und auch \u00f6konomischen Grenzen des Wachstums immer sichtbarer wurden. Sp\u00e4testens nach dem Zusammenbruch der zweigeteilten Welt wurde der finanzmarktgetriebene Kapitalismus zum Weltmodell und zugleich dessen selbst- und umweltzerst\u00f6rende Kehrseite immer offensichtlicher. Um ihn zu \u00fcberwinden, sind Strukturreformen notwendig, die den Weg in eine &#132;Postwachstumsgesellschaft&#148; weisen.<\/p>\n<h5><span id=\"ii-die-januskoepfigkeit-der-moderne\">II. Die Janus&shy;k&ouml;p&shy;fig&shy;keit der Moderne<\/span><\/h5>\n<p>Im Zentrum der europ\u00e4ischen Moderne steht die Idee der Aufkl\u00e4rung mit der darin enthaltenen Lichtmetaphorik (Erleuchtung!). Die Lichtmetaphorik stellte dem &#132;finsteren Mittelalter&#148; ein neues &#132;helleres Zeitalter&#148; entgegen. Historisch kommt ihr eine stark religi\u00f6se Bedeutung zu, urspr\u00fcnglich verstanden als L\u00e4uterung des Menschen auf dem Weg zu Gott. Beispielhaft steht daf\u00fcr Pilgrim&#8217;s Progress von John Bunyan aus dem Jahr 1678, der &#132;Weg der Christenmenschen zu Gott&#148;. Die Auseinandersetzung zwischen dem &#132;Anciens et Modernes&#148;, der Streit zwischen der alten und neuen Zeit, war zwischen 1680 und 1720 ein tiefer Einschnitt in der Herausbildung der europ\u00e4ischen Moderne. Nach den dunklen Erfahrungen der Religionskriege verbanden sich mit der Aufkl\u00e4rung progressive wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Entwicklungen, deren Errungenschaften im 18. Jahrhundert epochal wurden. Die franz\u00f6sische Revolution schuf die Voraussetzungen f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft und die Herausbildung des Nationalstaates. In Frankreich war es das Siecle des Lumieres. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich auch der englische Begriff Enlightenment durch.<\/p>\n<p>F\u00fcr Immanuel Kant ist Aufkl\u00e4rung der &#132;Ausgang des Menschen aus seiner selbst-verschuldeten Unm\u00fcndigkeit&#148;. Die Ann\u00e4herung an Freiheit und eine vernunftorientierte Gesellschaft wurden, wie Max Weber sie charakterisierte, zur &#132;europ\u00e4ischen Rationalit\u00e4t mit Weltbeherrschung&#148;. Sie wurde zum Sinn der Zivilisationsgeschichte, vorangetrieben durch die Entr\u00e4tselung und Beherrschung der Materie und die Nutzung technischer Rationalit\u00e4t. Zur wichtigsten Aufgabe wurde die Emanzipation und Befreiung des Menschen von Kr\u00e4ften und M\u00e4chten, Lehren und Dogmen, die unterdr\u00fcckten und abh\u00e4ngig machten. Zu den Mitteln ihrer Verwirklichung wurden Vernunft als universelle Urteilsinstanz, die Hinwendung zu den Naturwissenschaften in der Erkenntnistheorie, Toleranz gegen\u00fcber anderen Weltanschauungen und die Orientierung am Naturrecht.<\/p>\n<p>Grundlagen der Emanzipation waren eine allgemeine P\u00e4dagogik, die Presse- und Meinungsfreiheit, ein modernes Staatswesen und die Garantie der B\u00fcrger- und Menschenrechte. Seitdem gilt Vernunft als das wichtigste Prinzip, das der Wirklichkeit Sinn, Struktur und Ordnung verleiht. Gemeint ist das Verm\u00f6gen, aus eigenen Grunds\u00e4tzen zu urteilen (theoretische Vernunft) und\/oder zu handeln (praktische Vernunft).<\/p>\n<p>Der theoretische Vernunftbegriff sieht das menschliche und\/oder g\u00f6ttliche Erkenntnisverm\u00f6gen als Voraussetzung, um allgemeine Schl\u00fcsse zu ziehen und regulative Prinzipien entwickeln zu k\u00f6nnen. Im engeren Sinne begr\u00fcndet Immanuel Kant Vernunft als die F\u00e4higkeit, nach dem Unbedingten zu suchen, nach der objektivierenden Erkenntnis. W\u00e4hrend die klassischen Rationalisten wie Rene Descartes, Gottfried Wilhelm Leibniz oder Benedictus Spinoza alle Wissenschaft und Philosophie ohne Sinnlichkeit als &#132;reine Vernunft&#148; verstehen, machte es sich Kant in seiner Kritik an den Rationalisten und Empiristen zur Aufgabe, den Gebrauch der reinen Vernunft zu relativieren und sie genauer in Umfang und Grenzen zu bestimmen.<\/p>\n<p>Unter praktischer Vernunft verstand Kant das Verm\u00f6gen, Handlungen an ethischen Prinzipien auszurichten. Sie haben bei ihm nicht nur einen von der Theorie abgeleiteten, sondern auch einen selbstst\u00e4ndigen Status. Es sei n\u00e4mlich nicht m\u00f6glich, alles mit Hilfe theoretischer Vernunft zu begr\u00fcnden, so k\u00f6nne auch die Intensit\u00e4t der Intuition oder die Sinnlichkeit eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>Die dunklen Seiten einer kalten Rationalit\u00e4t arbeiteten sp\u00e4ter Max Horkheimer und Theodor Adorno heraus. F\u00fcr sie war in der &#132;instrumentellen Vernunft&#148; auch ein Scheitern der Aufkl\u00e4rung angelegt. In dem Versuch, die Natur zu beherrschen, entfalte sich eine Form technischer Rationalit\u00e4t, die in einer verwalteten Welt als &#132;Herrschaft&#148; zur\u00fcckschlage und durch \u00f6konomische Macht sogar vollends annulliert werden k\u00f6nne.Mit dieser zugespitzten These reagierten Adorno und Horkheimer auf den &#132;Zusammenbruch der b\u00fcrgerlichen Zivilisation&#148; und ihr Versinken in der Barbarei des Faschismus.<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen Habermas beschrieb eine Janusk\u00f6pfigkeit der europ\u00e4ischen Moderne, zu der leider auch die menschenverachtende Pervertierung der technischen Rationalit\u00e4t geh\u00f6rt, deren schlimmste Auswirkungen die Menschheit im 20. Jahrhundert, dem &#132;Jahrhundert der Extreme&#148; (Eric Hobsbawm), erfahren musste.<\/p>\n<p>Gegen diese &#132;dunkle Seite&#148; behauptete sich ein Begriff der Aufkl\u00e4rung, dessen Ziel die Emanzipation des Menschen und der gesellschaftliche Fortschritt war. Ihnen lag die aus der Antike stammende Vorstellung einer &#132;Stufenleiter des Seins&#148; (Scala naturae) zu Grunde, die die Lebewesen bis hin zu den komplexesten Erscheinungen hierarchisch ordnet und fortschreibt. Die europ\u00e4ische Moderne orientierte auf ein lineares Zeitverst\u00e4ndnis und verband es mit einer Wendung der heilsgeschichtlichen Erwartungen ins S\u00e4kulare. Das ist die Folie, auf die sich die modernen Fortschrittsvorstellungen beziehen: fortschreitende Naturbeherrschung, wachsender Wohlstand, Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit sowie die Vervollkommnung des Menschen, bei Philosophen der fr\u00fchen Aufkl\u00e4rung auch die \u00c4chtung von Spiel, Sinnlichkeit und Eros. Liebe habe sich, so beispielsweise der Naturphilosoph Francis Bacon, auf die Fortpflanzung zu beschr\u00e4nken und sei als Freundschaft gerade noch akzeptabel.<\/p>\n<p>Die Theorie des Fortschritts ist die Verzeitlichung der Seinspyramide, eng verkn\u00fcpft mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft. In dieser scheinbar selbstl\u00e4ufigen Fortschrittswelt ist die Naturvergessenheit (G\u00fcnter Altner) in Erkenntnismustern und Handlungsgewohnheiten ebenso angelegt wie die im 19. Jahrhundert immer st\u00e4rker werdende Wachstumsorientierung, die mit einer selbstgewiss demonstrierten Weltanschauung keine R\u00fccksicht auf die &#132;begrenzte Kugelfl\u00e4che&#148; der Erde (Immanuel Kant) nimmt und die vier Haupts\u00e4tze der Thermodynamik (der W\u00e4rmelehre) ignoriert.<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen Krisen der Gegenwart &#150; Klimawandel, Rohstoffknappheit und die Ausrottung der Biodiversit\u00e4t &#150; sind ein Ergebnis dieses Zerst\u00f6rungskrieges. Der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck der Menschen ist bereits so gro\u00df, dass&#8217;schon im August eines Jahres die biologische Jahreskapazit\u00e4t verbraucht ist. Und in Deutschland nutzen allein die Menschen in den drei gr\u00f6\u00dften St\u00e4dten Berlin, Hamburg und M\u00fcnchen nat\u00fcrliche Ressourcen in einem Umfang, die erst die gesamte Fl\u00e4che unseres Landes hergibt. Der eindrucksvolle Aufruf &#132;Friede mit der Natur&#148; von Klaus Michael Meyer-Abich, G\u00fcnter Altner und Udo Simonis nannte dieses Naturverst\u00e4ndnis eine unausgesprochene Kriegserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Die Alternative ist nicht die romantische Vorstellung eines idyllischen Friedens zwischen dem Menschen und der nichtmenschlichen Natur. Die Menschen kommen gar nicht darum herum, die Natur f\u00fcr unsere Zwecke zu nutzen. Doch es geht um die Frage, wie das geschieht. Notwendig ist die Einsicht, dass wir uns selbst sch\u00e4digen, wenn wir meinen, uns \u00fcber die Natur erheben zu k\u00f6nnen. Als Teil der Natur k\u00f6nnen wir nur mit der Natur und nicht gegen sie \u00fcberleben und in W\u00fcrde leben.<\/p>\n<p>Genau besehen war und ist das Verh\u00e4ltnis der Moderne zur Natur und zur K\u00f6rperlichkeit des Menschen ambivalent. Neben dem beschriebenen kriegerischen Verh\u00e4ltnis gab und gibt es eine von Epikur herr\u00fchrende positive Sicht des Materiellen und des K\u00f6rperlichen, die eine gelassene und partnerschaftliche Art des Umgangs mit der Naturnahelegt. Freilich ist diese Str\u00f6mung im Zuge des wissenschaftlich-technischen und \u00f6konomischen Fortschritts an den Rand gedr\u00e4ngt worden.<\/p>\n<p>Die Ambivalenz im Verh\u00e4ltnis zur Natur ergab sich auch aus der konkreten Realit\u00e4t, denn mit der Pest erreichte die Sterblichkeit am Beginn der Neuzeit eine neue Dimension. Weil der Tod in der Natur angelegt ist, konnte sie nicht nur als Feind gesehen, sondern musste auch als Hilfsobjekt genutzt werden, um mit ihrer Hilfe Krankheiten zu bek\u00e4mpfen und Leben zu sch\u00fctzen. Der Tod konnte nicht verdr\u00e4ngt werden. Sowohl in der religi\u00f6sen als auch in der weltlichen Deutung des Fortschritts spielt zudem die Polarit\u00e4t der Geschlechter eine nicht unwichtige Rolle, ebenso in der Bewertung der Natur. Das M\u00e4nnliche steht gemeinhin f\u00fcr den Geist, das Weibliche f\u00fcr den K\u00f6rper. Entsprechend wurde bei John Bunyan die Versuchung und S\u00fcnde symbolisiert durch die K\u00f6rperlichkeit der Frau, der der Fortschrittspilger kraft seiner m\u00e4nnlichen Geistigkeit zu widerstehen hatte.<\/p>\n<p>Als Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt sp\u00e4testens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und \u00f6konomische Entwicklung. Sie wurde &#150; nicht nur f\u00fcr Marxisten, sondern auch f\u00fcr Liberale &#150; der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere galt als abgeleitete M\u00f6glichkeit, Folgeerscheinung oder \u00dcber-bau. Entsprechend wurde Fortschrittspolitik ganz wesentlich zur F\u00f6rderung des wissenschaftlich-technischen und \u00f6konomischen Fortschritts, f\u00fcr den fr\u00fchen politischen Liberalismus und die sozialdemokratische Arbeiterbewegung immer auch, aber eben in Abh\u00e4ngigkeit von diesem Basisprozess, soziale, politische und kulturelle Emanzipation.<\/p>\n<p>Hierin zeigt sich in ausgepr\u00e4gter Weise, dass die Geschichte des Fortschritts in der europ\u00e4ischen Moderne sowohl janusk\u00f6pfig als auch unvollendet geblieben ist. Dennoch ist sie nicht so falsch, wie sie manchmal in einer meist postmodern inspirierten Deutung hingestellt wird. Immanuel Kant und auch der angeblich so naive Aufkl\u00e4rer Ephraim Lessing teilten die ihnen h\u00e4ufig unterstellte totale Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit nicht.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Schwachstellen ist, dass der technische Fortschritt urspr\u00fcnglich als Hebel zur Befreiung und Emanzipation der Menschen verstanden wurde, aber die Vordenker der europ\u00e4ischen Moderne vor 200 und mehr Jahren sich die Herausforderungen der heutigen &#132;\u00fcberbev\u00f6lkerten, verschmutzten, st\u00f6ranf\u00e4lligen und ungleichen Welt&#148;, wie sie der Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen beschreiben hat, einfach nicht vorstellen konnten. Das traditionelle Fortschrittsdenken ging von einem fehlenden, zumindest einem falschen Naturverst\u00e4ndnis aus. Die Natur wurde nicht als Mitwelt verstanden, sondern als etwas &#132;Weibliches&#148; gedacht, das beherrscht werden m\u00fcsse. Es wurde ignoriert, dass Wertvermehrung immer auch Wertvernichtung ist. Alle \u00f6konomischen Prozesse haben den &#132;doppelten Charakter&#148;, weil monet\u00e4r bemessene Werte produziert und gleichzeitig unvermeidlich Stoffe und Energie verbraucht werden. So wer-den zwar gew\u00fcnschte Gebrauchswerte produziert, aber auch Abf\u00e4lle, Abgase und Abwasser, die in den Schadstoffsenken der Erde entsorgt werden. Daher gibt es einen Kipppunkt, an dem Vorteile in Gefahren umschlagen.<\/p>\n<p>Die moderne Steigerungsprogrammatik mit ihrer Beschleunigungsdynamik und der falschen Gleichsetzung des Wachstums mit Fortschritt verdr\u00e4ngt die Grenzen, die sich aus der Endlichkeit der Erde ergeben, heute zugespitzt durch die nachholende Industrialisierung und das Bev\u00f6lkerungswachstum. Die &#132;Entbettung&#148; der Wirtschaft aus der Gesellschaft durch die \u00f6konomische Dynamik f\u00fchrt zur &#132;Marktgesellschaft&#148;. Karl Polanyi sah hierin die Ursache f\u00fcr die gro\u00dfen Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Tats\u00e4chlich blieb die politische Modernisierung immer wieder hinter den wirtschaftlichen Prozessen zur\u00fcck, was massive Ersch\u00fctterungen und tiefe Krisen ausl\u00f6ste. Das ist auch heute der Fall, wo der Wachstumszwang Gesellschaft und Wirtschaft in Geiselhaft genommen hat und den Menschen zunehmend die Freiheit nimmt.<\/p>\n<p>Dabei gab es in der ldeengeschichte der Moderne immer auch eine kritische Sicht auf den Fortschrittsgedanken. Jean-Jacques Rousseau sprach beispielsweise von der modernen Zivilisationsentwicklung als Verfallsgeschichte, Walter Benjamin deutete den Fortschritt als Prozess der Zerst\u00f6rung, Novalis nannte die Moderne einen &#132;langsamen, wohldurchdachten Zerst\u00f6rungskrieg gegen die Natur&#148;. Doch in erster Linie lieferte die Geschichte der europ\u00e4ischen Moderne eindrucksvolle Beispiele von Fortschrittlichkeit: Die fortschreitende Nutzung von Natur und Technik, die Verbesserung von Gesundheit und Nahrungsversorgung, ein l\u00e4ngeres Leben, globale Mobilit\u00e4t oder die Steigerung des Wohlstands und verf\u00fcgbarer Informationen. \u00dcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume ist auch, wie Dieter Senghaas am Beispiel der europ\u00e4ischen Geschichte herausgearbeitet hat, eine Zivilisierung und Steigerung der Sittlichkeit festzustellen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war die Emanzipation des Menschen, die zur franz\u00f6sischen Revolution, den gro\u00dfen Menschenrechtsbewegungen und der Entfaltung der Demokratie gef\u00fchrt hat, eine wertvolle Errungenschaft. Auf der anderen Seite gab es aber eben auch dunkle Perioden menschlicher Barbarei, die Eric Dunning, Sch\u00fcler von Norbert Elias, als &#132;dezivilisatorischen Downswing&#148; bezeichnet hat und dessen schlimmstes Beispiel der Holocaust im letzten Jahrhundert war.<\/p>\n<p>Das Wachstums- und Fortschrittsdenken ist also ambivalent: Ohne die &#132;Grenzenlosigkeit&#148; bis hin zur &#132;Ma\u00dflosigkeit&#148; w\u00e4re die okzidentale Dynamik des Fortschritts nicht vorstellbar gewesen. Kreativit\u00e4t, Innovationen oder Originalit\u00e4t sind mit dem Drang verbunden, Grenzen zu \u00fcberschreiten. Die andere Seite sind jedoch Gier und Machstreben, Ausgrenzung der Natur und ein permanenter Verwertungszwang, die ohne institutionelle Arrangements, die von der Politik und der Zivilgesellschaft zu organisieren sind, in \u00f6konomische Krisen, soziale Ungleichheiten und in \u00f6kologische Katastrophen f\u00fchren.<\/p>\n<h5><span id=\"die-idee-des-fortschritts\">Die Idee des Forts&shy;chritts<\/span><\/h5>\n<p>Im 19, und beginnenden 20. Jahrhundert verengte sich das Fortschrittsdenken immer st\u00e4rker auf das Wachstum von Wirtschaft und Technik, nicht aus Selbstzweck, sondern in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. In dieser Vorstellung waren dem menschlichen Verstand und seiner Gestaltungskraft keine Grenzen gesetzt und der Mensch konnte &#150; in alle Zeiten hinein &#150; umgestalten, verbessern und sich vorw\u00e4rts bewegen. Fort-schritt wurde zur Entdeckung und Entr\u00e4tselung und damit zur Beherrschung von Natur und Technik.<br \/>Der Mensch kann schon auf Erden sein Gl\u00fcck finden, durch die &#132;Selbstproduktion von Gesellschaft&#148; (Alain Touraine), also der Gestaltung von Wirtschaft und Gesell-schaft nach sozialen und politischen Zielen. Darin liegt die Idee des Fortschritts: der Glaube, dass sich die Gesellschaft vorw\u00e4rts bewegt &#150; und zwar in die erw\u00fcnschte Richtung. Allein die Akkumulation der Errungenschaften muss einen Wissensfortschritt mit sich bringen, der eine h\u00f6here Qualit\u00e4t des Lebens m\u00f6glich macht. Die gro\u00dfe Hoffnung auf eine rational begr\u00fcndete, sichere und fortschreitende Welt, wie sie Gottfried Wilhelm Leibniz Ende des 17. Jahrhunderts definierte, hat sich tief im modernen Menschen- und Gesellschaftsbild eingenistet. Danach l\u00e4uft alles im Sinne einer &#132;perfectibilite&#148; ab. Eine Vervollkommenbarkeit, ohne dass dieser Prozess zu Ende geht, wenn sich &#150; aufkl\u00e4rerisch gesprochen &#150; die Menschheit Tag f\u00fcr Tag f\u00fcr mehr &#132;Befreiung&#148; einsetzt<br \/>und sie verwirklicht.<\/p>\n<p>Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Vernunft, bedeutete die Idee der Vervollkommnung die Entfaltung der Humanit\u00e4t, so beispielsweise beschrieben von Johann Gottfried Herder oder Ephraim Lessing. Auch die Enzyklop\u00e4disten der Franz\u00f6sischen Revolution waren von dem Gedanken \u00fcberzeugt, dass sich die Menschheit durch eine fortschreitende Weltkenntnis von den Grund\u00fcbeln des Lebens befreien k\u00f6nne &#150; von Leid und Schmerz, von Elend und Krankheit.<\/p>\n<p>Als entscheidende Basis des innerweltlich verstandenen Fortschrittsprozesses galt sp\u00e4testens seit dem 18. Jahrhundert die wissenschaftlich-technische und \u00f6konomische Entwicklung. Sie wurde nicht nur f\u00fcr Marxisten, sondern auch f\u00fcr Liberale der feste Unterbau des Fortschritts, alles andere abgeleitete M\u00f6glichkeit, Folgeerscheinung und \u00dcberbau. Entsprechend hie\u00df Fortschrittspolitik im Wesentlichen die F\u00f6rderung der \u00f6konomisch-technischen Entwicklung. In Abh\u00e4ngigkeit von diesem Basisprozess stand f\u00fcr den fr\u00fchen politischen Liberalismus und gro\u00dfe Teile der Arbeiterbewegung immer auch die soziale, politische und kulturelle Emanzipation der Menschen.<\/p>\n<p>Die Unterstellung, dass die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte unter allen Umst\u00e4nden positiv sei, weil sie prinzipiell den Fortschritt f\u00f6rdert, hat die Arbeiterbewegung nach den Anf\u00e4ngen der Maschinenst\u00fcrmerei zum Vorreiter der modernen Industriegesellschaft gemacht. Selbstbewusst hie\u00df es: &#132;Mit uns zieht die neue Zeit.&#148; Dabei wurde die auch vorhandene Gewaltt\u00e4tigkeit des Fortschrittsprozesses lange Zeit \u00fcbersehen.<\/p>\n<h5><span id=\"naturvergessenheit\">Naturvergessenheit<\/span><\/h5>\n<p>Instrumentelle Vernunft und technische Rationalit\u00e4t geh\u00f6ren zum modernen Fortschritts- und Freiheitsdenken, um von den Naturgewalten unabh\u00e4ngiger zu werden. Die europ\u00e4ische Moderne radikalisierte einen Gegensatz Mensch &#150; Natur. John Locke, Ideengeber der &#132;Bill of Rights&#148; vertrat schon Ende des 17. Jahrhunderts die Auffassung: &#132;Die Negation der Natur (ist) der Weg zum Gl\u00fcck&#148;. Kurz: Die Menschen m\u00fcssten sich vollst\u00e4ndig von der Natur befreien. Der franz\u00f6sische Aufkl\u00e4rer Rene Descartes forderte, dass der Mensch &#132;Maitre et possesseur de la nature&#148; &#8211; &#132;Herr und Besitzer der Natur&#148; &#150; mittels der methodischen Anwendung von Wissenschaft und Rationalit\u00e4t werden m\u00fcsse. Geist\/Denken und Natur wurden als Gegens\u00e4tze verstanden. In dieser Gedankenwelt gab es einerseits das Immaterielle, das allein dem Menschen geh\u00f6rt, und andererseits das Materielle, die Natur, die uns umgibt und von Descartes in das Bild einer Maschine gefasst wurde. Dahinter steht die Unterscheidung von immateriellem Denken im Menschen und materieller, unbeseelter Maschinenk\u00f6rperlichkeit.<\/p>\n<p>Der Geist (res cogitans) und die Materie (res extensa) sind nach Descartes radikal getrennte Sph\u00e4ren, zwischen denen es keinerlei Wechselbeziehung gibt. Die Materie ist die blo\u00dfe Verf\u00fcgungsmasse f\u00fcr den Geist. Ein Eigenrecht, eine eigene W\u00fcrde des K\u00f6rpers und der Natur ist in diesem Weltbild nicht vorgesehen. Hier schlie\u00dft Descartes an eine Denktradition an, die im Christentum unter dem Einfluss des hellenistischen Philosophen Plotin erhebliche Bedeutung bekam: Das Nat\u00fcrliche als Ort der S\u00fcnde und Gegenstand asketischer Disziplinierung. Die Entgegensetzung zwischen intelligentem Menschen und nicht denkf\u00e4higer Natur war bereits im sp\u00e4ten Mittelalter zu finden. So in den Forderungen nach Experimenten, in denen der Mensch die Natur auf die Erforschbarkeit hin zurichtet. Damals war das sogar ein k\u00fchner Gedanke, denn im j\u00fcdisch-christlichen Monotheismus herrschte die Vorstellung vor, in der Natur trete das B\u00f6se zu Tage. Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pfung seien voneinander getrennt. Der Mensch habe sich, um seines Heils willen, auf den nicht naturhaften Gott auszurichten. Von daher sei die Natur das dem Menschen Gegen\u00fcberstehende. Vor diesem Hintergrund kann man zu dem Ergebnis kommen, dass die Wissenschaft mit ihrem Objektivit\u00e4tsanspruch gegen\u00fcber der Natur nur in einer monotheistischen Denktradition entstehen konnte, nicht als partnerschaftliche Mitwelt, sondern als eine zubereitete, isolierte, selektive Natur, die nicht wirklich wahrgenommen wird, schon gar nicht als partnerschaftliche Mitwelt.<\/p>\n<p>In dem Geist der fr\u00fchen Aufkl\u00e4rung war die Wissenschaft (samt Technik) nur als entfremdete und entfremdende denkbar. Die Natur wurde nicht als Miteinander verstanden und erfahrbar, sondern als gef\u00fcgiger Gegenstand f\u00fcr menschliches Handeln. Francis Bacon dachte den Gedanken radikal: Die Natur zu beherrschen hei\u00dft, sie exakt zu er-kennen. Das steht hinter seinem ber\u00fchmten Satz: &#132;Wissen jedoch ist Macht&#148;. Diese Macht war das Mittel, kein Ziel. Das Ziel war der Konsum. Die Erde wurde als Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstand gedacht, ganz so wie Francis Bacon dies in seiner Utopie &#132;Neu-Atlantis&#148; beschrieb. Die Bewohner m\u00fcssten nutzen, was \u00fcberhaupt aus der Natur herauszuholen sei. Daf\u00fcr m\u00fcsse die Natur auf die &#132;Folterbank&#148; der Experimente gespannt werden. Nur so k\u00f6nne man ihr &#151; wie einer Hexe &#151; die Geheimnisse und Gesetze entrei\u00dfen. Mit \u00f6kologischer Verantwortung und einem partnerschaftlichen Verh\u00e4ltnis zur nat\u00fcrlichen Mitwelt hatte das nichts zu tun. Friedrich Nietzsche, mit seiner zersetzenden Kritik an der Moderne, ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht zu werden, beschrieb diese Fragw\u00fcrdigkeit in der &#132;Morgenr\u00f6te&#148;: Dem &#132;Don Juan der Erkenntnis&#148; fehle die &#132;Liebe zu den Dingen, die er erkennt&#148;, aber er hat &#132;Kitzel und Genuss an Jagd und Intrigen der Erkenntnis, bis an die h\u00f6chsten und fernsten Sterne hinaus&#148; &#151; so lange, bis er sich im Zustand des &#132;s\u00fcchtigen Trinkers&#148; befinde.<\/p>\n<p>In der Nachfolge Descartes f\u00fchrt ein Hauptstrang der europ\u00e4ischen Moderne einen permanenten &#132;Krieg&#148; mit der Natur. Die Entgegensetzung setzt sich bis heute fort, denn wir sprechen f\u00e4lschlicherweise von der &#132;Umwelt&#148;, als sei nicht auch der Mensch ein Teil der Natur. Von daher ist richtig, sie als nat\u00fcrliche Mitwelt zu verstehen.<\/p>\n<h5><span id=\"fixierung-auf-wachstum\">Fixierung auf Wachstum<\/span><\/h5>\n<p>Mit instrumenteller Vernunft und technischer Rationalit\u00e4t wurde zumindest in einem Teil der Welt gesellschaftlicher Fortschritt und die Emanzipation der Menschen m\u00f6glich. Darin lagen allerdings auch erste Ursachen f\u00fcr die uns heute belastende Wachstumsabh\u00e4ngigkeit, die sich seit dem 19. Jahrhundert herausgebildet hat, wobei die Wurzeln sehr viel tiefer reichen. Gleichheit und Freiheit erforderten schon nach John Locke nicht nur die Losl\u00f6sung von der Natur, sondern auch ein vermehrtes Nutzen, Benutzen und Vernutzen, also den Gebrauch und Verbrauch von Materie. Locke leitete das Ziel der Freiheit von der Gleichheit ab. Sie erst verb\u00fcrge Demokratie und Freiheit. Zu den unabdingbaren Grundlagen geh\u00f6re das Recht auf Besitz, vor allem auf Mehrung des Besitzes. Diese Vorstellung von menschlicher Freiheit kann man auch als Besitz ergreifende Vernunft bezeichnen. Von daher kann die Wachstumsfrage nicht losgel\u00f6st von der jeweiligen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ordnung gesehen werden.<\/p>\n<p>Neben der Naturbeherrschung war Besitz (auch der Natur) ein zentrales Thema der europ\u00e4ischen Moderne. Bereits in der Entstehungszeit zeigt sich auch hier eine tiefgehende Ambivalenz: Zum einen steht das Streben nach Besitz in einem engen Zusammenhang mit dem europ\u00e4ischen Kolonialismus, zum anderen bezieht es sich auf den neu entdeckten Gedanken der Freiheit der Menschen. In der puritanischen Gewinnsucht des fr\u00fchen Kapitalismus zeigte sich bereits eine &#132;Eigentumsbessenheit&#148; (Eric Voegelin), Sie war eine wichtige Vorstellung schon in der damaligen Zeit, denn Besitzergreifung und Besitzvermehrung wurden als Zeichen f\u00fcr die Erw\u00e4hltheit des Menschen durch Gott verstanden. Diese freiheitliche Besitzmehrung f\u00fchrte zum Streben nach &#132;Immer mehr&#148; und vor allem nach einem &#132;Immer mehr Haben&#148;. Wachstum wurde zu einer zentralen Leitidee f\u00fcr Fortschritt. Fortschritt war zuerst das Wachstum der \u00e4u\u00dferen Dinge, w\u00e4hrend die moralische Befreiung des Menschen, die Humanit\u00e4t verwirklichen sollte, an Bedeutung verlor. Fortschritt wurde zu einem &#132;Immer mehr&#148;, &#132;Immer weiter&#148; und &#132;Immer schneller&#148;. Ins Zentrum r\u00fcckten die notwendigen Maschinen &#151; von der Dampfmaschine bis zu Computerzeitalter &#151; zur Ausweitung und Beschleunigung aller Prozesse. Wachstum wurde zu einer Ersatzreligion, die Niklas Luhmann als &#132;Suggestion&#148; bezeichnete.<\/p>\n<p>Das macht deutlich, wie sehr die Fixierung auf Wachstum die Ma\u00dfst\u00e4be verschoben hat. Deshalb konnte sich nach dem Zusammenbruch der staatswirtschaftlichen Gesellschaftsexperimente fast \u00fcberall auf der Welt die irrige Vorstellung durchsetzen, dass hohe Wachstumsraten am ehesten durch die Entfesselung des Kapitals und die Radikalisierung der Marktbeziehungen zu erzielen seien.<\/p>\n<p>Doch die Beschleunigung hat nicht, wie die gro\u00dfe Hoffnung war, \u00fcberall mehr Freiheit und Wohlstand gebracht. Das Ergebnis ist auch Ungleichheit und Unsicherheit, Zeitdruck, Zeitnotstand und Entleerung der sozialen und kulturellen Beziehungen.Die Moderne ist immer tiefer in Abh\u00e4ngigkeit vom Wachstum geraten. Mehr noch: Heute stellt sich die Frage, ob der Kapitalismus ohne Akkumulation \u00fcberlebensf\u00e4hig ist? Wachstumsentschleunigung ist das Gebot der Stunde. Daf\u00fcr m\u00fcsste im Hinblick vor allem der &#132;Zeitverbrauch&#148; reduziert werden. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Ideen f\u00fcr eine zeitsparende Effizienz, bis 1765 James Watt mit der Dampfmaschine die Voraussetzung f\u00fcr eine allumfassende Beschleunigung erfunden hat. Weitere Maschinen folgten: das Auto, das Flugzeug, sogar die Rakete. Die Grenzen in Zeit und Raum wurden radikal \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass der Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung trotz einer steigenden technischen Effizienz explosionsartig zunehmen, seit der industriellen Revolution eine exponentielle Kurve angenommen haben. Und der Trend ist ungebrochen. Beim Klimaschutz haben in den letzten zehn Jahren die W\u00e4rme stauenden CO2-Emissionen trotz des UN-Kyoto-Vertrages zum Klimaschutz um ein weiteres Drittel zugenommen. Der Trend ist ungebrochen. Auch die Steigerung der Energie- und Ressourcenproduktivit\u00e4t bleibt deutlich hinter der Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t zu-r\u00fcck, obwohl technisch auch eine andere Entwicklung m\u00f6glich w\u00e4re. Doch bis heute gibt es keine konsequente Strategie der Entkoppelung und Reduktion des Naturverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Vor allem die gro\u00dfen, marktbeherrschenden Konzerne sind parasit\u00e4re Unternehmen, die die Zukunft auszehren. So besteht die Gefahr der \u00f6kologischen Selbstzerst\u00f6rung (Siegfried Lenz).<\/p>\n<h5><span id=\"die-grosse-transformation-20\">Die gro&szlig;e Trans&shy;for&shy;ma&shy;tion 2.0<\/span><\/h5>\n<p>Nat\u00fcrlich waren die gro\u00dfen Ideen der Aufkl\u00e4rung &#150; vor allem Emanzipation und Freiheit, Pluralismus, Toleranz und Demokratie &#150; wertvolle Errungenschaften. Sie sind das gro\u00dfe europ\u00e4ische Erbe, das wir verteidigen, aber auch neu fundieren m\u00fcssen. Doch die &#132;durchforschte Welt&#148; erweist sich als immer komplizierter, \u00f6konomischer und undurchschaubarer, immer weniger verstehbar und gestaltbar &#150; die Funktionsf\u00e4higkeit ihrer Systeme wurde abh\u00e4ngig vom Wachstum. Deshalb muss das europ\u00e4ische Erbe auf neuen Wegen bewahrt werden, die sich nicht l\u00e4nger den Zw\u00e4ngen der Beschleunigungs- und Expansionsmaschine unterordnen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit einem Paukenschlag, der d\u00fcsteren Weltprognose von Denis Meadows f\u00fcr den Club of Rome am Beginn der siebziger Jahre, wurden die Limits of Growths zu einem \u00f6ffentlichen Thema. Zwar hatte zehn Jahre vorher Rachel Carson im stummen Fr\u00fchling die weltweite Vergiftung der Natur beschrieben und vier Jahre zuvor auch der Richta-Report aus Prag mehr Lebensqualit\u00e4t gefordert. Doch erst mit der Botschaft aus den Rechenmaschinen des amerikanischen MIT wurde die alte Idee des Fortschritts ersch\u00fcttert.Nicht allein die \u00f6kologischen Grenzen sondern auch die \u00f6konomischen Krisen des Wachstums wurden sichtbar. 1973 kam das Ende der Bretton-Woods-\u00c4ra. Die alte Weltwirtschaftsordnung brach zusammen, weil die USA, um die Kosten des Vietnam-Krieges zu bezahlen, die Vorrangstellung des Dollars nutzten um dies auf andere L\u00e4nder abzuw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Um den sinkenden Wachstumsraten ihrer Volkswirtschaften entgegenzuwirken, setzten die USA und Gro\u00dfbritannien in den letzten drei Jahrzehnten auf Neoliberalismus und Finanzkapitalismus. Vorbei war die Epoche, in der ein hohes wirtschaftliches Wachstum mit einem Ausbau des Sozialstaates verbunden wurde. Auch kam es nicht zu der \u00fcberf\u00e4lligen sozial\u00f6kologischen Wende.<\/p>\n<p>Dabei gab es zahlreiche Arbeiten, in denen das Wechselverh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Natur neu bestimmt wurde, zum Beispiel Mesarovic\/Pestel 1974; Tinbergen 1974; Pestel 1988; Global 2000; von Weizs\u00e4cker 1997 und 2010. Sie belegen, dass es sehr wohl M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein entschlossenes Umsteuern gibt. Doch eine solche Politik der &#132;R\u00fcckkehr zu einem menschlichen Ma\u00df&#148; wurde bisher nicht in Gang gesetzt. Im Gegenteil: Nach den siebziger Jahren, in denen klar wurde, dass ungebremstes Wachstum nicht nur die Chancen der Kinder aufzehrt, sondern schon den Wohlstand der Eltern, kam es erst einmal zu einer Verdr\u00e4ngung der Herausforderungen.<\/p>\n<p>Heute, wo das Thema Grenzen des Wachstums in einer neuen und zugespitzten Form auf der Tagesordnung gekommen ist, ist die Gefahr noch immer gro\u00df, dass in der Abh\u00e4ngigkeit von dem &#132;\u00fcberw\u00e4ltigenden Zwang&#148; des Wachstums, dem m\u00e4chtigen &#132;Triebwerks der modernen Wirtschaftsordnung&#148; (Max Weber), dem sich &#132;niemand entziehen kann&#148;, Immanuel Kants programmatische Vorstellung, die \u00dcberwindung der Unm\u00fcndigkeit; zu einer uneinl\u00f6sbaren Utopie wird.<\/p>\n<h5><span id=\"okonomisierung-im-denken-und-handeln\">Okono&shy;mi&shy;sie&shy;rung im Denken und Handeln<\/span><\/h5>\n<p>Der finanzmarktgetriebene Kapitalismus ist nicht vereinbar mit Null-Wachstum oder Degrowth. Seine Software st\u00fcrzt ab, wenn das Wachstum stockt. In den letzten zwei-hundert Jahren ist es zu einer immer st\u00e4rkeren \u00d6konomisierung im Denken und Handeln gekommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist die Ma\u00dfzahl, mit der nicht nur Produkte und Dienstleistungen bewertet werden, sondern auch Wohlstand, Leistungskraft und Zukunftsst\u00e4rke einer Gesellschaft. Es entscheidet \u00fcber Ansehen, Zahlungsf\u00e4higkeit und Wirtschaftskraft einer Volkswirtschaft. Wenn das Wachstum sinkt, schrillen die Alarmglocken. Weil nur das z\u00e4hlt, was einen Preis hat, drohen alle jene Produkte und Stoffe aus dem Gesichtskreis zu verschwinden, die keinen Preis und damit keinen Gebrauchswert haben. Und der Gebrauchswert ist der Tr\u00e4ger von Wert. Werte, die keine Gebrauchswerte sind, werden aus dem monet\u00e4ren Kalk\u00fcl m\u00f6glichst externalisiert. Folglich findet, wie Elmar Altvater herausgearbeitet hat, beides zugleich statt: die qualitative Entwicklung der Gebrauchswertproduktion und das quantitative Wachstum im Verwertungsprozess des Kapitals. Dar\u00fcber vollzieht sich auch die erweiterte Reproduktion des Kapitalverh\u00e4ltnisses und damit die vorherrschende Regulation in der Entwicklung der Gesellschaft. Das schlie\u00dft das Nicht-Verh\u00e4ltnis zur Natur ein.<\/p>\n<p>Von daher ist Wachstum die entscheidende Gr\u00f6\u00dfe zur Stabilisierung der hergebrachten wirtschaftlichen Ordnung. Eine Wachstumsschw\u00e4che geht weit \u00fcber eine \u00f6konomische Herausforderung hinaus, sie wird zum Notfall der Gesellschaft und zur Frage, ob Strukturreformen m\u00f6glich werden, die im Konflikt mit der heutigen Wirtschaftsordnung stehen. In diesem alten Denken ist Wachstum auch der Grund, warum dem Finanzsektor so viel Freiheit einger\u00e4umt wurde und warum alles getan wird, die Finanzm\u00e4rkte zu st\u00fctzen. Diese Abh\u00e4ngigkeiten sind im System begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sind \u00c4ngste und Warnungen vor einer Degrowth-Strategie zu sehen. Aber wir kommen an der Tatsache tendenziell abnehmender Wachstumsraten nicht vorbei. Die Debatte \u00fcber eine Postwachstumsgesellschaft ist keine modische Frage, die sich nur besser verdienende Mittelschichten leisten k\u00f6nnen. Sie ist zur harten Realit\u00e4t geworden. Deshalb geht es darum, sich .dieser Wirklichkeit zu stellen und zu einem neuen Modell des Fortschritts und zu neuen Ma\u00dfst\u00e4ben des Wohlstands zu kommen. Die \u00d6konomie muss wieder &#132;eingebettet&#148; werden &#151; in feste soziale und \u00f6kologische Bindungen. Das muss sowohl programmatisch als auch beispielgebend in wichtigen Einzelfeldern geschehen. Und dabei m\u00fcssen auch die Systemfragen aufgezeigt werden. F\u00fcr eine solche \u00f6kologische Wende sind acht Wegmarken zentral:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Jahrhundertidee der Nachhaltigkeit muss aus ihrer inzwischen fast beliebigen Interpretation herausgeholt und als regulatives Prinzip konkretisiert werden. Grundlage ist die &#132;Fernstenliebe&#148; (Hans Jonas) als Ma\u00dfstab politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen. Eine &#132;verb\u00fcrgte Nachhaltigkeit&#148; ist eine zeitgem\u00e4\u00dfe Ethik des Bewahrens und der Vermeidung sozialer und \u00f6kologischer Sch\u00e4den, ohne die technisch-\u00f6konomische Dynamik der Gestaltung aufzugeben, die Demokratie und Gerechtigkeit brauchen.<\/li>\n<li>Wir brauchen ein Naturverst\u00e4ndnis, das nicht anthropozentrisch ist und die Natur nur als Umwelt versteht, sondern sie als nat\u00fcrliche Mitwelt begreift.<\/li>\n<li>\u00a0Eine drastisch erh\u00f6hte Stoff- und Energieeffizienz ist die Br\u00fcckentechnologie in<br \/>die Solar- und Kreislaufwirtschaft. Wir brauchen nicht nur eine solare Wirtschaft, sondern auch die 2.000-Watt-Gesellschaft.<\/li>\n<li>Unverzichtbar ist ein kultureller Wandel, der neue Formen von Demokratie, Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t begr\u00fcndet. Dazu z\u00e4hlen ein Zeitwohlstand und ein qualitativ besseres Leben, statt immer mehr haben zu wollen.<\/li>\n<li>\u00a0Wir brauchen neue Formen von Verteilungsgerechtigkeit, gute Arbeit und armutsfeste Sozialsysteme, die nicht abh\u00e4ngig sind von einem hohen Wachstum. Ein neuer<br \/>Fortschritt stellt unbedingt die Frage nach einem neuen Typus der Reichtumsverteilung in einer Kultur der Freiheit.<\/li>\n<hr class=\"clearer-white\">\n<p>\t\t<!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/p>\n<\/ol>\n<li>Die Ausweitung von Demokratie, Mitbestimmung und Teilhabe vor allem in der Wirtschaft, um die Kreativit\u00e4t und Mitverantwortung der Menschen f\u00fcr den sozial\u00f6kologischen Umbauprozess zu f\u00f6rdern.<\/li>\n<li>Eine Sicherung und St\u00e4rkung der \u00f6ffentlichen G\u00fcter und des Staates, insbesondere von Bildung, sozialer Sicherheit und Kultur, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren.<\/li>\n<li>Eine Europ\u00e4ische Union der Nachhaltigkeit, damit Europa in der Globalisierung eine gestaltende Rolle spielt und das Erbe der europ\u00e4ischen Kultur bewahrt.<\/li>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p><i>Adorno, Theodor W.<\/i> (1997): Gesammelte Schriften.<br \/><i>Adorno, Theodor W.\/Max Horkheimer<\/i> (1944): Dialektik der Aufkl\u00e4rung. <i>Altner, G\u00fcnter <\/i>(1991): Naturvergessenheit.<br \/><i>Altvater, Elmar<\/i> (2011): Nullwachstum und (oder) die Welt geht unter. <i>Bacon, Francis<\/i> (1597): Meditationes sacres.<br \/><i>Bacon, Francis<\/i> (1627): Nova Atlantis.<br \/><i>Benjamin, Walter <\/i>(1977): \u00dcber den B egriff der Geschichte.<br \/><i>Bunyan, John<\/i> (1678): Pilgrim&#8217;s Progress.<br \/><i>Carson, Rachel <\/i>(1962) Der stumme Fr\u00fchling.<br \/><i>Cark, William <\/i>(2001): Learing to manage global environmental risks. <i>Daly, Herman<\/i> (1977): Steady-State Economics.<br \/><i>Descartes, Rene<\/i> (1637) Abhandlung \u00fcber die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs.<br \/><i>Diamond, Jared<\/i> (2005): Kollaps.<br \/><i>Elias, Norbert <\/i>(1939): \u00dcber den Prozess der Zivilisation.<br \/><i>Epikur <\/i>(2005): Wege zum Gl\u00fcck.<br \/><i>Foster, John Bellamy<\/i>.(2010): Capitalism and Degrowth.<br \/><i>Foucault, Michel <\/i>(1993): Wahnsinn und Gesellschaft.<br \/><i>Gadamer, Hans-Georg <\/i>(1976): Vernunft im Zeitalter der Wissenschaft.<br \/><i>Global 2000 <\/i>(1998): Bericht an den Pr\u00e4sidenten.<br \/><i>Habermas, J\u00fcrgen <\/i>(1962): Strukturwandel und \u00d6ffentlichkeit.<br \/><i>Hauff, Volker<\/i>(1987) Unsere Gemeinsame Zukunft.<br \/>Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (1970): Ph\u00e4nomenologie des Geistes.<br \/>Hirsch, Fred (1980); Die sozialen Grenzen des Wachstums. Hobsbam, Eric (1994): Das Jahrhundert der Extreme.<br \/>Hoeck, Wilhelm (1997): Die Entdeckung des Ich. Horkheimer, Max (1991): Gesammelte Schriften.<br \/>Hume, David (1748): Eine Untersuchung \u00fcber den menschlichen Verstand.<br \/>Kant, Immanuel (1784): Was ist Aufkl\u00e4rung?<br \/>Locke, John (1690) An Essay concerning Humane Understanding.<br \/>Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft.<br \/>Meadows, Dennis (1972): Die Grenzen des Wachstums.<br \/>Mihajlo Mesarovic\/Eduard Pestel (1974): Menschheit am Wendepunkt.<br \/>Meyer-Abich, Klaus Michael (1990): Aufstand f\u00fcr die Natur.<br \/>Nietzsche, Friedrich (1884): Nachlass.<br \/>Polanyi, Karl (1978) Die gro\u00dfe Transformation.<br \/>Pestel, Eduard (1988): Jenseits der Grenzen des Wachstums.<br \/>Richta, Radovan (1968): Zivilisation am Scheideweg.<br \/>Rockstr\u00f6m, Johan et. al. (2009): A safe Operating Space for Humanity.<br \/>Rousseau, Jean-Jacques (1750): Abhandlung \u00fcber die Wissenschaften und K\u00fcnste.<br \/>Scherhorn, Gerhard (2009): Geld soll dienen.<br \/>Schneiders, Werner (1997): Das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung.<br \/>Schumpeter, Joseph (1908): Das Wesen und der Hauptinhalt der theoretischen National\u00f6konomie.<br \/>Simonis, Ernst Udo (1986): \u00d6kologie und \u00d6konomie.<br \/>Smith, Adam (1776): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations.<br \/>Stephan, Karl\/Franz Mayinger (1998\/99): Thermodynamik. St\u00f6rig, Hans Joachim (1950): Weltgeschichte der Philosophie.<br \/>Strasser, Johano (2005): Fortschritt: Vieldeutigkeit und Wandelbarkeit eines Schl\u00fcsselbegriffs.<br \/>Tinbergen, Jan (1974): The dynamics of business cycles.<br \/>Touraine, Alain (1072): La Production de la Societe.<br \/>Voegelin, Eric (1975): From Enlightment to Revolution.<br \/>Weber, Max (1919): Wissenschaft als Beruf.<br \/>Weber, Max (1904): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.<br \/>Von Weizs\u00e4cker, Ernst Ulrich (2010): Faktor F\u00fcnf.<br \/>Welsch, Wolfgang (1996): Vernunft. Die zeitgen\u00f6ssische Vernunftkritik. Wissenschaft &#038; Umwelt (2009): Nachhaltiges Wachstum?<br \/>Zinn, Karl Georg (1980): Die Selbstzerst\u00f6rung der Wachstumsgesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2008],"publikationen":[1445],"class_list":["post-11373","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-mueller","publikationen-195-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/an-der-schwelle-zur-postwachsturmsgesellschaft\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"An der Schwelle zur Postwachsturmsgesellschaft - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S-42-53 1. 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