{"id":11378,"date":"1996-12-01T23:00:00","date_gmt":"1996-12-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ansprache-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises\/"},"modified":"1996-12-01T12:00:00","modified_gmt":"1996-12-01T11:00:00","slug":"ansprache-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/ansprache-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises\/","title":{"rendered":"Ansprache anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge 136 (Heft Nr.4\/ 1996), S. 104- 106<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><b>&#132;Gesetze sind nicht auf Pergament, sondern auf\u00a0 <\/b><\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><strong>empfindliche Menschenhaut geschrieben.&#147; Fritz Bauer (1903-1968)<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Liebe Hanne, lieber Klaus Vack,<br \/>meine Damen und Herren, liebe Freunde,<br \/>das Programm sieht vor, dass die Laudatio von J\u00fcrgen Seifert gehalten wird, also stellt sich die Frage, was hat der Bundesvorsitzende der Humanistischen Union noch zus\u00e4tzlich zur Begr\u00fc\u00dfung zu sagen, ohne in Gefahr zu kommen, dem Laudator oder den Gelobten ins Gehege zu kommen.<br \/>Einen Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger, eine Fritz-Bauer-Preistr\u00e4gerin zu finden, ist eine schwierige Geburt. Wir haben eigene Ideen im Bundesvorstand, unseren Beirat bitten wir um Anregungen, dritte Unbeteiligte geben uns gl\u00fccklicherweise ebenfalls Vorschl\u00e4ge, und alle diese Namen w\u00e4lzen wir dann in mehreren Vorstandssitzungen, w\u00e4gen das F\u00fcr und Wider ab, ob es die Richtigen sind, ob die- oder derjenige, die wir ehren wollen, w\u00fcrdig ist, in der Reihe der bisherigen Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger ihren Platz einzunehmen. Ich erw\u00e4hne beispielhaft die erste Fritz-Bauer-Preistr\u00e4gerin Helga Einsele, die damalige Leiterin der Frauenstrafvollzugsanstalt in Frankfurt, Gustav Heinemann, den Justizminister und sp\u00e4teren Bundespr\u00e4sidenten, Birgitta Wolf, Heinrich Hannover, Werner Hill, den Strafrechtler Gerald Gr\u00fcnwald aus Bonn, Ulrich Vultejus, Ruth Leuze, die gerade in diesem Lande wohl bekannte Datensch\u00fctzerin, den Staatsrechtler Erich K\u00fcchenhoff, den ich ganz besonders begr\u00fc\u00dfe, weil er als Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger heute unter uns weilt, den Kriegsdienstverweigerer-Pastor Ulrich Finckh, Rosi Wolf -Amanasreh, die Vorsitzende der gemischt nationalen Ehen, Eckart Spoo, den engagierten, aufrechten Redakteur der Frankfurter Rundschau aus Hannover, Lieselotte Funke, die damalige Ausl\u00e4nderbeauftragte, Hans Eisken, den D\u00fcsseldorfer Polizeipr\u00e4sidenten und Preistr\u00e4ger des letzten Jahres.<br \/>Wir haben eine ganze Reihe von Sitzungen gehabt im letzten Jahr zu \u00fcberlegen, wer ist diesmal dran, und uns schlie\u00dflich entschieden, und Ergebnis dieses Entschlusses war mein Brief an Hanne und Klaus Vack, den ich auszugsweise vorlesen m\u00f6chte: &#132;Es ist immer ein langwieriger Prozess, die verschiedenen Vorschl\u00e4ge mit ihrem F\u00fcr und Wider abzuw\u00e4gen und sich schlie\u00dflich zu entscheiden. Als dann jemand Eure Namen nannte, fiel es uns wie Schuppen von den Augen, und wir wunderten uns, dass wir nicht schon l\u00e4ngst auf den Vorschlag gekommen waren &#151; und beschlossen einstimmig, was durchaus nicht immer der Fall ist, Euch den diesj\u00e4hrigen Fritz-Bauer-Preis zu verleihen. Wir hoffen, dass Ihr Euch bereit erkl\u00e4rt, diesen Preis anzunehmen. Ma\u00dfgebend hierf\u00fcr ist gewesen, dass Ihr wie wenige andere Menschen in unserem Lande als Beispiel steht f\u00fcr den Kampf ,von unten&#8216; um Menschenrechte und Menschlichkeit, f\u00fcr die Verteidigung der Grundrechte und des Rechtsstaats, f\u00fcr das pers\u00f6nliche Engagement auch dort, wo die offizielle Politik versagt (wie etwa in Jugoslawien), f\u00fcr den gewaltlosen Widerstand, f\u00fcr die Friedensbewegung und Kriegsdienstverweigerung und &#151; last not least &#151; f\u00fcr das Grundrechtekomitee.&#8220;<br \/>Was ist das Gemeinsame der Preistr\u00e4ger, die ich vorhin erw\u00e4hnte, \u00fcbrigens nur eine Auswahl, es waren noch mehr. Es ist das Einstehen f\u00fcr den demokratischen Rechtsstaat, aber auch das Wissen, dass es nicht reicht, sich an die Formen des Rechts zu halten, sondern dass Menschlichkeit und das Streben nach Gerechtigkeit hinzu kommen m\u00fcssen, dass der Gesetzesvollzug nicht gen\u00fcgt, sondern dass man mit dem Herzen dabei sein muss. Das Gemeinsame ist das Streben, eine gerechte menschliche Gesellschaft zu schaffen.<br \/>Und wenn ich gerade die letzten beiden Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger vergleiche, den Polizeipr\u00e4sidenten Hans Lisken vom letzten Jahr und Hanne und Klaus Vack, die Sinnbilder des gewaltlosen Widerstandes von unten heute, so k\u00f6nnte man auf die Idee kommen: Ist da nicht ein Gegensatz? Ich glaube es nicht.<br \/>Auch die Vacks anerkennen, dass der Staat das Gewaltmonopol haben muss, da wir sonst nicht friedlich miteinander leben k\u00f6nnten, aber sie wissen, dass manchmal Regelverletzungen n\u00f6tig sind aus politischen und sogar auch aus rechtlichen Gr\u00fcnden, und so sind sie die Geburtshelfer des gewaltlosen Widerstandes in unserem Lande geworden. Und auf der anderen Seite Hans Lisken: Nat\u00fcrlich bejaht er die Aufgabe der Polizei, f\u00fcr Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Aber auch bei ihm gibt es ein Aber. Er wei\u00df, dass Sicherheit und Ordnung nicht an erster Stelle stehen, dass Ruhe nicht die erste B\u00fcrgerpflicht ist, sondern Schutz der Demokratie, Schutz des Anderen, Schutz der Minderheit, Schutz der Grund- und Freiheitsrechte des Einzelnen. Und auf der Fahrt heute hierher im Zuge habe ich seine Rede gelesen, die er Anfang dieses Jahres anl\u00e4sslich seiner Verabschiedung gehalten hat, und in der er \u00fcber den Polizeiberuf nachgedacht hat. Er fordert, wohlgemerkt von Polizeibeamten, die &#132;F\u00e4higkeit zum Widerstand f\u00fcr das Recht&#148;. Er gei\u00dfelt die &#132;verfassungsperverse Rechtsprechung, die dem Beamtengehorsam Vorrang vor der Gewissensbindung einr\u00e4umt&#148;, und er endet schlie\u00dflich mit der Aufgabe f\u00fcr die Polizei, dass &#132;wichtiger als die Funktionst\u00fcchtigkeit sei der Wille zum Recht, zum Recht des N\u00e4chsten.&#148; So wissen beide Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger, oder grammatisch richtig gesprochen alle drei, derjenige des letzten Jahres und die beiden dieses Jahres, dass der demokratische Rechtsstaat nicht aus Gesetzen und nicht aus staatlichen Institutionen lebt, wie wohl diese n\u00f6tig sind, sondern er braucht und lebt nur durch aufrechte, unerschrockene, engagierte, freiheitsliebende, menschliche B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger &#8211; und das ist das einigende Band zwischen allen Fritz-Bauer-Preistr\u00e4gern der vergangenen Jahre und des heutigen Tages.<br \/>Lassen Sie mich ein Letztes sagen, warum wir den Fritz-Bauer-Preis heute und hier verleihen. \u00dcbermorgen am 1. September ist der Antikriegstag. Am 1. September 1983 fand die so genannte Prominentenblockade hier, n\u00e4mlich in Mutlangen vor dem Pershing -Depot statt, ma\u00dfgeblich organisiert von unseren heutigen Preistr\u00e4gern. Daran wollen wir ganz bewusst ankn\u00fcpfen. Dieses, was damals von Vielen und heute noch von Vielen als unzul\u00e4ssige Gesetzes\u00fcberschreitung angesehen wurde: Es war gut, es war wichtig, es war richtig &#8211; ja, wie wir heute wissen, es war rechtlich sogar geboten.<br \/>Der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen hat im Juli ein Votum ver\u00f6ffentlicht, \u00fcber das leider die \u00d6ffentlichkeit kaum spricht, \u00fcber das leider kaum geschrieben wird; verst\u00e4ndlich, weil es doch gegen allzu viele Str\u00f6mungen der offiziellen Politik unseres eigenen Staates geht. Er hat entschieden, dass es generell v\u00f6lkerrechtswidrig ist, Atomwaffen einzusetzen, ja sogar schon, mit ihnen zu drohen. Viele der offiziellen Politik meinen, sich damit beruhigen zu k\u00f6nnen, dass dieses Votum ja nur 7:7 ausgegangen sei und die Stimme des Pr\u00e4sidenten den Ausschlag gegeben habe. Dies ist falsch. Auch das wird leider kaum transportiert. Das Votum ging nur deshalb mit 7:7 aus f\u00fcr den Satz: Androhung und Einsatz von Atomwaffen sind generell v\u00f6lkerrechtswidrig, weil drei weiteren Richtern dieser Satz zu wenig weit ging. Sie sagten: Nein, dies ist nicht nur generell v\u00f6lkerrechtswidrig, sondern in jedem einzelnen nur denkbaren Fall. Und deshalb ist wirkliche Mehrheit 10:4 derjenigen Richter des Internationalen Gerichtshofs, die sagen: Androhung und Einsatz von Atomwaffen sind v\u00f6lkerrechtswidrig. Und sie haben ein weiteres Votum in diesem Urteil ausgesprochen und dieses sogar einstimmig: Es gibt eine V\u00f6lkerrechtspflicht zur Abr\u00fcstung der<br \/>Atomwaffen auf Null. Auch dar\u00fcber ist wenig in der ver\u00f6ffentlichten Meinung zu lesen. Dort schreibt man lieber, dass bei den Verhandlungen um die Verl\u00e4ngerung des Atomwaffensperrvertrags in Genf Indien der b\u00f6se Bube ist, weil es diesen Vertrag nicht unterschreiben will, und man unterl\u00e4sst zu schreiben. Warum? Weil n\u00e4mlich insbesondere die USA sich entgegen bestehendem V\u00f6lkerrecht weigern, ihre Abr\u00fcstungsverpflichtung in diesen Vertrag hin einzuschreiben. V\u00f6lkerrecht jedoch ist nach Artikel 25 unseres Grundgesetzes Bestandteil des Bundesrechts, und das Grundgesetz sagt, die Regeln des V\u00f6lkerrechts gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar f\u00fcr die Bewohner des Bundesgebiets. Und deshalb bin ich froh, dass unser Fritz-Bauer-Preistr\u00e4ger Erich K\u00fcchenhoff vor wenigen Tagen am 23.08.1996 in der Frankfurter Rundschau eine W\u00fcrdigung dieses Urteils hat ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen, woraus ich einige S\u00e4tze zitieren m\u00f6chte: <br \/>&#132;Zu der weitreichenden Wirkungen des IGH -Votums geh\u00f6rt nicht zuletzt die endg\u00fcltige juristische Rehabilitierung aller derjenigen Kr\u00e4fte der weltweiten Friedensbewegung, die sich von den Osterm\u00e4rschen der 50er Jahre \u00fcber das Darmst\u00e4dtei Signal von Bundeswehrangeh\u00f6rigen bis zu der Sitzdemonstrationen in Mutlangen unter Inkaufnahme gro\u00dfer pers\u00f6nlicher und beruflicher Risiken bis hin zu polizeilicher und strafrechtlicher Verfolgung gegen alle Planungen von Atomwaffeneinsatz und -einsatzandrohung und gegen die politischen, ideologischen und milit\u00e4rischen Schritte zu ihrer praktischen Verwirklichung eingesetzt haben, wie gegen Nato-Doppelbeschl\u00fcsse Stationierungen, Einsatzkonzepte, propagandistische Verharmlosungen und ideologische Verkl\u00e4rungen. Sie verdienen unser aller Dank.<\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[850,667],"autoren":[186],"publikationen":[1226],"class_list":["post-11378","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-verband-fritz-bauer-preis","tag-vorgaenge-artikel","autoren-till-mueller-heidelberg","publikationen-136-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ansprache anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/136-vorgaenge\/publikation\/ansprache-anlaesslich-der-verleihung-des-fritz-bauer-preises\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ansprache anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises - 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