{"id":11387,"date":"1976-12-31T18:30:00","date_gmt":"1976-12-31T17:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/arbeiterklasse-und-kultur\/"},"modified":"1976-12-31T12:00:00","modified_gmt":"1976-12-31T11:00:00","slug":"arbeiterklasse-und-kultur","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/arbeiterklasse-und-kultur\/","title":{"rendered":"Arbeiterklasse und Kultur"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Wolf Biermann, Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S.56-62<\/p>\n<p><i>F\u00fcr Wolf Biermann<\/i><\/p>\n<p>Ich mache mir einen Kaffee. Der Kaffee ist, laut Etikett, &#132;kultiviert, elegant und von noblem Charakter&#148;. Wer m\u00f6chte das von den Menschen behaupten, die ihn pfl\u00fccken, transportieren, herstellen?<\/p>\n<p><i>Hermann Peter Piwitt(1)<\/i><\/p>\n<p>I<br \/>&#132;Dreiklang: Kunst\/f\u00fcr die Kunst \/\/ Kapital f\u00fcr die Kapitalisten \/\/Arbeit \/ f\u00fcr die Arbeiter&#148;. Man k\u00f6nnte dieses Gedicht des Arbeiterschriftstellers Artur Troppmann(2) gleich in mehrerlei Hinsicht f\u00fcr einen Einstieg ins Thema in Anspruch nehmen. Aber einerlei, ob es einen in der Erkenntnis best\u00e4rkt, da\u00df eine elit\u00e4re Kunst die &#132;pr\u00e4stabilierte Harmonie&#148; einer Klassengesellschaft nicht zu st\u00f6ren vermag, oder ob man darin eine konsequent zuendegedachte Auslegung des Prinzips &#132;Jedem das Seine&#148; erblickt: in jedem Fall wird man bemerken, da\u00df dieser &#132;Dreiklang&#148; f\u00fcr unser gesellschaftliches und politisches System kein Mi\u00dfklang, sondern ein harmonischer ist. Der Kaufhauskitsch a la Zigeunerin, der ein Tr\u00e4ger \u00fcber die lasziv vorgestreckte Schulter gerutscht ist, der Bergsee, Schiffe vor untergehender Sonne; die Massenkultur der Pabel-Verlage, die Brummer-Kinos, die ganze Nippesproduktion, das scheint f\u00fcr die Arbeiter wie geschaffen.<br \/>Wenn man wissen will, was Kultur ist, wirft man lieber einen Blick auf andere Kreise. Bernt Engelmann gew\u00e4hrt uns einen Blick in die Welt der Gabriele Henkel:<\/p>\n<p>,,&#8230; Eingeweihte wissen, da\u00df die Tischordnungen und Men\u00fcs f\u00fcr die gesellschaftlichen Ereignisse im Hause Henkel in nervenzerr\u00fcttender Generalstabsarbeit von der Hausfrau und ihrem Sekretariat ausgearbeitet, verworfen, von neuem geplant und schlie\u00dflich perfektioniert werden; da\u00df alles ganz genau zueinander passen mu\u00df: Tapeten, Vorh\u00e4nge, Stuhlbez\u00fcge, Blumen, Porzellan sowie Abendrobe und der Schmuck der Gastgeberin, da\u00df hierf\u00fcr ber\u00fchmte Designer und Innenarchitekten von weither, sogar aus den USA, eigens eingeflogen werden, da\u00df dabei auch der sogenannte kulturelle Rahmen genau eingeplant wird. (&#8230;), das Programm, auf handgesch\u00f6pftes B\u00fctten gedruckt (&#8230;), sieht im allgemeinen einen Vortrag oder eine Dichterlesung, ein f\u00fcnfg\u00e4ngiges hochfeines Men\u00fc nebst besten Weinen sowie Musikdarbietungen durch bekannte Solisten oder Orchester vor (&#8230;) Spricht etwa ein katholischer Wissenschaftler \u00fcber ,Das Leben Jesu`, so wird das Abendessen &#150; ,ganz ganz schlicht&#8216; &#8211; etwa aus gebeizter -Regenbogen-Forelle mit iranischem Schahkaviar, Essenz von jungen Trauben, Gazellenr\u00fccken ,Bambi`, K\u00e4sesoufflet Rothschild, frischen Mangofr\u00fcchten und Mokka sowie 1969er Wiltinger Gottesfu\u00df feine Auslese, 1964 Chateau Lafite und 1957 Moet Chandon Brut Imperial bestehen, von den Herren auch nur Smoking getragen werden und das Orchester der Accademia di Santa Cecilia di Roma mit Werken von Cesar Frank die G\u00e4ste unterhalten &#8222;(3).<\/p>\n<p>II<br \/>Die Frage, was nun A r b e i t e r mit Kultur zu schaffen haben, kann man entweder f\u00fcr zynisch, f\u00fcr unwissend oder auch f\u00fcr legitim halten. Im ersten Fall wird \u00fcbersehen, welche Rolle die Arbeitenden f\u00fcr die Kultur haben, da\u00df sie es sind, die die Grundlagen f\u00fcr menschliche Kultur schaffen. Die feinen G\u00e4ste der Gabriele Henkel, die privaten Umgang mit Arbeitenden kaum pflegen werden, w\u00fcrden sich dumm anschauen an den feingedeckten Tafeln, w\u00e4ren da nicht die Diener und das Personal, w\u00e4ren da keine K\u00f6che und Garderobef rauen, keine Kellner und J\u00e4ger, Schneider und Tischler und all jene, ohne deren Mehrwert Reichtum in dieser Form gar nicht anzuh\u00e4ufen w\u00e4re.<br \/>Im zweiten Fall wei\u00df der Frager einfach nichts von der Entschiedenheit und den Anstrengungen des Kampfes, den die jeweiligen politischen Avantgarden der Arbeiterklasse (oft verst\u00e4rkt durch die besten K\u00f6pfe der k\u00fcnstlerischen Intelligenz) um eine eigene Kultur und um das gesamte umanistische Kunsterbe gef\u00fchrt haben und f\u00fchren. F\u00fcr legitim schlie\u00dflich kann man die Frage halten, wenn man sich vergegenw\u00e4rtigt, welche Rolle und Funktion K\u00fcnste und Kultur f\u00fcr das Leben der Mehrheit haben und welche sie haben k\u00f6nnten f\u00fcr die Ausbildung und Erweiterung ihres Anschauungsreichtums, ihrer Kenntnisse und F\u00e4higkeiten, ihrer Genu\u00dff\u00e4higkeit und ihrer politischen Emanzipation.<br \/>Aber den Arbeitenden wird eine Bildung vermittelt, die ihnen das Vorfindliche nicht als zu gestaltende Aufgabe nach den Prinzipien von Gemeinnutz und Solidarit\u00e4t vorstellt, sondern als eine fertige Welt, aus deren Ecken und Enden ihnen das ideologische &#132;Ick b\u00fcn all hie&#148; des Privatinteresses immer schon entgegenschallt. Es ist eine Bildung, die den Arbeitenden keinen Zugang zu den gro\u00dfen Traditionen und K\u00e4mpfen, zu Geschichte und Kultur der Arbeiterbewegung erlaubt- zugleich wirken sich Ideologie und Interesse der Freizeit- und Massenkultur auf Erfahrungslage und Bewu\u00dftsein der Lohnabh\u00e4ngigen behindernd aus.<br \/>In seiner Schrift Gesellschaftliche Arbeit und private Hauswirtschaft(4) hat Lutz Holzinger gezeigt, wie die kollektiven Erfahrungen und Interessen Lohnabh\u00e4ngiger (wie sie unter der Perspektive der Produktion entstehen) in der Vereinzelung der Re-Produktionssph\u00e4re zerst\u00f6rt werden: was sich im vergesellschafteten Arbeitsbereich als Bewu\u00dftsein Lohnabh\u00e4ngiger an solidarischer Interessenorientierung herausbildet, mu\u00df im Interesse der Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitals \u00fcber die Arbeit notwendig ver\u00e4ndert und entpolitisiert werden. Hierzu taugt in erster Linie die Privatheit und Vereinzelung im Bereich der Wiederherstellung der Arbeitskraft, ihn bezeichnet Holzinger in der zitierten Arbeit als den Ort der Entstehung falschen Bewu\u00dftseins, d.h. eines Bewu\u00dftseins, das der objektiven gesellschaftlichen Situation seines Tr\u00e4gers inad\u00e4quat ist.<br \/>Es ist klar, da\u00df das System der freizeit- und massenkulturellen Inhalte im Rahmen dieser Ver\u00e4nderung und Zurichtung von Erfahrungslage und Bewu\u00dftsein eine herausragende Stellung einnimmt. Im Freizeit- und Reproduktionsbereich setzt die erw\u00fcnschte und systemrationale individualistische Interessenorientierung an, die- samt den Eigentumsfetischen- als Garant der Freiheit erscheint; und die Massenkultur hat die Bindung an Werte und Normen des Systems l\u00e4ngst in eigene \u00e4sthetische Regie \u00fcbernommen. Innerhalb ihrer m\u00f6gen sich Stile und Richtungen abl\u00f6sen, denen subjektiv die Qualit\u00e4t von Freiheiten zukommen mag- die eine Freiheit erlauben sie nicht: kritisch durchschauen zu k\u00f6nnen, wes Geistes Kind diese Kultur ist, welches Menschenbild sie vertritt und gar welches sie behindert, verstellt, unm\u00f6glich macht. N\u00e4mlich das, das von der Notwendigkeit gesellschaftlicher Teilhabe aller an den gro\u00dfen und gestaltgebenden Prozessen ausgeht. Dagegen hat die Massenkultur vor allem zweierlei sicherzustellen: Die Angepa\u00dftheit der Mehrheit als Lohnabh\u00e4ngige und den Zuspruch der Konsumenten an die Surrogate der Warenwelt, die Zufriedenheit und Bereicherung suggerieren sollen.<br \/>Dieses pervertierte Prinzip der Aneignung hat Karl Marx kritisiert, wenn er schreibt:<\/p>\n<p>&#132;Seitdem der materielle Reichtum, diese Summe der Erzeugnisse produktiver menschlicher Arbeit, im Geld seinen abstrakten, anonymen Repr\u00e4sentanten gefunden hat, seitdem der unmittelbare Zweck der produktiven Arbeit nicht mehr die Vermehrung des dinglichen Reichtums, die Herstellung von G\u00fctern, sondern diese nur Mittel zu einem weiteren eigentlichen Zweck: der Vermehrung von Geldreichtum geworden ist, seitdem es gen\u00fcgt, Geld zu besitzen, um reicher werden zu k\u00f6nnen- seither hat das Reichwerden im engeren, materiellen Sinne aufgeh\u00f6rt, notwendig auch ein Reichenverden im geistigen, kulturellen Sinne nach sich zu ziehen&#8220;(5).<\/p>\n<p>Hier liegt die Ursache f\u00fcr die &#132;Entwertung der Menschenwelt&#148; und die &#132;Verwertung der Sachenwelt&#148;, und Kultur- im systemrationalen Sinn verstanden als vergeistigtes Prinzip der Durchdringung der Verh\u00e4ltnisse- kann diesen Sachverhalt im besten Fall noch Sonntagsrednern und Zuh\u00f6rern von &#132;Fragen der Zeit&#148; zum Bedauern \u00fcberlassen, ohne seine Ursachen und Antriebskr\u00e4fte zu durchschauen.<br \/>Es ist das Elend herk\u00f6mmlicher Kulturkritik, da\u00df sie die Entw\u00fcrdigung des Menschen unter kapitalistischen Bedingungen erkennt, aber ohne die Handhabe analytischer Erkl\u00e4rungskraft bleibt und ihr Heil in der R\u00fcckgewinnung \u00fcberkommener historischer Strukturen sucht. Und sie \u00fcbersieht, da\u00df das materielle Reichwerden der Henkel, die Akkumulation von Kapital, Sinn und Inhalt von Kultur als ganzheitlicher Lebensform des Menschen pervertiert, die M\u00f6glichkeit zur Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung f\u00fcr die Mehrheit zerschl\u00e4gt. Arbeit kann nicht Quelle menschlicher Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung werden, nicht &#132;Quelle kulturellen Sch\u00f6pfertums&#148;, sondern &#132;wird unter der Herrschaft des Kapitals zur Hauptsph\u00e4re menschlicher und kultureller Degradation, (indem) alle Mittel zur Entwicklung der Produktion umschlagen in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten, (sie) verst\u00fcmmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entw\u00fcrdigen ihn zum Anh\u00e4ngsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt&#8220;(6).<br \/>Ist so die Kultur erst einmal in ihrer Funktion von den gestaltgebenden gesellschaftlichen Bereichen abgedr\u00e4ngt, ihre unteilbare Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr alle menschlichen und gesellschaftlichen Bereiche f\u00fcr die harte Gesetzlichkeit des Schacherns und Feilschens bestritten, w\u00e4chst ihr jene Tr\u00f6sterfunktion f\u00fcr die Versagungen und Verletzungen einer schlechten Wirklichkeit zu, die f\u00fcr ihr konkretes Aussehen in unserer Gesellschaft so charakteristisch ist; sie wird zum Ausdruck dessen, was im Leben nicht zu haben ist. Nach der &#132;offiziellen&#148; Funktionszuschreibung soll Kunst sich selbst genug sein und m\u00f6glichst unpolitisch sein- hat sie sich erst einmal damit abgefunden, den politischen und wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnissen nichts dreinzureden, wird sie zur &#132;letzten Oase der Menschlichkeit&#148;, zum &#132;Spezialistentum f\u00fcr unterdr\u00fcckte und gequ\u00e4lte Menschlichkeit&#148;.<br \/>Gew\u00f6hnt an ein System von Kultur, die als Konsumgut doch nur f\u00fcr Leerstellen aufzukommen hat und ihre Ohnmacht in der verkr\u00fcmelten Lamentation \u00fcber eine schlechte Wirklichkeit auslebt, ist es f\u00fcr die psychische Stabilit\u00e4t der Lohnabh\u00e4ngigen gleich gescheiter, sich einer &#132;Kultur&#148; zuzuwenden, die wenigstens die Ablenkung von der eigenen Wirklichkeit total sicherstellt. So kommt es zu jenem vorherrschenden Typ unserer Zivilisation, der &#132;eigentlich st\u00e4ndig den Wunsch hat, abzuschalten. Bei der Arbeit schaltet er ab. Er w\u00fcnscht sich, im Urlaub abschalten zu k\u00f6nnen. Er schaltet ab, wenn er den Fernseher anschaltet. Und im Schlaf sowieso. Einmal von allem nichts mehr h\u00f6ren und sehen zu m\u00fcssen, ist der merkw\u00fcrdige Wunschtraum von Menschen, die unter Bedingungen arbeiten m\u00fcssen, unter denen H\u00f6ren und Sehen vergehen&#8220;(7). Noch deutlicher als durch die Letztrangigkeit der Kultur (was damit aber zu tun hat), beweist das System hier seine Kulturlosigkeit und -feindlichkeit: w\u00e4hrend man an der Verfeinerung und \u00c4sthetisierung der Warenwelt mittels Reizstimuli, raffinierter Produkt\u00e4sthetik und fragw\u00fcrdiger Produktdifferenzierung arbeitet, bleibt die &#132;Sch\u00f6nheit&#148; des Menschen ungefragt, bleiben die Bedingungen seines Handelns und Arbeitens aus dem Kulturbegriff ausgeklammert.<\/p>\n<p>III<br \/>Sozialisten wissen deshalb, warum sie Kultur als die Frage danach definieren, wie der ganze Mensch lebt. Diese Ganzheitlichkeit der Auffassung schafft die Voraussetzung f\u00fcr die radikalste Kritik einer Gesellschaft, in der den Menschen nur soviel an Kultur zugestanden wird, wie sie zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft brauchen, und in der sich die Herrschenden den Hauptanteil des gesellschaftlich geschaffenen kulturellen Reichtums aneignen.<br \/>Aber dieser kulturelle Reichtum ist &#8211; Ausdruck der Klassengesellschaft und des Klassencharakters von Kunst &#8211; selbst in den Widerspr\u00fcchen und der Krise des Kapitalismus befangen. Der \u00e4sthetische Ausdruck, den die moderne Kunst der Welt gegeben hat, stellt sich nicht in den Dienst der Erkenntnis der gesellschaftlichen Natur des Menschen, will kein Kompa\u00df durch die Orientierungslosigkeiten dieser Zeit sein, sondern ist &#8211; unter Aufk\u00fcndigung ihres gesellschaftlichen Auftrags und unter Reklamierung eines formalistischen Freiheitsbegriffs &#8211; selbst Ausdruck der Orientierungslosigkeit und des gesellschaftlichen Werteverlustes. Angesichts von K\u00fcnstlern, die die Eifel in Cellophan ver-packen (Christo), in der W\u00fcste Lichtsegel setzen (Mack), es zu ihrem Lebensprogramm erkl\u00e4ren, N\u00e4gel in Objekte zu schlagen (Uecker), Tonnen Altpapier auf Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze karren lassen (Schult) oder in die Ecken von Galerier\u00e4umen Margarine schmieren (Beuys), scheint mir das Urteil des amerikanischen Sozialisten Sidney Finkelstein von Bedeutung: &#132;Die Menschen lieben die moderne Kunst nicht, weil diese Kunst den Menschen nicht liebt&#8220;(8).<br \/>Was immer sich an Programmatik und Intention in die Aktionen dieser &#132;Macher&#148; hinein-geheimnissen oder interpretieren l\u00e4\u00dft- es ist den Erfahrungen der Menschen fremd, unzug\u00e4nglich. Das eigentlich Zynische daran liegt darin, da\u00df solche K\u00fcnstler ihre- nicht immer materiell- privilegierte Existenz einem Widerspruch verdanken: der extremen Entgegensetzung von physischer und geistiger Arbeit. Aber dieser Zynismus beginnt nicht erst beim Allotria der &#132;Macher&#148;, schon die offizielle Staatskunst des westlichen Nachkriegsdeutschlands, die abstrakte Kunst, betrieb den Ausverkauf des humanistischen Menschenbildes und dr\u00e4ngte K\u00fcnstler, die betont realistisch arbeiteten, in die Rolle von Au\u00dfenseitern, lie\u00df sie als hoffnungslose F\u00e4lle vermeintlich \u00fcberholter Moden und Stile erschei-nen. &#132;Ein hysterischer Antikommunismus&#148;, schreibt Richard Hiepe dazu in seiner Aufsatzsammlung Die Taube in der Hand, &#132;redete den Abstrakten ein, sie verk\u00f6rperten Freiheit und Fortschritt, w\u00e4hrend sie als Fassadenmaler eines gesellschaftlichen Geb\u00e4udes funktionierten, dessen Bewohner auf die Bild-Zeitung abonniert und vom Verst\u00e4ndnis der Weltl\u00e4ufe ausgeschlossen waren&#8220;(9). Genau diese abstrakte Kunst, die Kunst der Ausdruckslosigkeit, hatte auch Adorno vom Blickpunkt seiner normativen \u00c4sthetik aus- und aus Verzweiflung am gesellschaftlichen Wert der Kunst- gefordert. Am Beispiel des Romans hatte er geschrieben: &#132;Will der Roman seinem realistischen Erbe treu bleiben und sagen, wie es wirklich ist, so mu\u00df er auf einen Realismus verzichten, der, indem er die Fassade reproduziert, nur dieser bei ihrem T\u00e4uschungsgesch\u00e4ft hilft&#148;(10). So kommt es auch zu dem seltsamen Umstand, da\u00df Adorno, obwohl energisch Partei nehmend f\u00fcr &#132;Vernunft und Menschlichkeit&#148;, in einem absurden Theaterst\u00fcck (Becketts Endspiel) &#132;das gegenw\u00e4rtige Geschick der gesamten Menschheit verhandelt zu sehen&#148; glaubte(11). Dagegen ist festzustellen, mit welcher Konsequenz die Sterilit\u00e4t des Nicht-Realismus, seine Ausdruckslosigkeit, mit welcher Konsequenz die elit\u00e4re abstrakte Kunst- die konkreten \u00e4sthetischen Bed\u00fcrfnisse der Menschen nach Fa\u00dflichkeit und Sinnlichkeit mi\u00dfachtend- die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung und insbesondere die Arbeitenden in die Arme der trivialen kulturellen Schundproduktion getrieben hat.<\/p>\n<p>IV<br \/>Der Realismus ist das geeignetste Mittel, eine neuentdeckte gesellschaftliche Wahrheit zu sagen.<\/p>\n<p><i>RichardHiepe(12)<\/i><\/p>\n<p>Heute gibt es in der Bundesrepublik eine breite und an Breite st\u00e4ndig gewinnende Str\u00f6m-ung realistischer Kunst und Kultur, die- u.a. durch Auseinandersetzung mit Positionen wie den geschilderten- die Verzweiflung am gesellschaftlichen Wert der Kunst \u00fcberwunden hat und darauf besteht, sich mit den Kr\u00e4ften einzulassen, die imstande sind, eine Gesellschaft zu errichten, in der Ausbeutung und Fremdbestimmung unbekannt sind. Der allgemeinste Begriff dieser Anstrengungen ist der des R e a l i s m u s, der nicht die Kanonisierung eines Stiles meint, sondern ein variables Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit, bestimmt. und &#132;festgelegt&#148; durch Verst\u00e4ndlichkeit, Volkst\u00fcmlichkeit, Parteilichkeit und Perspektive. Die realistische Schreibweise, sagt Martin Walser mit Blick auf die methodische Vielfalt des Realismus, ist die auf ihren Anla\u00df bezogene. Andererseits ist mit diesen Bestimmungen zugleich eine Grenze gezogen, die einen sinnvollen Gebrauch des Realismus-begriffs erlaubt, den es aus der Grauzone willk\u00fcrlicher Verwendung und inflation\u00e4ren Sprachgebrauch hinauszuman\u00f6vrieren gilt: auf ein landl\u00e4ufiges Verst\u00e4ndnis von Realismus l\u00e4\u00dft sich ja gemeinhin auch bringen, was mit demokratischen und demokratisch legitimierbaren Lekt\u00fcreinteressen nichts am Hut hat.<br \/>Realismus aber will Erfahrungen der Menschen gestalten und organisieren helfen und aufr\u00e4umen mit der Klage Paul Klees gegen\u00fcber der modernen Kunst, da\u00df &#132;uns kein Volk tr\u00e4gt&#148;. Realistische Kunst geht davon aus, da\u00df ihre Sch\u00f6pfer und Produzenten den Menschen keine R\u00e4tsel zu sein haben, sondern hilfreich bei der Erkenntnis und Bew\u00e4ltigung von dr\u00e4ngenden Lebensfragen; Realismus versucht, Tatsache und Ausma\u00df der Verdr\u00e4ngung von Geschichte und Kultur der Arbeiterklasse und -bewegung bewu\u00dftzumachen, an die versch\u00fctteten Formen proletarischen Bewu\u00dftseins anzukn\u00fcpfen und wirksame M\u00f6glichkeiten in der k\u00fcnstlerischen Darstellung zu entwickeln, um die eigene Klassengeschichte als Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr solidarisches Handeln zu nutzen.<br \/>Am Beispiel der Literatur dargelegt, verlangt die Wirklichkeitsdarstellung des Realismus die Ausweitung und Weiterentwicklung aller Formen und Techniken, die Bereicherung um neue Darstellungsm\u00f6glichkeiten, die die Komplexit\u00e4t gesellschaftlicher Prozesse ad\u00e4quat abzubilden verm\u00f6gen. Das hei\u00dft nicht Festlegung des Realismus auf dokumentarische oder halbdokumentarische Schreibweisen, gerade anhand &#132;erfundener&#148; (aber deshalb auch nicht schon der Wirklichkeit enthobener) Texte lassen sich beispielhaft gesellschaftliche Prozesse verdeutlichen und &#132;durchspielen&#148;. Diese Darstellung schlie\u00dft eine Beschr\u00e4nkung auf Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomene aus, sie mu\u00df etwas von den Antriebs-gesetzen und Motiven zeigen, die den Gang der Gesellschaft oder einer seiner Teil-bereiche erkl\u00e4ren. &#132;Weniger denn je&#148;, formulierte Brecht, &#132;sagt eine einfache Wiedergabe der Realit\u00e4t etwas \u00fcber die Realit\u00e4t aus&#148;; Realismus hat daran zu arbeiten, den Menschen ihre Arbeits- und Lebenszusammenh\u00e4nge klarzumachen und an der Organisation ihrer Lebenserfahrung mitzuwirken.<br \/>Damit ist eine der wichtigsten Forderungen an Realismus \u00fcberhaupt ber\u00fchrt: Kunst kann sich heute nicht mehr &#132;darauf einlassen, der Wirklichkeit ein neues Ideal blo\u00df entgegenzusetzen, sondern mu\u00df sich selbst als ein Faktor seiner Verwirklichung erweisen. Den Vernunftwillen (&#8230;) in den Massen selbst politisch werden zu lassen, das ist ihre Aufgabe. Kunst ist eine politische Kraft (&#8230;) nur in Verbindung mit den wirklichen gesellschaftlichen M\u00e4chten, die bef\u00e4higt sind, die neue Gesellschaft heraufzuf\u00fchren und auszubauen&#8220;(13).<br \/>In einer neueren Debatte \u00fcber Realismus hat J\u00f6rg Drews unterstellt, ein dezidierter Realismus bedeute &#132;Abbau oder Mi\u00dfachtung all jener Differenzierungen, welche die literarischen Techniken in den letzten 70 Jahren erfahren haben, eine R\u00fcckkehr zu weniger komplizierten, -allgemeinverst\u00e4ndlichen Schreibweisen. (&#8230;) Der Wunsch nach einer neuen realistischen Literatur l\u00e4uft weitgehend auf den Wunsch nach einer Entlastung von der ganzen B\u00fcrde der Erkenntnisse hinaus, die das naive Erz\u00e4hlen immer schwieriger machen&#148; (14). Unschwer ist die Vorstellung von Realismus auszumachen, die Drews zu dieser Attacke gef\u00fchrt hat: ein \u00f6der, mit literarischen Versatzst\u00fccken ausgarnierter Aufweis von Interessen, literarisierte Leitartikel, die Absicht und Tendenz wie eine Monstranz vorneweggetragen. Dagegen w\u00e4re anzuf\u00fchren, da\u00df Drews&#8216; Verdikt &#150; das hier f\u00fcr weitergehende Realismusvorbehalte stehen mag &#150; jedoch an der Diffamierung breiter realistischer Str\u00f6mungen mitarbeitet zugunsten einer von Drews pers\u00f6nlich gesch\u00e4tzten Literatur &#150; oder soll man sagen: Eliteratur &#150; a la Arno Schmidt. Demgegen\u00fcber halte ich Uwe Timms Entgegnung an Drews f\u00fcr vern\u00fcnftig, da\u00df sich die Fortschrittlichkeit einer Literatur nicht nach deren Kompliziertheit bestimmen l\u00e4\u00dft.<br \/>Gerade vor dem Hintergrund der Forderung, da\u00df Literatur &#132;das Ganze&#148;, die Ganzheitlichkeit des Menschen abzubilden und zu verteidigen habe gegen\u00fcber dem kapitalistischen Menschenbild, das der Mensch ja immer nur als Teilwesen interessiert (als Mehrwert-Kuli und nicht als Arbeitender, als Konsument und nicht als Genie\u00dfender, usw.), halte ich daf\u00fcr, es als einen Irrtum anzusehen, wenn man den Realit\u00e4tszerfall durch einen Zerfall der Literatur und ihrer Mittel aufheben will. Aurel Schmidt, der sich in einem Dokumentationsband der genannten Realismusdebatte zu Wort meldet, schreibt zurecht:<\/p>\n<p>,,&#8230; Hiergegen w\u00e4re ein Realismus abzugrenzen, der als organisierender bezeichnet werden k\u00f6nnte. (&#8230;) Schreiben ist f\u00fcr den Schriftsteller Herstellung des Ganzen, sagt Martin Walser: Diese Bezogenheit auf das Literarische erf\u00fcllt sich nun aber nicht als Selbstzweck, sondern bezweckt ist damit eine organisierende Funktion des Bewu\u00dftseins: die F\u00e4higkeit des Erkennens und des Zusammensetzens von Eindr\u00fccken und Erfahrungen zu einem Ganzen. Der organisierende Realismus w\u00fcrde, durch seine Intention des Zusammenf\u00fcgens, versuchen, dazu beizutragen, das konkretisierende Denken zu verst\u00e4rken, das notwendig ist, um in dieser Welt zu begreifen, was sich ereignet&#8220;(15).<\/p>\n<p>Dieser Perspektive f\u00fcgen sich beispielsweise auch solche literarisch-technische Absichten ein: &#132;Realismus ist eine Tendenz, vereinfachende, realit\u00e4tsabweisende Schemata aufzul\u00f6sen zugunsten gr\u00f6\u00dferer Komplexit\u00e4t&#148; (Dieter Wellershoff) und: Realismus bedeutet auch &#132;Verfremdung und Verzerrung der vorgefundenen Fakten mit dem Ziel, die automatisierte Wahrnehmung zu durchbrechen und so wesentliche Z\u00fcge der dargestellten Wirklichkeit sichtbar zu machen, die sich der einfachen Wahrnehmung entziehen&#148; (Hans Christoph Buch). Beide Stimmen geh\u00f6ren zum Arsenal und zur Technik des Realismus, der sich freilich dienstbar zu machen hat: der Erkenntnis und der Genu\u00dff\u00e4higkeit von Menschen, die sich aus \u00fcberkommenen Abh\u00e4ngigkeiten befreien. Und diese Befreiung, ihre Notwendigkeit ins breite Bewu\u00dftsein treten zu lassen, Bedingungen des Kampfes zu markieren &#150; ist die Aufgabe des Realismus. &#132;Diesen Menschen beizustehen, da\u00df sie ihr Selbstgef\u00fchl st\u00e4rken oder erst wiedergewinnen und von ihrem Anspruch nicht lassen, als Menschen leben und sich bet\u00e4tigen zu d\u00fcrfen, dazu kann die Kunst unendlich viel beitragen&#148;(16).<\/p>\n<p>V<br \/>Realismus ist aber nicht nur Methode, er ist auch eine Haltung. Wer Wirklichkeit umfassend darstellen will, mu\u00df sich auch um arbeitskritische Kontakte bem\u00fchen, und das nicht nur zu anderen K\u00fcnstlern, sondern vor allem zu denen, f\u00fcr die er schreibt, malt, komponiert. Ohne eine genaue Kenntnis der \u00e4sthetischen Bed\u00fcrfnislage und von Ansatzpunkten zu demokratischer Kulturarbeit l\u00e4\u00dft sich das Operative kaum erreichen, das Realismus immer schon mitmeint. Und es bedarf eines sich auch nach au\u00dfen dokumentierenden Zusammenhangs zu den Organisationen und Parteien der Arbeiterbewegung. Wohl (noch) die meisten Kulturschaffenden sehen kaum einen Zusammenhang zwischen ihren Idealen einer freien Gesellschaft und denjenigen demokratischen und sozialistischen Kr\u00e4ften, die sie bef\u00f6rdern k\u00f6nnen. Entweder ist, wie Engels anhand der Utopisten kritisierte, das Vern\u00fcnftige f\u00fcr einen solchen Kulturschaffenden &#132;Ausdruck der absoluten Wahrheit und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigene Kraft die Welt zu erobern&#148;; oder aber er ist unf\u00e4hig, &#132;sich anderen unterzuordnen, unf\u00e4hig zur Zusammenarbeit, unf\u00e4hig zur Klassensolidarit\u00e4t, Individualist, der b\u00fcrgerliche Revolution\u00e4r, der sich zornig sein eigenes Heil zimmert, kritisch gegen alles, allein im Besitz der Gnade&#148;, wie Christopher Caudwell schrieb.<br \/>Angesichts der Z\u00e4higkeit, mit der sich Fortschritt verwirklicht, angesichts der R\u00fcckschl\u00e4ge und Opfer, die er fordert, der vielen Parteig\u00e4nger des Alten, ist der Einzelk\u00e4mpfer schnell am Ende: seiner Zuversicht, seiner M\u00f6glichkeiten, seiner Kr\u00e4fte. Da\u00df so viele Arbeitende gegen ihre eigenen Interessen handeln und seinen Arbeiten die massenkulturellen Produkte vorziehen, wird ihm dann weniger zur Herausforderung als da\u00df es seine politische Apathisierung und Entt\u00e4uschung beg\u00fcnstigt. In diesem Sinn hat Thomas von der Vring an die Adresse der Gewerkschaften gesagt: &#132;Holt uns zu Euch, helft insbesondere den kritischen Intellektuellen, in der Arbeiterbewegung heimisch zu werden. Helft uns auch insbesondere gegen\u00fcber denjenigen, die innerhalb der Reihen der Arbeiterbewegung sich gegen unsere Kritik wehren, weil sie ihnen l\u00e4stig oder unheimlich ist&#8220;(17).<br \/>Eine Haltung ist Realismus auch insofern, als sie vom Kulturschaffenden verlangt, sich st\u00e4ndig auf die Herausforderung und zweckgebundene Verunsicherung einzulassen, die Resultat einer st\u00e4ndigen Auseinandersetzung mit der Vielschichtigkeit eines interdisziplin\u00e4r aufgefa\u00dften Arbeitsbereichs ist. Nur wer zu einem st\u00e4ndigen Proze\u00df der Neudefinition seiner Arbeitsweise, seines Selbstverst\u00e4ndnisses nach Ma\u00dfgabe der politischen Notwendigkeiten, seiner M\u00f6glichkeiten im k\u00fcnstlerischen und kunstvermittelnden Proze\u00df bereit ist, darf sich Realist nennen. Nur so k\u00f6nnen an Qualit\u00e4t gewinnende Arbeitskontakte die k\u00fcnstlerische Intelligenz am &#132;Entschweben&#148; hindern und an der Beseitigung ihrer Kleinb\u00fcrgerlichkeit arbeiten. Es hat deshalb nichts mit der Inthronisierung zweifelhafter Autorit\u00e4ten anstelle &#132;k\u00fcnstlerischer Autonomie&#148; zu tun, wenn die Forderung an die Kulturschaffenden und -vermittler lautet, die eigene Funktion und T\u00e4tigkeit fortw\u00e4hrend in Frage zu stellen, tendenziell seine Funktion aufzuheben. Denn, mit Heinz-Joachim Heydorn, der Intellektuelle verdankt seine Existenz einem Widerspruch:<\/p>\n<p>&#132;Der Widerspruch der Arbeitsteilung, von Einsamkeit des Bewu\u00dftseins und bewu\u00dftloser Einsamkeit, der mit ihm (dem Intellektuellen, M. B.) seine \u00e4u\u00dferste Zuspitzung erf\u00e4hrt, mu\u00df von ihm selber erkennend \u00fcberwunden werden (. ..) Es war das b\u00fcrgerliche Milieu, das den Zweifel erzeugte; der Intellektuelle war der gegen sich selbst gewandte B\u00fcrger. Er war Sinnbild einer extremen Entgegensetzung von k\u00f6rperlicher und geistiger Arbeit. Er war der Nomade der Gesellschaft, f\u00fchrte sie zu dem in ihr selbst angelegten Ende&#148;(18).<\/p>\n<p>Dieses Ende, die F\u00fclle der gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche denen bewu\u00dft zu machen, die es alleine herbeif\u00fchren k\u00f6nnen, bleibt den Intellektuellen und Kulturschaffenden als historische Aufgabe.<br \/>Der Ort, dies zu tun, sind Formen der Zusammenarbeit, wie sie heute der &#132;Werkkreis Literatur der Arbeitswelt&#148; praktiziert, wie sie in verschiedenen kulturpolitischen Gruppen und informellen Zirkeln ge\u00fcbt wird. Denn wenn Realismus ein Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit bezeichnet, dann ist Realismus nicht allein eine Kategorie f\u00fcr Kulturschaffende, sondern gleicherma\u00dfen f\u00fcr die, an denen es letztlich liegt, wieviel an fortschrittlicher Kultur verbreitet wird. Aus der Werkkreisarbeit ist bekannt, da\u00df dies am \u00fcberzeugendsten und besten da geschieht, wo es sich um informelle Kontakte handelt, wo im Nachbarschafts-, Kollegen- und Verwandtenkreis fortschrittliche Literatur, Grafiken und Platten verschenkt werden, wo hier\u00fcber gezielt Gespr\u00e4che gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen etc. Vor allem aber brauchen die Kulturschaffenden selbst diese Kontakte zu Kollegen in den Betrieben und B\u00fcros. Da\u00df politisch bewu\u00dfte Leser, Betrachter, H\u00f6rer selbst in die Auftraggeberschaft politisch engagierter und demokratischer Kunst eintreten, dieses hohe Ziel ist unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen wohl nur innerhalb der bewu\u00dftesten Teile der Arbeiterbewegung zu realisieren- dennoch h\u00e4ngt der Erfolg und das Durchsetzungsverm\u00f6gen realistischer Kunst und Kultur in gro\u00dfen Teilen vom Gelingen dieses Prozesses ab,<\/p>\n<p>Friedrich Tomberg schreibt: &#132;Demokratisierung der Kunst kann nicht bedeuten, auch den Arbeitern die Segnungen der gegenw\u00e4rtigen Kunstmisere zukommen zu lassen und sie dadurch g\u00e4nzlich in die sp\u00e4t kapitalistische Gesellschaft zu integrieren. Vielmehr hat der K\u00fcnstler (. ..) zu erkennen, da\u00df die Arbeiterklasse keine blo\u00df unterprivilegierte Schicht ist, der durch kulturelle Almosen auf die Beine zu helfen w\u00e4re, sondern da\u00df ihr, vor allem weil sie den Kern der zuk\u00fcnftigen Gesellschaft darstellt, im B\u00fcndnis mit der gro\u00dfen Masse des \u00fcbrigen Volkes die Macht gegeben ist, das Lebensrecht der arbeitenden Menschen gegen die machtaus\u00fcbenden Parasiten auch durchzusetzen&#147;(19)<\/p>\n<p>Demokratische und realistische Kunst, verstanden als gesellschaftliches Selbstbild, hat die M\u00f6glichkeit, diese Lebensrecht und die Anspr\u00fcche der Menschen auszuweisen und klarzulegen, so wie sich noch jede neue Gesellschaft zuvor in der fortschrittlichen Kunst angek\u00fcndigt hat.<\/p>\n<p>(1)\u00a0 11 Thesen zum Vergehen von H\u00f6ren und Sehen. In: Piwitt\/R\u00fchmkorf (Hg): Literaturmagazin 5. Reinbek 1976 (das neue Buch 72), S 14.<br \/>\u00a0(2)\u00a0 Aus: Zahltag. Werktagsgedichte. Asso-Verlag Oberhausen 1975, S 48.<br \/>\u00a0(3)\u00a0 Nach Engelmann\/Wallraff: Ihr da oben &#150; wir da unten. K\u00f6ln 1973, S 86 f.<br \/>\u00a0(4)\u00a0 Starnberg 1974, insbesondere ab S 79ff.<br \/>\u00a0(5)\u00a0 Das Kapital Bd I, MEW 23, S 674. Zit. Nach Dieter Ulle u.a. Imperialismus und Kultur. Zur kulturellen Entwicklung in der BRD, M\u00fcnchen 1975, S 28.<br \/>\u00a0(6)\u00a0 Imperialismus und Kultur, S 28.<br \/>\u00a0(7)\u00a0 Hermann Peter Piwitt, ebd, S 9f.<br \/>(8)\u00a0 Zit. Nach Richard Hiepe: Die Taube in der Hand. Aufs\u00e4tze zur Kunst und Kulturpolitik 1955-1975. M\u00fcnchen 1976, S 72. Der Argumentationsweise dieses Bandes\u00a0ist der vorliegende Aufsatz an mehreren Stellen verpflichtet.<br \/>(9)\u00a0 ebd, S 78<br \/>(10) Noten zur Literatur, Frankfurt 1968. Zit. Nach U. Timm: Realismus und Utopie. In: Laemmle (Hg): Realismus &#150; welcher? M\u00fcnchen 1976, S 139.<br \/>(11) Friedrich Tomberg: Politische \u00c4sthetik. Darmstadt\/Neuwied 1973 (Sammlung Luchterhand 104), S 139.<br \/>(12) ebd, S 134.<br \/>(13) Friedrich Tomberg, ebd, S 127.<br \/>(14) Wider einen neuen Realismus. In: Laemmle (Hg): Realismus &#150; welcher?, S 152<br \/>(15) Realismus ja &#150; aber welcher denn? In: Laemmle (Hg): Realismus &#150; welcher?, S 45f.<br \/>(16) Friedrich Tomberg, ebd, S 128.<br \/>(17) Wissenschaft im Dienst der Arbeiter. Er\u00f6ffnungsrede zur Tagung &#132;Sicherheit am Arbeitsplatz und Unfallschutz&#147; vom 4.-6. Mai 1973\u00a0 in Bremen. Zit. Nach Hajo Funke u.a. (Red.): Industriearbeit und Gesundheitsverschlei\u00df, Frankfurt 1974, S 26.<br \/>(18) \u00dcberleben durch Bildung. Umri\u00df einer Aussicht. In: Hilmar Hoffmann (Hg): Perspektiven der kommunalen Kulturpolitik. Beschreibungen und Entw\u00fcrfe, Frankfurt 1974, S 33.<br \/>(19) Friedrich Tomberg, ebd, S 127f.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[458],"publikationen":[1313],"class_list":["post-11387","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-manfred-bosch","publikationen-24-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Arbeiterklasse und Kultur - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/24-vorgaenge\/publikation\/arbeiterklasse-und-kultur\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Arbeiterklasse und Kultur - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"F\u00fcr Wolf Biermann, Aus: vorg\u00e4nge Nr.24 (Heft 6\/1976), S.56-62 F\u00fcr Wolf Biermann Ich mache mir einen Kaffee. 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