{"id":11398,"date":"1985-02-25T10:00:00","date_gmt":"1985-02-25T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/"},"modified":"1985-02-25T12:00:00","modified_gmt":"1985-02-25T11:00:00","slug":"armut-und-menschenwuerde","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/","title":{"rendered":"Armut und Menschenw\u00fcrde"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 23-31<\/p>\n<p>Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner\u00a0 Antwort vermied er das Wort \u00bbarm\u00ab und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon bekannt war, da\u00df die einzige Fremdsprache, die Reagan beherrscht, das Orwellsch ist. Was bedeutet es; habe ich mich gefragt, wenn jemand das Wort \u00bbarm\u00ab nicht mehr in den Mund nimmt? Geh\u00f6rt es zu den schmutzigen Vier-Buchstaben-W\u00f6rtern, die man besser nicht benutzen sollte? Die Sprachverrenkung signalisiert ein neues politisches Paradigma. Vor allem dr\u00fcckt sie eine Verleugnung von Realit\u00e4t aus: die Armen sind gar nicht arm. Es gibt gar keine Armen in den USA. Es gibt keinen Hunger, wie der Pr\u00e4sident bei anderer Gelegenheit scherzte, die Leute sind nur gerade bei einer speziellen Di\u00e4t. Die Realit\u00e4t darf nicht gesehen und benannt werden, und die wichtigsten Medien in den USA folgen diesem Szenario: Die Nichtreichen sind nicht sichtbar, sind Nichtpersonen. Reden von den \u00bbNicht-reichen\u00ab enth\u00e4lt zugleich einen Angriff auf die W\u00fcrde der Armen; das, was ich ihre spirituelle Wirklichkeit nennen m\u00f6chte, mu\u00df ebenfalls \u00bbneutralisiert\u00ab werden.<\/p>\n<p>Das Wort\u00a0 \u00bbarm\u00ab enth\u00e4lt ja vielf\u00e4ltige Konnotationen und gef\u00e4hrliche Erinnerungen an eine andere Lebensform. In den germanischen Sprachen h\u00e4ngt \u00bbarm\u00ab mit \u00bblieb\u00ab zusammen und wird auf \u00bbmitleidenswert\u00ab und \u00bbverlassen\u00ab zur\u00fcckgef\u00fchrt, wie wir das aus umgangssprachlichen Wendungen (&#8218;ein armer Tor&#8216;, &#8218;ein armer Hund&#8216;) noch kennen. Im K\u00f6lschen gibt es eine sch\u00f6ne Wendung, um auszudr\u00fccken, da\u00df es einem psychisch schlecht geht: \u00bbIch han et arm Dier.\u00ab Diese Ausdr\u00fccke entsprechen einer j\u00fcdisch-christlichen Mitleidtradition, die im kalkulierten Sozialabbau der Wende keinen Platz mehr haben darf. Der Nationale Kirchenrat in den USA hat schon 1981 in seinem \u00bbWort an die Kirchen\u00ab programmatisch erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"justify\" class=\"bodytext\">\u00bbDie neue Regierung verlangt von uns, unser bisheriges Verst\u00e4ndnis, n\u00e4mlich da\u00df eine Regierung grunds\u00e4tzlich verantwortlich daf\u00fcr sei, &#8218;die allgemeine Wohlfahrt zu f\u00f6rdern&#8216;, zu revidieren&#8230;. Die Politik der neuen Regierung zielt nicht nur darauf ab, die sozialen Leistungen zu beschneiden, sondern leugnet auch, da\u00df die Menschen ein Recht darauf haben.\u00ab (FR 16.9.1981, S. 14).<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die USA hat in den letzten Jahren, was das soziale Netz angeht, allm\u00e4hlich einen vorrooseveltschen Zustand erreicht. Die Regierung erhebt gar nicht mehr den Anspruch,\u00a0 die ganze Gesellschaft zu f\u00f6rdern und hat den nationalen Traum einer gerechten Gesellschaft, eines neuen Jerusalems ohne Ausbeutung und Sklaverei aufgegeben und sich\u00a0 von seinen Wurzeln in Christentum und Aufkl\u00e4rung gel\u00f6st. Seit Beginn der 80er Jahre werden immer gr\u00f6\u00dfere Anteile der Bev\u00f6lkerung systematischer Verelendung unterworfen. (Siehe auch den Beitrag von Margit Mayer, Seite 15). Mitten im \u00dcberflu\u00df, der die reichen Industrienationen weiter kennzeichnet, breiten sich in Europa und Nordamerika Armut und Hunger aus, w\u00e4hrend die Nahrungsmittelproduktion gleichzeitig mit Zusch\u00fcssen aus Steuergeldern reduziert wird. Aber diese wachsende Minorit\u00e4t darf nicht allzu sichtbar werden; es gibt keine Armen, nur einige Nicht-reiche.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel sind Armut und Reichtum au\u00dferordentlich relative Begriffe, die in verschiedenen Gesellschaften und zu anderen Zeiten sehr unterschiedliche Bedeutungen haben. Um sie sinnvoll zu verwenden, m\u00fcssen wir lernen, kontextuell, relational und postmaterialistisch zu denken. Das sind methodische Voraussetzungen, die ein Diskurs \u00fcber die neue Armut hoffentlich erf\u00fcllen wird. Mit &#8218;kontextuell&#8216; meine ich den Lebenskontext, innerhalb dessen die kalkulierte Verarmung stattfindet, also z.B. den Unterschied zwischen entlassenen \u00e4lteren Arbeiterinnen und Jugendlichen, die von der Arbeitserfahrung \u00fcberhaupt ausgeschlossen werden. &#8218;Relational&#8216; hei\u00dft &#8218;in Beziehung stehend&#8216;: man kann nicht \u00fcber die neuen Armen reden und \u00fcber die Reichen schweigen. Deswegen ist der karikative Ansatz mit staatlichen Hilfsprogrammen etwa so sinnvoll, als wolle man Schwerkranke mit Schmerztabletten heilen. Mit &#8218;postmaterialistisch` m\u00f6chte ich (vorsichtig) die herk\u00f6mmliche Identifikation von Arbeit mit Lohnarbeit in Frage stellen; die Menschenw\u00fcrde mu\u00df anders begr\u00fcndet werden als im Lohnerwerb, und die Menschenrechte m\u00fcssen neu, den b\u00fcrgerlichen Rahmen von Religions-, Presse-und Versammlungsfreiheit \u00fcberschreitend, definiert werden.<\/p>\n<p>Diese Vor\u00fcberlegungen sind notwendig, schon um uns vor dem alles nivellierenden Relativismus zu retten. \u00bbWas hei\u00dft schon arm? Gemessen an Kalkutta&#8230;\u00ab ist zynisches Gerede f\u00fcr beide Gruppen, den Verhungernden der Zweidrittelwelt wie den neuen Armen in der reichen Welt gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Gehen wir von anerkannten sogenannten Grundbed\u00fcrfnissen von Menschen aus: Nahrung, Gesundheit, Bildung, Wohnung, Kleidung, Arbeit und Kommunikation sind Bed\u00fcrfnisse, deren Beeintr\u00e4chtigung oder Verweigerung Menschen \u00bbarm\u00ab macht, sie verelenden l\u00e4\u00dft oder sie vernichtet. Bekanntlich gibt es \u00bbviele Arten zu t\u00f6ten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Selbstmord treiben, einen in den Krieg f\u00fchren usw. Nur weniges davon ist in unserem Staate verboten.\u00ab (Bert Brecht, Gesammelte Werke 12, 466). In diesen Bemerkungen Brechts ist die W\u00fcrde des Menschen vorausgesetzt. Ein kontextuelles Denken versucht, die Situation der Armut in Beziehung zu setzen zur menschlichen W\u00fcrde. Der Vergleich mit Kalkutta ist f\u00fcr die Obdachlosensiedlung am Rand unserer Gro\u00dfst\u00e4dte ganz unangebracht; die Fragen, die wir wirklich stellen m\u00fcssen, sind: Wann wird Armut entw\u00fcrdigend? Unter welchen Bedingungen zerst\u00f6rt sie die W\u00fcrde des Menschen?<\/p>\n<p>Nicht jede Form von Armut hat diese destruktive Qualit\u00e4t. Anfang November 1984 hielt der dann zum Staatspr\u00e4sidenten gew\u00e4hlte Daniel Ortega in Nicaragua eine Rede, in der er den Zuh\u00f6rern die ganze H\u00e4rte des Krieges und der Vernichtungsdrohung durch die USA klarmachte. Er habe nichts zu versprechen als \u00bbBohnen, Reis und menschliche W\u00fcrde\u00ab sagte Ortega. Und eine der gro\u00dfen Faszinationen Nicaraguas f\u00fcr den Besucher aus der reichen Welt besteht gerade darin, da\u00df er hier \u00fcberall extreme Armut sieht, da\u00df sie aber in den allermeisten F\u00e4llen nichts Entw\u00fcrdigendes hat &#151; vor\u00a0 allem, weil sie kollektives Schicksal, nicht Bestrafung einzelner Individuen ist. Ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Managuas lebt in den oft aus Blech, Holz und ein paar Steinen aufgebauten H\u00fctten der Armen. Es sind \u00bbslums\u00ab, aber nicht vergleichbar mit denen, die ich in Mexico City, in Santiago de Chile oder Buenos Aires gesehen habe. Im neuen Viertel El Retiro zum Beispiel haben alle H\u00fctten Elektrizit\u00e4t, der Abfall liegt nicht auf den Lehmwegen; Wasserstellen sind \u00fcber das ganze Gebiet verteilt; die meisten Leute tragen Schuhe. \u00bbWas bedeutet Revolution f\u00fcr dich?\u00ab, fragte ich eine junge Frau, Mutter von sechs Kindern, am Stadtrand von Managua. \u00bbMeine Kinder werden etwas lernen\u00ab, sagt sie, und ein barf\u00fcssiges sch\u00f6nes Kind vor der Einraumh\u00fctte aus ein bi\u00dfchen Holz und Blech erkl\u00e4rt mit einer Arroganz, die F\u00fcnfj\u00e4hrige manchmal aufbringen, da\u00df sie sp\u00e4ter studieren und Doktor werden wird.<br \/>Es gibt Formen von Armut, die die W\u00fcrde des Menschen nicht zerst\u00f6ren, und die christliche Tradition l\u00e4\u00dft sich nur dann verstehen, wenn wir von dieser M\u00f6glichkeit ausgehen. Warum sind dann die bei uns auftauchenden Formen der neuen Verarmung, warum ist unsere Armut der Alten, der Frauen, der Kinderreichen, der Arbeitslosen, der Unbesch\u00e4ftigbaren so anders und so zerst\u00f6rerisch? Unter welchen sozialen und psychosozialen Bedingungen zerst\u00f6rt Armut die W\u00fcrde des Menschen?<br \/>Ich will darauf mit einer Fallbeschreibung antworten.<\/p>\n<p>Herbert, ein entfernter Verwandter von mir, jetzt 55 Jahre alt, war fast zwei Jahre arbeitslos. Er ist Gipser von Beruf, ein Rest von handwerklicher T\u00e4tigkeit im kleinen Team ist da, er hatte eine starke loyale Bindung an die Firma, f\u00fcr die er t\u00e4tig war. Seine Angst, da\u00df diese Firma pleite machen k\u00f6nnte, war so gro\u00df, da\u00df er zu einem relativ sp\u00e4ten Zeitpunkt noch Geld in das Unternehmen steckte, um es zu retten.<br \/>Das Unternehmen und sich selber, wollte er retten. Beides mi\u00dflang. Er hat in diesen 20 Monaten eine Erfahrung der Sinnlosigkeit gemacht, die anderen, die au\u00dfer der Arbeit andere Formen des Selbstausdrucks gelernt haben, fremd bleiben mu\u00df. Herbert kannte nichts als seine Arbeit. Als sie weg war, war sein Leben weg. Es fand gar nichts mehr statt. Es war nicht in erster Linie ein finanzielles Problem, er arbeitete gelegentlich schwarz und kam einigerma\u00dfen hin, das H\u00e4uschen ist fast abbezahlt, die Kinder selbst\u00e4ndig. Es war ein existenzielles Problem, eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Herbert sa\u00df w\u00e4hrend dieser Zeit herum. Er rauchte mehr als je, eine nach der anderen. Er nahm ab. Er las fr\u00fcher nicht, warum sollte er jetzt lesen. Er ist fr\u00fcher nie in Urlaub gefahren, hielt es woanders immer nur zwei oder drei Tage aus, ohne Arbeit schon gar nicht, warum sollte er jetzt herumreisen. Er wurde zunehmend agressiver zu seiner Frau. Zu den beiden heranwachsenden T\u00f6chtern war er schon vorher agressiv; jetzt sprach er fast nicht mehr mit ihnen. In seiner kleinen Firma hatte er ein besonders gutes Verh\u00e4ltnis zu den dort arbeitenden Italienern und Jugoslawen. Er besch\u00fctzte sie vor Ungerechtigkeiten. Seitdem er arbeitslos war, redete er nur noch verbal-agressiv gegen sie, schimpfte \u00fcber die Ausl\u00e4nder. Ebenfalls versch\u00e4rft hat sich sein Verh\u00e4ltnis zu den gesellschaftlichen Institutionen, er war zwar schon immer mi\u00dftrauisch, f\u00fchlt sich aber erst jetzt, als \u00e4lterer Arbeitsloser, von allen Parteien gleicherma\u00dfen verraten. Fast k\u00f6nnte man das gro\u00dfe Wort Staatsverdrossenheit auf ihn anwenden. Sicher handelt es sich um eine Sinnkrise.<\/p>\n<p>Arbeit ist ein Teil unserer Sinnerfahrung. Sie stellt unsere Selbstachtung her. F\u00fcr Her bert war die Selbstachtung massiv bedroht, als ihm die Arbeit genommen war. Sie hatte ihm Wert verliehen, vor anderen und vor sich selber, sie hatte ihn integriert in das Leben der Familie, ihm Beziehung gegeben zu den Kollegen am Arbeitsplatz und den gr\u00f6\u00dferen gesellschaftlichen Institutionen. Als die Arbeit weg war, war pl\u00f6tzlich der Zusammenhalt weg. Die Maschinerie seines Lebens funktionierte nicht mehr, der Rhythmus war weg, die gute M\u00fcdigkeit, das Miteinanderreden am Abend. Das Bier schmeckte anders. Als die Arbeit weg war, stellte sich pl\u00f6tzlich heraus, da\u00df Herbert kein Mensch war ohne sie.<\/p>\n<p>Sicher gibt es Leute, die schlimmer reagieren auf den Verlust oder gar auf die Aussichtslosigkeit, eine Arbeit zu finden. Jugendliche, die von der Sinnlosigkeit ihres Lebens bedroht und \u00fcberw\u00e4ltigt werden, fangen an, Telefonh\u00e4uschen zu zerst\u00f6ren, zu\u00a0 saufen, kriminell zu werden. Das sind agressivere Formen desselben Krisenph\u00e4nomens: Aber auch ohne diese Auff\u00e4lligkeiten ist die Sache schlimm genug. Herbert ist, so will ich als These formulieren, auf doppelte Weise um sein Leben betrogen. einmal durch Arbeitslosigkeit, und zwar durch die zunehmend strukturelle. In unserer Gesellschaft hat er kein einklagbares Recht auf Arbeit, er mu\u00df vielmehr immer mit dem Verlust seines Arbeitsplatzes rechnen. Er steht unter der Drohung, wieder gehen zu m\u00fcssen. Diese Drohung nimmt ihm die Sicherheit, das selbstverst\u00e4ndliche Vertrauen in eine Gesellschaft, in der jeder seinen Platz hat und gebraucht wird. Nichts ist selbstverst\u00e4ndlich, das Arbeitenk\u00f6nnen sowenig wie das Luftholen. Der Lebenszusammenhang wird im Gegenteil immer undurchschaubarer.<\/p>\n<p>Die Drohung nimmt ihm auch die Freiheit, umzugehen mit anderen, Vorgesetzten und\u00a0 Kollegen, wie es ihm selber entspricht. Herbert ist von Natur aus rotzfrech, er sagt unaufgefordert was er denkt und f\u00fchlt. \u00bbIch bin so frei\u00ab ist eine seiner Redensarten, und er ist es. Aber die Drohung, unter der er lebt, nimmt ihm die Frechheit, die Spontaneit\u00e4t, die W\u00e4rme und die Freiheit seines Umgangs mit anderen. Er hat sich anzupassen. Seine pers\u00f6nliche Sicherheit und seine pers\u00f6nliche Freiheit, dieser zu sein, sind durch die permanente Drohung ausgeh\u00f6hlt; das trifft nat\u00fcrlich f\u00fcr j\u00fcngere weniger stabilisierte Menschen erst recht zu.<\/p>\n<p>An wen eigentlich ist Herbert ausgeliefert? Es ist nicht eine politische Diktatur, die ihn\u00a0 bedroht, aber er erf\u00e4hrt am eigenen Leib und an der eigenen Seele die \u00f6konomische Diktatur, die undurchschaubare Fremdbestimmung seines Lebens. Arbeitslosigkeit ist nur die andere Seite der Diktatur des Kapitals, unter der er lebt.<br \/>Die andere Art, auf die er um sein Leben betrogen wird, ist die Sinnlosigkeit, die in der Arbeitslosigkeit sichtbar wird. Er hat niemals gelernt, sich selber auch au\u00dferhalb der Arbeit zu verwirklichen, er selber, auch arbeitsfrei, zu sein.<\/p>\n<p>Darum trifft ihn die erzwungene Verarmung besonders; sie ist dem\u00fctigend. Es gibt viele Berichte \u00fcber Arbeitslose, die ihre Entlassung vor Nachbarn und oft auch vor der eigenen Familie verbergen, die morgens mit dem Bus angeblich zur Arbeit fahren und abends erst zur\u00fcckkommen, weil sie die Dem\u00fctigung, den sozialen Ausschlu\u00df nicht ertragen. Sie erleben sich selbst als vollst\u00e4ndig abh\u00e4ngig von der Willk\u00fcr anderer, die \u00fcber die Vernichtung von Arbeitspl\u00e4tzen durch neue Technologien entscheiden. Es gibt eine Scham der Armut, die sich lieber versteckt, den Weg durch dem\u00fctigende Kontrollen und Prozeduren gar nicht erst versucht. Es fehlt den Armen an Souver\u00e4nit\u00e4t, mit dem Leben umzugehen, Beziehungen zu anderen Menschen zu benutzen, spielerische Elemente des eigenen Lebens zu entwickeln. Das kann so weit gehen, da\u00df die allersimpelsten Fragen von Armen nicht gestellt werden, wie die Frage \u00bbWas kostet das?\u00ab Geschichten wie die von der alleinstehenden Frau, die von einem Vertreter ein Kilo Kaffee pro Woche aufgeschwatzt bekommen hat und nicht wei\u00df, wie aus der Falle herauskommen, sind keine Seltenheit. Die Abh\u00e4ngigkeit der Armen hat ihnen die Mobilit\u00e4t und die Neugier zerst\u00f6rt. Die Unsicherheit des Lebens vergr\u00f6\u00dfert sich damit in Unabsehbare, und zu der objektiven Unterwerfung unter soziale Kontrollen tritt die subjektive Selbstentw\u00fcrdigung. Armut ist in der Tat ein besser nicht zu erw\u00e4hnendes dreckiges Wort, und dieses Bewu\u00dftsein bekommen die Armen verpa\u00dft.<\/p>\n<p>Ihre Kinder lernen es beim Eintritt in die Schule. Ich erinnere mich an eine Elternversammlung in der ersten Klasse der \u00bbh\u00f6heren\u00ab Schule. Die Lehrerin sagte freundlich: \u00bbWenn irgendetwas ist, k\u00f6nnen Sie mich ja anrufen. Vielleicht sollten wir alle unsere Telefonnummern austauschen.\u00ab Ich dachte mir nichts dabei, aber neben mir sa\u00df eine versch\u00fcchterte Mutter und fragte \u00bbMu\u00df man denn ein Telefon haben?\u00ab Sie war verunsichert von der ihr fremden Gel\u00e4ufigkeit, Mobilit\u00e4t, Kommunikationsart. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen und sprach, wenn \u00fcberhaupt, nur zu mir. Nach einem halben Jahr war ihr Kind aus der Schule weg. Ich erz\u00e4hle dieses Beispiel, um auf ein Ph\u00e4nomen der neuen Armut hinzuweisen, das subjektive Bewu\u00dftsein der Rechtlosigkeit. Das Bedarfsprinzip wird in der Sozialhilfe so ausgeh\u00f6hlt, da\u00df die Rechtsanspr\u00fcche der Betroffenen zu Ermessensentscheidungen der B\u00fcrokratie gemacht werden; die Abh\u00e4ngigkeit wird vergr\u00f6\u00dfert, und die Entw\u00fcrdigung schl\u00e4gt in Selbstentw\u00fcrdigung um. Das Schulkind, f\u00fcr dessen Eltern die angesagte Klassenreise zu teuer ist, bleibt weg, entzieht sich, und der verh\u00e4ngte Ausschlu\u00df von der Wohn- und Lebensgemeinschaft wird durch viele kleine Schritte internalisiert.<\/p>\n<p>Die Armen werden ausgegrenzt aus der Gesellschaft. Das geschieht in legislativen Ma\u00dfnahmen, die soziale Deklassierung, Isolierung und mangelnde kulturelle oder politische Teilhabe zur Folge haben. Die Reichen wollen den Anblick der Armen nicht ertragen. Einem Bericht der New York Times entnehme ich, da\u00df eine wachsende Anzahl reicher Ortschaften in den USA sich heute durch Mauern von den \u00fcbrigen Menschen abgrenzt. Es gibt eine Architektur der \u00bbReichen in Angst\u00ab, die bewaffnete H\u00e4user bauen: kleine Kastelle mit hohen Hecken, scharfen Hunden und Alarmanlagen. Meist liegen diese eingemauerten Ortschaften in USA noch nicht einmal in der N\u00e4he von Orten mit hoher Kriminalit\u00e4t; dennoch ist die Furcht der Reichen vor den Armen bereits so gro\u00df, da\u00df elektronische Sicherheitsg\u00fcrtel und bewaffnetes Wachpersonal notwendig werden. Die \u00e4ltere Vorstellung von der Stadt, der Polis, in der freie B\u00fcrger zusammenleben, ist aufgegeben zugunsten einer Architektur der Apartheid, mittels derer die Armen unsichtbar gemacht werden. Sie sind Nonpersonen, und Reagans Ableugnung ihrer Realit\u00e4t spricht nur das Bewu\u00dftsein seiner Klasse aus. Es gibt keine Armen.<\/p>\n<p>In S\u00fcdafrika wachsen die wei\u00dfen Jugendlichen in der \u00fcbergro\u00dfen Mehrzahl in vollst\u00e4ndiger kultureller Apartheid auf: sie kennen ihr eigenes Land nicht, sie wissen nichts \u00fcber die Versorgung mit Wasser und Strom in den Townships wie Soweto, die Arbeitsbedingungen der Nicht-wei\u00dfen sind ihnen vollst\u00e4ndig unbekannt. Diese geistig-kulturelle Apartheid ist aber nicht nur eine Erfindung s\u00fcdafrikanischer Rassisten, sie ist grundlegend f\u00fcr die gesamte Kultur der Reichen. Es gibt z.B. ganze Theologien und auf ihnen gegr\u00fcndete Institutionen, in denen die Armen, die nach einer Aussage der lateinamerikanischen Bischofskonferenz von Puebla (1979) \u00bbdie Lieblingskinder Gottes\u00ab sind, gar nicht vorkommen, unsichtbar bleiben. Die reiche Welt braucht immer mehr Mauern, um sich gegen die Armen zu verschanzen und immer mehr Waffen, um sich gegen sie zu sichern.<\/p>\n<p>Die Ausgrenzung der Armen, ihre Unsichtbarmachung ist ideologisch notwendig. Darum sind Reagans Sprachverrenkungen kein Zufall. Die Abfallprodukte, die zunehmende Marginalisierung ganz neuer Generationen von Armen wird, so gut es eben geht, verschleiert. Ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit wie die Studie des DGB \u00fcber die neue Armut erschien ein Hirtenbrief der franz\u00f6sischen Bisch\u00f6fe zum Thema. \u00bbMan hat heute Hunger in Frankreich\u00ab. so beginnt diese Deklaration, und damit ist nicht eine Randerscheinung gemeint oder eine Art \u00bbUnfall\u00ab in einer sonst florierenden Wirtschaftsordnung, sondern die Realit\u00e4t von 600000 bis zu einer Million ganz normaler Franzosen, die im wirtschaftlichen System, das sich f\u00fcr die Anwendung der neuesten Technologien stark macht und Arbeitslose in Kauf nimmt, vorgegeben ist. Diese wirtschaftspolitische Entwicklung wird heute durch neue Ideologien, wie sie in der immer beliebteren philosophischen Schule der Nouvelle Droite, der Neuen Rechten, gang und g\u00e4be sind, abgesichert. Jede Woche popularisiert das Figaromagazin auf Glanzpapier den neuen \u00bbKult der St\u00e4rkeren\u00ab, identifiziert die St\u00e4rkeren als die Besseren, Sch\u00f6nen und M\u00e4chtigen und verschafft den Reichen ein gutes Gewissen. So werden die ideologischen Apartheidsmauern hochgezogen; das Ideal der Gleichheit wird als \u00bbNivellierung\u00ab und \u00bbGleichmacherei\u00ab verteufelt. Der Kult der St\u00e4rke, der auch in der j\u00fcngsten Sch\u00fcler- und Studentengeneration immer mehr Anh\u00e4nger findet, wird offen als \u00bbneues Heidentum\u00ab proklamiert. Endlich fort mit den Resten einer Solidargemeinschaft aus Starken und Schwachen! Die Armen sind es selber Schuld &#151; das ist die neue Ideologie, die von den Franzosen antiklerikal und heidnisch, von Reagan fundamentalistisch und christofaschistisch ausgesprochen wird. Die W\u00fcrde der Armen ist in der Tat antastbar.<\/p>\n<p>In der BRD hinkt die Ideologie vielleicht noch etwas hinterher, aber die praktisch-b\u00fcrokratische Verwaltung der Armen ist schon perfekt. Indem man die finanziellen Kosten f\u00fcr die Armen vom Bund auf die L\u00e4nder und Gemeinden verlegt, arbeitet man ihrer Isolierung und Dezentralisierung zu. Die sozialen Probleme sollen entpolitisiert bleiben. Die Armen, die Arbeitslosen und die ohne Aussicht auf eine \u00c4nderung Lebenden m\u00fcssen voneinander isoliert werden. Die Verlagerung der Kompetenzen dient der politischen Entm\u00fcndigung der an den Rand Gedr\u00e4ngten. Auf einer Gespr\u00e4chsrunde zwischen Wirtschaftsf\u00fchrern und Repr\u00e4sentanten des deutschen Protestantismus wurde k\u00fcrzlich der Auftrag der Wirtschaft an die Kirche in zynischer Offenheit formuliert. Die Kirche solle die Arbeitnehmer auch f\u00fcr sinnlose Arbeiten motivieren und ihnen eine neue Arbeitsmoral nahebringen. Die Arbeitslosen solle sie unter Hinweis auf den \u00bbSinn des Lebens\u00ab ruhig halten. Diese Art, mit dem Problem der neuen Armut umzugehen, ist nicht nur zynisch, sondern auch realit\u00e4tsblind. Ich kann mir nicht vorstellen, da\u00df die Angeh\u00f6rigen der Machteliten in der Bundesrepublik tats\u00e4chlich so leben wollen, wie es ihnen die Ideologie des Reichtums vorschreibt: in bewaffneten H\u00e4usern, hinter Mauern in privaten Siedlungen, mit Atombunkern ausger\u00fcstet und im Besitz der bezahlten W\u00e4chter, die die nachr\u00fcckenden Eindringlinge vor den Schutzr\u00e4umen abknallen. Eine Gesellschaft, die die Armen ausgrenzt, die die Solidargemeinschaft zwischen den Starken und den Schwachen, den Arbeitsbesitzern und den Arbeitslosen, den Kinderlosen und den Kinderreichen aufk\u00fcndigt, mu\u00df auch die politische Lebensform der Demokratie aufk\u00fcndigen. Demokratie funktioniert nicht unter den Voraussetzungen des Sozialdarwinismus, sondern setzt genossenschaftliches Denken, gegenseitige Verantwortlichkeit, ein bonum commune voraus. Die Aufk\u00fcndigung dieser Gemeinsamkeit und gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit bedeutet den Krieg der Reichen gegen die Armen.<\/p>\n<p>Krieg wird in der ldeologie der Neuen Rechten zur Vision des Lebens; als das nat\u00fcrlich\u00a0 Gegebene ist der Krieg das jederzeit Vorzubereitende. Der Zustand der Verelendung, in den die Eliten der reichen Welt die \u00c4rmsten in der Dritten Welt st\u00fcrzen, ist ohne Krieg und Gewalt nicht aufrechtzuerhalten. Der unerkl\u00e4rte Krieg des reichsten Landes der Erde gegen eines der \u00e4rmsten, Nicaragua, sollte das auch den naivsten Verfechter westlicher ldeologien klargemacht haben.<br \/>Die Reichen zerst\u00f6ren nicht nur die Menschenw\u00fcrde der Armen, sondern auch ihre eig ene. Sie haben ihre W\u00fcrde am Besitz und an die mit Besitz verbundenen Gewaltmittel gekettet. Nicht jede Form von Reichtum, der unbezogen bleibt auf die Abh\u00e4ngigen und sich hinter Apartheidsmauern isolieren mu\u00df, ist eine Selbstzerst\u00f6rung der Menschenw\u00fcrde der Reichen. Da\u00df ein Reicher ins Himmelreich kommt, ist so wahrscheinlich wie da\u00df ein Kamel durch ein Nadel\u00f6hr geht.<\/p>\n<p>Die christliche Tradition hat in die Auseinandersetzung um Armut und Reichtum etwas\u00a0 einzubringen, was heute in Gefahr steht, vergessen zu werden. Sie geht n\u00e4mlich nicht von der Annahme aus, alle Menschen seien Kapitalisten, manche erfolgreich (= reich), andere erfolglos, verhindert (= arm). Diese Annahme ist in unserer Kultur selbstverst\u00e4ndlich, und die W\u00fcrde der Armen, der Grund, warum Jesus sie seligpries, ist von diesem Horizont aus schlechterdings unverst\u00e4ndlich. Es ist aber ein materialistischer Aberglaube anzunehmen, jede Form von Armut zerst\u00f6re unsere W\u00fcrde und sei um jeden Preis zu vermeiden. Wer immer innerhalb der Mittelklasse lebend sich in Solidarit\u00e4t auf die Armen einl\u00e4\u00dft, der verfehlt ihre Wirklichkeit, solange er sie unter dem allein herrschenden Gesichtspunkt, n\u00e4mlich als verhinderte Kapitalisten, betrachtet. Die W\u00fcrde der Armen liegt in ihrem Sein, nicht in ihrem Haben und Nicht-haben; die Zerst\u00f6rung ihrer W\u00fcrde ist die Zerst\u00f6rung ihrer Solidarit\u00e4t untereinander, ihrer Vision miteinander.<\/p>\n<p>Ich habe die Kriterien, die Armut zerst\u00f6rerisch und selbstdestruktiv machen, genannt: Dem\u00fctigung, Scham, Isolation und Sinnlosigkeit. Aber das definiert die Armen nicht,\u00a0 nicht jederzeit und nicht \u00fcberall. Die Bibel ist ein erkl\u00e4rter Gegner jeden Schicksalglaubens, jeder Beschreibung der menschlichen Wirklichkeit als schicksalhaft ablaufend. Sie setzt gegen das \u00bbWeil du arm bist, mu\u00df du fr\u00fcher sterben\u00ab ihr: \u00bbWeil du reich bist, hast du nie gelebt.\u00ab Das Evangelium ist voll von Weherufen gegen die Reichen und Seligpreisungen der Armen. Es verspricht den Hungrigen, Entrechteten und k\u00fcnstlich Verarmten Befreiung und F\u00fclle des Lebens. Innerhalb der christlichen Tradition lassen sich zwei Arten von Armut unterscheiden: die erzwungene, \u00fcber Menschen verh\u00e4ngte Verelendung, die im Extrem von den \u00d6konomen \u00bbabsolute\u00ab Armut genannt wird, und die freiwillig gew\u00e4hlte, in der Menschen ihre von Natur aus unbegrenzten materiellen Bed\u00fcrfnisse zur\u00fcckstellen und Freiheit f\u00fcreinander gerade aus Einfachheit und relativer Besitzlosigkeit gewinnen. Das Versprechen ist nicht, da\u00df alle wie die Reichen werden sollen, das Ideal ist nicht der Million\u00e4r und seine Generale; es sind die kleinen Leute, die Frauen, die Kinder, denen das \u00bbLeben in seiner F\u00fclle\u00ab physisch, geistig, psychisch versprochen wird in einer Kultur des Teilens, in der f\u00fcnf Brote und zwei Fische unter f\u00fcnftausend Menschen geteilt werden und ausreichen.<\/p>\n<p>Die befremdlichen Wundergeschichten in den Evangelien k\u00f6nnen uns Distanz von uns selber (und dem Kapitalisten in uns) geben und uns ein besseres Verst\u00e4ndnis von der\u00a0 Rolle der Armen geben. Ein Grundsatz der Theologie der Befreiung, die man auch eine Theologie der Armen nennen kann, ist, da\u00df die Armen die Lehrer sind, die uns auf das Leben aufmerksam machen. Was lehren denn die Armen? Sie warten auf Wunder. Sie brauchen Wunder &#151; w\u00e4hrend f\u00fcr die Reichen die Wunder nur Aberglaube, Illusion, Realit\u00e4tsflucht sind. Die Armen brauchen das Wunder: die Au\u00dferkraftsetzung der Realit\u00e4tsgesetze, da\u00df wer f\u00e4llt, auch noch gesto\u00dfen wird, da\u00df der Starke \u00fcber die Schwachen siegt und ihnen Gewalt antut; sie brauchen das Wunder, da\u00df Solidarit\u00e4t st\u00e4rker ist als die strukturelle Gewalt der M\u00e4chtigen. Die Armen brauchen nicht Reformen, Hilfsprogramme, &#8218;Placebos&#8216;, sondern das Wunder, dessen Kern die Umverteilung ist. Die neue Verteilung der Arbeitszeit, der Einkommen und der Freizeit nach dem Prinzip der Bed\u00fcrfnisse &#151; das sind Hoffnungen, ohne die die Armen nicht ihre W\u00fcrde bewahren k\u00f6nnen. In diesem Sinn ist die sandinistische Revolution, die das Land, das Essen, die Gesundheit und die Bildung umverteilt hat, eine Wunder-geschichte, in der das Unm\u00f6glich-scheinende m\u00f6glich wurde. \u00bbAlles ist m\u00f6glich dem, der da glaubt\u00ab, sagt Jesus. An Wunder \u00bbglauben\u00ab bedeutet in seiner Botschaft, sich an ihnen zu beteiligen, sie zu tun.<\/p>\n<p>Das Versprechen einer solchen solidarischen Kultur ist eine Einladung zum Kampf, zum Eintreten f\u00fcr die Opfer und zum Mitleiden. Die Menschen, die sich auf die Seite der Armen ziehen lassen, kommen mit dem Grund allen Lebens in Ber\u00fchrung: das\u00a0 dr\u00fcckt die Bibel so aus, da\u00df ihnen Gott in den Armen begegnet. Bei diesem Schritt von der Bewu\u00dftlosigkeit zum Bewu\u00dftsein, von der apathischen Hoffnungslosigkeit einem Verh\u00e4ngnis gegen\u00fcber zum Glauben an den befreienden Gott der Armen ver\u00e4ndert sich auch die Qualit\u00e4t der Armut, weil sich das Verh\u00e4ltnis zu ihr \u00e4ndert. Wenn der Arme nur ein verhinderter Kapitalist ist, so kann sich sein Verh\u00e4ltnis zur Armut nicht \u00e4ndern, und er wird weiter Lotterie spielen und auf den Zufall der Einstellung und der individuellen L\u00f6sung eines gesellschaftlichen Problems warten. Er wird sich weiterhin der Armut sch\u00e4men und die Isolation f\u00fcr nat\u00fcrlich halten. Er wird die Kultur der Apartheid internalisieren und seine eigene W\u00fcrde kapitalistisch, in Besitz und Leistung, definieren. Wird er sich aber seiner Lage bewu\u00dft, so ver\u00e4ndert sich sein Verh\u00e4ltnis zu sich selber. Seine Armut, quantitativ gesehen, kann gr\u00f6\u00dfer werden, weil der Kampf und das Mitleid Opfer fordern; sie kann auch geringer werden, weil der Kampf und das Mitleiden eine bessere Verteilung der G\u00fcter schon jetzt bedeutet. In beiden F\u00e4llen ist aber die erzwungene, verh\u00e4ngte Armut nicht mehr dieselbe; sie nimmt die Z\u00fcge der freiwilligen Armut an; es leuchtet die Realit\u00e4t der Freiheit in der Armut auf; sie wird Gottes Armut, wie sie es f\u00fcr Jesus, f\u00fcr Franziskus, f\u00fcr Oscar Romero und viele andere war. Die Armen werden so in die Befreiungsk\u00e4mpfe verwickelt. Was sich jetzt wie ein Traum anh\u00f6rt &#151; das Bewu\u00dftsein der Bewu\u00dftlosen &#151; hat in der Dritten Welt seine Vorbilder. Die Armen haben sich dort ja schon zusammengeschlossen, die Befreiungsk\u00e4mpfe finden ja statt, die Kultur der Apathie und des entw\u00fcrdigenden Schweigens wird \u00fcberwunden, Reis, Bohnen und menschliche W\u00fcrde werden geteilt. Warum sollte es nicht auch bei uns eine Gewerkschaft derer, die vom Arbeitsleben ausgeschlossen werden, geben? Eine neue Solidarit\u00e4t zwischen denen, die noch Arbeit haben, und denen, deren W\u00fcrde durch die Verweigerung des Menschenrechts auf Arbeit bedroht ist? Eine Bewegung f\u00fcr den Frieden, die die Marginalisierung und Entw\u00fcrdigung der Armen als Teil des erbarmungslosen Krieges begreift, den die Erste Welt gegen zwei Drittel der menschlichen Familie, gegen die Natur und gegen sich selber f\u00fchrt? \u00bb Warum wollt Ihr sterben?\u00ab fragte der Prophet Hesekiel (33,11). Warum eigentlich?<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[821,667],"autoren":[437],"publikationen":[1277],"class_list":["post-11398","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-generationen","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dorothee-soelle","publikationen-73-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 23-31 Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner\u00a0 Antwort vermied er das Wort \u00bbarm\u00ab und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon [weiterlesen]\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"1985-02-25T11:00:00+00:00\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:site\" content=\"@humunion\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"22\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\\\/\\\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/publikation\\\/armut-und-menschenwuerde\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/publikation\\\/armut-und-menschenwuerde\\\/\",\"name\":\"Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\"},\"datePublished\":\"1985-02-25T09:00:00+00:00\",\"dateModified\":\"1985-02-25T11:00:00+00:00\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/publikation\\\/armut-und-menschenwuerde\\\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/publikation\\\/armut-und-menschenwuerde\\\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/publikation\\\/armut-und-menschenwuerde\\\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Publikationen\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"vorg\u00e4nge\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":3,\"name\":\"vorg\u00e4nge 73\",\"item\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/publikationen\\\/vorgaenge\\\/73-vorgaenge\\\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":4,\"name\":\"Armut und Menschenw\u00fcrde\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#website\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"name\":\"Humanistische Union\",\"description\":\"\",\"publisher\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\"},\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":{\"@type\":\"PropertyValueSpecification\",\"valueRequired\":true,\"valueName\":\"search_term_string\"}}],\"inLanguage\":\"de\"},{\"@type\":\"Organization\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#organization\",\"name\":\"Humanistische Union e.V.\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/\",\"logo\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"de\",\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\",\"url\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"contentUrl\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/wp-content\\\/uploads\\\/2023\\\/09\\\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg\",\"width\":1000,\"height\":536,\"caption\":\"Humanistische Union e.V.\"},\"image\":{\"@id\":\"https:\\\/\\\/www.humanistische-union.de\\\/#\\\/schema\\\/logo\\\/image\\\/\"},\"sameAs\":[\"https:\\\/\\\/x.com\\\/humunion\",\"https:\\\/\\\/mastodon.social\\\/@humunion\",\"https:\\\/\\\/bsky.app\\\/profile\\\/humanistischeunion.bsky.social\"]}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/","og_locale":"de_DE","og_type":"article","og_title":"Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union","og_description":"aus vorg\u00e4nge Nr. 73 (Heft 1\/1985), S. 23-31 Vor etwa zwei Jahren wurde Ronald Reagan von Reportern auf die sich immer noch verschlechternde Lage der Armen in den Vereinigten Staaten angesprochen. In seiner\u00a0 Antwort vermied er das Wort \u00bbarm\u00ab und sprach stattdessen von den Nicht-reichen, the non-rich. Diese Ausdrucksweise hat mich schockiert, obwohl mir schon [weiterlesen]","og_url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/","og_site_name":"Humanistische Union","article_modified_time":"1985-02-25T11:00:00+00:00","twitter_card":"summary_large_image","twitter_site":"@humunion","twitter_misc":{"Gesch\u00e4tzte Lesezeit":"22\u00a0Minuten"},"schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"WebPage","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/","name":"Armut und Menschenw\u00fcrde - Humanistische Union","isPartOf":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website"},"datePublished":"1985-02-25T09:00:00+00:00","dateModified":"1985-02-25T11:00:00+00:00","breadcrumb":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de","potentialAction":[{"@type":"ReadAction","target":["https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/"]}]},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/publikation\/armut-und-menschenwuerde\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Publikationen","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"vorg\u00e4nge","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/"},{"@type":"ListItem","position":3,"name":"vorg\u00e4nge 73","item":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/73-vorgaenge\/"},{"@type":"ListItem","position":4,"name":"Armut und Menschenw\u00fcrde"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#website","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","name":"Humanistische Union","description":"","publisher":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization"},"potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/?s={search_term_string}"},"query-input":{"@type":"PropertyValueSpecification","valueRequired":true,"valueName":"search_term_string"}}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Organization","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#organization","name":"Humanistische Union e.V.","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/","logo":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/","url":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","contentUrl":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/HU-LOGO-blau_RGB-high-scaled-e1704725806773.jpg","width":1000,"height":536,"caption":"Humanistische Union e.V."},"image":{"@id":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/#\/schema\/logo\/image\/"},"sameAs":["https:\/\/x.com\/humunion","https:\/\/mastodon.social\/@humunion","https:\/\/bsky.app\/profile\/humanistischeunion.bsky.social"]}]}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/publikation\/11398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/publikation"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/types\/publikation"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/media?parent=11398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/categories?post=11398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/tags?post=11398"},{"taxonomy":"autoren","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/autoren?post=11398"},{"taxonomy":"publikationen","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/custom-json\/wp\/v2\/publikationen?post=11398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}