{"id":11400,"date":"2012-09-15T09:00:00","date_gmt":"2012-09-15T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/audiatur-et-altera-pars\/"},"modified":"2021-08-28T23:34:23","modified_gmt":"2021-08-28T21:34:23","slug":"audiatur-et-altera-pars","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/audiatur-et-altera-pars\/","title":{"rendered":"Audiatur et altera pars"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 199 (Heft 3\/2012), S. 115-123<\/p>\n<p>Wer sich auf die Suche nach einer befriedigenden Auskunft \u00fcber den Begriff &#8222;Motto&#8220; begibt, wird selbst in gr\u00f6\u00dferen Bibliotheken entt\u00e4uscht werden. Angesichts der un\u00fcberschaubaren Vielzahl der in der Geschichte verwandten Motti erscheint das Suchergebnis eher d\u00fcrftig, so wenn in monotoner Wiederholung in Lexika meist auf folgende Standardbedeutungen verwiesen wird: &#8222;Devise&#8220;, &#8222;Leitgedanke&#8220;, &#8222;Leitspruch&#8220;, &#8222;Maxime&#8220;, &#8222;Parole&#8220; oder &#8222;Wahlspruch&#8220;. Einen Ausweg verspricht wom\u00f6glich der Hinweis, ein Motto als Wahlspruch oder Devise zu begreifen, als ein Symbol, das sich eine Gruppe Gleichgesinnter, eine Person oder eine Organisation gibt, welches ihr Ziel und ihren Anspruch deutlich machen soll. Solche Motti entstammen entweder langen Traditionen oder bestimmten historischen Ereignissen, etwa einem B\u00fcrgerkrieg oder einer Revolution (Vgl. hierzu Wikipedia). Eingedeutscht wurde das Synonym &#8222;Devise&#8220; durch den Ausdruck &#8222;Wahlspruch&#8220; von Philipp v. Zesen (1619-1689) (siehe hierzu Meyers Handlexikon des allgemeinen Wissens, 6. neu bearb. Aufl., Band 2, Leipzig und Wien 1912, S. 1597)<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit f\u00fcr diese Erw\u00e4hnung der Begriffsgeschichte ergab sich aus der erneuten Lekt\u00fcre der Schriften Michael Th. Grevens. Denn er hat, beginnend mit seiner Dissertation &#8222;Systemtheorie und Gesellschaftsanalyse&#8220; (1974), Motti gew\u00e4hlt, um seine eigenen Texte durch bestimmte Leitgedanken zu markieren.<\/p>\n<p>Diese sollen im Folgenden hinsichtlich ihrer Funktion f\u00fcr das wissenschaftliche Selbstverst\u00e4ndnis des Politologen Michael Th. Greven befragt werden. Im Einzelnen handelt es sich um die folgenden Motti:<\/p>\n<h5><span id=\"i-motti-in-selbststaendigen-publikationen\">I. Motti in selbst&shy;st&auml;n&shy;digen Publi&shy;ka&shy;ti&shy;onen<\/span><\/h5>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"systemtheorie-und-gesellschaftsanalyse-1974\">SYSTEMTHE&shy;ORIE UND GESELL&shy;SCHAFTS&shy;ANA&shy;LYSE (1974) <\/span><\/h2>\n<p>1. &#8222;Wor\u00fcber sie erst triftig zu urteilen h\u00e4tte, das wird postuliert, ehe sie anhebt. System, Darstellungsform einer Totalit\u00e4t, der nichts extern bleibt, setzt den Gedanken gegen\u00fcber jedem seiner Inhalte absolut und verfl\u00fcchtigt den Inhalt in Gedanken: Idealistisch vor aller Argumentation f\u00fcr den Idealismus.&#8220; (Theodor W. Adorno)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"parteien-und-politische-herrschaft-1977\">PARTEIEN UND POLITISCHE HERRSCHAFT (1977) <\/span><\/h2>\n<p>2. &#8222;&#8230; jetzt haben wir das Recht, und wir haben die Zeit, \u00fcber diese Handlungen nachzudenken. Sie sollten zur Befreiung f\u00fchren, und unsere Klasse ist es, die diese Befreiung in die Wege leitet. Die Befreiung kann uns nicht gegeben werden, wir m\u00fcssen sie selbst erobern. Erobern wir sie nicht selbst, so bleibt sie f\u00fcr uns ohne Folgen. Wir k\u00f6nnen uns nicht befreien, wenn wir nicht das System, das uns unterdr\u00fcckt und die Bedingungen, aus denen das System erw\u00e4chst, beseitigen. Wie aber soll Befreiung nun von uns ausgehn, wie sollen die Umw\u00e4lzungen vollzogen werden, wenn wir immer nur gelernt haben, uns zu f\u00fcgen, uns unterzuordnen und auf Anweisungen zu warten&#8230;<\/p>\n<p>Dass wir uns zurechtweisen lassen, erniedrigen lassen, das liegt in unserem Wesen. Es wurde daraus eine brauchbare Eigenschaft rationalisiert. Wir hatten Stolz dr\u00fcber zu sein, dass wir flei\u00dfig, t\u00fcchtig und gehorsam waren. Aus unserer Demut wurde das Ideal der Disziplin, der Parteitreue. Ich will, sagte er, als schon Unruhe entstand, auf das Folgende hinweisen. Alle unsere Bem\u00fchungen um Befreiung waren bedingt vom Versuch, die Vorherrschaft der Autorit\u00e4ten abzuwerfen und endlich dorthin zu gelangen, wo wir selbst zu urteilen und zu bestimmen hatten. Dabei gerieten wir immer wieder vor die von oben, die uns erkl\u00e4rten, wir w\u00fcssten nicht, was das Richtige f\u00fcr uns sei und dass deshalb die F\u00fchrung f\u00fcr uns handeln m\u00fcsse. Wenn ich versuche, mir klarzuwerden \u00fcber meine Stellung in der Arbeiterbewegung, so ist es, als m\u00fcsse ich zuerst zu graben anfangen, m\u00fcsse mich rausw\u00fchlen, rauskratzen aus einer Masse von Schutt, die uns zudeckt. Unsere Organisationen sind wie Erdschichten, die abgehoben werden m\u00fcssen, damit wir uns selbst finden k\u00f6nnen. Dies ist es, was ich sagen wollte. Dass keine Gleichheit vorhanden ist. Dass wir immer, so sehr wir uns auch um Unabh\u00e4ngigkeit bem\u00fchn, auf jemanden sto\u00dfen, der uns vorschreibt, was wir zu tun haben. Dass wir unaufh\u00f6rlich reglementiert werden. Dass alles, was vorausgesetzt wird, noch so richtig sein kann und dass es doch falsch ist, solange es nicht von uns, von uns selbst kommt. Aber die P a r t e i, wandte ein andrer ein, sie steht f\u00fcr uns, die P a r t e i, das sind wir. So hei\u00dft es, antwortete M\u00fcnster. Aber die so was sagen, kommen zumeist aus den oberen Regionen.<br \/>(Peter Weiss, Die \u00c4sthetik des Widerstands)<\/p>\n<p>Gewidmet dem demokratischen Antifaschisten F r i t z C r o n e r, dem Freund und Lehrer, dem unerbittlichen Kritiker der &#8222;Deutschen Tradition&#8220;, zum 80. Geburtstag am <br \/>27. 2. 1976. M. G.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kritische-theorie-und-historische-politik-1994\">KRITISCHE THEORIE UND HISTORISCHE POLITIK (1994)<\/span><\/h2>\n<p>3. &#8222;Die Zukunft kommt von allein, der Fortschritt nicht.&#8220; (G. Luk\u00e1cs, zit. Nach Frank Benseler, 1965, A, 25)<\/p>\n<p>4. &#8222;Alles, was ich gesagt habe &#8230; ist nach Motiv und Intention wissenschaftlich gemeint, als wissenschaftliche These, die ich vor jedem wissenschaftlichen Kollegium der Welt zu vertreten wage&#8220; (Carl Schmitt in: R. M. B. Kempner 1969, 296)<\/p>\n<p>5. &#8222;Daher bleibt Philosophie nur solange wirksam, wie die Praxis, der sie entstammt, vorhanden ist und sie tr\u00e4gt und erh\u00e4lt.&#8220; (Jean Paul Sartre)<\/p>\n<p>6. &#8222;An Idealen fehlt es dem Materialismus daher nicht.&#8220; (Max Horkheimer)<\/p>\n<p>7. &#8222;Marx denkt von Anbeginn als Handelnder.&#8220; (Henri Lefebvre)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-politische-gesellschaft-1999\">DIE POLITISCHE GESELL&shy;SCHAFT (1999) <\/span><\/h2>\n<p>8. &#8222;So weit wir daran mitwirken, eine Welt einzurichten, in der alle Menschen menschenw\u00fcrdig leben k\u00f6nnen, geschieht es aufgrund des blo\u00dfen Glaubens an unsere Verantwortung daf\u00fcr, und in keinem Sternenreiche der Ideen verm\u00f6gen wir zu lesen, dass unser Handeln einen ewigen Wert besitze oder einer ewigen Wirklichkeit gerecht sei.&#8220; (Max Horkheimer, 1926)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kontingenz-und-dezision-2000\">KONTINGENZ UND DEZISION (2000) <\/span><\/h2>\n<p>9. &#8222;Jeder Fortschritt ist ein Zuwachs an Macht, der in einem fortschreitenden Zuwachs an Ohnmacht m\u00fcndet.&#8220; (Robert Musil)<\/p>\n<p>10. &#8222;Wenn zu allen Zeiten die Bildung den Menschen eine Hilfe ist, um ihre Unabh\u00e4ngigkeit zu verteidigen, so trifft das f\u00fcr die demokratischen Zeiten vor allem zu.&#8220;<\/p>\n<p><b>SYSTEMOPPOSITION (2011) <\/b><\/p>\n<p>11. &#8222;Sie irren &#8211; aber ich beneide sie um ihren Glauben und ihre Redlichkeit. Die Gesellschaft wird sich vor ihnen bew\u00e4hren m\u00fcssen.&#8220; (Gerd Bucerius, DIE ZEIT, am 25.03.1968)<\/p>\n<h5><span id=\"ii-motti-in-beitraegen-zu-sammelwerken-und-aufsaetzen\">II. Motti in Beitr&auml;gen zu Sammel&shy;werken und Aufs&auml;tzen <\/span><\/h5>\n<p><b>MACHT IN DER DEMOKRATIE<\/b><\/p>\n<p>Hrsg. Michael Michael Th. Greven, Baden Baden, 1991:Macht in der Demokratie &#8211; Anathema in Politikwissenschaft und empirischer Politikforschung<\/p>\n<p>12. &#8222;Diejenigen, die die Macht besitzen, bevorzugen unklare und verschwommene Begriffe; sie versuchen, ihre Prinzipien zu verdecken; diejenigen, die dem abhelfen wollen, stehen demgegen\u00fcber vor der Notwendigkeit, ihre Ideen klar herauszustellen und zu identifizieren.&#8220; (U. Jaeggi 1969, 16)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"politik-als-ursprung-politischen-denkens-in-vorgaenge-103-29-jg-h-1-1990\">POLITIK ALS URSPRUNG POLITISCHEN DENKENS, in: Vorg&auml;nge 103, 29. Jg., H. 1 (1990) <\/span><\/h2>\n<p>13. Dialektiker sein hei\u00dft, den Wind der Geschichte in den Segeln haben. Die Segel sind die Begriffe. Es gen\u00fcgt aber nicht, \u00fcber die Segel zu verf\u00fcgen. Die Kunst, sie setzen zu k\u00f6nnen, ist das Entscheidende.&#8220; (Benjamin 1983)<\/p>\n<p>14. &#8222;In meinen \u00dcberzeugungen gibt es doch auch einen dogmatischen Kern. Ich w\u00fcrde lieber die Wissenschaft fahren lassen, als diesen Kern aufweichen zu lassen.&#8220; (Habermas, 1985)<\/p>\n<p>III. Versuch einer Interpretation<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-1\">ad Motto 1: <\/span><\/h2>\n<p>Adorno wirft der Systemtheorie vor, dass sie voreilig postuliert, ohne den Gegenstand ihrer Analyse, das System, konkret zu bestimmen. Ohne ein triftiges Urteil werde ein v\u00f6llig formal bleibender Systembegriff eingef\u00fchrt. Im Gegensatz hierzu versteht Adorno den Totalit\u00e4tsbegriff der Kritischen Theorie als einen konkret-historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang im Zeichen des im Kapitalismus universell gewordenen Tausches, von dem her sich eine spezifische soziale Struktur herausbilde. Diese gelte es, vorab zu bestimmen, um &#8222;gesellschaftliche Totalit\u00e4t&#8220; als ein gleicherma\u00dfen empirisches wie theoretisches Ganzes in den Diskurs einzuf\u00fchren. Vorbild hierf\u00fcr ist &#8211; wie bei Marx &#8211; der Gesellschaftsbegriff Hegels, wie dieser ihn in seiner &#8222;Rechtsphilosophie&#8220; (1821) entwickelt hat.<\/p>\n<p>Wenn Greven bereits 1974, zu einer Zeit, in der Luhmanns Systemtheorie vor allem bei Jungsoziologen hoch im Kurs stand, mit seiner Dissertation kritisch gegen deren Monopolanspruch interveniert, so darf man wohl schlie\u00dfen, dass er sich zwar keineswegs als ein blinder Anh\u00e4nger der Theorie Adornos zu erkennen gab, doch immerhin dessen Kritik der Systemtheorie bem\u00fcht, um seine eigene Position zu autorisieren.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig w\u00e4hlt der 27j\u00e4hrige Dr. phil. im Jahre 1974 gerade Adorno als Motto, um sich mit seiner eigenen Kritik von der damals ebenso dominanten wie modischen Systemtheorie abzusetzen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motti-2-und-11\">ad Motti 2 und 11: <\/span><\/h2>\n<p>Es ist bemerkenswert, dass die von ihren politischen Positionen her wahrlich nicht \u00fcbereinstimmenden Autoren Peter Weiss und Gerd Bucerius im Blick auf Rebellionen zu einem durchaus vergleichbaren Ergebnis kommen. Zwar nehmen beide die Massivit\u00e4t des &#8222;Establishment&#8220; ernst, gleichwohl kommt nicht blo\u00df Bucerius zu dem Schluss: &#8222;Die Gesellschaft wird sich vor ihnen bew\u00e4hren m\u00fcssen.&#8220; Demnach ist der Anspruch der Rebellion nicht blo\u00df der 68er-Generation legitim, denn man kann sich kaum vorstellen, sich vor Narren bew\u00e4hren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-3\">ad Motto 3: <\/span><\/h2>\n<p>Die Wahl dieses Mottos l\u00e4sst darauf schlie\u00dfen, dass Greven gegen\u00fcber allen teleologischen Geschichtsphilosophien reserviert bleibt, so gegen\u00fcber s\u00e4mtlichen Formen des orthodoxen Marxismus. Demgegen\u00fcber pl\u00e4diert er &#8211; mit Luk\u00e1cs &#8211; f\u00fcr die unbequemere Einsicht, dass in der Regel weder auf die Zukunft noch gar auf deren Prognose Verlass ist, und, soll von Fortschritt \u00fcberhaupt rechtens die Rede sein, so wird er einzig und allein von den handelnden Menschen selbst &#8211; m\u00fchsam genug &#8211; zu Wege gebracht (s. Peter Weiss, Motto 2).<\/p>\n<p>In dieser Differenzierung von blo\u00dfer Zukunft und wirklichem Fortschritt treffen sich &#8211; nicht \u00fcberraschend &#8211; ansonsten so unterschiedliche und in manchem auch gegens\u00e4tzliche Geister wie Georg Luk\u00e1cs, Peter Weiss und Michael Greven mit dem jungen Marx. So hei\u00dft es im gleichen Sinne an einer zentralen Stelle der &#8222;Heiligen Familie&#8220; (1845): &#8222;Die Geschichte tut nichts, sie &#8218;besitzt keinen ungeheuren Reichtum&#8216;, sie &#8218;k\u00e4mpft keine K\u00e4mpfe&#8216;! Es ist vielmehr der Mensch, der wirkliche, lebendige Mensch, der das alles tut, besitzt und k\u00e4mpft; es ist nicht etwa die &#8218;Geschichte&#8216;, die den Menschen zum Mittel braucht, um ihre &#8211; als ob sie eine aparte Person w\u00e4re &#8211; Zwecke durchzuarbeiten, sondern sie ist nichts als die T\u00e4tigkeit des seine Zwecke verfolgenden Menschen.&#8220; (Karl Marx\/Friedrich Engels (1970): Berlin, Bd. 2, S. 98) <br \/>Nimmt man das ernst, so verbietet sich die Zuordnung der genuinen Marxschen Theorie zu irgendwelchen totalit\u00e4ren Kollektivismen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-4\">ad Motto 4: <\/span><\/h2>\n<p>Diese Selbsteinsch\u00e4tzung Schmitts entstammt dem Protokoll eines Verh\u00f6rs in N\u00fcrnberg mit dem Ankl\u00e4ger Robert M. B. Kempner. Bei Schmitts Aussage handelt es sich um eine reine Schutzbehauptung: Alle seine Publikationen seien stets in lauterer wissenschaftlicher Absicht verfasst, und sie h\u00e4tten deshalb mit der NS-Weltanschauung nichts gemein. Er sei am Dritten Reich unschuldig und die, die ihn als Helfer der NS- Herrschaft denunzieren wollen, h\u00e4tten ihn v\u00f6llig missverstanden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motti-5-6-und-7\">ad Motti 5, 6 und 7: <\/span><\/h2>\n<p>Die Geltung einer Aussage wird stets auch mitbestimmt durch das Umfeld, in dem ein Urteil gef\u00e4llt wird. Um dessen Sinn ganz zu verstehen, muss zugleich immer auch mitreflektiert werden, in welchem Medium, in welcher Zeit und in welchem Kontext es gef\u00e4llt wird: Zur Deutung seines Wahrheitsgehalts gen\u00fcgt niemals allein der Rekurs auf seine blo\u00df grammatikalischen oder semantischen Qualit\u00e4ten. Vielmehr bedarf es zu seiner Deutung auch der Einbeziehung seiner von ihm gezeitigten Wirkungen. Aussage und Wirkung bilden stets eine Einheit. Erst zusammen sind sie Gegenstand hermeneutischer Erschlie\u00dfung. Solange dieser nicht bestimmt, das hei\u00dft vor allem, die davon ausgehenden Wirkungschancen in die Analyse nicht einbezogen werden, bleibt es abstrakt. Jede philosophische Aussage besitzt sonach ihren Zeitkern.<\/p>\n<p>Doch auch diese Einsicht der Kritischen Theorie bedarf, nicht allein Greven zufolge, stets der Selbstpr\u00fcfung, will sie nicht ihrer urspr\u00fcnglichen Intention untreu werden. Jegliches Standpunktdenken erscheint aus dieser Optik dogmatisch. Denn Reflexion ist ein Prozess, der kein Ende hat. (Nebenbei: die allzu eifrigen Imitatoren Adornos nannte man damals auch &#8222;Affen Adornos&#8220;.)<\/p>\n<p>Will man eine Br\u00fccke zwischen Sartre, Horkheimer und Lefebvre bauen, so wird man wom\u00f6glich auf die vom jungen Marx im Jahre 1845 verfassten 11 Feuerbach- Thesen sto\u00dfen, in deren 2. These es hei\u00dft: &#8222;Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenst\u00e4ndliche Wahrheit zukomme &#8211; ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, i. e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit \u00fcber die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens &#8211; das von der Praxis isoliert ist &#8211; ist eine rein scholastische Frage.&#8220; (Karl Marx \/ Friedrich Engels, Werke Bd. 3, Berlin 1969, S. 5)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motti-8-und-3\">ad Motti 8 und 3: <\/span><\/h2>\n<p>Die Absicht, allen Menschen ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu erm\u00f6glichen, verdankt sich ausschlie\u00dflich dem Glauben an unsere Verantwortung, nicht jedoch einem h\u00f6heren Ratschluss der G\u00f6tter oder gar metaphysischer Geschichtsteleologie. Dies meint auch Georg Luk\u00e1cs (im Motto 3), wonach Fortschritt sich nie automatisch einstellt, sondern sich samt und sonders menschlichem Zusammenhandeln verdankt. Hierin liegt die oft \u00fcbersehene Differenz zwischen einem blo\u00df mechanischem und dem dialektischen Materialismus. W\u00e4hrend jener oft blind der Zukunft vertraut, die alles schon irgendwie richten werde, bedarf es der dialektischen Position zufolge der Entscheidungen m\u00fcndiger B\u00fcrger, die allein durch ihr bewusstes Handeln, das, was sich sp\u00e4ter Fortschritt nennt, bef\u00f6rdern. Sofern sich bei Marx von einer Anthropologie \u00fcberhaupt sprechen l\u00e4sst, bet\u00e4tigt sich die menschliche Vernunft im Gegensatz zum tierischen Instinkt vorab durch planvolles und bewusstes Handeln, ganz im Sinne des Grevenschen Kontingenzbegriffes, der u. a. auch besagt, es sei ein spezifisches Kennzeichen der Moderne, alles sinnvolle menschliche Tun beruhe letztlich auf verantwortlicher politischer Entscheidung: &#8222;Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschlie\u00dflich angeh\u00f6rt. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers \u00e4hneln, und eine Biene besch\u00e4mt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formver\u00e4nderung des Nat\u00fcrlichen bewirkt; er verwirklicht im Nat\u00fcrlichen zugleich seinen Zweck, den er wei\u00df, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seine Willen unterordnen muss.&#8220; (Karl Marx\/Friedrich Engels Werke, Band 23, Berlin 1972, S. 193)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-9\">ad Motto 9: <\/span><\/h2>\n<p>Der Preis des Fortschritts wissenschaftlicher Naturerkenntnis und der damit m\u00f6glichen Verfeinerung der Herrschaftstechniken bestimmt den in der Geschichte sich vollziehenden &#8222;Umschlag&#8220; von Herrschaft \u00fcber die Natur in die Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen. So hei\u00dft es schon bei Francis Bacon: &#8222;naturam non vincimus nisi parendo&#8220;: Wir besiegen die Natur, wenn \u00fcberhaupt, so nur durch unsere Unterwerfung unter ihre universell geltenden Gesetze. Aller Idealismus vergisst, dass wir selbst Teil der Natur sind und bleiben.<\/p>\n<p>Die Verfeinerung der modernen Herrschaftstechniken bedeutet zugleich die in der Dialektik der Aufkl\u00e4rung sich vollziehende Umkehrung des Verh\u00e4ltnisses von Subjekt und Objekt: Analog dem Goetheschen Zauberlehrling wird &#8211; und dies ist ein zentrales Motiv von Horkheimer\/Adornos &#8222;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8220; (1947) &#8211; der menschliche Sch\u00f6pfergeist selbst am Ende &#8211; wenngleich ungewollt &#8211; Opfer einer sich gegen\u00fcber seinem Tun fatalerweise verselbstst\u00e4ndigenden Naturgewalt. Denn sie spricht aller menschlichen Hybris Hohn.<\/p>\n<p>Die in j\u00fcngster Zeit vollzogene Abkehr von der Atomkraft ist hierf\u00fcr nur ein sinnf\u00e4liges Beispiel. Bereits im Jahre 1930 hatte Sigmund Freud in seiner Schrift &#8222;Das Unbehagen in der Kultur&#8220; diesen dialektischen Zusammenhang von Natur-und Menschenbeherrschung wie folgt thematisiert: &#8222;Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkr\u00e4fte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten. Sie wissen das, daher ein gut St\u00fcck ihrer gegenw\u00e4rtigen Unruhe, ihres Ungl\u00fccks, ihrer Angststimmung. Und nun ist zu erwarten, dass die andere der beiden &#8218;himmlischen M\u00e4chte&#8216;, der ewige Eros, eine Anstrengung machen wird, um sich im Kampf mit seinem ebenso unsterblichen Gegner (dem Thanatos, d. h. dem Destruktionstrieb, K. L.) zu behaupten.&#8220; (Sigmund Freud Das Unbehagen in der Kultur, Frankfurt am Main, 2001, S. 108)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motti-10-und-2\">ad Motti 10 und 2: <\/span><\/h2>\n<p>Es ist bemerkenswert, dass der progressive Peter Weiss im liberal-konservativen Alexis de Toqueville einen B\u00fcndnispartner findet, wo es um Bildung als einem m\u00f6glichen Vehikel zur Emanzipation von blinder H\u00f6rigkeit geht. Auch hier gilt das Urteil Kants, Aufkl\u00e4rung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-12\">ad Motto 12: <\/span><\/h2>\n<p>Durch Personalisierung aller politischen Prozesse werden nicht erst heute dahinter liegende gesellschaftliche Strukturfragen manipulativ verschleiert. Doch gerade das Diffuse an den messages &#8222;von oben&#8220; gibt f\u00fcr ihre Breitenwirkung den Ausschlag. Demgegen\u00fcber hat eine pr\u00e4zise Strukturanalyse der Gesellschaft, ob sie nun Klassen, Schichten oder andere Subsysteme in ihren Darstellungen bem\u00fcht, von vornherein schlechte Karten. Nur so ist zu erkl\u00e4ren, dass in der Bundesrepublik etwa der Springerkonzern mit seinem Flaggschiff BILD gegen kritische Medien (wie z. B. die &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220; oder die &#8222;taz&#8220;) von vornherein im Mainstream der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung dominiert. Nicht das Missverh\u00e4ltnis zwischen den jeweils zur Verf\u00fcgung stehenden finanziellen und sonstigen Ressourcen allein gibt hierf\u00fcr den Ausschlag, weit eher wohl der bewusste Einsatz populistischer Manipulationstechniken. Nicht blo\u00df in der deutschen Massenpresse herrscht bekannterma\u00dfen seit je blanker Populismus.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-13\">ad Motto 13: <\/span><\/h2>\n<p>Die Vorstellung, es gen\u00fcge, durch begriffliche Analysen allein zur Aufkl\u00e4rung der \u00d6ffentlichkeit beizutragen, erweist sich nicht blo\u00df f\u00fcr Benjamin als Illusion. Wirksam werden k\u00f6nnen rational begr\u00fcndete Analysen in der Regel nur dann, wenn es gelingt, sie durch lebendige Anschauung auch zum Sprechen zu bringen. Hierauf eben beruhte nicht zuletzt die Faszination von akademischen Lehrern wie Horkheimer und Adorno, die es verstanden, aus dem methodologischen Ghetto der Mainstream-Soziologie auszubrechen und damit &#8211; nur scheinbar abstrakte &#8211; Theorien zur Anschauung zu bringen, gem\u00e4\u00df der Devise Kants, dass erst Begriff und Anschauung zusammen wirkliche Erkenntnis begr\u00fcnden helfen. Kurz: Aufkl\u00e4ren hei\u00dft nach wie vor, sich verst\u00e4ndlich zu machen. Ohne die dabei ins Spiel kommende Anstrengung und ein ihr entsprechendes Engagement w\u00e4re kein wirklicher Fortschritt in Theorie und Praxis denkbar.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ad-motto-14\">ad Motto 14: <\/span><\/h2>\n<p>Das freim\u00fctige Bekenntnis von J\u00fcrgen Habermas zur verschwiegenen Wertbasis seiner Theorie mag verbl\u00fcffen. Der wahre Kern seiner Aussage l\u00e4sst sich vielleicht an Max Webers \u00dcberzeugung illustrieren, wonach auch die Wertabstinenz noch getragen sein muss von einem zu Grunde liegenden Engagement: f\u00fcr den Wert einer pluralistischen Wissenschaft, die ein Ferment des Selbstverst\u00e4ndnisses unserer demokratischen Ordnung werden soll.<\/p>\n<p>Meine knappe Pr\u00e4sentation der von Michael Greven im Rahmen seiner Publikationen verwandten Motti konnte vielleicht einen bestimmten Aspekt seiner &#8222;pers\u00f6nlichen Gleichung&#8220; vor Augen f\u00fchren. Indes enth\u00e4lt ein derartiger Versuch stets auch Momente der Indiskretion, die sich allenfalls mit Max Webers Forderung nach Objektivit\u00e4t rechtfertigen l\u00e4sst. Alles Pers\u00f6nliche hat seinen Ort notwendig anderswo.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2016],"publikationen":[1441],"class_list":["post-11400","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-kurt-lenk","publikationen-199-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Audiatur et altera pars - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/audiatur-et-altera-pars\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Audiatur et altera pars - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 199 (Heft 3\/2012), S. 115-123 Wer sich auf die Suche nach einer befriedigenden Auskunft \u00fcber den Begriff &#8222;Motto&#8220; begibt, wird selbst in gr\u00f6\u00dferen Bibliotheken entt\u00e4uscht werden. 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