{"id":11405,"date":"2005-06-01T19:20:00","date_gmt":"2005-06-01T17:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/auf-der-suche-nach-dem-buerger-ein-aktueller-literaturbericht\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"auf-der-suche-nach-dem-buerger-ein-aktueller-literaturbericht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/auf-der-suche-nach-dem-buerger-ein-aktueller-literaturbericht\/","title":{"rendered":"Auf der Suche nach dem B\u00fcrger. Ein aktueller Literaturbericht"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 170: Die R\u00fcckkehr der B\u00fcrgerlichkeit, S.94-104<\/p>\n<p><i>Wer heute nach dem Schicksal deutscher B\u00fcrgerlichkeit fragt, findet in der Geschichte einer Schriftstellerfamilie jenen Glanz und jene Gebrochenheit, die diese B\u00fcrgerlichkeit w\u00e4hrend der letzten beiden Jahrhunderte kennzeichneten. Die aus einem L\u00fcbecker Kaufmannsgeschlecht stammende Familie Mann, in den vergangenen Jahren in alle Ver\u00e4stelungen hinein erforscht und sogar verfilmt, bietet eine symbolische Verdichtung b\u00fcrgerlicher Werdeg\u00e4nge. Exemplarisch gilt das f\u00fcr die Br\u00fcder Thomas und Heinrich Mann, deren lebenslang konfliktgeladene Beziehung zueinander nun von Helmut Koopmann mit beeindruckender Detailversessenheit nachgezeichnet wurde:<\/i><\/p>\n<p>Helmut Koopmann: Thomas Mann &#8211; Heinrich Mann. Die ungleichen Br\u00fcder, C.H. Beck: M\u00fcnchen 2005, 531 S., ISBN 3-406-52730-2, 29,90 Euro<\/p>\n<p>Der emeritierter Professor f\u00fcr Neuere Deutsche Literatur in Augsburg ist einer der besten Kenner von Leben und Werk der Br\u00fcder. Heinrich, der \u00e4ltere, fr\u00fch als Schriftsteller erfolgreich und produktiv, stand politisch Zeit seines Lebens links; Thomas dagegen, der j\u00fcngere, durch diszipliniertes Arbeiten die Schwierigkeiten mit seinen Werken bek\u00e4mpfend, durchlebte mehrere politische Metamorphosen &#8211; &#8222;in w\u00fctender Leidenschaft f\u00fcr das eigene Ich&#8220;, wie Heinrich es einmal nannte. Es sind zwei Wege deutscher B\u00fcrgerlichkeit, die hier repr\u00e4sentativ werden: der frankophile Heinrich wird zum vehementen Kritiker des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und F\u00fcrsprecher westlicher demokratischer Gesinnung. Thomas k\u00e4mpft mit Hass und Ressentiment in den <i>Betrachtungen eines Unpolitischen<\/i> 1918 gegen undeutschen Republikanismus und<br \/>oberfl\u00e4chliche Zivilisation, f\u00fcr tiefsinnige deutsche Kultur und &#8222;machtgesch\u00fctzte Innerlichkeit&#8220;, wie er es selber sp\u00e4ter kritisieren sollte.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu den Paradoxien dieser politischen Brudergeschichte, dass sich der linke Westler Heinrich Mann sp\u00e4ter im kalifornischen Exil so viel schwerer akkultierte als sein einst national-konservativ gesinnter Bruder. Die ideologischen Wandlungen des Bruders Thomas sind oft beschrieben worden, bis hin zu seiner sp\u00e4ten \u00d6ffnung f\u00fcr einen Sozialismus als geistig-politische M\u00f6glichkeit. B\u00fcrgerlichkeit war f\u00fcr ihn ein Lebensthema, ob in den <i>Betrachtungen<\/i> oder den <i>Buddenbrooks<\/i>. Die Studie von<\/p>\n<p>Manfred G\u00f6rtemaker: Thomas Mann und die Politik, S. Fischer: Frankfurt\/Main 2005, 284 S., ISBN 3-10-028710-X; 19,90 Euro<\/p>\n<p>vermag da kaum etwas hinzuzuf\u00fcgen. Konventionell referiert der Potsdamer Historiker die sich ver\u00e4ndernden Haltungen Manns &#8211; zwar ganz aus den Quellen geschrieben, die zahllosen Briefe und Selbstausk\u00fcnfte auswertend, jedoch ohne Einordnung in die<br \/>Ideengeschichte, ohne Antworten auf die Frage, wie repr\u00e4sentativ dieser Schriftstellerrepr\u00e4sentant in seinen Positionswechseln gewesen ist.<\/p>\n<p>Gelitten hat Mann erkl\u00e4rterma\u00dfen darunter, wie stark sich das Klima in seiner Wahlheimat M\u00fcnchen ver\u00e4nderte: von der liberalen Metropole vor dem Ersten Weltkrieg hin zur Stadt des Hitler-Ludendorff-Putsches 1923. Detailliert kann man sich nun<br \/>dar\u00fcber informieren, welche intensive Bindung der Norddeutsche Thomas Mann zu Bayern aufgebaut hatte:<\/p>\n<p>Dirk Hei\u00dferer: Im Zaubergarten. Thomas Mann in Bayern, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2005, 303 S., ISBN 3-406-52871-6; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Umso schmerzlicher war es f\u00fcr ihn, dass\u00a0M\u00fcnchen ihn 1933 ins Exil trieb: <i>Der Protest der Richard-Wagner-Stadt M\u00fcnchen<\/i>, mit dem K\u00fcnstler und Kulturfunktion\u00e4re ihn im April 1933 scharf wegen seines gro\u00dfen Essays <i>Leiden und Gr\u00f6\u00dfe Richard Wagners<\/i> attackierten, offenbarte, dass der B\u00fcrger Thomas Mann im NS-Deutschland keine Heimat mehr hatte.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Kultur, f\u00fcr die Thomas Mann stand, ist ein hervorstechendes Wesensmerkmal einer sozialen Schicht, \u00fcber die sich die Sozialwissenschaften bis heute den Kopf zerbrechen: das B\u00fcrgertum. Einen profunden \u00dcberblick \u00fcber die Forschungen<br \/>der vergangenen Jahrzehnte, vor allem in den Geschichtswissenschaften, verschafft der Band von<\/p>\n<p>Andreas Schulz: Lebenswelt und Kultur des B\u00fcrgertums im 19. und 20. Jahrhundert, Oldenbourg: M\u00fcnchen 2005, 144 S., ISBN 3-486-55790-4; 19,80 Euro<\/p>\n<p>In der bew\u00e4hrten konzentrierten Form der Reihe <i>Enzyklop\u00e4die deutscher Geschichte<\/i> liefert der Autor, Professor an der Universit\u00e4t Frankfurt\/Main, zun\u00e4chst einen 50seitigen \u00dcberblick \u00fcber die Grundtendenzen zur Geschichte des B\u00fcrgertums, um danach mit<br \/>gro\u00dfer Sachkenntnis die Diskussionen innerhalb der Forschung vorzustellen. Am Ende findet sich eine thematisch gegliederte, \u00fcber 450 Titel umfassende Bibliographie zum Thema. B\u00fcrgerlichkeit erweist sich \u00fcber alle Br\u00fcche und Wandlungen hinweg als eine<br \/>erstaunlich dauerhafte Haltung &#8211; und dieser Band als ein brillantes, preiswertes und keine W\u00fcnsche offenlassendes Arbeitsmittel.<\/p>\n<p>Der Berliner Historiker Wolfgang Hardtwig hat 15 seiner Aufs\u00e4tze \u00fcber die b\u00fcrgerliche Epoche aus 25 Jahren in einem Sammelband vereint und mit einer elegante Arbeit am Begriff &#8222;b\u00fcrgerliche Hochkultur&#8220; leistenden Einleitung versehen:<\/p>\n<p>Wolfgang Hardtwig: Hochkultur des b\u00fcrgerlichen Zeitalters, Vandenhoeck &#038; Ruprecht: G\u00f6ttingen 2005, 387 S., ISBN 3-525-35146-1; 46,90 Euro<\/p>\n<p>\u00dcber historisches Erz\u00e4hlen, Historismus und \u00c4sthetisierung der Geschichtsschreibung in jener Zeit, \u00fcber b\u00fcrgerliche Kunstkompetenz die Rolle von Sammlern und M\u00e4zenaten wie Harry Graf Kessler und Wilhelm von Bode finden sich hier Texte, ebenso \u00fcber Architektur und Stadtverwaltung, Landschaftsdarstellungen in der Kunst. Das Panorama, das Hardtwig hier in dieser Zusammenstellung entfaltet, ist weitgespannt, die Verbindung zwischen den verschiedenen Formen der Kulturproduktion und dem B\u00fcrgertum immer sichtbar. Melancholischer Empfindungen bei der Betrachtung dieser &#8211; unbestechlich analysierten &#8211; Hochkulturformen kann man sich kaum erwehren.<\/p>\n<p>Ein schmaler Sammelband, der sich ebenfalls der b\u00fcrgerlichen Kultur widmet, entt\u00e4uscht dagegen, weil er den Mindestanforderungen an eine Publikation kaum gen\u00fcgt:<\/p>\n<p>Clemens Albrecht (Hg.): Die b\u00fcrgerliche Kultur und ihre Avantgarden, Ergon: W\u00fcrzburg 2004, 119 S., ISBN 3-89913-368-4; 19 Euro<\/p>\n<p>Diverse Beitr\u00e4ge nicht zustande gekommener Tagungsb\u00e4nde sind hier vereint, die teilweise nicht aktualisierten Referate basieren auf Konferenzen aus den Jahren 1996 oder 2000. Dabei finden sich anregende Texte in dieser disparaten akademischen Resteverwertung: Clemens Albrecht deutet den Salon als Keimzelle der b\u00fcrgerlichen Kultur in Frankreich, Volker Kalisch variiert recht freih\u00e4ndig \u00fcber die musikalischen Werke der vergangenen Jahrhunderte, die man unter &#8222;b\u00fcrgerlicher Musik&#8220; subsumieren<br \/>k\u00f6nnte, Joachim Fischers Draufsicht auf die Gegenwart ger\u00e4t zu einem \u00fcberzeugenden, umfassend belegten Pl\u00e4doyer, diese immer noch als &#8222;b\u00fcrgerliche Gesellschaft&#8220; zu analysieren (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft).<\/p>\n<p>Das Leben deutscher Bildungsb\u00fcrger im Zeitalter der Extreme: Die Historikerin Helga Grebing hat sich nach dem Tod ihrer Lebensgef\u00e4hrtin 1998 daran gemacht, die Geschichte von deren Eltern zu erforschen:<\/p>\n<p>Helga Grebing: Die Worringers. Bildungsb\u00fcrgerlichkeit als Lebenssinn &#8211; Wilhelm und Marta Worringer (1881-1965), Parthas: Berlin 2004, 317 S., ISBN 3-936324-23-9; 38 Euro<\/p>\n<p>Beide geboren 1881 im Rheinland in b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen, schlug Wilhelm nicht sonderlich systematisch die akademische Laufbahn als Kunsthistoriker ein, mit Karrierestationen in Bonn und dann in K\u00f6nigsberg, Marta wurde K\u00fcnstlerin. Es ist eine unorthodoxe b\u00fcrgerliche Familiengeschichte: Befreundet mit Gelehrten wie Martin<br \/>Buber, Ernst Robert Curtius, Erich von Kahler oder der Dichterin Marie-Luise Kaschnitz, \u00fcberstehen die linksliberale Intellektuellen paar mit ihren Kindern die NS-Zeit in K\u00f6nigsberg, wo sie einen Kreis mit antinazistische gesonnenen Freunden unterhielten und er als popul\u00e4rer Professor lehrte. Das Kriegsende \u00fcberlebten sie in Berlin, von 1946 bis 1950 lehrte er in Halle, um dann in den Westen zu gehen. Ein kurviger, facettenreicher Lebensweg inmitten dramatischer Umbr\u00fcche erschlie\u00dft sich dem Leser &#8211; und das wundersch\u00f6n gestaltete Buch h\u00e4tte einen Preis verdient.<\/p>\n<p>K\u00f6nigsberg, die Stadt, in der Worringer lehrte, hat seine definitive intellektuelle Biographie erhalten:<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Manthey: K\u00f6nigsberg. Geschichte einer Weltb\u00fcrgerrepublik, Hanser: M\u00fcnchen 2005, 736 S., ISBN 3-446-20619-1; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Ihrem Autor kommt das Verdienst zu, diese Stadt als Ged\u00e4chtnisort deutscher Geistesgeschichte &#8211; wie Heidelberg, wie T\u00fcbingen oder Weimar &#8211; rehabilitiert zu haben. Die b\u00fcrgerliche Welt wurde hierzulande entscheidend von K\u00f6nigsbergern gepr\u00e4gt: Neben Kant, Hamann und Herder auch E.T.A. Hoffmann, der linksliberale 1848er<br \/>Demokrat Johann Jacoby, sp\u00e4ter Hannah Arendt oder Rudolf Borchardt, die hier aufwuchsen. Es ist eine liberale b\u00fcrgerliche Welt, die Mantheys brillant geschriebenes Stadtportr\u00e4t erstehen l\u00e4sst, deren republikanisches B\u00fcrgertum bourgeois und citoyen lange Zeit bestens in sich vereinte. Dass diese Geschichte sich im Nationalsozialismus verd\u00fcstert, mit antiliberalen Gelehrten wie Arnold Gehlen, Konrad Lorenz, jungen NS-affinen Wissenschaftlern wie Theodor Oberl\u00e4nder, Werner Conze oder Theodor Schieder, wird als Menetekel der B\u00fcrgerlichkeit vom Autor ebenfalls minuti\u00f6s<br \/>rekonstruiert.<\/p>\n<p>Wie b\u00fcrgerlich war Deutschland nach 1945? Dieser Frage geht ein sehr gelungener Sammelband nach, der rasch zum Standardwerk avancieren d\u00fcrfte:<\/p>\n<p>Manfred Hettling\/Bernd Ulrich (Hg.): B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 438 S., ISBN 3-936096-50-3; 35 Euro<\/p>\n<p>Auf die profunde Einleitung durch Manfred Hettling, der die wesentlichen Figurationen von B\u00fcrgerlichkeit theoretisch reflektiert und zusammenfassend vorstellt, folgt ein gro\u00dfes, biographisch angelegtes Interview mit Reinhart Koselleck, Jahrgang 1923 und<br \/>einer der bedeutendsten deutschen Historiker der Gegenwart, \u00fcber seinen bildungsb\u00fcrgerlichen Lebensweg in der Bundesrepublik. Heinz Bude will b\u00fcrgerliche Generationen in der Bundesrepublik herausarbeiten, Josef Mooser stellt die Marktwirtschaftskonzeptionen des Ordoliberalen Wilhelm R\u00f6pkes vor, Ulrich Bielefeld das allm\u00e4hliche Ankommen des Soziologen Hans Freyer in der Bundesrepublik. Beitr\u00e4ge \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis der Bundeswehroffiziere, die Verb\u00fcrgerlichung von Facharbeitern und Stadtb\u00fcrgerlichkeit in Bremen finden sich hier ebenso wie Aufs\u00e4tze zur Frage, wie entb\u00fcrgerlicht die DDR war oder Wolfgang Kraushaars Betrachtungen \u00fcber die Antib\u00fcrgerlichkeit der 68er.<\/p>\n<p>Gab es das von den 68ern so heftig attackierte &#8222;b\u00fcrgerliche Denken&#8220; in der Bundesrepublik \u00fcberhaupt? Am ehesten mag diese Zuschreibung auf die sogenannte Ritter-Schule zutreffen, jenen Kreis um den M\u00fcnsteraner Philosophen Joachim Ritter, dem liberalkonservative Denker wie Odo Marquard, Hermann L\u00fcbbe, Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde, Robert Spaemann u.a. entstammen (vgl. auch den Beitrag von Jens Hacke in diesem Heft). Die wichtigsten Aufs\u00e4tze des 1903 geborenen und 1925 bei Cassirer<br \/>promovierten Ritters liegen in einer erweiterten Neuausgabe als Suhrkamp-Taschenbuch vor:<\/p>\n<p>Joachim Ritter: Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel. Erweiterte Neuausgabe, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003, 458 S., ISBN 3-518-29253-6; 16 Euro<\/p>\n<p>In seinem Aufsatz von 1956 \u00fcber Aristoteles unter dem Titel &#8222;Das b\u00fcrgerliche Leben&#8220; stellt Ritter die griechische polis als &#8222;b\u00fcrgerlichen Staat&#8220; in den Mittelpunkt; Gesellschaft der Individuen sei hier erstmals m\u00f6glich gewesen, von hier tradiere sie sich bis heute. Aus der Besch\u00e4ftigung mit Hegel erw\u00e4chst Ritters Idee der &#8222;Entzweiung&#8220; der b\u00fcrgerlichen Welt: Zukunft und Herkunft seien auseinandergefallen, sie geh\u00f6rten jedoch in &#8222;positivierter&#8220; Form zusammen: in der Akzeptanz unseres Doppellebens als<br \/>Herkunftsmensch und Zukunftsmensch.<\/p>\n<p>In einer Gedenkschrift f\u00fcr ihren Lehrer haben Sch\u00fcler Joachim Ritters Aufs\u00e4tze \u00fcber ihn versammelt:<\/p>\n<p>Ulrich Dierse (Hg.): Joachim Ritter zum Gedenken, Franz Steiner: Stuttgart 2004, 185 S., ISBN 3-515-08626-9; 26 Euro<\/p>\n<p>Hermann L\u00fcbbe erinnert sich an die intellektuellen Eindr\u00fccke, die man bei Ritter und in dessen Klassikervergegenw\u00e4rtigung erleben konnte (nicht ohne die \u00fcblichen Seitenhiebe gegen die &#8222;manifest \u00fcbersch\u00e4tzte&#8220; Kritische Theorie). Odo Marquard pr\u00e4sentiert seine Bilanz der Philosophie Ritters inklusive vieler pers\u00f6nlicher Reminiszenzen; Gunter Scholtz stellt den Linkshegelianer Ritter und dessen Besch\u00e4ftigung mit Marx Anfang der 1930er Jahre vor. Am Ende t\u00f6nt das Archiv: Die Fundamentalkantate, ein musikalischer<br \/>Geburtstagsspa\u00df der Sch\u00fcler von 1957, der den Gehalt der Ritter-Philosophie &#8211; zur Musik von der Carmina burana bis zu Weills Mackie-Messer-Song &#8211; ironisch zusammenfasst: &#8222;Und wir alle sind ja B\u00fcrger, die am Freitag hegeln gehen&#8220;.<\/p>\n<p>Odo Marquard, der den Text jener Kantate verfasste, hat das Projekt einer Philosophie der B\u00fcrgerlichkeit in seinem Werk sich zu eigen gemacht. Wichtige Arbeiten hierzu von ihm liegen jetzt gesammelt vor:<\/p>\n<p>Odo Marquard: Individuum und Gewaltenteilung. Philosophische Studien, Reclam: Stuttgart 2004, 172 S., ISBN 3-15-018306-5; 4,80 Euro<\/p>\n<p>Nach den gro\u00dfen Totalitarismen des Jahrhunderts sei das &#8222;Nein zur B\u00fcrgerlichkeit&#8220;, die &#8222;B\u00fcrgerlichkeitsverweigerung&#8220;, das \u00dcbel, das es zu bek\u00e4mpfen gelte, so der Gie\u00dfener Emeritus. In pointierter Verdichtung und gewohntem Sinn f\u00fcr Sentenzen und sch\u00f6ne Formulierungen betreibt er in seinen Aufs\u00e4tzen eine &#8222;Apologie der B\u00fcrgerlichkeit&#8220;: Denn es steht nicht deswegen schlimm in der Welt, weil es zu viel, sondern deswegen, weil es zu wenig b\u00fcrgerliche Gesellschaft in ihr gibt.&#8220; An dieser knackig-klaren Haltung kann man sich in diesem klugen B\u00e4ndchen Seite um Seite erg\u00f6tzen.<\/p>\n<p>Doch man kann auch als Nicht-Hegelianer in der Bundesrepublik nach 1945 f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft streiten: Ralf Dahrendorf, als Popper-Sch\u00fcler hegelskeptisch, hat in seinem fundamentalen Werk Gesellschaft und Demokratie in Deutschland 1965 den Weg der Deutschen hin zu einer demokratischen Gesellschaft verfolgt. In drei B\u00fcchern kann man sich einen \u00dcberblick \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Positionen des Soziologen verschaffen, in denen Deutschland nicht mehr im Zentrum liegt, sondern der Blick immer mehr auf eine k\u00fcnftige Weltgesellschaft gerichtet ist (vgl. auch das Gespr\u00e4ch mit Ralf Dahrendorf und Paul Nolte in diesem Heft). In sechs Vorlesungen in Essen 2002 hat Dahrendorf die moderne Gesellschaft einf\u00fchrend vermessen:<\/p>\n<p>Ralf Dahrendorf: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2003, 157 S., ISBN 3-406-50540-6; 14,90 Euro<\/p>\n<p>In der Globalisierung nehmen die Lebenschancen wie Risiken zu, die liberale Ordnung ist institutionell unter Druck, die &#8222;globale Klasse&#8220; entfremdet sich immer mehr von den Unterschichten ihrer jeweiligen L\u00e4nder. Verbl\u00fcffend wirkt angesichts der geballten Krisenszenarien, die das Mitglied des britischen Oberhauses entwirft, der liberale<br \/>Optimismus, der gleichzeitig durchklingt: die aktivierende B\u00fcrgergesellschaft ist die L\u00f6sung f\u00fcr alle institutionellen \u00dcberforderungen. Ist diese unerm\u00fcdliche Ausdauer des 1929 geborenen Dahrendorf ein Wesensmerkmal seiner kraftvollen Flakhelfer-Generation?<\/p>\n<p>In einem Gespr\u00e4chsband stellt Dahrendorf diese Probleme noch einmal im Dialog vor:<\/p>\n<p>Ralf Dahrendorf: Die Krisen der Demokratie. Ein Gespr\u00e4ch mit Antonio Polito, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2003, 116 S., ISBN 3-406-49460-9; 7,90 Euro<\/p>\n<p>Wieder begegnet man dem weitgespannten Geist dieses leidenschaftlichen Soziologen, der scheinbar s\u00e4mtliche Ph\u00e4nomene der Weltgesellschaft in seinen Kosmos integriert. Skeptisch ist der Optimist gegen\u00fcber Gentechnik, Volksentscheiden und der Demokratief\u00e4higkeit der Europ\u00e4ischen Union. Die Herrschaft des Rechts bleibe Voraussetzung, um die liberale Ordnung auch anderswo durchzusetzen.<\/p>\n<p>Dies geschah 1989 in den L\u00e4ndern Ostmitteleuropas; Ralf Dahrendorf hat die (Wieder-)Errichtung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft dort mit Enthusiasmus begleitet. Seine wichtigsten Aufs\u00e4tze aus den Jahren 1990 bis 2003 sind nun gesammelt erschienen:<\/p>\n<p>Ralf Dahrendorf: Der Wiederbeginn der Geschichte. Vom Fall der Mauer zum Krieg im Irak, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2004, 350 S., ISBN 3-406-51879-6; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Vom Autor mit erl\u00e4utern Zwischenbemerkungen aus heutiger Sicht versehen, offenbaren die chronologisch geordneten Beitr\u00e4ge die Bedeutung, die Dahrendorf der Epochenscheide 1989 zumisst &#8211; auch wenn in ihr letztlich &#8222;nur&#8220; die b\u00fcrgerlichen Gesellschaft des Westens auf der historischen Tagesordnung stand. Der Themenk\u00f6cher ist wie immer weit: Braucht Politik Intellektuelle? Warum ist der Dritte Weg New Labours problematisch? Welche Institutionen braucht die B\u00fcrgergesellschaft? Welche Werte und wieviel Gemeinschaft braucht das b\u00fcrgerliche Individuum? Entscheidend ist letztlich das Engagement des Einzelnen, mit dem die liberale b\u00fcrgerliche Welt ihre Krisen und Konflikte \u00fcberstehen wird.<\/p>\n<p>Ein anderer Denker der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nach 1945 ist heute den meisten nur noch durch den von ihm gepr\u00e4gten, von Habermas adaptierten Begriff &#8222;Verfassungspatriotismus&#8220; pr\u00e4sent: Dolf Sternberger (vgl. den Beitrag von Michael Th. Greven in diesem Heft). Verdienstvoll also, wenn eine Dissertation diesem Missstand abhelfen will:<\/p>\n<p>Claudia Kinkela: Die Rehabilitierung des B\u00fcrgerlichen im Werk Dolf Sternbergers, K\u00f6nighausen &#038; Neumann: W\u00fcrzburg 2001, 334 S., ISBN 3-8260-1787-0; 35 Euro<\/p>\n<p>Doch die gespannte Erwartung wird entt\u00e4uscht. Zu sehr konzentriert sich die Autorin auf eine textimmanente Werkexegese, zudem in einer Diktion, die dem Stilisten Sternberger nicht gerecht werden kann. Der Lebensweg wird zu sehr nebenbei abgehandelt &#8211; was<br \/>schon deshalb problematisch ist, weil der mit einer J\u00fcdin verheiratete Sternberger bekennt, Politik von Hitler gelernt zu haben. Nur durch die Gef\u00e4hrdungen nach seiner Entlassung als Redakteur der Frankfurter Zeitung 1943, die Verhinderung einer wissenschaftlichen Karriere des 1907 geborenen Sternbergers nach 1933 durch den<br \/>Nationalsozialismus lassen sich die emphatische Hinwendung zum B\u00fcrger-Begriff in seiner politischen Philosophie nach 1945 erkl\u00e4ren. Aristoteles und die polis bilden den Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr seine Idee der B\u00fcrgerlichkeit, darin Hannah Arendt &#8211; seiner Kommilitonin und Trauzeugin &#8211; und Joachim Ritter \u00e4hnlich. Die Konflikte mit Adorno,<br \/>Horkheimer und der Kritischen Theorie h\u00e4tten bei einem der Gr\u00fcnderv\u00e4ter der deutschen Politikwissenschaften eine Ausleuchtung verdient; zu untergewichtet bleiben auch seine<br \/>publizistischen Aktivit\u00e4ten f\u00fcr die FAZ, deren einstiger Herausgeber Joachim Fest in seinem Erinnerungsband Begegnungen ein intensives Sternberger-Portr\u00e4t gezeichnet hat.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Fest war Hitler ein Ausgangspunkt, an dem er sich wieder und wieder abgearbeitet hat, auf der Suche nach M\u00f6glichkeiten f\u00fcr das deutsche B\u00fcrgertum nach 1945. Daher mag auch die eigent\u00fcmliche Faszination herr\u00fchren, die die Gestalt von Hitlers Architekten und R\u00fcstungsminister Albert Speer auf ihn aus\u00fcbt, und der Heinrich Breyellers TV-Doku-Drama &#8222;Speer und Er&#8220; zu Jahresbeginn. Es ist die b\u00fcrgerliche Nachtseite, die dunkle Seite einer K\u00fcnstlernatur, die den B\u00fcrger Fest herausfordert und die sich nach lebenslanger Besch\u00e4ftigung u.a. in einer Biographie niederschlug. Nun hat Fest seine Beziehung zu Speer nochmals selbstreflexiv thematisiert und seine Notizen \u00fcber ihn ver\u00f6ffentlicht:<\/p>\n<p>Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Notizen \u00fcber Gespr\u00e4che mit Albert Speer zwischen Ende 1966 und 1981, Rowohlt: Reinbek 2005, 270 S., ISBN 3-498-021114-1; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Es geht um die Verf\u00fchrbarkeit (historisch bekanntlich ein problematischer Begriff) und jene Motive, die einen kultivierten Sohn aus gro\u00dfb\u00fcrgerlichem Hause dazu brachten, Hitler zu dienen &#8211; also die Grundfrage, wenn es um das Scheitern b\u00fcrgerlicher Eliten hierzulande im 20. Jahrhundert geht. In den Skizzen, die Fest vor allem w\u00e4hrend seiner Mitarbeit an Speers Erinnerungen verfasste, scheint eine Neigung zur psychologischen Beobachtung durch, die spannend ist, mit der man jedoch das R\u00e4tsel Speer letztlich auch<br \/>nicht l\u00f6sen kann. Als Selbstauskunft, \u00fcber Fests jahrzehntelangen Umgang mit der Schuldfrage des B\u00fcrgers Speer, sind diese Notizen aufschlussreich; \u00fcber die Faszination des Nationalsozialismus f\u00fcr viele bis zum bitteren Ende sagen sie nicht viel Neues.<\/p>\n<p>Wolf Jobst Siedler, der Verleger von Speers Erinnerungen und langj\u00e4hriger Freund von Fest, hat den zweiten Band seiner Memoiren vorgelegt:<\/p>\n<p>Wolf Jobst Siedler: Wir waren noch einmal davongekommen. Erinnerungen, Siedler: M\u00fcnchen 2004, 495 S., ISBN 3-88680-790-8; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Es ist die Welt des Berliner Westens nach 1945, die dieser 1926 geborene konservative B\u00fcrger Revue passieren l\u00e4sst. Leider ist es ein dem Alter abgerungener, recht ungeordneter Band geworden, der zudem zeitlich zu Beginn der 1960er Jahre endet. Doch eindrucksvolle Passagen finden sich gleichwohl: \u00fcber die Anfangsjahre der Freien Universit\u00e4t, \u00fcber die ersten Gehversuche als Journalist, als Sekret\u00e4r des Congress for Cultural Freedom mitten in den geistigen Debatten des Kalten Kriegs, die Lebenswelt der Berliner Restaurants und Hotels, Begegnungen mit Thomas Mann, Ernst J\u00fcnger, Carl Schmitt, Adenauer und Hannah Arend, die Arbeit als 29j\u00e4hriger Feuilleton-Chef des Tagesspiegels. Durchzogen sind diese Seiten vom melancholischen Ton des Verlusts: die alte b\u00fcrgerliche Welt, so Siedlers Statements seit vielen Jahren, sie ist nicht mehr. In diesem Herbst werden er und sein Jahrgangsgenosse Fest &#8211; die beide \u00fcbrigens ganz unb\u00fcrgerlich nicht zu Ende studiert haben, wie Siedler zugibt &#8211; noch einmal ein gemeinsames Gespr\u00e4chsb\u00fcchlein \u00fcber das Ende des B\u00fcrgertums publizieren.<\/p>\n<p>So manche ehrw\u00fcrdige b\u00fcrgerliche Familie durchwehen ab und an unb\u00fcrgerliche Z\u00fcge. An einigen prominenten Beispielen wie den Wagners und den Manns kann man das studieren. Ein Sammelband stellt diese und andere deutsche Familien vor, die historische<br \/>Bedeutung erlangten:<\/p>\n<p>Volker Reinhardt (Hg.): Deutsche Familien. Historische Portraits von Bismarck bis Weizs\u00e4cker, C.H. Beck: M\u00fcnchen 2005, 384 S., ISBN 3-406-52905-4; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Neben adligen Sippen wie den Bismarcks, den Hohenzollern, den Wittelsbachern, dem Haus Thurn und Taxis gibt es Portr\u00e4ts der Manns und der Mommsens, den Wagners und den Warburgs, den Thyssens und Krupps: B\u00fcrgerdynastien, die \u00fcber Jahrzehnte,<br \/>manchmal bis heute, Wirtschaft, Politik und K\u00fcnste pr\u00e4gten. Die kenntnisreich und sehr gut lesbaren Aufs\u00e4tze vermitteln die intergenerationellen Zusammenh\u00e4nge eines Clans, den auf einzelne Figuren konzentrierte Biographien oft nicht leisten k\u00f6nnen. Die Familie als b\u00fcrgerlicher Lebensraum wird noch einmal aufgerufen; gegenw\u00e4rtig scheint sie wieder eine Renaissance zu erleben.<\/p>\n<p>In der DDR war 1945\/49 ein Regime an die Macht gekommen, dass das Fernziel der Abschaffung des B\u00fcrgertums als Klasse offen anstrebte. Viele der 3 Millionen Fl\u00fcchtlinge in den Westen bis 1989 stammten wegen der damit verbundenen politischen Repressionen aus den b\u00fcrgerlichen Schichten. In ihrer Habilitationsschrift hat die<br \/>Historikerin Gunilla-Friederike Budde nunmehr untersucht, wie die beruflichen Karrieren weiblicher Akademikerinnen (\u00c4rztinnen, Richterinnen, Lehrerinnen usw.) aussahen:<\/p>\n<p>Gunilla-Friederike Budde: Frauen der Intelligenz. Akademikerinnen in der DDR 1945 bis 1975, Vandenhoeck &#038; Ruprecht 2003, 446 S., ISBN 3-525-35143-7; 49,90 Euro<\/p>\n<p>Zwar entdeckte die DDR-Regierung in den Bildungsb\u00fcrgerfrauen zun\u00e4chst in den 1950er Jahren harmonische Elemente, mit denen man erw\u00fcnschte B\u00fcrgertraditionen wie der Klassik in den sozialistischen Kanon integrieren konnte; die Emanzipationsk\u00e4mpfe<br \/>der Weimarer Republik wurden f\u00fcr obsolet erkl\u00e4rt. Doch andererseits sah man die Schwierigkeiten, die Dominanz der bildungsb\u00fcrgerlichen Frauen an Universit\u00e4ten zu brechen, trotz aller Benachteiligungen und der Bevorzugung von Studentinnen aus &#8222;Arbeiterfamilien&#8220;. Gerade Arztfamilien kultivierten einen bildungsb\u00fcrgerlichen Lebensstil mit Hausmusik und Klinikchor, der vor allem deswegen \u00fcberwintern konnte, weil der Staat der \u00c4rzteabwanderung in den Westen durch Entspannungsma\u00dfnahmen wie fest zugesagte Studienpl\u00e4tze f\u00fcr Arztkinder entgegenarbeiten wollte. Akademikerinnen versuchten ebenso wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen, die Nischen im System f\u00fcr sich zu finden.<\/p>\n<p>In die Gegenwart deutscher B\u00fcrgerlichkeit: Dass das &#8222;planetarische Kleinb\u00fcrgertum&#8220; (Giorgio Agamben) sich in Zeiten \u00f6konomischer Flaute auf w\u00e4rmende Innerlichkeit verlegt hat, ist eigentlich naheliegend. Nicht nur Familie und Kinder erfahren wieder neue Wertsch\u00e4tzung; katholische Liturgie, Spiritualit\u00e4t im allgemeinen, literarischer Kanon, Benimmb\u00fccher und Ratgeber f\u00fcr das einfache Leben boomen. Von diesem Trend profitierte &#8211; neben belanglosen Bestsellern, die stilvolles Verarmen predigen &#8211; auch ein feines Buch, das sich gut verkaufte und mit seinem Erfolg als Symptom f\u00fcr eine<br \/>Sehnsucht nach b\u00fcrgerlicher Form gelten kann:<\/p>\n<p>Asfa-Wossen Asserate: Manieren, Eichborn: Frankfurt\/Main 2003, 388 S., ISBN 3-8218-4739-5; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor, \u00e4thiopischer Prinz und seit 1974 in Deutschland lebend, offenbart in eleganter Manier diejenigen Manieren, auf die seiner Meinung eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft nicht verzichten sollte. Das ganze ist in einem gelehrten und vergn\u00fcglichen Plauderton geschrieben, immer mit dem weltl\u00e4ufigen Blick auf die Nachbarn und andere Kulturen. Die Themenpalette dieses dezidierten Nicht-Anstands-Buches ist breitgef\u00e4chert: Letzte Handkussfragen werden ebenso gekl\u00e4rt wie Tauf-, Geschenk- und Hochzeitsprobleme, aber auch ein Loblied auf den Spie\u00dfer gesungen. Sollten jene Fragen am Ende die Residuen von B\u00fcrgerlichkeit hierzulande sein? Wir wollen es nicht hoffen.<\/p>\n<p>&#8222;B\u00fcrger auf die Barrikaden&#8220;, rief vor ein paar Jahren ein enthemmter Arnulf Baring seinesgleichen zu, um die angeblich egalit\u00e4r erstarrten Verh\u00e4ltnisse zum Tanzen zu bringen. Mit Stilfragen als Zeitproblem will sich ein Artverwandter des Berliner Emeritus ebenfalls nicht zufrieden geben. Der Verfassungsrichter Udo di Fabio hat aufgeschrieben, was ihm an den Gesellschaften des Westens gegenw\u00e4rtig nicht gef\u00e4llt und was sich \u00e4ndern m\u00fcsste &#8211; das Manifest zum Barrikadenkampf:<\/p>\n<p>Udo di Fabio: Die Kultur der Freiheit, C.H. Beck: M\u00fcnchen 2005, 295 S., ISBN 3-406-53745-6; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Das ehrw\u00fcrdige Genre der Kulturkritik wird durch dieses Pamphlet h\u00f6chstens um eine Skurrilit\u00e4t bereichert. Di Fabios Diagnosen, die so ziemlich alle Bereiche der modernen Gesellschaft betreffen (Jugendkult, Kindermangel und Familie, Wertefragen, Nationen, Menschenrechte, Kulturr\u00e4ume und Religion) stehen neben atemberaubend naiven Stammtischparolen: &#8222;Beherrschen nicht auf Vernissagen, in den In-Lokalen und in den Rath\u00e4usern der Gro\u00dfst\u00e4dte inzwischen die von der generativen Last befreiten Singles das Geschehen?&#8220; Schuld an solchen Ausw\u00fcchsen ist nat\u00fcrlich immer wieder 1968, ebenso am &#8222;Verlust der erotischen Spannung&#8220; zwischen Mann und Frau; deren Verh\u00e4ltnis h\u00e4tte sich zur &#8222;androgynen Fahlheit entdifferenzierter und politisch korrekt verformter Geschlechterbeziehungen gewandelt. Uns\u00e4glich wird es im Kapitel \u00fcber die Identit\u00e4t der Deutschen, nach dessen Lekt\u00fcre man an der Eignung di Fabios f\u00fcr das Amt des Verfassungsh\u00fcters ernstlich zweifeln muss: Der \u00d6sterreicher Hitler sei schon deshalb<br \/>kein Deutscher gewesen, weil er u.a. &#8222;keinerlei Neigung f\u00fcr Flei\u00df und harte Arbeit, keinen Sinn f\u00fcr deutsche Lebensart, b\u00fcrgerliche Traditionen und christliche Traditionen&#8220; hatte. Komplexit\u00e4tsreduktion durchzieht das ganze Buch; es wird nicht argumentiert, sondern postuliert. Die Freiheit, um die es dem Autor angeblich geht, wird mit diesen Ressentiments gar nicht erst entstehen, im Gegenteil: sie unterminieren jede B\u00fcrgerlichkeit. Solch extremistische Polit-Essayistik, zumal eines Verfassungsrichters, mag hochproblematisch sein; der Belletristik hat der radikale Gestus nicht selten gut getan, man denke an Celine oder J\u00fcnger.<\/p>\n<p>Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geborener Arzt, Schriftsteller und Ingeborg-Bachmann-Preistr\u00e4ger 2004, hat sich j\u00fcngst an einer Prosavision radikalisierter B\u00fcrgerlichkeit versucht:<\/p>\n<p>Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Roman, Rowohlt Berlin: Berlin 2005, 318 S., ISBN 3-87134-522-9; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Wiggo Ritter, Philosoph und Sohn eines erfolgreichen, liberalen Bankiers, ist mit seiner akademischen Karriere gescheitert und trifft als Ausgesto\u00dfener bei seiner Drift durch die Nachtseiten der deutschen Gesellschaft auf eine mysteri\u00f6se &#8222;Organisation Wiedergeburt&#8220;. In ihr planen, inspiriert vom Geschwisterpaar Mauritz und Manuela, ein Industrieller, ein Bischof, ein CDU-Staatssekret\u00e4r, eine Freifrau und ein Bundeswehrsoldat das Herbeibomben eines elit\u00e4ren St\u00e4ndestaates. Auch wenn Wiggo den Taten dieser Truppe letztlich nicht verf\u00e4llt: ihren Geist teilt er, vom Autor in unangenehm dr\u00f6hnenden Pathos in Szene gesetzt. Entfesselte B\u00fcrger im Kampf gegen die mediokre, wert- und sinnfreie Konsumgesellschaft der Berliner Republik? Die alte Sehnsucht nach der alles umst\u00fcrzenden Tat agiert sich auf diesen Seiten ungehemmt aus. Der radikalisierte B\u00fcrger auf den Barrikaden bleibt offenbar bis auf weiteres die reizvoll-riskante Figur f\u00fcr die offene Gesellschaft, vor dem sie verteidigt werden muss.<\/p>\n<p><i>Alexander Cammann<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11405","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Auf der Suche nach dem B\u00fcrger. 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