{"id":11429,"date":"2005-06-01T21:40:00","date_gmt":"2005-06-01T19:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bekenntnis-zur-buergerlichkeit\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"bekenntnis-zur-buergerlichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/bekenntnis-zur-buergerlichkeit\/","title":{"rendered":"Bekenntnis zur B\u00fcrgerlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Selbstbehauptungsmotive in der politischen Philosophie der Bundesrepublik<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 170 ( Heft 2\/2005 ), S.33-44<\/p>\n<p><i>B\u00fcrgerlichkeit ist ein Schwammbegriff, der vielf\u00e4ltige Bedeutungen aufgesogen hat und dessen Vorverst\u00e4ndnis von Fall zu Fall variiert. Je nachdem, ob man vom Bildungsb\u00fcrger, vom &#132;Spie\u00dfb\u00fcrger&#148; oder aber normativ vom B\u00fcrgersinn spricht &#150; es sind sehr unterschiedliche Wertungen, die bei der Verwendung des Begriffs mitschwingen. Auf die Unbestimmtheit, ja eine zuweilen spezifisch deutsch wirkende Unsicherheit im Umgang mit dem Begriff B\u00fcrgerlichkeit st\u00f6\u00dft man auch dort, wo man sie heute am wenigsten vermutet: bei den Meinungsf\u00fchrern dezidiert liberaler Provenienz. Gunter Hofmann, langj\u00e4hriger linksliberaler Redakteur mit Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr das rot-gr\u00fcne Projekt bei der &#132;b\u00fcrgerlichen&#148; Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, \u00e4u\u00dfert den Verdacht, dass sich in der Bundesrepublik beizeiten &#132;die B\u00fcrgerlichkeit in Kohls diffuser Gestalt wiedererkannt&#148; h\u00e4tte. Das Kn\u00e4uel dieser verschiedenen (und ihm durchweg verd\u00e4chtigen) B\u00fcrgerlichkeiten entwirrt er in einzelne F\u00e4den: &#132;die Vernunft und Elite B\u00fcrgerlichkeit Weizs\u00e4ckers&#148;, &#132;die staatskonservative B\u00fcrgerlichkeit eines Friedrich Karl Fromme [einstiger FAZ-Leitartikler &#8211; J.H.]&#148;, &#132;die republikanische B\u00fcrgerlichkeit Reiner Gei\u00dflers&#148;, &#132;die brave deutsche Mitte-B\u00fcrgerlichkeit der CDU&#148; &#8211; all diese Str\u00f6mungen konnte der &#132;biedermeierliche&#148; Kohl als vorgeblicher Repr\u00e4sentant einer &#132;B\u00fcrgerlichen Moderne&#148; zeitweise vereinen, war er doch als Modernisierer und Reformer angetreten. Kohl verk\u00f6rperte, so Hofmann, &#132;durchaus etwas von der Mitte der Bundesrepublik, die sich noch suchte&#148; (Hofmann 2002: 210).<\/i><\/p>\n<p>Erst mit der Abwahl des Einheitskanzlers ging die Zeit einer \u00fcberholten B\u00fcrgerlichkeit &#8211; oder aber eines gescheiterten B\u00fcrgerlichkeitsversprechens &#150; zu Ende. Schr\u00f6der und Fischer personifizierten schlie\u00dflich, auch nach eigenem Bekunden, auf moderne Weise und gegen eine passiv unpolitische B\u00fcrgerlichkeit den &#132;B\u00fcrgersinn&#148; und die &#132;Zivilcourage&#148; der Achtundsechziger. Hofmanns Sicht (aber auch das rot-gr\u00fcne Selbstverst\u00e4ndnis) l\u00e4sst zweierlei erkennen: Zum einen scheint hier noch die pejorativ-disqualifizierende Komponente durch, die &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; lange Zeit zu einem geeigneten politischen Kampfbegriff machte. Zum anderen erfreuen sich aber bestimmte Aspekte des B\u00fcrgerlichen heute gro\u00dfer Attraktivit\u00e4t und signalisieren im Sinne der Zivilgesellschaft die &#132;Ankunft im Westen&#148; (Axel Schildt).<\/p>\n<h5><span id=\"ende-der-buergerlichkeit\">Ende der B&uuml;rger&shy;lich&shy;keit?<\/span><\/h5>\n<p>Niemand hat das B\u00fcrgertum, hat die Kultur einer B\u00fcrgerlichkeit so scharf bek\u00e4mpft wie B\u00fcrgerliche selbst. Es gab von jeher eine spezifisch &#132;antib\u00fcrgerliche B\u00fcrgerlichkeit&#148; (Krockow 1990 [1958]: 28ff.); die Verachtung der Gebildeten f\u00fcr die Klasse ihrer Herkunft kennt zahllose Beispiele. Von Karl Marx bis zu Georg Luk\u00e4cs und der Frankfurter Schule, von Carl Schmitt bis Botho Strau\u00df &#150; eine beachtliche Zahl derjenigen Intellektuellen, die nach Originalit\u00e4tspr\u00e4mien strebten, rechnete zun\u00e4chst einmal mit Liberalismus und Kapitalismus, mit dem b\u00fcrgerlich gepr\u00e4gten parlamentarischen &#132;System&#148; ab. Die Unentschiedenheit, der Kompromiss, das \u00d6ffentlichkeitsprinzip und die &#132;Massenkultur&#148;, die die liberale b\u00fcrgerliche Gesellschaft hervorbrachte, schienen angesichts des totalit\u00e4ren Zeitalters jede Tragf\u00e4higkeit und Legitimation einzub\u00fc\u00dfen. &#132;Entzweit&#148; und &#132;entfremdet&#148; verlor das Individuum Stabilisierung und Halt; das &#132;System&#148; &#150; ob nun in der Weimarer oder in der Bonner Republik &#150; privilegierte einseitig die herrschenden Eliten, besa\u00df keinen Kontakt zur gesellschaftlichen Realit\u00e4t und war unf\u00e4hig zu politischen Neuerungen.<\/p>\n<p>Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus stellte man in der fr\u00fchen Bundesre-publik dem B\u00fcrgertum als Klasse den Totenschein aus. In der Endphase Weimars war es als liberale Kraft zwischen den Radikalismen des sogenannten Massenzeitalters zerrieben worden. Seine moralischen Fundamente und auch die klassische B\u00fcrgerlichkeit als Lebensform waren untergegangen, so dachte man. Habituell, politisch und kulturell schienen die Werte einer liberalen Bildungsb\u00fcrgerlichkeit und die vielf\u00e4ltigen Traditionen des Liberalismus von der Paulskirche \u00fcber Theodor Mommsen, Friedrich Naumann, Max Weber bis hin zu Thomas Mann nicht nur als Relikte einer vergangenen Zeit, sondern gr\u00fcndlich diskreditiert, weil sie dem ideologischen Zeitalter nicht stand-gehalten h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Von zwei ganz unterschiedlichen Seiten wurde der Begriff der B\u00fcrgerlichkeit in Frage gestellt. Auf der einen Seite diagnostizierten konservativrevolution\u00e4r gepr\u00e4gte und anf\u00e4nglich mit dem &#132;Dritten Reich&#148; sympathisierende Denker wie die Soziologen der Leipziger Schule &#150; Hans Freyer, Helmut Schelsky oder Arnold Gehlen &#150; nach der tabula rasa des Nationalsozialismus die Zerst\u00f6rung aller bisherigen Klassen- und Milieuschranken. In der &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#148; (Schelsky) mussten sich die Gegens\u00e4tze zwischen Proletariat, Kleinb\u00fcrger-, Bildungs- und Gro\u00dfb\u00fcrgertum weitgehend aufl\u00f6sen. Der rationalisierten Industriegesellschaft fielen die &#132;feinen Unterschiede&#148; zum Opfer, denn eine uniforme Kultur des Konsums, des Profitdenkens und des marktgesteuerten bzw, staatlich abgefederten Wohlfahrtsstrebens schritt unaufhaltsam voran. Der &#132;au\u00dfengeleitete Mensch&#148; (David Riesman) hatte kein Verlangen mehr nach b\u00fcrgerlicher Innerlichkeit und den lange kultivierten Distinktionsmodi der Status- und Bildungsrepr\u00e4sentation. <i>Posthistoire <\/i>nannten die konservativen Technokraten &#150; mitten im Kalten Krieg &#150; diese Phase, in der die Menschheit &#132;mit ihren Best\u00e4nden&#148; rechnete und auch ideell nichts Neues mehr zu erwarten war. Das &#132;Image des B\u00fcrgerlichen&#148; hatte sich &#150; wieder Soziologe M. Rainer Lepsius res\u00fcmierte &#8211; &#132;in kleinb\u00fcrgerliche Durchschnittlichkeit aufgel\u00f6st&#148; (Lepsius 1962: 449). Es besa\u00df in der mobilen Aufsteigergesellschaft der fr\u00fchen Bundesrepublik kein Differenzierungspotential mehr und schien normativ entleert. Die wenigen Versuche, den B\u00fcrger in aristotelischer Tradition zu einem politischen Integrationsbegriff zu machen, blieben weitgehend ohne Echo. Dolf Sternbergers bereits 1948 zaghaft gestellte Frage, ob denn &#132;die B\u00fcrgerlichkeit nicht das B\u00fcrgertum \u00fcberleben&#148; sollte (Sternberger 1948: 199), verhallte ebenso ungeh\u00f6rt wie Wilhelm Hennis&#8216; verschiedene Appelle an das &#132;Modell des B\u00fcrgers&#148; (Hennis 1999 [1957]) und die &#132;Motive des B\u00fcrgersinns&#148; (Hennis 2000 [1962]). Aus einer aufgel\u00f6sten Sozialformation konnte somit auch kein moralisches Kapital mehr geschlagen werden.<\/p>\n<h5><span id=\"die-neue-linke-und-die-132buergerliche-ideologie148\">Die Neue Linke und die &#132;b&uuml;rger&shy;liche Ideologie&#148;<\/span><\/h5>\n<p>Gegen die Aufl\u00f6sungsthese etablierte sich seit den 1960er Jahren umgekehrt eine von Neomarxismus und &#132;Kritischer Theorie&#148; inspirierte Aktualisierung des Sp\u00e4tkapitalismus-Theorems aus den 1920er Jahren. Darin gewann das Antib\u00fcrgerliche an ungeahnter Aktualit\u00e4t. Es musste erstaunen, mit welcher Vehemenz die Neue Linke gegen all das B\u00fcrgerliche ank\u00e4mpfte, das ja eigentlich schon zu Grabe getragen worden war. Die APO, ihre Vordenker und Mentoren interessierten sich weniger f\u00fcr die klassenspezifische Struktur des B\u00fcrgertums, sondern stellten unabh\u00e4ngig davon die Persistenz der &#132;b\u00fcrgerlichen Ideologie&#148; in den Mittelpunkt ihrer Gegenwartsanalyse: &#132;B\u00fcrgerliche Ideologie&#148; &#150; das war, wie heute fast vergessen wird, auch f\u00fcr die bundesrepublikanische Linke der Sammelbegriff f\u00fcr die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten, retardierenden und nur noch notd\u00fcrftig herrschaftstabilisierenden Begr\u00fcndungsstrategien im &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148;. Mit dem Attribut &#132;b\u00fcrgerlich&#148; beschrieben keineswegs nur entflammte SDS Aktivisten, sondern auch bedeutende Sozialtheoretiker die Charakteristika einer \u00dcbergangsepoche, die geschichtlich bald erledigt schien. &#132;Die affirmative, von der Lebenspraxis abgetrennte, die Transzendenz des sch\u00f6nen Scheins beanspruchende b\u00fcrgerliche Kultur ist in Aufl\u00f6sung begriffen&#148;, wusste J\u00fcrgen Habermas noch im Jahr 1971 (Habermas 1971: 32) &#150; und variierte damit nur den g\u00e4ngigen &#132;Gemeinplatz&#148;, &#132;die b\u00fcrgerliche Gesellschaft sei Schein und ihre Idee ein uneinl\u00f6sbares Emanzipationsversprechen&#148; (Kraushaar 2005: 377).<\/p>\n<p>Die real-existierende parlamentarische Demokratie stand unter dem ideologischen Verschleierungsverdacht, mit Hilfe des ausgebauten, abgefederten Wohlfahrtsstaates die Beteiligung und die Mitsprache der B\u00fcrger einschr\u00e4nken zu wollen. Rechte und Linke teilten denselben Befund: Der planende Vorsorgestaat nahm dem B\u00fcrger nicht nur pers\u00f6nliche Verantwortung ab, er machte dem Individuum auch zusehends unm\u00f6glich, noch auf technische Abl\u00e4ufe Einfluss zu nehmen. W\u00e4hrend die konservativen Technokraten dies als &#132;Entlastung&#148; guthie\u00dfen bzw. sich mit der industriellen Moderne aus-s\u00f6hnten, ohne \u00fcbertriebene Sympathien f\u00fcr den liberalen Staat entwickeln zu m\u00fcssen, sah die Linke diese Entwicklung als bedrohliche Entm\u00fcndigung des Einzelnen. Die Demokratie im &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148; meinte jetzt nur noch einen &#132;Verteilerschl\u00fcssel f\u00fcr systemkonforme Entsch\u00e4digungen, also einen Regulator f\u00fcr die Befriedigung von Privatinteressen&#148;, wie Habermas in seinem Buch <i>Legitimationsprobleme <\/i>im<i> Sp\u00e4tkapitalismus <\/i>schrieb &#150; also &#132;Wohlstand ohne Freiheit&#148; (Habermas 1973: 170).<\/p>\n<p>Rein semantisch lohnt es sich, hier noch einmal ganz genau hinzuh\u00f6ren, wenn es um die Konnotationen von B\u00fcrgerlichkeit geht. &#132;Faktisch verlangen aber die b\u00fcrgerlichen Demokratien alten wie neuen Typs zu ihrer Erg\u00e4nzung eine politische Kultur, die die partizipatorischen Verhaltenserwartungen aus den b\u00fcrgerlichen Ideologien ausblendet und durch autorit\u00e4re Muster aus dem vor b\u00fcrgerlichen Traditionsbestand ersetzt.&#148; (ebd.: 108) &#132;B\u00fcrgerlich&#148; &#150; darunter verstand Habermas &#132;die spezifisch b\u00fcrgerlichen Wertorientierungen von Besitzindividualismus und Benthamschen Universalismus&#148;, &#132;das leistungsorientierte Berufsethos der Mittelschicht&#148;, aber auch das Bed\u00fcrfnis nach einer &#132;Absicherung in religi\u00f6sen \u00dcberlieferungen&#148;. Die b\u00fcrgerliche Kultur, so Habermas&#8216; Diagnose, hat sich zu ihrem Nachteil &#132;niemals aus ihrem eigenen Bestand reproduzieren k\u00f6nnen&#148;, sondern &#132;war stets auf die motivationswirksame Erg\u00e4nzung durch traditionalistische Weltbilder angewiesen&#148;. In Zeiten der sp\u00e4tkapitalistischen Krise erodierten nun die Traditionen und Werte, die die liberal-b\u00fcrgerlichen Gesellschaften getragen h\u00e4tten. Wie allerdings eine Kultur beschaffen sei, die sich unabh\u00e4ngig von &#132;traditionalistischen Weltbildern&#148; selbst &#150; und am besten herrschaftsfrei &#150; reproduzieren k\u00f6nne, das h\u00e4tte man auch damals schon gern gewusst.<\/p>\n<p>Die Defizite der &#132;b\u00fcrgerlichen Ideologien&#148; reihte Habermas gewohnt schonungslos auf: 1. B\u00fcrgerliche Ideologien b\u00f6ten keine Hilfe &#132;gegen\u00fcber den Grundrisiken der pers\u00f6nlichen Existenz (Schuld, Krankheit, Tod)&#148; und &#132;sind angesichts individueller Heilsbed\u00fcrfnisse trostlos&#148;. 2. Sie bewerkstelligten keinen humanen Umgang mit der Natur (auch nicht mit der leiblich-menschlichen). 3. Sie sind nicht in der Lage, solidarische Beziehungen zwischen Gruppen und Individuen zu schaffen. 4. Sie erlauben aus Habermas&#8216; Sicht &#132;keine eigentlich politische Ethik&#148; und bef\u00f6rderten den verh\u00e4ngnisvollen R\u00fcckzug ins Private (ebd.: 109f.).<\/p>\n<p>Habermas&#8216; Streben ist es zu dieser Zeit noch, das falsche Bewusstsein im &#132;sp\u00e4tkapitalistischen Gesellschaftssystem&#148; zu enttarnen, um &#132;die b\u00fcrgerliche Ideologie zu durchschauen&#148;. Wie Carl Schmitt knapp ein halbes Jahrhundert zuvor kommt er zu der &#132;realistischen Deutung&#148; der bundesrepublikanischen Gegenwart, &#132;dass der politische Diskurs in der \u00d6ffentlichkeit, in den Parteien und Verb\u00e4nden und im Parlament ohnehin blo\u00df Schein ist und unter allen denkbaren Umst\u00e4nden auch Schein bleiben wird&#148; (Schmitt 1996 [1923]; Habermas 1971: 32f.) Mit Adorno macht sich Habermas &#132;keine Illusionen \u00fcber den Tod des b\u00fcrgerlichen Individuums&#148; (Habermas 1973: 174f.).<\/p>\n<p>Zur Vollendung der Moderne, so die Einsicht avancierter kritischer Gesellschaftstheorien, sei es n\u00f6tig, gegen antiquierte Formen des &#132;liberalen Bourgeois&#148;, der sich mit &#132;negativer Freiheit&#148; zufrieden gibt, f\u00fcr einen partizipierenden Staatsb\u00fcrger in einem (wie auch immer) gez\u00e4hmten Kapitalismus zu pl\u00e4dieren. Das Anwachsen der politischen Apathie und Indifferenz &#150; so verl\u00e4uft die Argumentationslinie von Habermas und Claus Offe &#150; ist n\u00e4mlich auf Dauer dysfunktional, weil f\u00fcr die st\u00e4ndig anfallenden Systemreparaturen Sachverstand, aber auch das politische Engagement breiter Schichten notwendig sind (Offe 1972). Obwohl Habermas die &#132;b\u00fcrgerliche \u00d6ffentlichkeit&#148; als Raum des politisch gesellschaftlichen Diskurses im urspr\u00fcnglichen Sinne etablieren wollte, blieb die Diktion der beiden bedeutendsten Frankfurter Theoretiker zwiesp\u00e4ltig und vom zeitgen\u00f6ssischen Jargon durchzogen. Nicht nur verurteilte Offe die &#132;b\u00fcrgerliche Ideologie&#148; im Allgemeinen, auch beschrieb er die erforderliche &#132;verst\u00e4ndige Involviertheit des B\u00fcrgers&#148; im &#132;Sp\u00e4tkapitalismus&#148; als &#132;aktive Angepasstheit&#148; &#150; Ralf Dahrendorfs &#132;demokratische Tugenden&#148; oder Konzepte einer civic culture konnte er deshalb nur als Verh\u00fcllungsvokabeln begreifen (ebd.: 116). Es war also noch ein weiter Weg zur b\u00fcrgerlichen Selbstakzeptanz der bundesrepublikanischen Linken. Sie stand dem Begriff der B\u00fcrgerlichkeit in zweierlei Hinsicht skeptisch gegen\u00fcber: Zum einen miss-traute sie der materiell begr\u00fcndeten, sozial integrierenden B\u00fcrgerlichkeit. Zum anderen konnte sie im politischen System und in der sozialen Realit\u00e4t der fr\u00fchen Bundesrepublik das Ideal einer liberalen Staatsb\u00fcrgergesellschaft nicht erkennen. Je mehr Wert der junge Staat in seiner Selbstdarstellung auf &#132; Gutb\u00fcrgerlichkeit&#148; und auf die Verallgemeinerung von b\u00fcrgerlich-liberalen Wertvorstellungen legte, um so mehr geriet der Liberalismus als &#132;Klassenideologie des B\u00fcrgertums&#148; in die Kritik.<\/p>\n<p>In ihrer \u00dcberzeichnung hatte diese Kritik der B\u00fcrgerlichkeit trotzdem produktive Folgen. Die nachhaltigste Wirkung der Achtundsechziger bestand wohl darin, dass sich liberale Intellektuelle durch sie zur b\u00fcrgerlichen Sinngebung der Bundesrepublik erst gen\u00f6tigt sahen. Ein defensiver Impuls gegen\u00fcber den Ideen der Studentenrevolution lie\u00df die oft beschriebene lange Generation der Bundesrepublik &#150; die Jahrg\u00e4nge der Flakhelfer &#150; ihr &#132;b\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein&#148; entdecken und artikulieren (vgl. Bude 2005: 128). Dieser Selbstverst\u00e4ndigungsprozess \u00fcber die b\u00fcrgerlichen Grundlagen der Bundesrepublik verlief bald schon unabh\u00e4ngig vom jugendlichen Protest und f\u00fchrte unter den Intellektuellen zur Herausbildung eines sozialliberalen und eines liberalkonservativen Lagers. Letztere waren es, die sich die B\u00fcrgerlichkeitssemantik entschlossen aneigneten. Dieser intellektuelle Prozess reflektierte nachtr\u00e4glich &#150; und dies scheint f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Bundesrepublik als &#132;b\u00fcrgerlicher Staat&#148; zu sprechen &#150; das in der politischen Rhetorik schon \u00dcbliche: die Anerkennung der B\u00fcrgerlichkeit als Kultur der Mitte. Ein Gro\u00dfteil der Intellektuellen hinkte hier also der politischen Realit\u00e4t hinterher. Denn schon 1961 hatte Herbert Wehner f\u00fcr die Sozialdemokratie bekannt: &#132;Wir sind alle B\u00fcrger dieser Bundesrepublik; die m\u00fcssen schon einen besonderen Begriff von B\u00fcrgerlichkeit konstruieren, um uns auszuschlie\u00dfen.&#148; (zit, n. Hettling 2005: 18) Was sich in der Parteipolitik schon fr\u00fch abzeichnete, n\u00e4mlich die Entwicklung hin &#132;zu Liberalit\u00e4t und B\u00fcrgerlichkeit&#148; (Herbert 2002: 11), das war in den Selbstverst\u00e4ndigungsdebatten der Bundesrepublik viel schwerer zu begr\u00fcnden. Sternbergers fr\u00fch artikulierter Wunsch, &#132;ein B\u00fcrger zu sein&#148;, hatte es im Klima der 1960\/70er Jahre schwer. Eine Generation j\u00fcngerer liberalkonservativ ausgerichteter Intellektueller unternahm es jedoch, den westdeutschen Staat als ein Projekt wohlverstandener B\u00fcrgerlichkeit zu beschreiben. Damit trugen sie nicht unwesentlich zur Identit\u00e4tsfindung der alten Bundesrepublik bei.<\/p>\n<h5><span id=\"joachim-ritter-das-buergerliche-leben\">Joachim Ritter: Das b&uuml;rgerliche Leben<\/span><\/h5>\n<p><i>Die intellektuelle Gr\u00fcndung der Bundesrepublik<\/i>: Angeregt durch diesen provokanten Titel der verdienstvollen Studie \u00fcber die Frankfurter Schule (Albrecht u.a. 1999) ist die Frage in den Mittelpunkt ger\u00fcckt, wer denn nun die hervorragenden geistigen Vertreter der Bonner Republik waren. In den Kritikern des &#132; Verblendungszusammenhanges&#148; (Adorno), der &#132;repressiven Toleranz&#148; (Marcuse) und der &#132;instrumentellen Vernunft&#148; (Horkheimer) kann man ebenso wenig Repr\u00e4sentationswillen der b\u00fcrgerlichen Demokratie erkennen wie im Fr\u00fchwerk des sp\u00e4ten Verfassungspatrioten J\u00fcrgen Habermas. Das w\u00fcrde auch der Theoretiker des herrschaftsfreien Diskurses selbst kaum anders sehen: Die &#132;alten Frankfurter&#148;, so Habermas&#8216; n\u00fcchternes Urteil, h\u00e4tten auf politischer Ebene &#132;die b\u00fcrgerliche Demokratie nie so recht ernst genommen&#148; (Habermas 1985: 172f.). Anders war dies im Fall eines lange vergessenen Philosophen der fr\u00fchen Bundesrepublik, dem Cassirer &#8211; Sch\u00fcler Joachim Ritter (vgl. Dierse 2004). Als es noch nicht en vogue war, entfaltete er in seinen Studien zu Aristoteles und Hegel einen normativ-politischen Begriff von B\u00fcrgerlichkeit, der von seinen M\u00fcnsteraner Sch\u00fclern Hermann L\u00fcbbe, Odo Marquard und Robert Spaemann auf die Bundesrepublik (die Ritter in seinen philosophischen Studien gar nicht direkt thematisiert) angewendet und ausgearbeitet worden ist. Der Kreis um Ritter z\u00e4hlt mittlerweile zu den wichtigsten Geburtsst\u00e4tten einer staatstragenden bundesrepublikanischen Elite (vgl. dazu insgesamt Hacke 2001; 2004). Aus ihm gingen nicht nur eine gro\u00dfe Anzahl bedeutender Lehrstuhlinhaber hervor, auch einflussreiche Juristen wie die Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde und Martin Kriele sind wesentlich von Ritters Gedanken gepr\u00e4gt worden. Eben weil die Ritter-Schule einen eigenen Weg eingeschlagen hat, liberale B\u00fcrgerlichkeit ideengeschichtlich und philosophisch zu begr\u00fcnden, ist es notwendig, sich die in den 1950er Jahren entwickelten Grundlinien Ritters erneut zu vergegenw\u00e4rtigen.<\/p>\n<p>Schon bei Aristoteles erkennt Ritter den Sinn f\u00fcr die Vielfalt und die Interdependenz der b\u00fcrgerlichen Lebenswelten zwischen oikos und polis. Die politische &#132;Teilnahme des B\u00fcrgers am staatlichen Leben&#148; ist durch die &#132;verfassungsm\u00e4\u00dfige rechtliche Ordnung der Stadt&#148; zu sichern: &#132;Aber dieser politische Sinn der Freiheit ist selbst nicht wieder politisch begr\u00fcndet. Er folgt vielmehr daraus, da\u00df es in der Stadt darum geht, das Frei-sein der B\u00fcrger in seinem eigenen Leben zu erm\u00f6glichen und zu sichern.&#148; Die politische Freiheit ist also kein Selbstzweck, sondern Bedingung f\u00fcr das private Gl\u00fcck eines gelingenden Lebens, denn &#132;in der b\u00fcrgerlichen, durch die ,Hypothesis` der Freiheit definierten Gesellschaft weisen die politischen Begriffe \u00fcber sich selbst hinaus; sie haben die Freiheit der Freien zum Inhalt; diese Freiheit besteht im Selbsteink\u00f6nnen derjenigen, die frei sind&#148; (Ritter 2003: 73f.).<\/p>\n<p>Es geht Ritter um die Balancierung von Zweck und Selbstbegrenzung der Politik in der B\u00fcrgergesellschaft. &#132;Die Politik kann nicht selbst das Gl\u00fcck schaffen, das sie herbeif\u00fchren und sichern soll; dies bleibt die Sache der Einzelnen und ihres pers\u00f6nlichen Lebens.&#148; Insofern ist es im klassisch liberalen Sinne die anspruchsvolle Ordnungsfunktion der Politik, die &#132;rationale Gesellschaft&#148; durch das Recht zu schaffen, um &#132;die sittli-che Tugend des Einzelnen&#148; und dessen Gl\u00fccksstreben freizusetzen (ebd.: 101f.). Die Politik und die politische Freiheit sind darum kein Selbstzweck, sondern dienen den vor-politischen pers\u00f6nlichen Interessen der B\u00fcrger. Damit beschreibt Ritter aus der Antike heraus die Raison des b\u00fcrgerlich-liberalen Staates, der kein anderes Ziel hat, als das individuelle Wohl seiner B\u00fcrger zu erm\u00f6glichen, ohne es aber garantieren zu k\u00f6nnen; da-f\u00fcr sind Ethos und Tugend des Einzelnen selbst gefragt. Der b\u00fcrgerliche Staat besteht (auch schon nach Aristoteles) als &#132;Einheit der Vielheit&#148;; &#132;er birgt die positive F\u00fclle und den Reichtum des individuellen Lebens in sich&#148;: Damit wird das b\u00fcrgerliche Leben in der Stadt der Antike zum Modell f\u00fcr die Weltzivilisation (ebd.: 98f.).<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend zu Aristoteles liest Ritter Hegels Werk als &#132;Philosophie der sich konstituierenden b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148;, die durch wenige leitende Prinzipien charakterisiert werden kann: 1. Freiheit und Recht: Durch das Christentum ist der Gedanke vermittelt worden, dass der Mensch als Mensch frei sei und dass das Subjekt unendlichen Wert habe. &#132;Daher&#148;, so Ritter, &#132;geh\u00f6rt f\u00fcr Hegel die Freiheit der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft als Freiheit aller positiv in den Zusammenhang der Geschichte christlicher Freiheit.&#148; In der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft findet sie schlie\u00dflich ihren rechtlichen und politischen Ausdruck (Ritter 1974: 19f.). 2. Person und Eigentum: Das Rechtsprinzip von Person und Eigentum verwirklicht die individuellen Freiheitsrechte, denn durch die da-mit vollzogene &#132;Versachlichung&#148; werden &#132;alle Einzelnen als Pers\u00f6nlichkeit zum Subjekt der menschlich geistigen Welt&#148; und haben teil an ihrer Vielfalt (Ritter 2003: 278). 3. Entzweiung: Die Erfahrung der Entzweiung ist f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft auf mehreren Ebenen pr\u00e4gend, denn nicht nur das Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft, sondern auch die durch Naturbeherrschung, Arbeitsteilung und Industrialisierung bedingte &#132;Abstraktheit&#148; der Erfahrungswelt zeigt die neuartige &#132;emanzipative Konstitution&#148;. Den &#132;positiven und vern\u00fcnftigen Grund der Entzweiung&#148; sieht Ritter mit Hegel &#132;in der Befreiung des Menschen aus der Macht der Natur&#148;, aus den herkunfts- und standesbedingten Formen der Unfreiheit und in der Freisetzung seiner Subjektivit\u00e4t (Ritter 1974: 27-29).<\/p>\n<h5><span id=\"odo-marquards-apologie-der-buergerlichkeit\">Odo Marquards Apologie der B&uuml;rger&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Als Treuh\u00e4nder dieser Motive einer Philosophie der B\u00fcrgerlichkeit in der Tradition Ritters hat sich vor allem Odo Marquard zu erkennen gegeben. &#132;Philosophie der b\u00fcrgerlichen Welt&#148; oder auch &#132;philosophischen Mut zur B\u00fcrgerlichkeit&#148; nennt Marquard seine Haltung. Zwar sollte man in Marquards &#132;Apologie der B\u00fcrgerlichkeit&#148; durchaus ein politisch engagiertes Statement f\u00fcr die Staatsordnung der Bundesrepublik sehen, die f\u00fcr ihn &#132;mehr Nichtkrise als Krise&#148; ist und auf deren Seite er sich mit seiner &#132;Verweigerung der B\u00fcrgerlichkeitsverweigerung&#148; stellt. Allerdings verbirgt sich hinter seinen ironischen Wortspielen auch eine semantisch reflektierte Anstrengung, den Begriff des B\u00fcrgers kulturell und moralisch zu rehabilitieren.<\/p>\n<p>Marquard setzt einen &#132;weiten Begriff des B\u00fcrgerlichen&#148; voraus und l\u00f6st sich von den historisch-soziologischen Konnotationen des B\u00fcrgerbegriffs: Der B\u00fcrger &#150; verstanden &#132;als freies gleiches Mitglied der B\u00fcrgerwelt der ,polis&#148; &#150; steht &#132;selbstbestimmt f\u00fcr sich und seine Mitb\u00fcrger&#148; ein. Dabei sei &#132;absichtlich die Unterscheidung zwischen ,citoyen` und ,bourgeois&#148; zu vernachl\u00e4ssigen, da der B\u00fcrger stets beides sein m\u00fcsse: der Erwirtschafter von Subsistenzmitteln und der m\u00fcndige Teilnehmer am Gemeinwesen (Marquard 2004: 93). Marquard interpretiert die Ausweitung der klassischen Staatsb\u00fcrgerstandards aus dem 19. Jahrhundert in der Mittelstandsgesellschaft als notwendige Universalwerdung b\u00fcrgerlicher Lebensform und Werte. Das ist &#150; liberalkonservativer Eigenart entsprechend &#150; eine optimistische Lesart der gesellschaftlichen Entwicklung, die nicht ein Wohlstandsgef\u00e4lle, wohl aber eine Verbreiterung der &#132;Kultur der Mitte&#148; erkennt und weiterhin prognostiziert.<\/p>\n<p>Sein Bekenntnis zur B\u00fcrgerlichkeit bezieht seine Eindringlichkeit aus der scharfen Opposition gegen die Neue Linke. Deren Engagement begreift er als absurden Protest gegen eine b\u00fcrgerliche Welt, die in ihrer zivilisatorischen Fortschrittlichkeit nicht verstanden wird. Nach Marquard greift hier das Schema des Freudschen Angsttraumes: &#132;Wenn die Kultur immer mehr Bedrohliches besiegt, wird &#150; als Bedrohlichkeitsersatz &#150; die Kultur selber zum Bedrohlichen ernannt, das man &#150; etwa durch alternatives Leben &#150; glaubt besiegen zu m\u00fcssen [&#8230;]. Dann &#150; und das ist einer der gro\u00dfen Angstgr\u00fcnde unserer Zeit &#150; bekommt man vor demjenigen Angst, das einem die \u00c4ngste erspart, just weil es einem die \u00c4ngste erspart.&#148; Je effektiver Kapitalismus und Markt Wohlstand produzieren und Probleme l\u00f6sen, desto eher werden sie zum \u00dcbelstand erkl\u00e4rt. Gegen die Neue Linke hei\u00dft es bei Marquard: &#132;Je sicherer der Staat B\u00fcrgerkriege verhindert, desto hemmungsloser gilt er selber als B\u00fcrgerkriegsgrund, je mehr die parlamentarische Demokratie den Menschen Repressionen erspart, um so leichter proklamiert man sie selber zu Repression [&#8230;].&#148; (Marquard 1986: 91) Angesichts der so wahrgenommenen neomarxistischen &#132;herrschenden Lehre&#148; pl\u00e4diert Marquard f\u00fcr\u00a0 Revolutionspflichtverweigerung&#148;. Notwendig sei n\u00e4mlich eine allgemeine &#132;Umwertung der V.[erweigerungs]-Verh\u00e4ltnisse, in denen diejenigen, die sich vom gro\u00dfen Revolutionspathos trennen, nun nicht mehr tadelnswerte ,Renegaten` sind, sondern lobenswerte ,Dissidenten&#148; (Marquard 2001: 1002f.).<\/p>\n<p>Marquard wirbt f\u00fcr die Normalit\u00e4t der b\u00fcrgerlichen Welt, gerade &#132;weil die Lebensvorteile, die sie bringt, als selbstverst\u00e4ndlich gelten &#150; nicht sehr aufregend, ein wenig langweilig und reichlich allzumenschlich&#148; (Marquard 2000: 106). Die Sympathie f\u00fcr den Common sensegeleiteten Durchschnittsb\u00fcrger, der in seiner heimatlichen Lebenswelt eingebettet ist und sich in ihr auf vielf\u00e4ltige Weise engagiert, steht im Vordergrund dieser liberalkonservativen B\u00fcrgerlichkeit. Ideell sind Marquards Leitlinien auf einfache Formeln zu bringen. &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; bedeutet f\u00fcr ihn: erstens das Festhalten an der Aufkl\u00e4rung als jener Modernit\u00e4tstradition, &#132;die als Wille zur M\u00fcndigkeit [&#8230;] den Mut zur N\u00fcchternheit zur Routine macht&#148; (Marquard 1986: 94); zweitens der Abschied von ideologischer Verblendung; drittens die freiheitsbedingende Wirkung der Gewaltenteilung; viertens Pluralismus, der aus Skepsis vor absoluten Wahrheiten und aus Respekt vor vielf\u00e4ltigen Herkunftsgeschichten resultiert; f\u00fcnftens der Schutz der individuellen Freiheitsr\u00e4ume des B\u00fcrgers.<\/p>\n<p>Als moralische Leitlinie gilt f\u00fcr Marquard &#132;in eminenter Weise der Grundrechteteil des Grundgesetzes&#148; (Marquard 1984: 43). Dessen normative Geltung sowie der Rekurs auf konventionelle \u00dcblichkeiten und Traditionen er\u00fcbrigen umst\u00e4ndliche moralphilosophische oder metaphysische Begr\u00fcndungsbem\u00fchungen. Damit kann kein Anspruch auf Originalit\u00e4t erhoben werden. Doch darum geht es den Ritter-Sch\u00fclern nicht. Sie kn\u00fcpfen an lange unpopul\u00e4re Bef\u00fcrworter der b\u00fcrgerlichen Distanzkultur wie Helmuth Plessner an, um &#132;die ganze Pflichtenlast der Zivilisation&#148; zu bejahen (Plessner 2002 [1924]: 38). Ganz im Sinne Plessners und Joachim Ritters gilt es, die Entzweiungen und Antagonismen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft nicht nur auszuhalten; sie garantieren vielmehr die Wahrung pers\u00f6nlicher Freiheit. Die Bedrohung der Freiheit ist die &#132;Politisierung des Privatesten und Innerlichsten&#148;, der Tugend und der Gesinnung. Deshalb ist die &#132;Nichtidentit\u00e4t individueller und kollektiver Interessen&#148; entscheidend, wie Hermann L\u00fcbbe konstatiert (L\u00fcbbe 1971: 107f.). Die Bezeichnung, die Marquard f\u00fcr Ritters Philosophie der modernen Welt verwendet &#150;&#132;Philosophie der positivierten Entzweiung&#8220; &#150;, ist auch auf die Ritter-Sch\u00fcler insgesamt anwendbar. &#132;Entzweiung ist [&#8230;] das Problem, das zugleich die L\u00f6sung ist: Entzweiung ist das letzte Wort \u00fcber die moderne Welt, ein positives Wort. Das ist weniger als die Weltverbesserer fordern, es ist mehr, als die Kassandren f\u00fcrchten: die moderne &#150; die b\u00fcrgerliche &#150; Welt ist weder Paradies noch Inferno, sondern geschichtliche Wirklichkeit. [&#8230;] Indem sie das &#150; diesseits der Illusionen &#150; sichtbar werden l\u00e4\u00dft, ist die Philosophie &#150; die auch dadurch offiziell Ge\u00e4chtetes positiv geltend macht, d.h. offiziell Ausgeschlossenes hereinholt (,einholt&#8216;) &#150; die n\u00f6tigste aller Friedensbewegungen: die f\u00fcr den Frieden mit der eigenen Wirklichkeit, der vorhandenen Vernunft, dem ,b\u00fcrgerlichen Leben&#8216; in der b\u00fcrgerlichen Welt auch und gerade der Bundesrepublik.&#148; (Marquard 1994: 26f.)<\/p>\n<h5><span id=\"der-sieg-der-zivilgesellschaft\">Der Sieg der Zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft<\/span><\/h5>\n<p>Diese Haltung galt als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt und unkritisch &#150; und es ist ja wahr: Die Haltung einer liberalkonservativen B\u00fcrgerlichkeit hat lange einseitig von der Abwehr neomarxistischer Glaubenss\u00e4tze gelebt sowie den Selbstheilungskr\u00e4ften der liberalen Ideen von Markt und Freiheit vertraut. Die R\u00fcckzugsr\u00e4ume des B\u00fcrgers in famili\u00e4re, kulturelle und ganz unpolitische Nischen waren den Liberalkonservativen ein hohes Gut, sahen sie doch von jeher ihre Aufgabe darin, vor \u00fcbersteigerten Erwartungen eines allzu inklusiven Politikbegriffs zu warnen. Freiheit liegt f\u00fcr sie in der Trennung von \u00d6ffentlichem und Privatem. In der Erfahrungswelt der &#132;skeptischen Generation&#148; wird die Bundesrepublik als ein erfolgreiches Projekt der Normalit\u00e4tsetablierung verst\u00e4ndlich. &#132;Vern\u00fcnftig ist&#148;, so persifliert Marquard Schmitts vielzitierte Souver\u00e4nit\u00e4tsformel, &#132;wer den Ausnahmezustand vermeidet&#148; (Marquard 2000: 107). Diese \u00dcberzeugung geht von einem geordneten Staatswesen aus, das konsensuell getragen wird und funktionierende Modi zur Bew\u00e4ltigung von Krisen- und Konfliktsituationen einge\u00fcbt hat. Zu den Ironien der politischen Kultur der Bundesrepublik geh\u00f6rt, dass einerseits die \u00f6konomisch und sozial stabilen 1960er und 1970er Jahre von ernsthaften Akzeptanzkrisen auf Seiten der Intellektuellen begleitet waren. Die Achtundsechziger und die Neue Linke wollten eine &#132;andere Republik&#148;. So sind die Jahre 1968\/69 zwar als Z\u00e4sur in der westdeutschen Geschichte zu begreifen. Von einer &#132;Umgr\u00fcndung der Republik&#148; (Manfred G\u00f6rtemaker) zu sprechen, wertet dann die kulturell &#132;weichen&#148; Faktoren eines liberalisierenden Mentalit\u00e4tenwandels auf, w\u00e4hrend institutionell doch alles beim alten blieb. Andererseits haben die nun schon einige Jahre andauernden und sich zuspitzenden wirklich krisenhaften Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt sowie die dramatische Ver\u00e4nderung der Bev\u00f6lkerungsstruktur keine vergleichbaren Infragestellungen der &#132;b\u00fcrgerlichen&#148; Ordnung nach sich ziehen k\u00f6nnen. Die gegenw\u00e4rtige Sozialphilosophie scheint sich dem affirmativen Standpunkt der Liberalkonservativen angen\u00e4hert zu haben. Anstatt die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse einer umfassenden Kritik zu unterziehen &#150; wie noch in den 1970er Jahren &#150; wird nunmehr Wert darauf gelegt, die stabilisierenden Elemente der b\u00fcrgerlich-liberalen Gesellschaft ausfindig zu machen. Fragen der B\u00fcrgerkompetenz, die M\u00f6glichkeiten des B\u00fcrgers, sich mit dem Gemeinwesen zu identifizieren und zum Gemeinwohl beizutragen, werden mittlerweile nur noch unter den Voraussetzungen der im liberaldemokratischen Verfassungsstaat organisierten Marktgesellschaft diskutiert. Dazu hat auch die Internationalisierung der Debatte beigetragen. Ob man Gerechtigkeit durch Diskurs und Demokratisierung anstrebt (Rawls, Habermas), ob man eine integrative Formung von Gemeinschaften favorisiert (Kommunitarismus) oder ob man sich einer Ethisierung des Sozialismus als drittem Weg verschreibt (Giddens) &#150; diese Konzepte werden allesamt unter dem Leitbegriff der Zivilgesellschaft verhandelt.<\/p>\n<p>Der Diskurs \u00fcber die Zivilgesellschaft geht sicherlich in Teilen \u00fcber die von den Ritter-Sch\u00fclern vertretene Philosophie der B\u00fcrgerlichkeit hinaus. Im Hinblick auf eine intellektuelle Klimaver\u00e4nderung hin zu einem b\u00fcrgerlich-liberalen Selbstverst\u00e4ndnis ist aber deren Beitrag durchaus zu w\u00fcrdigen. Der Historiker Eckart Conze hat j\u00fcngst in der &#132;Verallgemeinerung von ,B\u00fcrgerlichkeit` [,..] ein wichtiges Charakteristikum der gesellschaftlichen Entwicklung in der fr\u00fchen Bundesrepublik&#148; erkannt (Conze 2004: 527ff.). Dieser Befund mag retrospektiv &#150; verstanden als Prozess politischer und gesellschaftlicher Liberalisierung &#150; ohne Frage gelten, wenn man eine sozialhistorische Perspektive einnimmt. In der intellektuellen Debatte, abseits der offizi\u00f6sen politischen Selbstdarstellung durch die politische Klasse, hatte es der Begriff der B\u00fcrgerlichkeit lange Zeit weitaus schwerer: Gerade der als b\u00fcrgerlich empfundene \u00dcbergang zur Normalit\u00e4t nach 1945 stand in der Kritik, restaurativ zu sein und den eigentlichen Charakter der NS-Verbrechen zu verdecken, die, wie vor allem der Philosoph Karl-Otto Apel argumentiert, aus der Pervertierung konventioneller Moralvorstellungen resultierte. &#132;Postkonventionell&#148; durfte es aus Sicht der Diskursethik keinen Weg zur\u00fcck in eine derart vorbelastete (deutsche) b\u00fcrgerliche Moralwelt mehr geben (Apel 1988).<\/p>\n<p>In einer Zeit, als vielfach das &#132;Ende der B\u00fcrgerlichkeit&#148; (Siegrist 1994) zur Debatte stand und die westdeutsche Gesellschaft von einem Gro\u00dfteil der neomarxistisch inspirierten Intellektuellen keineswegs unter der Zielnorm einer &#132;b\u00fcrgerlichen Republik&#148; betrachtet wurde, leisteten die Liberalkonservativen semantische Vorarbeit. Sie trugen fr\u00fchzeitig dazu bei, &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; als normativen Begriff wiederzubeleben: zum ei-nen weil sich mit ihm habituelle Eigenschaften verbinden, die zu den konstitutiven Lebensformen und Tugenden des Staatsb\u00fcrgers z\u00e4hlen; zum anderen weil sich mit &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; ein Set von liberalen Werthaltungen beschreiben l\u00e4sst, die sich, gerade weil sie theoretisch schwer Fixierbar sind, kulturell und lebenspraktisch behaupten.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Albrecht, Clemens u.a.: 1999: Die intellektuelle Gr\u00fcndung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt\/Main\/New York<br \/>Apel, Karl-Otto 1988: Zur\u00fcck zur Normalit\u00e4t? Oder k\u00f6nnten wir aus der nationalen Katastrophe etwas Besonderes gelernt haben? Das Problem des (welt-)geschichtlichen \u00dcbergangs zur postkonventionellen Moral in spezifisch deutscher Sicht; in: Zerst\u00f6rung des moralischen Selbstbewu\u00dftseins: Chance oder Gef\u00e4hrdung? Praktische Philosophie in Deutschland nach dem Nationalsozialismus, hg, vom Forum f\u00fcr Philosophie Bad Homburg, Frankfurt\/Main, S. 91-142<br \/>Bude, Heinz 2005: B\u00fcrgertumsgenerationen in der Bundesrepublik; in: Manfred Hettling\/Bernd Ulrich (Hg.), B\u00fcrgertum nach 1945, Hamburg, 5.111-132<br \/>Conze, Eckart 2004: Eine b\u00fcrgerliche Republik? B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerlichkeit in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft; in: Geschichte und Gesellschaft 30. Jg., S. 527-542<br \/>Dierse, Ulrich 2004 (Hg.): Joachim Ritter zum Gedenken, Stuttgart<br \/>Habermas, J\u00fcrgen 1971: Theorie und Praxis. Sozialphilosophische Studien, Frankfurt\/Main, 4. Aufl. 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Sechs Aufs\u00e4tze, Frankfurt\/Main<br \/>Ritter, Joachim 2003: Metaphysik und Politik. Studien zu Aristoteles und Hegel. Erweiterte Neuausgabe. Mit einem Nachwort von Odo Marquard, Frankfurt\/Main<br \/>Schmitt, Carl 1996 [1923]: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus, Berlin Siegrist, Hannes 1994: Ende der B\u00fcrgerlichkeit? Die Kategorien &#132;B\u00fcrgertum&#148; und &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; in<br \/>der westdeutschen Gesellschaft und Geschichtswissenschaft der Nachkriegsperiode; in: Geschichte<br \/>und Gesellschaft 20. Jg., S. 549-583<br \/>Sternberger, Dolf 1948: Tagebuch, B\u00fcrgerlichkeit; in: Die Wandlung 3. Jg., S. 195-200<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1934],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11429","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jens-hacke","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bekenntnis zur B\u00fcrgerlichkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/bekenntnis-zur-buergerlichkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bekenntnis zur B\u00fcrgerlichkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Selbstbehauptungsmotive in der politischen Philosophie der Bundesrepublik aus: Vorg\u00e4nge Nr. 170 ( Heft 2\/2005 ), S.33-44 B\u00fcrgerlichkeit ist ein Schwammbegriff, der vielf\u00e4ltige Bedeutungen aufgesogen hat und dessen Vorverst\u00e4ndnis von Fall zu Fall variiert. 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