{"id":11445,"date":"2016-08-15T13:00:00","date_gmt":"2016-08-15T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/komplexe-krisen-und-konflikte-im-nahen-osten-verursachen-flucht-nach-europa-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:12","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:12","slug":"komplexe-krisen-und-konflikte-im-nahen-osten-verursachen-flucht-nach-europa-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/komplexe-krisen-und-konflikte-im-nahen-osten-verursachen-flucht-nach-europa-1\/","title":{"rendered":"Komplexe Krisen und Konflikte im Nahen Osten verursachen Flucht nach Europa*"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 21-33<\/p>\n<p><i>Die Fluchtwelle der letzten Jahre nach Europa ist eng mit B&uuml;rgerkriegen und Krisen im Nahen Osten verkn&uuml;pft. Besonders viele Menschen flohen und fliehen aus Syrien, wo der Konflikt zwischen autorit&auml;rer Regierung und Oppositionsbewegungen von der Etablierung des sogenannten &#8222;Islamischen Staates&#8220; &uuml;berlagert wird. Wir dokumentieren Ausz&uuml;ge aus dem Essay &#8222;Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen&#8220;, das 2015 erschienen ist. Volker Perthes analysiert darin die komplexen Krisen und Konflikte in dieser Region und ihre Auswirkungen auf Europa.<\/i><\/p>\n<p>Wenn wir nach der einen gro&szlig;en &Uuml;berschrift suchen, die die Ereignisse und Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten seit 2011 und mehr noch seit 2013\/2014 charakterisiert und welthistorisch einordnet, dann scheint das Wort &raquo;Ordnungszerfall&laquo; angemessen. Innerstaatliche Ordnungen zerbrechen, nicht &uuml;berall, aber doch in mehreren Staaten der arabischen Welt. Am deutlichsten ist uns dies in Syrien, im Irak und in Libyen geworden. Die Menschen in der Levante, in den L&auml;ndern zwischen der Ostk&uuml;ste des Mittelmeers und dem Persischen Golf also, erleben, wie die regionale Ordnung oder das regionale Staatensystem sich aufzul&ouml;sen scheint, ohne dass klar w&auml;re, wie eine neue Ordnung zustande kommen kann, wie sie aussehen wird, wer sie verhandelt oder errichtet. Und mancher wird sagen, dass auch die Werteordnung der eigenen Gesellschaften zerst&ouml;rt, mindestens aber besch&auml;digt worden ist. Immerhin teilen die Menschen in L&auml;ndern wie Syrien und dem Irak, im Libanon oder in Iran trotz aller Erfahrung von Krieg, Konflikt, Repression und Gewalt auch eine Geschichte des Zusammenlebens &uuml;ber ethnische, konfessionelle und politische Trennlinien hinweg. Die Anerkennung dieser gesellschaftlichen und konfessionellen Vielgestaltigkeit als eines der Charaktermerkmale, ja vielleicht als die <i>Raison d&#8217;&ecirc;tre <\/i>gerade des syrischen Staates aber und der damit verbundene Grundkonsens, dass man trotz aller Differenzen und Machtk&auml;mpfe irgendwie zusammenleben muss &#8211; all das gilt ganz offensichtlich nicht mehr, jedenfalls nicht f&uuml;r die kriegsf&uuml;hrenden Parteien.<\/p>\n<p>Das Ausma&szlig; der Gewalt, die staatliche und nichtstaatliche Akteure in Syrien und anderen L&auml;ndern gegen die eigene Bev&ouml;lkerung aus&uuml;ben, und die konfessionelle Polarisierung &#8211; nicht nur, aber vor allem zwischen Sunniten und Schiiten &#8211;, die quer durch die Region zu sp&uuml;ren ist, f&ouml;rdern eine Spirale aus Hass und Angst und stellen die Hoffnung infrage, dass Staaten und Gesellschaften einfach wieder zusammenfinden werden, wenn nur die eine oder andere Terrororganisation besiegt oder das ein oder andere Regime gefallen ist.<\/p>\n<p>Gewalt und konfessioneller B&uuml;rgerkrieg scheinen wenig mit den Forderungen nach Freiheit, W&uuml;rde und Gerechtigkeit zu tun zu haben, die in den Protesten und Aufst&auml;nden zum Ausdruck kamen, die die arabische Staatenwelt im Jahr 2011 erfassten. Zumindest zum Teil ist diese Gewalt als Reaktion bedr&auml;ngter politischer F&uuml;hrungseliten auf die Forderung nach friedlicher Ver&auml;nderung, auf den von vielen sogenannten &raquo;Arabischen Fr&uuml;hling&laquo; &#8211; oder die Furcht davor &#8211; zu verstehen. Und wo autorit&auml;re Ordnungen zerfallen oder zu zerbrechen drohen, setzt dies alle m&ouml;glichen Kr&auml;fte frei, die vordem &raquo;unter Kontrolle&laquo; waren oder zu sein schienen, extremistische politische Akteure und politisch oder wirtschaftlich motivierte Gewaltunternehmer eingeschlossen. Die Protestbewegungen haben aber auch gezeigt, dass es in allen L&auml;ndern der Region Menschen gibt, die sich daf&uuml;r einsetzen oder (oftmals unter existenziellen Risiken) daf&uuml;r eingesetzt haben, eine bessere Ordnung zu schaffen.<\/p>\n<p>Gerade Europa, das den Beginn der Umbr&uuml;che in seiner s&uuml;dlichen Nachbarschaft begr&uuml;&szlig;t, dann aber &#8211; dar&uuml;ber l&auml;sst sich im Einzelnen streiten &#8211; wenig getan hat oder hat tun k&ouml;nnen, um friedliche politische Transformationsprozesse effektiv zu unterst&uuml;tzen, w&auml;re gut beraten, seiner urspr&uuml;nglichen Bewunderung f&uuml;r die &raquo;Generation Tahrir-Platz&laquo; nun keine angstgetriebene Politik der Abschottung gegen die Region und ihre Menschen folgen zu lassen.<\/p>\n<p>Wie k&ouml;nnen wir, gerade wenn wir die Region von au&szlig;en betrachten, verstehen, was seit dem Beginn der arabischen Proteste und Aufst&auml;nde im Jahre 2011 im Nahen und Mittleren Osten vor sich geht? Stellen wir uns auf gescheiterte Staaten, regionale Kriege und B&uuml;rgerkriege, Terror und konfessionelle Gewalt als neuen Normalzustand ein? Auch das w&auml;re kein guter Rat. Sicher scheint allerdings, dass die Region sich erst am Beginn einer langen Phase der Turbulenz befindet. In mancher Hinsicht ist der Nahe Osten schon heute nicht mehr der, den wir &#8211; europ&auml;ische und andere ausl&auml;ndische Beobachter &#8211;, den aber auch ein Gro&szlig;teil der regionalen Akteure selbst kennen oder zu kennen geglaubt haben. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"syrien-und-irak-zeitenwende-und-krisen\">Syrien und Irak: Zeitenwende und Krisen<\/span><\/h5>\n<p>[&#8230;] In der Tat ist es nahezu unm&ouml;glich, Politik, Ideologieentwicklung und zwischenstaatliche Beziehungen in der arabisch-nah&ouml;stlichen Welt zu verstehen, ohne auf die Entstehung des regionalen Staatensystems nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1918) und, wenig sp&auml;ter, der Aufl&ouml;sung des Osmanischen Reichs (1922) zur&uuml;ckzugreifen. Man wird hier immer wieder daran erinnert werden, dass die Grenzen zwischen Mittelmeer und Persischem Golf im Wesentlichen von ausw&auml;rtigen M&auml;chten, namentlich von Gro&szlig;britannien und Frankreich, gezogen worden sind. So wird g&auml;ngigerweise vom Sykes-Picot-System oder von den Sykes-Picot-Grenzen gesprochen &#8211; mit Bezug auf Mark Sykes und Fran&ccedil;ois Georges-Picot, einen britischen und einen franz&ouml;sischen Diplomaten, die sich 1916 im Auftrag ihrer Regierungen &uuml;ber die Aufteilung der nah&ouml;stlichen Gebiete des Osmanischen Reiches einigten. Auch wenn das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen nicht eins zu eins umgesetzt wurde, bildete es doch die Grundlage f&uuml;r die Einrichtung von Mandaten des V&ouml;lkerbunds, mit denen Frankreich die Kontrolle &uuml;ber das heutige Syrien und den Libanon, Gro&szlig;britannien die &uuml;ber Pal&auml;stina, das heutige Jordanien und den Irak &uuml;bernahm und damit auch die Verantwortung f&uuml;r die sp&auml;tere Grenzziehung zwischen den daraus entstehenden Staaten.(1)<\/p>\n<p>&raquo;Sykes-Picot&laquo; wurde aber auch zur Chiffre, stand und steht im politischen Sprachgebrauch f&uuml;r ein westliches oder imperialistisches Grand Design der politisch-territorialen Verh&auml;ltnisse in der Region und eine von externen M&auml;chten bestimmte Aufteilung in Einzelstaaten. Gleichzeitig fanden verschiedene politische Bewegungen und ganze Staaten im Widerstand gegen &raquo;Sykes-Picot&laquo; so etwas wie ihren Gr&uuml;ndungsmythos. Das gilt insbesondere f&uuml;r die in Syrien entstandene panarabische Baath-Partei (das Wort baath steht dabei f&uuml;r die &raquo;Auferstehung&laquo; oder &raquo;Wiederbelebung&laquo; der arabischen Nation) und andere Spielarten eines gro&szlig;syrischen oder arabischen Nationalismus wie auch f&uuml;r Syrien selbst, das sowohl seine territoriale Einheit wie seine Unabh&auml;ngigkeit in l&auml;ngeren Auseinandersetzungen und K&auml;mpfen gegen die franz&ouml;sische Mandatsmacht durchsetzen musste. Die Ablehnung des &raquo;Sykes-Picot-Systems&laquo; geh&ouml;rt hier und in den meisten anderen arabischen Staaten gewisserma&szlig;en zum guten Ton.<\/p>\n<p>Des ungeachtet ist das so entstandene System nah&ouml;stlicher Staaten und Grenzen &uuml;ber den Zweiten Weltkrieg, die Unabh&auml;ngigkeit der Einzelstaaten und zahlreiche Kriege und B&uuml;rgerkriege hinweg fast ein Jahrhundert lang intakt geblieben &#8211; was gerade im Vergleich zur europ&auml;ischen Entwicklung in dieser Zeitspanne ziemlich bemerkenswert ist. Seit 1948 geh&ouml;rt auch Israel als zwar lange nicht anerkannter, aber faktisch nicht ignorierbarer Mitspieler zu diesem System. In Syrien, in Jordanien, im Libanon, im Irak, unter Israelis und Pal&auml;stinensern und in unterschiedlichem Ausma&szlig; auch in Saudi-Arabien und den anderen Staaten der arabischen Halbinsel haben sich eigene, wenngleich nicht notwendig exklusive politische Identit&auml;ten herausgebildet. Vier bis f&uuml;nf nah&ouml;stliche Generationen, die heutigen Entscheidungstr&auml;ger eingeschlossen, sind so in einem regionalen System sozialisiert worden, das allgemein als ungeliebt, als &raquo;schlechte Ordnung&laquo; galt.<\/p>\n<p>Derzeit scheint die Region einen dieser historischen Br&uuml;che zu erleben, die wir gern als tektonisch bezeichnen: Es sieht so aus, als l&ouml;se sich die postosmanische Ordnung auf. Syrien, der zentrale Staat im regionalen Gef&uuml;ge, funktioniert nur noch in Teilen als Staat; zumindest einige der Grenzen verlieren ihre Relevanz; neue Herrschaftsverb&auml;nde entstehen; zwischenstaatliche und transnationale Konflikte &uuml;berlappen einander. [&#8230;] Wichtig ist an dieser Stelle, dass gro&szlig;e ausw&auml;rtige M&auml;chte, anders als vor knapp hundert Jahren, kein Interesse zeigen, selbst eine &raquo;Neuordnung&laquo; der Region vorzunehmen. Die Tendenz geht eher dahin, bestimmte direkte Interessen zu verteidigen und sich ansonsten auf Gefahrenabwehr zu beschr&auml;nken. Auch von den wichtigsten Regionalstaaten gehen &#8211; bislang jedenfalls &#8211; keine Initiativen zur Stabilisierung oder Neuerrichtung einer regionalen Ordnung aus. Im Ergebnis erleben immer mehr Menschen, dass die alte Ordnung zwar &raquo;schlecht&laquo; gewesen sein mag, die Alternative zu einer schlechten Ordnung aber nicht unbedingt eine bessere, sondern m&ouml;glicherweise gar keine Ordnung ist.<\/p>\n<p>Je mehr im Hier und Jetzt aber Ordnung, soziale, wirtschaftliche und politische Stabilit&auml;t und Gewissheit fehlen, je weniger das Zusammenleben verschiedener Bev&ouml;lkerungsgruppen im Rahmen verl&auml;sslicher Staatlichkeit abgesichert wird, desto wichtiger werden konfessionelle, ethnische oder tribale Bindungen und Identit&auml;ten, die sich entlang der langen Zeitlinie, der soziokulturellen <i>longue dur&eacute;e <\/i>entwickelt haben. F&uuml;r das reale Geschehen ist es ziemlich irrelevant, ob oder zu welchem Grad es sich dabei um &raquo;erfundene&laquo; Gemeinschaften und entsprechend erfundene Identit&auml;tenii handelt &#8211; solange jedenfalls, wie diese Identit&auml;ten wirken, politisch nutzbar gemacht werden k&ouml;nnen und dabei helfen, passende Element der Geschichte im richtigen Moment in die kollektive Erinnerung zu rufen. Historische Episoden, die an ganz unterschiedlichen Stellen auf dieser Zeitlinie verortet sind, werden dann pl&ouml;tzlich so bedeutsam wie Ereignisse aus der j&uuml;ngsten Vergangenheit. So kann der Streit &uuml;ber die rechtm&auml;&szlig;ige Nachfolge Muhammads, des Propheten des Islam, aus dem vor 1400 Jahren die konfessionelle Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten entstand, k&ouml;nnen die K&auml;mpfe und Allianzen zwischen dem abbasidischen und dem fatimidischen Kalifat und den Kreuzfahrerstaaten, die Invasion mongolischer Heere, die Eroberungen der Osmanen und nat&uuml;rlich der westliche (im iranischen Fall gelegentlich auch der russische) Imperialismus unterschiedlichen politischen Gruppen und Gewaltakteuren als Orientierungspunkte f&uuml;r die Abgrenzung der eigenen gegen je andere Gemeinschaften dienen und dabei helfen, Konflikte der Gegenwart in ein &#8211; mehr oder weniger &#8211; &uuml;berzeugendes historisches Narrativ einzuspinnen.<\/p>\n<p>Externe Akteure, die die regionalen Dynamiken verstehen und mit den Gesellschaften im Nahen und Mittleren Osten zusammenarbeiten wollen, d&uuml;rfen die longue dur&eacute;e mit ihren Erinnerungen und Identit&auml;ten nicht ignorieren, sollten sich aber auch h&uuml;ten zu glauben, dass es bei den aktuellen Verwerfungen und Konflikten in der Region wirklich oder wesentlich um konfessionelle Gegens&auml;tze oder gar um die richtige Interpretation des Glaubens geht.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der sunnitischen Muslime (nicht nur in Syrien und im Irak) haben f&uuml;r den sogenannten Islamischen Staat nichts &uuml;brig, finden die Selbstausrufung seines Anf&uuml;hrers zum Kalifen oder dessen Ank&uuml;ndigung, nach der arabischen Welt auch Rom zu erobern, bestenfalls l&auml;cherlich und die Bluttaten seiner Anh&auml;nger abscheulich. Die Symbole und historischen Referenzen aus der longue dur&eacute;e, die er nutzt, k&ouml;nnen aber dennoch Eindruck machen &#8211; die schwarze Fahne der Abbasiden etwa und sicher die Erinnerung an die ruhmreichen Zeiten, als deren Kalifat eine Gro&szlig;macht und einen politisch-kulturellen Orientierungspunkt f&uuml;r die sunnitischen Muslime darstellte. Nur w&uuml;rde die Propaganda des sogenannten Islamischen Staates sehr viel weniger Wirkung entfalten, wenn sie sich nicht auf die Macht moderner Waffen st&uuml;tzen k&ouml;nnte und wenn die Staaten, auf deren Territorium diese Organisation ihre Herrschaft auszudehnen versucht, funktioniert und nicht so deutlich dabei versagt h&auml;tten, inklusive politische, wirtschaftliche und soziale Verh&auml;ltnisse zu schaffen. [&#8230;]<\/p>\n<p>In Syrien begann der Aufstand im Fr&uuml;hjahr 2011 zun&auml;chst mit vereinzelten Protesten gegen lokale Beh&ouml;rden und Sicherheitskr&auml;fte, aus denen rasch eine zivilgesellschaftlich-politische Protestbewegung wurde, die gro&szlig;e Teile des Landes erfasste. Das Regime von Baschar al-Asad setzte ebenso rasch auf das, was in seinem eigenen Jargon die &raquo;milit&auml;rische L&ouml;sung&laquo; genannt wurde, reagierte also mit t&ouml;dlicher Gewalt. Viele Soldaten, vor allem aus sunnitischen Gebieten, und eine Reihe von Kommandeuren desertierten, um die Bev&ouml;lkerung ihrer je eigenen D&ouml;rfer oder St&auml;dte zu sch&uuml;tzen. Seit Sommer 2011 l&auml;sst sich von einer Militarisierung des Aufstands sprechen, sp&auml;testens seit 2012 von einem anhaltenden B&uuml;rgerkrieg, in welchem das Regime aus Russland und Iran sowie von schiitischen Milizen aus dem Irak und der libanesischen Hizbullah unterst&uuml;tzt wurde und wird, die Opposition aus der T&uuml;rkei, den arabischen Golfstaaten und aus westlichen L&auml;ndern. Dabei gewannen in den Gebieten, die dem Regime entglitten, zunehmend extremistische, politisch-islamische Gruppen die Oberhand, seit 2014 vor allem der im Irak entstandene sogenannte Islamische Staat.<\/p>\n<p>Eine Konfessionalisierung und allgemeine Verrohung der Auseinandersetzungen hatte allerdings schon vorher eingesetzt. So organisierte das Regime neben den regul&auml;ren Streitkr&auml;ften eigene Milizen. Deren Mitglieder stammen vorwiegend aus der alawitischen Bev&ouml;lkerungsgruppe, der auch der Pr&auml;sident, seine Familie und seine engsten Mitarbeiter angeh&ouml;ren. Die Alawiten sind eine vor allem in der Levante beheimatete Konfessionsgemeinschaft, die sich selbst der Schia zuordnet. Asads Herrschaftselite, wie schon die seines Vaters, bestand und besteht keineswegs ausschlie&szlig;lich aus Alawiten; aber wichtige Positionen im Sicherheitsbereich, von der Spitze bis hinunter zur Bataillonsebene, befanden sich &uuml;berwiegend in der Hand von Alawiten, deren Familien, wie die Asads, aus den syrischen K&uuml;stenprovinzen stammen. Die neuen Milizen, die wenig sp&auml;ter unter dem Namen &raquo;Nationale Verteidigungskr&auml;fte&laquo; zusammengefasst und der Armeef&uuml;hrung unterstellt wurden, traten vor allem durch Gewalttaten gegen die Zivilbev&ouml;lkerung hervor. Auch wurde ihnen, anders als den regul&auml;ren Streitkr&auml;ften, offenbar erlaubt, bei feindlichen Teilen der Bev&ouml;lkerung &raquo;Beute&laquo; zu machen. Das Regime setzte nahezu von Beginn an alle Waffentypen ein, die ihm zur Verf&uuml;gung standen. Im August 2013 f&uuml;hrte ein gr&ouml;&szlig;erer Einsatz von Chemiewaffen zu einer bemerkenswerten russischen Initiative: Moskau &uuml;berzeugte die syrische F&uuml;hrung, sich auf eine Erfassung und Zerst&ouml;rung des syrischen Chemiewaffenpotenzials durch die Organisation zum Verbot chemischer Waffen (OPCW) einzulassen, und bewahrte das Regime damit vor einer offenbar unmittelbar bevorstehenden milit&auml;rischen Strafaktion der USA. Pr&auml;sident Obama griff jedenfalls die russische Initiative auf und blies die bereits geplanten Luftschl&auml;ge, von deren Nutzen er offenbar selbst nicht &uuml;berzeugt war, ab &#8211; sehr zum Verdruss der syrischen Opposition und ihrer regionalen Verb&uuml;ndeten.<\/p>\n<p>Hoffnungen, dass die Kooperation der USA, Russlands und anderer &#8211; auch Deutschland beteiligte sich an der Vernichtung syrischer Chemiewaffen &#8211; zumindest zur Deeskalation beitragen w&uuml;rde, erf&uuml;llten sich nicht. Alle Versuche einer diplomatischen L&ouml;sung, insbesondere die Bem&uuml;hungen von drei erfahrenen Sondergesandten der Vereinten Nationen, blieben, bis zum Entstehungszeitpunkt dieses Essays jedenfalls, erfolglos. Anfang 2015 war Syrien faktisch vier- bis f&uuml;nfgeteilt und meist auch in jedem der einzelnen Teile zus&auml;tzlich fragmentiert: Das Regime hielt etwa ein Drittel des Landes mit ungef&auml;hr der H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung, darunter die Hauptstadt Damaskus, die wichtigste Nord-S&uuml;d-Verbindung und das K&uuml;stengebiet. Der IS hatte gro&szlig;e Teile des Nordens und Ostens des Landes unter Kontrolle. Die allgemein als moderat bezeichnete Opposition und mit ihr verb&uuml;ndete Milizen, darunter ebenfalls immer mehr islamistische Kr&auml;fte, hatten in Aleppo, in Teilen des Damaszener Umlands und Teilen des S&uuml;dens die Oberhand. Die mit dem Qaida-Netzwerk verbundene Nusra-Front, die gegen das Regime, gegen den konkurrierenden &raquo;Islamischen Staat&laquo; und gelegentlich mit, gelegentlich aber auch gegen die moderate Opposition k&auml;mpft, kontrollierte einen Teil der nordwestlichen Grenzgebiete zur T&uuml;rkei. Sie hatte zudem eine Pr&auml;senz auf dem Golan, an der Frontlinie zu Israel, aufgebaut. Im Norden des Landes, nahe der t&uuml;rkischen Grenze, waren zudem drei kurdische Kantone entstanden.<\/p>\n<p>Im Irak, in dem der IS aus dem lokalen Ableger der al-Qaida entstanden war, hatte es 2011 keine den Protesten und Aufst&auml;nden in den arabischen Staaten vergleichbare Entwicklungen gegeben. Das Land und seine politischen Fraktionen waren dabei, sich auf den angek&uuml;ndigten Abzug des amerikanischen Milit&auml;rs und damit die R&uuml;ckgewinnung der vollen Souver&auml;nit&auml;t vorzubereiten. Die Amerikaner hinterlie&szlig;en kein geeintes, sondern ein politisch und ethnisch tief gespaltenes Land, dessen Trennlinien bald wieder aufbrachen. Sp&auml;testens 2013 befanden Teile der &uuml;berwiegend sunnitisch-arabischen Gebiete sich im offenen Aufruhr gegen die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad. Dies erleichterte es dem sogenannten Islamischen Staat, 2014 die Gro&szlig;stadt Mosul und eine Reihe anderer irakischer St&auml;dte nahezu widerstandslos zu erobern. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"protest-einer-jungen-generation\">Protest einer jungen Generation <\/span><\/h5>\n<p>Die arabischen Gesellschaften sind enorm junge Gesellschaften; weltweit liegt nur im Afrika s&uuml;dlich der Sahara der Anteil der jungen Leute an der Gesamtbev&ouml;lkerung noch h&ouml;her. In fast allen L&auml;ndern der Region ist mehr als die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung j&uuml;nger als 30 Jahre. In Saudi-Arabien gilt dies f&uuml;r 57 Prozent, in &Auml;gypten f&uuml;r fast 58, in Syrien, Jordanien und im Irak f&uuml;r zwischen 62 und 65, im Gazastreifen sogar f&uuml;r 72Prozent.(3)&nbsp; Insgesamt hat die Wirtschaftsentwicklung mit dem Bev&ouml;lkerungswachstum nicht mitgehalten; selbst die &ouml;lexportierenden Staaten haben relativ zur Bev&ouml;lkerungsgr&ouml;&szlig;e heute weniger an Einkommen und Reichtum zu verteilen als noch vor einigen Jahrzehnten. Und kaum eins der L&auml;nder hat aus seinem Jugendreichtum wirklich Nutzen gezogen.<\/p>\n<p>Zwar ist in allen arabischen L&auml;ndern das Schul- und Hochschulwesen deutlich ausgebaut worden. Die heute jungen Generationen sind im Allgemeinen viel besser ausgebildet als ihre Eltern und Gro&szlig;eltern; fast alle Kinder gehen zumindest einige Jahre zur Schule. Bildungs- und Ausbildungsunterschiede zwischen M&auml;nnern und Frauen sind in der jungen Generation zwar nicht eingeebnet, aber doch sehr viel geringer als fr&uuml;her. In vielen Staaten der Region, darunter in Saudi-Arabien wie auch in Iran, sind mittlerweile mehr Frauen als M&auml;nner an den Universit&auml;ten eingeschrieben, meist auch mit besseren Ergebnissen. Insgesamt f&auml;llt es Schul- und Hochschulabsolventen aber zunehmend schwer, eine Besch&auml;ftigung zu finden, die ihrem Bildungsgrad entspricht. Im Staatsdienst vieler L&auml;nder und im meist schrumpfenden staatlichen Wirtschaftssektor sind die R&auml;nge schlicht durch die &auml;lteren Generationen verstopft; oft mangelt es den Hochschulabsolventen zudem an einer praxisrelevanten Ausbildung, die sie f&uuml;r die private Wirtschaft attraktiv machen w&uuml;rde. Auch in den Golfstaaten, der wichtigsten Zielregion arabischer Arbeitsmigranten, ist es f&uuml;r den jungen &auml;gyptischen Ingenieur oder die junge syrische Betriebswirtin heute nicht mehr so leicht, einen Einstiegsjob zu finden.<\/p>\n<p>In vielerlei Hinsicht waren, wie oft bemerkt worden ist, die Proteste und Aufst&auml;nde von 2011 deshalb auch der Protest einer Generation, die h&ouml;her qualifiziert und st&auml;rker vernetzt ist als ihre Vorg&auml;nger &#8211; viele nutzen soziale Medien, viele sprechen Englisch &#8211;, die aber vergleichsweise weniger Chancen hat. [&#8230;]<\/p>\n<p>Ungeachtet des konkreten Verlaufs in den einzelnen Staaten zeigten die Proteste und Aufst&auml;nde, zeigten auch die unterschiedlichen Reaktionen der bedr&auml;ngten Regime, dass der jahrzehntealte ungeschriebene Gesellschaftsvertrag der meisten arabischen Staaten, der sich auf eine Kombination von autorit&auml;rer, paternalistischer Herrschaft und sozialen wie wirtschaftlichen Entwicklungsleistungen gr&uuml;ndete, nicht l&auml;nger aufrechtzuerhalten war. Anders gesagt: Die Gleichung, auf der die so oft ger&uuml;hmte Stabilit&auml;t langlebiger arabischer Regime beruhte, funktionierte schlicht nicht mehr: teils weil die Bev&ouml;lkerung sich weiterentwickelt hatte und aktiv Rechte und Reformen einforderte, teils weil die wirtschaftlichen M&ouml;glichkeiten fehlten, um das politische Ausgleichgewicht des Autoritarismus (also soziale Leistungen &#8211; Subventionen, Ausbildung, Arbeitspl&auml;tze, Wohnungen &#8211; und wirtschaftliches Wachstum) auch f&uuml;r eine wachsende Bev&ouml;lkerung zu sichern. [&#8230;]<\/p>\n<p>Mit Blick auf die politischen, wirtschaftlichen und demografischen Indikatoren, die hier nicht im Einzelnen und f&uuml;r jedes Land analysiert werden k&ouml;nnen, spricht alles daf&uuml;r, dass die gesamte Region auch unabh&auml;ngig von zwischenstaatlichen Konflikten und &auml;u&szlig;erer Einwirkung erst am Beginn &#8211; und nicht etwa am Ende &#8211; einer Periode von Turbulenzen und Wandlungsprozessen steht, die kein Land, selbst diejenigen nicht, die 2011 nur m&auml;&szlig;ig ersch&uuml;ttert wurden und heute vergleichsweise gefestigt wirken, v&ouml;llig unber&uuml;hrt lassen wird. Es ist gerade angesichts der demografischen Herausforderungen schlicht nicht vorstellbar, dass Gemeinwesen wie das saudische oder das iranische, die sich, bei allen Unterschieden, beide als besonders stabile Staaten pr&auml;sentieren, keinen Wandel durchlaufen, sondern &#8211; in f&uuml;nfzehn oder zwanzig Jahren &#8211; politisch und soziokulturell noch genauso aussehen wie heute.<\/p>\n<p>Zwar l&auml;sst sich schwer absch&auml;tzen, wie dieser Wandel stattfinden wird &#8211; ob er evolution&auml;r oder revolution&auml;r sein wird, ob er &uuml;ber die Umwege von Krieg und B&uuml;rgerkrieg zustande kommt, ob Ver&auml;nderungen im Rahmen bestehender Staaten stattfinden oder Staaten dabei unter Druck geraten, zerfallen oder sich neu konstituieren. Sicher ist nur, dass die Verh&auml;ltnisse sich nicht einfach einfrieren lassen und dass, wie in anderen Teilen der globalisierten Welt, auch hier die Staaten, ihre Regierungen und bestimmte strategisch gut positionierte Gruppen wie etwa das Milit&auml;r nicht mehr die einzigen Akteure sind. Die arabische Welt ist ebenfalls keine reine Staatenwelt mehr. Regierungen m&uuml;ssen vielmehr einkalkulieren, dass die Bev&ouml;lkerung selbst aktiv wird. Schon hier zeigt sich, dass der Nahe und Mittlere Osten nicht mehr unbedingt der ist, den wir seit Jahrzehnten kennen. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"identitaet-konfession-und-ideologie\">Identit&auml;t, Konfession und Ideologie<\/span><\/h5>\n<p>Die Menschen in der Region erleben ideologische Auseinandersetzungen &#8211; im Unterschied zu Debatten um Sachfragen, die es nat&uuml;rlich auch gibt &#8211; derzeit nicht als pluralistischen Meinungsstreit zwischen unterschiedlich akzentuierten liberalen, konservativen oder sozialistischen Programmatiken, sondern haupts&auml;chlich als Kampf um die &raquo;richtige&laquo; Form des politischen Islam. Die Frage, wie viel und welche Art Islam die Politik pr&auml;gen sollte, geht zudem mit einer konfessionellen Polarisierung einher, vor allem zwischen Sunniten und Schiiten Es ist, wie bereits erw&auml;hnt, nicht so wichtig, wie konstruiert oder wie verwurzelt konfessionelle Gegens&auml;tze in einzelnen L&auml;ndern sind, solange relevante politische Akteure es schaffen, mit diesem Gegensatz Politik zu machen. Es gibt immer beide Narrative: eines, in dem die &raquo;ewigen&laquo;, soziokulturell tief verankerten Gegens&auml;tze zu den Schiiten, in Syrien den Alawiten, oder den Sunniten betont werden (denen man jeweils aufgrund dieser alten, historisch begr&uuml;ndeten Gegens&auml;tze eigentlich noch nie getraut habe), ein anderes, in dem darauf verwiesen wird, dass man im eigenen Land jahrhundertelang konfessionsblind gewesen sei und wie eine gro&szlig;e Familie zusammengelebt habe &#8211; bis zu den j&uuml;ngsten Auseinandersetzungen oder der Macht&uuml;bernahme dieser oder jener Gruppe jedenfalls oder bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Iraner, die Saudis, die T&uuml;rken (gelegentlich auch der Westen) begonnen h&auml;tten, mittels der F&ouml;rderung der einen oder der anderen Konfessionsgruppe Politik zu machen. Und nat&uuml;rlich gehen diese Narrative manchmal ineinander &uuml;ber; Konsistenz ist in solchen Fragen kaum zu erwarten.<\/p>\n<p>Es ist schon so, dass politische, soziale und auch &ouml;konomische Netzwerke sich immer ethnischer Bindungen bedient haben. Man verl&auml;sst sich, gerade in Gesellschaften, die durch Patronage-Strukturen gepr&auml;gt sind, gern auf die Mitglieder der eigenen Familie, Leute aus dem eigenen Dorf oder Viertel, aus der gemeinsamen Schul- oder Milit&auml;rzeit, die in vielen F&auml;llen aus der gleichen Konfessionsgruppe stammen. Konfessionelle Zugeh&ouml;rigkeit hat deshalb auch in der Vergangenheit eine Rolle in lokalen und regionalen Machtbeziehungen gespielt. Damit haben die Gesellschaften umzugehen gelernt. Gef&auml;hrlich wird es eigentlich erst, wo Konfessionszugeh&ouml;rigkeit ideologisiert wird und wo politische, soziale oder geopolitische Konflikte konfessionalisiert werden: Die Rede ist dann etwa vom &raquo;schiitischen Halbmond&laquo; (den Teheran zu etablieren versuche) oder von einem &raquo;sunnitischen Block&laquo; (den es zur Abwehr schiitischer Hegemonieanspr&uuml;che zu errichten gelte). Religi&ouml;se Polarisierungen gewinnen rasch eine Eigendynamik, in der Menschen aufgrund ihrer Konfessionszugeh&ouml;rigkeit kategorisiert, ausgegrenzt und im Zweifelsfall zum Feind erkl&auml;rt werden. F&uuml;r extremistische sunnitische Islamisten sind Schiiten schlicht &raquo;Ablehner&laquo; oder &raquo;Verweigerer&laquo; (rafida) des richtigen Glaubens &#8211; und damit schlimmer als Christen oder andere Nichtmuslime. In sunnitisch-arabischen Kreisen im Irak werden Schiiten, zumal solche mit Funktionen im Staat, gern als &raquo;Safawiden&laquo; diffamiert &#8211; als Angeh&ouml;rige einer persischen Dynastie also, die Anfang des 16. Jahrhunderts den schiitischen Islam zur Staatsreligion auf dem Gebiet des heutigen Iran machte und bis Anfang des 17. Jahrhunderts auch Bagdad und gro&szlig;e Teile des heutigen Irak zu ihrem Reich z&auml;hlte. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"geopolitische-entwicklungstrends\">Geopo&shy;li&shy;ti&shy;sche Entwick&shy;lungs&shy;trends<\/span><\/h5>\n<p>Der allgemeine Zustand des internationalen Systems mit seiner multipolaren Gewichtsverteilung und die Erfahrungen mit den Krisen und Konflikten im nah- und mittel&ouml;stlichen Raum sorgen eher daf&uuml;r, dass die wichtigsten externen M&auml;chte &#8211; neben den genannten w&auml;re das in erster Linie noch Indien &#8211; zwar bestimmte Interessen im Nahen und Mittleren Osten haben, sich gleichwohl aber soweit wie m&ouml;glich aus den inneren Konflikten der Region herauszuhalten versuchen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Anders als zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als Europ&auml;er und Amerikaner ein &#8211; wie sich zeigen sollte &#8211; lang anhaltendes milit&auml;risches Engagement in Afghanistan eingingen und die USA dann 2003 zusammen mit wenigen europ&auml;ischen Partnern in den Irak einmarschierten, betreiben die wichtigsten internationalen Akteure heute der Region gegen&uuml;ber eher eine defensive Geopolitik: Man versucht zwar, eigene Interessen zu wahren und zu sch&uuml;tzen sowie regionale Partner zu st&auml;rken, setzt generell aber in erster Linie auf die Abwehr von Risiken und die Eind&auml;mmung von Konflikten in der Region. Das gilt, je nachdem, f&uuml;r syrische Chemiewaffen, f&uuml;r Migranten und Fl&uuml;chtlinge oder f&uuml;r zur&uuml;ckkehrende Jihadisten. Es zeigt sich auch in der Begrenzung des Krieges gegen den &raquo;Islamischen Staat&laquo; auf Luftangriffe, Ausr&uuml;stungs- und Ausbildungshilfe. Auf jeden Fall geht es nicht darum, Regimewechsel zu forcieren oder Staaten in der Region neu zu ordnen. China hat sich in dieser Hinsicht ohnehin immer zur&uuml;ckgehalten; die meisten Europ&auml;er haben schon die Irak-Politik von George W. Bush abgelehnt und sind &#8211; wie zuvor bereits Russland bzw. die Sowjetunion &#8211; durch ihre Afghanistan-Erfahrungen skeptischer geworden, was ihre M&ouml;glichkeiten im Hinblick auf umfassende Transformationsprozesse in L&auml;nder au&szlig;erhalb des eigenen Kulturkreises anbelangt. Die USA schlie&szlig;lich haben aus dem Irak-Krieg gelernt. [&#8230;]In der Konsequenz hei&szlig;t das, dass die Dynamiken der Region in erster Linie durch lokale und regionale Akteure gepr&auml;gt sein werden. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die kleineren arabischen Nachbarn Syriens und Israels, Jordanien und der Libanon, sehen die Situation weniger gelassen. Beide sind, wie auch die T&uuml;rkei, aber bei einer weitaus kleineren Bev&ouml;lkerung, durch die gro&szlig;e Zahl an Fl&uuml;chtlingen aus Syrien herausgefordert, wenn nicht gar &uuml;berfordert. Im Libanon, einem Land von vier Millionen Einwohnern, hielten sich nach Sch&auml;tzung der UNO Anfang 2015 mehr als 1,25 Millionen syrische Fl&uuml;chtlinge auf; in Jordanien mit seinen knapp sieben Millionen Einwohnern mehr als 600&nbsp;000. Dies bedeutete nicht nur, dass man Unterk&uuml;nfte und Hunderttausende von Pl&auml;tzen in Schulen zur Verf&uuml;gung stellen musste, sondern brachte gerade f&uuml;r den Libanon die Gefahr mit sich, den B&uuml;rgerkrieg aus Syrien direkt zu importieren. Die schiitische Hizbullah, die im Libanon auch in der Regierung vertreten ist, k&auml;mpfte in Syrien auf der Seite des Regimes, sunnitische Politiker unterst&uuml;tzten zum Teil aktiv die Opposition. Die libanesische Regierung versuchte mit einiger M&uuml;he, eine Form der politischen und milit&auml;rischen Dissoziation vom syrischen Krieg aufrechtzuerhalten, konnte allerdings nicht verhindern, dass es im eng mit Syrien verbundenen Norden des Landes immer wieder zu Schie&szlig;ereien zwischen lokalen Sunniten und Alawiten kam. IS-K&auml;mpfer aus Syrien stie&szlig;en mehrfach in den Norden des Landes vor. Soldaten der libanesischen Armee wurden wiederholt &uuml;ber die Grenze hinweg in Auseinandersetzungen gezogen. Umgekehrt sollen bis Ende 2014 bis zu tausend Hizbullah-K&auml;mpfer in Syrien ihr Leben gelassen haben. Einige syrische Gruppen versuchten, den Krieg auf libanesisches Gebiet zu tragen, um der Hizbullah, die faktisch einen gro&szlig;en Teil des Grenzgebiets auf libanesischer und auf syrischer Seite kontrollierte, und vor allem den Unterst&uuml;tzern der Hizbullah zu zeigen, dass der Kampfeinsatz auf Seiten des Asad-Regimes einen Preis hatte. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die meisten Staaten der Region sehen im sogenannten Islamischen Staat eine Bedrohung. Auch die von den USA gef&uuml;hrte internationale Koalition gegen den IS ist allerdings keine stabile Allianz; und die Vorstellung, dass eine so ernste gemeinsame Herausforderung regionale und internationale Akteure dazu bringen w&uuml;rde, ihre ideologischen oder geopolitischen Rivalit&auml;ten zu &uuml;berwinden, ist offensichtlich unbegr&uuml;ndet. Vielmehr ist im heutigen Nahen und Mittleren Osten der Feind meines Feindes eben oft nicht automatisch mein Freund, sondern weiterhin mein Feind. So sind Iran und die USA zwar die wichtigsten Unterst&uuml;tzer der irakischen Regierung; beide bek&auml;mpfen im Irak den IS; faktisch hat die amerikanische Luftwaffe sogar mehrfach Unterst&uuml;tzung f&uuml;r irakisch-schiitische Milizen und regul&auml;re Truppen geleistet, die von iranischen Ausbildern gef&uuml;hrt wurden. Washington und Teheran sehen dennoch und trotz des sich abzeichnenden Kompromisses bei den Atomverhandlungen weiterhin im jeweils anderen ihren Hauptgegner im Nahen und Mittleren Osten, oder &uuml;berhaupt. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"eckpunkte-fuer-europaeische-politik\">Eckpunkte f&uuml;r europ&auml;ische Politik<\/span><\/h5>\n<p>[&#8230;] Die kurzlebige Euphorie, die die arabischen Revolten in den USA und in Europa ausgel&ouml;st haben, [ist] zunehmend von einer Tendenz zur Abschottung gegen&uuml;ber der arabisch-nah&ouml;stlichen Welt abgel&ouml;st worden [&#8230;]. Man m&ouml;chte die Gefahren und Risiken, die wir dort wahrnehmen, auch m&ouml;glichst dort eind&auml;mmen. Eine solche Art des Gefahren-Containment wird allerdings nicht gelingen. Die Europ&auml;ische Union versteht Nordafrika und den Nahen Osten zu Recht als Teil ihrer Nachbarschaft; Europa ist mit der gesamten Region viel zu stark verflochten. Geografie und Geschichte verbinden uns oftmals st&auml;rker, als uns &#8211; oder den Akteuren im Nahen und Mittleren Osten &#8211; lieb ist. Das Beziehungsgeflecht hat nicht nur wirtschaftliche, politische und sicherheitspolitische, sondern, in unterschiedlichem Ausma&szlig;, auch entwicklungs-, migrations- und umweltpolitische sowie religi&ouml;se und kulturelle Aspekte. Dar&uuml;ber hinaus sind die Turbulenzen im Nahen und Mittleren Osten mittlerweile ein Element unserer Innenpolitik geworden: [Bereits] 2014 stammten mehr als zwanzig Prozent aller Fl&uuml;chtlinge, die nach Deutschland oder in die EU-Staaten kamen, aus Syrien. Zwar nimmt die EU insgesamt nur etwa vier Prozent aller syrischen Fl&uuml;chtlinge auf, aber dennoch gibt es eine Diskussion &uuml;ber Aufnahmekapazit&auml;ten und Lastenteilung.(4) In den meisten europ&auml;ischen L&auml;ndern sind kritischere Diskussionen &uuml;ber den Islam und den Umgang mit Muslimen laut geworden. Und es gibt, wie unter anderem die Anschl&auml;ge [&#8230;in] Br&uuml;ssel [&#8230;und] Paris gezeigt haben, echte terroristische Bedrohungen durch al-Qaida oder den IS, bei denen fast immer eine direkte Beziehung in den Nahen und Mittleren Osten besteht. [&#8230;] Gleichzeitig werden Anschl&auml;ge auf Moscheen oder Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte in Deutschland oder Demonstrationen gegen eine angebliche &raquo;Islamisierung&laquo; Europas auch in muslimischen L&auml;ndern wahrgenommen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Eine verantwortliche europ&auml;ische Politik sollte weder auf regime change noch auf Eind&auml;mmung setzen. Sie muss eine Form des Engagements mit den regionalen Akteuren und den Problemen und Konflikten der Region suchen, das unseren Interessen und Werten entspricht. Hier ist nicht der Ort f&uuml;r ausf&uuml;hrliche Politikempfehlungen. Aber drei Eckpunkte scheinen mir besonders wichtig: Bem&uuml;hungen um Konfliktbeilegung, die F&ouml;rderung politischer Transformation und die Bereitschaft zur Kooperation mit funktionierenden Staaten &#8211; auch mit solchen, die unseren politischen Vorstellungen nicht entsprechen.<\/p>\n<p>Europ&auml;ische Politik sollte sich weiter um die friedliche Regelung von Konflikten mit und zwischen regionalen Akteuren bem&uuml;hen. [&#8230;] Die EU und ihre Mitgliedsstaaten haben nicht nur aus humanit&auml;ren Gr&uuml;nden ein elementares Interesse daran, auf ein Ende des Mordens in Syrien hinzuarbeiten. Dabei ist es wichtig, den Umgang mit dem Konflikt in Syrien nicht auf Terrorismusbek&auml;mpfung oder die Auseinandersetzung mit dem IS zu verk&uuml;rzen. Es ist sch&auml;dlich genug f&uuml;r das Ansehen Europas, wenn unter den Millionen Syrern und Syrerinnen, die innerhalb des Landes vertrieben wurden oder ins Ausland geflohen sind, der Eindruck entsteht, der Westen bek&auml;mpfe zwar den IS, lasse die &raquo;normalen&laquo; Syrer aber mit Asad allein oder akzeptiere gar das Narrativ Asads, demzufolge es nur die Entscheidung zwischen ihm und dem islamistischen Terrorismus gebe. Internationale Politik muss sich um haltbare Waffenstillst&auml;nde, um Verhandlungen und um einen politischen &Uuml;bergangsprozess bem&uuml;hen, der gen&uuml;gend Glaubw&uuml;rdigkeit entfaltet, um dem IS und anderen Jihadisten den Boden zu entziehen. Europa wird seine guten Dienste auch in anderen zerrissenen Staaten anbieten m&uuml;ssen, nicht zuletzt im Jemen, in Libyen oder im Sudan. In all diesen F&auml;llen wird ein Ausgleich sich nur durch Formen der Machtteilung finden lassen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die Hilfe f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge und Vertriebene innerhalb und au&szlig;erhalb der Landesgrenzen ist essenziell und keinesfalls nur ein Herumdoktern an Symptomen. Ohne ausreichende Bildungs- und Ausbildungsangebote f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge in den Nachbarl&auml;ndern beispielsweise droht die Marginalisierung und Radikalisierung einer ganzen Generation. Es ist wichtig, dass auch Deutschland und die EU im Ganzen weiter Fl&uuml;chtlinge aus Syrien aufnehmen.<br \/>Dabei darf die Konfession der Fl&uuml;chtlinge keine Rolle spielen. Eine gezielte Bevorzugung christlicher Fl&uuml;chtlinge, wie einzelne Politiker dies gelegentlich vorschlagen, w&auml;re grundfalsch. Nicht nur w&uuml;rden wir damit in der Region den Eindruck vermitteln, dass der Westen selbst eine konfessionelle Agenda hat. Wir w&uuml;rden auch, gegen den Wunsch der Kirchen im Nahen Osten, zum Exodus der Christen aus der Region beitragen und letztlich die Agenda all derer bef&ouml;rdern, die den religi&ouml;sen Pluralismus in diesen L&auml;ndern zerst&ouml;ren wollen. Europa muss deshalb bei der Aufnahme von Fl&uuml;chtlingen sowie insgesamt im Umgang mit den L&auml;ndern und Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens konfessionell farbenblind sein. Das ist auch die &uuml;berzeugendste Demonstration unserer demokratisch-s&auml;kularen Werte einschlie&szlig;lich unseres Verst&auml;ndnisses von Religionsfreiheit.<\/p>\n<p>[&#8230;] Europ&auml;ische Politik wird sich weiter f&uuml;r politische und wirtschaftliche Transformationsprozesse in den L&auml;ndern des Nahen und Mittleren Ostens stark machen m&uuml;ssen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Europ&auml;er und andere externe Akteure k&ouml;nnen Ordnung, Frieden sowie Sicherheit im Nahen und Mittleren Osten nicht von au&szlig;en herstellen. Sie k&ouml;nnen auch terroristische Akteure wie den sogenannten Islamischen Staat nicht besiegen. Sie brauchen regionale Partner, die selbst Verantwortung &uuml;bernehmen, nicht zuletzt, wo es darum geht, eine haltbare regionale Ordnung zu entwickeln. Europa kann diese Partner unterst&uuml;tzen, hat aber nur begrenzten Einfluss auf deren Agenda, ideologische Ausrichtung oder Regierungssysteme. Wir sollten unsere Pr&auml;ferenzen, Werte und Interessenlagen nicht verstecken. Im Gegenteil: Hier sollten wir eher transparenter und deutlicher sein. Als Faustregel gilt aber, dass wir in Fragen der regionalen Sicherheit und Ordnung prinzipiell bereit sein sollten, mit allen Staaten und Quasi-Staaten zusammenzuarbeiten, die funktionieren und ein Mindestma&szlig; an guter Regierungsf&uuml;hrung und Inklusivit&auml;t aufweisen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Europ&auml;ische Politik ist gut beraten, einen intensiven politischen Dialog gerade auch mit schwierigen Partnern zu f&uuml;hren. Dazu geh&ouml;rt zun&auml;chst einmal anzuerkennen, dass jeder Staat auch legitime Interessen hat. Dass diese Partner sich in der Region besser auskennen und von regionalen Entwicklungen st&auml;rker betroffen sind als wir, gilt es ebenfalls zu akzeptieren. Das hei&szlig;t nicht, dass wir ihre Politik f&uuml;r richtig halten m&uuml;ssen. Bei allen Differenzen, die wir mit Saudi-Arabien, &Auml;gypten, Iran, den VAE, Katar, der T&uuml;rkei, Israel oder dem pal&auml;stinensischen Staat haben m&ouml;gen &#8211; Differenzen sehr unterschiedlicher Art zweifellos &#8211;, m&uuml;ssen wir daran interessiert sein, dass diese Staaten ihre eigenen Probleme und die Probleme mit ihren Nachbarn konstruktiv bearbeiten k&ouml;nnen. Wenn sie daf&uuml;r unsere Unterst&uuml;tzung suchen, sollten wir diese nicht verweigern. In jedem Fall ist es leichter, mit einem schwierigen, aber funktionierenden Partner umzugehen, als mit gescheiterten Staaten.<\/p>\n<p><i><b>PROF.&nbsp;DR.&nbsp;VOLKER&nbsp;PERTHES&nbsp;<\/b>&nbsp; geboren 1958, leitet die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Die SWP ber&auml;t den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung zu au&szlig;en- und sicherheitspolitischen Themen.<\/i><\/p>\n<p>* Bei dem Beitrag handelt es sich um Textausz&uuml;ge aus: Volker Perthes, Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Ein Essay. &copy; Suhrkamp Verlag Berlin 2015. Wir danken Autor und Verlag f&uuml;r die freundliche Genehmigung zum Abdruck.<\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>(1) Das Standardwerk hier ist nach wie vor David Fromkin, A Peace to End All Peace. The Fall of the Ottoman Empire and the Creation of the Modern Middle East, New York: Avon Books 1990.<\/p>\n<p>(2) Der Begriff der erfundenen Gemeinschaften geht auf Benedict Anderson zur&uuml;ck, der in seinem Buch Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism (London: Verso 1983, deutsch: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Berlin: Ullstein 1998) erkl&auml;rt, dass Nationen eher &raquo;imaginierte &laquo; und konstruierte oder eben &raquo;erfundene&laquo; als &raquo;nat&uuml;rliche&laquo; oder &raquo;urspr&uuml;ngliche&laquo; Gemeinschaften sind. Entsprechendes l&auml;sst sich f&uuml;r ethnische Gruppen und Gemeinschaften sagen.<\/p>\n<p>(3) Zahlen f&uuml;r 2015; Quelle: US Census Bureau, &raquo;Midyear population by 5-year age groups&laquo;, online unter: <a href=\"http:\/\/www.census.gov\/population\/international\/data\/idb\/region.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.census.gov\/population\/international\/data\/idb\/region.php<\/a> (Stand April 2015).<\/p>\n<p>(4) Quellen: Eurostat; UNHCR.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2037],"publikationen":[1432],"class_list":["post-11445","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-volker-perthes","publikationen-214-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Komplexe Krisen und Konflikte im Nahen Osten verursachen Flucht nach Europa* - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/komplexe-krisen-und-konflikte-im-nahen-osten-verursachen-flucht-nach-europa-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Komplexe Krisen und Konflikte im Nahen Osten verursachen Flucht nach Europa* - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 21-33 Die Fluchtwelle der letzten Jahre nach Europa ist eng mit B&uuml;rgerkriegen und Krisen im Nahen Osten verkn&uuml;pft. 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