{"id":11452,"date":"2016-08-15T10:40:00","date_gmt":"2016-08-15T08:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/demonstrationen-vor-fluechtlingsunterkuenften-1\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:14","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:14","slug":"demonstrationen-vor-fluechtlingsunterkuenften-1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/demonstrationen-vor-fluechtlingsunterkuenften-1\/","title":{"rendered":"Demonstrationen vor Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften"},"content":{"rendered":"<p>Die Entscheidung des Bundesverfassungs&shy;gerichts zu Heidenau<\/p>\n<p>in: vorg&auml;nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 105-110<\/p>\n<p><i>Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte waren immer wieder das Ziel von Demonstrationen, oft organisiert von Gruppen, die eine Aufnahme von Geflohenen ablehnen. Das Bundesverfassungsgericht hat im Sommer 2015 klargestellt, dass solche Demonstrationen nicht einfach verboten werden k&ouml;nnen, unabh&auml;ngig davon, ob sie sich f&uuml;r oder gegen Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte aussprechen. Zugleich stellt sich die Frage, wie die Unterk&uuml;nfte wirksam vor gewaltsamen Angriffen gesch&uuml;tzt werden k&ouml;nnen. Dieser Beitrag analysiert das Spannungsfeld zwischen der Versammlungsfreiheit und dem Schutz der Unterk&uuml;nfte und ihrer Bewohner_innen.<\/i><\/p>\n<p>Heidenau ist eine s&auml;chsische Kleinstadt mit ca. 16.000 Einwohner_innen im Landkreis S&auml;chsische Schweiz-Osterzgebirge. Wie an vielen anderen Orten in Deutschland stellte sich hier im Sommer 2015 die Frage, wie und wo Geflohene untergebracht werden sollten. Wie anderenorts gab es in der Bev&ouml;lkerung Gegner_innen und Bef&uuml;rworter_ innen einer geplanten Fl&uuml;chtlingsunterkunft. In Heidenau, wo die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) bei den Stadtratswahlen 2014 auf 7,5&nbsp;% der Stimmen kam, eskalierten die Konflikte schnell. Eine von der NPD f&uuml;r den 21. August 2015 angemeldete Demonstration endete mit fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Der als Versammlungsbeh&ouml;rde zust&auml;ndige Landkreis erlie&szlig; daraufhin ein Versammlungsverbot f&uuml;r das Gebiet der Stadt Heidenau f&uuml;r das gesamte letzte Augustwochenende 2015. Verwaltungsgericht und Oberverwaltungsgericht hielten dieses pauschale Verbot im Kern f&uuml;r rechtm&auml;&szlig;ig. In einer Eilentscheidung hob die 3.&nbsp;Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) das Versammlungsverbot am Samstag, dem 29. August 2015 auf.(1)<\/p>\n<h5><span id=\"friedliche-demonstrationen-fuer-oder-gegen-fluechtlingsunterkuenfte-von-der-versammlungsfreiheit-geschuetzt\">Friedliche Demon&shy;s&shy;tra&shy;ti&shy;onen f&uuml;r oder gegen Fl&uuml;cht&shy;lings&shy;un&shy;ter&shy;&shy;k&uuml;nfte &ndash; von der Versamm&shy;lungs&shy;frei&shy;heit gesch&uuml;tzt<\/span><\/h5>\n<p>Politische Neutralit&auml;t geh&ouml;rt zu den zentrale Merkmalen der Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG), wie sie das BVerfG in Deutschland interpretiert. Inhaltliche Sympathien oder Antipathien f&uuml;r die gerade proklamierten Positionen d&uuml;rfen daher bei der Behandlung von Versammlungen keine Rolle spielen.(2) In der kurzen Begr&uuml;ndung der Heidenau-Eilentscheidung wird diese Position vorausgesetzt und nicht n&auml;her er&ouml;rtert. Da f&uuml;r das betreffende Wochenende Bef&uuml;rworter_innen und Gegner_innen der neuen Unterkunft gleicherma&szlig;en Versammlungen planten, kam es darauf auch nicht entscheidend an.<\/p>\n<p>Dass auch kritische Positionen zur Aufnahme von Geflohenen von der Meinungs- und Versammlungsfreiheit gesch&uuml;tzt sind, solange sie die Grenze des strafrechtlich definierten Schutzes der Betroffenen und der Allgemeinheit (Beleidigung, Volksverhetzung u.a.) nicht &uuml;berschreiten, mag f&uuml;r Gegner_innen dieser Positionen nur schwer ertr&auml;glich sein. Eine Demokratie zeichnet sich aber gerade dadurch aus, dass ein vielf&auml;ltiges politisches Meinungsspektrum zul&auml;ssig ist. Politische &Uuml;berzeugungsarbeit kann nicht durch einen paternalistischen Staat ersetzt werden, der je nach politischer Pr&auml;ferenz die eine oder andere politische Tendenz f&ouml;rdert oder sanktioniert.<\/p>\n<h5><span id=\"versammlungsverbote-nicht-pauschal-fuer-ganze-orte-und-zeitraeume\">Versamm&shy;lungs&shy;ver&shy;bote nicht pauschal f&uuml;r ganze Orte und Zeitr&auml;ume <\/span><\/h5>\n<p>Die Anforderungen des Versammlungsrechts an pr&auml;ventive Verbote f&uuml;r Versammlungen sind im deutschen Versammlungsrecht hoch &#8211; und durch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts im Laufe der Zeit konkretisiert worden. So pr&auml;zisierte die 1.&nbsp;Kammer des Ersten Senats im Jahr 2009 die Anforderungen an die Begr&uuml;ndung von Versammlungsverboten oder -beschr&auml;nkungen nach &sect;&nbsp;15 Abs. 1 Bundes-Versammlungsgesetz f&uuml;r F&auml;lle, in denen sich eine Versammlungsbeh&ouml;rde auf schlechte Erfahrungen mit &auml;hnlichen Versammlungen berufen m&ouml;chte. Das Gericht stellte klar, dass &Auml;hnlichkeiten des Mottos, des Ortes, des Datums sowie des Teilnehmer- und Organisatorenkreises der geplanten Versammlung mit fr&uuml;heren, unfriedlich verlaufenen Versammlungen f&uuml;r Verbotsbegr&uuml;ndung herangezogen werden k&ouml;nnen(3) &#8211; soweit die zum Vergleich herangezogenen Versammlungen nicht so lange zur&uuml;ckliegen, dass mit einem ge&auml;nderten Verhalten gerechnet werden muss.<\/p>\n<p>F&uuml;r Versammlungen in geschlossenen R&auml;umen ist gesetzlich klar definiert, dass Versammlungen nur &#8222;im Einzelfall&#8220; verboten werden d&uuml;rfen. Dies gilt sowohl f&uuml;r das &#8222;alte&#8220; Bundes-Versammlungsgesetz, das in den meisten Bundesl&auml;ndern noch in Kraft ist, als auch f&uuml;r die wenigen Landes-Versammlungsgesetze, die nach der F&ouml;deralismusreform 2006 verabschiedet wurden.(4) Im S&auml;chsischen Versammlungsgesetz (2012), das f&uuml;r den Heidenau-Fall ma&szlig;geblich war, findet sich diese Vorschrift in den &sect;&sect;&nbsp;4 und 15. In einer sehr knapp begr&uuml;ndeten Eilentscheidung aus dem Jahr 2001 hatte das BVerfG ein Versammlungsverbot f&uuml;r einen bestimmten Bereich entlang einer Bahnstrecke im Zusammenhang mit Castor-Transporten f&uuml;r vereinbar mit der Versammlungsfreiheit gehalten.(5) Im einfachen Recht spricht der Wortlaut des &sect;&nbsp;15 Abs.&nbsp;1 Bundes-Versammlungsgesetz, nach dem nur &#8222;die Versammlung&#8220; verboten werden kann, gegen die Zul&auml;ssigkeit pauschaler und undifferenzierter Verbote f&uuml;r mehrere Versammlungen.(6) In ihrer Eilentscheidung zum Heidenau-Fall ging die zust&auml;ndige Kammer des BVerfG auch auf diese Problematik nicht n&auml;her ein. Die Begr&uuml;ndung hebt aber klar hervor, dass ein pauschales Verbot jeglicher Versammlungen an einem Ort f&uuml;r ein gesamtes Wochenende eine schwerwiegende Beeintr&auml;chtigung der Versammlungsfreiheit darstellt und daher im vorliegenden Fall nicht mit Art. 8 GG vereinbar war. Auch wenn damit die Rechtsprechung aus dem Jahr 2001 nicht ausdr&uuml;cklich aufgegeben wurde, macht die Heidenau-Entscheidung klar, dass pr&auml;ventive Verbote jeglicher Versammlungen, unabh&auml;ngig von ihren Anliegen und ihrer Teilnehmerschaft, unzul&auml;ssig sind.<\/p>\n<h5><span id=\"polizeilicher-notstand-rechtfertigt-normalerweise-keine-versammlungsverbote\">&bdquo;Poli&shy;zei&shy;li&shy;cher Notstand&ldquo; recht&shy;fer&shy;tigt norma&shy;le&shy;r&shy;weise keine Versamm&shy;lungs&shy;ver&shy;bote<\/span><\/h5>\n<p>Manchmal berufen sich Versammlungs- und Polizeibeh&ouml;rden auf einen &#8222;polizeilichen Notstand&#8220;, um Versammlungsverbote zu begr&uuml;nden. Diese Argumentation setzt aber voraus, dass sich die f&uuml;r die Versammlung zust&auml;ndige Polizeibeh&ouml;rde angesichts erwarteter Besucherzahlen und Gefahren f&uuml;r &uuml;berfordert erkl&auml;rt. Wegen knapp kalkulierter Personalressourcen sah sich gerade die s&auml;chsische Polizei in den letzten Jahren wiederholt mit Versammlungslagen &uuml;berfordert. Problematisch war etwa ein Versammlungsverbot gegen eine Demonstration der &#8222;Leipziger gegen die Islamisierung des Abendlandes&#8220; (Legida) im Januar 2015.(7) Ob dieses Verbot im Fall einer gerichtlichen &Uuml;berpr&uuml;fung den strengen Anforderungen des Bundesverfassungsgerichts f&uuml;r die Rechtfertigung eines &#8222;polizeilichen Notstands&#8220; gen&uuml;gt h&auml;tte, ist &auml;u&szlig;erst zweifelhaft.<\/p>\n<p>Das BVerfG und andere Gerichte haben darauf hingewiesen, dass die Ausrufung eines &#8222;polizeilichen Notstands&#8220; angesichts der Bedeutung der Versammlungsfreiheit f&uuml;r die Demokratie auf wirklich gravierende Notf&auml;lle beschr&auml;nkt bleiben muss.(8) In der Heidenau-Entscheidung betont das BVerfG, dass die polizeiliche Unterst&uuml;tzung durch die anderen L&auml;nder und den Bund in Anspruch genommen werden kann und muss, bevor sich eine Landespolizei auf einen &#8222;polizeilichen Notstand&#8220; beruft.(9)<\/p>\n<p><i>Gestaltungsfreiheit f&uuml;r Versammlungen: das Wochenende als besonders zu sch&uuml;tzende Versammlungsgelegenheit<\/i><\/p>\n<p>Bis heute ist der BVerfG-Beschluss aus dem Jahr 1985 zu Versammlungen gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf eine viel zitierte Leitentscheidung zur Versammlungsfreiheit.(10) Ein zentrales Element dieser Entscheidung ist die Gestaltungsfreiheit als Teil der Versammlungsfreiheit: Staatliche Beh&ouml;rden d&uuml;rfen den B&uuml;rger_innen nicht vorschreiben, wann, wo und wie sie Versammlungen durchf&uuml;hren sollen.(11)<\/p>\n<p>In der Heidenau-Entscheidung betont die BVerfG-Kammer einen weiteren wichtigen Aspekt: F&uuml;r viele Menschen ist das Wochenende die einzige Zeit in der Woche, in der sie faktisch von ihrer Versammlungsfreiheit Gebrauch machen k&ouml;nnen &#8211; so dass ein pauschales Versammlungsverbot f&uuml;r ein ganzes Wochenende bereits deshalb nicht hinnehmbar ist: &#8222;Das f&uuml;r viele B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger von Erwerbst&auml;tigkeit freie Wochenende ist oftmals die einzige M&ouml;glichkeit, sich am Prozess der &ouml;ffentlichen Meinungsbildung durch ein &#8222;Sich-Versammeln&#8220; zu beteiligen und im Wortsinne &#8222;Stellung zu beziehen&#8220;. Insoweit gew&auml;hrleistet Art. 8 Abs. 1 GG das Recht, selbst zu bestimmen, wann und unter welchen Modalit&auml;ten eine Versammlung stattfinden soll und ob man an dieser teilzunehmen gedenkt. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sollen selbst entscheiden k&ouml;nnen, ob, wann und wo sie ihr Anliegen &#8211; gegebenenfalls, aber nicht notwendig auch mit Blick auf Bez&uuml;ge zu bestimmten Orten oder Einrichtungen &#8211; zur Geltung bringen wollen.&#8220;(12)<\/p>\n<h5><span id=\"beschraenkende-massnahmen-zum-schutz-der-geflohenen-menschen-und-der-unterkuenfte\">Beschr&auml;n&shy;kende Ma&szlig;nahmen zum Schutz der geflohenen Menschen und der Unterk&uuml;nfte<\/span><\/h5>\n<p>Wenn Versammlungen f&uuml;r und gegen Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte wegen des hohen Stellenwerts der Versammlungsfreiheit grunds&auml;tzlich zul&auml;ssig sein m&uuml;ssen, stellt sich die Frage, wie die Unterk&uuml;nfte und ihre Bewohner_innen bei solchen Versammlungen wirksam gegen gewaltsame &Uuml;bergriffe gesch&uuml;tzt werden k&ouml;nnen. Die Versammlungsfreiheit der Gegner_innen von Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften steht in einem Spannungsfeld mit den Grundrechten der Bewohner_innen. Leben und k&ouml;rperliche Unversehrtheit sind dabei sehr hoch zu gewichten &#8211; der Staat und hier insbesondere die Polizei hat daf&uuml;r eine Schutzpflicht.<\/p>\n<p>Das rechtliche Instrument f&uuml;r Entscheidungen im Spannungsfeld zwischen Versammlungsfreiheit und Schutz der Bewohner_innen sind Beschr&auml;nkungen (&#8222;Auflagen&#8220;) der Versammlungsfreiheit unterhalb der Schwelle des Verbots. Das Versammlungsrecht sieht solche Beschr&auml;nkungen als verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igere und daher vorrangige Rechtsfolge vor, wenn &#8222;nach den zur Zeit des Erlasses der Verf&uuml;gung erkennbaren Umst&auml;nden die &ouml;ffentliche Sicherheit oder Ordnung bei Durchf&uuml;hrung der Versammlung oder des Aufzuges unmittelbar gef&auml;hrdet ist.&#8220;(13)<\/p>\n<p>Auf diesen Weg weist auch das BVerfG in seiner Heidenau-Entscheidung hin, indem es die M&ouml;glichkeit ausdr&uuml;cklich betont, &#8222;begrenzende Anordnungen im Einzelfall zu treffen&#8220;.(14) Genauere Hinweise hierzu enth&auml;lt die Entscheidung nicht. Zentrale Beschr&auml;nkungen liegen aber nahe. Sie sind abh&auml;ngig von den jeweiligen &Ouml;rtlichkeiten zu konkretisieren: Versammlungen sind mit ausreichendem Abstand von Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften abzuhalten. Mindestens ist der ungehinderte Zugang zum Geb&auml;ude zu erm&ouml;glichen, was die Polizei durch Absperrgitter gew&auml;hrleisten kann. Der ben&ouml;tigte Abstand zum Geb&auml;ude und insbesondere zum Eingangsbereich h&auml;ngt von der Gefahrenprognose ab. Ist davon auszugehen, dass auch gewaltbereite Personen demonstrieren werden, so ist der Abstand zum Geb&auml;ude im Rahmen der Beschr&auml;nkung gr&ouml;&szlig;er zu w&auml;hlen als bei einem Teilnahme-Publikum, bei dem ausschlie&szlig;lich von einem friedlichen Verhalten auszugehen ist.<\/p>\n<p>Werden auch Personen erwartet, die sich unfriedlich verhalten, z.&nbsp;B. indem sie Geflohene oder die Unterkunft gewaltsam attackieren, so reicht dies nicht f&uuml;r die Rechtfertigung eines Verbots der gesamten Versammlung. Erst wenn die Versammlung ganz &uuml;berwiegend von gewaltbereiten Personen gepr&auml;gt ist, k&ouml;nnen Verbot oder Aufl&ouml;sung gerechtfertigt sein. Unterhalb dieser Schwelle k&ouml;nnen Beschr&auml;nkungen aber einen h&ouml;heren Sicherheitsabstand zum Geb&auml;ude festlegen, um zu verhindern, dass Bewohner_innen oder das Geb&auml;ude durch geworfene Gegenst&auml;nde getroffen werden. Bei einer Gefahrenprognose, die das Erscheinen einer betr&auml;chtlichen Zahl gewaltbereiter Personen erwarten l&auml;sst, sind auch Vorkontrollen denkbar, um sicherzustellen, dass keine Gegenst&auml;nde mitgef&uuml;hrt werden, die zu Verletzungen der Bewohner_innen oder Dritter oder zu Besch&auml;digungen des Geb&auml;udes f&uuml;hren k&ouml;nnen. Solche Vorkontrollen sind im Bundes-Versammlungsgesetz nicht explizit vorgesehen. Sie sind aber als mildere und damit verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igere Ma&szlig;nahme zul&auml;ssig, wenn die Voraussetzungen eines Versammlungsverbots vorl&auml;gen, ein Verbot aber im Ergebnis unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig w&auml;re. Voraussetzung f&uuml;r solche Kontrollen ist daher, dass diese als &#8222;Minusma&szlig;nahme&#8220; Gewalttaten wirksam verhindern k&ouml;nnen.(15)<\/p>\n<p>Beschr&auml;nkungen sind auch m&ouml;glich, wenn mit Gegendemonstrationen zu rechnen ist, die ebenfalls von der Versammlungsfreiheit gesch&uuml;tzt sind. Da friedlicher Gegenprotest legitim und von Art.&nbsp;8 GG gesch&uuml;tzt ist, k&ouml;nnen Beschr&auml;nkungen z.&nbsp;B. einen Mindestabstand von Protest und Gegenprotest vorsehen &#8211; allerdings nur, wenn dies erforderlich ist, um gewaltsame Auseinandersetzungen zu verhindern. Dieser Abstand darf aber nicht so gro&szlig; gew&auml;hlt werden, dass eine kommunikative Auseinandersetzung zwischen Protest und Gegenprotest nicht mehr m&ouml;glich ist.<\/p>\n<h5><span id=\"schlussfolgerungen\">Schlussfolgerungen<\/span><\/h5>\n<p>Im &ouml;ffentlichen Raum friedlich gegen oder f&uuml;r die Einrichtung von Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nften einzutreten, ist von der Versammlungsfreiheit gedeckt. Die klare Positionierung des Bundesverfassungsgerichts in seiner Heidenau-Eilentscheidung unterstreicht, dass auch krisenhafte Ph&auml;nomene wie die hohe Zahl der im Jahr 2015 in Deutschland angekommenen Geflohenen nicht dazu f&uuml;hren d&uuml;rfen, dass ein so zentrales Grundrecht wie die Versammlungsfreiheit im Interesse einer effizienten und pragmatischen Probleml&ouml;sung au&szlig;er Kraft gesetzt wird. Dieser Beitrag hat gezeigt, dass Versammlungsbeh&ouml;rden und Polizei f&uuml;r den Schutz der Unterk&uuml;nfte und ihrer Bewohner_innen effektive Beschr&auml;nkungsm&ouml;glichkeiten weit unterhalb der Schwelle von Versammlungsverboten zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p>\n<p><i><b>HARTMUT&nbsp;ADEN&nbsp;<\/b>&nbsp; ist Jurist und Politikwissenschaftler. Er ist Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht und Europarecht an der Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Recht Berlin, dort Mitglied des Forschungsinstituts f&uuml;r &Ouml;ffentliche und Private Sicherheit (F&Ouml;PS) sowie beh&ouml;rdlicher Datenschutzbeauftragter der Hochschule. Webseite: <\/i><a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h5>\n<p>Aden, Hartmut 2016: Versammlungsfreiheit &#8211; zehn Jahre nach der F&ouml;deralismusreform. Entwicklungstrends und verpasste Chancen, in Vorg&auml;nge 213 (55. Jg., Nr. 1), S. 7-18.<\/p>\n<p>Kniesel, Michael &amp; Poscher, Ralf 2012: Versammlungsrecht, in: Lisken, Hans (Begr&uuml;nder), Denninger, Erhard &amp; Rachor, Frederik (Hg.), Handbuch des Polizeirechts, 5.&nbsp;Aufl., M&uuml;nchen: C.H. Beck, S.&nbsp;1133-1241 (= Abschnitt K).<\/p>\n<p>Ott, Sieghart, W&auml;chtler, Hartmut &amp; Heinhold, Hubert 2010: Gesetz &uuml;ber Versammlungen und Aufz&uuml;ge (Versammlungsgesetz), Stuttgart u.a.: Boorberg.<\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>(1)&nbsp; BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 29.8.2015, Az.&nbsp;1 BvQ 32\/15; online verf&uuml;gbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2015\/08\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2015\/08\/<\/a> qk20150829_1bvq003215.html;jsessionid=E17A6DD72D332ADF1744E0CABE4D4A14.2_cid361 [aufgerufen am 7.7.2016].<\/p>\n<p>(2)&nbsp; Z.&nbsp;B. BVerG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 6.5 2005, Az. 1 BvR 961\/05, Absatz 26.<\/p>\n<p>(3)&nbsp; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 4.9.2009, Az. 1 BvR 2147\/09, Absatz 13; hierzu Aden 2016, 15 [= Vorg&auml;nge # 213].<\/p>\n<p>(4)&nbsp; N&auml;her hierzu Aden 2016 [= Vorg&auml;nge # 213]<\/p>\n<p>(5)&nbsp; BVerfG, Beschluss der 1. Kammer vom 26.3.2001, Az. 1 BvQ 16\/01; hierzu Kniesel &amp; Poscher 2012, Rn.&nbsp;K&nbsp;367; kritisch Ott, W&auml;chtler &amp; Heinhold 2010, &sect; 15 Rn.&nbsp;9&nbsp;ff.<\/p>\n<p>(6)&nbsp; So auch &sect; 13 Abs. 1 Versammlungsfreiheitsgesetz Schleswig-Holstein vom 18.6.2015.<\/p>\n<p>(7)&nbsp; Spiegel Online, Meldung vom 7.2.2015, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/leipzig-legida-demonstration-untersagt-a-1017285.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/leipzig-legida-demonstration-untersagt-a-1017285.html<\/a> [aufgerufen am 7.7.2016].<\/p>\n<p>(8)&nbsp; Z.&nbsp;B. OVG Berlin, Urteil vom 20.11.2008, Az. OVG 1 B5.06.<\/p>\n<p>(9)&nbsp; BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 29.8.2015, Az. 1 BvQ 32\/15.<\/p>\n<p>(10) BVerfGE 69, 315.<\/p>\n<p>(11) N&auml;her hierzu Kniesel &amp; Poscher 2012, Rn.&nbsp;K&nbsp;70.<\/p>\n<p>(12) BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 29.8.2015, Absatz 4.<\/p>\n<p>(13) &sect; 15 Abs. 1 des Bundes-Versammlungsgesetzes.<\/p>\n<p>(14) BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 29.8.2015, Absatz 6.<\/p>\n<p>(15) Vgl. auch &sect; 15 Versammlungsfreiheitsgesetz Schleswig-Holstein vom 18.6.2015 als Beispiel f&uuml;r die gesetzgeberische Ausgestaltungsm&ouml;glichkeit der Beschr&auml;nkung durch Vorkontrollen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[138],"publikationen":[1432],"class_list":["post-11452","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hartmut-aden","publikationen-214-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Demonstrationen vor Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/demonstrationen-vor-fluechtlingsunterkuenften-1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Demonstrationen vor Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnften - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Entscheidung des Bundesverfassungs&shy;gerichts zu Heidenau in: vorg&auml;nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 105-110 Fl&uuml;chtlingsunterk&uuml;nfte waren immer wieder das Ziel von Demonstrationen, oft organisiert von Gruppen, die eine Aufnahme von Geflohenen ablehnen. 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