{"id":11458,"date":"2016-08-15T08:00:00","date_gmt":"2016-08-15T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-kirchen-bestimmen-selbst-worueber-sie-selbst-bestimmen\/"},"modified":"2016-08-15T12:00:00","modified_gmt":"2016-08-15T10:00:00","slug":"die-kirchen-bestimmen-selbst-worueber-sie-selbst-bestimmen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/die-kirchen-bestimmen-selbst-worueber-sie-selbst-bestimmen\/","title":{"rendered":"Die Kirchen bestimmen selbst, wor\u00fcber sie selbst bestimmen!"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 164-166<\/p>\n<p><i>Carsten Frerk: Kirchenrepublik Deutschland, Alibri Verlag Aschaffenburg, 303\u00a0S., 18.- Euro, ISBN 978-3-86569-190-3 <\/i><\/p>\n<p>Die vorliegende Publikation mit dem Untertitel &#132;Christlicher Lobbyismus&#147; handelt vom &#132;Konstantinischen Filz&#147; zwischen Kirche und Staat, der weit schlimmer erscheint, als man ihn sich vorstellt. Mit l\u00fcckenlosen Beweisen wird das Werk fast zu einem Lehrbuch f\u00fcr Verfassungsbruch im Namen Gottes.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird ausgef\u00fchrt, dass es zu einem juristischen Grenzbereich kam, weil Artikel 135 der Weimarer Reichsverfassung nicht vollst\u00e4ndig in das Grundgesetz \u00fcbernommen wurde. Der Satz &#132;Staatsgesetze haben Vorrang vor Religionsgeboten&#147; fehlt. Das f\u00fchrte &#150; frei nach Carl Amery &#150; zu einer &#132;hinkenden Trennung&#147; von Staat und Kirche. Carsten Frerks Buch geht den Verfassungsverst\u00f6\u00dfen, die er darin zu erkennen glaubt, akribisch nach &#150; und er \u00fcberzeugt. Dabei richtet sich seine Kritik weniger auf die Lobbyarbeit als solche, als auf den Verdacht, wie weit sich der Staat dabei korrumpieren l\u00e4sst und damit seine Neutralit\u00e4tspflicht gegen\u00fcber anderen staatlich anerkannten Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften verletzt. So stellt sich auch die Frage, wieweit dies eine aktive Religionsfreiheit einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Im 1. Teil (&#132;Lobbyismus von au\u00dfen&#147;) werden den kirchlichen B\u00fcros sowohl auf Bundesebene wie auf Landesebene problematische Verflechtungen mit dem Staate nachgewiesen. Diese B\u00fcros entstanden, so die einleuchtende Erkl\u00e4rung Frerks, weil die beiden im Nationalsozialismus angepassten Gro\u00dfkirchen die einzigen Organisationen waren, auf die die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg aufbauen konnten. Alle anderen waren entweder verboten oder belastet. Von diesem Vorteil, der sich den Kirchen hier bot, profitieren sie noch heute. Schwerpunkt der weiteren Ausf\u00fchrungen bildet das &#132;B\u00f6ckenf\u00f6rde-Diktum(1)&#147;, das sinngem\u00e4\u00df besagt, dass der religi\u00f6s-weltanschaulich neutrale, freiheitliche und demokratische Rechtsstaat selbst keine Werte setzen darf, aber auch nicht wertneutral sein kann und von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. In Umkehrung der Intention des liberalen Kulturchristen B\u00f6ckenf\u00f6rde leiten die Kirchen daraus f\u00fcr sich einen ethischen Monopolanspruch ab, und das, obwohl ihnen nur noch etwas mehr als 60 Prozent der Bev\u00f6lkerung angeh\u00f6ren und die dem Diktum zugrundeliegende &#132;Homogenit\u00e4t der Gesellschaft&#147; damit nicht mehr gegeben ist. Die verbleibenden 30 bis 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung werden durch verschiedene Religionen, u. a. dem Islam, mehr aber noch durch einen Ethischen Humanismus gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Neben offizieller kirchlicher Lobbyarbeit, wird auf zahlreiche inoffizielle Angebote religi\u00f6ser Betreuung, wie Andachten oder Gebetsfr\u00fchst\u00fccke hingewiesen. Au\u00dferdem veranstalten die &#132;Kirchlichen B\u00fcros&#147; parlamentarische Abende und Empf\u00e4nge zu den verschiedensten Anl\u00e4ssen. Es handelt sich dabei um Veranstaltungen, in denen der Autor einen nicht mehr zu rechtfertigenden Filz zwischen Staat und Kirche zu erkennen glaubt. So wird berichtet, dass bei dem Johannes-Empfang 2012 der Ratsvorsitzende der EKD das Urteil des Landesgerichts K\u00f6ln, das die Beschneidung eines minderj\u00e4hrigen Jungen verurteilte, als verfehlt bezeichnete und damit ein Religionsgebot \u00fcber das Staatsgesetz stellt, welches auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit ausgerichtet ist.<\/p>\n<p>Der 2. Teil des Buches beschreibt die Zust\u00e4nde bei den Landesregierungen. W\u00e4hrend im Durchschnitt fast ein Drittel der Bev\u00f6lkerung keiner Offenbarungsreligion mehr angeh\u00f6rt, zeigt sich in den Bundesl\u00e4ndern eine gro\u00dfe Spannbreite von 81 Prozent christlichem Bev\u00f6lkerungsanteil im Saarland, bis 17 Prozent christlich und 83 Prozent Sonstige in Sachsen-Anhalt. Der kirchliche Lobbyismus wird jedoch in allen L\u00e4ndern als etwa gleich stark ausgepr\u00e4gt geschildert. Auf der politischen Seite, die weitgehend aus Kulturchristen zu bestehen scheint, reicht die Bindung zu den Kirchen von schlichter naiver Fr\u00f6mmigkeit bis zu einer problematischen Verfilzung mit dem Klerikalismus. Dazwischen liegt, neben reinem Pragmatismus, auch die Verdrehung wissenschaftlicher Aussagen bis ins Gegenteil, z.\u00a0B. wenn ein hochrangiger CDU-Parlamentarier das &#132;B\u00f6ckenf\u00f6rde-Theorem&#147; so missdeutet, dass das enge Staat-Kirchen-Verh\u00e4ltnis deshalb wichtig sei, weil der Staat von Werten lebt, die er selbst nicht schaffen kann (S.\u00a0156). Hier wird nicht nur falsch zitiert, sondern auch nicht erkannt, dass die kirchlichen Organisationen nicht die einzigen Elemente einer Gesellschaft sind, die die Wertvorstellungen der Individuen pr\u00e4gen, sondern nur ein veralteter Teil von vielen &#150; und die Bibel (wie der Koran) nur ein Erzeugnis menschlichen Geistes ist, mit naiven kindlich-poetischen Vorstellungen aus einer Zeit die l\u00e4ngst hinter uns liegt, &#8211; ein freiheitlicher Staat auch ohne Kirchen \u00fcber geeignete Mechanismen verf\u00fcgt seinen Fortbestand zu gew\u00e4hrleisten und sich auf Basis psychologischer Studien sogar herausstellen kann, dass religi\u00f6s sozialisierte Menschen weniger sozial, altruistisch und rational agieren als religionsfrei aufgewachsene Personen.(2) Hier w\u00e4re anzumerken, dass man durchaus die Frage stellen kann, ob man gleichzeitig an die Demokratie und an Gott glauben kann. Schlie\u00dflich wird ein ehemaliger Bundeskanzler mit den Worten zitiert: &#132;Nicht nur politische Entscheidungen, sondern auch Gebete bewegen die Entwicklung der Welt&#147; (S. 230).<\/p>\n<p>Der 3. Teil beleuchtet den Lobbyismus von innen. So behaupten die Kirchen, sie m\u00fcssten ein &#132;W\u00e4chteramt&#147; innerhalb der Gesellschaft und gegen\u00fcber dem Staat wahrnehmen. Aber dieses Amt kann, wenn \u00fcberhaupt, nur widerspruchsfrei beansprucht werden, wenn eine tats\u00e4chliche Trennung von Staat und Kirche best\u00fcnde und die Kirche nicht, wie Frerk feststellt, eine Art Nebenregierung darstellen w\u00fcrde. Die Besch\u00e4ftigung mit dem Begriff W\u00e4chteramt zeigt, dass es auf beiden Seiten an einem Unrechtsbewusstsein mangelt. Aber das bewusste Fehlverhalten scheint mehr beim klerikalen Herrschaftschristentum zu liegen als bei den Parlamentariern, denen er jedoch glaubt vorwerfen zu k\u00f6nnen, dass sie sich von den Kirchen korrumpieren lassen.<\/p>\n<p>Friedrich Nietzsche \u00e4u\u00dferte einmal polemisch, es sei unanst\u00e4ndig, heute noch Christ zu sein. Er unterschied noch nicht zwischen Kulturchristentum und Herrschaftschristentum. Nach dem Lesen dieses Buches und der darin beschriebenen Fakten k\u00f6nnte man durchaus zu der \u00dcberzeugung gelangen, dass Nietzsches Aussage heute zumindest f\u00fcr das Kirchenchristentum nicht ganz falsch w\u00e4re und man die BRD m\u00f6glicherweise auch nicht mehr als eine &#132;lupenreine Demokratie&#147; betrachten kann. Es besteht zwar der Verfassungsanspruch einer &#132;Trennung von Staat und Kirchen&#147;, die Verfassungswirklichkeit sieht jedoch anders aus. Das Buch schlie\u00dft dann auch mit der Frage: Ist Deutschland tats\u00e4chlich eine Demokratie?<\/p>\n<p>Ein herzliches Dankesch\u00f6n Carsten Frerk f\u00fcr die interessante Darstellung eines Ist-Zustandes, den sich die wenigsten so vorstellen konnten und der auch f\u00fcr Insider wichtige Details enth\u00e4lt.<\/p>\n<p><i>Erich Satter<\/i><\/p>\n<h5>Anmerkungen:<\/h5>\n<p>(1)\u00a0 Nach Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde, ehem. Richter am BVerfG: &#132;Der freiheitlich, s\u00e4kulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das gro\u00dfe Wagnis, das er der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen B\u00fcrgern gew\u00e4hrt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenit\u00e4t der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskr\u00e4fte nicht von sich aus, das hei\u00dft mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Geboten garantieren, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und &#8211; auf s\u00e4kularer Ebene &#8211; in jenen Totalit\u00e4tsanspruch zur\u00fcckzufallen, aus dem er in den konfessionellen B\u00fcrgerkriegen herausgef\u00fchrt hat.&#147; (zit. nach: Wilhelm F. Kasch\/ Klaus Dieter Wolff (Hg.), Glaube und Gemeinwohl. Paderborn 1986, S.\u00a081f.)<\/p>\n<p>(2)\u00a0 S. auch Erich Satter, Wer Wissenschaft und Kunst besitzt &#8230; Neu-Isenburg 2015, S.\u00a021 und S.\u00a085; sowie Jan M. Kurz, Der B\u00f6ckenf\u00f6rde-Fehlschluss, hpd.de.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[2043],"publikationen":[1432],"class_list":["post-11458","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-erich-satter","publikationen-214-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Kirchen bestimmen selbst, wor\u00fcber sie selbst bestimmen! - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/214-vorgaenge\/publikation\/die-kirchen-bestimmen-selbst-worueber-sie-selbst-bestimmen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Kirchen bestimmen selbst, wor\u00fcber sie selbst bestimmen! - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge Nr. 214 (Heft 2\/2016), S. 164-166 Carsten Frerk: Kirchenrepublik Deutschland, Alibri Verlag Aschaffenburg, 303\u00a0S., 18.- Euro, ISBN 978-3-86569-190-3 Die vorliegende Publikation mit dem Untertitel &#132;Christlicher Lobbyismus&#147; handelt vom &#132;Konstantinischen Filz&#147; zwischen Kirche und Staat, der weit schlimmer erscheint, als man ihn sich vorstellt. 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