{"id":11477,"date":"2016-04-18T10:30:00","date_gmt":"2016-04-18T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/reform-des-sexualstrafrechts\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:11","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:11","slug":"reform-des-sexualstrafrechts","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/reform-des-sexualstrafrechts\/","title":{"rendered":"Reform des Sexualstrafrechts"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 163-165.<\/p>\n<p>Das Bundeskabinett hat am 16. M&auml;rz eine neuerliche Erweiterung des Sexualstrafrechts beschlossen. Der Gesetzentwurf sieht vor allem eine Erweiterung des Straftatbestands in &sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;1 StGB (&#8222;Sexueller Missbrauch widerstandsunf&auml;higer Personen&#8220;) vor.<\/p>\n<p>Der Bundesjustizminister begr&uuml;ndet den Entwurf mit einer mutma&szlig;lichen Schutzl&uuml;cke im deutschen Strafrecht: Der Tatbestand der sexuellen N&ouml;tigung bzw. Vergewaltigung setze in der derzeit geltenden Fassung (&sect;&nbsp;177 StGB) voraus, dass das Opfer &#8222;mit Gewalt oder gleichwertigen N&ouml;tigungsmitteln (=Drohung mit gegenw&auml;rtiger Gefahr f&uuml;r Leib oder Leben oder Ausnutzung einer schutzlosen Lage)&#8220; zu den sexuellen Handlungen gen&ouml;tigt werde. Der entgegenstehende Wille des Opfers (der sich in Widerstandshandlungen &auml;u&szlig;ert) muss von Seiten des T&auml;ters sichtbar gebrochen werden. Eine Vergewaltigung von Personen, die keinen erkennbaren Widerstand leisten, sei nach der bisher geltenden Fassung des &sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;1 nur strafbar, wenn die Widerstandsf&auml;higkeit des Opfers aufgrund geistiger\/k&ouml;rperlicher Beeintr&auml;chtigungen (Krankheiten oder Bewusstseinsst&ouml;rung) eingeschr&auml;nkt ist, so die Begr&uuml;ndung des Gesetzentwurfs.<\/p>\n<p>Mit der Reform werden Forderungen nach einer Erweiterung des Straftatbestandes der Vergewaltigung umgesetzt, die schon l&auml;nger von Frauenrechtsorganisationen erhoben werden. Sie begr&uuml;nden ihre Forderungen damit, dass f&uuml;r die Strafbarkeit der Vergewaltigung nicht der Widerstand der Opfer ausschlaggebend sein d&uuml;rfe, sondern einzig und allein die Ablehnung des Sexualkontakts durch die Betroffenen (&#8222;Nein hei&szlig;t Nein&#8220;). Die Notwendigkeit einer Erweiterung des deutschen Strafrechts ergebe sich auch aus Artikel&nbsp;36 des &Uuml;bereinkommens des Europarats zur Verh&uuml;tung und Bek&auml;mpfung von Gewalt gegen Frauen und h&auml;uslicher Gewalt vom 11.&nbsp;Mai 2011 (&#8222;Istanbul-Konvention&#8220;), die alle Unterzeichnerstaaten dazu auffordert, jede nicht einverst&auml;ndliche sexuelle Handlung unter Strafe zu stellen.<\/p>\n<p>Mit dem jetzt von der Bundesregierung vorgeschlagenen Straftatbestand des &sect;&nbsp;179 Abs. 1 StGB-E sollen folgende Fallgruppen einer Vergewaltigung ohne erkennbaren Widerstand der Opfer unter Strafe gestellt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>der T&auml;ter nutzt einen &Uuml;berraschungseffekt aus<\/li>\n<li>das Opfer bef&uuml;rchtet Beeintr&auml;chtigungen, die keine K&ouml;rperverletzungs- oder T&ouml;tungsdelikte darstellen&nbsp;<\/li>\n<li>das Opfer befindet sich objektiv nicht in einer schutzlosen Lage, nimmt diese aber an&nbsp;<\/li>\n<li>zwischen der Gewalt bzw. der Drohung mit Gewalt und der sexuellen Handlung besteht kein finaler Zusammenhang. (1)<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die erste Fallgruppe soll durch den neuen &sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;2, die drei anderen Fallgruppen durch &sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;3 erfasst werden. Der Kern der neuen Regelung im Wortlaut:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;&sect; 179 Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung besonderer Umst&auml;nde.<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>(1) Wer unter Ausnutzung einer Lage, in der eine andere Person<br \/>&nbsp; 1. aufgrund ihres k&ouml;rperlichen oder psychischen Zustands zum Widerstand unf&auml;hig ist,<br \/>&nbsp; 2. aufgrund der &uuml;berraschenden Begehung der Tat zum Widerstand unf&auml;hig ist oder<br \/>&nbsp; 3. im Fall ihres Widerstandes ein empfindliches &Uuml;bel bef&uuml;rchtet,<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder an sich von dieser Person vornehmen l&auml;sst, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren, in minder schweren F&auml;llen der Nummern 2 und 3 mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu f&uuml;nf Jahren bestraft.&#8220; (StGB-E)<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Humanistische Union (HU) hatte durch Mara Kunz bereits im Februar 2016 im Rahmen der Verb&auml;ndeanh&ouml;rung des Ministeriums zu dem Vorhaben Stellung genommen (Kunz 2016). Die neue Regelung zur Ausnutzung von &Uuml;berraschungs- bzw. &Uuml;berrumpelungsmomenten wurde darin grunds&auml;tzlich begr&uuml;&szlig;t, auch wenn der vorgeschlagene Strafrahmen zusammen mit den in der Begr&uuml;ndung genannten Beispielen noch Fragen aufwerfe.<\/p>\n<p>Grunds&auml;tzliche Kritik &uuml;bte die HU jedoch an Absatz 3 der neuen Regelung. So sei schon der unmittelbare Regelungsbedarf und die Behauptung einer angeblichen Schutzl&uuml;cke im deutschen Strafrecht sehr umstritten: Bei einer Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung des Deutschen Bundestags im vergangenen Jahr gab es dazu gegens&auml;tzliche Einsch&auml;tzungen. (2) Die bisherige Debatte sei dadurch gekennzeichnet, dass f&uuml;r die jeweilige Position zur Reichweite bzw. Schutzl&uuml;cke des bisherigen Sexualstrafrechts plausible Argumente und Fallbeispiele vorgebracht w&uuml;rden. &#8222;Die entscheidende Grundlage f&uuml;r eine rechtspolitisch seri&ouml;se Beurteilung fehlt jedoch bislang: eine fundierte empirische Analyse der Frage, ob und woran genau Verurteilungen bei den genannten Fallkonstellationen scheitern. Ist eine restriktive Auslegung der aktuellen Regelung g&auml;ngige gerichtliche und staatsanwaltschaftliche Praxis? Oder zeigen sich unterschiedliche Lesarten, die eher auf ein (teilweises) Umsetzungsdefizit hinweisen anstatt auf ein Regelungsdefizit?&#8220; (Kunz 2016, 1f.) Vor einer Neuregelung sollte der Gesetzgeber daher die bisherige Anwendungspraxis genauer untersuchen, insbesondere jene &#8222;F&auml;lle, denen ein nachweisbares (Tat-) Geschehen zugrunde liegt&#8220;, um eventuelle Schwachstellen des geltenden Strafrechts zu identifizieren. &#8222;Ohne empirische Befunde ist zun&auml;chst also keine Schutzl&uuml;cke, sondern vielmehr eine Forschungsl&uuml;cke zu konstatieren.&#8220; (Kunz 2016, 2)<\/p>\n<p>Auch gegen die inhaltliche Ausgestaltung der Regelung in &sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;1 Nr.&nbsp;3 wurden grunds&auml;tzliche Bedenken vorgebracht: In der Norm w&uuml;rde der Tatbestand rein subjektiv definiert, es gebe keine objektiven Kriterien daf&uuml;r, wann eine solche Situation gegeben sei oder nicht. Das widerspreche dem weitergehenden strafrechtlichen Bestimmtheitsgebot aus Art.&nbsp;103 Abs.&nbsp;2 Grundgesetz, weil f&uuml;r die mutma&szlig;lichen T&auml;ter keine Anhaltspunkte vorgegeben werden, woran sie die Bef&uuml;rchtungen der Opfer erkennen k&ouml;nnen sollten. Ebenso unklar sei, unter welchen Voraussetzungen die Strafbarkeit des Versuchs (&sect;&nbsp;179 Abs.&nbsp;4 StGB) solcher Taten gegeben ist. &#8222;Auf der praktischen Ebene ist diese Tatbestandsvariante ebenfalls problematisch: &#8230; Letztlich kommt es auf T&auml;ter- wie auf Opferseite auf das subjektive Erkennen (T&auml;ter) und das subjektive Bef&uuml;rchten (Opfer) an. Dies k&ouml;nnte die ohnehin bestehende Nachweisproblematik bei Vier-Augen-Delikten noch versch&auml;rfen.&#8220; (Kunz 2016, 2)<\/p>\n<p>F&uuml;r einen besseren Schutz vor sexuellen &Uuml;bergriffen regt die HU eine grunds&auml;tzliche Reform des Sexualstrafrechts an. Dabei sollte nicht nur auf die Reichweite materieller Strafnormen, sondern auch auf die &#8211; in der Praxis bedeutsameren &#8211; Hindernisse und Probleme in der Rechtsanwendung (etwa Nachweisschwierigkeiten) geachtet werden. Die qualifizierte, vertrauliche Beratung durch geeignete Ermittlungsbeamte sowie ein fl&auml;chendeckendes Angebot schnell zu erbringender, gerichtsfester Beweismittel helfe den Opfern sexualisierter Gewalt mehr als neue Strafnormen, die in vielen F&auml;llen kaum anwendbar sind.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>[1] Nach: BMJ, Fragen und Antworten zum Gesetzentwurf zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung, S.1\/2.<\/p>\n<p>[2] S. Kunz in: vorg&auml;nge Nr. 209, S. 111-115.<\/p>\n<p><i>Mara Kunz: Stellungnahme der Humanistischen Union zum Referentenentwurf des Bundesministeriums der Justiz und f&uuml;r Verbraucherschutz &uuml;ber den &#8222;Entwurf eines &#8230; Gesetzes zur &Auml;nderung des Strafgesetzbuches &#8211; Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung&#8220; vom 19.2.2016, <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HU2016_Stellungnahme-179StGB-2.pdf\">online abrufbar hier<\/a><\/i><\/p>\n<p><i>Bundesregierung: Entwurf eines &#8230; Gesetzes zur &Auml;nderung des Strafgesetzbuches &#8211; Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung vom 16.3.2016, unter <\/i><a href=\"http:\/\/www.bmjv.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/www.bmjv.de\/<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n<p><i>BMJ, Fragen und Antworten zum Gesetzentwurf zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung<\/i><\/p>\n<p><i>Mara Kunz: Bestehende Strafbarkeitsl&uuml;cken bei sexueller Gewalt und Vergewaltigung, Zusammenfassung einer Sachverst&auml;ndigen-Anh&ouml;rung des Deutschen Bundestages, in: vorg&auml;nge Nr. 209 (Heft 1\/2015), S. 111-115 <br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[48],"tags":[683,765,667],"autoren":[139],"publikationen":[1084],"class_list":["post-11477","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-sexualstrafrecht","tag-gutachten-stellungnahmen","tag-sexualstrafrecht","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-1084"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Reform des Sexualstrafrechts - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/reform-des-sexualstrafrechts\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Reform des Sexualstrafrechts - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 163-165. 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