{"id":11478,"date":"2016-04-18T10:00:00","date_gmt":"2016-04-18T08:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/entwuerfe-fuer-niedersaechsische-islam-staatsvertraege-in-der-kritik\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:11","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:11","slug":"entwuerfe-fuer-niedersaechsische-islam-staatsvertraege-in-der-kritik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/entwuerfe-fuer-niedersaechsische-islam-staatsvertraege-in-der-kritik\/","title":{"rendered":"Entw\u00fcrfe f\u00fcr nieders\u00e4chsische Islam-Staatsvertr\u00e4ge in der Kritik"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 165-167<\/p>\n<p>Die nieders&auml;chsische Landesregierung hat Ende 2015 nach l&auml;ngeren Verhandlungen mit der Islamischen Religionsgemeinschaft DITIB, der SCHURA und den Alevitischen Gemeinden Niedersachsens Entw&uuml;rfe f&uuml;r drei Staatsvertr&auml;ge ver&ouml;ffentlicht. Mit den Vertr&auml;gen w&uuml;rden DITIB und SCHURA stellvertretend f&uuml;r die Muslime im Land besonders gew&uuml;rdigt und ihnen zahlreiche Zugest&auml;ndnisse (etwa Feiertagsregelungen), Mitbestimmungsrechte (z.B. Rundfunk- und Fernsehgremien) oder finanzielle Zusch&uuml;sse in Aussicht gestellt. Der Vertragsentwurf l&ouml;ste in Niedersachsen kontroverse Diskussionen dar&uuml;ber aus, welchen Einfluss die muslimischen Religionsgemeinschaften durch das Vertragswerk auf das &ouml;ffentliche Leben gewinnen. [3] Weitaus weniger wurde der Entwurf im Verh&auml;ltnis zu den bereits bestehenden Staatskirchenvertr&auml;gen gesehen. [4] Eine Debatte &uuml;ber die grunds&auml;tzlichen Probleme solcher Vertr&auml;ge fand leider nicht statt.<\/p>\n<p>Zu dem Vertragsentwurf hat die Humanistische Union (HU) Niedersachsen Stellung genommen. Das Gutachten wurde von Johann-Albrecht Haupt erstellt. Er kritisiert den Vertragsentwurf in grunds&auml;tzlicher Sicht als undemokratisch und verfassungswidrig, in vielen Punkten auch schlicht &uuml;berfl&uuml;ssig. Einige Regelungen werden als besonders systemwidrig herausgestellt, etwa die geplanten finanziellen Zuwendungen an DITIB und SCHURA &#8211; in Aussicht gestellt sind jeweils bis zu 100.000 Euro j&auml;hrlich f&uuml;r f&uuml;nf Jahre -, die zur Finanzierung der Gesch&auml;ftsstellen der beiden Verb&auml;nde (!) sowie zur Finanzierung von Seelsorgern dienen. Eine derart selektive, einseitige F&ouml;rderung der Infrastruktur einzelner Religionsgemeinschaften versto&szlig;e sowohl gegen die Haushaltsordnung des Landes wie gegen die von der Verfassung geforderte Trennung von Staat und Kirche bzw. die staatliche Neutralit&auml;t in religi&ouml;sen Fragen. Weder k&ouml;nne ein irgendwie geartetes &ouml;ffentliches Interesse am Auf- bzw. Ausbau der Gesch&auml;ftsstelle dieser Vereine geltend gemacht werden, noch sei es unzumutbar, von beitragserhebenden Vereinigungen zu erwarten, dass sie die Mittel f&uuml;r ihren Organisationsbetrieb selbst erwirtschaften. (S.&nbsp;8f)<\/p>\n<p>Zudem wird kritisiert, dass der Vertragsentwurf (wie viele andere Staatskirchenvertr&auml;ge auch) keine K&uuml;ndigungsklausel enthalte. Das erschwere die sp&auml;tere &Auml;nderung oder Aufk&uuml;ndigung der Vereinbarung: &#8222;Der Vertrag ist ein politischer Rechtsakt, der aus einer konkreten politischen Situation unter politischen Gesichtspunkten mit einem bestimmten politischen Inhalt geschlossen wird. &Auml;ndern sich die politischen Verh&auml;ltnisse (z.B. Wechsel der Parlamentsmehrheiten), dann m&uuml;ssen fr&uuml;her getroffene politische Entscheidungen auch revidiert oder korrigiert werden k&ouml;nnen. Das ist als Wesensbestandteil des demokratischen Prozesses &#8230;&#8220; (S.&nbsp;10) Unter demokratischen Gesichtspunkten sollte besser auf eine gesetzliche Regelung anstelle eines Vertragsabschlusses zur&uuml;ckgegriffen werden. Da der Vertrag zwischen Regierung und den beiden Verb&auml;nden vertraulich ausgehandelt wurde, ist die Gestaltungshoheit des Parlaments stark eingeschr&auml;nkt: die Landtagsabgeordneten k&ouml;nnen nur noch f&uuml;r oder gegen den Vertrag stimmen, aber nicht dessen Inhalte mitgestalten. Dies ist umso problematischer, da die interessierten Vertragsnehmer &uuml;ber die Verhandlungen direkten Einfluss auf dessen Gestaltung haben, die allgemeine &Ouml;ffentlichkeit jedoch von diesem Verfahren ausgeschlossen bleibt. Damit findet auch kein Ausgleich zwischen allgemeinen und besonderen Interessen und Werten statt, weil &#8222;der nicht vertragsbeteiligte Teil der Bev&ouml;lkerung [keine] Gelegenheit zur Mitsprache, Mitwirkung oder Einflussnahme hat.&#8220; (S.&nbsp;2) Eine derart demokratiefeindliche Aushandlung von Vereinbarungen sei nur vertretbar bei &#8222;echten Staatsvertr&auml;gen, also solchen, die das Land oder der Bund mit anderen, nicht ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Staaten und L&auml;ndern schlie&szlig;en. &#8230; Religionsgemeinschaften in Deutschland und ihre Mitglieder unterliegen jedoch nicht anders als die sonstigen Verb&auml;nde und Staatsb&uuml;rger der staatlichen Souver&auml;nit&auml;t des Bundes oder jeweiligen Landes. Konsequenterweise schlie&szlig;t denn auch der Staat keine Vertr&auml;ge mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen zur allgemeinen Regelung der Beziehungen ab.&#8220; (S.&nbsp;2)<\/p>\n<p>Folglich schl&auml;gt das Gutachten vor, die Beziehungen des Landes zu den Religionsgemeinschaften allgemein bzw. den nieders&auml;chsischen Muslimen im Konkreten mit anderen Instrumenten zu regeln. Soweit es der Landesregierung um die staatliche Anerkennung des Wirkens der Religionsgemeinschaften gehe, k&ouml;nne dies auch durch gemeinsame Erkl&auml;rungen, Veranstaltungen oder konkrete Kooperationen geschehen. Soweit es um konkrete Zugest&auml;ndnisse oder eine staatliche F&ouml;rderung einzelner Aktivit&auml;ten der Gemeinschaften gehe, sollten diese besser mit einem Integrations- oder F&ouml;rdergesetz realisiert werden. Eine gesetzliche Regelung biete zudem den Vorteil, dass sie auch all jene hier lebenden Muslime anspreche, die nicht in den beiden vertraglich protegierten Verb&auml;nden engagiert sind &#8211; zumal deren Legitimation, f&uuml;r &#8222;den Islam&#8220; bzw. &#8222;die Muslime&#8220; in Niedersachsen zu sprechen, zweifelhaft sei. Die DITIB, deren Imame von der staatlichen, t&uuml;rkischen Religionsbeh&ouml;rde Diyanet bezahlt werden, sei zudem ein sehr fragw&uuml;rdiger Vertragspartner.<\/p>\n<p>Die Landesregierung hat ihren Willen bekundet, den Vertrag mit den muslimischen Verb&auml;nden bis zum Sommer 2016 abzuschlie&szlig;en.<\/p>\n<p><i>Anmerkungen:<\/i><\/p>\n<p><i>[3] Vgl. Kultusministerium Niedersachsen: Fragen und Antworten zu den Vertr&auml;gen des Landes Niedersachsen mit DITIB, SCHURA und Alevitischer Gemeinde Deutschlands v. 15.12.2015<\/i><\/p>\n<p><i>[4] Das sind folgende Vereinbarungen des Landes Niedersachsen: Vertrag mit den Evangelischen Landeskirchen Niedersachsen (&#8222;Loccumer Vertrag&#8220;, 1955); Konkordat mit dem Heiligen Stuhle (1965); Vertrag mit der Freireligi&ouml;sen Landesgemeinschaft Niedersachsen (1970); Vertrag mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Nordwestdeutschland (1978); Vertrag mit dem Landesverband der J&uuml;dischen Gemeinden von Niedersachsen (1983).<br \/><\/i><\/p>\n<p><i>Johann-Albrecht Haupt: Stellungnahme zum Entwurf eines Vertrages zwischen dem Land Niedersachsen, der Islamischen Religionsgemeinschaft DITIB Niedersachsen und Bremen e.V. und SCHURA Niedersachsen &#8211; Landesverband der Muslime e.V. vom 23.2.2016, <\/i><a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/HU-NI2016_StellungnahmeIslamVertrag.pdf\"><i>online abrufbar hier<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[683,720,667],"autoren":[139],"publikationen":[1084],"class_list":["post-11478","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-gutachten-stellungnahmen","tag-religion-staatskirchenvertraege","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-1084"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Entw\u00fcrfe f\u00fcr nieders\u00e4chsische Islam-Staatsvertr\u00e4ge in der Kritik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/213\/publikation\/entwuerfe-fuer-niedersaechsische-islam-staatsvertraege-in-der-kritik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Entw\u00fcrfe f\u00fcr nieders\u00e4chsische Islam-Staatsvertr\u00e4ge in der Kritik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge Nr. 213 (Heft 1\/2016), S. 165-167 Die nieders&auml;chsische Landesregierung hat Ende 2015 nach l&auml;ngeren Verhandlungen mit der Islamischen Religionsgemeinschaft DITIB, der SCHURA und den Alevitischen Gemeinden Niedersachsens Entw&uuml;rfe f&uuml;r drei Staatsvertr&auml;ge ver&ouml;ffentlicht. 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