{"id":11495,"date":"2016-01-04T11:00:00","date_gmt":"2016-01-04T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/menschenrechtskommissar-kontrolldefizite-bei-deutschen-geheimdiensten-und-allgemeine-empfehlungen\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:09","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:09","slug":"menschenrechtskommissar-kontrolldefizite-bei-deutschen-geheimdiensten-und-allgemeine-empfehlungen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/menschenrechtskommissar-kontrolldefizite-bei-deutschen-geheimdiensten-und-allgemeine-empfehlungen\/","title":{"rendered":"Menschenrechtskommissar: Kontrolldefizite bei deutschen Geheimdiensten und allgemeine Empfehlungen"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge 212 (4\/2015), S. 151-154<\/p>\n<p>Der Menschenrechtskommissar des Europarates (CHR), Nils Mui&#382;nieks, legte am 1. Oktober 2015 den Bericht seines Deutschlandbesuchs im April und Mai diesen Jahres vor. Die 47 Mitgliedsstaaten des Europarates werden in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden vom jeweiligen Kommissar aufgesucht. In den Gespr&auml;chen mit Vertretern von Regierung, Parlament und Verwaltung, der Monitoring-Institutionen und der Zivilgesellschaft geht es um aktuelle Probleme des menschenrechtlichen Schutzes im jeweiligen Land und um L&ouml;sungsvorschl&auml;ge. Der diesj&auml;hrige Bericht enth&auml;lt neben den Fragen des institutionellen Menschenrechtsschutzes, des Rassismus und der besonderen Schutzanspr&uuml;che von Migrant\/innen auch einen Abschnitt zur Aufsicht der Geheimdienste.<\/p>\n<p>Der Bericht spricht angesichts der Snowden-Enth&uuml;llungen von einer &#8222;umfassenden Missachtung der Rechtsstaatlichkeit&#8220; insbesondere auch durch deutsche Geheimdienste, die besonders eng mit der NSA und anderen amerikanische Beh&ouml;rden kooperiert haben (Rn.&nbsp;53). Daher seien &Auml;nderungen an den gesetzlichen Grundlagen f&uuml;r die Arbeit der Geheimdienste sowie eine strukturelle Reform der Aufsichts- und Kontrollmechanismen notwendig. Allen voran wird die personelle, technische wie fachliche Ausstattung des Parlamentarischen Kontrollgremiums und der G10-Kommission als v&ouml;llig unzureichend eingesch&auml;tzt (Rn.&nbsp;58), zumal letztere f&uuml;r immer mehr Aufgaben zust&auml;ndig ist. Charakteristisch f&uuml;r das Kontrolldefizit sei etwa die Tatsache, &#8222;dass die G10-Kommission und ihre Mitarbeiter nicht ausreichend ger&uuml;stet sind, die G10-Daten zu lesen und zu analysieren&#8220; (Rn.&nbsp;60) &#8211; die Kommission damit ihrer zentralen Kontrollaufgabe nicht nachkommen kann. Die Bundesregierung wird deshalb aufgefordert, &#8222;die Erh&ouml;hung des Haushalts der Nachrichtendienste mit einer entsprechenden Erh&ouml;hung des Haushalts der Aufsichtsgremien zu verbinden.&#8220; (Rn.&nbsp;73)<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus bem&auml;ngelt der Bericht, dass es eine starke Fragmentierung der geheimdienstlichen Kontrolle in Deutschland gebe, die zur Konkurrenz zwischen den einzelnen Kontrollgremien f&uuml;hrt. Zudem entscheide die zu kontrollierende Bundesregierung weitgehend selbst, welche Geheimdienstaktivit&auml;ten unter welches Kontrollregime (PKGr, G10, Datenschutzaufsicht) falle (Rn.&nbsp;62). Hier verweist der Bericht besonders auf die umstrittene Auslands&uuml;berwachung des BND, die der Kontrolle der G10-Kommission entzogen ist, weil die Bundesregierung den Anwendungsbereich von Artikel 10 GG handstreichartig auf das Inland beschr&auml;nkt hat und die &Uuml;berwachung ausl&auml;ndischer Kommunikationsvorg&auml;nge durch den BND als &#8222;Ausleitung von Routineverkehren&#8220; deklariert, der derzeit ohne jegliche gesetzliche Einschr&auml;nkung stattfindet. [1] Der Bericht fordert daf&uuml;r eine klare Regelung, die den menschenrechtlichen Schutz nach Artikel&nbsp;8 Europ&auml;ischer Menschenrechtskonvention gew&auml;hrleistet (Rn.&nbsp;75). Doch auch die regul&auml;re Kontrolle der sog. strategischen Fernmeldeaufkl&auml;rung durch den BND weise ein Kontrolldefizit auf, wenn &#8222;ca. 2&nbsp;% der &#8218;G10-Gesuche&#8216; von der G10-Kommission abgelehnt, alle anderen genehmigt wurden.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>F&uuml;r die anstehende Reform des Geheimdienstrechts fordert der Kommissar zudem einen vollen Zugang der Aufsichtsgremien zu allen f&uuml;r ihr Mandat wichtigen Informationen und Unterlagen bei den Diensten. Die Kontrollgremien sollten mit Ermittlungsbefugnissen und Instrumenten ausgestattet werden, die diesen Zugang gew&auml;hrleisten k&ouml;nnen (Rn.&nbsp;74). Schlie&szlig;lich wird eine Ausweitung des Kontrollmandats gefordert, um die &#8222;Einhaltung der Menschenrechte im Rahmen der Zusammenarbeit mit ausl&auml;ndischen Sicherheitsdiensten zu &uuml;berpr&uuml;fen, einschlie&szlig;lich der Zusammenarbeit in Form eines Informationsaustausches, gemeinsamer Operationen und der Bereitstellung von Ausr&uuml;stung und Training &#8230;&#8220; (Rn.&nbsp;76) Diese Aktivit&auml;ten deutscher Geheimdienste sind bisher faktisch jeder demokratischen Kontrolle entzogen.<\/p>\n<p>Dass Deutschland von anderen europ&auml;ischen Staaten in Sachen Geheimdienstkontrolle einiges lernen kann, zeigte bereits ein im Juni 2015 vom Kommissar vorgelegtes Themenpapier zu den nationalen Kontrollmechanismen der Geheimdienste in den Mitgliedsstaaten des Europarates. Diese Untersuchung war nach den Enth&uuml;llungen Edward Snowden veranlasst worden. Sie konzentriert sich ausschlie&szlig;lich auf die Kontrolle geheimdienstlicher &Uuml;berwachungsbefugnisse, d.h. die Kontrolle der Erhebung, Verarbeitung und Weitergabe von Informationen.<\/p>\n<p>Der Report stellt zun&auml;chst die sich aus internationalen Vertr&auml;gen ergebenden Verpflichtungen (hard law) sowie die von verschiedenen Seiten erarbeiteten Empfehlungen und Resolutionen (soft law) bez&uuml;glich der Genehmigung und Kontrolle geheimdienstlicher &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen vor. Als verbindliche Rechtsgrundlagen zieht er u.a. die Europ&auml;ische Menschenrechtscharta (Artikel 8 und 13) sowie die sich darauf beziehende Rechtsprechung der Europ&auml;ischen Gerichte heran, an die die Mitgliedsstaaten des Europarats gebunden sind. Daraus ergeben sich Anforderungen an die Unabh&auml;ngigkeit, an Ausstattung und Befugnisse der Kontrollgremien, an individuelle Rechtsschutz- und Beschwerdemechanismen. Unter den internationalen Sonderberichten, Resolutionen und Empfehlungen der UN, des Europarats und der EU verweist der Report besonders auf die Ergebnisse der Venedig-Kommission des Europarates, die 1998 und 2007 umfassende Vergleiche verschiedener Kontrollmodelle vorlegte (s.S.&nbsp;35f.).<\/p>\n<p>Den jeweiligen St&auml;rken und Schw&auml;chen der verschiedenen nationalen Kontroll- und Aufsichtsmechanismen widmet sich auch der Hauptteil des CHR-Reports (Kapitel 4). In Bezug auf die parlamentarischen Kontrollgremien (wie dem PKGr in Deutschland) stellt der Bericht u.a. fest, &#8222;that most are not in a position to undertake regular, detailed oversight of operational activities including the collection, exchange and use of personal data. Such monitoring is increasingly undertaken by non-parliamentary independent oversight bodies.&#8220; (S.&nbsp;42f.) Eine effektive Kontrolle sei zeitaufw&auml;ndig, hoch spezialisiert und personalintensiv &#8211; und deshalb allein mit parlamentarischen Mitteln nicht zu gew&auml;hrleisten. Gegen die parlamentarische Kontrolle spr&auml;chen zudem die mangelnde technische wie operative Expertise der meisten Parlamentarier\/innen, deren oft begrenzte Amtszeit (wodurch sie wenig Erfahrungen aufbauen k&ouml;nnen) sowie die Gefahr der Politisierung der Aufsicht (s.S.&nbsp;46).<\/p>\n<p>Bei der externen, durch Expertengremien ausge&uuml;bten Geheimdienstkontrolle hebt der Bericht die power des Belgischen Aufsichtskomitees hervor, das &uuml;ber eigenes Ermittlungspersonal und &uuml;ber polizeiliche Befugnisse verf&uuml;gt. In den Niederlanden und Norwegen haben die Kontrolleure zudem direkten Zugriff auf Dateien, Datenbanken und Korrespondenz der Dienste (S.&nbsp;49f.). Unter den Ombudspersonen ist der serbische &#8222;Protector of Citizens&#8220; erw&auml;hnenswert, der &uuml;ber die Bearbeitung individueller Beschwerden hinaus proaktiv t&auml;tig werden darf, auf Eigeninitiative hin Geheimdienstaktivit&auml;ten untersucht und die gerichtliche &Uuml;berpr&uuml;fung von &Uuml;berwachungsgesetzen veranlassen kann.<\/p>\n<p>Auch die gerichtliche Genehmigung bzw. Kontrolle von &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen weist dem Bericht zufolge mehrere Defizite auf: F&uuml;r die Qualit&auml;t der gerichtlichen Entscheidungen sei die technische wie organisatorische Expertise der Richter\/innen ebenso entscheidend wie in anderen Kontrollgremien. Zudem lie&szlig;e sich bei der gerichtlichen Genehmigung von &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen eine Tendenz zu &#8222;rupper-stamping decisions&#8220; ausmachen, bei denen die Antr&auml;ge der Geheimdienste nicht ernsthaft gepr&uuml;ft, sondern fast automatisch genehmigt werden. Das liege nicht zuletzt daran, dass Richter (im Gegensatz zu anderen Kontrolleuren) f&uuml;r die Folgen ihrer Entscheidung nicht zur Verantwortung gezogen werden. So wichtig dieser Grundsatz f&uuml;r eine unabh&auml;ngige Justiz sei, so kontraproduktiv ist er f&uuml;r ein externes Kontrollgremium. &#8222;By contrast, a minister or quasi-judicial authorising body can more easily be held to account in parliament or by an independent oversight body for the decision it makes and this possibility may have a salutary effect on decision making &#8230;&#8220; (S.&nbsp;56)<\/p>\n<p>Aus seinen Untersuchungen leitet der Bericht des Menschenrechtskommissars 25 konkrete Forderungen bzw. Empfehlungen ab, wie die Wirksamkeit der Geheimdienstkontrolle verbessert werden k&ouml;nne (S.&nbsp;11 ff.). Davon seien hier nur auszugsweise genannt:<\/p>\n<ul>\n<li>volle Kontrolle der internationalen Zusammenarbeit, Kooperationen und Datentransfers zwischen den Diensten (Nr.&nbsp;5)<\/li>\n<li>Vorab-Pr&uuml;fung und Genehmigung jeder geheimen Datenerfassung, auch bei ungezielter Massen&uuml;berwachung und auch dann, wenn es sich &#8222;nur&#8220; um Metadaten der Kommunikation handelt (Nr.&nbsp;6)<\/li>\n<li>Ausweitung der Kontrolle auf alle Informationen, die sich im Besitz der Dienste befinden &#8211; auch wenn sie von ausl&auml;ndischen Stellen empfangen wurden (Nr.&nbsp;14\/16)<\/li>\n<li>Aufsichtsorgane sollten rechtsverbindliche Anordnungen gegen&uuml;ber den Diensten erlassen, laufende &Uuml;berwachungsma&szlig;nahmen beenden bzw. &Uuml;berwachungsgenehmigungen widerrufen k&ouml;nnen (Nr.&nbsp;11).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wie wenig die Bundesregierung indes geneigt ist, solchen Forderungen nachzukommen, zeigen ihre mittlerweile ver&ouml;ffentlichen Antworten auf den Deutschland-Bericht des Kommissars.<\/p>\n<p><b>Anmerkung:<\/b><\/p>\n<p>[1] Vgl. dazu die Beitr&auml;ge von Huber und L&uuml;ders in vorg&auml;nge 206\/207.<\/p>\n<p><i>Nils Mui&#382;nieks: Bericht des Menschenrechtskommissars des Europarats nach seinem Besuch in Deutschland, am 24. April und vom 4. bis 8. Mai 2015 &#8211; CommDH(2015)20 vom 1.10.2015<\/i><\/p>\n<p><i>Democratic and effective oversight of national security services. Issue paper 2015\/2 published by the Council of Europe Commissioner for Human Rights, 5th June 2015 (deutsche Zusammenfassung erschienen als: Demokratische und wirksame Aufsicht &uuml;ber die nationalen Sicherheitsdienste. Themenpapier)<\/i><\/p>\n<p><i>Alle Berichte sind abrufbar unter <br \/><\/i><a href=\"https:\/\/wcd.coe.int\/rsi\/common\/index.jsp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>https:\/\/wcd.coe.int\/rsi\/common\/index.jsp<\/i><\/a><i>.<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[706,667],"autoren":[139],"publikationen":[1085],"class_list":["post-11495","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-geheimdienste","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-212-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Menschenrechtskommissar: Kontrolldefizite bei deutschen Geheimdiensten und allgemeine Empfehlungen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/menschenrechtskommissar-kontrolldefizite-bei-deutschen-geheimdiensten-und-allgemeine-empfehlungen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Menschenrechtskommissar: Kontrolldefizite bei deutschen Geheimdiensten und allgemeine Empfehlungen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge 212 (4\/2015), S. 151-154 Der Menschenrechtskommissar des Europarates (CHR), Nils Mui&#382;nieks, legte am 1. 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