{"id":11498,"date":"2016-01-04T10:30:00","date_gmt":"2016-01-04T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bundestag-anhoerung-zur-religionsfreiheit\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:09","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:09","slug":"bundestag-anhoerung-zur-religionsfreiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/bundestag-anhoerung-zur-religionsfreiheit\/","title":{"rendered":"Bundestag: Anh\u00f6rung zur Religionsfreiheit"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge 212 (4\/2015), S. 156-158<\/p>\n<p>(SL) Der Ausschuss f&uuml;r Menschenrechte und humanit&auml;re Hilfe des Bundestags f&uuml;hrte am 2. Dezember 2015 eine Anh&ouml;rung zum Thema &#8222;Religionsfreiheit und Demokratieentwicklung&#8220; durch. Als Sachverst&auml;ndige waren geladen: die Journalistin Khola Maryam H&uuml;bsch, der Politikwissenschaftler Dr. Andreas Jacobs, der Soziologe Prof. Dr. Matthias Koenig, die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher sowie die Juristin Dr. Kirsten Wiese (f&uuml;r die Humanistische Union).<\/p>\n<p>Die Fraktionen verbanden mit der Anh&ouml;rung sehr verschiedene Interessen, wie sich an ihren Fragestellungen zeigt: So interessierte sich die SPD ausschlie&szlig;lich f&uuml;r allgemeine Fragen der Religionsfreiheit, etwa zum Zusammenhang zwischen Religionsfreiheit und Demokratieentwicklung sowie f&uuml;r m&ouml;gliche Ma&szlig;nahmen zur St&auml;rkung der Religionsfreiheit bzw. der weltanschaulichen Neutralit&auml;t des Staates. Die Fragen der CDU dagegen richteten sich ausschlie&szlig;lich an &#8222;den Islam&#8220;: inwiefern dieser &uuml;berhaupt demokratief&auml;hig sei, welche Grundkonflikte zwischen islamischem und westlichem Rechtssystemen best&uuml;nden und ob ein staatlich gef&ouml;rderter &#8222;Euro-Islam&#8220; besser in die Verfassungsordnung zu integrieren w&auml;re. Die Oppositionsfraktionen schlie&szlig;lich erkundigten sich nach konkreten Bedingungen der Religionsfreiheit in Deutschland, etwa zum Zustand der Trennung von Staat und Kirchen, zur Rechtfertigung des kirchlichen Sonderarbeitsrechts oder der Diskriminierung nicht-christlicher Menschen hierzulande.<\/p>\n<p>Andreas Jaccobs vom NATO Defense College r&uuml;ckte in seiner Stellungnahme die verschrobene Perspektive einiger Fragen der Abgeordneten zurecht, indem er auf die enge Verbindung von Demokratie und Religionsfreiheit sowie die eigene Verantwortung &#8218;des Westens&#8216; hinwies: &#8222;Wer Demokratie f&ouml;rdert, f&ouml;rdert auch Religionsfreiheit und umgekehrt. Entscheidend ist hierbei die Glaubw&uuml;rdigkeit des f&ouml;rdernden bzw. einfordernden Akteurs. Die Gew&auml;hrung und Sicherung von Religionsfreiheit in Deutschland und Europa ist deshalb eine zentrale Grundlage f&uuml;r eine glaubw&uuml;rdige Forderung von Demokratie und Religionsfreiheit weltweit.&#8220; (Jacobs, S.&nbsp;1f.) Die beste Werbung f&uuml;r die Demokratie bestehe deshalb darin, wenn hier lebende Muslime die Vorz&uuml;ge einer Gesellschaft zu sch&auml;tzen lernen, die Religionsfreiheit praktiziert.<\/p>\n<p>Wie die Religionsfreiheit und die religi&ouml;se Vielfalt staatlicherseits zu gew&auml;hrleisten sind, dar&uuml;ber gingen die Meinungen jedoch weit auseinander. Andreas Jacobs sprach sich f&uuml;r eine staatliche Neutralit&auml;t, aber zugleich aktive Zusammenarbeit mit allen Religionen aus (nach dem Vorbild der &#8222;respektvollen Nicht-Identifikation&#8220;, S.&nbsp;7). Dieser Position einer kooperativen Neutralit&auml;t schloss sich Khola Maryam H&uuml;bsch weitgehend an. &#8222;Die Antwort des s&auml;kularen Rechtsstaates auf die Einschr&auml;nkung der negativen Religionsfreiheit durch staatlichen Verschleierungszwang in religi&ouml;s-fundamentalistischen Staaten wie Saudi-Arabien und Iran besteht nicht in Verschleierungsverboten, die lediglich die Vorzeichen einer freiheitsfeindlichen Religionspolitik umkehren, sondern in der Garantie der positiven wie negativen Religionsfreiheit bei strikter Wahrung religi&ouml;s-weltanschaulicher Neutralit&auml;t.&#8220; (H&uuml;bsch, S.&nbsp;6) Diese Neutralit&auml;t sieht H&uuml;bsch jedoch noch nicht gegeben. Sie verwies auf die unterschiedlichen Ma&szlig;st&auml;be, wenn f&uuml;r das Verbot von Kopft&uuml;chern oder Burka laizistische Argumente bem&uuml;ht werden, und der Staat andererseits eine enge Kooperation mit den christlichen Kirchen pflege.<\/p>\n<p>Kirsten Wiese sprach sich demgegen&uuml;ber f&uuml;r eine strikte Trennung von Staat und Kirche als Garanten staatlicher Neutralit&auml;t aus. Wie die staatliche Neutralit&auml;tsformel einfachgesetzlich zu gew&auml;hrleisten sei, lasse sich zwar nicht aus der Verfassung selbst ableiten, so Wiese. Zugleich formulierte sie vier Pr&auml;missen, an denen sich der staatliche Umgang mit Religionsgemeinschaften messen lassen m&uuml;sse:<\/p>\n<p>1. &#8222;Jede Privilegierung einer Religionsgemeinschaft ist zugleich eine Benachteiligung einer anderen und verletzt damit den Gleichheitsaspekt der Religionsfreiheit.&#8220; (Wiese, S.&nbsp;4)<br \/>2. Jede staatliche Verquickung mit religi&ouml;sen Inhalten oder Gemeinschaften beeintr&auml;chtigt die negative Religionsfreiheit derjenigen, die keiner Religionsgemeinschaft angeh&ouml;ren.<br \/>3. Positive wie negative Religionsfreiheit werden nicht schrankenlos gew&auml;hrt, sondern m&uuml;ssen sich in die &uuml;brigen Verfassungsvorgaben (insbesondere die konkurrierenden Grundrechte) einf&uuml;gen.<br \/>4. Das Demokratieprinzip (Art.&nbsp;20 Abs.&nbsp;1,2 GG) setzt voraus, dass alle staatlichen Vorgaben und Werte politisch auszuhandeln sind. &#8222;Religi&ouml;se Glaubenss&auml;tze aber sind letztlich unverhandelbar, der Staat darf sich solche Werte demnach nicht zu eigen machen.&#8220; (ebd.)<\/p>\n<p>Einig waren sich die Sachverst&auml;ndigen mehr oder weniger darin, dass der von der CDU eingebrachte Vorschlag eines staatlich gef&ouml;rderten (quasi gez&auml;hmten) Euro-Islams abzulehnen sei. Manche bef&uuml;rworteten zwar die Einrichtung theologischer Lehrst&uuml;hle an deutschen Universit&auml;ten, eine staatliche Einmischung in die Glaubensinhalte komme dennoch nicht in Frage. Oder mit den Worten von Kirsten Wiese: &#8222;Dem Staat steht es nicht zu, in den Religionsgemeinschaften zur Emanzipation zu erziehen, insoweit gilt deren Selbstbestimmungsrecht.&#8220; (Wiese, S.&nbsp;2)<\/p>\n<p>Verschiedene Auffassungen vertraten die Expert\/innen auch zum Verh&auml;ltnis von Scharia und Rechtsstaat: H&uuml;bsch verwies beispielsweise auf moderne Interpretationen der Scharia, die den jeweiligen Entstehungskontext einer Offenbarung ber&uuml;cksichtigen und sich gegen eine wortw&ouml;rtliche Auslegung des Koran wenden. In deren Lesart regle die Scharia drei Bereiche (Beziehung des Menschen zu Gott, Fragen der Gerechtigkeit und der menschlichen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft) und stehe keineswegs im Widerspruch zu einer s&auml;kularen Gesellschaft. Das zeige auch eine Studie der Universit&auml;t Teheran, nach der Neuseeland, Luxemburg und die skandinavischen L&auml;nder die Prinzipien der Scharia am besten verwirklicht h&auml;tten (w&auml;hrend Malaysia als bestes islamisches Land nur auf Platz 38 landet).<\/p>\n<p>Dagegen sah Jacobs eine un&uuml;berbr&uuml;ckbare Differenz zwischen den beiden Rechtsordnungen, die sich besonders in Geschlechterfragen, im Familienrecht, bei der Religionsfreiheit und im Strafrecht auswirke. Zugleich warnte er vor einer &Uuml;berbewertung der Scharia, denn: &#8222;Die von radikalen Islamisten geforderte &#8218;volle Anwendung der Scharia&#8216; ist eine Minderheitenposition und entspricht fast nirgendwo der Rechtswirklichkeit.&#8220; (Jacobs, S.&nbsp;10) Und obwohl die Scharia f&uuml;r viele Muslime zum Kernbestand ihres Glaubens geh&ouml;re, akzeptieren viele von Ihnen die s&auml;kulare Rechtsordnung. Deshalb solle der s&auml;kulare Rechtsstaat allen Bestrebungen entgegen treten, &#8222;die darauf abzielen, gemeinschaftliche Angelegenheiten von Religionsgemeinschaften teilweise nach eigenem statt nach s&auml;kularem Recht zu regeln &#8230;&#8220; (Jacobs, S.&nbsp;11) Wie sich diese Forderung allerdings mit dem bestehenden kirchlichen Sonderarbeitsrecht, den Staatskirchenvertr&auml;gen und anderen Sonderrechten f&uuml;r die christlichen Kirchen vertr&auml;gt, sei dahingestellt. Die von Jacobs eingeforderte Glaubw&uuml;rdigkeit und Vorbildwirkung jedenfalls erf&uuml;llt die Bundesrepublik kaum.<\/p>\n<p>Das gilt nach H&uuml;bsch auch f&uuml;r die westliche Au&szlig;enpolitik. Sie verwies auf die fatale B&uuml;ndnispolitik der westlichen Staaten im Nahen Osten, die sich aus geostrategischen Gr&uuml;nden ausgerechnet mit jenen Regimen verb&uuml;ndet haben, die &#8222;jede Entwicklung zu mehr Demokratie und Pluralismus [innerhalb der Religion wie in der Gesellschaft] im Keim ersticken&#8220; (H&uuml;bsch, S.&nbsp;8). Die westliche Au&szlig;enpolitik habe mehrfach dazu beigetragen, dass fundamentalistische Str&ouml;mungen im Islam erstarkt sind. Der in der islamischen Welt verbreitete Vorwurf einer westlichen Doppelmoral sei deshalb gut nachvollziehbar.<\/p>\n<p><i>Die Stellungnahmen der Sachverst&auml;ndigen sind auf der Bundestags-Webseite abrufbar unter <\/i><a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/blob\/398176\/d76b263991fa2e79bf8d0bc0fb962489\/stellungnahmen-data.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/www.bundestag.de\/blob\/398176\/d76b263991fa2e79bf8d0bc0fb962489\/stellungnahmen-data.pdf<\/i><\/a><i>.<br \/><\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[656,667],"autoren":[139],"publikationen":[1085],"class_list":["post-11498","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-religion","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-212-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bundestag: Anh\u00f6rung zur Religionsfreiheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/212-vorgaenge\/publikation\/bundestag-anhoerung-zur-religionsfreiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bundestag: Anh\u00f6rung zur Religionsfreiheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge 212 (4\/2015), S. 156-158 (SL) Der Ausschuss f&uuml;r Menschenrechte und humanit&auml;re Hilfe des Bundestags f&uuml;hrte am 2. 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