{"id":11521,"date":"2015-09-20T10:45:00","date_gmt":"2015-09-20T08:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-gutes-leben-am-ende-statt-gutem-tod\/"},"modified":"2015-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2015-09-20T10:00:00","slug":"ein-gutes-leben-am-ende-statt-gutem-tod","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/ein-gutes-leben-am-ende-statt-gutem-tod\/","title":{"rendered":"Ein gutes Leben am Ende statt gutem Tod?"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 225f.<\/p>\n<p><i>Atul Gawande: Being mortal. Illness, medicine and what matters in the end. London 2014, 228 Seiten <br \/>Erscheint im Herbst 2015 in Deutsch.<\/i><\/p>\n<p>&#132;Schokoladen-Eis essen und Football im Fernsehen gucken k\u00f6nnen&#147;, das war die Antwort des Patienten, der mit einem Tumor in der Wirbels\u00e4ule von den \u00c4rzten vor die Frage gestellt wurde, was er denn nach der bevorstehenden h\u00f6chst risikoreichen Operation mit Aussicht auf Querschnittsl\u00e4hmung mindestens noch k\u00f6nnen wolle. Seine Angeh\u00f6rigen zeigten sich schockiert, immerhin war ihr Vater, Gro\u00dfvater und Bruder doch Professor, von dem sie eine weniger banale Antwort erwartet hatten.<\/p>\n<p>Genau auf diese sehr konkreten W\u00fcnsche von Patienten, die dem Tod ins Auge schauen m\u00fcssen, kommt es aber an. Das sagt Atul Gawande, 1965 geboren, in seinem 2014 erschienenen Buch &#132;Being mortal&#147; (Sterblich sein), das in den USA zu einem Bestseller wurde. Gawande ist praktizierender Chirurg und Professor f\u00fcr Chirurgie an der Harvard Medical School, aus urspr\u00fcnglich indischer Familie in zweiter Generation in den USA lebend, und au\u00dferdem Autor gut geschriebener B\u00fccher sowie Essays f\u00fcr die Zeitschrift &#132;New Yorker&#147;.<\/p>\n<p>Gewiss: Es gab in der Menschheitsgeschichte wohl niemals bessere Zeiten f\u00fcrs Altwerden, schreibt Gawande. Aber was passiert, wenn nach der Phase des &#132;Independent Self&#147; unweigerlich Abh\u00e4ngigkeit und Angewiesensein auf Hilfe folgen und schlie\u00dflich der Mut von Patienten gefordert ist zu sagen, was sie sich f\u00fcr ihre letzte Lebensphase konkret w\u00fcnschen? Es sind die zahlreichen Patientengeschichten und die vielen Anekdoten aus seiner \u00e4rztlichen Praxis, die Gawandes gut geschriebenes Buch auch unterhaltsam machen. Interessant ist der Blick des Autors auf die Generationenverh\u00e4ltnisse im Westen vor dem Hintergrund der kulturellen Differenz zu Indien. Er verkl\u00e4rt nicht die Gro\u00dffamilie dort und wie sie die Alten integriert, sondern sieht auch im Generationenverh\u00e4ltnis der USA Freiheitsmomente, die er &#132;Intimacy of distance&#147; nennt. Weniger als zehn Prozent der Alten w\u00fcrden in den USA bei ihren Kindern wohnen.<\/p>\n<p>Selten d\u00fcrfte das Altern so konkret und bisweilen voller Ironie beschrieben worden sein wie im Kapitel &#132;Things fall apart&#147;. Dass unser Gehirn mit dem Alter kleiner wird, leider dort zuerst, wo Urteilsverm\u00f6gen und Planungsf\u00e4higkeit sitzen und am Hippocampus, wo das Erinnerungsverm\u00f6gen angesiedelt ist, und unsere Knochen und Z\u00e4hne immer weicher, der Rest des K\u00f6rpers aber immer steifer wird &#150; das alles erleben und wissen wir. Der von ihm genannte 97-J\u00e4hrige, der immer noch Marathon l\u00e4uft, scheint f\u00fcr viele aber das Bild zu sein, an dem sie ihre Gebrechlichkeit messen. &#132;Dass Krankheit und Gebrechlichkeit kommen, ist so sicher wie der Sonnenuntergang&#147;, ruft Gawande uns zu und weiter: &#132;Wir brauchen Hilfe, &#8230;betrachten dies aber als Schw\u00e4che und nicht als den normalen und zu erwartenden Status.&#147;<\/p>\n<p>In acht Kapiteln beschreibt &#132;Being Mortal&#147; jenen Prozess, der am Ende auf &#132;Das schwierige Gespr\u00e4ch&#147; zul\u00e4uft. Es ist das Gespr\u00e4ch \u00fcber das Lebensende und was einem Patienten im tiefsten Innern wirklich wichtig ist. Dieses Gespr\u00e4ch, auf das Mediziner in ihrer Ausbildung kaum vorbereitet werden, k\u00f6nnen nur \u00c4rzte f\u00fchren, die empathisch durch die &#132;richtigen&#147; Fragen ihren Patienten dazu verhelfen, diese letzten W\u00fcnsche zu artikulieren: Es ist &#132;the interpretive doctor&#147;. Demgegen\u00fcber stehen &#132;the paternalistic doctor&#147;, der vorgibt, was f\u00fcr eine Behandlung angesagt ist, und &#132;the informative doctor&#147;, der mit seinem Angebot an Optionen die Patienten schwindelig redet.<\/p>\n<p>Um es gleich vorweg zu sagen: Nicht assistierter Freitod, dem er nur wenige Zeilen widmet, sondern &#132;assisted living&#147; steht im Zentrum des Buches. Gawande hat als Arzt zu viel Patientenleid gesehen, um sich gegen einen assistierten Freitod auszusprechen. Er unterst\u00fctzt eine Gesetzgebung, die diesen erlaubt. Aber wo dieser wie z.B. in den Niederlanden m\u00f6glich ist, sieht Gawande das Hospizwesen und die Palliativmedizin deutlich unterentwickelt. Es war der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA lang gehegte Glaube an die gewaltigen Fortschritte der Medizin und der damit verbundene gesetzlich abgesicherte Lebensverl\u00e4ngerungswahn, die auch dort erst langsam eine Kultur des Hospizwesens und der Palliativmedizin haben entstehen lassen.<\/p>\n<p>Die Perspektive der Gebrechlichen und Todkranken, die ihre Unabh\u00e4ngigkeit verlieren, und nicht die der \u00c4rzte und besorgten Angeh\u00f6rigen, die vor allem Sicherheit f\u00fcr das Familienmitglied wollen, nimmt Gawande ein. Diese haben Priorit\u00e4ten, die \u00fcber reine Lebensverl\u00e4ngerung hinaus gehen. Es sind &#132;Narrative&#147; und wie jede gute Erz\u00e4hlung sollen diese auch ein Ende haben, das zur Lebensgeschichte passt. An der Krankengeschichte seines Vaters, der ebenfalls Chirurg war, schildert der Autor den Verlauf bis hin zum &#132;Schwierigen Gespr\u00e4ch&#147; und dem Verzicht auf weitere Tumor-Behandlungen im Austausch f\u00fcr wenige verbliebene Tage gr\u00f6\u00dferer Lebensqualit\u00e4t. Zum &#132;schwierigen Gespr\u00e4ch&#147; geh\u00f6rte der erste Besuch einer Hospiz-Home-Betreuerin, die in der intensiven Befragung des neuen Patienten auch um Auskunft bat: &#132;Welches Bestattungsinstitut wollen Sie beauftragen?&#147; Zun\u00e4chst schockiert \u00fcber solche Direktheit, musste der Autor aber anerkennen, dass auch derartige Fragen durch ihre gro\u00dfe Ehrlichkeit die letzten und tiefsten W\u00fcnsche artikulieren helfen.<\/p>\n<p>Bezeichnenderweise ist das letzte Kapitel mit &#132;Mut&#147; \u00fcberschrieben. Es ist der Mut, sich f\u00fcr bessere Lebensqualit\u00e4t um den Preis k\u00fcrzerer Lebenszeit auszusprechen. &#132;Unser letztes Ziel ist nicht ein guter Tod, sondern ein gutes Leben ganz am Ende&#147;, schreibt Gawande und meint: &#132;&#130;Assisted Living&#146; ist viel schwieriger als &#130;Assisted death&#146;, aber die M\u00f6glichkeiten sind ebenfalls viel gr\u00f6\u00dfer.&#147; Dazu geh\u00f6rt, dass man mit der Infantilisierung der Alten und Kranken aufh\u00f6rt, denen die Dominanz des Sicherheitsdenkens der Pflegenden und Angeh\u00f6rigen grundlegende Freiheiten nimmt. Und dazu geh\u00f6ren \u00c4rzte, die gelernt haben, Patientenw\u00fcnsche f\u00fcr das Lebensende mindestens ebenso ins Zentrum zu stellen wie ihre medizin-technischen M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><i>Werner Koep-Kerstin<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[133],"publikationen":[1433],"class_list":["post-11521","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-werner-koep-kerstin","publikationen-210-211"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein gutes Leben am Ende statt gutem Tod? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/ein-gutes-leben-am-ende-statt-gutem-tod\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein gutes Leben am Ende statt gutem Tod? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 225f. 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