{"id":11522,"date":"2015-09-20T10:30:00","date_gmt":"2015-09-20T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/plaedoyer-fuer-die-selbstbestimmung-am-lebensende\/"},"modified":"2015-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2015-09-20T10:00:00","slug":"plaedoyer-fuer-die-selbstbestimmung-am-lebensende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/plaedoyer-fuer-die-selbstbestimmung-am-lebensende\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Selbstbestimmung am Lebensende"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 227-229<\/p>\n<p><i>Arnold, Uwe-Christian: Letzte Hilfe. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das selbstbestimmte Sterben. Unter Mitarbeit von Michael Schmidt-Salomon. Reinbek: Rowohlt, 2014, 240 S.<\/i><\/p>\n<p>Das Buch, das der Arzt Uwe-Christian Arnold zusammen mit Michael Schmidt-Salomon vorgelegt hat, ist ein Beitrag zur Diskussion \u00fcber die \u00e4rztlich assistierte Selbstt\u00f6tung, der sich durch eine klare und gut begr\u00fcndete und belegte Argumentation auszeichnet. Arnold hat als Arzt mehrfach Personen, die ihrem Leben ein Ende zu setzen w\u00fcnschten, geholfen, diesen Wunsch zu erf\u00fcllen. Im ersten Teil seines Buches &#132;Aus der Praxis eines Sterbehelfers&#147; schildert er einige dieser F\u00e4lle und auch die Auseinandersetzung mit der Berliner \u00c4rztekammer, die sich daraus\u00a0 ergab und die \u00fcbrigens mit einer gerichtlichen Entscheidung zu seinen Gunsten endete.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, zu betonen, dass Arnold sich bei seiner Hilfe stets an die geltende Rechtslage gehalten hat, die eine T\u00f6tung auf Verlangen ausschlie\u00dft (\u00a7\u00a0216 StGB), auch wenn die sog. Garantenstellung ihn als Arzt dazu zwang, dem eigentlichen Sterbevorgang seiner Patienten fernzubleiben. Die einf\u00fchlsam und eindrucksvoll geschilderten F\u00e4lle, den einer Krebspatientin im finalen Stadium und den eines ALS-Patienten, mit denen das Buch beginnt, sprechen im \u00fcbrigen f\u00fcr sich. Arnold betont zu Recht, dass die Gesetzeslage den \u00e4rztlich assistierten Freitod in keiner Weise unter Strafe stellt, auch wenn gerade bei Medizinern oft \u00fcber die rechtlichen Fragen in diesem Bereich eine bemerkenswerte Unkenntnis herrscht.<\/p>\n<p>Hilfreich ist auch sein Vorschlag, entgegen der immer noch gebr\u00e4uchlichen und missverst\u00e4ndlichen Rede von &#130;aktiver&#145;, &#130;passiver&#145; und &#130;indirekter&#145; Sterbehilfe (so auch noch in einer Brosch\u00fcre zur Suizidpr\u00e4vention des Familienministeriums) zwischen der Sterbebegleitung, n\u00e4mlich der normalen palliativmedizinischen Versorgung am Lebensende, dem Behandlungsabbruch, etwa durch Unterbrechung der Nahrungs- und Fl\u00fcssigkeitszufuhr, der Beihilfe zum Suizid, und schlie\u00dflich der T\u00f6tung auf Verlangen zu unterscheiden. Von diesen Handlungsoptionen ist nur die letzte (noch) strafbedroht (80). Die drei ersten sind es nicht, sofern sie jeweils dem Wunsch des Patienten entsprechen.<\/p>\n<p>Im Teil 2 &#132;Das selbstbestimmte Sterben und seine Gegner&#147; behandelt Arnold dann die rechtlichen und rechtsphilosophischen Fragen zum Thema des selbstbestimmten Sterbens. Er beginnt mit dem Eid des Hippokrates, auf den sich die Gegner gerade des \u00e4rztlich assistierten Suizids gerne berufen. Wie diese Gegner versteht aber auch Arnold die entsprechende Textstelle so, dass dort &#132;Bezug auf den \u00e4rztlich assistierten Suizid&#147; (80) genommen wird, ein Verst\u00e4ndnis, das auch durch die gew\u00e4hlte \u00dcbersetzung (einer \u00c4rztekammer) bef\u00f6rdert wird: &#132;Ich werde niemandem, auch auf eine Bitte nicht, ein t\u00f6dlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen.&#147; Mit dem ersten &#132;auch&#147;, das im griechischen Text gar nicht steht, wird in der Tat die Auffassung nahegelegt, dass es sich um eine Bitte des Patienten handelt, dass also &#132;eine Bitte&#147; hier soviel hei\u00dfe wie &#132;seine Bitte&#147;. Was der Text tats\u00e4chlich sagt ist: &#132;Ich werde, wenn ich darum gebeten\/dazu aufgefordert werde, niemandem ein t\u00f6dlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen.&#147; Die damals bekannten t\u00f6dlichen Gifte, Arsenik oder Schierling, f\u00fchrten alle zu einem sehr qualvollen Sterben. Das allein schon macht die Bitte eines Patienten um ein solches Gift ziemlich unwahrscheinlich, zumal da sich eine Selbstt\u00f6tung auf schonendere Weise durch das \u00d6ffnen der Pulsadern im warmem Bad erreichen lie\u00df. Mit dem angef\u00fchrten Satz d\u00fcrfte sich der Arzt vielmehr dagegen sch\u00fctzen wollen, zum Mordgehilfen gemacht zu werden. Daf\u00fcr spricht auch der Kontext: im unmittelbar vorhergehenden Satz versichert der Arzt, dass er sein Wissen nur zum Nutzen der Patienten, aber nie zu Unrecht und zu jemandes Schaden anwenden wird.<\/p>\n<p>Der Antike war die moralische Stigmatisierung der Selbstt\u00f6tung ohnehin fremd; sie kam erst mit dem Christentum auf, genauer gesagt mit der Theologie des Augustinus, wie im letzten Kapitel dieses Teils dargelegt wird. Weder im Alten noch im Neuen Testament gibt es eine Verdammung der Selbstt\u00f6tung. Erst die Aufkl\u00e4rung hat hier wieder eine Ankn\u00fcpfung an die Tradition der Antike m\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>Ein Standardargument der Gegner ist die Behauptung, mit der Zulassung der Freitodbegleitung oder gar der T\u00f6tung auf Verlangen w\u00fcrde ein Dammbruch begangen: Es sei dann kein Halten mehr auf dem Weg zur &#132;T\u00f6tung ohne Verlangen&#147;, vor dem etwa der katholische M\u00fcnchener Philosoph Spaemann glaubt warnen zu m\u00fcssen. Es ist eines der Verdienste dieses Buches, im Kapitel 5 auf die empirischen Fakten aus den USA und aus den Beneluxl\u00e4ndern aufmerksam zu machen, die das genaue Gegenteil belegen. Durch die Zulassung des \u00e4rztlich assistierten Suizids in diesen L\u00e4ndern ist die Gefahr, durch \u00e4rztliche Ma\u00dfnahmen in der rechtlichen Grauzone fremdbestimmt zu sterben, weitaus geringer als dort, wo diese Hilfe tabuisiert ist (131f.). Insbesondere aber gehen die Versuche, sich aus Verzweiflung umzubringen, die ja oft genug nicht mit dem Tode, sondern mit einem elenden Weiterleben enden, dort zur\u00fcck, wo die M\u00f6glichkeit einer \u00e4rztlichen Freitodbegleitung besteht (133). Auch das Argument, mit der Zulassung der \u00e4rztlichen Freitodbegleitung w\u00fcrden die M\u00f6glichkeiten der palliativen Versorgung nicht weiter ausgebaut, wird durch empirische Fakten nicht belegt. In Oregon, dem Staat der USA, in dem aufgrund des Death With Dignity Act seit 1997 die \u00e4rztliche Freitodbegleitung legalisiert wurde, ist die Palliativversorgung weiter ausgebaut worden, so dass Oregon jetzt als der Staat der USA mit der besten Palliativversorgung gilt (128). Allerdings weist Arnold auch darauf hin, dass die Palliativmedizin keineswegs alle Schmerzen unterdr\u00fccken kann.<\/p>\n<p>Im dritten und letzten Teil &#132;Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Sterben in W\u00fcrde&#147; kommen zun\u00e4chst wieder Patienten zu Wort, denen allein die M\u00f6glichkeit, durch sicher wirkende Medikamente aus dem Leben scheiden zu k\u00f6nnen, den Abschied aus ihrem Leben sehr erleichtert hat, oft auch ohne dass sie von diesen Mitteln Gebrauch machen mussten. Ersch\u00fctternder ist allerdings die Schilderung vergeblicher Versuche, sich das Leben zu nehmen (etwa 173-176), und der inhumanen Praxis der Pflegeheime, die oft die Erf\u00fcllung eines Sterbewunsches aktiv zu verhindern suchen. Dabei sollte die gesellschaftliche Problematik der Selbstt\u00f6tung schon aufgrund des schieren Umfangs dieser Todesf\u00e4lle und Freitodversuche als sozialpolitisches Problem ersten Ranges behandelt werden: 13.000 Suizidtote und 200.000 Suizidverletzte sprechen eine deutliche Sprache, durch Selbstt\u00f6tung sterben in Deutschland dreimal mehr Menschen als durch Verkehrsunf\u00e4lle! Die Antwort der Politik darauf bestand bisher in einem &#132;Nationalen Suizidpr\u00e4ventionsprogramm&#147;, dessen Unzul\u00e4nglichkeit und falsche Zielrichtung die Autoren \u00fcberzeugend kritisieren. Der Respekt vor dem Recht auf Selbstbestimmung des Menschen auch am Ende des Lebens d\u00fcrfte vermutlich das wirksamste Mittel sein, jene gro\u00dfe Zahl an Suiziden zu vermindern, die aus Angst vor einem inhumanen Sterben vorgenommen werden. Gerade weil das Buch mit seinen Argumenten in die laufende Debatte zur Sterbehilfe eingreifen will, ist es schade, dass es keine Register und auch kein Literaturverzeichnis enth\u00e4lt. Beides h\u00e4tte seinen Gebrauchswert f\u00fcr die politische Auseinandersetzung erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Es ist ein bleibendes Verdienst der beiden Autoren, das Recht auf einen selbstbestimmten Tod gegen eine unheilige Allianz aus Vertretern der Kirchen und der Pharma- und Pflegeindustrie \u00fcberzeugend verteidigt zu haben. Man kann nur hoffen, dass ihre Argumente in der \u00f6ffentlichen Diskussion \u00fcber die Versuche, den \u00e4rztlich assistierten Freitod gesetzlich einzuschr\u00e4nken, insbesondere aber auch in der anstehenden parlamentarischen Beratung die Beachtung finden, die sie verdienen.<\/p>\n<p><i>Theodor Ebert, Erlangen<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[505],"publikationen":[1433],"class_list":["post-11522","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-theodor-ebert","publikationen-210-211"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/plaedoyer-fuer-die-selbstbestimmung-am-lebensende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 227-229 Arnold, Uwe-Christian: Letzte Hilfe. 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