{"id":11525,"date":"2015-09-20T09:30:00","date_gmt":"2015-09-20T07:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-nazis-sind-nicht-wie-eine-heuschreckenplage-gekommen\/"},"modified":"2015-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2015-09-20T10:00:00","slug":"die-nazis-sind-nicht-wie-eine-heuschreckenplage-gekommen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/die-nazis-sind-nicht-wie-eine-heuschreckenplage-gekommen\/","title":{"rendered":"\u201eDie Nazis sind nicht wie eine Heuschreckenplage gekommen.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Lars Kraume \u00fcber seinen Film zu Fritz Bauer, in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 236-239<\/p>\n<p><i>Sie haben in der Vergangenheit Kinofilme und TV-Filme inszeniert. Warum haben Sie &#132;Der Staat gegen Fritz Bauer&#147; jetzt als Kinofilm inszeniert? <\/i><\/p>\n<p>Wir hatten das Gef\u00fchl, dass Fritz Bauer so gro\u00df, beeindruckend und inspirierend ist, dass man diese Geschichte im Kino zeigen sollte. Diese Erz\u00e4hlung f\u00fcllt die Leinwand ebenso wie Burghart Klau\u00dfner, wenn er Fritz Bauer spielt. Die Suche nach Eichmann, dieser symboltr\u00e4chtigen Figur des Holocaust, gab mir die M\u00f6glichkeit, einen Film \u00fcber dieses dunkle Kapitel der europ\u00e4ischen Geschichte zu machen, ohne dass ich das Leid in Bildern ausbeuten musste. Es findet alles im Subtext der Ermittlung statt.<\/p>\n<p><i>Wie sind Sie auf den Stoff gekommen? Nach Ilona Zioks Dokumentarfilm &#132;Tod auf Raten&#147;, dann &#132;Im Labyrinth des Schweigen&#147; und der demn\u00e4chst erscheinenden SWR-Produktion &#132;Der General&#147;: Was war da Ihre Motivation, jetzt noch einen Spielfilm zu machen und den auf die Adolf-Eichmann-Episode zu konzentrieren?<\/i><\/p>\n<p>Der Ilona-Ziok-Film ist ja schon etwas \u00e4lter. Den kennen, glaube ich, alle, die jetzt einen Fritz-Bauer-Film machen. Die anderen Filme sind ja alle parallel entstanden. Ich habe mit diesem Projekt vor vier Jahren angefangen, als mein Co-Autor Olivier Guez sein Buch &#132;Die Heimkehr der Unerw\u00fcnschten. Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945&#147; (Piper) auf Deutsch ver\u00f6ffentlichte. In dem Buch, in dem es darum geht, wie j\u00fcdisches Leben nach 1945 stattfand und sich j\u00fcdische Gemeinden wieder entwickelten, wird auch Fritz Bauer erw\u00e4hnt. So bin ich auf ihn aufmerksam geworden. Das war noch bevor ich Zioks Dokumentarfilm gesehen habe. Ich sprach mit Olivier \u00fcber die Idee, \u00fcber diese interessante Figur einen Film zu machen, weil er der einzige Ankl\u00e4ger in dieser sonst stummen Zeit war.<\/p>\n<p>Warum jetzt pl\u00f6tzlich verschiedene Filmemacher dieses Thema zur gleichen Zeit ausgegraben haben, wei\u00df ich nicht. Aber man sieht ja immer wieder, dass bestimmte Dinge in der Luft liegen. Es gab eine Weile jedes Jahr mehrere Filme, die sich mit der Baader-Meinhof-Bande und dem Deutschen Herbst besch\u00e4ftigt haben. Und pl\u00f6tzlich sind eben diese stummen f\u00fcnfziger Jahre f\u00fcr uns interessant. Vielleicht liegt es daran, dass wir merken, dass jetzt die letzten Zeitzeugen sterben und dass es Zeit ist, \u00fcber die Gr\u00fcndungsjahre der Bundesrepublik Geschichten zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><i>Bei den j\u00fcngeren Filmen f\u00e4llt eine Verschiebung der Schuldfrage auf. W\u00e4hrend fr\u00fcher die Nazi-Diktatur als Betriebsunfall und als Tat einiger Weniger geschildert wurde, betont man jetzt die Kontinuit\u00e4t und die Tatsache, dass alle Deutschen darin verwickelt waren. Kann diese Verschiebung auch an dem zunehmenden zeitlichen Abstand liegen?<\/i><\/p>\n<p>Es ist jedenfalls interessant, dass die Regisseure im Neuen Deutschen Film das in den Siebzigern nicht thematisierten. Jedenfalls f\u00e4llt mir kein Film ein, au\u00dfer vielleicht &#132;Die Sehnsucht der Veronika Voss&#147; von Rainer Werner Fassbinder.<\/p>\n<p>Mein Film sagt aber nicht, dass es keine Ver\u00e4nderung zwischen dem dritten Reich und der jungen Bundesrepublik gab. Die Deutschen gr\u00fcndeten eine neue Demokratie mit einer neuen Verfassung, in der aber alle alten Nazis weiter lebten und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft, auch in den Eliten. Gleich nach dem Krieg gab es diesen wahrscheinlich auch ganz menschlichen Reflex, \u00fcber das unglaubliche Grauen, das im Dritten Reich passiert war, einfach nicht zu reden. Und dieses Schweigen war nat\u00fcrlich ein Problem f\u00fcr einen wirklichen Neuanfang.<\/p>\n<p>Die Opfer wollten und konnten auch nicht \u00fcber ihr Leid sprechen. Die Schizophrenie der f\u00fcnfziger Jahre in der BRD, mit dem Wirtschaftswunder und der damit einhergehenden guten Laune einerseits, und den Gespenstern des Krieges und dem Schweigen \u00fcber die vielen Verbrechen andererseits, sind nat\u00fcrlich interessant f\u00fcr ein Drama. Alles ist unausgesprochen, aber voller Bedeutung. <br \/>In diesem Schweigen ist Bauer eine Ausnahmeerscheinung, weil er voller \u00dcberzeugung gegen das gesellschaftliche Klima sagt: &#8218;Es muss \u00fcber die Vergangenheit geredet werden, weil sonst dieses junge Land keine richtige Zukunft hat.&#8216;<\/p>\n<p><i>Welche Rolle spielte bei ihren Recherchen das Fritz-Bauer-Institut?<\/i><\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe. Ich trat ganz fr\u00fch mit Werner Renz, der das Archiv beim Fritz-Bauer-Institut leitet, und dem damaligen Leiter Raphael Gross, der jetzt in Leipzig eine Professur f\u00fcr J\u00fcdische Geschichte und Kultur innehat, in Kontakt. Dort kannte man das Projekt von der ersten Stunde an und stand mir jederzeit bei meinen Recherchen zur Verf\u00fcgung. Bei strittigen Punkten hatte Herr Renz auch immer beide Seiten im Blick und hat auf neue Publikationen zu aktuellen Debatten hingewiesen. <br \/>Die Mitarbeiter am Institut haben auch nie versucht, das Projekt zu vereinnahmen, sondern standen uns ganz professionell als Wissenschaftler und Historiker zur Seite, die sich ja nicht nur mit Fritz Bauer besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><i>Haben Sie die aktuellen Diskussionen \u00fcber Fritz Bauer verfolgt?<\/i><\/p>\n<p>Sicher. Es gibt ja zwei Lager. Das eine sagt, dass Bauer nicht homosexuell war, und es sei auch falsch, ihn als Juden darzustellen. Er wurde ermordet und er habe sich den Nazis nie unterworfen. Das sind die Hauptaspekte, \u00fcber die gestritten wird.<\/p>\n<p>Der Aspekt der Unterwerfung ist schwierig zu beurteilen, weil in einem Zeitungsabdruck der &#132;Unterwerfungserkl\u00e4rung&#147; ein m\u00f6glicher Druckfehler aus &#132;Fritz Bauer&#147; &#132;Fritz Hauer&#147; macht. Andererseits findet sich im Lagebericht des w\u00fcrttembergischen Reichsstatthalters Wilhelm Murr an die Reichskanzlei vom 5. November 1933 der korrekte Name im Zusammenhang mit der Unterwerfung.<\/p>\n<p>Bauer war definitiv mit den anderen Personen, welche eine Unterwerfungserkl\u00e4rung unterschrieben haben, damals aus dem Ulmer Garnisonsarresthaus entlassen worden, wo er nach seiner Internierung im KZ Heuberg inhaftiert war. Wenn er die Erkl\u00e4rung nicht abgegeben h\u00e4tte, w\u00e4re zu fragen, wieso er \u00fcberhaupt entlassen wurde. Ich verstehe allerdings nicht, wieso ein Lippenbekenntnis in diesem Moment der gr\u00f6\u00dften Not das Ansehen dieses Mannes schm\u00e4lern sollte. <br \/>Die Fraktion, die kritisierte, dass Ronen Steinke in seiner Biographie und das Fritz-Bauer-Institut in der Ausstellung die Frage der Homosexualit\u00e4t ansprechen, sagt, seine sexuelle Orientierung tue nichts zur Sache. Das stimmt insofern nicht ganz, weil man damals, wenn man seine Homosexualit\u00e4t auslebte, straff\u00e4llig wurde und wenn man als Generalstaatsanwalt t\u00e4tig sein und Nazis jagen wollte, dann musste man seine Sexualit\u00e4t negieren. Man musste sie ablegen. Das ist ein Opfer, das zu verlangen f\u00fcr jeden Menschen wahnsinnig gro\u00df ist. Heute glaubt jeder Erwachsene, das Recht auf seine sexuelle Freiheit zu haben. Aber Fritz Bauer hatte sie nicht. Er konnte sie &#150; wenn er homosexuell war, was der Ausl\u00e4nderrapport der d\u00e4nischen Polizei nahe legt &#150; nicht ausleben.<\/p>\n<p>Ich sehe nicht, wie das sein Ansehen schm\u00e4lern sollte. F\u00fcr mich steigert es das nur. Mir zeigt es, dass Bauer wahnsinnige Opfer gebracht hat, die kaum jemand, den ich kenne, f\u00fcr seinen Job und seine Ziele bringen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><i>Warum erw\u00e4hnen Sie im Film Bauers Parteizugeh\u00f6rigkeit nur nebenbei, w\u00e4hrend Sie die Frage seiner Homosexualit\u00e4t sehr in den Mittelpunkt r\u00fccken?<\/i><\/p>\n<p>Ich finde, wir betonen die Homosexualit\u00e4t nicht so sehr. Im Mittelpunkt steht ja die Jagd nach Eichmann und die damit verbundene Entscheidung Bauers, gegen seinen Diensteid zu versto\u00dfen und Landesverrat zu begehen.<\/p>\n<p>Aber wir haben den jungen Staatsanwalt Karl Angermann erfunden, der symbolisch f\u00fcr die Wirkung Fritz Bauers auf die junge Generation steht. Eine Generation, die Bauer mit seinen Schriften, seinen \u00f6ffentlichen Auftritten und seiner Arbeit ansprach. Zu jung, um im Dritten Reich wirklich eine Funktion \u00fcbernommen zu haben. Aber alt genug, um in der Bundesrepublik Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Fritz Bauer war sehr interessiert an diesen jungen Leuten. Er will, dass Leute wie Angermann aktiv sind, dass sie sich r\u00fchren und m\u00fchen.<\/p>\n<p>Bauers Mitgliedschaft in der SPD kommt zudem in einigen Szenen zum Ausdruck. Er spricht dar\u00fcber mit Georg August Zinn, dem damaligen hessischen Ministerpr\u00e4sidenten, den er aus dem Reichsbanner Schwarz Rot Gold kannte. Und er redet \u00fcber seine Freundschaft zu Kurt Schumacher.<\/p>\n<p><i>Warum genau hatten Sie an dieser Stelle das Gef\u00fchl von den Fakten abweichen zu m\u00fcssen?<\/i><\/p>\n<p>Wir haben Karl Angermann fiktionalisiert, weil uns eine weitere real existierende Person als Dramatiker wahnsinnig unter Zugzwang gesetzt h\u00e4tte. Man h\u00e4tte einer weiteren Figur gerecht werden m\u00fcssen. Als Autor eines Spielfilms kann man sich dann zwischen all diesen Fakten aber kaum noch bewegen. Karl Angermann als Nebenfigur haben wir erfunden, weil er all diejenigen M\u00e4nner symbolisiert, zu denen Bauer ein mentorenhaftes Verh\u00e4ltnis gepflegt hat.<\/p>\n<p>Bauer wird im Film nicht als aktiver Homosexueller dargestellt, obwohl er wahrscheinlich entsprechende Erlebnisse hatte. Er ist ein Mann, der wei\u00df, was ein Leben als Homosexueller zu dieser Zeit bedeutete. Angermann wiederum ist verkappt schwul. Er kann es nicht ausleben, weil es verboten ist.<\/p>\n<p>Wir wollten zeigen, wie die junge BRD moralische Versch\u00e4rfungen und Missst\u00e4nde der Nazis in den F\u00fcnfzigern einfach \u00fcbernommen hat. Dass es Leute gab, die sich zwar Demokraten nannten, aber weiterhin mit Nazi-Gesetzen arbeiteten. Man h\u00e4tte 1945 oder 1948 mit der Gr\u00fcndung der Bundesrepublik einen gr\u00f6\u00dferen Schritt machen k\u00f6nnen, indem man sich wieder an der Weimarer Verfassung oder an weiter entwickelten demokratischen Grundordnungen orientiert. Stattdessen blieb man indoktriniert von den Moral-Vorstellungen der Nazis.<\/p>\n<p>All diese Aspekte wollten wir in &#132;Der Staat gegen Fritz Bauer&#147; thematisieren: Um zum Ausdruck zu bringen, dass Bauer so entschlossen war, Nazis ihrer gerechten Strafe zuzuf\u00fchren, dass er sein privates Leben daf\u00fcr geopfert hat. Sein Recht auf \u00c4u\u00dferung der eigenen Sehns\u00fcchte und Sexualit\u00e4t. Er sa\u00df abends allein in seiner Wohnung, litt unter den Morddrohungen und hatte auch keinen Kontakt zur j\u00fcdischen Gemeinde in Frankfurt, weil er sich st\u00e4ndig dem Vorwurf des Rache-Juden ausgesetzt sah. Das hat ihn zu einem sehr einsamen Menschen gemacht. Aber er musste sich so verhalten, denn sonst h\u00e4tte er diesen Job nicht machen k\u00f6nnen. F\u00fcr mich macht ihn das zu einer interessanten, schillernden und noch beeindruckenderen Figur, als wenn ich ihn einfach nur als Nazi-J\u00e4ger und Humanisten portr\u00e4tiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p><i>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<br \/>Das Interview f\u00fchrte Axel Bu\u00dfmer. <\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[174],"publikationen":[1433],"class_list":["post-11525","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-axel-bussmer","publikationen-210-211"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eDie Nazis sind nicht wie eine Heuschreckenplage gekommen.\u201c - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/die-nazis-sind-nicht-wie-eine-heuschreckenplage-gekommen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eDie Nazis sind nicht wie eine Heuschreckenplage gekommen.\u201c - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Lars Kraume \u00fcber seinen Film zu Fritz Bauer, in: vorg\u00e4nge 210\/211 (2+3\/2015), S. 236-239 Sie haben in der Vergangenheit Kinofilme und TV-Filme inszeniert. 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