{"id":11528,"date":"2015-09-20T08:00:00","date_gmt":"2015-09-20T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/datenschutzkontrolle-auf-bundesebene-unabhaengiger-und-effektiver\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:05","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:05","slug":"datenschutzkontrolle-auf-bundesebene-unabhaengiger-und-effektiver","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/datenschutzkontrolle-auf-bundesebene-unabhaengiger-und-effektiver\/","title":{"rendered":"Datenschutzkontrolle auf Bundesebene \u0096 unabh\u00e4ngiger und effektiver?*"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 210\/211 (2-3\/2015), S. 245-250<\/p>\n<p><i>Am 18. Dezember 2014 verabschiedete der Deutsche Bundestag &Auml;nderungen am Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), die vor allem die institutionelle Stellung der Bundesbeauftragten f&uuml;r den Datenschutz und die Informationsfreiheit betreffen. Ihre Dienststelle wird Anfang 2016 aus dem Gesch&auml;ftsbereich des Bundesinnenministeriums herausgel&ouml;st und damit unabh&auml;ngiger gegen&uuml;ber den Beh&ouml;rden, die sie kontrollieren soll. Dieser Beitrag untersucht die Hintergr&uuml;nde sowie verbleibende Hindernisse f&uuml;r eine effektive Datenschutzkontrolle auf Bundesebene.<\/i><\/p>\n<p>Deutschland geh&ouml;rte in mancher Hinsicht zu den Vorreitern beim Datenschutz, z.&nbsp;B. als das Bundesverfassungsgericht dem Datenschutz in den 1980er Jahren als Recht auf informationelle Selbstbestimmung Grundrechtsrang zuschrieb. [1] Das gilt jedoch l&auml;ngst nicht f&uuml;r alle Bereiche des Datenschutzes. So war die oder der Bundesbeauftragte f&uuml;r den Datenschutz und die Informationsfreiheit bisher organisatorisch in das Bundesinnenministerium eingebunden. Dies entsprach schon lange nicht mehr internationalen Standards. Nicht ganz freiwillig hat die Bundesregierung daher Ende 2014 einen Gesetzentwurf mit dem programmatischen Untertitel &#8222;St&auml;rkung der Unabh&auml;ngigkeit der Datenschutzaufsicht im Bund durch Errichtung einer obersten Bundesbeh&ouml;rde&#8220; in den Bundestag eingebracht. [2] Trotz Kritik bei einer Anh&ouml;rung im Innenausschuss wurde der Entwurf mit nur geringf&uuml;gigen &Auml;nderungen verabschiedet. Die Neuregelungen treten Anfang 2016 in Kraft. [3] Diese Gesetzes&auml;nderungen sind ein Schritt zur St&auml;rkung einer unabh&auml;ngigen Datenschutzaufsicht. Manches bleibt aber in der Perspektive effektiver Datenschutzkontrolle unzul&auml;nglich.<\/p>\n<h5><span id=\"unabhaengigkeit-der-datenschutzkontrolle-als-europaeischer-standard\">Unabh&auml;n&shy;gig&shy;keit der Daten&shy;schutz&shy;kon&shy;trolle als europ&auml;&shy;i&shy;scher Standard<\/span><\/h5>\n<p>In der internationalen verwaltungswissenschaftlichen Fachdiskussion besteht heute Einigkeit dar&uuml;ber, dass Institutionen, die Kontrollfunktionen gegen&uuml;ber der Exekutive wahrnehmen sollen, ein hohes Ma&szlig; an Unabh&auml;ngigkeit gegen&uuml;ber Regierung und Verwaltung brauchen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass die Kontrolle R&uuml;cksicht auf vorgesetzte Exekutivstellen nimmt und damit ineffektiv bleibt. Daher genie&szlig;en z.&nbsp;B. die Mitglieder der Rechnungsh&ouml;fe in vielen L&auml;ndern sogar eine richterliche Unabh&auml;ngigkeit, [4] so auch in Deutschland gem&auml;&szlig; Art.&nbsp;114&nbsp;Abs.&nbsp;2 Grundgesetz (GG). Die bisherige Fassung des &sect;&nbsp;22 Abs. 4 des Bundesdatenschutzgesetzes (BDSG), der zwar die Unabh&auml;ngigkeit erw&auml;hnte (Satz 2), zugleich aber die Rechtsaufsicht der Bundesregierung vorsah (Satz 3), war daher unzul&auml;nglich.<\/p>\n<p>Erst zwei Entscheidungen des Gerichtshofs der Europ&auml;ischen Union, in denen Deutschland und &Ouml;sterreich auf Initiative der Europ&auml;ischen Kommission wegen Vertragsverletzungen verurteilt wurden, veranlassten die CDU\/CSU\/SPD-Koalition dazu, diese Grunds&auml;tze auch in Deutschland umzusetzen. Bereits die Datenschutz-Richtlinie 95\/46\/EG aus dem Jahr 1995 forderte eine Wahrnehmung der Kontrollaufgaben durch die Datenschutzaufsicht &#8222;in v&ouml;lliger Unabh&auml;ngigkeit&#8220; (Art.&nbsp;28 Abs.&nbsp;1). Heute ist die Unabh&auml;ngigkeit der Datenschutzaufsicht sogar im EU-Prim&auml;rrecht verankert, n&auml;mlich in Art.&nbsp;8 Abs.&nbsp;3 der EU-Grundrechte-Charta und in Art.&nbsp;16 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;2 des Vertrages &uuml;ber die Arbeitsweise der EU (AEUV).<\/p>\n<p>In einem Vertragsverletzungsurteil gegen Deutschland beanstandete der Gerichtshof im M&auml;rz 2010, dass nicht in allen Bundesl&auml;ndern die Datenschutzbeauftragten f&uuml;r die Aufsicht &uuml;ber private Unternehmen (&#8222;nicht&ouml;ffentliche Stellen&#8220;) und &ouml;ffentlich-rechtliche Wirtschaftsunternehmen zust&auml;ndig sind. [5] Diese Aufgabe wurde in manchen Bundesl&auml;ndern von Verwaltungsbeh&ouml;rden wahrgenommen, [6] was nach der Entscheidung des Gerichtshofs keine unabh&auml;ngige Kontrolle gew&auml;hrleistet. Ausschlaggebend f&uuml;r die jetzt erfolgten &Auml;nderungen war ein weiteres Vertragsverletzungsverfahren gegen &Ouml;sterreich, wo die Datenschutzaufsicht im Bundeskanzleramt angesiedelt war. Auch diese Anbindung an die Exekutive erkl&auml;rte der Gerichtshof f&uuml;r unvereinbar mit der in Art. 28 Abs. 1 der Richtlinie 95\/46\/EG geforderten Unabh&auml;ngigkeit &#8211; mit Folgen f&uuml;r die &auml;hnliche Konstruktion in Deutschland. Nicht zuf&auml;llig hatte die deutsche Bundesregierung &Ouml;sterreich vor dem Gerichtshof bei der Ablehnung der Argumente der Kommission und des Europ&auml;ischen Datenschutzbeauftragten unterst&uuml;tzt, um bei der Anbindung des Datenschutzes an das Bundesinnenministeriums bleiben zu k&ouml;nnen. [7]<\/p>\n<h5><span id=\"schritte-in-richtung-unabhaengigkeit-der-datenschutzkontrolle\">Schritte in Richtung Unabh&auml;n&shy;gig&shy;keit der Daten&shy;schutz&shy;kon&shy;trolle<\/span><\/h5>\n<p>Das Kernanliegen der Gesetzes&auml;nderung, den Datenschutz aus der Exekutivverwaltung herauszul&ouml;sen und direkt an den Bundestag anzubinden, st&auml;rkt tats&auml;chlich die Unabh&auml;ngigkeit der Datenschutzaufsicht gegen&uuml;ber den Regierungs- und Verwaltungsstellen, deren Datenschutzpraxis sie kontrollieren soll. Die Vorgaben des EU-Rechts und der hierzu ergangenen Rechtsprechung werden damit f&uuml;r die Bundesebene umgesetzt. Die Institution der oder des Bundesbeauftragten f&uuml;r den Datenschutz und die Informationsfreiheit wird zu einer obersten Bundesbeh&ouml;rde und damit formal gleichrangig mit den Bundesministerien. Die Anbindung an den Bundestag ersetzt die bisherigen Aufsichtsfunktionen des Innenministeriums. Dies st&auml;rkt nicht nur die Unabh&auml;ngigkeit, sondern auch die demokratische Legitimation des Datenschutzes in Deutschland.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit problematisch ist dagegen, dass weiterhin nur die Bundesregierung ein Vorschlagsrecht f&uuml;r die Besetzung der Position der oder des Bundesbeauftragten haben soll. Diese Regelung in &sect; 22 Abs. 1 Satz 1 BDSG wurde nicht ge&auml;ndert. F&uuml;r die Unabh&auml;ngigkeit w&auml;re es erforderlich gewesen, zumindest auch den Fraktionen und den zust&auml;ndigen Fachaussch&uuml;ssen des Bundestages ein Vorschlagsrecht zu verleihen.<\/p>\n<h5><span id=\"beharrliche-geheimhaltungsinteressen\">Beharrliche Geheim&shy;hal&shy;tungs&shy;in&shy;ter&shy;essen<\/span><\/h5>\n<p>Das von der gro&szlig;en Koalition verabschiedete Gesetz lie&szlig; weitere Chancen f&uuml;r Reformen im Interesse eines effektiveren Datenschutzes ungenutzt. Der vom Bundesinnenministerium erarbeite Gesetzentwurf stie&szlig; im Gesetzgebungsverfahren insbesondere dort auf Kritik, wo versucht wurde, &ouml;ffentliche Interventionen der Datenschutzaufsicht zu verhindern, wenn die Regierung Geheimhaltungsinteressen geltend macht. Umstritten waren daher insbesondere die Befugnisse der Bundesdatenschutzbeauftragten, &ouml;ffentlich und in Gerichtsverfahren zu Vorg&auml;ngen Stellung zu nehmen, die von den kontrollierten Stellen als geheimhaltungsbed&uuml;rftig eingestuft worden sind. Bisher brauchte der oder die Bundesdatenschutzbeauftragte in solchen F&auml;llen eine Aussagegenehmigung des Bundesinnenministeriums (&sect;&nbsp;23 Abs.&nbsp;5 BDSG alter Fassung). Nach der verabschiedeten Fassung ist f&uuml;r solche Entscheidungen jetzt die oder der Bundesbeauftragte selbst zust&auml;ndig. Allerdings wurde f&uuml;r die Befugnis, als Zeuge auszusagen, eine Sonderregelung f&uuml;r Fragen geschaffen, die dem &#8222;Kernbereich exekutiver Eigenverantwortung der Bundesregierung zuzurechnen sind oder sein k&ouml;nnten&#8220; (&sect;&nbsp;23 Abs.&nbsp;6 Satz&nbsp;3 BDSG in der ge&auml;nderten Fassung). In diesen F&auml;llen soll eine Aussage nur &#8222;im Benehmen mit der Bundesregierung&#8220; zul&auml;ssig sein. Im Rahmen der parlamentarischen Beratung wurde die Formulierung zwar geringf&uuml;gig abgeschw&auml;cht (&#8222;Benehmen&#8220; statt &#8222;Einvernehmen&#8220;). Sie bleibt aber problematisch, da der Regierung so ein &#8222;Kernbereich&#8220; von Aktivit&auml;ten zugebilligt wird, in dem festgestellte Datenschutzm&auml;ngel nur eingeschr&auml;nkt in dazu anh&auml;ngigen Gerichtsverfahren er&ouml;rtern werden d&uuml;rfen.<\/p>\n<p>Zum Vergleich: Das Bundesrechnungshofgesetz (BRHG) sieht solche Beschr&auml;nkungen nicht vor. &sect;&nbsp;10a der Bundeshaushaltsordnung legt in Verbindung mit &sect;&nbsp;19&nbsp;BRHG nur fest, dass bei geheimhaltungsbed&uuml;rftigen Vorg&auml;ngen der Kreis der im Rechnungshof Beteiligten enger gefasst ist. &Uuml;ber Aussagegenehmigungen entscheidet der Bundesrechnungshof als oberste Bundesbeh&ouml;rde gem&auml;&szlig; &sect;&nbsp;68 Abs.&nbsp;3 Bundesbeamtengesetz ebenfalls selbst. Weitergehende Regelungen w&auml;ren auch f&uuml;r den Datenschutz nicht erforderlich.<\/p>\n<p>Problematisch ist auch die Regelung, nach der eine Zeugenaussage der Datenschutzaufsicht unzul&auml;ssig ist, wenn diese &#8222;dem Wohle des Bundes oder eines deutschen Landes Nachteile bereiten&#8220; k&ouml;nnte. Im Interesse eines effektiven Datenschutz und der notwendigen &ouml;ffentlichen Diskussion &uuml;ber erkannte Missst&auml;nde wird diese Vorschrift in der Praxis eng auszulegen und insbesondere auf sicherheitsrelevante Themen zu beschr&auml;nken sein.<\/p>\n<h5><span id=\"unnoetige-zustaendigkeitsbeschraenkungen-bei-der-kontrolle-von-sicherheitsbehoerden\">Unn&ouml;tige Zust&auml;n&shy;dig&shy;keits&shy;be&shy;schr&auml;n&shy;kungen bei der Kontrolle von Sicher&shy;heits&shy;be&shy;h&ouml;rden<\/span><\/h5>\n<p>Die verabschiedete Gesetzes&auml;nderung sieht f&uuml;r &sect;&nbsp;24 BDSG nur redaktionelle Anpassungen vor, insbesondere f&uuml;r die Gender-Neutralit&auml;t der Formulierungen. Indes enth&auml;lt &sect;&nbsp;24 Abs.&nbsp;4 Satz&nbsp;4 BDSG eine sehr problematische Beschr&auml;nkung der Auskunftspflicht von &ouml;ffentlichen Stellen des Bundes gegen&uuml;ber der Datenschutzaufsicht, &#8222;soweit die oberste Bundesbeh&ouml;rde im Einzelfall feststellt, dass die Auskunft oder Einsicht die Sicherheit des Bundes oder eines Landes gef&auml;hrden w&uuml;rde.&#8220; Diese Regelung ist mit einer effektiven und unabh&auml;ngigen Datenschutzkontrolle unvereinbar. Denn sie legt es in das Ermessen des gepr&uuml;ften Ministeriums, die Datenschutzkontrolle unter Verweis auf Sicherheitsbelange zu verweigern. Die in &sect;&nbsp;24 Abs.&nbsp;4 Satz&nbsp;3 BDSG vorgesehene Beschr&auml;nkung des Personenkreises ist f&uuml;r den Schutz von Sicherheitsbelangen v&ouml;llig ausreichend (&auml;hnlich &sect; 19 BRHG).<\/p>\n<p>F&uuml;r die Zust&auml;ndigkeitsfelder der G&nbsp;10-Kommission, also insbesondere f&uuml;r die Anordnung von Telekommunikations&uuml;berwachung durch die Nachrichtendienste, schlie&szlig;t &sect;&nbsp;24 Abs.&nbsp;2 Satz&nbsp;3 BDSG auch weiterhin die Zust&auml;ndigkeit der Datenschutzaufsicht aus. Sie kann hier nur auf Ersuchen der G&nbsp;10-Kommission t&auml;tig werden. Dies hat zur Folge, dass die Datenschutzaufsicht f&uuml;r die Kontrolle der anderen Formen von Datenerhebung und Datenverarbeitung durch die Nachrichtendienste zust&auml;ndig ist, nicht aber f&uuml;r Eingriffsma&szlig;nahmen, die Art.&nbsp;10 GG einschr&auml;nken. Hierzu schreibt der damalige Bundesbeauftragte in seinem T&auml;tigkeitsbericht f&uuml;r die Jahre 2011 und 2012:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;<i>Sobald mir ein Nachrichtendienst bei einer Kontrolle erkl&auml;rt, das Vorliegen legitimierender Voraussetzungen sei durch Informationen belegt, die im Rahmen einer G 10-Ma&szlig;nahme gewonnen worden seien, werden mir diese Informationen vorenthalten. In der Praxis f&uuml;hrt das dazu, dass ich die Gesetzm&auml;&szlig;igkeit von Ma&szlig;nahmen nach dem Bundesverfassungsschutzgesetz, die meiner ausschlie&szlig;lichen Kontrolle unterliegen, &uuml;berhaupt nicht mehr pr&uuml;fen kann.<br \/>Eine entsprechende Untersuchung kann aber auch nicht durch die G&nbsp;10-Kommission erfolgen. Nach &sect;&nbsp;15 Absatz&nbsp;5 Satz&nbsp;2 Artikel&nbsp;10-Gesetz erstreckt sich deren Kontrollbefugnis nur auf die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung der nach dem Artikel 10-Gesetz erlangten personenbezogenen Daten durch Nachrichtendienste des Bundes. Aus diesen Erkenntnissen resultierende Ma&szlig;nahmen nach Bundesverfassungsschutzgesetz darf die G&nbsp;10-Kommission nicht beurteilen.<\/i>&#8220; [8]<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Vergleichbare Probleme treten auch im Landesrecht auf, das sich hier weitgehend am Bundesrecht orientiert.<\/p>\n<p>Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Entscheidung vom 14. Juli 1999 zur Telekommunikations&uuml;berwachung durch den Bundesnachrichtendienst betont, dass die G&nbsp;10-Kommission im Interesse rechtsstaatlicher Verfahrenssicherung bei schwerwiegenden Grundrechtseingriffen nicht nur f&uuml;r die Anordnung der G&nbsp;10-Ma&szlig;nahmen, sondern auch f&uuml;r die Kontrolle ihrer Durchf&uuml;hrung zust&auml;ndig sein muss. [9] Daraufhin wurde die Kontrollzust&auml;ndigkeit der G&nbsp;10-Kommission entsprechend erweitert (heute: &sect;&nbsp;15 Abs.&nbsp;5 Artikel&nbsp;10-Gesetz). Diese Entscheidung kann aber keinesfalls so interpretiert werden, dass eine Zust&auml;ndigkeit der Datenschutzaufsicht dadurch ausgeschlossen werden sollte. Im Gegenteil &#8211; das Bundesverfassungsgericht intendierte seinerzeit gerade eine St&auml;rkung der Kontrolle, nicht ihre faktische Schw&auml;chung durch Zersplitterung.<\/p>\n<p>Eine Streichung des &sect;&nbsp;24 Abs. 2 Satz 3 BDSG w&uuml;rde zwar zu einer gewissen Zust&auml;ndigkeits&uuml;berschneidung zwischen Datenschutzaufsicht und G&nbsp;10-Kommission f&uuml;hren. Dies ist aber bei Kontrollbefugnissen verfassungsrechtlich und auch in der praktischen Durchf&uuml;hrung unproblematisch. Die Gesetzgebung k&ouml;nnte der G&nbsp;10-Kommission und der Datenschutzbeauftragten daher die praktische Ausgestaltung einer solchen Parallelzust&auml;ndigkeit &uuml;berlassen, die durch eine Streichung von Satz 3 entst&uuml;nde. Die jetzt verabschiedete Gesetzes&auml;nderung bel&auml;sst dieses Kontrolldefizit.<\/p>\n<h5><span id=\"kontrollkapazitaeten\">Kontrollkapazit&auml;ten<\/span><\/h5>\n<p>Neben der Unabh&auml;ngigkeit und den Kompetenzen gegen&uuml;ber den zu kontrollierenden Stellen ist die Ausstattung der Datenschutzaufsicht entscheidend f&uuml;r ihre Effektivit&auml;t. Nur wenn sie &uuml;ber gen&uuml;gend Personal und Sachmittel verf&uuml;gt, kann sie regelm&auml;&szlig;ig Kontrollen in ihrem Zust&auml;ndigkeitsbereich durchf&uuml;hren und Beschwerden intensiv nachgehen.<\/p>\n<p>Die Ausstattung ist nicht prim&auml;r Gegenstand der Datenschutzgesetzgebung, sondern der parlamentarischen Haushaltsbewilligung. Das jetzt verabschiedete Gesetz wertet nur die Position der oder des Bundesbeauftragten selbst auf, indem sie einer h&ouml;heren Besoldungsstufe zugeordnet wird (B&nbsp;11 statt bisher B&nbsp;9). Die Beratungen f&uuml;r die n&auml;chsten Bundeshaushalte werden zeigen, ob die nun unabh&auml;ngigere Datenschutzaufsicht auch durch eine bessere Ausstattung gest&auml;rkt wird.<\/p>\n<h5><span id=\"fazit-und-ausblick\">Fazit und Ausblick<\/span><\/h5>\n<p>Die &Auml;nderungen des Bundesdatenschutzgesetzes, die Anfang 2016 in Kraft treten, st&auml;rken die Unabh&auml;ngigkeit der Datenschutzkontrolle auf Bundesebene. Vor dem Hintergrund gro&szlig;er Herausforderungen f&uuml;r den Datenschutz, z.&nbsp;B. durch weitgehend unkontrollierte und international vernetzte Datensammlungen von Geheimdiensten und durch die umfangreiche Sammlung und Auswertung pers&ouml;nlicher Daten durch Privatunternehmen (z.&nbsp;B. f&uuml;r Werbezwecke) sollten die Befugnisse der Datenschutzaufsicht von weiteren Restriktionen befreit und erweitert werden. [10] Die in absehbarer Zeit voraussichtlich n&ouml;tige Anpassung des deutschen Rechts an die Datenschutz-Grundverordnung der EU wird hierzu eine neue Gelegenheit bieten.<\/p>\n<p><b>HARTMUT&nbsp;ADEN<\/b>&nbsp;&nbsp; <i>ist Jurist und Politikwissenschaftler. Er ist Professor f&uuml;r &Ouml;ffentliches Recht und Europarecht an der Hochschule f&uuml;r Wirtschaft und Recht Berlin, dort Mitglied des Forschungsinstituts f&uuml;r &Ouml;ffentliche und Private Sicherheit (F&Ouml;PS) sowie beh&ouml;rdlicher Datenschutzbeauftragter der Hochschule. Webseite: <\/i><a href=\"http:\/\/www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>www.hwr-berlin.de\/prof\/hartmut-aden<\/i><\/a><i>.<\/i><\/p>\n<p><b>Anmerkungen:<\/b><\/p>\n<p>* Teile dieses Beitrages basieren auf der Stellungnahme des Verfassers anl&auml;sslich der Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung zu dem Gesetzentwurf im Innenausschuss des Deutschen Bundestages am 1.12.2014. Die Stellungnahmen der Sachverst&auml;ndigen sowie das Protokoll der Anh&ouml;rung sind online verf&uuml;gbar unter <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse18\/a04\/anhoerungen\/30_sitzung_inhalt\/341986\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse18\/a04\/anhoerungen\/30_sitzung_inhalt\/341986<\/a> (aufgerufen am 8.8.2015).<\/p>\n<p>[1] BVerfGE 65, 1 (Volksz&auml;hlung).<\/p>\n<p>[2] BT-Drs. 18\/2848 vom 13.10.2014.<\/p>\n<p>[3] Verabschiedete Fassung: BGBl. I, 2015, S.&nbsp;162; hierzu auch Alexander Ro&szlig;nagel, Unabh&auml;ngigkeit der Datenschutzkontrolle, in: Zeitschrift f&uuml;r Datenschutz 2015, S.&nbsp;106-111; Sarah Thom&eacute;, Die Unabh&auml;ngigkeit der Bundesdatenschutzaufsicht, in: Verbraucher und Recht 2015, S.&nbsp;130-133.<\/p>\n<p>[4] Vgl. hierzu Paul L. Posner &amp; Asif Shahan, Audit Institutions, in: Mark Bovens et al. (Hg.), The Oxford Handbook of Public Accountability, Oxford 2014, S.&nbsp;488&nbsp;ff.<\/p>\n<p>[5] Gerichtshof der EU, Rechtssache C-518\/07, Europ&auml;ische Kommission .\/. Bundesrepublik Deutschland, Urteil vom 9.3.2010.<\/p>\n<p>[6] &Uuml;berblick &uuml;ber die Datenschutzkontrolle in den deutschen Bundesl&auml;ndern bei Sarah Thom&eacute;, Reform der Datenschutzaufsicht, Wiesbaden 2015, S.&nbsp;23&nbsp;ff.<\/p>\n<p>[7] Gerichtshof der EU, Rechtssache C-614\/10, Europ&auml;ische Kommission .\/. Republik &Ouml;sterreich, Urteil vom 16.10.2012; zur Unvereinbarkeit der vorzeitigen Beendigung der Amtszeit von Datenschutzbeauftragten mit der Unabh&auml;ngigkeit: Gerichtshof der EU, Rechtssache C-288\/12, Europ&auml;ische Kommission .\/. Ungarn, Urteil vom 8.4.2014.<\/p>\n<p>[8] Bundesbeauftragter f&uuml;r den Datenschutz und die Informationsfreiheit, T&auml;tigkeitsbericht 2011 und 2012, BT-Drs. 17\/13000, S.&nbsp;105&nbsp;f. und ebd., S.&nbsp;110.<\/p>\n<p>[9] BVerfGE 100, 313 (401) = NJW 2000, 55 (68).<\/p>\n<p>[10] Zu verbleibenden Defiziten der Neuregelung vgl. auch Sarah Thom&eacute;, in: Verbraucher und Recht 2015, S.&nbsp;133.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[12],"tags":[662,667],"autoren":[138],"publikationen":[1433],"class_list":["post-11528","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-datenschutz","tag-datenschutz","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hartmut-aden","publikationen-210-211"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Datenschutzkontrolle auf Bundesebene \u0096 unabh\u00e4ngiger und effektiver?* - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/210-211\/publikation\/datenschutzkontrolle-auf-bundesebene-unabhaengiger-und-effektiver\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Datenschutzkontrolle auf Bundesebene \u0096 unabh\u00e4ngiger und effektiver?* - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 210\/211 (2-3\/2015), S. 245-250 Am 18. 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