{"id":11541,"date":"2015-08-11T09:50:00","date_gmt":"2015-08-11T07:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/digitale-grundrechte\/"},"modified":"2021-08-30T15:42:03","modified_gmt":"2021-08-30T13:42:03","slug":"digitale-grundrechte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/209\/publikation\/digitale-grundrechte\/","title":{"rendered":"Digitale Grundrechte"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 209 (Heft 1\/2015), S. 99-101<\/p>\n<p><i>(Red.) Christian Hoffmann\/Anika D. Luch\/S&ouml;nke E. Schulz\/Kim Corinna Borchers, Die digitale Dimension der Grundrechte. Das Grundgesetz im digitalen Zeitalter. [DIVSI-Perspektiven Bd. 2, hrsg. vom Deutschen Institut f&uuml;r Vertrauen und Sicherheit im Internet], Baden-Baden 2015 (Nomos), 221 S., 57.- &#8364;. <\/i><\/p>\n<p>Die vorliegende Studie entstand im Auftrag des Deutschen Instituts f&uuml;r Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI), einer von der Deutschen Post finanzierten, gemeinn&uuml;tzigen Gesellschaft. Diese will eine &#8222;Plattform f&uuml;r einen offenen und transparenten Dialog zu Vertrauen und Sicherheit im Internet&#8220;(1) sein.<\/p>\n<p>Die Autor_innen stellen zun&auml;chst in kurzen Worten das Konzept der &#8222;digitalen Dimension der Grundrechte&#8220; vor, die &#8222;keine eigenst&auml;ndige Grundrechtsfunktion [darstelle], wie es bspw. die Abwehrfunktion, die Schutzpflicht- bzw. Gew&auml;hrleistungsdimension, origin&auml;re Leistungsanspr&uuml;che sowie die Drittwirkung sind. Es handelt sich um eine zusammenfassende Beschreibung eines Teilbereichs des jeweiligen Schutzgehalts, der sich durch den besonderen Bezug zur Informationstechnik bzw. zum Internet auszeichnet.&#8220; (S.&nbsp;20) Das f&uuml;r die digitale Sph&auml;re eine eigene Kategorie bzw. Dimension des Grundrechtsschutzes eingef&uuml;hrt werde, rechtfertige sich schon dadurch, dass es sich bei der Informationstechnologie um&nbsp; &#8222;die entscheidende Infrastruktur der n&auml;chsten Jahrzehnte&#8220; (S.&nbsp;21) handle. Die Weiterentwicklung der Grundrechte folge dabei dem Grundsatz, dass die freiheitlichen Schutzgarantien unabh&auml;ngig davon gelten, ob sich das betreffende Verhalten der B&uuml;rger_innen in der analogen oder digitalen&nbsp; Welt abspielt. Entsprechend finden sich in der Studie immer wieder Analogien, in denen digitale Streitfragen in die analoge Welt &uuml;bersetzt und mit den dortigen Rechtsst&auml;nden verglichen werden; eine Methode, die manche interessante Anregung bietet, aber nicht besonders innovativ ist, wird so doch lediglich der Status quo der Rechtsentwicklung auf neue Bereiche &uuml;bertragen.<\/p>\n<p>Die eigentliche Untersuchung beginnt (S.&nbsp;25 ff.) mit der digitalen Dimension der Menschenw&uuml;rde (Art.&nbsp;1 Abs.&nbsp;1 GG), um sich anschlie&szlig;end allen speziellen Grundrechten und deren digitaler Bedeutung zu widmen. Unter den einzelnen Artikeln wird i.d.R. die herrschende Meinung der Rechtsprechung zu den Inhalten und der Reichweite der jeweiligen Schutzbereiche erl&auml;utert und anschlie&szlig;end an zahlreichen Anwendungsbeispiele erl&auml;utert. Dazu geh&ouml;ren etwa die sog. Online-Streifen von Sicherheitsbeh&ouml;rden im Netz (als m&ouml;glicher Eingriff in die allgemeine Handlungsfreiheit) und das Recht auf Vergessen (Allgemeines Pers&ouml;nlichkeitsrecht), der Umgang mit personenbezogenen Daten in sozialen Netzwerken (Recht auf informationelle Selbstbestimmung), die teils unkontrollierbaren Zugriffe von Programmen und Apps auf Benutzersysteme und deren Daten (IT-Grundrecht), von Cybermobbing &uuml;ber die Netzneutralit&auml;t (deren Herleitung aus dem Diskriminierungsverbot verneint wird) bis zum &#8222;Recht auf Internet&#8220; (Gew&auml;hrleistung eines menschenw&uuml;rdigen Existenzminimus).<\/p>\n<p>An den Fallbeispielen wird erkennbar, wie sich der Wandel der Lebens- und Kommunikationsformen in der juristischen Debatte niederschl&auml;gt. Ein zentrales Moment, auf das die Autor_innen immer wieder zu sprechen kommen, ist der Umstand, dass sich im Internet haupts&auml;chlich private Nutzer_innen und Anbieterfirmen gegen&uuml;ber stehen. &#8222;Der Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ist nicht staatlich initiiert, sondern kommt von privater Seite. &Uuml;berdies ist er &#8211; selbst wenn die hohen Anforderungen des deutschen (&#8230;) Datenschutzrechts an eine Einwilligung nicht eingehalten werden &#8211; freiwillig.&#8220; (S.&nbsp;68) Entsprechend wird diskutiert, ob die kostenlosen Angebote sozialer Dienste im Internet nicht als Austauschverh&auml;ltnis verstanden werden m&uuml;ssen, bei dem die Benutzung des Dienstes mit der Verwertung der anfallenden privaten Daten durch die Anbieter &#8222;verrechnet&#8220; werden k&ouml;nnen, dass also grundrechtliche Anspr&uuml;che (zumindest teilweise) ver&auml;u&szlig;ert und monetarisiert werden k&ouml;nnen: &#8222;F&uuml;r eine solche Sichtweise spricht auch der Umstand, dass personenbezogenen Daten, insbesondere in sozialen Netzwerken [wie Facebook], ein erheblicher monet&auml;rer Wert zugeordnet wird &#8230; Branchenintern wird der Wert eines registrierten Online-Kunden mit 50 bis 100 US-Dollar beziffert. Der Wert eines Facebook-Fans liegt f&uuml;r das Unternehmen bei 136 US-Dollar.&#8220;&nbsp; (S.&nbsp;52, vgl. a. S.&nbsp;53). Ob aus solchen brancheninternen Kalkulationen, die in der Selbstdarstellung der Anbieter tunlichst verborgen werden, abgeleitet werden kann, dass die Benutzer_innen etwa mit der Anmeldung bei Facebook dem Gesch&auml;ftsmodell dieser Firma bewusst zustimmen, muss ernsthaft bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Ob sich aus der Vielzahl privater Anbieter im Internet zudem der Schluss ziehen l&auml;sst, dass die klassische Schutzfunktion der Grundrechte als Abwehrrechte gegen&uuml;ber dem Staat ausgedient habe, darf auch bezweifelt werden. Dass die Autor_innen zu dieser Einsch&auml;tzung gelangen, hat auch mit ihrer Bewertung staatlicher Eingriffe in die digitale Kommunikationswelt zu tun: Hier sei nur auf das Anwendungsbeispiel der sog. Online-Streifen verwiesen, bei denen Polizeibeh&ouml;rden oder Geheimdienste offene Daten auf Webseiten erheben oder verdeckt in soziale Netzwerke eindringen und dort pers&ouml;nliche Statusnachrichten, Bilder und dergleichen mehr abgreifen (s.&nbsp;38ff.). Einerseits best&auml;tigen die Autor_innen, dass viele Nutzer_innen selbst dann, wenn sie den Adressatenkreis ihrer Nachrichten nicht mehr &uuml;berschauen k&ouml;nnen, diese Informationen dennoch nicht in staatliche H&auml;nde geben wollen &#8211; und stimmen dennoch der herrschenden Rechtsprechung zu, die einfach unterstellt, dass soziale Netzwerke von Firmen und Institutionen (und somit auch von Sicherheitsbeh&ouml;rden) genutzt werden, die Benutzer ihre Einwilligung in die staatliche Kenntnisnahme der dort geposteten Inhalte erteilt h&auml;tten, selbst wenn diese nur an Freundeskreise gerichtet seien und selbst dann, wenn sich die Beh&ouml;rden dabei verdeckter (also nicht als beh&ouml;rdliche Nutzer erkennbarer) oder gekaperter Accounts (z.B. von vermeintlichen Freund_innen) bedienen. Derart verschleierte Benutzeranmeldungen versto&szlig;en nicht nur gegen die Regeln vieler Anbieter wie Facebook, die eine Anmeldung mit Klarnamen verlangen, sondern konterkarieren auch die Erwartungshaltung der Nutzer_ innen, denen seitens der Anbieterfirmen eine Authentizit&auml;t der Benutzer_innen suggeriert wird (vgl. S.&nbsp;42 f.).&nbsp;<\/p>\n<p>Leider ist die Studie nicht immer in sich schl&uuml;ssig &#8211; was vermutlich der umfangreichen Autor_innenschaft geschuldet ist: So wird beispielsweise bei der eben genannten Online-Streife die staatliche Kenntnisnahme von Nachrichten, Bildern etc. in abgeschlossenen Netzwerken wie Facebook als zul&auml;ssig angesehen, da sich diese &Auml;u&szlig;erungen an einen &#8222;nicht weiter abgegrenzten Personenkreis richten&#8220; (BVerfG, zit. n. S.&nbsp;42), die damit als &ouml;ffentliche Informationen behandelt werden d&uuml;rfen. Ihre Kenntnisnahme durch staatliche Stellen wird nicht einmal als Grundrechtseingriff bewertet (ebd.) &#8211; es sei denn, diese Informationen w&uuml;rden massenhaft erhoben und ausgewertet. Wenige Seiten sp&auml;ter wird hingegen betont, dass in der digitalen Welt (im Gegensatz zur Realwelt) keine wirklichen &ouml;ffentlichen R&auml;ume existierten, mithin alles Handeln dort eher privaten Charakter trage: &#8222;Es gibt keine den Stra&szlig;en vergleichbaren Internetseiten, vielmehr befindet sich derjenige, der sich im Internet bewegt, in der Regel auf privat betriebenen Homepages, deren Betreibern ein virtuelles Hausrecht zukommt. Insbesondere im Bereich sozialer Netzwerke &#8230; [sollen] die jeweiligen Inhalte &#8230; gerade nicht der gesamten Internet&ouml;ffentlichkeit preisgegeben werden.&#8220; (S.&nbsp;66&nbsp;f.)<\/p>\n<p>Dennoch bietet die Studie bietet einen Zugang zu vielen Aspekten des digitalen Grundrechtsschutzes, der an vielen Stellen jedoch &#8211; notgedrungen &#8211; oberfl&auml;chlich bleibt. Neue Impulse f&uuml;r politische oder sachliche L&ouml;sungen der Probleme in der Digitalwelt oder konkrete Vorschl&auml;ge zur Weiterentwicklung grundrechtlicher Schutzbereiche finden sich nur vereinzelt: etwa bei der Forderung, die Schutzfunktion der Grundrechte und ihre Drittwirkung (auf das Verh&auml;ltnis zwischen Privatleuten) im Verfassungstext (st&auml;rker) abzubilden (S.&nbsp;18); beim Vorschlag, die Online-Streife als explizite Ermittlungsma&szlig;nahme im Polizei- und Ordnungsrecht sowie in der StPO zu verankern (S.&nbsp;44) oder in der Kritik an der historisch bedingten Verengung der Pressefreiheit auf k&ouml;rperliche Druckerzeugnisse (S.&nbsp;143). Hier h&auml;tte eine Beschr&auml;nkung auf zentrale Problemfelder &#8211; etwa der informationellen Selbstbestimmung, des IT-Grundrechts und des Fernmeldegeheimnisses (das auf lediglich vier Seiten abgehandelt wird) &#8211; sicher gut getan. In der vorliegenden Fassung erweckt die Studie allein den Eindruck, der Grundrechtsschutz in der digitalen Welt w&auml;re insoweit in Ordnung und bed&uuml;rfte nur noch marginaler Korrekturen. Brisante staatliche Eingriffe in IT-Infrastrukturen wie die Vorratsdatenspeicherung, die staatliche Abschaltung von Kommunikationsnetzen, der Einsatz von IMSI-Catchern, stillen SMS oder heimlichen Online-Durchsuchungen sucht man vergebens unter den Anwendungsbeispielen &#8211; oder sie werden dort h&ouml;chst verharmlosend dargestellt. Damit&nbsp;&nbsp; erf&uuml;llt die Studie nur bedingt den Anspruch ihres Auftraggebers: das &#8222;Vertrauen der Menschen in das Internet zu f&ouml;rdern&#8220;(2).<\/p>\n<p><i>&nbsp;Sven L&uuml;ders<br \/>ist gelernter Soziologe und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Humanistischen Union<\/i><\/p>\n<h5>Anmerkungen:<\/h5>\n<p>(1)&nbsp; DIVSI, Mission Statement, abrufbar unter <a href=\"https:\/\/www.divsi.de\/ueber-uns\/das-institut\/mission-statement\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.divsi.de\/ueber-uns\/das-institut\/mission-statement\/<\/a>.<\/p>\n<p>(2)&nbsp; DIVSI, ebd.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[139],"publikationen":[1442],"class_list":["post-11541","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-1442"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Digitale Grundrechte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/209\/publikation\/digitale-grundrechte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Digitale Grundrechte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 209 (Heft 1\/2015), S. 99-101 (Red.) 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