{"id":11556,"date":"2015-04-19T11:45:00","date_gmt":"2015-04-19T09:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gegen-das-sterben-lassen-auf-see\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:57","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:57","slug":"gegen-das-sterben-lassen-auf-see","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/gegen-das-sterben-lassen-auf-see\/","title":{"rendered":"Gegen das Sterben-Lassen auf See"},"content":{"rendered":"<p>Die Initiative Watch the Med(iterranean) startet ein rund um die Uhr erreichbares Notruftelefon, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 89-91<\/p>\n<p><i>(Red.) Die praktische Unterst&uuml;tzung f&uuml;r in Seenot geratene Bootsfl&uuml;chtlinge blieb bislang h&auml;ufig privater Initiative &uuml;berlassen. Ein politisches B&uuml;ndnis versucht seit einigen Jahren, diese Initiativen zu koordinieren, um Menschen auf dem Mittelmeer vor dem Sterben zu retten. Ein neu eingerichtetes &#8222;Alarmphone&#8220; konnte bereits mehrfach dazu beitragen.<\/i><\/p>\n<p>Der Anruf des Satellitentelefons aus dem zentralen Mittelmeer erreichte die Watch The Med-Hotline am Vormittag des 8. Januar 2015: 107 Bootsfl&uuml;chtlinge, die in einem Schlauchboot aus Libyen Richtung Italien gestartet waren, baten aus Seenot um Hilfe und konnten ihre GPS-Koordinaten durchgeben. Sie befanden sich noch in der libyschen Search and Rescue-Zone, also dort, wo in den vergangenen Monaten immer wieder Menschen ertrunken waren. Das Schichtteam rief sofort die Rettungsleitstelle in Rom an, gab die Daten durch und bat um einen z&uuml;gigen Rettungseinsatz. Der dortige Verantwortliche verwies zun&auml;chst auf die libysche K&uuml;stenwache und verweigerte weitere Informationen. Es dauerte zwar bis in den sp&auml;ten Abend und bedurfte mehrerer Anrufe sowie dutzender Protest-Emails an die italienische K&uuml;stenwache, aber schlie&szlig;lich wurde die Rettung des Bootes best&auml;tigt. Einige Tage sp&auml;ter stellte sich heraus, dass ein eritreischer Fl&uuml;chtling auf dem Boot die Alarmnummer von Watch The Med zuvor in Libyen von einem Verwandten in Deutschland erhalten und mitgenommen hatte. Er hatte auf dem Boot veranlasst, diese Nummer anzurufen.<\/p>\n<p>Der Fall vom 8. Januar 2015(1) ist hochaktuell und exemplarisch in mehrfacher Hinsicht. Denn zur Zeit gibt es einen internen Machtkampf um die Reichweite der Rettungsoperationen im zentralen Mittelmeer. Auf der einen Seite dr&auml;ngt die Grenzschutzagentur Frontex mit Nachdruck darauf, die Eins&auml;tze der K&uuml;stenwache auf die 30-Meilen-Zone entlang der italienischen K&uuml;ste zu beschr&auml;nken. Angesichts der bestehenden Situation ist dies faktisch ein Aufruf zum Sterben-Lassen. H&auml;tte sich die Leitstelle in Rom in obengenanntem Fall an die Frontex-Vorgabe gehalten, w&auml;ren die 107 Fl&uuml;chtlinge mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit nicht mehr am Leben. Allerdings gibt es innerhalb der italienischen K&uuml;stenwache sowie des italienischen Milit&auml;rs auch Kr&auml;fte, die aus den Dramen der vergangenen Monate und Jahre gelernt haben und im gesamten Mittelmeerbereich der Stra&szlig;e von Sizilien Rettungseins&auml;tze durchf&uuml;hren wollen. In diesem Machtkampf ist es umso wichtiger, dass eine &ouml;ffentliche Stimme wie das Watch The Med-Alarmphone zu Gunsten der betroffenen Bootsfl&uuml;chtlinge intervenieren kann, und zwar in Echtzeit wie oben beschrieben.<\/p>\n<p>Watch The Med entstand bereits 2012 als Monitoringprojekt. Die Initiative, die aus antirassistischen AktivistInnen, JuristInnen und ForscherInnen aus mehreren europ&auml;ischen L&auml;ndern besteht, hat in den letzten Jahren mehrere F&auml;lle des Sterben-Lassens auf See (Left-to-die) dokumentiert. Diese Recherchen dienten nicht zuletzt &#8211; wie im Falle von &uuml;ber 250 ertrunkenen syrischen Fl&uuml;chtlingen am 11.10.2013(2) &#8211; zur Unterst&uuml;tzung der &Uuml;berlebenden, wenn sie gegen die unterlassene Hilfeleistung der K&uuml;stenwachen vor Gericht gehen wollen.<\/p>\n<p>Mit den wachsenden Erfahrungen &uuml;ber die Situation im zentralen Mittelmeer sowie angesichts der anhaltend hohen Zahl gef&auml;hrlicher See&uuml;berquerungen kam sehr bald der Vorschlag auf, mit dem Projekt &uuml;ber die Rekonstruktion der Todesf&auml;lle hinaus zu versuchen, in Echtzeit einzugreifen, um weitere Tote zu verhindern. Vor diesem Hintergrund wurde seit Fr&uuml;hjahr 2014 insbesondere in den Netzwerken, die wie Welcome to Europe, Afrique Europe Interact sowie Borderline Europe seit vielen Jahren in Recherchen und in der Fl&uuml;chtlingsunterst&uuml;tzung an den Au&szlig;engrenzen involviert sind, die Idee eines gemeinsamen Alarmtelefons diskutiert.<\/p>\n<p>Am 11. Oktober 2014 startete das Projekt mit einem &ouml;ffentlichen Aufruf, der von zahlreichen antirassistischen Netzwerken und selbstorganisierten Fl&uuml;chtlingsgruppen sowie von vielen zum Teil auch prominenten Einzelpersonen &#8211; wie Jean Ziegler, Etienne Balibar oder Elfriede Jelinek &#8211; unterst&uuml;tzt wurde. Da das Projekt selbst nicht retten kann, bietet es den betroffenen Boatpeople eine zweite M&ouml;glichkeit, dass ihr SOS wahrgenommen wird. Der Alarm dokumentiert und mobilisiert in Echtzeit, R&uuml;ckschiebungen von Fl&uuml;chtlingen und Migrant_innen sollen gestoppt werden &#8211; einerseits indem versucht wird, mit schnellem &ouml;ffentlichem Druck Rettungsoperationen zu erzwingen. Zum anderen geht es darum, in der N&auml;he der in Seenot befindlichen Boote auch Frachtschiffe oder Tanker zu alarmieren.<\/p>\n<p>In mittlerweile &uuml;ber 20 F&auml;llen hat das Alarmphone in Seenot-F&auml;llen interveniert und in mehreren Situationen dazu beigetragen, dass Rettungseins&auml;tze veranlasst wurden.iii Das Projekt ist in allen drei Regionen aktiv, in denen Migrant_innen und Fl&uuml;chtlinge versuchen, in die EU-L&auml;nder zu gelangen: in der &Auml;g&auml;is (zwischen Griechenland und der T&uuml;rkei), im zentralen Mittelmeer (zwischen Libyen\/Tunesien und Italien) und im westlichen Mittelmeer (zwischen Marokko und Spanien). Die Situationen sind zwar jeweils unterschiedlich, aber &uuml;berall kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen durch F&auml;lle von Sterben-Lassen oder R&uuml;ckschiebungen. Es wurden zudem Kontakte und Kooperationen mit Gruppen und Einzelpersonen wie z.B. Father Mussie Zerai entwickelt, die eine &auml;hnliche Arbeit mittels Notrufnummern leisten und sich f&uuml;r das Recht auf Schutz und auf Bewegungsfreiheit der Fl&uuml;chtlinge und MigrantInnen auf See einsetzen. Father Mussie Zerai ist ein aus Eritrea stammender Priester, der in der Schweiz lebt und seit vielen Jahren von eritreischen Boatpeople auf seiner privaten Nummer angerufen wird, wenn sie in Seenot geraten.<\/p>\n<p>Das Alarmphone wird von ehrenamtlichen Aktivist_innen getragen, die zum gro&szlig;en Teil seit vielen Jahren an den Au&szlig;engrenzen engagiert sind: in den Netzwerken von Welcome to Europe, Afrique Europe Interact, Borderline Europe, Noborder Morocco oder bei Watch The Med. Sie arbeiten in lokalen Gruppen, machen Recherchen oder sind an Kampagnen in den genannten drei Regionen beteiligt. Aktivist_innen des Projekts kommen aus Tunis, Palermo, Melilla, Tanger, Cadiz, Marseille, Strasbourg, London, Wien, Bern, Berlin und aus weiteren St&auml;dten. Einige Beteiligte haben ihre pers&ouml;nliche Erfahrungen bei der &Uuml;berquerung des Mittelmeeres in kleinen Booten gemacht. Das Projekt wird durch Spenden finanziert. Die Aktiven schulen sich mit Handb&uuml;chern, in denen Erfahrungen von Menschen eingearbeitet sind, die bereits seit Jahren als Ansprechpartner f&uuml;r Boatpeople fungieren. Und sie nutzen Online-Karten und das Know How des Monitoring-Projektes Watch The Med.<\/p>\n<p>Als allt&auml;gliche Unterst&uuml;tzungsstruktur soll das Alarmphone 2015 weiter etabliert und in den Migrant_innen-Communities der Transitl&auml;nder durch mehrsprachige Visitenkarten und Informationsflyer besser bekannt gemacht werden.<\/p>\n<h5>Baustein f&uuml;r globale Bewegungs&shy;frei&shy;heit<\/h5>\n<p>Die letzten Monate waren von antirassistischen Aktivit&auml;ten gepr&auml;gt, die nicht selten massenmediale Schlagzeilen erreicht haben. Die Spannbreite reicht von der Aktion des Zentrums f&uuml;r politische Sch&ouml;nheit zum ersten Europ&auml;ischen Mauerfall in Berlin bis zum Hungerstreik der Non-Citizens in M&uuml;nchen, vom ausdauernden Protestcamp der sudanesischen Gefl&uuml;chteten in Hannover bis zur erneuten Bleiberechtsdemonstration in Hamburg, von der Kampagne gegen die Versch&auml;rfung der Asylgesetze bis zu den erfolgreichen Kirchenasylen gegen Dublin-Abschiebungen. Symbolischer Protest und allt&auml;glicher Widerstand attackieren auf unterschiedlichen Ebenen die herrschende Fl&uuml;chtlings- und Migrationspolitik. Sie spiegeln wider, was das gesamte Jahr 2014 gepr&auml;gt hat: die inneren wie &auml;u&szlig;eren Grenzen der EU sind umk&auml;mpfter denn je, die sozialen und politischen K&auml;mpfe der Migrationsbewegungen haben sich enorm verdichtet. Das Projekt des Alarmphone versteht sich als ein kleiner weiterer Baustein in diesem vielf&auml;ltigen Widerstand f&uuml;r das Recht auf globale Bewegungsfreiheit. Kurzfristig geht es um Rettung und die Verhinderung offensichtlicher Menschenrechtsverletzungen an den EU-Au&szlig;engrenzen. Der Tod von Fl&uuml;chtlingen und Migrant_innen auf See k&ouml;nnte l&auml;ngst Geschichte sein, wenn das Grenz- und Visumsregime aufgel&ouml;st w&uuml;rde. Insofern zielt das Projekt letztlich auf einen mediterranen Raum mit offenen Grenzen f&uuml;r alle Menschen.<\/p>\n<p><b>HAGEN&nbsp;KOPP<\/b>&nbsp;&nbsp; ist aktiv in der Kampagne<i> kein mensch ist illegal <\/i>in Hanau.<\/p>\n<h5>Anmer&shy;kun&shy;gen: <\/h5>\n<p>(1) Siehe <a href=\"http:\/\/watchthemed.net\/reports\/view\/93\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/watchthemed.net\/reports\/view\/93<\/a><\/p>\n<p>(2) Siehe <a href=\"http:\/\/watchthemed.net\/reports\/view\/32\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/watchthemed.net\/reports\/view\/32<\/a><\/p>\n<p>(3) Siehe Zwischenbericht unter: <a href=\"http:\/\/www.watchthemed.net\/media\/uploads\/page\/12\/WTM-Interim-Report-AlarmPhone.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.watchthemed.net\/media\/uploads\/page\/12\/WTM-Interim-Report-AlarmPhone.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2080],"publikationen":[1092],"class_list":["post-11556","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hagen-kopp","publikationen-1092"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gegen das Sterben-Lassen auf See - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/gegen-das-sterben-lassen-auf-see\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gegen das Sterben-Lassen auf See - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Initiative Watch the Med(iterranean) startet ein rund um die Uhr erreichbares Notruftelefon, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 89-91 (Red.) 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