{"id":11559,"date":"2015-04-19T11:05:00","date_gmt":"2015-04-19T09:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/entscheidung-wider-besseres-wissen\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:58","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:58","slug":"entscheidung-wider-besseres-wissen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/entscheidung-wider-besseres-wissen\/","title":{"rendered":"Entscheidung wider besseres Wissen"},"content":{"rendered":"<p>Zur Deklarierung Serbiens, Mazedoniens und Bosnien-Herzegowinas zu &#8222;Sicheren Herkunftsstaaten&#8220;, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 112-118<\/p>\n<p><i>(Red.) Der Gesetzgeber hat im September 2014 die L&auml;nder Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina im ehemaligen Jugoslawien als sichere Herkunftsstaaten eingestuft. Vor allem f&uuml;r Roma, die aus diesen L&auml;ndern kommen, ein &#8222;Schlag ins Gesicht&#8220;. Sie sind dort Bedingungen ausgesetzt, die es nicht erlauben, von einem sicheren Leben zu sprechen.<\/i><\/p>\n<p>Vielleicht ist das Politik: auf St&uuml;hlen und an Tischen sitzen, &uuml;bergeordnet und gew&auml;hlt sein; verschiedenen Fraktionen angeh&ouml;ren und sich gegenseitig Zugest&auml;ndnisse abringen; wie Tauziehen, das wir von Stra&szlig;enfesten oder Kindergeburtstagen kennen.<br \/>In den vergangenen Jahren hat der Bundes Roma Verband wiederholt Recherchereisen unternommen, Filmmaterial bereitgestellt sowie unz&auml;hlige Stellungnahmen, Berichte und Interviews ver&ouml;ffentlicht, die belegen, dass es f&uuml;r Roma kein sicheres Leben in S&uuml;dosteuropa gibt. Die besonders in Deutschland im Mund gef&uuml;hrte Rede von historischer Verantwortung ernst zu nehmen bedeutet, denjenigen, die strukturell ausgeschlossen und benachteiligt werden, Chancen zu geben, anstatt Ausgrenzungsmechanismen zu wiederholen und immer weiter zu zementieren.<\/p>\n<p>Mit der Einstufung von Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als &#8222;sichere Herkunftsstaaten&#8220; hat die Bundesregierung einen Weg gew&auml;hlt, sich der Menschen bewusst zu entledigen, die innerhalb der europ&auml;ischen Gemeinschaft als gr&ouml;&szlig;te ethnische Minderheit mit einer jahrhundertealten Geschichte von Verfolgung, Vertreibung und Ermordung am dringendsten auf Schutz angewiesen sind. Das Gesetz bedeutet versch&auml;rfte Massenabschiebungen von Schutz suchenden Roma. Ausgewiesen werden jene Menschen, die seit Jahrhunderten als &#8222;Zigeuner&#8220; verfolgt werden.<\/p>\n<p>Rund um Asylrecht und die Behandlung von Fl&uuml;chtlingen entstehen momentan viele Entscheidungen auf &auml;hnliche Weise: wie ein ritualisiertes Spiel, in dem schon feststeht, welche Seite gewinnt. Entscheidungen, die &#8211; als logische Folgen im Prozess der europ&auml;ischen Erweiterung &#8211; schon vorher festzustehen scheinen. Seit dem 6. November 2014 ist das Gesetz in Kraft: Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien gelten bei Asylverfahren k&uuml;nftig als sichere Herkunftsstaaten. Die Verfahren werden abgek&uuml;rzt, die Antr&auml;ge als offensichtlich unbegr&uuml;ndet abgelehnt. Ob &#8222;offensichtlich unbegr&uuml;ndet&#8220; oder nur &#8222;unbegr&uuml;ndet&#8220;: die Folgen dieser Formulierung f&uuml;r die einzelnen Betroffenen sind enorm. Zwar wurden Verb&auml;nde aufgefordert, zu den Gesetzentw&uuml;rfen Stellung zu nehmen, Karin Waringo(1) und Reinhard Marx(2) wurden im Bundestag angeh&ouml;rt. Roma-Organisationen wie der Bundes Roma Verband &#8211; in denen die Expert_innen (f&uuml;r ihre eigene Lage) sitzen &#8211; k&ouml;nnen klar und deutlich sagen, wie die Lage in den (s&uuml;dost)europ&auml;ischen L&auml;ndern ist &#8211; alles blieb unbeachtet.<\/p>\n<p>Es gab Protestaktionen wie die Besetzung der Zentrale von B&Uuml;NDNIS 90\/DIE GR&Uuml;NEN in Berlin im November 2014, Unterschriftenlisten, Plakate, Postkarten, Kundgebungen &#8211; direkte und indirekte Ansprache von Verantwortlichen. Auch in den Parteien wurde diskutiert. Einzelne SPD-Politiker_innen reagierten auf unsere Aufforderungen zur Stellungnahme und formulierten, dass sie sehr wohl wissen, dass sich das Gesetz zu den sicheren Herkunftsstaaten Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien gegen Roma richtet, einige halten es f&uuml;r &#8222;nicht gesichert, dass diese in den L&auml;ndern nicht weiterhin Diskriminierungen oder sogar Verfolgung und Gewalt ausgesetzt&#8220; seien. Das Gesetz wurde jedoch im Paket verhandelt, zusammen mit der Abschaffung der Residenzpflicht, dem Zugang zum Arbeitsmarkt &#8222;f&uuml;r Asylbewerberinnen und Asylbewerber und f&uuml;r geduldete Ausl&auml;nderinnen und Ausl&auml;nder nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland&#8220;. Eins ist nicht ohne das andere zu bekommen.<\/p>\n<p>Auch viele Gr&uuml;ne stimmen schlie&szlig;lich daf&uuml;r (und sagen einen Tag zuvor und einen danach, dass sie dagegen sind). So zum Beispiel Luise Amtsberg im Bundestag:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&raquo;&#8230;die Gr&uuml;nen-Fraktion widerspricht vehement der Auffassung der Bundesregierung und der Gro&szlig;en Koalition, dass Asylbewerber aus den Balkanstaaten keinen Schutz brauchten und Armutszuwanderer seien. (&#8230;) Kurzum: Ihre Politik in dieser Sache, verehrte Kolleginnen und Kollegen der Gro&szlig;en Koalition, soll den Korridor f&uuml;r Schutzsuchende verengen. Das ist das Ziel dieses Gesetzentwurfes. An L&ouml;sungen, die den Menschen auf lange Sicht tats&auml;chlich helfen, auch hier in Deutschland, arbeiten Sie leider nicht. (&#8230;) Sie haben die Rechnung ohne die Gr&uuml;nen in den L&auml;ndern gemacht. Restriktionen im Asylrecht mit gr&uuml;ner Unterst&uuml;tzung wird es so nicht geben.&laquo;(3)<\/i>\n<\/p>\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Ich kann mir nicht vorstellen, dass es zu einer Einigung mit der Koalition kommt &uuml;ber deren Wunsch, drei Staaten des Westbalkans zu sicheren Herkunftsstaaten zu machen. (&#8230;) Einen einfachen Deal: sichere Herkunftsstaaten &#8211; beispielsweise &#8211; gegen weitere Fristverk&uuml;rzung f&uuml;r die Arbeitsaufnahme durch Fl&uuml;chtlinge wird es mit uns nicht gegeben.&#8220;, so die Bundesvorsitzende der Gr&uuml;nen, Simone Peter, im Interview mit der FAZ.(4)<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Schlie&szlig;lich wurde die &Auml;nderung des Asylrechts durch das Ja des gr&uuml;n-rot regierten Baden W&uuml;rttemberg m&ouml;glich, dessen Ministerpr&auml;sident Winfried Kretschmann (B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen) dem Kompromiss zustimmte.<\/p>\n<p>&Uuml;ber die Auswirkungen der Entscheidung zu berichten scheint sinnlos, ist es aber deshalb nicht, weil sehr viele Menschen in Not weiterhin jede m&ouml;gliche Unterst&uuml;tzung brauchen.<\/p>\n<h5><span id=\"die-juristische-praxis-des-29a-asylvfg-sicherer-herkunftsstaat\">Die juristische Praxis des &sect;&nbsp;29a AsylVfG &ndash; Sicherer Herkunfts&shy;s&shy;taat <\/span><\/h5>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Der Asylantrag eines Ausl&auml;nders aus einem Staat im Sinne des Artikels 16a Abs. 3 Satz 1 des Grundgesetzes (sicherer Herkunftsstaat) ist als offensichtlich unbegr&uuml;ndet abzulehnen, es sei denn, die von dem Ausl&auml;nder angegebenen Tatsachen oder Beweismittel begr&uuml;nden die Annahme, dass ihm abweichend von der allgemeinen Lage im Herkunftsstaat politische Verfolgung droht.&#8220; (&sect; 29a AsylVfG)<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das hei&szlig;t: Eilantr&auml;ge m&uuml;ssen innerhalb von einer Woche gestellt werden. F&uuml;r die Begr&uuml;ndung gibt es zwar keine Frist, aber das Gericht muss innerhalb einer Woche entscheiden, das hei&szlig;t, auch die Begr&uuml;ndung muss innerhalb dieser Zeit erfolgen.<\/p>\n<p>Vorher war es schon sehr schwierig, jetzt ist es noch schwieriger, Verfolgung zu belegen, zum Beispiel bei Opfern von Gewalt mit den Biographien von Ehepartnern aus verschiedenen Herkunftsl&auml;ndern, und Kindern mit verschiedenen Geburtsorten und -urkunden. Wo Kinder geboren werden, h&auml;ngt von famili&auml;ren Hintergr&uuml;nden ab &#8211; beispielsweise wenn die Eltern zu diesem Zeitpunkt in S&uuml;dserbien leben oder auch nur Verwandte besuchen oder w&auml;hrend eines Aufenthaltes in Deutschland. H&auml;ufig mischen sich in den Biographien auch die Grenzen. Wenn diese Menschen Opfer von Verbrechen wurden und von diesen berichten, gibt es eine Vielzahl von Problemen: Genaue Zeitangaben gibt es vielleicht nicht, die Namen der T&auml;ter k&ouml;nnen nicht komplett angegeben werden, oder die Polizei im jeweiligen Ort hat keine Anzeige aufgenommen. Es gibt Frauen, die von Vergewaltigungen berichten &#8211; nur wird das dann am Rande erw&auml;hnt, wenn zum Beispiel der Schwerpunkt auf der Biographie des Mannes liegt. Oder M&auml;nner, die geschlagen wurden und denen es schwer f&auml;llt, davon genau zu berichten, denn traumatische Erinnerungen werden nicht wie Sachberichte gespeichert. &#8222;Tatsachen oder Beweismittel&#8220; m&uuml;ssen aber vorgelegt werden, um entgegen der Annahme des sicheren Herkunftsstaates politische Verfolgung zu belegen. Die Pr&uuml;fung bezieht sich dann auf ein Land, zwei S&auml;tze werden auf ein anderes verwendet, eventuelle Schilderungen werden verk&uuml;rzt. Wann war etwas genau? Wer waren der oder die T&auml;ter? In welchem Land? Auf diese Fragen f&auml;llt es vielen schwer, Antworten zu geben, und auch, sich in der Weise zu &auml;u&szlig;ern, wie es die juristische Form notwendig macht.<\/p>\n<p>Wo Herkunftsl&auml;nder als sicher angenommen werden, muss die Nichtverfolgungsvermutung durch einen schl&uuml;ssigen Vortrag von Verfolgungstatsachen ersch&uuml;ttert werden. Dies ist besonders im Fall von Roma vor dem Hintergrund permanenter Diskriminierung schwer m&ouml;glich. Zudem werden sehr hohe Anforderungen an die Schl&uuml;ssigkeit des Vortrags gestellt. Auf die meisten Roma wirkt Rassismus seit fr&uuml;her Kindheit, seit Generationen. Und er wirkt sich auf jede\/n einzelne\/n aus: Beschimpfungen, Ausgrenzungen, Schl&auml;ge, kein Zugang zu Arbeitsm&ouml;glichkeiten, zu Bildung, nicht segregiertem Wohnen, Gesundheitsversorgung sowie Versicherungssystemen sind allt&auml;glich erfahrene Normalit&auml;t. Psychische Folgen sind komplexbeladene Selbstvorw&uuml;rfe und die Infragestellung der eigenen F&auml;higkeiten &#8211; nichts, was &auml;rztlich attestiert w&uuml;rde; nichts, was als politische Verfolgung anerkannt w&auml;re. Die (sozialen) Wirkungen von politischer struktureller Ungerechtigkeit sind oftmals nicht messbar. Verfolgung ist Gewohnheit und nichts, was so einfach berichtet werden k&ouml;nnte. Diese Dimension wird von deutschen Gerichten nicht erfasst, obwohl sie die historische Dimension kennen m&uuml;ssen.<\/p>\n<h5><span id=\"das-paket-wie-hoch-ist-der-preis-oder-wie-teuer-sind-roma\">Das Paket. Wie hoch ist der Preis oder wie teuer sind Roma? <\/span><\/h5>\n<p>Allen an der politischen Entscheidung Beteiligten war klar, wer unter dieser Gesetzes&auml;nderung leiden wird. Die aktuellen rassistischen Diskriminierungen gegen Roma in S&uuml;dosteuropa sind seit Jahren bekannt, und nicht nur unsere eigenen Berichte zeigen das ganze Ausma&szlig; an menschenrechtlichen Defiziten in den Balkanstaaten und belegen die systematische Ausgrenzung der Roma, die eine lebensbedrohliche Armut zur Folge hat (siehe Literatur im Anhang).<\/p>\n<p>Wie viele &#8222;Vorteile&#8220; k&ouml;nnen diesen Zustand aufwiegen? Es ist eine mehr als zynische Frage. Beschlossen wurde eine Abschaffung der sogenannten Residenzpflicht. Diese war auf L&auml;nderebene bereits weitgehend gelockert. Nur: Ein Wohnsitzwechsel zum Ort des Arbeitsplatzes oder der Bildungseinrichtung bleibt schwierig. Damit besteht die generelle Beschr&auml;nkung fort, es gibt keine freie Wohnortswahl. Auch das Arbeitsverbot ist gelockert, aber keineswegs abgeschafft: Die Vorrangpr&uuml;fung entf&auml;llt nur in bestimmten F&auml;llen. Die Erteilung einer Arbeitserlaubnis liegt weiter im Ermessen der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rden. Vielen geduldeten Fl&uuml;chtlingen bleibt das Arbeiten verboten, dies gilt auch f&uuml;r Ausbildungsverbote f&uuml;r Jugendliche. Das Sachleistungsprinzip ist abgeschafft. Doch selbst das ist nur ein halber Sieg, ist doch die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes l&auml;ngst &uuml;berf&auml;llig. Damit w&auml;re die Fl&uuml;chtlingsversorgung nicht mehr wie jetzt L&auml;ndersache, sondern ginge an den Bund, was kleinteilig Entlastung und einheitliche Entscheidungen bedeutete. Au&szlig;erdem: G&auml;be es einen uneingeschr&auml;nkten Zugang zum Arbeitsmarkt, w&auml;re der Versorgungsaufwand sicher sehr viel geringer.<\/p>\n<h5><span id=\"verschraenkte-diskriminierung\">Verschr&auml;nkte Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rung <\/span><\/h5>\n<p>Am 1. Dezember 2013 wurde durch eine &Auml;nderung des deutschen Asylverfahrensgesetzes klargestellt, dass auch eine Kumulation unterschiedlicher Ma&szlig;nahmen Verfolgung darstellen kann. Dies umfasst Ma&szlig;nahmen, die so gravierend sind, dass eine Person davon in &auml;hnlicher Weise wie von einer schwerwiegenden Verletzung der grundlegenden Menschenrechte betroffen ist. Nach dem Asylverfahrensgesetz k&ouml;nnen auch Diskriminierungen und Ausgrenzungen, die einzeln noch nicht als Verfolgung anzusehen sind, in ihrem Zusammenwirken als Verfolgung verstanden werden. Wenn Siedlungen von Roma abgebrannt, gepl&uuml;ndert und zerst&ouml;rt werden, wenn Zwangsr&auml;umungen vorgenommen werden mit der Folge der Obdachlosigkeit (welche bereits Voraussetzung des informellen Siedlungsbaus ist), wenn Roma keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zu Bildung und zu medizinischer Versorgung haben, rassistischen &Uuml;bergriffen von paramilit&auml;rischen Gruppierungen und der &#8222;Selbstjustiz&#8220; der Normalbev&ouml;lkerung ausgesetzt sind &#8211; dann sind dies alles klare Indizien f&uuml;r eine Mehrfachdiskriminierung von Roma.<\/p>\n<p>Unseren Recherchen und Erfahrungen zufolge sind Roma genau dieser Verschr&auml;nkung unterschiedlicher, zum Teil struktureller Diskriminierungen ausgesetzt. Die Diskussion in Justiz und Rechtswissenschaft dar&uuml;ber steht erst am Anfang und wird leider nicht fortgef&uuml;hrt, weil Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsstaaten eingestuft wurden. Fl&uuml;chtende Roma bringen Asylgr&uuml;nde vor, die &uuml;ber rein wirtschaftliche Aspekte hinausgehen. So wurde uns in mehreren F&auml;llen von Angriffen serbischer Nationalisten berichtet, die t&auml;tliche Angriffe, sexuelle &Uuml;bergriffe und Zerst&ouml;rung von Wohneigentum, permanente Bedrohung und Einsch&uuml;chterungsversuche umfassen. Derzeit organisieren sich zum Beispiel in Serbien Verb&uuml;nde gegen Roma. So gibt es beispielsweise den Aufruf der orthodox-christlich- nationalistischen Organisation &#8222;Srb-Akcija&#8220;, der erst k&uuml;rzlich ver&ouml;ffentlicht wurde. Diese Gruppierung ist nicht die Einzige ihrer Art, die sich bedrohlich &auml;u&szlig;ert. Hier wird zur B&uuml;rgerwehr aufgerufen und Hetze gegen Roma betrieben. Angriffe dieser Art mehren sich in ganz Europa. &Uuml;bersetzungen entsprechender Berichte finden sich immer wieder auf unseren Webseiten (<a href=\"http:\/\/www.bundesromaverband.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bundesromaverband.de<\/a>).<\/p>\n<p>Die Einstufung als sichere Herkunftsl&auml;nder ist ein weiterer Schritt, diese offiziell bekannte bedrohliche Lage der Roma in S&uuml;dosteuropa zu ignorieren. Das Verwaltungsgericht M&uuml;nster hat sich der Asylrechtsversch&auml;rfung widersetzt und bezweifelt in seinem Beschluss vom 27.11.2014 in dem Verfahren 4 L 867\/14.A die Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit der Asylrechtsreform der Bundesregierung.(5) Die Bundesregierung begr&uuml;ndet derweil das Gesetz mit den steigenden Antragszahlen aus den Westbalkan-Staaten und den geringen Anerkennungsquoten. Hier findet offen eine Unterteilung in &#8222;gute&#8220; und &#8222;schlechte&#8220; Fl&uuml;chtlinge statt, die entsprechende Ressentiments in der Bev&ouml;lkerung bedient und ein Echo in der Bev&ouml;lkerung ausl&ouml;st. Roma sind in Serbien, in Mazedonien und Bosnien-Herzegowina nach wie vor die verletzlichste Minderheitengemeinschaft. Sie sind wiederholt Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung und verbaler und physischer Bel&auml;stigung. Die Polizei reagiert oft mit Aufforderungen, wie zum Beispiel, sie sollten sich selbst wehren. Rassistische Tathintergr&uuml;nde werden ignoriert, Anrufe um Hilfe nicht beantwortet. Die Polizei ist f&uuml;r die Menschen, mit denen wir in den letzten Jahren sprachen, kein Ansprechpartner und wird als Instanz wie personell als bedrohlich beschrieben. Daher sind viele Angriffe und &Uuml;bergriffe weder aktenkundig noch berichtet. Das wissen alle, und das berichten alle; nur f&uuml;r die politischen Entscheidungen ist das kein Kriterium.<\/p>\n<p>Eine faire und umfassende Pr&uuml;fung des Einzelfalls, auf die man in Deutschland als einem Rechtsstaat gesetzlichen Anspruch hat, ist nicht mehr vorgesehen und findet nicht mehr statt. Wie ist dies mit dem Rechtsstaatsprinzip vereinbar? Mit Hilfe des Gesetzes schiebt Deutschland die Verantwortung f&uuml;r den Schutz von Roma als besonders schutzbed&uuml;rftige ethnische Minderheit vor Verfolgung ab. Damit werden Roma wieder zu &#8222;Menschen zweiter Klasse&#8220;, denen das Recht auf Schutz verwehrt bleibt.<\/p>\n<p>Schon seit 2012 werden die Asylantr&auml;ge vor allem von Roma aus den ehemaligen jugoslawischen L&auml;ndern priorit&auml;r und damit faktisch im Schnellverfahren durchgef&uuml;hrt. Die Gesetzes&auml;nderung von 2014 schafft die nachtr&auml;gliche Legitimierung daf&uuml;r. Im europ&auml;ischen Kontext muss Deutschland sich aktuell nicht mehr vorwerfen lassen, zu wenig zu tun &#8211; gegen die steigenden Zahlen. Es ist auch eine Reaktion auf Statistiken. Der Blick auf Statistiken verstellt die Realit&auml;t, in der weder eine Verantwortungs&uuml;bernahme f&uuml;r die Folgen der Jugoslawien-Kriege vorstellbar ist, noch aktuell f&uuml;r die Folgen des Aufnahmeprozesses der ex-jugoslawischen L&auml;nder in die EU. Auch dies ist eine Fortf&uuml;hrung jahrhundertealter Ausgrenzung und Fremdbestimmung von Roma, die seit Jahrhunderten in Europa leben und dennoch nie als ein zu achtender, respektierender Teil der Mehrheitsgesellschaft empfunden und behandelt wurden. Der Kreislauf von Ausgrenzung, Verfolgung, Unterdr&uuml;ckung und bitterer Armut ist bis heute, trotz der Erfahrungen des Nationalsozialismus, bestehen geblieben. In jedem Land Europas, in besonderem Ma&szlig;e aber in den s&uuml;dosteurop&auml;ischen Staaten haben es Roma ungleich schwerer, an einem menschenw&uuml;rdigen Leben im Vollbesitz aller Grundrechte zu partizipieren. Sich dieser Verantwortung zu stellen, diese Zust&auml;nde und Dynamiken grundlegend zu ver&auml;ndern und Roma nicht als &#8222;St&ouml;rfaktor&#8220;, sondern als zu achtende Menschen mit Ressourcen und Potentialen zu betrachten: dies l&auml;ge in der politisch und historisch begr&uuml;ndeten Verantwortung der Bundesrepublik Deutschland.<\/p>\n<p><i>Der <\/i><b>BUNDES ROMA VERBAND&nbsp;&nbsp; <\/b><i>wurde im September 2013 initiiert. Verbandsvorsitzende ist die Rechtsanw&auml;ltin Nizaqete Bislimi. Der Dachverband will zur St&auml;rkung der Stimme der in Deutschland lebenden Roma dienen und repr&auml;sentiert eine Vielzahl von Roma-Organisationen, ohne dass die einelnen Mitglieder dabei ihre Unabh&auml;ngigkeit verlieren.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h5>\n<p>Bundes Roma Verband: Herkunftsl&auml;nder nicht sicher. Trotz Gesetz (3.12.2014), <a href=\"http:\/\/bundesromaverband.de\/herkunftslaender-nicht-sicher-trotz-gesetz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/bundesromaverband.de\/herkunftslaender-nicht-sicher-trotz-gesetz\/<\/a><\/p>\n<p>Pro Asyl: Serbien &#8211; ein sicherer Herkunftsstaat von Asylsuchenden in Deutschland? Eine Auswertung von Quellen zur Menschenrechtssituation von Dr. Karin Waringo, Franfkurt\/M. 2012, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www.proasyl.de\/fileadmin\/proasyl\/Serbien_kein_sicherer_Herkunftsstaat.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.proasyl.de\/fileadmin\/proasyl\/Serbien_kein_sicherer_Herkunftsstaat.pdf<\/a><\/p>\n<p>Rena Jeremi&#263; R&auml;dle, Serbien zum &#8222;sicheren Staat&#8220; erkl&auml;rt, Blogeintrag v. 12.7.2014, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.alle-bleiben.info\/serbien-zum-sicheren-staat-erklart\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.alle-bleiben.info\/serbien-zum-sicheren-staat-erklart\/<\/a><\/p>\n<p>Thomas Hammarberg\/Commissioner for Human Rights of the Council of Europe, Report following his visit to Serbia on 12-15 June 2011, CommDH(2011)29, Stra&szlig;burg 2011, abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/wcd.coe.int\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wcd.coe.int\/<\/a><\/p>\n<p>United Nations Committee on the Elimination of Racial Discrimination (CERD), Concluding observations of the Seventy-eighth session 14 February &#8211; 11 March 2011, abrufbar unter: <a href=\"http:\/\/www2.ohchr.org\/english\/bodies\/cerd\/docs\/co\/Serbia_AUV.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www2.ohchr.org\/english\/bodies\/cerd\/docs\/co\/Serbia_AUV.pdf<\/a><\/p>\n<h5><span id=\"anmerkungen\">Anmerkungen:<\/span><\/h5>\n<p>(1) Dr. Karin Waringo ist Politologin und besch&auml;ftigt sich seit 15 Jahren mit der Situation von Minderheiten in Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina, bereist die Region und hat diverse Publikationen zum Thema vorgelegt.<\/p>\n<p>(2) Rechtsanwalt Dr. Reinhard Marx hat sich von Anfang an auf das Aufenthalts-, Asyl- und Staatsangeh&ouml;rigkeitsrecht spezialisiert und hat seit 1983 eine Kanzlei in Frankfurt \/ M.<\/p>\n<p>(3) <a href=\"http:\/\/luise-amtsberg.de\/bundestagsdebatte-zu-sicheren-herkunftsstaaten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/luise-amtsberg.de\/bundestagsdebatte-zu-sicheren-herkunftsstaaten\/<\/a><\/p>\n<p>(4) <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/streit-ueber-balkanstaaten-gruene-machen-front-gegen-asylpolitik-der-regierung-13120692.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/streit-ueber-balkanstaaten-gruene-machen-front-gegen-asylpolitik-der-regierung-13120692.html<\/a><\/p>\n<p>(5) S. Bundesromaverband: Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit der Bestimmung Serbiens zum sicheren Herkunftsstaat zweifelhaft, Stellungnahme vom 28.11.2014, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/bundesromaverband.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/bundesromaverband.de\/<\/a> wp-content\/uploads\/2014\/12\/Verfassungsmu00E4u00DFigkeit-der-Bestimmung-Serbiens-zum-sicheren-Herkunftsstaat-zweifelhaft.pdf<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2081],"publikationen":[1092],"class_list":["post-11559","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-bundes-roma-verband","publikationen-1092"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Entscheidung wider besseres Wissen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/entscheidung-wider-besseres-wissen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Entscheidung wider besseres Wissen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Deklarierung Serbiens, Mazedoniens und Bosnien-Herzegowinas zu &#8222;Sicheren Herkunftsstaaten&#8220;, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 112-118 (Red.) 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