{"id":11560,"date":"2015-04-19T11:00:00","date_gmt":"2015-04-19T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/was-gilt-die-freiheit-der-person-wenn-sie-ein-fluechtling-ist\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:58","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:58","slug":"was-gilt-die-freiheit-der-person-wenn-sie-ein-fluechtling-ist","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/was-gilt-die-freiheit-der-person-wenn-sie-ein-fluechtling-ist\/","title":{"rendered":"Was gilt die Freiheit der Person, wenn sie ein Fl\u00fcchtling ist?"},"content":{"rendered":"<p>Stellungnahme des Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demo&shy;kratie zum &#8222;Entwurf eines Gesetzes zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung&#8220;, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 119-122<\/p>\n<p><i>(Red.) Am 25. Februar hat die Bundesregierung den Gesetzentwurf zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung (BT-Drs. 18\/ 4097) in den Bundestag eingebracht. Der Entwurf sieht eine Bleiberechtsregelung f&uuml;r die zahlreichen, seit vielen Jahren hier lebenden Ausl&auml;nder vor. Ob bisher Geduldete dieses Bleiberecht erhalten, liegt jedoch im Ermessen der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rden (und kann beispielsweise bei fr&uuml;heren Verst&ouml;&szlig;en gegen Ausreiseverf&uuml;gungen versagt werden). Dar&uuml;ber hinaus soll der Status derjenigen Fl&uuml;chtlinge, die im Rahmen sog. Resettlement-Programme des UNHCR (z.B. aus Syrien) in Deutschland aufgenommen wurden, angeglichen werden. Sie sollen k&uuml;nftig die gleichen Rechte genie&szlig;en wie jene, die von deutschen Beh&ouml;rden als Fl&uuml;chtlinge anerkannt wurden &#8211; was dem Entwurf jedoch nur unzureichend gelingt. Schlie&szlig;lich regelt das Gesetz auch die Erteilung von Aufenthalts- und Wiedereinreiseverboten sowie die Voraussetzungen der Abschiebehaft f&uuml;r sog. Dublin-Fl&uuml;chtlinge. <\/i><\/p>\n<p><i>Zu dem Entwurf haben zahlreiche Fl&uuml;chtlings- und Fachorganisationen Stellung bezogen. Wir geben hier beispielhaft die Kritik des Komitees f&uuml;r Grundrechte und Demokratie wieder.<\/i><\/p>\n<h5>Einleitung <\/h5>\n<p>Mit dem Gesetzentwurf (BT-Drs.&nbsp;18\/4097) will die Bundesregierung das Bleiberecht sowie das Ausweisungs- und Abschiebungsrecht reformieren. Der Gesetzentwurf zielt darauf ab, beispielsweise die Rechtsstellung f&uuml;r langj&auml;hrig geduldete Fl&uuml;chtlinge zu verbessern. Der zweite Teil des Entwurfs jedoch, der zwar aufgrund zahlreicher Proteste gegen&uuml;ber dem Referentenentwurf bereits leicht modifiziert wurde, weitet repressive Ma&szlig;nahmen gegen Fl&uuml;chtlinge immer noch ma&szlig;los aus. Der Gesetzentwurf ist deshalb aus grund- und menschenrechtlicher Sicht abzulehnen.<\/p>\n<p>Wir fordern die Bundestagsabgeordneten der CDU und SPD auf, diesem Gesetzesentwurf die Zustimmung zu verweigern. Entscheidend zu kritisieren sind vor allem zwei Punkte:<\/p>\n<p><i>1. Ma&szlig;lose Ausweitung der Abschiebungshaft <\/i><\/p>\n<p>a) Um den europarechtlichen Anspr&uuml;chen der Abschiebungshaft f&uuml;r ausreisepflichtige Ausl&auml;nder (&#8222;illegaler Aufenthalt&#8220;) gerecht zu werden, werden im Regierungsentwurf (&sect; 2 Abs. 14 + 15) nun vermeintlich &#8222;objektive Kriterien&#8220; festgelegt, die die Annahme der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde best&auml;tigen k&ouml;nnten, ein\/e Ausl&auml;nderIn k&ouml;nne sich der Abschiebung oder &Uuml;berstellung durch Flucht entziehen wollen. Aber alle diese vermeintlich objektiven Kriterien sind v&ouml;llig ungeeignet, um einem Fl&uuml;chtling eine &#8222;erhebliche Fluchtgefahr&#8220; zu unterstellen und damit der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde die M&ouml;glichkeit einzur&auml;umen, Abschiebungshaft richterlich anordnen zu lassen. Der Begriff der &#8222;erheblichen Fluchtgefahr&#8220; bleibt auch unter den gesetzlichen Kriterien dehnbar und unbestimmt und er&ouml;ffnet damit weite Ermessensspielr&auml;ume der Fl&uuml;chtlingsverwaltung, den politischen Tagesanforderungen entgegenzukommen (z.B. hohes Fl&uuml;chtlingsaufkommen). Denn diese nun normierten Verdachtskriterien &#8211; wie &#8222;Vernichtung von Identit&auml;ts- oder Reisedokumenten&#8220;, Finanzierung von Fluchthelfern mit erheblichen Mitteln (ab 3.000,- &#8364; aufw&auml;rts) oder die Erkl&auml;rung, sich einer Abschiebung entziehen zu wollen &#8211; werden bei vielen Fl&uuml;chtlingen vorliegen. Menschen, die sich unter Einsatz ihres Lebens auf die Flucht begeben, m&uuml;ssen nicht nur Fluchthilfe in Anspruch nehmen und diese finanzieren, sondern oftmals auch ihre Identit&auml;t verschleiern, um zur&uuml;ckgebliebene Familienangeh&ouml;rige, FreundInnen und Bekannte nicht zu gef&auml;hrden. Abschiebungshaft dagegen dient allein dazu, einen Verwaltungsakt, den der Abschiebung, vorzubereiten oder seine beh&ouml;rdliche Durchf&uuml;hrung sicherzustellen, wie es gesetzlich hei&szlig;t. Allein auf der Grundlage willk&uuml;rlicher Verdachtsmomente, wie sie jetzt normiert werden sollen, um eine &#8222;erhebliche Fluchtgefahr&#8220; zu unterstellen, in die Unverletzlichkeit der Freiheit einer Person (GG Art. 2.2.) einzugreifen, ist unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig und nicht grundrechtskonform. Mit dem Kriterienkatalog der Bundesregierung werden nicht nur der allgemeine Verdacht, ein\/e Ausl&auml;nderIn wolle sich der Abschiebung entziehen, sondern naheliegend auch das Instrument der Abschiebungshaft und die damit einhergehende Zwangsgewalt gegen Ausl&auml;nderInnen ausgeweitet. Damit wird allein zur Erleichterung von hoheitlichem Verwaltungshandeln, n&auml;mlich die Beschleunigung und Durchsetzung von Abschiebungen, in Form der zwangsweisen Freiheitsentziehung massiv in Grund- und Menschenrechte von Fl&uuml;chtlingen eingegriffen.<\/p>\n<p>b) Die M&ouml;glichkeiten zur Inhaftierung von Fl&uuml;chtlingen im &#8222;Dublin-Verfahren&#8220; werden erheblich ausgeweitet. Das betrifft diejenigen Fl&uuml;chtlinge, die bereits in einem anderen EU-Staat, zumeist im Ersteinreiseland, registriert worden sind. Nicht nur werden f&uuml;r diese Asylsuchenden die Kriterien f&uuml;r die Unterstellung von &#8222;Fluchtgefahr&#8220; angewandt, obwohl sie sich als Asylsuchende nicht illegal aufhalten. Zugleich soll die Weiterflucht vor Abschluss eines laufenden Verfahrens in einem anderen EU-Staat bereits zur Inhaftierung berechtigen. Damit k&ouml;nnten alle sogenannten Dublin-Fl&uuml;chtlinge, f&uuml;r die ein anderer EU-Staat zust&auml;ndig ist, in Haft genommen werden, um ihre &#8222;&Uuml;berstellung&#8220; zwangsweise sicherzustellen. Aber es gibt gute Gr&uuml;nde, weiter zu fliehen, weil in einigen Mitgliedsstaaten der EU allgemeine Verfahrensstandards nicht eingehalten werden (k&ouml;nnen), weil Fl&uuml;chtlinge in Obdachlosigkeit und ohne die notwendigen Lebensmittel sich selbst &uuml;berlassen bleiben oder weil sie einem gewaltt&auml;tigen Rassismus ausgesetzt sind. Ein inhumanes europ&auml;isches Zust&auml;ndigkeitssystem (Dublin), das Fl&uuml;chtlinge in Europa wie Frachtgut hin und her verschiebt, kann offensichtlich nur mit einem menschenrechtsverletzenden Inhaftierungsprogramm ungeheuren Ausma&szlig;es umgesetzt werden.<\/p>\n<p>c) Mit dem Gesetzesentwurf wird ein maximal viert&auml;giger &#8222;Ausreisegewahrsam&#8220; nach richterlicher Anordnung eingef&uuml;hrt (&sect;&nbsp;62b AufenthG-E). Dieser soll m&ouml;glichst im Transitbereich der Flugh&auml;fen oder in zugriffsnahen Unterk&uuml;nften vollzogen werden. Er kann angeordnet werden, wenn die Ausreisefrist &uuml;berschritten worden ist und die Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde vermutet, dass der\/die Ausl&auml;nderIn die Abschiebung erschweren oder vereiteln werden wird. F&uuml;r den schwerwiegenden Eingriff in das Grundrecht auf die Unverletzlichkeit der Freiheit der Person muss wiederum als Begr&uuml;ndung die Erm&ouml;glichung eines Verwaltungsaktes herhalten, allein weil dieser mit einem erheblichen organisatorischen Aufwand, wie bei Sammelabschiebungen &uuml;blich, einhergeht. In diesem Kontext droht der freiheitsentziehende Eingriff zum grundrechtswidrigen Regelfall zu werden.<\/p>\n<p><i>2. Massive Ausweitung des Einreise- und Aufenthaltsverbotes <\/i><\/p>\n<p>Bisher konnten bereits ausgewiesene, zwangsweise zur&uuml;ck- oder abgeschobene Fl&uuml;chtlinge mit einem auf maximal f&uuml;nf Jahre befristeten Einreise- und Aufenthaltsverbot sanktioniert werden. Mit dem Gesetzentwurf kann dieses Verbot auf Asylsuchende ausgedehnt werden, deren Asylgesuche als &#8222;offensichtlich unbegr&uuml;ndet&#8220; abgelehnt oder deren Asylfolge- oder Zweitantr&auml;ge nicht zur &#8222;Durchf&uuml;hrung&#8220; angenommen worden sind. Das Verbot kann bis zu drei Jahren EU-weit vom Bundesamt f&uuml;r Migration und Fl&uuml;chtlinge angeordnet werden. Insbesondere dann, wenn eine &#8222;missbr&auml;uchliche&#8220; Inanspruchnahme des Asylverfahrens vorzuliegen scheint, so hei&szlig;t es in der Begr&uuml;ndung zum neuen &sect; 11 des Aufenthaltsgesetzes. Das wird beispielsweise f&uuml;r jene Asylgesuche aus sogenannten &#8222;sicheren Herkunftsstaaten&#8220; regelm&auml;&szlig;ig angenommen. Mit der Ausweitung des Einreise- und Aufenthaltsverbotes sollen &uuml;ber den generalpr&auml;ventiven, also abschreckenden Effekt hinaus Verwaltungskapazit&auml;ten f&uuml;r die &#8222;tats&auml;chlich schutzbed&uuml;rftigen Fl&uuml;chtlinge&#8220; frei werden, hei&szlig;t es. Aber das Ergebnis eines Asylverfahrens sagt noch nichts &uuml;ber das subjektive Schutzbed&uuml;rfnis eines Menschen aus, der m&ouml;glicherweise ohne Kenntnis der komplizierten Rechtslage ein Asylgesuch gestellt hat.<\/p>\n<p>Gesetzlich jedoch wird damit das Vorurteil festgeschrieben, diese Menschen, aktuell vor allem Roma aus den Westbalkanstaaten, seien nur gekommen, um &ouml;ffentliche soziale Leistungen beziehen zu k&ouml;nnen. Sie werden systematisch der missbr&auml;uchlichen Inanspruchnahme des Asylrechts bezichtigt und dadurch stigmatisiert. Die blo&szlig;e Inanspruchnahme des Grundrechts auf Asyl wird durch den Gesetzesentwurf f&uuml;r diese Fl&uuml;chtlingsgruppe sanktioniert und mit EU-weiten Einreiseverboten bestraft.<\/p>\n<p>3. Das Freiheitsgrundrecht wird der Abschiebemaschinerie geopfert<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Gesetzentwurfes ist allein unter dem Vorsatz geschrieben worden, Abschiebungen mittels Freiheitsentzug zwangsweise durchsetzen und beschleunigen, sowie Ausgrenzungen unerw&uuml;nschter Fl&uuml;chtlinge vornehmen zu k&ouml;nnen. Dabei hat man in der CDU und SPD offensichtlich jegliches menschenrechtliche und humane Ma&szlig; verloren. Denn die Inhaftierung von Fl&uuml;chtlingen und Asylsuchenden wird mit diesem Gesetzesentwurf und seinen Eingriffsrechten extrem erleichtert. In das Grundrecht der Freiheit der Person wird allein aus Gr&uuml;nden, die Arbeit der Fl&uuml;chtlingsverwaltung zu optimieren, schwerwiegend eingegriffen. Menschenrechtlich jedoch gilt es, die Abschiebehaft generell abzuschaffen.<\/p>\n<p><i>K&ouml;ln, den 3. M&auml;rz 2015<\/i><\/p>\n<p><i>Der Innenausschuss des Deutschen Bundestags f&uuml;hrte am 23. M&auml;rz 2015 eine Sachverst&auml;ndigenanh&ouml;rung zum Gesetzentwurf durch. Die Stellungnahmen zahlreicher Expert_innen, NGOs und Initiativen sind abrufbar unter <\/i><a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse18\/a04\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse18\/a04\/<\/i><\/a><i>anhoerungen\/42_sitzung_inhalt\/364474.<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1771,2082,552],"publikationen":[1092],"class_list":["post-11560","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-albert-scherr","autoren-christian-schroeder","autoren-dirk-vogelskamp","publikationen-1092"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was gilt die Freiheit der Person, wenn sie ein Fl\u00fcchtling ist? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/was-gilt-die-freiheit-der-person-wenn-sie-ein-fluechtling-ist\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Was gilt die Freiheit der Person, wenn sie ein Fl\u00fcchtling ist? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Stellungnahme des Komitee f&uuml;r Grundrechte und Demo&shy;kratie zum &#8222;Entwurf eines Gesetzes zur Neubestimmung des Bleiberechts und der Aufenthaltsbeendigung&#8220;, aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 119-122 (Red.) 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