{"id":11565,"date":"2015-04-19T10:05:00","date_gmt":"2015-04-19T08:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/manchmal-sind-schlepper-lebensretter\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:58","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:58","slug":"manchmal-sind-schlepper-lebensretter","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/manchmal-sind-schlepper-lebensretter\/","title":{"rendered":"Manchmal sind Schlepper Lebensretter"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 144-146<\/p>\n<p><i>Stefan Buchen: Die neuen Staatsfeinde. Wie die Helfer syrischer Kriegsfl&uuml;chtlinge in Deutschland kriminalisiert werden. Dietz Verlag, Juni 2014, 200 Seiten, 14,80 Euro.<\/i><\/p>\n<p>Menschen, die selbst einmal Fl&uuml;chtlinge waren, holen ihre Frauen, Kinder und Verwandten aus dem syrischen Krieg illegal nach Deutschland. Daf&uuml;r behandelt der deutsche Staat sie wie Verbrecher. Die Fluchthelfer, die &#8222;Schleuser&#8220;, werden von Regierung, Polizei, Justiz und Presse mit Terroristen und M&ouml;rdern auf eine Stufe gestellt. In dem Fall, den Stefan Buchen recherchiert hat, verlieren Beh&ouml;rden und die deutsche Fl&uuml;chtlings- und Migrationspolitik jedes menschliche Ma&szlig;. Die Angeklagten haben P&auml;sse gef&auml;lscht, Grenzbeamte bestochen, Geld &uuml;ber Staatsgrenzen hinweg verschoben. Aber warum? Wie bewertet der deutsche Staat Verst&ouml;&szlig;e gegen das Ausl&auml;nderstrafrecht im Angesicht von Kriegsnot, Flucht und Vertreibung?<\/p>\n<p>Der Panorama-Autor Stefan Buchen dokumentiert in seinem Buch, wie mehreren Syrern der Prozess wegen &#8222;organisierter Kriminalit&auml;t&#8220; gemacht wird &#8211; sie hatten seit 2011 insgesamt 270 ihrer Landsleute zur Flucht nach Deutschland, zu deren Verwandten verholfen. Vor dem Essener Landgericht wird nun ein aufwendig eingeleiteter Strafprozess gef&uuml;hrt. Dies geschieht ungeachtet der Tatsache, dass sich ca. 9 Millionen Syrer_innen auf der Flucht befinden und dass eine legale Einreise nach Deutschland erst seit Mai 2013 nur f&uuml;r 20.000 auserw&auml;hlte Kontingentfl&uuml;chtlinge &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist.(3)<\/p>\n<p>Prozess vor dem Essener Landgericht<\/p>\n<p>Der Hauptangeklagte, ein Bauingenieur syrischer Herkunft aus Essen, wird verhaftet, weil er Geld nach Syrien &uuml;berwiesen hatte, mit dem Fl&uuml;chtlinge die &#8222;illegale&#8220; Reise zu ihren Verwandten in Deutschland bezahlten. Von den Strafverfolgern wird er als f&uuml;hrendes Mitglied einer international operierenden Schleuserbande angesehen. Dazu soll auch ein in Athen lebender Syrer geh&ouml;ren, den die Bundespolizei in Athen festnehmen und nach Deutschland ausliefern lie&szlig;. Er hatte in Griechenland gestrandeten syrischen Landsleuten Obdach, Kleidung und Papiere verschafft und bei der Weiterreise per Flugzeug zu Verwandten in Deutschland geholfen. Zwei Taxifahrer aus Frankreich, die die Fl&uuml;chtlinge vom Pariser Flughafen ohne Aufpreis, aber auch ohne Visa, nach Deutschland gefahren haben, werden ebenfalls der Schleuserbande zugerechnet. Sie sind &uuml;ber Monate in Untersuchungshaft und verlieren ihre Existenzgrundlage.<\/p>\n<p>Der Aufwand, den Bundespolizei und Staatsanwaltschaften im Kampf gegen &#8222;Schleuser&#8220; betreiben, ist nur mit dem Ziel Deutschlands und der EU zu erkl&auml;ren, die Zahl der einreisenden Fl&uuml;chtlinge gering zu halten und den Zuzug von Ausl&auml;nder_innen &#8222;bedarfsgerecht&#8220; zu steuern.<\/p>\n<p>Buchen beschreibt die 2011 aufgenommenen Ermittlungen, in deren Verlauf ein Jahr lang Telefone im In- und Ausland abgeh&ouml;rt, zehntausende Seiten Abh&ouml;rprotokolle erstellt, Hausdurchsuchungen &#8211; allein in Deutschland sind es 37 &#8211; veranlasst, und Auslieferungsabkommen mit der T&uuml;rkei und polizeiliche Kooperationsabkommen mit Griechenland in Anspruch genommen werden.<\/p>\n<p>Die massenhafte &Uuml;berwachung von Telefon- und Internetverbindungen wird von der Unterabteilung &#8222;Terrorismus&#8220; des BND im Rahmen der &#8222;strategischen Fernmeldeaufkl&auml;rung&#8220; durchgef&uuml;hrt. Sie dient sowohl der Verhinderung als auch der Verfolgung von Straftaten. Der BND gibt personenbezogene Daten verd&auml;chtiger Schleuser an die Bundespolizei weiter. In den Protokollen der polizeilichen Ermittler wird das Wort Kriegsgebiet vermieden &#8211; der Krieg wird als &#8222;wachsende politische Lage in Syrien&#8220; bezeichnet.<\/p>\n<p>Hintergr&uuml;nde der Verfolgung von &#8222;Schleuserbanden&#8220;<\/p>\n<p>In Anlehnung an die Bek&auml;mpfung des Terrorismus, die seit 2001 als Teil der Sicherheitspolitik verstanden wird, hat in der Migrationspolitik die Schleuserbek&auml;mpfung oberste Priorit&auml;t. Dazu richtet die Bundesregierung 2006 das &#8222;gemeinsame Strategie- und Analysezentrum illegale Migration&#8220; (GASIM) ein, das am Bundespolizeipr&auml;sidium angesiedelt ist. Der Aufbau dieser Institution entspricht dem 2004 gegr&uuml;ndeten Terrorabwehrzentrum GTAZ, das den internationalen (islamischen) Terrorismus bek&auml;mpfen soll. Auch im GASIM arbeiten unterschiedliche Sicherheitsbeh&ouml;rden wie BKA, BND, Bundespolizei, Zoll und Verfassungsschutz mit dem Bundesamt f&uuml;r Migration zusammen, um Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;me zu ermitteln und Schleuserbanden zu bek&auml;mpfen.<\/p>\n<p>F&uuml;r Menschen, die aus Kriegsgebieten mit falschen Papieren fliehen oder auch nur falsche Angaben zu ihre Identit&auml;t machen, ist heute etwas strafbar, was in der Geschichte der Bundesrepublik einst auf beeindruckende Weise legalisiert wurde:(4) Die Bundesrepublik erlie&szlig; im Jahr 1949 eine Amnestie f&uuml;r alle Straftaten, die zwischen Kriegsende und 1949 begangen wurden und deren Strafma&szlig; nicht mehr als zwei Jahre betrug. Nach Kriegsende hatten sich viele der damaligen Funktionstr&auml;ger des NS Regimes eine neue Identit&auml;t zugelegt. Mit der Amnestie wurden ihre Pass- und Urkundenf&auml;lschungen nicht mehr geahndet &#8211; sie konnten wieder zu ihrer alten Identit&auml;t zur&uuml;ckkehren.<\/p>\n<p>Ein weiteres Detail aus der bundesdeutschen Geschichte ist in diesem Zusammenhang interessant: Noch bis zur deutsch-deutschen Grenz&ouml;ffnung wurden Fluchthelfer als Helden gefeiert, die Fl&uuml;chtlinge aus Osteuropa mit falschen Papieren, versteckt in Fahrzeugen, gegen Entlohnung in den Westen brachten. Das BGH bewertete f&uuml;r die Fluchthelfer der 1970er Jahre die in der Regel eingenommenen 13.000 &#8211; 20.000 DM &#8222;nicht als von vornherein wucherisch und ausbeuterisch&#8220;. Dem Hauptangeklagten im Prozess vor dem Essener Landgericht rechnet der Richter vor, er h&auml;tte 300 Euro an einer Schleusung verdient. Den Schleusern von damals blieb ein Gewinn von 2.650 DM, inflationsbereinigt entspr&auml;che dies heute etwa 3.000 Euro.<\/p>\n<p>Revision in 2015<\/p>\n<p>Der Hauptangeklagte aus Essen und der Syrer aus Griechenland wurden vom Landgericht Essen zu drei Jahren Haft verurteilt. Alle der von den Angeklagten angeblich &#8222;eingeschleusten&#8220; Fl&uuml;chtlinge wurden asylrechtlich anerkannt. Die beiden Angeklagten hatten nach dem Urteil Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt. Das Berufungsverfahren l&auml;uft seit dem 15. Januar 2015. Die Bundesrichter pr&uuml;fen, ob sich die besondere Situation in Griechenland auf die Verurteilung der beiden Fluchthelfer auswirkt. Wegen der schlechten Unterbringung und Versorgung von Asylbewerbern dort schickt Deutschland derzeit keine Fl&uuml;chtlinge in den s&uuml;deurop&auml;ischen Staat zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Stefan Buchen verdeutlicht in seinem Buch auf eindrucksvolle Weise, in welcher Notlage sich Menschen befinden, die ihr Leben nach Europa retten konnten, doch weiter um das ihrer Angeh&ouml;rigen f&uuml;rchten m&uuml;ssen. Die meisten Angeh&ouml;rigen haben kaum eine M&ouml;glichkeit, auf legale Weise zu ihren Verwandten nach Deutschland zu kommen. Was kostet sie der Weg in die Sicherheit und was kostet uns die Abwehr von Fl&uuml;chtlingen? Ist die Unterst&uuml;tzung von Flucht oder die dementsprechende unterlassene Hilfeleistung strafbar? Und warum wird etwas zur Straftat, was unter menschlichen Aspekten eine Pflicht ist: das Leben anderer zu retten, wenn die M&ouml;glichkeit dazu besteht?<\/p>\n<p><i>Helga Lenz<br \/>ist Mitglied im Bundesvorstand der <br \/>Humanistischen Union<\/i><\/p>\n<h5>Anmerkungen:<\/h5>\n<p>(3) Die UNO bezeichnete die Fl&uuml;chtlingskrise von 2014 als die schlimmste seit dem V&ouml;lker&shy;mord in Ruanda in den 1990er Jahren<\/p>\n<p>(4) S. Axel Nagler, Lob der Schleuser. Wer Menschen in Not hilft, ist kein Verbrecher. RAV-Infobrief 109, Juni 2014, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.rav.de\/publikationen\/infobriefe\/infobrief-109-2014\/lob-der-schleuser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.rav.de\/publikationen\/infobriefe\/infobrief-109-2014\/lob-der-schleuser\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[363],"publikationen":[1092],"class_list":["post-11565","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-helga-lenz","publikationen-1092"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Manchmal sind Schlepper Lebensretter - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/208\/publikation\/manchmal-sind-schlepper-lebensretter\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Manchmal sind Schlepper Lebensretter - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 208 (Heft 4\/2014), S. 144-146 Stefan Buchen: Die neuen Staatsfeinde. 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