{"id":11591,"date":"2015-02-01T22:55:00","date_gmt":"2015-02-01T21:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-auschwitz-prozess-als-spielfilm\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:52","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:52","slug":"der-auschwitz-prozess-als-spielfilm","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/206-207\/publikation\/der-auschwitz-prozess-als-spielfilm\/","title":{"rendered":"Der Auschwitz-Prozess als Spielfilm"},"content":{"rendered":"<p>Giulio Ricciarellis &#8222;Im Labyrinth des Schweigens&#8220;. Aus: vorg&auml;nge Nr. 206\/207 (Heft 2-3\/2014), S. 105\/106<\/p>\n<p><i>(Red.) Obwohl in den letzten Jahren mehrere B&uuml;cher und Dokumentarfilme &uuml;ber ihn erschienen, obwohl Christian Petzold ihm seinen neuesten Film &#8222;Phoenix&#8220; widmete und obwohl immer mehr Stra&szlig;en und Pl&auml;tze nach ihm benannt werden &#8211; Fritz Bauer, der fr&uuml;here hessische Generalstaatsanwalt und Mitbegr&uuml;nder der Humanistischen Union, ist in der deutschen &Ouml;ffentlichkeit immer noch weitgehend unbekannt. Die filmische Popularisierung Fritz Bauers wurde durch den Dokumentarfilm &#8222;Fritz Bauer &#8211; Tod auf Raten&#8220; von Ilona Ziok eingeleitet, der seine Premiere auf der Berlinale im Jahr 2010 hatte. Mit dem Spielfilm &#8222;Im Labyrinth des Schweigens&#8220;, der seit November in den bundesdeutschen Kinos l&auml;uft und im Fr&uuml;hling 2015 auf DVD erscheint, d&uuml;rfte Fritz Bauer jetzt einem noch gr&ouml;&szlig;eren Publikum bekannt werden. Axel Bu&szlig;mer hat sich den Film angesehen und mit dem Regisseur und Co-Drehbuchautor Giulio Ricciarelli &uuml;ber die historischen Hintergr&uuml;nde und wie sie im Film verarbeitet wurden gesprochen.<\/i><\/p>\n<p>Am 20.&nbsp;Dezember 1963 begann im Frankfurter Rathaus, dem R&ouml;mer, der Auschwitz-Prozess, der erstmals vor einem deutschen Gericht die Verbrechen in den Konzentrationslagern thematisierte. Der Prozess war ein nationales Ereignis, das auch zu einem Bewusstseinswandel bei den Deutschen beitrug.<\/p>\n<p>Vor dem Prozessbeginn sammelten Staatsanw&auml;lte jahrelang in m&uuml;hseliger Kleinarbeit die Beweise f&uuml;r die Anklage und mussten entscheiden, wen sie letztendlich anklagen. Weil es kein deutschlandweites Melderegister gab und die Beh&ouml;rden mauerten, wurden daf&uuml;r schon mal alle deutschen Telefonb&uuml;cher besorgt und in m&uuml;hseliger Kleinarbeit nach Namen durchsucht. Damit auch kein T&auml;ter vorgewarnt wurde, geschah all das unter gr&ouml;&szlig;ter Geheimhaltung.<\/p>\n<p>Diese Geschichte, die in Wirklichkeit untrennbar mit dem fr&uuml;heren hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer verbunden ist, erz&auml;hlt Giulio Ricciarelli in &#8222;Im Labyrinth des Schweigens&#8220; in einer stimmigen Balance zwischen Fakten und Fiktion. Der gr&ouml;&szlig;te Schritt weg von der Realit&auml;t ist dabei der erfundene Protagonist Johann Radmann (Alexander Fehling); ein junger Jurist, der sich gerade seine ersten Sporen als Staatsanwalt verdient. Er ist engagiert, aber unterfordert von den Verkehrsdelikten, die er zur Anklage bringt. Er glaubt an das Recht und hat noch nie etwas von den Verbrechen, die in Auschwitz geschahen, geh&ouml;rt, weil man f&uuml;nfzehn Jahre nach Kriegsende nicht dar&uuml;ber sprach. Die Mehrheit der Deutschen wollte damals nur vergessen. Radmann soll &#8211; so erz&auml;hlt es der Film &#8211;, nachdem er Bauer einige vielversprechende Ermittlungsans&auml;tze vorgelegt hat, die Beweise f&uuml;r eine Anklage sammeln. Dabei werden seine &Uuml;berzeugungen auf eine harte Probe gestellt, nicht zuletzt weil er auch erf&auml;hrt, dass sein im Krieg verschollener Vater ein Mitglied der NSDAP war. Angetrieben wird er bei seiner Suche von dem &#8222;Frankfurter Rundschau&#8220;-Journalisten Thomas Gnielka (den es ebenfalls gab) und dessen Dokumente die Initialz&uuml;ndung f&uuml;r den Auschwitz-Prozess waren. Behindert wird er von Kollegen, Polizisten und einer Gesellschaft, die nicht &uuml;ber die zw&ouml;lfj&auml;hrige Nazi-Diktatur reden, sondern diese Jahre aus ihrer Erinnerung streichen wollen.<\/p>\n<p>Ricciarellis Spielfilmdeb&uuml;t geh&ouml;rt zu den seltenen Gl&uuml;cksf&auml;llen im deutschen Kino, bei denen alles stimmt. Die dicht erz&auml;hlte Geschichte ist spannend. Sie zeichnet, auch dank der gelungenen Kameraarbeit, ein genaues Bild der damaligen bleiernen Zeit. Die historischen Geb&auml;ude wecken Erinnerungen. Weil an historischen Orten gedreht wurde, wirkt die Filmgeschichte noch authentischer, ebenso wie die Ausstattung. Nie hat man den Eindruck, dass in einer sorgf&auml;ltig ausgestatteten Kulisse gedreht wurde. Die Dialoge klingen nat&uuml;rlich und umschiffen die Fallen des Stoffes, die zu didaktischen Dialogen und Monologen einladen. Sie zeichnen nebenbei ein Bild der damaligen Gesellschaft, in der es genau austarierte Hierarchien gab.<\/p>\n<p>Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist das Bild, welches er von Fritz Bauer zeichnet. Der wird zu einem grumpy old man, der in seinem B&uuml;ro sitzt und Auftr&auml;ge vergibt. Dabei hat er nicht nur das Team von jungen Staatsanw&auml;lten, die damals die Beweise suchten, sondern viele junge Menschen in Deutschland beeinflusst. Bauer war &#8211; das bezeugen viele seiner Weggef&auml;hrten &#8211; ein liberaler Denker, der das Gespr&auml;ch mit J&uuml;ngeren suchte und ein besseres Deutschland wollte. Dieser Teil seines Charakters wird in dem Drama ausgeblendet. Dennoch, oder wahrscheinlich sogar deshalb, k&ouml;nnte Bauer der Film gefallen. Er stellte nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund. &#8222;Im Labyrinth des Schweigens&#8220; ist ein spannender Polit-Thriller, der gelungen die Genre-Muster vom Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft bedient, ein Gef&uuml;hl der damaligen Zeit vermittelt, informativ und aufkl&auml;rerisch ist, neugierig auf die Vergangenheit und die damaligen Ereignisse macht und intelligent unterh&auml;lt. Damit steht er in der Tradition gelungener Filme wie &#8222;Die Unbestechlichen&#8220; (All the President&#8217;s Men).<\/p>\n<p><i>Im Labyrinth des Schweigens (Deutschland 2014)<br \/>Regie: Giulio Ricciarelli,&nbsp; Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli<br \/>mit Alexander Fehling, Andr&eacute; Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von B&uuml;low, Robert Hunger-B&uuml;hler, Lukas Miko, Lisa Martinek<br \/>123 Minuten, FSK: ab 12 Jahre <\/i><\/p>\n<p><i>Webseite zum Film: <\/i><a href=\"http:\/\/imlabyrinth-film.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/imlabyrinth-film.de\/<\/i><\/a><br \/><i>Informationen im Filmportal: <br \/><\/i><a href=\"http:\/\/www.filmportal.de\/film\/im-labyrinth_bc423d1c9ccb457b9e970192156d1561\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>http:\/\/www.filmportal.de\/film\/im-labyrinth_bc423d1c9ccb457b9e970192156d1561<\/i><\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[791,667],"autoren":[174],"publikationen":[1443],"class_list":["post-11591","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rezension","tag-vorgaenge-artikel","autoren-axel-bussmer","publikationen-206-207"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Auschwitz-Prozess als Spielfilm - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/206-207\/publikation\/der-auschwitz-prozess-als-spielfilm\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Auschwitz-Prozess als Spielfilm - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Giulio Ricciarellis &#8222;Im Labyrinth des Schweigens&#8220;. 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