{"id":11635,"date":"2014-04-07T14:00:00","date_gmt":"2014-04-07T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/erwiderung-auf-stephan-klecha\/"},"modified":"2014-04-07T12:00:00","modified_gmt":"2014-04-07T10:00:00","slug":"erwiderung-auf-stephan-klecha","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/204-vorgaenge\/publikation\/erwiderung-auf-stephan-klecha\/","title":{"rendered":"Erwiderung auf Stephan Klecha"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 204 (4-2013), S. 124-126<\/p>\n<p>Wer sich ausf\u00fchrlich mit der grauen Literatur des sog. linksliberalen Milieus befasst l\u00e4uft Gefahr, vor lauter B\u00e4umen den Wald nicht mehr zu sehen. Mit Gelassenheit nehme ich daher zur Kenntnis, dass ein politologisch ausgerichteter Wissenschaftler meint, die &#132;eigentliche Kernfrage&#147; der P\u00e4dophilendebatte definieren zu m\u00fcssen. Es gehe darum, so meint Stephan Klecha, &#132;ob es einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen geben kann oder nicht&#147;; alles andere sei eine &#132;Nebelkerze&#147;. Damit ist er bereits der P\u00e4dophilenpropaganda und auch Alice Schwarzer auf den Leim gegangen. Beide meinen, wir k\u00e4men mit solchen Pauschalurteilen weiter. Die einen in apologetischer, die andere in anklagender Weise. Fragen wir zur\u00fcck: \u00dcber was reden wir? Wann k\u00f6nnen wir von einer &#132;sexuellen Handlung&#147; sprechen? Wann ist ein junger Mensch ein &#132;Kind&#147; und ab wann schon eine\/ein &#132;Jugendliche\/r&#147;? Und was meint &#132;einvernehmlich&#147;? Keine dieser Fragen kann ohne Analyse der sexuellen Praktiken und ohne dezisionistische Festlegung der Grenzen zwischen &#132;noch erlaubt&#147; und &#132;schon verboten&#147; entschieden werden.<\/p>\n<p>Was die Definition dessen, was ein &#132;Kind&#147; ist, betrifft, gibt es keine Einigung. Die EU versucht, allen Europ\u00e4ern den schwedischen Weg vorzuschlagen. Sie will alle Personen unter 18 Jahren als &#132;Kinder&#147; definieren. Sexualwissenschaftler unterscheiden demgegen\u00fcber biologisch nach der sexuellen Reife (vor oder nach der Pubert\u00e4t, was auf eine Einzelfall-Entscheidung hinausl\u00e4uft); deutsche Juristen halten sich an das abstrakte Gef\u00e4hrdungsdelikt des seit 1870 geltenden StGB und ziehen bei 14 Jahren eine pauschale Grenze. Bei der Frage nach der &#132;sexuellen&#147; Handlung stellen sie auf das jeweils gesch\u00fctzte Rechtsgut ab, ein \u00e4u\u00dferst voraussetzungsreiches Merkmal.<\/p>\n<p>Auch bei der Frage des &#132;einvernehmlichen&#147; sexuellen Kontakts ist die Antwort schwierig, weil sie nur entschieden werden kann, wenn man sich Klarheit verschafft hat \u00fcber den angemessenen &#132;Gewaltbegriff&#147; auf der einen und den des &#132;Missbrauchs&#147; auf der anderen Seite; wohlwissend, dass beide Deliktsformen ihre Abgrenzungsprobleme haben und sich au\u00dferdem \u00fcberschneiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist also legitim, \u00fcber Schutzaltersgrenzen zu streiten, und keine &#132;Verharmlosung&#147; von sexuellem Missbrauch. Dass sich bei derartigen Debatten Lernprozesse erzielen lassen, ist erfreulich und nicht kritikw\u00fcrdig. Aber es macht offenbar keinen Sinn in den Papieren einzelner Gruppierungen oder Parteien lediglich nach &#132;verd\u00e4chtigen&#147; und nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben &#132;moralisch anr\u00fcchigen&#147; Formulierungen zu suchen, statt die damit verbundenen rechtspolitischen Ziele zu ermitteln. Diese k\u00f6nnen nicht erkannt und debattiert werden, wenn sich die Forscher zuvor keinen \u00dcberblick verschafft haben \u00fcber den Kontext der jeweiligen rechtspolitischen Debatten und die dahinter ablaufenden fachlichen Diskussion zwischen den beteiligten Wissenschaften und den konkurrierenden rechtspolitischen Programmen. Dass Politologen \u00fcber Politiker der Vergangenheit nach ihrem gegenw\u00e4rtigen Moralempfinden urteilen irritiert jedenfalls; dass dieses Vorgehen anachronistisch ist, m\u00fcsste sich herum gesprochen haben.<\/p>\n<p>Ich kenne nur einen Autor, der in der Vergangenheit ernsthaft und mit wissenschaftlichem Anspruch behauptet hat, sexueller Missbrauch sei ein opferloses, also rein &#132;moralisch&#147; definiertes Delikt und P\u00e4dophilie eigentlich eine zu respektierende sexuelle Haltung. Das war R\u00fcdiger Lautmann, der derartiges in den 1980er Jahren noch unkommentiert \u00e4u\u00dfern konnte, der dann aber in den 1990er Jahren kritisiert wurde. Er hat seine \u00c4u\u00dferungen sp\u00e4ter weder zur\u00fcck genommen noch sich an weiteren Diskursen beteiligt, wurde also zum Au\u00dfenseiter. Alle anderen Positionen haben sich weiter entwickelt und haben gezeigt, dass sie an einer Probleml\u00f6sung interessiert sind. Die Debatte insgesamt hat auch zwischen den 1970er Jahren und den 1990er Jahren einen beachtlichen kollektiven Lernprozess durchlaufen. In meinem Artikel in den vorg\u00e4ngen bin ich auf diesen Autor eingegangen, weil er im Beirat der Humanistischen Union aufgef\u00fchrt wird, und ich mich als Beiratsmitglied nicht mit ihm identifizieren mochte.<\/p>\n<p>Die Passage meines Textes \u00fcber die HU lautet:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#132;&#8230; im Jahre 1987, erkl\u00e4rte Martin Dannecker im Disput mit R\u00fcdiger Lautmann (1980 und dann wieder 1994) einem interessierten Publikum, dass das Schicksal eines P\u00e4dophilen tragisch sei, weil seine &#132;Therapie&#147; nur ein Verzicht auf seine Sexualit\u00e4t sein k\u00f6nne. Entweder mache er sich schuldig (und zwar auch ohne ein entsprechendes Strafgesetz) oder er lebe sexuell enthaltsam. P\u00e4dophilie sei ein bitteres Schicksal. &#8230; Dannecker nahm damit einen Ball auf, den kurz zuvor schon G\u00fcnther Amendt geworfen hatte, und zwar angesichts der unertr\u00e4glichen P\u00e4dophilenpropaganda, die insbesondere auf dem Gr\u00fcnen Parteitag 1980 in Karlsruhe schrill und un\u00fcberh\u00f6rbar geworden war. F\u00fcr eine sehr kurze Zeit (1980) kooperierte G\u00fcnther Amendt daher mit Alice Schwarzer und den beginnenden feministischen Kampagnen, um zumindest diese absurde Propaganda abzuwehren.&#147; (Frommel in vorg\u00e4nge Nr. 203, S. 115)<\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Dass Alice Schwarzer damals keinen &#132;Gegendiskurs&#147; gegen die P\u00e4dophilenpropaganda entfesselte hat, versteht sich von selbst, da auch sie davon lebt (und dies auch noch heute so praktiziert), Kontroversen durch permanente \u00dcbertreibung medial am Leben zu halten. So lassen sich Kontroversen zwar populistisch ausschlachten, aber dies tr\u00e4gt weder zur Kl\u00e4rung noch zur L\u00f6sung schwieriger Grenzfragen bei.<\/p>\n<p>Bleibt die Frage nach der Funktion des Strafrechts bei der Pr\u00e4vention. Stephan Klecha m\u00f6chte mir zustimmen, dass dieses Rechtsgebiet zur Pr\u00e4vention nichts beitragen k\u00f6nne. Aber diese These habe ich nicht aufgestellt, sie wird allenfalls durch den etwas verk\u00fcrzten Einf\u00fchrungstext der Redaktion suggeriert. Selbstverst\u00e4ndlich ist eine kriminalpolitische Debatte und strafrechtliche Definition wichtig, auch pr\u00e4ventiv ist sie von Belang. Aber Strafverfolgung macht nur dann Sinn, wenn sie \u00fcberlegt erfolgt und wenn es flankierend belastbare au\u00dfer-strafrechtliche Pr\u00e4ventionsstrategien gibt. Es liegt mir fern, einen abolitionistischen Diskurs zu f\u00fchren. Ganz im Gegenteil. Es ist ein Verdienst der Debatten in den letzten Jahren (und den Gr\u00fcnen kommt dabei ein gro\u00dfes Gewicht zu), dass sie diese Reformen in den letzten 25 Jahren immer wieder angemahnt haben. Und es ist ein Vers\u00e4umnis der sich konservativ nennenden Gruppierungen, dass sie weder ein zivilrechtliches Gewaltschutzgesetz gegen h\u00e4usliche Gewalt und Stalking angesto\u00dfen haben, noch sonst durch Gedankenreichtum gl\u00e4nzten. Es ist au\u00dferdem ein gro\u00dfer Fehler der konservativen Gruppen, dass sie seit 12 Jahren mit ihren Mehrheiten in Bund und L\u00e4ndern die gewerberechtliche Regulierung der Prostitution blockieren.<\/p>\n<p>Wer sich weder kontrovers \u00e4u\u00dfert noch Parteienforscher um Aufkl\u00e4rung interner Debatten bem\u00fcht, f\u00e4llt einem vorwiegend moralisch urteilenden Publikum nicht so schnell negativ auf. Dies ist aber kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die verk\u00fcrzte Methode, mit der Stephan Klecha und seine Kollegen Moralpolitik in Form von Parteienforschung machen m\u00f6chten. Zun\u00e4chst dachte ich, es sei ein Versehen. Aber seine Replik zeigt mir, dass Stephan Klecha moralisieren m\u00f6chte. Dies erkl\u00e4rt auch seine etwas kurzatmige Reaktion auf mein Angebot, den zeitgeschichtlichen Kontext st\u00e4rker zu beachten.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[48],"tags":[765,667],"autoren":[1575],"publikationen":[1087],"class_list":["post-11635","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","category-sexualstrafrecht","tag-sexualstrafrecht","tag-vorgaenge-artikel","autoren-monika-frommel","publikationen-204-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Erwiderung auf Stephan Klecha - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/204-vorgaenge\/publikation\/erwiderung-auf-stephan-klecha\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Erwiderung auf Stephan Klecha - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 204 (4-2013), S. 124-126 Wer sich ausf\u00fchrlich mit der grauen Literatur des sog. linksliberalen Milieus befasst l\u00e4uft Gefahr, vor lauter B\u00e4umen den Wald nicht mehr zu sehen. 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