{"id":11663,"date":"2013-12-01T07:00:00","date_gmt":"2013-12-01T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-revolution-frisst-ihre-kinder\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:41","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:41","slug":"die-revolution-frisst-ihre-kinder","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/203-vorgaenge\/publikation\/die-revolution-frisst-ihre-kinder\/","title":{"rendered":"Die Revolution frisst ihre Kinder"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 203 (3-2013), S. 134-136<\/p>\n<p><i>Direkt nach der Bundestagswahl startete Alice Schwarzer ihren &#8222;Appell gegen Prostitution&#8220;, parallel dazu erschien ihr neues Buch <\/i>Prostitution &#8211; Ein deutscher Skandal <i>(&#8222;das Buch zum Appell&#8220;). Der Aufruf geht davon aus, dass Frauenhandel und Prostitution untrennbar miteinander verbunden seien, die Prostitution zwangsweise auf einer (sexuellen) Ausbeutung der Frauen beruhe. Die Unterzeichner_innen fordern u.a. die Bestrafung der Freier (&#8222;Frauenk&auml;ufer&#8220;) sowie gesetzgeberische Initiativen zur kurzfristigen Eind&auml;mmung und langfristigen Abschaffung der Prostitution.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Kampagne gegen die Prostitution wird von der Redaktion inzwischen als &#8222;die erfolgreichste Kampagne in der Geschichte von EMMA&#8220; gefeiert. Nicht nur, dass der Appell mittlerweile &uuml;ber 10.000 Unterst&uuml;tzer_innen gefunden hat und in Talkrunden kontrovers &uuml;ber den Aufruf debattiert wird. Der Koalitionsvertrag hat eine Forderung des Appells aufgegriffen und verspricht die Bestrafung derjenigen Freier, &#8222;die wissentlich und willentlich die Zwangslage der Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution ausnutzen und diese zu sexuellen Handlungen missbrauchen&#8220;. <\/i><\/p>\n<p><i>Gegen derlei gute Absichten l&auml;sst sich wenig einwenden, sollte man meinen. H&ouml;chstens die Frage, warum gegen die nicht-sexuellen Formen der Zwangsarbeit nicht mit den gleichen Mitteln vorgegangen wird? (Dazu verspricht die Koalition nur: &#8222;Wir werden die Ausbeutung der Arbeitskraft st&auml;rker in den Fokus der Bek&auml;mpfung des Menschenhandels nehmen.&#8220; &#8211; was immer das bedeuten mag.) Eine andere Frage ist, warum sich ausgerechnet einige Betroffene (organisierte Sexarbeiter_innen) gegen diese Initiative wehren. Eine erste Antwort auf beide Fragen liefert die folgende Polemik Wiegand Grafes, die zuerst beim Feministischen Institut Hamburg (<\/i><a href=\"http:\/\/www.feministisches-institut.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><i>www.feministisches-institut.de<\/i><\/a><i>) erschien. Wir danken f&uuml;r die freundliche Genehmigung zum Wiederabdruck.<\/i><\/p>\n<p>Was f&uuml;r ein machtvoller Gegenschlag. Neunzig Prominente und eine Vielzahl von meist akademisch gebildeten ErstunterzeichnerInnen unterst&uuml;tzen einen restaurativen Appell der Zeitschrift &#8222;Emma&#8220; gegen den Versuch von Sexarbeiterinnen an den Erfolgen der sexuellen Revolution teilzuhaben. Der Aufruf richtet sich gegen das 2002 in Kraft getretene Prostitutionsgesetz, dass die rechtliche Stellung von sexuellen Dienstleistungen regelt, um die Situation der SexarbeiterInnen zu verbessern. Damit wurde offensichtlich das Ma&szlig; an Freiheit &uuml;berschritten, das einer Minderheit zugestanden werden kann, die sich notorisch anders verh&auml;lt als es die emanzipativen Vork&auml;mpferInnen f&uuml;r richtig halten. Dem muss mit Macht entgegen getreten werden. Die Gewissheit, mit diesem Appell auf der moralisch richtigen Seite zu stehen, hat offensichtlich dazu gef&uuml;hrt, dass die Autorinnen nicht einmal ansatzweise versucht haben, mit ihrer Argumentation der komplexen Realit&auml;t gerecht zu werden. Der Aufruf ist ein Muster der Demagogie, in dem allgemein bekannte Begriffe, gesellschaftskompatible Meinungen, notwendige Forderungen und unhaltbare Positionen so geschickt zu einem moralischen Postulat verwoben werden, dass offensichtlich selbst gestandene WissenschaftlerInnen den &Uuml;berblick verloren haben und sich nicht mehr fragen, was eigentlich Sklaverei und Menschenhandel mit der juristischen Akzeptanz von Sexarbeit zu tun haben. Wenn dann noch die Bef&uuml;rworterInnen der aktuellen Gesetzgebung als LobbyistInnen der Frauenh&auml;ndler und sogenannte &#8222;freiwilligen&#8220; Prostituierte diffamiert werden sowie der Drogen- und Waffenhandel zum Vergleich herangezogen wird, ist die sittliche Emp&ouml;rung so gro&szlig;, dass man eigentlich nur noch unterschreiben kann. Dabei haben die AktivistInnen offensichtlich vergessen, dass die hohen Profitraten in den erw&auml;hnten Gesch&auml;ftsfeldern nur in der Illegalit&auml;t erzielt werden und wir bald vom Gedanken der Arbeitsteilung Abschied nehmen m&uuml;ssten, wenn wir jeden Beruf kriminalisieren wollten, in dessen Umfeld Ausbeutung, Menschenverachtung und Verbrechen anzutreffen sind.<\/p>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass die Mehrzahl der UnterzeichnerInnen keine Erfahrung mit Sexarbeit haben (weder als DienstleisterIn noch als KundIn) und sie ihr Wissen zu diesem Thema nur aus den aktuellen medialen Erz&auml;hlungen &uuml;ber Prostitution beziehen, die mit der Realit&auml;t mutma&szlig;lich so viel zu tun haben, wie Arztromane mit der T&auml;tigkeit im Gesundheitswesen oder eine Tatort-Folge mit Polizeiarbeit.<\/p>\n<p>Trotzdem f&uuml;hlen sie sich berufen, mit ihrem Votum massiv in das Leben anderer Menschen einzugreifen, ohne die Folgen absch&auml;tzen zu k&ouml;nnen. Wenn sich ein Mensch aus Not entschlie&szlig;t, eine sexuelle Dienstleistung anzubieten, dann sollte jede Form von rechtsstaatlichem Schutz begr&uuml;&szlig;t und nicht bek&auml;mpft werden. War es eine freiwillige Entscheidung, ist diese zu akzeptieren und nicht durch Rechtsunsicherheit zu hinterfragen. Wird ein Gesetz von Verbrechern missbraucht, dann ist der Missbrauch und nicht das Gesetz zu bek&auml;mpfen. Wem schon diese einfachen Zusammenh&auml;nge zu un&uuml;bersichtlich geworden sind, der sollte sich nicht mehr in gesellschaftliche Entscheidungen einmischen, unabh&auml;ngig davon, wie gro&szlig; sein &#8222;Promifaktor&#8220;, seine wissenschaftliche Reputation oder wie bedeutend sein politisches Amt ist. Da hilft es auch nichts, sich auf revolution&auml;re Errungenschaften zu berufen, selbst wenn diese ohne Frage begr&uuml;ndet sind.<\/p>\n<p>1971 bekennen sich mutige Frauen im &#8222;stern&#8220;, dass sie abgetrieben haben. Sie legen damit das Fundament f&uuml;r eine Initiative, die unter dem Slogan &#8222;Mein Bauch geh&ouml;rt mir&#8220; die Selbstbestimmung &uuml;ber ihre K&ouml;rper zur&uuml;ck fordert und beginnen eine langen Kampf f&uuml;r die Legalisierung von Schwangerschaftsabbr&uuml;chen. Die Aktivistinnen stellen sich einer emp&ouml;rten Mehrheit entgegen, die den Abbruch f&uuml;r ein Verbrechen h&auml;lt, ihn als &#8222;Abtreibung&#8220; bezeichnet und von Mord am ungeborenen Leben spricht. Die mutigen Frauen und ihre Unterst&uuml;tzerInnen wissen, dass sie mit ihrer Forderung das Rechtsgut der Selbstbestimmung der Frau &uuml;ber die religi&ouml;s gepr&auml;gte Unversehrtheit des beginnenden Lebens stellen. Eines ihrer wichtigsten Nebenargument f&uuml;r eine Legalisierung war es, dass ein Schwangerschaftsabbruch, der illegal durchgef&uuml;hrt wird, die Gefahr f&uuml;r das Leben und die Gesundheit der Frau erheblich vergr&ouml;&szlig;ert; aber das die Not, in der sich Frauen f&uuml;r diesen Schritt entscheiden, durch kein Verbot kompensiert werden kann. Sie haben, gest&uuml;tzt auf wissenschaftliche Erkenntnisse und in bester Tradition der Aufkl&auml;rung die Diskussion aus der religi&ouml;sen Umklammerung befreit und erreicht, dass die Mehrheit der Gesellschaft eine erfolgreiche Befruchtung nicht mehr als beginnendes Leben &uuml;berh&ouml;ht.<\/p>\n<p>2013 f&uuml;hlt sich die vormalige Avantgarde der sexuellen Revolution berufen, den mutigen Frauen, die seit langer Zeit eine Legalisierung der Sexarbeit fordern, entgegenzutreten und f&uuml;r sich den Anspruch zu erheben, &uuml;ber den K&ouml;rper von SexarbeiterInnen zu bestimmen. Hier lie&szlig;e sich die Parole &#8222;Dein K&ouml;rper geh&ouml;rt uns&#8220; medienwirksam einsetzen. Die jetzt als Kader der Emanzipation agierenden AktivistInnen machen sich zum Sprachrohr einer moralisierenden Mehrheit, die Sexarbeit f&uuml;r widernat&uuml;rlich h&auml;lt, sie als &#8222;Prostitution&#8220; bezeichnet und sich gekauften Sex nur als Akt von Zwang und Gewalt vorstellen kann. Zusammen mit den UnterzeichnerInnen fordern sie die erneute Kriminalisierung von sexueller Dienstleistung, um ihrer Vorstellung von Moral und Geschlechtergleichheit Geltung zu verschaffen. Sie wollen mit ihrem Vorsto&szlig; das Verbrechen des Menschenhandels eind&auml;mmen und nehmen dabei billigend in Kauf, dass die Entrechtung und die Gefahr f&uuml;r die DienstleisterInnen erheblich zunehmen, wenn Sexarbeit nur noch in der Illegalit&auml;t praktiziert werden kann. Getragen von ihrer quasi-religi&ouml;sen Gewissheit versuchen sie die Mehrheit der Gesellschaft zu beeinflussen, um eine zukunftsweisende Gesetzgebung abzuschaffen, Sexarbeit wie fr&uuml;her zu verdammen und das sexuelle Proletariat in die Schranken zu weisen.<\/p>\n<p>Die Revolution&auml;rInnen sind nach ihrem Marsch durch die Institutionen nunmehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen, haben es sich bequem gemacht und richten von dort &uuml;ber die Akzeptanz anderer Lebensentw&uuml;rfe. Aus dieser Position heraus ist es unvorstellbar, dass sich jemand f&uuml;r einen Job in der sexuellen Dienstleistung entscheidet, denn wer sich prostituieren will, kann doch JournalistIn, WissenschaftlerIn, SchauspielerIn oder PolitikerIn werden.<\/p>\n<p>Wer diese ungleich verteilte gesellschaftlicher Teilhabe nicht akzeptieren will, kann den nachfolgenden <i>Appell f&uuml;r Prostitution<\/i> unterzeichnen und die mutigen Frauen von 2013 unterst&uuml;tzen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2103],"publikationen":[1440],"class_list":["post-11663","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wiegand-grafe","publikationen-203-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Revolution frisst ihre Kinder - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/203-vorgaenge\/publikation\/die-revolution-frisst-ihre-kinder\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Revolution frisst ihre Kinder - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 203 (3-2013), S. 134-136 Direkt nach der Bundestagswahl startete Alice Schwarzer ihren &#8222;Appell gegen Prostitution&#8220;, parallel dazu erschien ihr neues Buch Prostitution &#8211; Ein deutscher Skandal (&#8222;das Buch zum Appell&#8220;). 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