{"id":11696,"date":"2012-12-05T21:00:00","date_gmt":"2012-12-05T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/liquid-democracy\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:30","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:30","slug":"liquid-democracy","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/200-vorgaenge\/publikation\/liquid-democracy\/","title":{"rendered":"Liquid Democracy"},"content":{"rendered":"<p>Neue Wege der politischen Partizipation<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge Nr.200 (Heft 4\/2012) S. 15-26<\/p>\n<p>Die verschiedenen, sich stetig erweiternden Formen &ouml;ffentlicher Kommunikationsm&ouml;glichkeiten im Internet werden zunehmend als Chance auf eine Ausweitung direktdemokratischer Elemente betrachtet. Dahinter steht die Hoffnung, demokratische Beteiligung k&ouml;nnte anders organisiert werden und somit einfacher breite Bev&ouml;lkerungsgruppen in Abl&auml;ufe politischer Entscheidungsfindung integrieren und letztendlich die Akzeptanz von politischen Entscheidungen erh&ouml;hen. Hierbei spielen zwei zentrale Entwicklungen eine Rolle: Zum einen erlauben die technischen Neuentwicklungen innovative Formen der Kommunikation durch die der Meinungsaustausch ortsunabh&auml;ngig zwischen vielen Menschen erstmals erm&ouml;glicht wird. Zum anderen wird es f&uuml;r den Einzelnen immer einfacher sich in &ouml;ffentliche Diskurse einzubringen oder Partizipationsangebote wahrzunehmen. Es ist unumstritten, dass sich der Raum kommunikativer M&ouml;glichkeiten durch das Internet stetig vergr&ouml;&szlig;ert und dass B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich &uuml;ber Onlinemedien sehr viel leichter austauschen und vernetzen k&ouml;nnen. Auch Politikerinnen und Politiker sind zunehmend online pr&auml;sent und nutzen das Medium zur Kommunikation mit der &Ouml;ffentlichkeit. Ein in diesem Zusammenhang diskutiertes Konzept zur Erweiterung von Beteiligungsm&ouml;glichkeiten ist<i> Liquid Democracy<\/i>, welches nicht nur im Kontext der technischen Innovationen, sondern auch im Kontext gesellschaftlicher Ver&auml;nderungen entwickelt wurde. Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Darstellung und theoretische Herleitung von Liquid Democracy auf Grundlage der aus dem Liquid Democracy e.V. entstandenen Konzeptionen (vgl, <a href=\"http:\/\/www.liqd.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.liqd.de<\/a>). Dar&uuml;ber hinaus werden anhand von konkreten Anwendungsszenarien die M&ouml;glichkeiten und Bedingungen des Einsatzes von online-Beteiligungsverfahren veranschaulicht.<\/p>\n<h5><span id=\"kommunikation-im-wandel\">Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion im Wandel<\/span><\/h5>\n<p>Kommunikationsmedien und ihre Nutzung &auml;nderten sich im Laufe der Menschheitsentwicklung kontinuierlich weiter und damit einher gingen meist gesellschaftliche Ver&auml;nderungen. Durch die zunehmende Nutzung des Internets haben viele Kommunikationsformen in den letzten Jahren einen erheblichen Wandel vollzogen. Insbesondere die unter dem Begriff Web 2.0 subsummierten Anwendungen verleihen ihren Nutzerinnen und Nutzern nun eine aktive Rolle im Erstellen und Verbreiten von Inhalten. Sie werden von Konsumenten zu Produzenten. Diese Entwicklung ist nicht nur eine technische, sondern zugleich eine sozialer Prozesse (OECD 2007: 12ff). Mit dem Social Web gewinnen soziale Interaktionen und Kollaboration zunehmend an Bedeutung. Insbesondere die M&ouml;glichkeit der Many-to-Many-Kommunikation ver&auml;ndert den Umgang mit Informationen, die Generierung und den Transfer von Wissen sowie den gesellschaftlichen Diskurs. Das gemeinsame Erstellen, Bearbeiten und Verteilen von Inhalten gewinnt in vielen Anwendungsfeldern zunehmend an Bedeutung.<\/p>\n<p>Gesellschaftliche Akteure wie beispielsweise zivilgesellschaftliche Organisationen, Parteien oder Abgeordnete setzen die unterschiedlichen Social-Media-Technologien in vielen Bereichen f&uuml;r ihre Zwecke bereits ein. Die Vorteile liegen auf der Hand: Relativ niedrige Eintrittsbarrieren, geringe Kosten, einfache Zug&auml;nglichkeit f&uuml;r die Ver&ouml;ffentlichung und schnelle Verbreitung von Inhalten jeder Art. F&uuml;r politische Kampagnen, in denen versucht wird auf politische Entscheidungen oder &ouml;ffentliche Meinungsbildung Einfluss zu nehmen, stellt das Internet schnelle und preiswerte M&ouml;glichkeiten bereit. Es kann beispielsweise f&uuml;r die eigenen Themen gezielt ein Netzwerk aufgebaut, informiert, vernetzt und aktiviert werden. In Zeiten gesteigerter Mobilit&auml;ts- und Flexibilit&auml;tsanforderungen ist hingegen &ouml;rtlich und zeitlich gebundenes Engagement nur noch begrenzt realisierbar.<\/p>\n<p>Die Debatte &uuml;ber das politische Potenzial von online-Kommunikation wird u. a. im Rahmen des Modells deliberativer &Ouml;ffentlichkeit (Habermas 1991; Emmer et al. 2010) gef&uuml;hrt. In dem Modell ist die m&ouml;glichst herrschaftsfreie Teilhabe der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger am politischen Diskurs eine Voraussetzung f&uuml;r demokratische Prozesse. Hierzu geh&ouml;ren der Informations- und Meinungsaustausch der teilnehmenden Akteure sowie das Herausbilden &ouml;ffentlicher Meinungen zu spezifischen Fragestellungen und gesellschaftlichen Problemen (Gerhards et al. 1993). Durch die Diskussion relevanter politischer Themen wird die Funktionalit&auml;t und Legitimation des demokratischen Systems gesichert. Die M&ouml;glichkeit f&uuml;r B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich aktiv an diesem Diskurs zu beteiligen ist demnach eine Voraussetzung f&uuml;r ihre Wirksamkeit im politischen Prozess und die neuen Medien bieten das Potential eine Infrastruktur hierf&uuml;r bereitzustellen. Die klassischen Massenmedien erf&uuml;llen zwar die Aufgabe die &Ouml;ffentlichkeit zu informieren, die M&ouml;glichkeit zu einem interaktiven Austausch von Argumenten kann hier allerdings nicht stattfinden. Die Gatekeeperfunktion der Medienorganisationen und Journalisten schrumpft zunehmend, denn die Verwendung der Social-Media-Technologien l&ouml;st die traditionellen Kommunikationsformen auf und tr&auml;gt potentiell dazu bei, den Anspr&uuml;chen des Modells der deliberativen &Ouml;ffentlichkeit gerecht zu werden. Insbesondere die Diskursivit&auml;t (vgl. Gerhards et al. 1993) kann realisiert werden: Zum einen haben B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger vereinfachten Zugang zu verf&uuml;gbaren relevanten Informationen (<i>Open Government<\/i>, vgl. BMI 2012). Zum anderen besteht die M&ouml;glichkeit der gleich-berechtigten Interaktion zwischen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, unabh&auml;ngig von Ort und Zeit.<br \/>Das rasante Fortschreiten der digitalen Vernetzung zeigt sich auch an den aktuellen Nutzerzahlen der sozialen Netzwerke, so hat beispielsweise Facebook mittlerweile &uuml;ber 1 Milliarde Mitglieder (<a href=\"http:\/\/heise.de\/-1723387\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/heise.de\/-1723387<\/a>). F&uuml;r die Anzahl an qualifizierten Anwendern digitaler Medien l&auml;sst sich f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre ein weiterer betr&auml;chtlicher Anstieg vermuten. Inwieweit sich diese Ausbreitung der Mediennutzung und die damit verbundene digitale Vernetzung auch auf die politische Kommunikation und Partizipation auswirkt, also ob die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger die neuen M&ouml;glichkeiten in dieser Hinsicht auch nutzen, ist allerdings unklar und wird kontrovers diskutiert (Vowe 2012).<\/p>\n<h5><span id=\"partizipation-als-neue-herausforderung\">Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion als neue Heraus&shy;for&shy;de&shy;rung<\/span><\/h5>\n<p>Im Hinblick auf politische Partizipation, verstanden als Aktivit&auml;ten mit dem Ziel, &#8222;Einfluss auf Personal- und Sachentscheidungen im politischen System zu nehmen oder selbst am F&auml;llen oder an der Ausf&uuml;hrung dieser Entscheidungen mitzuwirken&#8221; (Gabriel &amp; V&ouml;lkl 2008: 270) lassen die skizzierten, durch Social-Media-Technologien ausgel&ouml;sten Ver&auml;nderungen zahlreiche neuartige Optionen entstehen. Diese, sich zunehmend etablierenden Verfahren, werden unter dem Begriff der E-Partizipation (oder ePartizipation) subsummiert (Gr&auml;&szlig;er et al. 2012; M&auml;rker 2009). Gegenw&auml;rtig werden bereits eine Vielzahl von online-Beteiligungsformen durchgef&uuml;hrt und ausprobiert: Verfahren wie&#8216; beispielsweise E- Petitionen, E-Konsultationen und B&uuml;rgerhaushalte werden auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene verst&auml;rkt eingesetzt. Die Anwendung der neuen M&ouml;glichkeiten im politischen Bereich ist demzufolge, zumindest bei quantitativer Betrachtungsweise, bereits eingetreten. Inwieweit die vorhanden Angebote in qualitativer Hinsicht jedoch zu einer Ausweitung politischer Partizipation f&uuml;hren, ob also tats&auml;chlich Mitsprache, Mitwirkung und Mitbestimmung erm&ouml;glicht wird, ist hingegen kritisch zu hinterfragen. Es wurde in der Vergangenheit bereits vielfach kritisiert, dass die vorhanden Verfahren den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern h&auml;ufig keine Einflussm&ouml;glichkeiten bieten und dass der Prozess der Entscheidungsfindung nicht transparent dargelegt wird (M&auml;rker 2009). Wenn beispielsweise eine Online-Konsultation in keinem konkreten, von Seiten der Beteiligten kommunizierten Ergebnis m&uuml;ndet, ist die Sinnhaftigkeit des Angebotes aus Sicht der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger fraglich. Eine solche Scheinbeteiligung bzw. &#8222;Beteiligung ohne Wirkung&#8221; (Selle 2007:65) f&uuml;hrt letztendlich zu Unzufriedenheit und zu einer Entmutigung ein solches Angebot erneut wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Die vielfach diskutierte Hypothese das Internet biete ein sog. Mobilisierungspotential, d. h, bedingt durch den vereinfachten Zugang zu Informationen und durch r&auml;umliche und zeitliche Unabh&auml;ngigkeit k&auml;me es zu einer Zunahme des politischen Engagements, muss auch vor dem Hintergrund der tats&auml;chlich vorhandenen Einflussm&ouml;glichkeiten betrachtet werden. Erste empirische Untersuchungen haben gezeigt, dass Internetzugang und -nutzung zumindest tendenziell mit einer Verst&auml;rkung der politischen Kommunikation einhergehen. So fanden Emmer, Vowe &amp; Wolling (2011) in ihrer Studie positive Effekte eines Online-Zugangs auf politische Kommunikation; insbesondere die j&uuml;ngeren Bev&ouml;lkerungsgruppen nutzen das Internet f&uuml;r die Kommunikation politischer Inhalte. Da die Studie sich auf Daten st&uuml;tzt, die zwischen 2002 und 2009 erhoben wurden, ist davon auszugehen, dass sich dieser Effekt unter anderem durch eine Verringerung der Kommunikationskosten, die mit der schnell wachsenden Nutzung mobiler Endger&auml;te einhergeht, weiter verst&auml;rkt hat.<\/p>\n<p>Neben dieser Entwicklung, die sich auf die Angebotsseite von Beteiligungsm&ouml;glichkeiten bezieht, wird auch der wachsende Partizipationsanspruch der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger als Motor eines Wandels hin zu mehr direktdemokratischen Elementen betrachtet (vgl. Plaum 2012). Zur Kennzeichnung der aktuellen gesellschaftlichen Situation werden h&auml;ufig Schlagworte wie Postdemokratie oder Entpolitisierung verwendet. Eine zentrale Feststellung ist dabei, &#8222;dass wichtige politische Entscheidungen heute au&szlig;erhalb der traditionellen demokratischen Kan&auml;le gef&auml;llt werden&#8221; und sich &#8222;der Legitimit&auml;tsverlust demokratischer Institutionen [&#8230;] in einer zunehmenden Entpolitisierung&#8221; zeige (Mouffe 2011: 3). Als Folge wird eine Zunahme der Verdrossenheit gegen&uuml;ber der institutionellen Politik und schwindendes Vertrauen in die repr&auml;sentative Demokratie konstatiert (zur &Uuml;bersicht APuZ 1-2\/2011). In jedem Fall lassen sich einige Ver&auml;nderungen in unserer repr&auml;sentativen Demokratie feststellen. So ist die Wahlbeteiligung in den letzten 20 bis 30 Jahren kontinuierlich zur&uuml;ckgegangen und dadurch bedingt hat sich die soziale Selektivit&auml;t noch vergr&ouml;&szlig;ert (vgl. Merkel et al. 2012). Auch die Attraktivit&auml;t politischer Parteien hat deutlich nachgelassen: Im Zeitraum zwischen 1990 und 2007 sank die Zahl von 2,5 Millionen Parteimitgliedern um mehr als eine Million (ebd.: 107). Die bestehende Form der repr&auml;sentativen Demokratie verliert also immer mehr &#8222;ihren partizipativen Kern&#8221; und &#8222;verkommt [&#8230;] zu einer elit&auml;ren Zuschauerdemokratie&#8221; (ebd.: 97). Eine betr&auml;chtliche Zunahme des Engagements ist hingegen in zivilgesellschaftlichen Organisationen zu verzeichnen (ebd.;lll). Wie diese Entwicklungen zeigen, handelt es sich also nicht um einen R&uuml;ckgang, sondern um eine Verlagerung des gesellschaftlichen Engagements, in der die konventionelle politische Beteiligung an Bedeutung verliert. In unserer pluralistischen Gesellschaft k&ouml;nnen die politischen Parteien die vielschichtigen Interessen der Bev&ouml;lkerung scheinbar nicht mehr ad&auml;quat vertreten; tradierte normative &Uuml;berzeugungen verlieren ihre Bedeutung und als Folge sto&szlig;en die Parteien und ihre politischen Entscheidungen auf immer weniger Akzeptanz.<\/p>\n<p>Die Erg&auml;nzung der repr&auml;sentativen Demokratie um direktdemokratische und deliberative Elemente scheint vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Dynamik ein vielversprechender Ansatz f&uuml;r eine Reform, die das vorhandene Potential der politischen Vitalit&auml;t, das u. a. in den zivilgesellschaftlichen Organisationen anzutreffen ist, in das politische System integrieren kann. Letztlich w&uuml;rde eine solche Abwandlung zu einer h&ouml;heren Legitimit&auml;t und zu einer Verbesserung der Entscheidungen bzw, ihrer Akzeptanz f&uuml;hren. Im Folgenden wird das Konzept <i>Liquid Democracy <\/i>als ein Ansatz dargestellt, der dieses Ziel verfolgt. Grundlage bilden Konzeptionen, die im Rahmen des Liquid Democracy e.V. entstanden sind und dort mit der Freien Software Adhocracy technisch umgesetzt werden.<\/p>\n<h5><span id=\"das-konzept-liquid-democracy\">Das Konzept Liquid Democracy<\/span><\/h5>\n<p>Wurde <i>Liquid Democracy <\/i>in der Vergangenheit h&auml;ufig synonym zu dem Begriff Delegated Voting (s.u.) verwendet, werden in neueren Konzepten mit <i>Liquid Democracy <\/i>eine Gruppe von Verfahren bezeichnet, die unter Einbeziehung digitaler Kommunikation direktdemokratische Beteiligung erm&ouml;glichen und gleichzeitig weitere Voraussetzungen. erf&uuml;llen, die im Folgenden erl&auml;utert werden. Entstanden sind diese Konzepte und Verfahren aus der Einsch&auml;tzung, dass die in unserem politischen System bestehenden Partizipations- und Gestaltungsm&ouml;glichkeiten der gesellschaftlichen Situation und technischen Innovation nicht gerecht werden. Dahinter steht die Annahme, dass die immer dichtere Vernetzung der Menschen sowie der erleichterte Zugang zu Informationen und Wissen den Wunsch nach politischer Mitbestimmung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gesteigert hat, wobei gleichzeitig den Menschen ein viel h&ouml;heres Ma&szlig; an Flexibilit&auml;t und Wandlungsf&auml;higkeit abverlangt wird. Traditionelle Formen der politischen Beteiligung, beispielsweise in Form des Engagements in einer Partei oder Gewerkschaft, sind deshalb mit vielen Lebensentw&uuml;rfen inkompatibel.<\/p>\n<p>Dabei ist Liquid Democracy als Erg&auml;nzung der repr&auml;sentativen Demokratie konzipiert und versteht sich als Antwort auf ein Demokratie- und Legitimationsdefizit des bestehenden Systems (Reichert 2012; Reichert et al. 2010). Die Einsatzm&ouml;glichkeiten von Liquid Democracy-Verfahren beschr&auml;nken sich nicht auf den politischen Bereich, so den &nbsp;zielen auf eine Demokratisierung m&ouml;glichst vieler Lebensbereiche ab. Ebenso entwirft Liquid Democracy ein Gegenentwurf zu den klassischen direktdemokratischen Verfahren (z.B. Volksentscheide), die aufgrund der gro&szlig;en H&uuml;rden, des zeitlichen Aufwandes sowie der geringen Anzahl an Menschen, die tats&auml;chlich an Vorschl&auml;gen mitarbeiten, nur eingeschr&auml;nkt dem Demokratiedefizit entgegenwirken (Reichert 2012; Reichert et al., 2010). Auch wenn in der &Ouml;ffentlichkeit Liquid Democracy h&auml;ufig als Konzept einer <i>digitalen Demokratie <\/i>diskutiert wird, zeigt eine genaue Betrachtung der vorliegenden Konzepte, dass es sich im Wesentlichen um einen, die klassischen offline-Verfahren erg&auml;nzenden Ansatz handelt und dass die Gestaltung von Schnittstellen in bestehende Gremien und Prozessabl&auml;ufe (f&uuml;r eine un&uuml;berschaubare Vielzahl an Anwendungsf&auml;llen) gleichzeitig Chance und Herausforderung ist.<\/p>\n<p>F&uuml;r die konzeptionelle Ausgestaltung und m&ouml;gliche Implementationsweisen der Verfahren gibt es verschiedene L&ouml;sungsans&auml;tze, die in unterschiedlichen Organisationen bereits zur Anwendung kommen. Analysiert man die vorhandenen Ans&auml;tze lassen sich in der Regel f&uuml;nf zentrale, Liquid Democracy konstituierende, Dimensionen identifizieren, deren Gewichtung zwischen den Konzepten variiert (vgl. Abb.1), wobei die Dimensionen nicht unabh&auml;ngig sind.<\/p>\n<ul>\n<li>Individuelle und themenspezifische Wahl einer Partizipationsstufe<br \/>&nbsp;Um den, in unserer pluralistischen Gesellschaft anzutreffenden sehr vielf&auml;ltigen Lebensentw&uuml;rfen und Wertesystemen gerecht werden zu k&ouml;nnen, wird den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern die M&ouml;glichkeit gegeben, selbst zu entscheiden zu welchem Thema sie sich in welcher Form einbringenm&ouml;chten. Potentiell besteht die M&ouml;glichkeit, je nach Thematik und Zeitpunkt, eine unterschiedliche Sprosse der Partizipationsleiter zu w&auml;hlen:Sich &uuml;ber den aktuellen Stand des Diskurses informieren.<\/li>\n<li>Ansichten und Vorschl&auml;ge anderer unterst&uuml;tzen (&#8222;Abstimmen&#8220;).<\/li>\n<li>F&uuml;r bestimmte Themen einen Repr&auml;sentanten\/Delegierten bestimmen.<\/li>\n<li>An Vorschl&auml;gen anderer mitarbeiten bzw. eigene Vorschl&auml;ge und Ansichten einbringen.<\/li>\n<li>&nbsp;Sich als Repr&auml;sentant bzw. Delegierter f&uuml;r einen Themenbereich zur Verf&uuml;gung stellen.<\/li>\n<\/ul>\n<h5><span id=\"oeffentlicher-diskurs-im-sinne-einer-deliberativen-demokratie\">&Ouml;ffent&shy;li&shy;cher Diskurs im Sinne einer delibe&shy;ra&shy;tiven Demokratie<\/span><\/h5>\n<p>Der &ouml;ffentliche und f&uuml;r alle zug&auml;ngliche Diskurs wird als eine zentrale Voraussetzung f&uuml;r die legitime demokratische Entscheidungsfindung betrachtet. Dahinter steht die Annahme, dass aufgrund der sich entwickelnden Vielfalt an existierenden Lebensentw&uuml;rfen und Wertsystemen der intersubjektiven Verst&auml;ndigung eine immer gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung zukommt. Der Austausch &uuml;ber subjektiv wahrgenommene Lebenslagen und Bed&uuml;rfnisse bildet somit die Grundlage f&uuml;r demokratische Diskurs- und Entscheidungsprozesse. Ziel ist es, Diskurse so zu organisieren, dass sich sehr viele Menschen beteiligen k&ouml;nnen. Mittels online-Kommunikation kann potentiell jeder seine Meinung, seine Ideen, sowie seine Bef&uuml;rchtungen zu den f&uuml;r ihn relevante Themen einbringen. Die Strukturierung der Diskurse stellt hierbei eine Herausforderung dar: Nur ein moderationsfreier, d, h. ein auf freier Meinungs&auml;u&szlig;erung beruhender Prozess ohne Moderation im Vorfeld (bzw. Zensur) stellt sicher, dass ein Diskurs Gleichberechtigter resultiert. Des Weiteren muss gew&auml;hrleistet werden, dass der gesamte Prozess transparent ist, auch in dem Sinne, dass die vorhandenen Positionen deutlich erkennbar sind. Letztendlich muss die Strukturierung des Diskurses sicherstellen, dass eine eindeutige Beschlusslage resultiert.<\/p>\n<h5><span id=\"kollaborative-textentwicklung\">Kolla&shy;bo&shy;ra&shy;tive Textent&shy;wick&shy;lung<\/span><\/h5>\n<p>Der gro&szlig;e Erfolg der Online-Enzyklop&auml;die Wikipedia hat gezeigt, dass sich in einem selbstorganisierten, kollaborativen Prozess vorhandene Ressourcen entfalten und gute Ergebnisse erzielt werden k&ouml;nnen. Liquid Democracy nutzt dieses Prinzip f&uuml;r den Prozess der politischen Partizipation: B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern, die das gleiche Ziel verfolgen, k&ouml;nnen gemeinsam ausarbeiten wie dieses Ziel erreicht werden kann bzw. soll.. Konkret bedeutet dies beispielsweise das gemeinschaftliche Verfassen von Gesetzestexten, Stellungsnahmen oder Antr&auml;gen. Eine Voraussetzung daf&uuml;r ist, anders als bei Wikipedia, dass der kollaborativen Textentwicklung demokratische Prinzipien und Regeln zu Grunde liegen. In der Funktionsweise der Software <i>Adhocracy<\/i> stellt dies ein Kernelement dar.<\/p>\n<h5><span id=\"dynamischer-wechsel-zwischen-repraesentation-und-direkter-beteiligung\">Dynamischer Wechsel zwischen Repr&auml;&shy;sen&shy;ta&shy;tion und direkter Beteiligung<\/span><\/h5>\n<p>Mit Delegated Voting wird die Idee des transitiven W&auml;hlens (Delegation &uuml;ber mehrere Stufen) bezeichnet, die Lewis Caroll erstmals 1884 beschrieb. Zus&auml;tzlich zur &Uuml;bertragung der eigenen Stimme an jemand anderen (sog. Proxy-Voting) ist hier auch die M&ouml;glichkeit vorgesehen, dass der Delegierte die an ihn delegierten Stimmen weiterreichen kann. Popul&auml;r wurde dieses Prinzip in den letzten Jahren, da es, in Software umgesetzt, erstmals Beteiligungsprozesse mit vielen Menschen zul&auml;sst. Grunds&auml;tzlich erlaubt dieser Mechanismus dem Teilnehmenden zu w&auml;hlen, ob er selbst abstimmen bzw. an einem Antrag selbst mitarbeiten m&ouml;chte oder ob er seine Stimme an einen Repr&auml;sentanten oder eine Repr&auml;sentantin delegiert. Innerhalb des so entstehenden Kontinuums zwischen Repr&auml;sentation auf der einen und direkter Beteiligung auf der anderen Seite hat der Einzelne die M&ouml;glichkeit sich dynamisch (<i>flie&szlig;end<\/i>) zu bewegen. Aus globalen, d, h. unbegrenzten Delegationen resultierende Probleme sind u. a. eine Konzentration von Macht auf wenige Delegierte sowie das Entstehen von Zielkonflikten durch die Unterst&uuml;tzung widerspr&uuml;chlicher Ziele. Um dieser Problematik entgegenzuwirken ist eine Beschr&auml;nkung der Delegation auf ein genau definiertes politisches Ziel notwendig. Daraus konstituiert sich ein zweistufiger Ablauf, in dem sich der Teilnehmende in einem ersten Schritt entscheidet, welche Ziele aus seiner Sicht erreicht werden sollen; beispielweise die Einf&uuml;hrung eines Mindestlohns oder die Gestaltung einer fahrradfreundlichen Stadt. Erst in einem zweiten Schritt er&ouml;ffnet sich f&uuml;r jedes unterst&uuml;tzte Ziel die M&ouml;glichkeit einen Delegierten zu bestimmen, der stellvertretend Einfluss auf die Antragsentwicklung nimmt. Der dem Delegierten &uuml;bertragene Auftrag ist dadurch eindeutig definiert und beschr&auml;nkt sich auf eine konkrete Ausgestaltung zur Erreichung des vorab definierten politischen Ziels. Die Rolle des Delegierten steht jedem B&uuml;rger und jeder B&uuml;rgerin frei, d.h. durch besonderes Engagement kann jeder Stimmen anderer auf&nbsp;sich vereinen. Neben der M&ouml;glichkeit den Auftrag eines Delegierten eindeutig zu bestimmen ist eine weitere Besonderheit der Dynamischen Delegation (im Vergleich zu dem traditionellen offline-Verfahren), dass die &Uuml;bertragung der eigenen Stimme jederzeit zur&uuml;ckgenommen und auf Wunsch neu vergeben werden kann. Auch ist es m&ouml;glich, in einer einzelnen Sachfrage seinen Delegierten zu &uuml;berstimmen, d. h, die eigene Stimme wird immer bevorzugt gez&auml;hlt. Diese Mechanismen tragen einerseits dazu bei einem Missbrauch durch Delegierte vorzubeugen, andererseits erm&ouml;glichen sie es, flexibel auf Ver&auml;nderungen von Umfeldbedingungen zu reagieren.<\/p>\n<h5><span id=\"einbindung-des-zivilgesellschaftlichen-engagement\">Einbindung des zivil&shy;ge&shy;sell&shy;schaft&shy;li&shy;chen Engagement<\/span><\/h5>\n<p>Ein Ziel von Beteiligungsprozessen im Rahmen von Liquid Democracy ist es, das vorhandene gesellschaftliche Engagement einzubinden und bessere Kan&auml;le in politische Entscheidungsfindungsprozesse zu realisieren. Bestehende Verb&auml;nde, Gewerkschaften und Interessengruppen haben die M&ouml;glichkeit mittels gezielter Kampagnen ihre Mitglieder zur Teilnahme an f&uuml;r sie relevanten politischen Zielen zu mobilisieren. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen sich Interessengemeinschaften f&uuml;r jedes Thema neu zusammenfinden bzw. themen&uuml;bergreifend ein Netzwerk bilden.<\/p>\n<h5><span id=\"anwendungsszenarien\">Anwendungsszenarien<\/span><\/h5>\n<p>Online-Beteiligung ist ein noch junges Feld zu dem bislang nur wenige Erfahrungen und Forschungsergebnisse vorliegen. Die vorhandenen Anwendungsszenarien m&uuml;ssen vor diesem Hintergrund als erste Schritte in einem, durch die rasante technische Fortentwicklung &auml;u&szlig;erst dynamischen Prozess, betrachtet werden. Zu bedenken ist weiter-hin, dass die neuen Verfahren in bestehende Prozesse integriert werden m&uuml;ssen, was u.a. Organisationsver&auml;nderungen unterschiedlichen Umfangs voraussetzt und dementsprechend viel Zeit in Anspruch nimmt.<\/p>\n<p>Im Sinne einer Demokratisierung vieler Lebensbereiche sind die Anwendungsfelder von Liquid Democracy-Verfahren sehr vielf&auml;ltig. F&uuml;r eine Klassifikation k&ouml;nnen drei Dimensionen herangezogen werden. Erstens das Anwendungsfeld, also die Institution, die den Prozess initiiert; zweitens das konkrete Anwendungsziel, beispielsweise ob es sich um Agenda Setting, Konsultation oder Mitbestimmung handelt. Und letztlich der eingeschlossene Teilnehmerkreis. Dies k&ouml;nnen beispielsweise Mitglieder einer Organisation oder die breite &Ouml;ffentlichkeit sein. Je nach Szenario ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an die Organisation des Beteiligungsprozesses, etwa bei der Mit-gliederauthentifizierung oder den Abstimmungsverfahren. Um die Bandbreite zu veranschaulichen werden im Folgenden einige ausgew&auml;hlte Projekte beschrieben.<\/p>\n<h5><span id=\"parlamentarische-arbeit-enquetebeteiligungde\">Parla&shy;men&shy;ta&shy;ri&shy;sche Arbeit: Enque&shy;te&shy;be&shy;tei&shy;li&shy;gung.de<\/span><\/h5>\n<p>Auf Enquetebeteiligung.de k&ouml;nnen sich alle B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger an der Arbeit der Enquetekommission Internet und Digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags beteiligen. Die Enquetekommission besteht aus 17 Abgeordneten und 17 festen Sachverst&auml;ndigen und bezieht mit dem Modell des 18. Sachverst&auml;ndigen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger kontinuierlich in ihre Arbeit ein (Deutscher Bundestag Drucksache 17\/950). Ziel ist eine &Ouml;ffnung des gesamten Arbeitsprozesses f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger konnten zu Beginn Themen, die in das Arbeitsprogramm aufgenommen werden sollten, vorschlagen (Agenda-Setting-Prozess). Im weiteren Verlauf konnten auch konkrete Vorschl&auml;ge f&uuml;r die Handlungsempfehlungen der Enquetekommission abgegeben werden. Die Vorschl&auml;ge wurden der Enquetekommission als Antrag des 18. Sachverst&auml;ndigen zur Diskussion und Abstimmung vorgelegt; es handelt sich dementsprechend um ein Konsultations- (und nicht Mitbestimmungs-)verfahren. Wie die ersten Ergebnisse zeigen (es wurden Vorschl&auml;ge des 18. Sachverst&auml;ndigen, teils im Wortlaut, in die Zwischenberichte der einzelnen Projektgruppen aufgenommen), kann eine Beteiligung von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern die parlamentarische Arbeit bereichern (vgl. Deutscher Bundestag Blogbeitrag vom 5.12.2012)<\/p>\n<h5><span id=\"kommunale-politik-offene-kommunede\">Kommunale Politik: Offene Kommune.de<\/span><\/h5>\n<p>OffeneKommune.de versteht sich als politisch neutrale Internetplattform mit dem Ziel einen &ouml;ffentlichen Diskurs zu erm&ouml;glichen, in dem sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mit kommunalen Vertretern und Organisationen &uuml;ber ihre Bed&uuml;rfnisse, Ziele und Erwartungen austauschen und gemeinsame L&ouml;sungen erarbeiten k&ouml;nnen. Kommunale Vertreter haben auf der Plattform die M&ouml;glichkeit &uuml;ber kommunale Projekte und aktuelle Gesetzesvorhaben zu informieren. Dar&uuml;ber hinaus k&ouml;nnen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aktiv in die Planung und Ausgestaltung einbezogen werden.Interessenskonflikte k&ouml;nnen somit fr&uuml;hzeitig offengelegt werden, um gemeinsam nachhaltige L&ouml;sungen zu erarbeiten. Hervorzuheben ist, dass die Init&uuml;erung von Beteiligungsprozessen auf OffeneKommune.de allen offen steht. Die Plattform folgt somit keinem klassischem Bottom-Up- oder Top-Down-Prinzip, sondern stellt allen gesellschaftlichen Akteuren eine neutrale Infrastruktur zur Verf&uuml;gung.<\/p>\n<h5><span id=\"einsatz-in-parteien\">Einsatz in Parteien<\/span><\/h5>\n<p>Die neuen Beteiligungsformate scheinen auch ein wichtiges Instrument f&uuml;r die Arbeit von Parteien geworden zu werden. Die Piratenpartei setzt beispielsweise eine Plattform ein, mit deren Hilfe Meinungsbilder eingeholt und Entscheidungen vorbereitet werden k&ouml;nnen (Bieber 2012). Die von der Piratenpartei eingesetzte Software <i>Liquid Feedback<\/i>,unterscheidet sich dabei in ihrer Funktionsweise von <i>Adhocracy<\/i> und dem hier dargestellten Konzept (ein Vergleich findet sich in Eckenfels 2012). Der Landesverband der Gr&uuml;nen in Nordrhein-Westfalen hat aktuell ein Modellprojekt mit <i>Adhocracy <\/i>f&uuml;r Anfang 2013 beschlossen: Er will &#8222;gemeinsam mit den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern [&#8230;] die Chancen, die [&#8230;] die Digitalisierung bietet nutzen.&#8221; (Landesverband der Gr&uuml;nen NRW 2012). Der Einsatz des Liquid-Democracy-Verfahrens soll auf Orts- und Landesebene getestet werden.<\/p>\n<p>Die SPD-Fraktion hat als erste Fraktion im Bundestag eine Liquid-Democracy-Plattform genutzt, um die &Ouml;ffentlichkeit in die Arbeit ihrer Projektgruppen einzubinden. Dieser zeitlich beschr&auml;nkte Zukunftsdialog-online richtete sich an alle interessierten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und umfasste thematisch die aktuellen Schwerpunktthemen der SPD-Fraktion. Die Plattform wird k&uuml;nftig kontinuierlich zur Diskussion der aktuellen Themen der Fraktion zur Verf&uuml;gung stehen.<\/p>\n<h5><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p>Die hier geschilderten Beispiele zeigen, dass mittels Liquid Democracy eine gro&szlig;e Varianz an politischen Beteiligungsm&ouml;glichkeiten innerhalb des repr&auml;sentativen Systems implementiert werden kann, die &uuml;ber Abstimmungsfunktionen weit hinausgeht und Beteiligung in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen m&ouml;glich macht. Die konkrete Ausgestaltung sowie die Bedingungen des Einsatzes von erfolgreichen Liquid-Democracy-Verfahren m&uuml;ssen in den zuk&uuml;nftig stattfindenden Projekten kontinuierlich evaluiert werden. Nur anhand (bisher fehlender) empirischer Ergebnisse k&ouml;nnen Konsequenzen f&uuml;r die einzelnen Anwendungsfelder gezogen und zuk&uuml;nftige Szenarien angepasst werden. Eine bisher untersch&auml;tzte Herausforderung ist sicherlich die notwendige Ver&auml;nderungsbereitschaft und -f&auml;higkeit der Organisationen, um die neuartigen Verfahren und Prozesse in die bestehenden, teilweise seit langer Zeit tradierten, Abl&auml;ufe einzubetten. Diese Integration setzt einen geplanten, fr&uuml;hzeitig beginnenden Ver&auml;nderungsprozess voraus, in dem die sinnvolle Verkn&uuml;pfung der online- und offline-Angebote explizit Ber&uuml;cksichtigung findet. Um sicherzustellen, dass es zu keiner Ausgrenzung von Personen kommt, sollten Online-Verfahren als Erg&auml;nzung zu den sonstigen Partizipationsverfahren konzipiert werden.<\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich d&uuml;rfen die Voraussetzungen f&uuml;r eine Beteiligung von B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern nicht aus dem Blick geraten: f&uuml;r jedwede politische Beteiligung bilden Medienkompetenz und Demokratiekompetenz die Grundlage. &#8222;Beteiligung ist ein Bildungsprozess und nicht prim&auml;r eine Frage der Software. Wir m&uuml;ssen vom Kindergarten an eine Beteiligungskultur entwickeln, die konstruktive Teilhabe an der Gestaltung unserer Lebenswelt als staatsb&uuml;rgerliches Ziel erf&uuml;llt&#8221; (Ertelt, 2012). Auch die empirischen Befunde &uuml;ber den Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und politischer Partizipation sind eindeutig: Vorwiegend Menschen mit hohem Bildungsgrad und h&ouml;herem Einkommen nehmen die politischen Beteiligungsangebote wahr (B&ouml;deker 2012:37). Diese Problematik wird sich allein durch den Einsatz neuer Medien nicht aufl&ouml;sen. Hier sind Anstrengungen zur Reduktion sozialer Ungleichheit notwendig, um der sozialen Verzerrung politischer Partizipation entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Wie gezeigt wurde bietet das Internet zahlreiche neuen Optionen, um B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern Partizipation an politischen Prozessen zu erm&ouml;glichen. Das Ziel muss die, auf einem verbindlichen rechtlichen Rahmen beruhende, Einbindung von digitalen Beteiligungswegen in unterschiedlichen politischen Ebenen sein.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Bieber, Christoph 2012: Die Piratenpartei als neue Akteurin im Parteeinsystem, in: APuZ, Jg.62, H.7, S.27&#8211;33<br \/>BM12012: Open Government Data Deutschland. Eine Studie zu Open Government in Deutschland im Auftrag des Bundesministerium des Innern, online-Publikation (zuletzt abgerufen am 2.12.2012): httpa\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Themen\/0ED_Verwaltung\/ModerneVerwaltung\/opengovernment.pdf<br \/>B&ouml;deker, Sebastian 2012: Soziale Ungleichheit und politische Partizipation in Deutschland. OBSArbeitspapier Nr. 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