{"id":11699,"date":"2012-12-05T20:00:00","date_gmt":"2012-12-05T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-piraten-wiedergeburt-der-sozialliberalismus\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:31","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:31","slug":"die-piraten-wiedergeburt-der-sozialliberalismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/200-vorgaenge\/publikation\/die-piraten-wiedergeburt-der-sozialliberalismus\/","title":{"rendered":"Die Piraten-Wiedergeburt der Sozialliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg&auml;nge 200 ( Heft 4\/2012), S.43-53<\/p>\n<p><i>&#8222;Guten Morgen. Die deutsche Politik hat das Internet verschlafen &#8211; bis jetzt<\/i>&#8221; titelte im September 2007 das Fachmagazin &#8222;politik &amp; kommunikation&#8221; (p&amp;k 2007: 12&#8211;28) und ver&ouml;ffentlichte eine umfangreiche Recherche zur Internet-Repr&auml;sentanz von deutschen Politikern. In die Bewertung eingeflossen waren Kriterien, wie Informationsgehalt, Interaktivit&auml;t und Kreativit&auml;t der Internet-Auftritte. Positiv bewertet wurde z. B. ob Politiker ihre Nebeneink&uuml;nfte auf den Webseiten offen legten. Dies taten damals immerhin schon 14 Prozent aller Abgeordneten.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hat das Internet die politische Kommunikation in Deutschland ver&auml;ndert, ist selbst zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung geworden und wirbelte mit der Entstehung der Piraten-Partei als einer origin&auml;ren Vertreterin der Netzpolitik auch das deutsche Parteiensystem durcheinander. Wer sich dem Zusammenhang zwischen Politik, Demokratie und Internet in Deutschland widmen m&ouml;chte, muss also verschiedene Ebenen in den Blick nehmen.<\/p>\n<h5><span id=\"kommunikation-partizipation\">Kommu&shy;ni&shy;ka&shy;tion &amp; Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion<\/span><\/h5>\n<p>Das Internet hat die M&ouml;glichkeiten der Kommunikation, Information und Partizipation revolutioniert. Es erm&ouml;glicht die entfernungsunabh&auml;ngige Nutzung, ist preisg&uuml;nstig und leicht bedienbar. Suchmaschinen bieten Orientierung und im Unterschied zur herk&ouml;mmlichen One-to-many-Kommunikation bietet das Internet die Chance f&uuml;r jedermann, Informationen f&uuml;r einen theoretisch unbegrenzten Nutzerkreis einzuspeisen. (Grunwald et a12006; 11)<\/p>\n<p>Kann aus diesen M&ouml;glichkeiten bereits auf eine verbesserte Partizipation geschlossen werden? Der amerikanische Politikwissenschaftler Anthony G. Wilhelm fragte: (.,.)<br \/><i>&#8222;will the Internet bring people into the process who haue been an the margins ofpolitical engagement?&#8220;<\/i>Die bislang vorliegenden Untersuchungen sprechen bislang eher daf&uuml;r, anzunehmen, dass die Effekte des Internets eine w&uuml;nschenswerte und unverzichtbare Erg&auml;nzung deliberativer Demokratie darstellen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.<\/p>\n<p>Nach neuesten Zahlen, ver&ouml;ffentlicht von der Internetseite statistica.com, stieg die Zahl der deutschen Internet-Nutzer von 37 Prozent der &uuml;ber 14-J&auml;hrigen im Jahre 2001 auf einen Anteil von 75,6 Prozent im laufenden Jahr. Die absolute Mehrheit dieser Personen nutzte das Internet f&uuml;r die Information &uuml;ber aktuelle politische Nachrichten, wobei laut Allensbach- Institut jeweils ein Drittel angibt, dies selten, gelegentlich bzw. h&auml;ufig zu tun.<\/p>\n<p>Politische Information ist freilich noch keine politische Beteiligung. Eine empirische L&auml;ngsschnitt-Studie zeigt, dass diejenigen, die neu ins Internet gehen, die herk&ouml;mmlichen Formen politischer Kommunikation genauso intensiv wie vorher nutzen und das Internet komplement&auml;r f&uuml;r politische Zwecke einsetzen (Emmer\/Vowe 2004: 191). Genutzt werden dazu insbesondere E-mails und Chat-Funktionen und diejenigen Beteiligungsangebote, die in der Kosten-Nutzen-Relation den h&ouml;chsten Effekt erzielen. Dazu d&uuml;rften z. B. Online-Petitionen geh&ouml;ren, die zwischenzeitlich zu einem akzeptierten und standardisierten Instrument im Deutschen Bundestag geworden sind. <i>&#8222;Im Internet werden bevorzugt diejenigen Formen der Kommunikation auch f&uuml;r politische Zwecke herangezogen, die leicht erlernbar und unkompliziert einzusetzen sind und die generell am meisten genutzt werden. (&#8230;) Tats&auml;chlich , neue ` Formen politischer Kommunikation, die gr&ouml;&szlig;ere Kompetenz und hohen Aufwand erfordern, finden sich nicht im Repertoire des, einfachen Surfers&#8216;. &#8220; <\/i>(EmmerNowe 2004: 208)<\/p>\n<p>Die Autoren der Studie nehmen deshalb an, dass die politische Online-Kommunikation herk&ouml;mmlichen Mustern folgt: Je intensiver Personen aktuelle Medienangebote nutzen, desto intensiver unterhalten sie sich auch mit anderen &uuml;ber Politik, desto st&auml;rker ist ihre Einfluss&uuml;berzeugung, desto intensiver nehmen sie M&ouml;glichkeiten der politischen Teilhabe wahr und desto intensiver nutzen sie wiederum die aktuellen politischen Medienangebote &#8211; der klassischen und der neuen Medien (Emmer\/Vowe 2004: 209).<\/p>\n<p>Diese Annahme vertritt auch eine Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages: &#8222;Ohne dass die massenmediale &Ouml;ffentlichkeit an Bedeutung verlieren w&uuml;rde, wird eine Reihe von politischen Prozessen im Internet stattfinden.&#8221; (Grunwald et a12006: S. 19) Dazu z&auml;hlen politische Information, Meinungsbildung und Deliberation, Agena Setting, Organisation und Mobilisierung. F&uuml;r die Autoren der Studie stehen deshalb die Herausforderungen im Vordergrund, die sich daraus ergeben, dass die Anspr&uuml;che politisch interessierter und gut informierter B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger hinsichtlich des Zugangs zu politischen Informationen, der Transparenz politischer Prozesse und auch der Teilhabe an der Entscheidungsfindung &uuml;ber das Netz wachsen werden (vgl. Grunwald et a12006: ebd.) Zwei Handlungsfelder sollen hier herausgehoben werden:<\/p>\n<ul>\n<li>Digital Divide&#8216;: Verstanden wird darunter die Gew&auml;hrleistung eines Netzzugangs f&uuml;r solche Gruppen, die aus &ouml;konomischen oder sozialen Gr&uuml;nden bisher vom Internet ausgeschlossen sind. Ein solcher Zugang muss nicht nur technisch erm&ouml;glicht, sondern die Nutzung des Netzes auch soziokulturell erlernt werden.<\/li>\n<li>&nbsp;Das Internet kann eine Chance f&uuml;r diejenigen Akteure sein, die in der massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit h&auml;ufig ignoriert werden. Diese Chance der Wahrnehmung ist jedoch auch im Internet nicht demokratisch verteilt.Kommerzialisierung und Massenmedialisierung der Netz&ouml;ffentlichkeit stehen dem ebenso entgegen, wie die Herausbildung von&nbsp; TeiI&ouml;ffentlichkeiten. Es bedarf demnach, wie Grunwald et al feststellen, &#8222;nicht nur technischer, sondern auch soziokultureller Innovationen, um einen kulturellen Wandel im Sinne von neuen individuellen wie kollektiven Kommunikations- und Handlungsmustern herbeizuf&uuml;hren. Die wesentlichen sozialen und kulturellen Wirkungszusammenh&auml;nge des Internets r&uuml;hren weniger von seinen technischen Eigenschaften her, als davon, dass Menschen es zu einem allt&auml;glichen sozialen Interaktionsraum machen, es gleichsam ,erobern` und sich aneignen, wodurch neue gesellschaftliche Kommunikations- und Handlungsmuster entstehen&#8221;. (Grundwald et a12006; 11f.)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Aussage beschreibt prononciert die Motivation des Deutschen Bundestages, der im Jahre 2010 eine interfraktionelle Enquete-Kommission &#8222;Internet und digitale Gesellschaft&#8221; einsetzte und deren Arbeit im Sommer dieses Jahres verl&auml;ngerte. Sie ist derzeit das einzige parlamentarische Gremium weltweit, dass sich in dieser Intensit&auml;t und gro&szlig;en thematischen Spannbreite mit der Digitalisierung der Gesellschaft besch&auml;ftigt. In zw&ouml;lf Projektgruppen beraten je 17 Abgeordnete und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Sie haben bisher Zwischenberichte zu den Themen &#8222;Netzneutralit&auml;t&#8221;, &#8222;Medienkompetenz&#8221; sowie &#8222;Urheberrecht&#8221; und &#8222;Datenschutz&#8221; vorgelegt.<\/p>\n<p>Die Enquete-Kommission arbeitet als erstes parlamentarisches Gremium in Deutschland mit dem B&uuml;rgerbeteiligungsmodell ,adhocracy`. Rund ein Jahr nach Gr&uuml;ndung der Kommission hatten sich mehr als 1.800 Nutzer registriert, 300 Vorschl&auml;ge unterbreitet und &uuml;ber 2.000 Kommentare sowie 11.000 Bewertungen abgegeben. (Rutz 2011) Dies ist nicht wenig und doch nicht so viel, wie urspr&uuml;nglich erwartet wurde. Eine gesonderte Auswertung des Adhocracy-Portals d&uuml;rfte wichtige Erkenntnisse dar&uuml;ber Iiefern, wie k&uuml;nftig eine digitale B&uuml;rgerbeteiligung an parlamentarischer Arbeit ohne hohe Barrieren aussehen muss.<\/p>\n<p>Dass die Kommission ihre Ergebnisse, anders als urspr&uuml;nglich vorgesehen, nicht nach zwei Jahren Beratung vorlegen konnte, liegt einerseits am thematischen Umfang, andererseits aber an Querelen in der Kommission selbst. Parteipolitische Interessen der konservativ-liberalen Regierungsmehrheit blockierten lange Zeit eine wirklich fruchtbringende Debatte. Ein Abgeordneter der Liberalen, dem Juniorpartner in der Bundesregierung, formulierte dies deutlich: <i>&#8222;Ich bedaure es, dass die Tagespolitik immer wieder &uuml;berwiegt, und wir uns so teilweise vom Grundauftrag entfernen. &#8222;(<\/i>Zschunke 2011) Dem stimmte auch die Abgeordnete der LINKEN zu, die immerhin positiv vermerkte: <i>&#8222;Manchmal ist zugespitzter Widerspruch besser als Kompromiss um jeden Preis. &#8222;<\/i> (Lueke 2012). Die Kommission hat jetzt noch bis zum Jahresende Zeit, ihre Beratungen abzuschlie&szlig;en, damit sich der Bundestag dann mit den Ergebnissen auseinandersetzen kann.<\/p>\n<p>Zum Gegenstand der politischen Auseinandersetzung wurde das Internet in Deutschland im Zusammenhang zum einen mit vorgesehenen Ma&szlig;nahmen der damaligen konservativen Jugendministerin, Ursula von der Leyen, umfangreiche Sperren im Internet zu verf&uuml;gen sowie im Streit um das Urheberrecht. Verlief die Trennlinie in der Frage der Netzsperren zwischen dem konservativliberalen und dem progressiven Lager, ist die Auseinandersetzung dar&uuml;ber, wie k&uuml;nftig mit dem Urheberrecht umgegangen werden soll, mindestens verworren und gesellschaftspolitisch nicht genau zuzuordnen. Fest steht nur, dass die Anh&auml;nger eines v&ouml;lligen Verzichts auf das bisherige Urheberrecht und die Verteidiger dessen sich so unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber stehen, dass zwischenzeitlich schon um ,Abr&uuml;stung` in der Debatte gebeten wird (vgl, heise.de).<\/p>\n<p>Aus linker Perspektive geht es bei dieser Debatte nicht zuletzt um das Spannungsverh&auml;ltnis zwischen zwei gleichrangigen Forderungen: Einerseits dem freien Zugang zu Informationen und dessen Nutzungsm&ouml;glichkeiten sowie andererseits dem Anspruch der Urheber, von den Fr&uuml;chten ihrer Arbeit auch leben zu k&ouml;nnen. Gerade angesichts einer zunehmenden Prekarisierung von Akademikern und Kulturschaffenden, gepr&auml;gt durch schlecht finanzierte Projektt&auml;tigkeiten ohne l&auml;ngerfristige Perspektiven ist dies schon lange kein Randthema der politischen Debatte mehr.<\/p>\n<h5><span id=\"die-piraten-partei-politischer-ausdruck-der-digitalen-revolution\">Die Piraten&shy;-&shy;Par&shy;tei: Politischer Ausdruck der digitalen Revolution<\/span><\/h5>\n<p>Die Auseinandersetzung um Zensur im Internet beg&uuml;nstigte den Aufstieg des Newcomers im bundesdeutschen Parteiensystem: Der Piraten-Partei. Sie sind der Aufsteiger des bundesdeutschen Parteiensystems schlechthin und lie&szlig;en in den vergangenen Monaten alle anderen Parteien alt aussehen. Binnen weniger Monate zogen sie in vier Landtage in Folge ein. Erreichte die Partei bei ihrem ersten Wahlantritt im Januar 2008 in Hessen 0,3 Prozent, meinten im April 2012 im DeutschlandTREND von Infratest dimap rund 50 Prozent der Befragten, es sei gut, wenn die Piraten nach der Bundestagswahl 2013 im Bundestag vertreten w&auml;ren. Den Wiedereinzug der FDP in das h&ouml;chste deutsche Parlament bef&uuml;rworteten in der gleichen Umfrage nur 36 Prozent der Befragten. Wer anfangs glaubte, der Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus sei die logische Artikulation der &#8222;creative people&#8221; und die Piratenpartei somit eine gro&szlig;st&auml;dtische Milieupartei, sah sich bei den Wahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen eines Besseren belehrt. Die Piraten k&ouml;nnen in gleichem Ma&szlig;e im l&auml;ndlichen Raum S&uuml;dwestdeutschlands oder zwischen Nord- und Ostsee gewinnen, wie auch in Nordrhein-Westfalen, das hinsichtlich der sozialr&auml;umlichen und w&auml;hlerbezogenen Strukturen gemeinhin als &#8222;Kleine Bundesrepublik&#8221; bezeichnet wird. Gerade beim Land-tag NRW, den die Piraten quasi im Handstreich enterten, handelt es sich nicht um irgendein Landesparlament, sondern dasjenige, das f&uuml;r neue Parteien traditionell schwer zu erst&uuml;rmen war. Selbst wenn in Rechnung gestellt wird, dass die Einf&uuml;hrung des Zweistimmensystems die Chancen kleiner Parteien bei Landtagswahlen in NRW verbessert hat, ist ein Ergebnis von 8 Prozent im bev&ouml;lkerungsreichsten Bundesland keine Selbstverst&auml;ndlichkeit und gerade deshalb die wohl beste Ausgangsplattform der Piraten, um sich auch im Bundestag zu verankern.<\/p>\n<p>Gleichwohl bleiben die Piraten ein schillerndes neues Ph&auml;nomen in der deutschen Parteienlandschaft und sind daher als Projektionsfl&auml;che f&uuml;r vielerlei Motive geeignet. Eine Vielzahl von Publikationen, die in der j&uuml;ngeren Vergangenheit erschienen sind bzw. seitens der Verlage angek&uuml;ndigt[1] werden, zeugen vom verbreiteten Interesse, dieses Ph&auml;nomen zu ergr&uuml;nden.&#8216; Anders als die PDS 1990, die WASG 2005 oder DIE LINKE 2007 entwickelten sich die Piraten nicht durch Transformation einer bereits bestehenden Partei, durch Abspaltung oder Fusion, sondern g&auml;nzlich neu und mit dem Ziel, eine bestehende Repr&auml;sentationsl&uuml;cke im Parteiensystem (Zolleis\/Prokopf\/Strauch 2010: 7) auszuf&uuml;llen.<\/p>\n<p>Der Aufstieg der Piratenpartei erinnert insoweit an den Aufstieg der Gr&uuml;nen Ende der 1970er Jahre. Besetzten diese von den anderen Parteien vernachl&auml;ssigte Themenfelder wie Umweltschutz und Frauen- bzw. Gleichstellungspolitik, repr&auml;sentieren die Piraten in Folge der &#8222;digitalen Revolution&#8221; neu entstandene Themen wie Netzpolitik, Informationsfreiheit und Partizipation mit den Mitteln der digitalen Kommunikation.<\/p>\n<p>Um langfristig erfolgreich zu sein, reicht es freilich nicht, als erster am Thementisch zu sitzen. Denn Themen suchen sich ihre Parteien und erfahrungsgem&auml;&szlig; reagiert das Parteiensystem mittelfristig auf thematische Ver&auml;nderungen. Durch eine geschickte Positionierung werden verschiedene gesellschaftliche Konfliktlinien kombiniert, um Machtchancen zu verbessern. Dass zwischenzeitlich die Mehrheit der Umweltminister\/-innen in Bund und L&auml;ndern von CSU bis LINKEN gestellt wird, hat den Gr&uuml;nen nicht geschadet, sondern verweist auf weitere Bestimmungsmomente f&uuml;r parteipolitische Durchsetzungsf&auml;higkeit.<\/p>\n<p>Der Etablierung der Gr&uuml;nen lag die Herausbildung der damals neuen &#8222;postmaterialistischen&#8221; gesellschaftlichen Konfliktlinie (&#8222;Cleavage&#8220;), zugrunde. Charakteristisch an dem neuen Cleavage war, dass es weniger durch sozialstrukturelle als vielmehr Einstellungs- und Lebensstilmerkmale gepr&auml;gt wurde und in Form des Umweltthemas, aus dem sich der Gegensatz Materialismus-Postmaterialismus speiste, quer zu den bestehenden kulturellen und &ouml;konomischen Konfliktlinien lag. (Decker 2011: 82) Ein Grund daf&uuml;r, warum die Gr&uuml;nen anfangs auf der links-rechts-Skala &#8212; ebenso wie die Piraten heute &#8212; nicht eindeutig zu verorten waren.<\/p>\n<p>Vieles spricht daf&uuml;r, dass sich in der deutschen W&auml;hlerschaft ein durch die digitale Revolution gepr&auml;gtes Elektorat herausgebildet hat, mit einer eigenen Lebenswelt, das in der Piratenpartei seinen parteif&ouml;rmigen Ausdruck sucht, da das herk&ouml;mmliche Parteienspektrum dieses Milieu nur unzureichend oder gar nicht zu erfassen in der Lage ist. Wie gezeigt werden wird, ist die Tatsache, dass die Piraten in dieser Konstellation eine &#8222;Single-Issue-Party&#8221; darstellen, keineswegs ein Manko, sondern vielmehr Teil ihrer Authentizit&auml;t. Sie geben freim&uuml;tig zu, dass sie zu vielen Themen keine Meinung oder mehrere haben und pr&auml;sentieren Entscheidungs- und Programmfindungsprozesse als &#8222;Open-Source-Demokratie&#8221;, die durch Schwarmintelligenz fortentwickelt wird.<\/p>\n<h5><span id=\"milieus-und-praeferenzen-der-piraten\">Milieus und Pr&auml;ferenzen der Piraten<\/span><\/h5>\n<p>In der bereits vor zwei Jahren und insoweit vergleichsweise fr&uuml;h bei der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) erschienenen und schon deshalb verdienstvollen Studie &#8222;Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?&#8221; ordnen die Autoren die W&auml;hlerschaft der Piraten sozialen Milieus unter R&uuml;ckgriff auf die Arbeiten des Heidelberger Sinus-Instituts zu. Die &raquo;Landkarte&laquo; der Sinus-Milieus besteht aus einer Neun-Felder-Tafel, deren vertikale Achse die drei sozialen Lagen: &#8222;Unterschicht\/Untere Mittelschicht&#8221;, &#8222;mittlere Mittelschicht&#8221;, &#8222;obere Mittelschicht\/Oberschicht&#8221; beinhaltet und die horizontale Achse Grundorientierungen: &#8222;traditionelle Werte&#8221;, &#8222;Modernisierung&#8221;, &#8222;Neuorientierung&#8221;. Auf dieser Karte finden sich zehn Milieus, von denen die HSS-Autoren bei den drei auf der Linie der &#8222;Neuorientierung (Multi-Optionalit&auml;t, Experimentierfreude, Leben in Paradoxien)&#8221; liegenden Milieus (&#8222;Moderne Performer&#8220;, &#8222;Experimentalisten&#8221;, &#8222;Hedonisten&#8221;) sowie dem von der Linie der ,Modemisierung&#8220; in die ,Neuorientierung&#8220; reichenden Milieu der ,Postmaterialisten&#8220;, &Uuml;bereinstimmungen mit der Piratenw&auml;hlerschaft finden (Zolleis\/ProkopflStrauch 2010: 26).<\/p>\n<p>Bevor dies genauer ausgef&uuml;hrt wird, soll daran erinnert werden, dass soziale Milieus eine Beschreibung der in gewisser Hinsicht &#8222;k&uuml;nstlich&#8221; abgegrenzten und benannten Gruppen Gleichgesinnter darstellen, die im Zeitverlauf nicht stabil bleiben, sondern wachsen, schrumpfen, sich teilen, absterben oder neu entstehen (Neugebauer 2007: 17). Gleichwohl werden die 2010 ver&ouml;ffentlichten Annahmen zur Piraten-W&auml;hlerschaft best&auml;tigt durch die sozio-strukturellen Erkenntnisse der Wahlstatistik aus den vier j&uuml;ngsten Wahlk&auml;mpfen, bei denen die Piraten in Landtage einzogen. Sie sind in der im Anhang abgebildeten Tabelle ausgewiesen.<\/p>\n<p>Die HSS-Autoren sehen eine mittelstarke &Uuml;bereinstimmung mit den Postmaterialisten insofern, als die Piraten sich als &#8222;kultureller Vorreiter f&uuml;r die Verf&uuml;gbarkeit von Wissen und kulturellen G&uuml;tern&#8221; verstehen und somit &#8222;Freizeitinteressen und Sozialstruktur (Kreative, Intellektuelie, Jugendliche, Studierende) dieses Milieus&#8221; abdeckt(Zolleis\/Prokopf\/Strauch 2010: ebd.). Mit dem von der mittleren Mittelschicht bis zur Oberschicht reichenden Milieu der Modernen Performer weisen die Piraten im Hinblick auf hohen Bildungsgrad, den Anteil von Studierenden und Selbst&auml;ndigen und dem hohen Anteil an den unter 30 j&auml;hrigen Deckung auf. F&uuml;r dieses Milieu ist die Nutzung moderner Kommunikationsmittel selbstverst&auml;ndlicher Bestandteil des Alltags. Sie selbst verstehen sich laut HSS-Studie als &#8222;unkonventionelle, technologische und kulturelle Elite&#8221;, die Reglementierung im privaten und privaten Raum tendenziell ablehnend gegen&uuml;ber steht (ZolleislProkopf\/Strauch 2010: 27).<\/p>\n<p>Die dritte Gruppe, die Hedonisten, ist hinsichtlich ihrer sozialen Lage zum &uuml;berwiegenden Teile der Unterschicht\/unteren Mittelschicht zugeordnet. In der Grundorientierung teilt sich diese Gruppe fast h&auml;lftig in Modernisierung und Neuorientierung. Zu den hedonistischen Milieus z&auml;hlen auch die Experimentalisten, worunter eine stark individualistische neue Boheme zu verstehen ist, die hinsichtlich ihrer sozialen Lage zur mittleren Mittelschicht zu z&auml;hlen ist. In beiden Milieus k&ouml;nnen sich die kreativen, kulturellen Vorreiter von den Piraten angesprochen f&uuml;hlen, wobei der Protestw&auml;hleranteil mit der niedriger werdenden sozialen Lage ansteigt (Zolleis\/Prokopf\/Strauch 2010: 27). Wie bereits dargelegt lassen sich eine Reihe von Erkenntnissen der HSS-Studie als Erl&auml;uterungsfolie auf die zu den Landtagswahlen ver&ouml;ffentlichten Umfragedaten legen. Am Beispiel von Daten der Schleswig-Holstein-Wahl soll dies nachfolgend exemplifiziert werden.<\/p>\n<p>Die vier wichtigsten wahlentscheidenden Themen f&uuml;r Piraten-W&auml;hler im Nordwesten waren Soziale Gerechtigkeit (34 Prozent), Netzpolitik (26 Prozent), Schulpolitik (24 Prozent) und Arbeitsmarktpolitik (21 Prozent). Gemessen am Durchschnitt aller W&auml;hler sticht die &#8222;Netzpolitik&#8221; als besonderes Thema der Piraten heraus. Lediglich f&uuml;r die W&auml;hler von SPD und LINKEN waren die vier im Durchschnitt aller W&auml;hler wichtigsten wahlentscheidenden Themen Wirtschaftspolitik, Schulpolitik, Soziale Gerechtigkeit und Arbeitsmarktpolitik ebenfalls die wahlentscheidend. Alle anderen Parteien hatten wie die Piraten mindestens ein &#8222;Sonderthema&#8221;, CDU und FDP etwa die &#8222;&ouml;ffentliche Verschuldung&#8221;.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Einsch&auml;tzung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage unterscheiden sich die Piraten-W&auml;hler gleich mehrfach von denen anderer Parteien bzw, dem Durchschnitt:<\/p>\n<ul>\n<li>W&auml;hrend 17 Prozent aller W&auml;hler sich &#8222;gro&szlig;e Sorgen&#8221; um ihre wirtschaftliche Situation machen, sagte dies ein knappes Drittel der Piraten-Anh&auml;nger &uuml;ber sich.<\/li>\n<li>Nur 29 Prozent der Piratenw&auml;hler gaben an, von der wirtschaftlichen Entwicklung zu profitieren, w&auml;hrend 35 Prozent aller W&auml;hler und knapp die<br \/>H&auml;lfte der CDU- und FDP-W&auml;hlerschaft dies von sich behauptete.<\/li>\n<li>Gut die H&auml;lfte der Piraten-Anh&auml;nger sah sich bei der &#8222;gesellschaftlichen<br \/>Entwicklung&#8221; auf der &#8222;Gewinner&#8220;-Seite, deutlich weniger als bei CDU,FDP und Gr&uuml;nen, etwa gleichauf mit den SPD-Anh&auml;nger\/- innen.<\/li>\n<li>Die Frage &#8222;Sind sie zufrieden mit der Demokratie?&#8221; beantworten 80 Prozent der CDU-Anh&auml;nger mit Ja, auch 73 Prozent der Gr&uuml;nen-Anh&auml;nger.Lediglich bei den Piraten war es, laut Infratest dimap, mit 43 Prozent eine Minderheit &#8211; wobei die LINKE-Anh&auml;nger nicht ausgewiesen wurden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Herkunft der Piraten-Anh&auml;nger aus Schleswig-Holstein best&auml;tigte, ebenso wie die sp&auml;tere NRW-Wahl, die Ergebnisse aus Berlin und dem Saarland: &Uuml;berdurchschnittliche Ergebnisse bei m&auml;nnlichen Erstw&auml;hlern (20 Prozent), W&auml;hlern unter 45 Jahren generell, insbesondere bei m&auml;nnlichen W&auml;hlern unter 35 Jahren. Die W&auml;hlerschaft der Piraten ist &#8222;jung, m&auml;nnlich, konfessionslos&#8221;, fasste Daniel Deckers in der FAZ vom 22. April 2012 prononciert zusammen. Hinzuzuf&uuml;gen w&auml;re, dass die Anh&auml;nger der Piraten unzufrieden mit dem vorhandenen Parteienangebot und dem Zustand des politischen Systems sind. St&auml;rker als der Durchschnitt betrachten sie ihre soziale Lage als prek&auml;r und blockiert, verbinden dies aber nicht mit einer Pr&auml;ferenz f&uuml;r klassische Arbeitsmarkt-oder sozialstaatliche Politikangebote, sondern mit Fragen der &#8222;Netzpolitik&#8221; und der Transparenz und Offenheit, also den Partizipationsm&ouml;glichkeiten des politischen Systems. Die Hypothese, dass es sich bei der Piratenpartei um den politischen Arm eines neuen &raquo;Generationen-Projekts&laquo; handeln k&ouml;nnte, erh&auml;lt weitere Best&auml;tigung (Kahrs 2012: 6).<\/p>\n<h5><span id=\"zwischen-links-und-mitte-verortung-und-selbsteinordnung-der-piraten\">Zwischen Links und Mitte &mdash; Verortung und Selbst&shy;ein&shy;ord&shy;nung der Piraten<\/span><\/h5>\n<p>Worin dr&uuml;ckt sich dieses Generationen-Projekt freilich aus? Ist &#8222;Protest&#8221; ein die Wahlmotive der Piratenanh&auml;nger ausreichend beschreibendes Motiv? Die Erkenntnisse von Infratest dimap, aus den im Oktober 2011 und im April 2012 f&uuml;r den Deutschland-TREND durchgef&uuml;hrten Befragungen scheinen dieses Motiv zu best&auml;tigen: Rund zwei Drittel der Befragten stimmten der Aussage zu, dass bei der Wahl der Piraten das Motiv, anderen Parteien einen Denkzettel zu verpassen, im Vordergrund steht. Gleichzeitig war die Zustimmung zu dieser Aussage r&uuml;ckl&auml;ufig, w&auml;hrend die Nichtzustimmung zu dieser Aussage etwas st&auml;rker zunahm, als die Zustimmung dazu abnahm. Wiederum rund zwei Drittel sahen in den Piraten eine Wahlalternative f&uuml;r diejenigen, die sonst gar nicht zur Wahl gehen w&uuml;rden, w&auml;hrend ein Drittel diese Aussage ablehnte. W&auml;hrend nur weniger als jeder F&uuml;nfte im Oktober 2011 der Aussage zustimmte, dass die Piraten eine echte Alternative zu den Mitte-Links-Parteien SPD, Gr&uuml;ne und LINKE seien, stimmte im April 2012 ein Drittel der Befragten der Aussage zu, die Piraten seien eine Alternative zu den etablierten Parteien generell.<\/p>\n<p>In diesen Kontext von Interesse ist die politische Verortung der Piratenpartei durch die W&auml;hler generell und die eigene Anh&auml;ngerschaft im Speziellen, ebenfalls im DeutschlandTREND vom April 2012. Infratest dimap legte dabei das &#8222;Links-Rechts-Schema&#8221; zugrunde, bei dem die Links-Rechts-Einstufung auf einer Skala von 1 &#8222;links&#8221; bis 11 &#8222;rechts&#8221; f&uuml;r insgesamt sieben Parteien (die f&uuml;nf im Bundestag vertretenen Partei-en, wobei CDU und CSU gemeinsam erhoben werden zuz&uuml;glich NPD und Piraten) vorgenommen wird. Die Piratenpartei wird durch die W&auml;hler mit 4,6 dem linken Parteienspektrum zugeordnet, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gr&uuml;nen. Die Anh&auml;nger der Piratenpartei verorten die Partei dagegen mit 5,2 genau auf der durchschnittlichen Selbsteinstufung der Gesamtbev&ouml;lkerung und sich mit 5,1 in unmittelbarer Nachbarschaft dazu. Nur ein Drittel der von Infratest dimap Befragten wollte im April 2012 den Piraten eine dauerhafte Rolle im bundesdeutschen parlamentarischen System zugestehen. Knapp zwei Drittel hielten die Partei f&uuml;r eine Zeiterscheinung. Bei den Piraten-Anh&auml;ngern ist dieses Quorum naturgem&auml;&szlig; spiegelverkehrt. Immerhin 36 Prozent der Piraten-Anh&auml;nger glaubten freilich nicht an einen dauerhaften Wahlerfolg der eigenen Partei. Von den Anh&auml;ngern der anderen etablierten Parteien waren im Fr&uuml;hjahr des Jahres diejenigen der LINKEN mit 57 Prozent am wenigsten bereit, die Piraten als eine parlamentarische Zeiterscheinung zu sehen. Die Anh&auml;nger von SPD und CDU waren sich mit 67 Prozent bzw. 68 Prozent diesbez&uuml;glich deutlich sicherer.<\/p>\n<p>Gew&auml;hlt und nicht gew&auml;hlt wird eine Partei auf der Basis der Vorstellungen, die die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler sich &uuml;ber die Partei machen. Vorstellungen &uuml;ber eine Partei entwickeln sich selten in Kenntnis der Programmatik einer Partei. Viel wichtiger ist die Vorstellung dar&uuml;ber, &#8222;wof&uuml;r eine Partei steht&#8221;, sind ihr Habitus, ihre Kultur und ihre Werte. Weiter spielt eine bedeutsame Rolle, welches Verh&auml;ltnis die Partei zu den anderen Parteien einnimmt und welche positiven, negativen, ver&auml;rgerten oder anpassenden Reaktionen der anderen Parteien auf einen Erfolg der Partei erwartet oder erhofft wer-den. Schlie&szlig;lich spielen bei der Wahlentscheidung vor der Kenntnis der Programmatikdie Annahmen und Vorstellungen dar&uuml;ber eine Rolle, ob die Partei in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, im Alltag geerdet ist und realit&auml;tstaugliche Angebote hat, bei denen man sich vorstellen kann, &#8222;dabei&#8221; zu sein.<\/p>\n<p>Dass die Piratenpartei zu vielen Themen keine Position oder mehrere Meinungen hatte war zwar in den Augen der politischen Konkurrenz ein Makel, in den Augen der B&uuml;rger stellte dies jedoch kein Manko dar, sondern die programmatische Offenheit, die den etablierten Parteien als Taktik ausgelegt worden w&auml;re, wurde als Alternative zu den fertigen politischen Men&uuml;s der anderen Parteien wertgesch&auml;tzt. Wer Partizipation sch&auml;tzt, sah in den Piraten die Option, Politik als offenen Prozess zu gestalten.<\/p>\n<p>Die Erfolge der Piratenpartei k&ouml;nnen insoweit als das Bed&uuml;rfnis in Teilen der W&auml;hlerschaft gelesen werden, Bewegung im politischen Feld zu erzeugen. Die Partei in den Landtag und im Herbst n&auml;chsten Jahres vielleicht in den Bundestag zu bringen ist bereits die entscheidende Ver&auml;nderung; weil sie neu ist und weil die anderen Parteien gezwungen sind, auf diese neue Option zu reagieren. Dass die Piratenpartei bis zur NRW-Wahl rot-gr&uuml;ne Optionen eher verschlechterte, machte sie in den Augen der Mitte-Links-Parteien zum &#8222;Steigb&uuml;gelhalter der Union&#8221;, wenn auch ohne Vorsatz. In den Augen der Piratenanh&auml;nger stellte dies keinen Nachteil dar, erscheinen die erstarrten, bekannten, ausrechenbaren Konstellationen und Optionen zwischen den parlamentarisch etablierten Parteien doch als ausgereizt. F&uuml;r diese Rolle der neuen Partei braucht es weder umfangreiche Programme noch kompetentes Personal. Ihre Wahl als einen &#8222;Denkzettel&#8221; an die anderen Parteien zu verstehen &#8212; als Abschiedsgru&szlig; ohne R&uuml;ckfahrkarte trifft die Motivation deshalb vermutlich besser als Etiketten wie &#8222;Protestwahl&#8221;, mit der die Zustimmung zu jeder neuen Partei simplifiziert wird oder das den fr&uuml;hen Gr&uuml;nen entlehnte Motto der &#8222;Anti-Parteien-Partei&#8221;,<br \/>Das Bed&uuml;rfnis nach einer Ver&auml;nderung scheint in der Gesellschaft, zumal bei den unter 40 j&auml;hrigen, weit verbreitet und gepr&auml;gt von ideologischer Richtungslosigkeit im klassischen Sinn. Dr&uuml;ckte sich zuvor die Auffassung, dass es so, wie es ist, nicht weitergehen kann, in der Wahl von Parteien auf den Polen &#8222;Markt\/Individuum&#8221; (FDP) oder &#8222;Staat\/Gesellschaft&#8221; (DIE LINKE) aus, so steht die Wahlentscheidung f&uuml;r die Piraten gegen die Abschottung des politischen Systems vom Alltag, gegen das &#8222;Politsprech&#8221;, f&uuml;r die Freiheit des Individuums und f&uuml;r gesellschaftliche, gemeinschaftliche Einrichtungen (Kahrs 2012: 1).<\/p>\n<p>Das wirft die Frage nach den gesellschaftlichen Konfliktlinien, nach den blockierten Entwicklungspfaden auf, auf die durch die Wahl der Piraten aufmerksam gemacht werden soll. Schaut man auf die Themen, die mit den Piraten seit ihrer Gr&uuml;ndung verbunden werden, so handelt es sich um gro&szlig;e Themen wie Eigentum, Rechte des Individuums, Rechte der Produzenten und B&uuml;rger in einer technologisch radikal ver&auml;nderten Produktionsweise. In der Betonung und Voraussetzung von Gemeineigent&uuml;mern und der Priorisierung sozialer Gerechtigkeit als wesentliches wahlentscheidendes Motiv, kann die Piratenpartei als Wiedergeburt des Sozialliberalismus unter neuen gesellscha$-lichen Bedingungen betrachtet werden. Dieser Sozialliberalismus w&auml;re insoweit ein m&ouml;gliches &#8222;Abfallprodukt&#8221; der Legitimationskrise des Neoliberalismus, eine Antwort auf seine &raquo;Ausw&uuml;chse&laquo;: die Entdemokratisierung und &Ouml;konomisierung bzw, das uneingel&ouml;ste Versprechen entfalteter Individualit&auml;t. Ein Ausbruch aus der scheinbaren Alternativlosigkeit von &#8222;Markt versus Staat&#8221;<\/p>\n<p>(Kahrs 2011: 5).<\/p>\n<h5><span id=\"die-piraten-eine-eintagsfliege\">Die Piraten &ndash; eine Eintags&shy;fliege?<\/span><\/h5>\n<p>Meinen die etablierten Parteien, durch die Benennung netzpolitischer Sprecher in den Parlamenten und die Einf&uuml;hrung internetbasierter Mitbestimmungsinstrumente den Bed&uuml;rfnissen, die sich in der Wahl der Piratenpartei ausdr&uuml;cken, Rechnung zu tragen, liegen sie falsch. Die Piraten repr&auml;sentierten derzeit eine soziale Schicht, die sich in den Personen und Themen der anderen Parteien nicht wiedererkennt, weil sie quer zum Mainstream liegt &#8211; und keinen Grund (mehr) sieht, sich unter denen f&uuml;r das kleinere &Uuml;bel zu entscheiden. Hier geht es nicht um Forderungen und Interessen, sondern um Werthaltungen, um Einstellungen und Habitus, um kulturelle Codes.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig geht es um die Eigentumsfrage in neuer Gestalt, nicht weil der Kapitalismus am Ende ist, sondern weil sich die technologische Struktur der Wertsch&ouml;pfung und der Gesellschaft radikal ver&auml;ndert hat, weil etwa neue technologisch gest&uuml;tzte Produktions-, Distributions- und Konsumweisen entstanden sind, die die Eigentumsfrage in neuer Gestalt akut machen.<\/p>\n<p>Dies f&uuml;hrt uns gleichwohl zu einer Frage, die derzeit nur spekulativ beantwortet werden kann: Ist der Hype um die Piraten-Partei zu Ende oder handelt es sich nur um eine Flaute? Viel wird davon abh&auml;ngen, wie die Piraten-Partei bei der Niedersachsen-Wahl am Beginn des Jahres 2013 und im Herbst bei der Bundestagswahl abschneiden wird. Sollten die Piraten auch diese Parlamente entern, d&uuml;rften sie das Parteien- und politische System der Bundesrepublik auch in den kommenden Jahren pr&auml;gen. Scheitern sie freilich im Wahljahr 2013, k&ouml;nnte der Hype im sukzessiven Abrutschen in den Rang einer Splitterpartei, die von herabgesenkten H&uuml;rden beim Parlamentseinzug, wie z. B. dem Europa-Parlament, profitiert.<\/p>\n<p>So oder so haben die Piraten freilich bereits heute die politische Kommunikation und damit das politische System ver&auml;ndert. Diese Erfahrung werden die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler, deren ad&auml;quater Ausdruck derzeit die Piraten darstellen, nicht vergessen. Nicht auszuschlie&szlig;en, dass in absehbarer Zeit eine andere parteif&ouml;rmige H&uuml;lle dieses Spektrum repr&auml;sentiert &#8211; solange oder weil die etablierten Parteien dazu grunds&auml;tzlich nicht in der Lage sind.<\/p>\n<p>[1] Eine Auswahl: Bartels, H. 2009, Die Piratenpartei: Entstehung, Forderungen und Perspektiven der Bewegung, Contumax-Verlag; Zolleis, U.\/Prokopf, S.\/Strauch, F. 2010, Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?, aktuelle analysen Nr. 55, hrsg. von der Hanns-Seidel-Stiftung; H&auml;usler, M. 2011, Die Piratenpartei &#8211; Freiheit, die wir meinen &#8211; Neue Gesichter f&uuml;r die Politik, Scorpio-Verlag; Schilbach, F. 2011, Die Piratenpartei: Alles klar zum Entern?, bloomsbury; Wilde, A: L. 2011; Piraten ahoi: Warum junge Menschen die Piratenpartei entern, BWV-Verlag; Niedermayer, 0. 2012 (i.E.), Die Piratenpartei, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Emmer, M.\/Vowe, G. 2004: Mobilisierung durch das Internet? Ergebnisse einer empirischen L&auml;ngsschnittuntersuchung zum Einfluss des Intemets auf die politische Kommunikation der B&uuml;rger, in: Politische Vierteljahresschrift, 45. Jahrgang, Heft 2, 5.191&#8211;212.<br \/>Grunwald, A. et a12006: Netz&ouml;ffentlichkeit und digitale Demokratie. Tendenzen politischer Kommunikation, Studien des B&uuml;ros f&uuml;r Technikfolgen-Absch&auml;tzung beim Deutschen Bundestag, Nr. 18, Berlin.<br \/>Kahrs, H 2O12: Die W&auml;hler\/-innenschaft der Piratenpartei, in: Hoff, B.-IJders., Die Piratenpartei nach der Wahl zwischen Rhein und Ruhr &#8211; Themenausgabe des Wahlnachtberichts zur Landtagswahl in NRW, Berlin.<br \/>Krempl, S. 2012: Gr&uuml;ne pl&auml;dieren f&uuml;r Abr&uuml;stung im Streit ums Urheberrecht, in: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.heise.de\/<\/a> newsticker\/meldung\/Gruene-plaedieren -fuer-Abruestungim-Streit-ums-Urheberrecht 1697191. html.<br \/>Lueke, F. 2012: Enquete-Kommission: Parlamentarier stellen sich ein gutes Zeugnis aus, in: http a\/www.heise,de\/newsticker\/meldung\/Enquete-Kommission-Parlamentarier-stellen-sich-gutes-Zeugnis -aus-1417975.html,<br \/>Neugebauer, G. 2007, Politische Milieus in Deutschland, Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Verlag JHW. Dietz Nachf., Bonn.<br \/>Rutz, C. 2011: Zwischenfazit: Adhocracy im Bundestag, in: httpa\/politik-digital.de\/zwischenfazit adhocracy-im-bundestag\/.<br \/>Zolleis U.\/Prokopf, S.\/Strauch, F. 2010, Die Piratenpartei. Hype oder Herausforderung f&uuml;r die deutsche Parteienlandschaft?, aktuelle analysen Nr. 55, hrsg. von der Hanns-Seidel-Stiftung, M&uuml;nchen.<br \/>Zschunke, P. 2011: Internet-Enquete des Bundestages unter Erfolgsdruck, in: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.heise.de\/<\/a> newsticker\/meldung\/Internet-Enquetetles -Bundestags-unter-Erfolgsdruck-13 61414. htm1.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2112],"publikationen":[2830],"class_list":["post-11699","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-bennjamin-immanuel-hoff","publikationen-200-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Piraten-Wiedergeburt der Sozialliberalismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/200-vorgaenge\/publikation\/die-piraten-wiedergeburt-der-sozialliberalismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Piraten-Wiedergeburt der Sozialliberalismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg&auml;nge 200 ( Heft 4\/2012), S.43-53 &#8222;Guten Morgen. 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