{"id":11709,"date":"2012-09-15T23:00:00","date_gmt":"2012-09-15T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-18\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:29","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:29","slug":"editorial-18","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/editorial-18\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>in: vorg&auml;nge 199 (Heft III \/ 2012), S. 1ff.<\/p>\n<p>Kaum ein politischer Begriff hat in den letzten Jahrzehnten eine vergleichbare Karriere zu verzeichnen, wie die Partizipation. Einst von den Neuen Sozialen Bewegungen gegen einen Politikbetrieb erstritten, der dergleichen noch als ungebetene Einmischung in seine inneren Angelegenheiten begriff, wird sie mittlerweile von links bis rechts allseits begr&uuml;&szlig;t als Fortentwicklung der demokratischen Gesellschaft und als probates Mittel gegen die Sklerose des repr&auml;sentativen Systems. Sie ist fester Bestandteil der Governance in der Europ&auml;ischen Union wie in den Systemen globalen Regierens. Auf nationaler Ebene sind gr&ouml;&szlig;ere Projekte ohne Mitsprache und -entscheidung der B&uuml;rger kaum mehr vorstellbar und die Piraten feiern Erfolge mit dem Versprechen, deren Teilhabe auf neuen, digitalen Wege zu mehren.<\/p>\n<p>Doch in dem Ma&szlig;e, wie sich die Partizipation etabliert, r&uuml;cken auch ihre Ambivalenzen in den Blick. So verdeckt das &#8222;Mehr Demokratie&#8221;, mit&#8217;dem f&uuml;r direkte Formen der Volksbeteiligung geworben wird, dass sie in einem legitimatorisch nicht unproblematischen Verh&auml;ltnis zur repr&auml;sentativen Willensbildung stehen. Auch wird deutlich, dass die direkte Beteiligung der B&uuml;rger eine sozial voraussetzungsvolle Angelegenheit ist und dass die Erfolgschancen durchaus von dem sozialen Kapital des Engagierten ab-h&auml;ngen. Und dieses ist nicht gleich verteilt. Offen ist auch, inwieweit das &#8222;Mehr Demokratie&#8221; die Defizite der etablierten Repr&auml;sentation tats&auml;chlich abbaut, die den Ruf danach einst haben laut werden lassen. Mit Blick auf die supranationalen Ebenen lie&szlig;e sich eher von einer Kompensation sprechen und das Krankheitsbild &#8222;Postdemokratie&#8221;, das seit einigen Jahren diagnostiziert wird, zeugt zumindest von einer gewissen Resistenz des repr&auml;sentativen Systems gegen direktdemokratische Kuren. Dies soll nun kein Pl&auml;doyer gegen Partizipation sein, sondern die Analyse dieser Ambivalenzen soll den Blick &ouml;ffnen f&uuml;r gangbare Pfade einer Demokratisierung der Demokratie.<\/p>\n<p><i>Thomas Zittel <\/i>wendet sich gegen die unbesehene Propagierung direkter Demokratie als Heilmittel gegen die M&auml;ngel repr&auml;sentativer Demokratie. Aus liberaldemokratischer Sicht gehe ein Mehr an Partizipation mit einer Verringerung der Probleml&ouml;sungskompetenz einher, zudem sinke mit der Gr&ouml;&szlig;e des Gemeinwesens die Effizienz der Partizipation. Gleichwohl erh&ouml;he Partizipation die soziale Bindungskraft der Demokratie. Um dieses Moment zur Geltung zu bringen, k&ouml;nnen sowohl Formen der Mehrebenenpolitik als auch eine Ausweitung der Partizipation in den Bereich der &Ouml;konomie dienen.<\/p>\n<p><i>Hans Meyer <\/i>spricht sich f&uuml;r die Einf&uuml;hrung direktdemokratischer Beteiligungsformen auch auf Bundesebene aus. Das Grundgesetz er&ouml;ffne diese M&ouml;glichkeit, die eine sinnvolle Erg&auml;nzung des repr&auml;sentativen Systems darstelle. Die Einf&uuml;hrung sollte wegen m&ouml;glicher Unw&auml;gbarkeiten eine Experimentierphase durchlaufen.<\/p>\n<p><i>Frank Decker<\/i> spricht sich gegen direktdemokratische Gesetzgebungsinitiativen auf Bundesebene aus, da sie das Alternierungsprinzip des parlamentarischen Systems st&ouml;ren, indem sie der Opposition die M&ouml;glichkeit an die Hand geben, die Regierungspolitik zu konterkarieren. Auch l&auml;sst sich das plebiszit&auml;re Votum nicht mit der Rolle des Bundesrates im f&ouml;deralen System vereinen.<\/p>\n<p><i>Manfred G&uuml;llner<\/i> klopft die neuen Formen der Partizipation auf ihren empirischen Gehalt ab und kommt zu dem Ergebnis, dass dem damit verbundenen Versprechen eines Mehr an Demokratie ein Weniger an realer Beteiligung gegen&uuml;bersteht.<\/p>\n<p><i>Sebastian B&ouml;deker<\/i> legt dar, dass politische Teilhabe im hohen Ma&szlig;e abh&auml;ngig vom sozialen Status ist. Je h&ouml;her Einkommen und Bildung, desto wahrscheinlicher ist eine Beteiligung an und Ber&uuml;cksichtigung in politischen Entscheidungsprozessen. Das zentrale Versprechen der Demokratie, welches im Ideal politischer Gleichheit zum Aus-druck kommt, bleibt damit uneingel&ouml;st. Soziale Ungleichheit ist nicht nur ein &ouml;konomisches Verteilungs-, sondern ein Legitimationsproblem repr&auml;sentativer Demokratien.<\/p>\n<p>F&uuml;r <i>Michael Th. Greven <\/i>steht es schlecht um die Perspektive einer partizipativen Demokratieentwicklung der EU. Es fehle eine ausdr&uuml;cklich f&uuml;r die demokratische Vertiefung der EU k&auml;mpfende transnationale Bewegung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern und die mit dem Lissabon-Vertrag er&ouml;ffneten partizipativen M&ouml;glichkeiten sind nicht dazu angetan, sie zu bef&ouml;rdern.<\/p>\n<p><i>Beate Kahler-Koch<\/i> analysiert die M&ouml;glichkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements auf europ&auml;ischer Ebene. Zwar sei in Br&uuml;ssel eine Pluralisierung der Interessensgruppen und Meinungen festzustellen, demokratische Partizipation sei damit aber nicht erreicht, denn es fehle die R&uuml;ckbindung an den B&uuml;rger. Die vorgegebenen Formen der Partizipation bef&ouml;rdern zudem eine Zentralisierung der Entscheidungen.<\/p>\n<p><i>Rudolf Steinberg<\/i> setzt sich mit den Potenzialen direktdemokratischer Verfahren bei Gro&szlig;projekten auseinander und kommt zu dem Ergebnis, dass bei der Zulassung derartiger Vorhaben die Durchf&uuml;hrung von mediativen Dialogen einen besseren Weg sei, als Verfahren der direkten Demokratie. Dabei muss die Beteiligung der B&uuml;rger fr&uuml;hzeitig, umfassend und Projekt begleitend sein. Volksentscheide h&auml;lt er hingegen nicht nur f&uuml;r zul&auml;ssig, sondern f&uuml;r unabdingbar bei der Ver&auml;nderung der Verfassung.<\/p>\n<p><i>Thomas Wagner <\/i>erkennt in dem von Bundeskanzlerin Angela Merkel praktizierten B&uuml;rgerdialog weniger ein Mehr an Partizipation als vielmehr eine mit partizipatorischen Floskeln aufgepeppte moderne Version des Bonapartismus.<\/p>\n<p>In Erinnerung an unser in Juli verstorbenes Redaktionsmitglied <i>Michael Th. Greven<\/i>, ver&ouml;ffentlichen wir einen Aufsatz &uuml;ber Demokratie und Moderne, in dem seine wirklichkeitswissenschaftliche Skepsis, was deren Zustand betrifft, exemplarisch zum Aus-<br \/>druck kommt. Die Realit&auml;t der politischen Herrschaft in Deutschland, so sein Fazit, wird dem Begriff nicht mehr gerecht.<\/p>\n<p>In seiner Erwiderung h&auml;lt <i>Markus Linden Greven <\/i>vor, keine normativ anspruchsvolle Fortschreibung des Begriffs der Demokratie zu versuchen. Statt an einem identit&auml;ren Volksbegriff festzuhalten, w&auml;re es sinnvoller, Mehrheitsbildung, Repr&auml;sentation und Partizipation als Elemente einer angemessene Weise der politischen Willensbildung einer sich in jeder Hinsicht pluralisierenden Gesellschaft zu begreifen.<\/p>\n<p><i>Kurt Lenk<\/i> durchforstet in seinem Essay das Lebenswerk Michael Th. Greven nach den Leitmotiven seines Denkens und st&ouml;&szlig;t dabei auf eine Galerie bundesrepublikanischer Geistesgr&ouml;&szlig;en, von Theodor W. Adorno bis Peter Weiss.<\/p>\n<p><i>Armin Pfahl-Traughber <\/i>pl&auml;diert in der Auseinandersetzung um die Beschneidung Neugeborener f&uuml;r einen pragmatischen Umgang. So w&uuml;rde es den Vorgaben der Bibel entsprechen, wenn dieser Akt nur symbolisch vorgenommen w&uuml;rde, zugleich k&ouml;nne, mit R&uuml;cksicht auf die freie Religionsaus&uuml;bung das vorrangige Recht auf k&ouml;rperliche Unversehrtheit zur&uuml;ckstehen, sofern &auml;rztliche Standards gewahrt werden.<\/p>\n<p>Ich w&uuml;nsche Ihnen zu dieser Ausgabe der <i>vorg&auml;nge<\/i> eine anregende Lekt&uuml;re.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n<p>Vorschau auf Heft 200 (4\/2012): Digitale Demokratie<br \/>Digitale Demokratie ist sp&auml;testens mit den Wahlsiegen der &#8222;Piraten&#8221; in das Bewusstsein einer breiteren &Ouml;ffentlichkeit ger&uuml;ckt. Doch weist das Teilhabe-Potenzial, das sich mit dem Internet er&ouml;ffnet, weit &uuml;ber diese Partei hinaus und hat sp&auml;testens mit Facebook ei-ne globale Dimension erreicht. Die rasante Entwicklung des Internets basiert auf der offenen Netzstruktur, die sich bislang gegen Versuche des hierarchischen Regierens weit-gehend behaupten konnte. Doch sieht diese sich verst&auml;rktem Regulierungs-Begehren diverser Staaten ausgesetzt. Zugleich hat die digitale Entwicklung neue Formen des Missbrauchs gezeitigt, die die Frage nach rechtlichen Regeln dringlicher werden lassen. Ab der vorliegenden Ausgabe 3\/2012 werden die vorg&auml;nge im Eigenverlag der Humanistischen Union erscheinen. An den Preisen und Lieferbedingungen wird sich dadurch nichts &auml;ndern. Bestellungen sind ab sofort an die neue Adresse zu richten.<br \/>Heftbestellungen an: Humanistische Union Stichwort: vorg&auml;nge, Haus der Demokratie, Greifswalder Stra&szlig;e 4, 10405 Berlin<br \/>Tel.: 030\/20450256, Fax: 030\/20450257, E-Mail: <a href=\"mailto:service%40humanistische-union%2Cde\">service@humanistische-union,de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[1441],"class_list":["post-11709","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-199-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/editorial-18\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"in: vorg&auml;nge 199 (Heft III \/ 2012), S. 1ff. 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