{"id":11718,"date":"2012-09-15T12:00:00","date_gmt":"2012-09-15T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/einbinden-legitimieren-dialogisieren\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:29","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:29","slug":"einbinden-legitimieren-dialogisieren","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/einbinden-legitimieren-dialogisieren\/","title":{"rendered":"Einbinden &#8211; legitimieren &#8211; dialogisieren"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 199 (Heft 3\/2012), S. 84-91<\/p>\n<h5><span id=\"am-horizont-des-begriffs-der-partizipation-seinem-aeussersten-rand-steht-der-der-kollaboration-eyal-weizmann1\"><em>&bdquo;Am Horizont des Begriffs der Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion &ndash; seinem &auml;u&szlig;ersten Rand &ndash; steht der der Kolla&shy;bo&shy;ra&shy;tion.&ldquo; Eyal Weizmann[1]<\/em><\/span><\/h5>\n<p>Lange Zeit erscholl der Ruf nach mehr B&uuml;rgerbeteiligung vornehmlich aus den linken, fortschrittlichen und alternativen Milieus der Bundesrepublik Deutschland. W&auml;hrend B&uuml;rgerinitiativen, Bewegungsaktivisten und Radikaldemokraten mehr direkte Demokratie wagen wollten, waren die etablierten Kr&auml;fte in Wirtschaft, Staat und Parteipolitik allenfalls zu eng begrenzten Experimenten bereit. Das hat sich mittlerweile ge&auml;ndert. Angesichts zunehmender Parteienverdrossenheit, abnehmenden Vertrauens in herk&ouml;mmliche Formen politischer Repr&auml;sentation und angesichts der Tatsache, dass sich die Aktivisten von B&uuml;rgerprotesten heute auch aus der von den Unionsparteien als W&auml;hlerreservoir beanspruchten &#8222;Mitte&#8220; der Gesellschaft rekrutieren, erscheinen neue Beteiligungsformen nun vermehrt auch gestandenen Konservativen als geeignetes Mittel &#8222;guten Regierens&#8220; (vgl. Wagner 2012a und 2012c). W&auml;hrend Protestierende in fr&uuml;heren Jahren vornehmlich ausgegrenzt, als Chaoten diffamiert und kriminalisiert wurden, um die herrschenden Macht-und Eigentumsverh&auml;ltnisse zu sch&uuml;tzen, will man sie nun vermehrt durch neue Dialog-und Mediationsverfahren aktiv einbinden.<\/p>\n<p>In dieser Sichtweise erscheint B&uuml;rgerbeteiligung in erster Linie als Akzeptanzmanagement, als der Versuch, politisch schwer kalkulierbare Konfrontationen zwischen B&uuml;rgern und der Staatsgewalt zu vermeiden und das Widerstandspotential betroffener B&uuml;rger zu neutralisieren. Protest soll in Diskussion verwandelt und auf diese Weise entsch&auml;rft werden. Als Konsequenz aus den heftigen Auseinandersetzungen um das Bahnprojekt Stuttgart 21 machten beispielsweise Verkehrsminister Peter Ramsauer und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (beide CSU) im M&auml;rz 2012 eine Reihe von Vorschl&auml;gen, wie gro&szlig;e Bauvorhaben k&uuml;nftig durch die fr&uuml;hzeitige Beteiligung potenzieller Widerstandsakteure zu beschleunigen w&auml;ren. Man hofft, kostspieligen Protesten vorzubeugen, indem &#8222;aus Betroffenen Beteiligte werden.&#8220;[2]Bereits im Februar hatte es einen Kabinettsbeschluss gegeben, der entsprechende Empfehlungen an die Tr&auml;ger solcher Projekte enthielt.[3] Die administrativen F&uuml;rsprecher der B&uuml;rgerbeteiligung nehmen an, dass die Zustimmung f&uuml;r eine Entscheidung steigt, wenn das zugrunde liegende Verfahren als fair betrachtet wird. Dialog-und Mediationsverfahren sollen dabei helfen, das Vertrauen der B&uuml;rger in Verwaltung und in die Politik zu steigern. Im von der Administration gew&uuml;nschten Idealfall wird aus einer Protesthaltung dann ein aktives Mittun der B&uuml;rger am jeweils anstehenden Herrschaftsprojekt.<\/p>\n<h5><span id=\"merkels-zukunftsdialog\">Merkels Zukunfts&shy;di&shy;alog <\/span><\/h5>\n<p>Mit ihrem im Fr&uuml;hjahr 2012 begonnenen &#8222;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&#8220; hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Installierung von neuen M&ouml;glichkeiten der B&uuml;rgerbeteiligung in das liberalkonservative Modernisierungsprojekt deshalb sogar zur Chefsache gemacht. Im Grunde sei das Thema B&uuml;rgerbeteiligung eine &#8222;Leitmelodie des B&uuml;rgerdialogs&#8220; (Merkel 2012, S. 32) schreibt Christoph Schlegel,[4] der von der Bundeskanzlerin beauftragte Autor des noch vor dem offiziellen Beginn des Bundestagswahlkampfs erschienenen und von Angela Merkel selbst herausgegebenen Begleitbuchs &#8222;Dialog &uuml;ber Deutschlands Zukunft&#8220;: &#8222;Eineinhalb Jahre lang haben sie im Kanzleramt das Format vorbereitet, seit Fr&uuml;hsommer 2012. Sie wollten einen neuen politischen Stil ausprobieren: Das Internet, das unsere Gesellschaft radikal demokratisiert und das jedem die Gelegenheit gibt, seine Meinung kundzutun, sollte in die Politik integriert werden. Die Kanzlerin hatte den Auftrag erteilt, die B&uuml;rger mehr als bislang einzubinden. Die Menschen sollten die M&ouml;glichkeit bekommen, sich aktiv an der Bundespolitik zu beteiligen. Was in der Lokalpolitik leichter m&ouml;glich ist, sollte auf diesem Wege auch in der Bundespolitik versucht werden.&#8220;<br \/>(ebd., S. 26)<\/p>\n<p>Der Zukunftsdialog basierte auf Gespr&auml;chen mit 128 Experten, die sich zu thematischen Arbeitsgruppen zusammengefunden hatten sowie verschiedenen M&ouml;glichkeiten einer direkten Beteiligung der ganz normalen B&uuml;rger. Diese konnten sich auf einer eigens eingerichteten Internetseite mit eigenen Vorschl&auml;gen und Kommentaren einbringen. Eine kleine Anzahl von ihnen erhielt dann im Rahmen von zun&auml;chst drei B&uuml;rgergespr&auml;chen die Gelegenheit, der Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal die Meinung zu sagen. Mit im Boot sa&szlig;en die Bertelsmann-Stiftung und der Volkshochschulverband, der nach drei vorangegangenen Veranstaltungen der Bundesregierung im Juni einen vierten B&uuml;rgerdialog mit der Kanzlerin in Berlin organisierte. Im Mittelpunkt dieses B&uuml;rgerdialogs standen drei Fragenkomplexe: Wie wollen wir zusammenleben und denen helfen, die noch am Rande stehen? Wie sichern wir unseren Wohlstand? Wie lernen wir als Gesellschaft? Gute Ideen, so lie&szlig; sich Merkel vernehmen, werde sie an die zust&auml;ndigen Ministerien weiterleiten. Das Kanzleramt wolle auf diese Weise &#8222;Partizipation konkret machen.&#8220;(ebd., S. 27)<\/p>\n<p>Die Dialoginszenierung in der Regie des Kanzleramts war freilich alles andere als ein Fortschritt in Sachen Demokratie. Beobachter hinterfragten, ob durch die Initiative der CDU-Politikerin die notwendige Trennung von Partei-und Regierungsarbeit gewahrt bliebe oder der zu erwartete Ideen-Input den vom Kanzleramt betriebenen Aufwand und dem damit verbundenen Einsatz von Steuergeldern rechtfertigen k&ouml;nne. Schwerer wiegt der Einwand, dass die B&uuml;rgerbeteiligung nur simuliert war. Beim ersten B&uuml;rgergespr&auml;ch in Erfurt nahm sich die Kanzlerin knappe 90 Minuten Zeit f&uuml;r die Vorschl&auml;ge von 100 ausgew&auml;hlten B&uuml;rgern. Die organisierten Vertreter der Interessen abh&auml;ngig Besch&auml;ftigter und kapitalismuskritische oder explizit linksorientierte Vereine, Netzwerke und B&uuml;ndnisse blieben bei alldem deutlich unterrepr&auml;sentiert oder g&auml;nzlich au&szlig;en vor. &#8222;Der Zukunftsdialog findet au&szlig;erhalb &uuml;blicher politischer Strukturen und Zeitpl&auml;ne statt. Er findet auch nicht zwischen den &uuml;blichen Akteuren in Ministerien, Parlamentsaussch&uuml;ssen und Verb&auml;nden statt&#8220; (ebd., S. 9), schreibt Angela Merkel in ihrem Vorwort. Die Inszenierung eines unmittelbaren Dialogs zwischen Kanzlerin, Experten und B&uuml;rgern betont die vermeintlich &uuml;berparteiliche Volksn&auml;he Merkels.<\/p>\n<p>Der f&uuml;r die Demokratieauffassung der alten Bundesrepublik konstitutive Pluralismus organisierter Interessen, der auch den in Gewerkschaften, eigenen Vereinen und Parteien zusammengeschlossenen Arbeitern eine nicht zu ignorierende Machtposition einr&auml;umte, ist f&uuml;r sie offensichtlich kein zukunftsf&auml;higes Politikmodell mehr. Wenn auch weiterhin &#8222;viele Entscheidungen in der Hand der Politik, im Parlament und in der Regierung, liegen&#8220; (ebd.) w&uuml;rden, so die Kanzlerin, br&auml;uchte es doch &#8222;neue Wege, um zu diesen Entscheidungen zu kommen.&#8220; (ebd.) Dass sei n&ouml;tiger denn je, denn &#8222;zu vielschichtig sind die Entwicklungen unserer Zeit, zu vernetzt ist die Welt, zu anspruchsvoll sind die Aufgaben.&#8220; (ebd.) Augenscheinlich hat die Rede von der zunehmenden Komplexit&auml;t hier die Funktion, die Zur&uuml;cksetzung des Parlaments und der organisierten Interessengruppen zu rechtfertigen. Die Kanzlerin erscheint als direkter Ansprechpartner der B&uuml;rger, nicht als Vertreterin irgendwelcher Interessen, eines Parteiprogramms oder einer Weltanschauung. &#8222;Was h&auml;ngen bleibt ist: Da ist ein Mensch&#8220;, fasste J&ouml;rg Dr&auml;ger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, die ihm offensichtlich willkommene Wirkung der Auftritte der Kanzlerin im Rahmen des B&uuml;rgerdialogs zusammen.<\/p>\n<h5><span id=\"bonapartistische-inszenierung\">Bonapar&shy;tis&shy;ti&shy;sche Insze&shy;nie&shy;rung <\/span><\/h5>\n<p>Das Dialogverfahren erinnert mehr an monarchische oder pr&auml;sidentiale Inszenierungen von B&uuml;rgern&auml;he als an wirkliche Partizipation. &#8222;Es agiert die Kanzlerin pers&ouml;nlich; gelegentlich tritt sie bei den Expertenrunden auf, zuh&ouml;rend, fragend, kommentierend, bis sie, klar, schnell nach Br&uuml;ssel muss und anderswohin in den politischen Alltag. Minister spielen bei all dem keine Rolle. Es dialogisiert das Unikat Merkel. Als w&auml;re sie die Pr&auml;sidentin des Landes &#8211; oder die Generalsekret&auml;rin&#8220;, kritisierte Franz M&uuml;ntefering in der S&uuml;ddeutschen Zeitung (28.08.2012). Die von dem SPD-Politiker in diesem Zusammenhang beanstandete Umgehung des Parlaments macht f&uuml;r die konservative Publizistin Gertrud H&ouml;hler einen Kernbestandteil des von ihr als &#8222;System M&#8220; bezeichneten Machtsystem Merkels aus, dessen &uuml;berparteiliche Ausrichtung mit einem geh&ouml;rigen Ma&szlig; an Demokratieverlust und Machtzentralisierung einhergehe: &#8222;F&uuml;r die Kanzlerin Merkel ist schon l&auml;nger nicht mehr relevant, mit welcher Partei sie an die Spitze der Regierung gelangt; ihr Nachhaltigkeitkonzept f&uuml;r ihre Politkarriere ist die schleichende Entmachtung der &uuml;brigen Parteien.&#8220; (H&ouml;hler 2012, S. 129)<\/p>\n<p>Die &uuml;berparteiliche Pose, der zur Schau gestellte Pragmatismus vermeintlicher Volksn&auml;he bedeutet nicht mehr Demokratie, sondern ist die mit partizipatorischen Floskeln aufgepeppte moderne Version einer im 19. Jahrhundert etablierten Herrschaftstechnik, die Elemente der Demokratie und der Diktatur zu mischen verstand. Gemeint ist der Bonapartismus. In seiner klassischen Form wurde er als Mischung repressiver und plebiszit&auml;rer Elemente im franz&ouml;sischen Zweiten Kaiserreich (1852-70) von Louis Napol&eacute;on (Napoleon III.) etabliert und hat danach in der Rechten viele Anh&auml;nger gefunden.<\/p>\n<p>&nbsp;Die Verfechter des Bonapartismus waren und sind st&auml;ndig darum bem&uuml;ht, &#8222;die Gei&szlig;el, die die Parteien sind, zu als die zu denunzieren, die sich zwischen den authentischen Volkswillen und den leader schieben, handele es sich nun um den leader des einzelnen &ouml;rtlichen Wahlkreises oder den obersten F&uuml;hrer der Nation. Diese unmittelbare Beziehung wird &#8211; immer nach der bonapartistischen Propaganda &#8211; durch das Vorhandensein organisierter Parteien verf&auml;lscht.&#8220; (Losurdo 2008, S. 369) &#8222;Wahre Demokratie besteht nur da, wo die Gewalt im Volke ruht und nicht delegiert wird&#8220; (Frantz 1990, S. 48), fasste der preu&szlig;ische Bonapartist Constantin Frantz (1817-1891) die dahinter stehende Auffassung zusammen: &#8222;Die Staatsgewalt muss die Majorit&auml;t des Volkes f&uuml;r sich haben, nicht die Majorit&auml;t eines Parlaments, sondern ich sage, die Majorit&auml;t eines Volkes, weil nur dadurch der Kollektivwille, der sich in dem Chef vereinigt, die Macht einer physischen Notwendigkeit gewinnt. Daher muss das Stimmrecht allgemein sein und soweit ausgedehnt werden, als es &uuml;berhaupt m&ouml;glich ist&#8220; (ebd., S. 61)<\/p>\n<p>F&uuml;r die dem demokratischen Zeitalter angemessene, modernisierte Spielart dieser volkszugewandten Form autorit&auml;rer Herrschaft hat der italienische Philosoph Domenico Losurdo den Ausdruck Soft-Bonapartismus gepr&auml;gt: Die Spitze der Exekutive inszeniert sich als unmittelbarer Ansprechpartner der B&uuml;rger, deren Interessen es gegen unf&auml;hige und f&uuml;r das Regierungsgesch&auml;ft entbehrlichen Funktion&auml;re aus Parteien und Gewerkschaften durchzusetzen gelte.5 Was der rechte Carl-Schmitt-Forscher und Publizist G&uuml;nter Maschke &uuml;ber den Regierungstil des Louis Napol&eacute;on schrieb &#8211; &#8222;Seine Politik mischte und konfundierte beliebig Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus&#8220; (Maschke 1993, S. 175) -, &auml;hnelt auf verbl&uuml;ffende Weise dem oft als ideologiefrei beschriebenen Regierungspragmatismus der deutschen Bundeskanzlerin. &#8222;Merkel sammelt Markenkerne anderer Parteien. Unbefangen betritt sie mit fetter Beute in den Umfragewerten die n&auml;chste Arena. (&#8230;) Was gestern noch ein Alleinstellungsmerkmal war, kann morgen schon der Kanzlerin geh&ouml;ren&#8220;, schreibt Gertrud H&ouml;hler (2012, S. 104) in ihrer viel gescholtenen, jedoch in der Beschreibung von Kernelementen des Merkelschen Regierens durchaus zutreffenden Polemik &#8222;Die Patin. Wie Angela Merkel Deutschland umbaut&#8220;.<\/p>\n<p>Merkels zur&uuml;ckhaltender, selten auftrumpfender F&uuml;hrungsstil unterst&uuml;tzt die bonapartistische Suggestion, dass einzig und allein sie selbst gew&auml;hrleisten k&ouml;nne, dass die langfristigen Interessen der Mehrheit der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber den Tag und die Legislaturperiode hinaus ber&uuml;cksichtigt werden.<\/p>\n<h5><span id=\"neoliberale-expertise\">Neoliberale Expertise <\/span><\/h5>\n<p>Die Auswahl der zahlreichen Experten, die von Merkel in das Dialogverfahren einbezogen werden, erscheint freilich wenig geeignet, diesem Anspruch zu gen&uuml;gen. Sie sind in gewisser Weise zwar &uuml;berparteilich, deswegen aber l&auml;ngst nicht unparteiisch. So wurde ausgerechnet jene Arbeitsgruppe, die neue Formen der Partizipation diskutieren sollte, von Politik-und Unternehmensberatern dominiert, die vor allem die strategische Wirkung partizipatorischer Verfahren im Auge haben und das zivilgesellschaftliche Feld im Interesse m&ouml;glichst reibungslosen Regierens umstrukturieren wollen. Die von dem Politikprofessor Oscar Gabriel geleitete Arbeitsgruppe &#8222;Chancen und Grenzen der B&uuml;rgerbeteiligung &#8220; vereint Berthold Tillmann, den ehemaligen Oberb&uuml;rgermeister von M&uuml;nster, Susanne Sander vom Deutschen Institut f&uuml;r Community Organizing (DIFCO) und Hans-Peter Meister, den Gr&uuml;nder und Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Instituts f&uuml;r Organisationskommunikation (IFOK GmbH). Die Gruppe diskutierte, &#8222;wie generell eine &#8222;kooperative Beteiligungskultur&#8220; (&#8230;) als Grundlage des Zusammenwirkens von Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung geschaffen&#8220; (Merkel 2012, S. 73) und ein &#8222;partnerschaftlicher Austausch&#8220; (ebd.) zwischen diesen Gruppen organisiert werden kann. Christina Tillmann von der bis heute den neoliberalen Ideen ihres Gr&uuml;nders Reinhard Mohn verpflichteten Bertelsmann-Stiftung[6](vgl. Wernicke\/Bultmann 2007) vertrat die Auffassung, dass die B&uuml;rger in Verwaltungsfragen mitentscheiden oder bei der Planung von Gro&szlig;projekten und auch bei Gesetzesvorhaben mitdebattieren k&ouml;nnen sollten (ebd., S. 211). &#8222;Stuttgart 21 habe gezeigt, dass Sachverhalte nicht nur unterschiedlich bewertet, sondern auch unterschiedlich wahrgenommen w&uuml;rden, so Gabriel. Deshalb ist in der Arbeitsgruppe die Idee gereift, &uuml;ber den st&auml;rkeren Einsatz von Mediatoren nachzudenken &#8211; und zu versuchen, einen konkreten Vorschlag zu formulieren, der in diese Richtung zielt. Mediatoren k&ouml;nnten als Schlichter zumindest die Wogen gl&auml;tten und eine Kompromissl&ouml;sung herbeif&uuml;hren.&#8220; (ebd., S. 89) Entwickelt wurden die elaborierten Formen der heutigen politische Mediation von einem Mitarbeiter Hans-Peter Meisters: dem Politikwissenschaftler Christopher Gohl. Bereits 1996 forderte der damals 22j&auml;hrige Kreisvorsitzenderder Jungen Liberalen den Oberb&uuml;rgermeister seiner Heimatstadt Stuttgart, Manfred Rommel, in einem offenen Brief dazu auf, die B&uuml;rger st&auml;rker an den Planungen zu dem laufenden Gro&szlig;projekt Stuttgart 21 zu beteiligen (vgl. Giesa 2011, S. 81). 2001 entwarf er das politische Leitbild einer beteiligungsorientierten B&uuml;rgergesellschaft, in der der Parteienstaat mit seinem korporatistischen Interessensausgleich durch neue politische Techniken gesellschaftlicher Abstimmung abgel&ouml;st werden soll. (vgl. Gohl 2001, S. 10) Heute leitet der in der Partizipationsszene gut vernetzte Gohl7 die Abteilung &#8222;Politische Planung, Programm&#8220; in der FDP-Parteizentrale.<\/p>\n<h5><span id=\"politische-mediation\">Politische Mediation <\/span><\/h5>\n<p>Als besonders geeignetes Mittel, um eine solche Einigung in &ouml;ffentlichen Konflikten zu erreichen, erscheinen dem FDP-Strategen die seit den sechziger Jahren zum Teil in der linken Alternativbewegung entwickelten Mediationsverfahren. Praktische Erfahrungen damit hat Christopher Gohl im IFOK-Institut gesammelt, das sich in dieser Sparte als Markf&uuml;hrer darstellt.[8] F&uuml;r seine Mediationstheorie greift er auf Erfahrungen zur&uuml;ck, die er als Projektleiter des Regionalen Dialogforums Flughafen Frankfurt gesammelt hatte.[9] Gohl entwickelte ein manipulatives Konzept der Konfliktbefriedung, das das Verh&auml;ltnis von B&uuml;rgern und Politikern durch die &#8222;Verzahnung von strategischer Steuerung und modernen Beteiligungsformen&#8220; (Gohl 2010, S. 14f) verbessen will. Sein &#8222;Modell des organisierten Dialogs&#8220; zielt darauf, dass &#8222;die regierten B&uuml;rger mehr Verst&auml;ndnis f&uuml;r die M&uuml;hen der Regulierung entwickeln, aber auch die Regierenden im Hinblick auf bessere Ergebnisse beraten.&#8220; (ebd.) Demokratie von unten und Steuerung von oben, sind scheinbar keine Gegens&auml;tze mehr, sondern werden in einem Konzept integriert, das sich vorrangig darum sorgt, wie deren Entscheidungen legitimiert und m&ouml;glichst effizient gestaltet werden k&ouml;nnen. Teilhabe der B&uuml;rger ist in der politischen Mediation kaum mehr als ein Mittel zum Zweck: eine neue, ausgefeilte Spielart sozialtechnologischer Herrschaft. Sie fingiert die Selbstorganisation der aktivierten B&uuml;rger, die aber schon deshalb keine echte Selbstbestimmung ist, weil die Waffengleichheit der Kontrahenten schon in formaler Hinsicht nicht angestrebt wird. Denn egal, was bei einer politischen Mediation vereinbart wird, eine politisch bindende Entscheidung ist damit nicht verbunden. &#8222;Sie kann und sollte nach den Prinzipien der repr&auml;sentativen Demokratie nicht durch ein Mediationsverfahren gebunden werden&#8220; (Gohl\/Meister 2012, S. 12), so Meister und Gohl. Hinzu kommt, dass das Modell des organisierten Dialogs, die Tendenz bef&ouml;rdert, f&uuml;r die L&ouml;sung von Konflikten &uuml;ber die realen Klassenmachtverh&auml;ltnisse hinwegzusehen. Gohl wei&szlig; um die ideologischen Schieflage seines Konzepts, doch glaubt er entsprechende Fragen gleichsam wortmagisch schon dadurch entkr&auml;ften zu k&ouml;nnen, dass er sie selber stellt: &#8222;Ist es sozialtechnischer Zynismus, das Modell der reziproken, sachbezogenen und ergebnisoffenen Interaktion der Freien und Gleichen zu preisen &#8211; und diese dialogischen Verh&auml;ltnisse und ihre Subjekte dann zum Objekt der strategischen Kalkulation und operativen Intervention eines Verfahrensgestalters zu machen? Schl&auml;gt hier nicht das Erbe des milit&auml;rischen Strategiebegriffs durch, der in der Interaktion auf die &Uuml;berwindung des Gegners abstellte? Wird also nicht der sozialethisch aufgeladene Begriff des Dialogs instrumentalisiert, m&ouml;glicherweise f&uuml;r schlechte Zwecke? Sind verst&auml;ndigungsorientierte Vorgehensweisen nicht besonders raffinierte Formen der&Uuml;berredung?&#8220; (Gohl 2010, S. 123) Da die inhaltliche Offenheit des Dialogs gew&auml;hrleistet und die Teilnehmer vor Missbrauch und Manipulation durch den autoritativ privilegierten Verfahrensgestalter gesch&uuml;tzt w&uuml;rden, meint Gohl diese Fragen verneinen zu k&ouml;nnen. Sein argumentativer Trick besteht darin, sich auf die Ebene des Verfahrens selbst zu beschr&auml;nken und die Machtverh&auml;ltnisse, in die sie eingebettet sind, aus der Betrachtung weitgehend auszuschlie&szlig;en.<\/p>\n<p>Dabei k&ouml;nnten selbst besonders faire Verfahrensregeln nicht daf&uuml;r sorgen, dass in organisierten Dialogen wirklich Gleiche aufeinandertreffen. Die Vertreter von Gro&szlig;unternehmen k&ouml;nnen im Regelfall ein Vielfaches an Geldmacht, juristischer Expertise und Medienunterst&uuml;tzung aufbieten als einzelne B&uuml;rger. Im Fall der Regierungen kommt noch das von der Polizei durchgesetzte staatliche Gewaltmonopol hinzu. Lohnabh&auml;ngige und Angeh&ouml;rige sozial benachteiligter Schichten k&ouml;nnen nur dann eine effektive Form der Gegenmacht bilden, wenn sie sich zusammenschlie&szlig;en. Das jedoch soll durch Beteiligungs-und Mediationsverfahren gerade erschwert werden. Das Hauptziel von politischen Mediationsverfahren besteht darin, der Herausbildung einer nennenswerten Gegenmacht von Projektkritikern durch die fr&uuml;hzeitige Einbindung relevanter Teile der so genannten Zivilgesellschaft zu begegnen. Mit Hilfe der Mediation soll sich der Streit vom politischen Kern auf weniger brisante Sach-und Verfahrensfragen verlagern. Mediationsunternehmen st&uuml;tzen ihre Dienstleistungsangebote auf die Annahme, dass sich Infrastrukturprojekte heute nur noch auf der Basis breiter gesellschaftlicher Akzeptanz in einem zeitlich und finanziell vertretbaren Rahmen umsetzen lassen.[10] Die betroffenen B&uuml;rger sollen eingebunden und ihre Widerstandsenergie neutralisiert werden. Ein erw&uuml;nschter Nebeneffekt ist die Kostenersparnis f&uuml;r beteiligte Privatunternehmen und die &ouml;ffentliche Hand, die durch die Verbesserungsvorschl&auml;ge von B&uuml;rgerexperten erreicht werden kann. Als gelungen erscheint den Auftraggebern und Betreibern ein Mediationsverfahren immer dann, wenn ein Projekt in der Bev&ouml;lkerung Zustimmung oder zumindest eine breite Duldung erf&auml;hrt und die Regierungspolitik an Vertrauenspunkten gewinnt. Augenscheinlich f&uuml;gen sich die heute etablierten Verfahren politischer Mediation und strategischer Dialogf&uuml;hrung nahtlos ein in den soft-bonapartistischen Umbau der pluralistischen Demokratie. Bezeichnenderweise erscheint die fingierte Basisdemokratie der Mediationswissenschaftler und Dialogunternehmer heute gerne unter der Bezeichnung Kollaborative Demokratie.[11] Denn um die partizipatorisch nur drapierte &#8222;aktive Unterst&uuml;tzung einer feindlichen Besatzungsmacht gegen die eigenen Landsleute&#8220;, wie es im Fremw&ouml;rter-Duden zum Begriff der &#8222;Kollaboration&#8220; hei&szlig;t, handelt es sich beim Gesch&auml;ft der politischen Mediation offensichtlich ja tats&auml;chlich.<\/p>\n<p>[1] Weizmann 2012, S. 13.<br \/>[2] <a href=\"http:\/\/www.bmvbs.de\/SharedDocs\/DE\/Artikel\/UI\/handbuch-buergerbeteiligung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bmvbs.de\/SharedDocs\/DE\/Artikel\/UI\/handbuch-buergerbeteiligung.html<\/a><br \/>[3] Eine Reihe von Funktionen macht die Ausweitung von Beteiligungsverfahren in den Augen der Regierung zu einem Zeit und Kosten sparenden Mittel der Akzeptanzbeschaffung. Erstens w&uuml;rden die B&uuml;rger fr&uuml;hzeitig integriert und seien daher eher bereit, dem Vorhaben ihre Zustimmung zu geben. (Integrationsfunktion). Zweitens k&ouml;nnten manche Konflikte durch die rechtzeitige Information der B&uuml;rger schon im Vorfeld des f&ouml;rmlichen Verfahrens gel&ouml;st werden. (Rechtsschutzfunktion). Drittens tr&uuml;gen die B&uuml;rger selbst zur Optimierung der technischen Planung bei (Rationalisierungsfunktion). Viertens k&ouml;nnten gerichtliche Auseinandersetzungen durch entsprechende Plananpassungen vermieden oder zumindest verringert werden (Effektivierungsfunktion). F&uuml;nftens werde die Legitimation des Planungs-und Entscheidungsprozesses durch die Ber&uuml;cksichtigung der Einw&auml;nde der B&uuml;rger selbst dann erh&ouml;ht, wenn diese am Ende gegen&uuml;ber anderen Interessen zur&uuml;ckstehen m&uuml;ssten (Legitimationsfunktion). Sechstens erm&ouml;gliche die erh&ouml;hte Transparenz die M&ouml;glichkeit, den Planungs-und Entscheidungsprozess nachzuvollziehen (Kontrollfunktion). vgl: <a href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/http%3A\/www\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www<\/a>. bmvbs.de\/cae\/servlet\/contentblob\/81212\/publicationFile\/54326\/handbuch-buergerbetei-ligung.pdf <br \/>[4] Der ehemalige Spiegel-Journalist verdingt sich nach eigenen Angaben als Redenschreiber f&uuml;r die Bundesregierung und f&uuml;r gro&szlig;e Konzerne wie BMAS, BMFSFJ, MdB, MdL, Daimler AG, Volkswagen AG, Microsoft, ADAC, Metro, Wirtgen-Group, VCI, Coca-Cola, Samsung, Serview, Wintershall, Pleon, Ergo Kommunikation, Media Consulta, Hill &amp; Knowlton. Vgl. <a href=\"http:\/\/www.schlegel-reden.de\/referenzen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.schlegel-reden.de\/referenzen.html<\/a> <br \/>[5] Soft-Bonapartische Tendenzen in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschlands stehen im Zentrum meiner 2011im K&ouml;lner Papyrossa-Verlag ver&ouml;ffentlichten Streitschrift &#8222;Demokratie als Mogelpackung.&#8220; <br \/>[6] Der 2009 verstorbene Reinhard Mohn verstand unter &#8222;demokratische B&uuml;rgergesellschaft&#8220; in erster Linie die Ausdehnung marktwirtschaftlicher Wettbewerbsprinzipien auf den gesamten politischen Bereich . In einer Zeit, wo der Konsens f&uuml;r neoliberale &#8222;Reform&#8220;-Projekte br&uuml;chig wird, sieht die &#8222;Krake Bertelsmann&#8220; (Albrecht M&uuml;ller\/Wolfgang Lieb) in der Implementierung von neuen Beteiligungsformen eine Chance, die Politik wieder steuerungsf&auml;higer zu machen. <br \/>[7] Unter anderem ist er Mitgr&uuml;nder von Procedere, eines Forschungs-und Entwicklungsverbundes f&uuml;r prozedurale Praxis, dem Theoretiker und Praktiker der politischen Beteiligung angeh&ouml;ren und geh&ouml;rt dem Netzwerk B&uuml;rgerbeteiligung an. <br \/>[8] Neben dem Hauptsitz in Bensheim bei Frankfurt a. Main unterh&auml;lt das Unternehmen weitere B&uuml;ros in Berlin, M&uuml;nchen, D&uuml;sseldorf, Br&uuml;ssel und Boston. Die Spannweite des IFOK-Angebots reichtvon einfachen Beratungst&auml;tigkeiten, &Ouml;ffentlichkeitsarbeit bis hin zu den komplexen Aufgaben eines Think Tanks, der auch f&uuml;r die Planung und Durchf&uuml;hrung von Projekten zust&auml;ndig ist. Dabei arbeitet die IFOK GmbH mit einer Reihe von nationalen und internationalen Partnerunternehmen, Denkfabriken, Plattformen und Netzwerken zusammen. Darunter: Meister Consultants Group (MCG), DIALOGIK, European Dialogue Consortium, European Independent Consulting Group, Global Compact, Global Risk Network, Personal Innovation GmbH, Stein Consults. <br \/>[9] Initiiert worden war das Dialogverfahren einst von Ministerpr&auml;sident Hans Eichel (SPD), der Ende der neunziger Jahren auf neue Formen der politischen Beteiligung setzte, um gewaltsame Konflikte zu vermeiden, wie es sie seit den siebziger Jahren immer wieder im Konflikt um die Startbahn- West gegeben hatte. <br \/>[10] Vgl. zur politischen Mediation auch Wagner 2012b. <br \/>[11] So leitet der IFOK-Berater Maik Bohne im Rahmen der Stiftung Neue Verantwortung ein interdisziplin&auml;res Forschungsprojekt mit dem Titel &#8222;Kollaborative Demokratie 21&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2121],"publikationen":[1441],"class_list":["post-11718","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-thomas-wagner","publikationen-199-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Einbinden - legitimieren - dialogisieren - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/199-vorgaenge\/publikation\/einbinden-legitimieren-dialogisieren\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Einbinden - legitimieren - dialogisieren - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 199 (Heft 3\/2012), S. 84-91 &bdquo;Am Horizont des Begriffs der Parti&shy;zi&shy;pa&shy;tion &ndash; seinem &auml;u&szlig;ersten Rand &ndash; steht der der Kolla&shy;bo&shy;ra&shy;tion.&ldquo; Eyal Weizmann[1] Lange Zeit erscholl der Ruf nach mehr B&uuml;rgerbeteiligung vornehmlich aus den linken, fortschrittlichen und alternativen Milieus der Bundesrepublik Deutschland. 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