{"id":11778,"date":"2011-06-01T23:00:00","date_gmt":"2011-06-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ein-sehr-zaeher-intelligenzlerverein1\/"},"modified":"2021-08-24T21:54:52","modified_gmt":"2021-08-24T19:54:52","slug":"ein-sehr-zaeher-intelligenzlerverein1","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/194-vorgaenge\/publikation\/ein-sehr-zaeher-intelligenzlerverein1\/","title":{"rendered":"Ein \u201esehr z\u00e4her Intelligenzlerverein\u201c[1]"},"content":{"rendered":"<p>Kultursoziologische Betrachtung zur Genese und Entwicklung der Humanistischen Union,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 194, Heft 2\/2011, S. 16-26<\/p>\n<p>Die Phase um 1960 kann im Nachhinein als erste zivilgesellschaftliche Gr\u00fcndungswelle in Westdeutschland erkannt werden: Das Entstehungsjahr von Amnesty International und Humanistischer Union brachte nicht ganz zuf\u00e4llig die fr\u00fchesten stabilen &#8222;Nichtregierungsorganisationen&#8221; jenseits der alten Milieu-Grenzen hervor &#8211; dies war Bestandteil einer seit dem Ende der f\u00fcnfziger Jahre einsetzenden kulturellen und gesellschaftlichen \u00d6ffnungen. Auch andere Neugr\u00fcndungen dieser Phase, z. B. der Stiftung Mitarbeit 1962, zeigen eine langsame Ausweitung von Beteiligungsformen an; denn damals galten B\u00fcrgerinitiativen, Petitionen, Gegengutachten etc. noch als &#8222;unkonventionelle&#8221; Einmischung. Die neuen Vereine und Gruppen signalisieren so Schritte auf dem modernisierenden Weg von der &#8222;autorit\u00e4ren Erm\u00e4chtigungsdemokratie&#8221; (wie der deutsch amerikanische Politologe Karl Loewenstein die fr\u00fche Bundesrepublik genannt hatte) hin zu offeneren Formen. Dabei nahmen Medien und \u00d6ffentlichkeit eine gewichtige Rolle ein &#8211; sie wurden um 1960 als neue politische Kraft sichtbar. Elaboriertes Argumentieren und \u00f6ffentliche Kontroversen, die vordem als unberechenbar-gef\u00e4hrlich apostrophierte &#8222;Stra\u00dfe&#8221; und b\u00fcrgerschaftliche Gruppen wurden allm\u00e4hlich als legitimes Element einer sp\u00e4ter so getauften &#8222;deliberativen Demokratie&#8221; anerkannt (zur Herausbildung der &#8222;Diskussionslust&#8221; s. Verheyen 2010).[2]<\/p>\n<p>Die Humanistische Union nahm nach ihrer Gr\u00fcndung als &#8222;kulturpolitische Vereinigung&#8221; im Jahr 1961 eine recht rasante Entwicklung. Zwar tr\u00e4umte man gelegentlich wohl von Hunderttausenden, doch auch die wesentlich bescheideneren realen Zahlen zeigten eine Entwicklung in Gr\u00f6\u00dfenordnungen, auf die die HU heute wehm\u00fctig zur\u00fcck-blicken kann.<\/p>\n<p>XXXXX Grafik<br \/>1961\u00a01962\u00a01963\u00a01964\u00a01965\u00a01967\u00a01969<br \/>20\u00a01.500\u00a01.850\u00a02.689\u00a03.623\u00a04.722\u00a04.500<\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndungsinitiative wurde offenbar ein Bed\u00fcrfnis getroffen, das nach politischem Ausdruck verlangte. Wodurch und bei wem eigentlich?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Intel&shy;lek&shy;tu&shy;elle im CDU-Staat<\/h2>\n<p>Entgegen einem weit verbreiteten und \u00fcberaus eing\u00e4ngigen Gr\u00fcndungsmythos (vgl. z. B. M\u00fcller-Heidelberg 2001: S. 13) war der Startpunkt nicht eine vermeintlich obsz\u00f6ne &#8222;Figaro&#8220;-Inszenierung im Augsburger Theater und der um sie entstandene Zensurskandal; dieser Vorgang spielte sich n\u00e4mlich erst im Herbst 1962 ab, mithin ein gutes Jahr nach der HU-Gr\u00fcndung. Nicht einer, sondern viele Skandale standen vielmehr an der Wiege dieses Vereins, der an seinem Ausgangspunkt als eine Intellektuellen-B\u00fcrgerinitiative bezeichnet werden kann.<\/p>\n<p><b><i>Der Auftakt<\/i><\/b><\/p>\n<p>Wenn man eine zentrale Quelle zur Hand nimmt &#8211; den Gr\u00fcndungsaufruf des Journalisten und Verlegers Gerhard Szczesny, der im Juni 1961 an etwa 200 Adressaten verschickt und wenige Wochen sp\u00e4ter im rororo-Taschenbuch &#8222;Die Alternative&#8220;[3] breit publiziert wurde &#8211; wird die aus vielen Anl\u00e4ssen gespeiste Stimmung der Gr\u00fcnder deutlich:<\/p>\n<p>Der Anfang dieses Texts lautet &#8222;Sechzehn Jahre nach dem Ende der nazistischen und mitten in der Auseinandersetzung mit der bolschewistischen Gewaltherrschaft m\u00fcssen wir die Erfahrung machen, dass auch ein Staat, in dem die Spielregeln der Demokratie G\u00fcltigkeit haben, die Vielgestaltigkeit der Einheitlichkeit, die Toleranz der Parteilichkeit und die Wahrhaftigkeit der Bequemlichkeit opfern kann. Wir sind zu Mitl\u00e4ufern einer Verschw\u00f6rung geworden, die unsere Entm\u00fcndigung und Gleichschaltung diesmal im Namen der christlichen Heilslehre verlangt.&#8221; &#8211; Weitere zentrale Stichworte in diesem nicht ganz unpathetischen Dokument erhellen, wogegen und wof\u00fcr gestritten werden soll: &#8222;christlicher Totalitarismus&#8221;, &#8222;ecclesia militans&#8221;, &#8222;Obskurantismus&#8221;, drohende Pakistanisierung&#8221; sowie &#8222;Ausverkauf aller Errungenschaften, die die Neuzeit vom Mittelalter trennen&#8221; auf der einen Seite, dagegen: &#8222;offene Gesellschaft&#8221;, &#8222;Versachlichung&#8221; und &#8222;Pluralismus&#8221; (Szczesny 1961: S. 36 und passim).<\/p>\n<p>Es geht hier also um kirchliche Machtpositionen. Ein anderes Zitat verdeutlicht die Frontlinie, die da mitten im Kalten Krieg innerhalb einer demokratischen Gesellschaft gezogen werden sollte, genauer: &#8222;Was unsere Vorstellung von den Absichten faschistischer und bolschewistischer Systeme auch dann noch unterscheidet, wenn diese die Geheime Staatspolizei und die Konzentrationslager abgeschafft haben, ist nicht der Wunsch, uns einem anderen ,ganzheitlichen System&#8216; einzuordnen, sondern ist die \u00dcberzeugung, dass nur die Freiheit, zwischen sehr verschiedenen Weltdeutungen und Existenzweisen w\u00e4hlen zu k\u00f6nnen, ein menschenw\u00fcrdiges Dasein m\u00f6glich macht.&#8221; (Szczesny 1961: S. 38) Am Rande bemerkt: &#8222;Gleichschaltung&#8221; und andere Chiffren des Vergleichs zwischen NS-Regime und Gegenwart werden hier ganz selbstverst\u00e4ndlich bem\u00fcht.<\/p>\n<p>Medien- und Kulturzensur standen damit an vorderster Stelle des Interesses: Da wurden philosophische und andere Sendungen im Bayerischen Rundfunk abgesetzt, da gab es organisierte Serien christlicher Emp\u00f6rung \u00fcber &#8222;zersetzendes&#8221; Theater, eine &#8222;Aktion Saubere Leinwand&#8221; beargw\u00f6hnte moderne Filme, die wenig sp\u00e4ter folgende &#8222;Spiegel&#8220;-Aff\u00e4re 1962 kann ebenfalls als symptomatisch betrachtet werden. Der Begriff der &#8222;Obsz\u00f6nit\u00e4t&#8221; &#8212; oftmals gegen moderne Kunst bem\u00fcht &#8212; erfuhr selbstverst\u00e4ndlich eine Auslegung im kirchlichen Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Die Kirchenmacht in Vorschulerziehung und Schulen sowie in Universit\u00e4ten und Medien wurde von Szczesny und seinen Weggef\u00e4hrten als unertr\u00e4glich bewertet, die gegen die dominante &#8222;Konfessionsschule&#8221; gerichtete Forderung einer Gemeinschaftsschule und kritische Blicke auf Konkordate und Religionsunterricht in der Staatsschule wurden ihr entgegengesetzt. Mit der Polemik Einzelner gegen kirchliche Glaubenss\u00e4tze konnten sich weitere Zensurprobleme ergeben &#8212; und zwar wegen des Tatbestands der &#8222;Religionsbeschimpfung&#8221;, der bis heute im \u00a7 166 des Strafgesetzbuches ein sehr subjektives Moment religi\u00f6sen &#8222;Friedens&#8221; zu sch\u00fctzen intendiert.<\/p>\n<p>\u00dcberkommen-unhaltbare Rechtspositionen und reaktion\u00e4re Justiz, auch allgemeine staatliche \u00dcbergriffe tauchen in den allerersten \u00c4u\u00dferungen noch nicht als selbst\u00e4ndiges Thema auf, sondern lediglich als (von kirchlichen Einfl\u00fcssen z. B.) abgeleitetes Problem. Dies \u00e4ndert sich aber dann recht schnell, etwa als das Thema &#8222;staatliche Abh\u00f6rma\u00dfnahmen&#8221; aufgegriffen wurde.<\/p>\n<p>Der Zeitgeist, gegen den Szczesny und seine Freunde auftraten, und seine vielfachen sozialen, mentalen und rechtlichen &#8222;Unterf\u00fctterungen&#8221; sind ja aus heutigem Blickwinkel so exotisch, dass an einige Facetten in Stichworten erinnert sei: In den Jahren um 1960 war die Frauen-Gleichberechtigung allein rechtlich noch v\u00f6llig unabgeschlossen, es existierte ein Kuppelei-Paragraf des Strafgesetzbuchs (\u00a7 180), der das gemeinsame \u00dcbernachten Unverheirateter kriminalisierte. Gesellschaftliche Milieus (z. B. Protestanten und Katholiken) lebten in einem hohen Ma\u00dfe voneinander abgeschottet. Sichtbarstes Zeugnis solcher Abgrenzungen waren (in einer absurden Reprise von Schulk\u00e4mpfen der fr\u00fchen 20er Jahre) Z\u00e4une auf den Schulh\u00f6fen solcher staatlichen Schulgeb\u00e4ude, die sich Bekenntnisschulen unterschiedlicher Couleur teilten. Und wer in Politik und Kultur von &#8222;Sittengesetz&#8221;, &#8222;Staatsgef\u00e4hrdung&#8221;, &#8222;Volksk\u00f6rper&#8221;, &#8222;gesundem Rechtsbewusstsein&#8221; oder &#8222;Schulzucht&#8221; schwadronierte, hatte nicht mit Gel\u00e4chter, sondern mit breitem Einverst\u00e4ndnis zu rechnen.<\/p>\n<p>Das Erstarken des von CDU-gef\u00fchrten Regierungen unterst\u00fctzten und instrumentalisierten Katholizismus und Konfessionalismus in den f\u00fcnfziger Jahren ist auch vor dem Hintergrund der NS-Zeit zu verstehen: Kirchlichen Instanzen und Normen als einer vermeintlich gegen\u00fcber dem Ansturm des Nazismus intakt gebliebenen Wertordnung wurde die Autorit\u00e4t zugeschrieben, auch zuk\u00fcnftig, n\u00e4mlich in der uferlose Herausforderungen und mentale &#8222;Entwurzelung&#8221; geb\u00e4renden Moderne Halt geben zu k\u00f6nnen. Die aus kultureller Unsicherheit entstandene Normen-Hypertrophie und die &#8222;Diffamierung des Dagegenseins&#8221; (Sonnemann 1964: S. 36) drohten jedenfalls die Gesellschaft der Bundesrepublik weiter zu begleiten. Und das antibolschewistische &#8222;Abendland&#8221;, in dem konservative Politiker die Bundesrepublik verankert sehen wollten, schien die &#8222;haltlosen Agnostiker&#8220; und andere freisinnige Menschen auf der Linken marginalisieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b><i>Ein linksliberales Sammelbecken<\/i><\/b><\/p>\n<p>Das &#8222;breite linke B\u00fcndnis&#8221; wurde in den siebziger Jahren zu einer h\u00e4ufig (und zu Recht) karikierten politischen Figur; die Humanistische Union kann aber in ihren Anf\u00e4ngen durchaus als ein solches bezeichnet werden. Namen, die zur Illustration dieses Spektrums aufgez\u00e4hlt werden k\u00f6nnen, zierten meistens die linksliberale Walhalla der Vorstands- und Beiratsmitglieder im HU-Briefkopf: Au\u00dfer Parteipolitikern aus SPD und FDP sind zu nennen Fritz Bauer (der hessische Generalstaatsanwalt, ehemalige Emigrant und Initiator des Auschwitz-Prozesses), Alexander Mitscherlich (als Au\u00dfenseiter und Dissident der \u00c4rztezunft und Pionier der Psychoanalyse in Westdeutschland), Ernst Topitsch und Hans Albert (als kritisch-rationale Soziologen), der Politologe und Historiker des &#8222;deutschen Sonderwegs&#8221; Kurt Sontheimer, Erwin Scheuch, der soziologische Empirie in der Bundesrepublik heimisch zu machen sich anschickte, Hartmut von Hentig als Reformp\u00e4dagoge, der kirchenkritische Publizist und sp\u00e4tere <i>Vorg\u00e4nge<\/i>-Redakteur Gerd Hirschauer, der liberale Soziologe Rene K\u00f6nig, Ulrich Klug (Strafrechtswissenschaftler und Rechtspolitiker in der FDP), die sozialistischen Remigranten Walter Fabian und Ossip K. Flechtheim, die freisinnigen Kaufleute Otto Bickel und Hans Robinsohn&#8230; Wof\u00fcr stehen diese Namen und Etiketten?<\/p>\n<p>Das politisch-soziale Spektrum kann f\u00fcr eine Periode, in der dieser Begriff noch keine mehrheitsf\u00e4hige Phrase war, mit der Metapher des &#8222;Querdenkens&#8221; umschrieben werden &#8212; man k\u00f6nnte auch von einer B\u00fcrgerinitiative gegen den Anti-Intellektualismus sprechen. Platz war f\u00fcr Liberale und Linke, Psychoanalytiker und junge Richter, Kaufleute und &#8222;moderne&#8221; K\u00fcnstler, Schul- und Hochschul-Reformer, einzelg\u00e4ngerische Publizisten und organisierte Freigeistige, f\u00fcr damalige Schickeria-Anw\u00e4lte wie Horst Mahler und Otto Schily. Auch heute v\u00f6llig vergessene V\u00f6lkchen wie &#8222;Positivisten&#8221; (als Fremdetikettierung der kritisch-rationalistischen Denkschule der Soziologie) und &#8222;Linkskatholiken&#8221; fanden hier Aufnahme und Resonanz.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr Profil und Dunstkreis dieser Vereinigung wurden vor allem die Ende der 50er Jahre sich allm\u00e4hlich aus dem Abseits herauswagenden bisherigen &#8222;Underdog-Wissenschaften&#8221;. Dazu z\u00e4hlten Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Psychoanalyse. Politologie war f\u00fcr den deutschen Rechtskonservatismus als oktroyierte &#8222;Demokratiewissenschaft&#8221; alliierter Provenienz konnotiert und damit als &#8222;Umerziehungswissenschaft&#8221; diskreditiert; auch andere der genannten Disziplinen trugen den ,Makel` der US-amerikanischen Herkunft und galten aus altdeutsch-alt europ\u00e4ischem Blickwinkel von daher als &#8222;zersetzend&#8221; oder &#8222;flach&#8221;.<\/p>\n<p>Szczesny nahm in den Gr\u00fcndungsdokumenten ausdr\u00fccklich Bezug auf Exponenten der katholischen Seite und deren Hohn \u00fcber die Szene der nichtorganisierten Agnostiker und Kirchenskeptiker, die aufgrund ihres Individualismus vernachl\u00e4ssigenswert seien. Er schlug vor, die Herausforderung anzunehmen und die mit einer Organisation verbundenen elit\u00e4ren Unlustgef\u00fchle abzuwerfen, um die geistige Freiheit zu retten. Gegen den Vorwurf, blo\u00dfe &#8222;Debattierklubs&#8221; zu bilden, setzte er die Forderung, man m\u00fcsse Antworten geben und diese auch durchsetzen &#8222;mit allen Mitteln, derer man sich in einer freien Gesellschaft bedienen kann&#8221; (Vortrag auf der ersten Bundesmitgliederversammlung der HU am 16.11. 1963).<\/p>\n<p>Will man die Organisationsscheu linker und liberaler Intellektueller dieser Zeit ein-sch\u00e4tzen, sollte man sich neben dem nahe liegenden Klischee des &#8222;Individualismus&#8221; auch einige Vorerfahrungen vergegenw\u00e4rtigen: Die Remigranten aus dem Exil, in der Regel von niemandem ausdr\u00fccklich zur\u00fcckgerufen, litten unter gro\u00dfer Isolation und agierten entsprechend vorsichtig. Das KPD-Verbot hatte nicht nur Stalinisten diskriminiert und eingesch\u00fcchtert, sondern ebenso viele unabh\u00e4ngige Sozialisten dem &#8222;fellow traveller&#8220;-Verdacht ausgesetzt. Eine Parteigr\u00fcndung links von der SPD (n\u00e4mlich die der UAP) war bereits Anfang der 50er Jahre gescheitert. In der SPD und den Gewerkschaften waren nach dem Schritt zum Godesberger Programm kleine versprengte &#8222;Nester&#8221; von Linkssozialisten und wenige konspirativ t\u00e4tige Trotzkisten unterwegs, und der Rauswurf des SDS und seiner Unterst\u00fctzer hatte 1959 erneut die &#8222;Grenzen&#8221; und die &#8222;Instrumente&#8221; der Parteif\u00fchrung aufgezeigt. Die FDP kam nicht als Heimat linksliberalen Engagements in Betracht, erholte sich vielmehr noch von den nationalsozialistischen Unterwanderungsversuchen der f\u00fcnfziger Jahre und trug ein nationalliberal-deutschnationales Profil nach au\u00dfen.<\/p>\n<p><b><i>Ein gesamtgesellschaftlicher Aufbruch<\/i><\/b><\/p>\n<p>Ein Blick auf die Berufsstruktur der Humanistischen Union (s. Hofmann 1967: S. 70 ff.) gibt weitere Auskunft \u00fcber ausschlaggebende Faktoren des Anfangserfolgs (und ihre soziologische &#8222;Schlagseite&#8220;): fast 60 Prozent der Mitglieder des Jahres 1966 waren Akademiker, 22 Prozent waren Journalisten, Schriftsteller, Verleger oder Buchh\u00e4ndler &#8212; Medienintellektuelle also, die in dieser Phase \u00fcber relevanten und wohl auch wachsen-den Einfluss verf\u00fcgten. Au\u00dferdem waren u. a. vertreten: 17 Prozent Studenten, 17 Prozent Hochschullehrer und Lehrer, 13 Prozent technisch-naturwissenschaftliche Intelligenz, 4 Prozent Juristen, 6 Prozent K\u00fcnstler, 1 Prozent Handwerker und Arbeiter.<\/p>\n<p>Am Beispiel der Journalisten l\u00e4sst sich ermessen, dass es um eine Alterskohorte des Wandels ging: Die Medien hatten &#8212; ungeachtet all der Kontinuit\u00e4ten, von denen wir heute wissen &#8212; nach 1945 einen deutlichen Generationenwechsel und eine teilweise durch die Alliierten induzierte rabiate Verj\u00fcngung erlebt. In westdeutschen Rundfunk-Redaktionen lag 1949\/50 der Altersdurchschnitt bei 32 Jahre, die <i>&#8222;Spiegel&#8220;-<\/i>Redaktion wies 1952 einen solchen von 30 Jahren auf. Zwar war ab 1950 eine R\u00fcckkehr der &#8222;Belasteten&#8221; zu verzeichnen, auch deren erneute Aufstiege und entsprechende Konflikte. Die G\u00e4ngelung der J\u00fcngeren z. B. durch die Forderung &#8222;objektiver Kommentare&#8221; wich aber allm\u00e4hlich einem neuen Klima, in dem gegen Ende der f\u00fcnfziger Jahre die &#8222;45er&#8221; tonangebend wurden, diejenigen n\u00e4mlich, die dieses Jahr als heilsamen Bruch sahen, positive Alliierten- und Westerfahrungen hatten, herumgekommen waren. &#8222;Zeitkritik&#8221; im umfassenden Sinne, das was man ein Jahrzehnt sp\u00e4ter &#8222;Hinterfragen&#8221; nannte, wurde gest\u00e4rkt durch ungeschickte Zensurversuche <i>und <\/i>gesellschaftlichen Stimmungswandel &#8212; und sie wurde nun auch als Presseprodukt verkaufbar.<\/p>\n<p>Eine kritische Fraktion der &#8222;skeptischen Generation&#8221;, die insgesamt so unpolitisch doch nicht war, kann man hier am Werk sehen. Die ihr zugeschriebenen Haupteigenschaften lauteten: ideologiearm und pragmatisch-l\u00f6sungsorientiert. Solche Ideologie der Ideologielosigkeit wurde sp\u00e4ter mit guten Gr\u00fcnden kritisiert, doch als Anspruch dieser Alterskohorte auf einen Neubeginn sollte man sie zun\u00e4chst ernst nehmen; der israelische Deutschland-Reisende Amos Elon nannte sie damals &#8222;leicht konservativer Pessimismus&#8221; (Elon 1964: S. 62).<\/p>\n<p>Damals zeichnete man noch keine Milieu-Lebensstil-Landkarten, wie die heutige Sozialforschung sie entwirft. Aber es geht hier um eine im Wesentlichen kulturell zu umrei\u00dfende Kohorte oder Gruppe: Da amalgamierten sich politische mit kulturell-habituellen Fragen; Theater, Film und Musik wurden zu den wichtigsten Ausdrucks-formen, und moderne Grafik oder auch radikale Kleinschreibung gerieten zum stillen Erkennungszeichen.<\/p>\n<p>Die HU war somit Bestandteil und zum Teil auch Avantgarde des Vor-1968er-Aufbruchs &#8212; eines Aufbruchs, der an &#8222;Reformstau&#8221; <i>und <\/i>am subjektiven Leiden ansetzt. Denn: &#8222;1968&#8221; fand von 1958 bis 1966 statt, der wichtigste Teil der heute anerkannten und jenem magischen Jahr zugeschriebenen kulturellen \u00d6ffnungen geschah fr\u00fcher als meist vermutet. Auch der Beginn der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus muss etwa auf das Jahr 1958 datiert werden (vgl. Reichling 2001). Welche Rolle dabei die neue Organisation HU einnehmen k\u00f6nnte, wurde von dem linkskatholischen Publizisten Gerd Hirschauer klar ausgesprochen: Es gehe darum, &#8222;die demokratische Entwicklung eines noch nicht demokratischen Volkes ernster [zu] nehmen als die Befriedigung seiner autorit\u00e4ren Bed\u00fcrfnisse&#8221; und Kritik an der Regierung zu einer &#8222;produktiven Besch\u00e4ftigung zu machen (Hirschauer 1961: S. 21 und 24). Da-mit wurde eine Avantgarde-Position reklamiert, aber diese Gruppe schien auf dem Weg von der &#8222;Gefolgschaft&#8221; zur Zivilgesellschaft eine flexible, diskursorientierte, nichtautorit\u00e4re Vorhut bilden zu wollen.<\/p>\n<p><i><b>Themen und Ziele<\/b><\/i><\/p>\n<p>Prim\u00e4res Thema der HU waren zun\u00e4chst Irrationalismen der M\u00e4chtigen: unbegr\u00fcndete Privilegien (der Kirchen) sowie \u00fcberzogene Kontrollversuche des Staates. In der Weiterentwicklung und Ausf\u00e4cherung ihrer Themen artikulierte sie einerseits stellvertretend ungel\u00f6ste Probleme der BRD: vor allem die miserable Lage der &#8222;\u00e4u\u00dferen Randgruppen&#8221; der neuen Wohlstandsordnung (z.B. von Psychiatriepatienten, Heim- und Knastinsassen als Opfern sog. &#8222;besonderer Gewaltverh\u00e4ltnisse&#8221;, also rechtsfreier R\u00e4ume) als Skandal einer entwickelten Demokratie. In der weiteren Debatte stellte sich dann heraus, dass auch andere Gruppen \u00e4hnlicher Diskriminierung ausgesetzt waren &#8212; etwa Schwule, Kinder und Frauen &#8212; und ihre Rechte insofern zum HU-Thema werden mussten. Der Kampf um ein rationales Recht setzte damit &#8212; noch ganz im Sinne des Gr\u00fcnder-Pl\u00e4doyers f\u00fcr pragmatische Selbstbeschr\u00e4nkung &#8212; an Exzessen an: an der Verr\u00fccktheit dumpfer gesellschaftlicher Strafbed\u00fcrfnisse, an abwegigen Kriminalit\u00e4ts-, Strafvollzugs- und Heilungstheorien, die im Lichte neuerer soziologischer und psychologischer Erkenntnisse destruiert werden konnten.<\/p>\n<p>Andererseits rangen die HU-Aktiven aber auch um die eigene Emanzipation und Interessenvertretung: Als die &#8222;inneren Randbezirke&#8221; des Wirtschaftswunders k\u00f6nnte man diese Themengruppe \u00fcberschreiben. Es ging um Autoritarismus in Gesellschaft und Erziehungswesen, um Ehe- und Beziehungsprobleme, Fragen der Sexualit\u00e4t und Bildungsnotstand. Zum \u00e4u\u00dferst werbewirksamen Stichwort wurde das &#8222;Tabu&#8221;, mit dem sich eine offene Gesellschaft jederzeit auseinander zu setzen habe. Dabei waren psychologische Argumente (in allen Varianten &#8212; psychoanalytischen, aber auch pragmatischen US-amerikanischen) \u00e4u\u00dferst hilfreich. Sie dienen der Aufdeckung von Unbewusstem, der Analyse des besinnungslosen Autoritarismus und der Kritik von &#8222;Sekund\u00e4rtugenden&#8221;. Dass Sexualit\u00e4t in allen Varianten (nicht nur als Homosexualit\u00e4t) zu diesen Tabus geh\u00f6rte, soll ja auch zum zeitweiligen Sponsoring der HU durch die Unternehmerin Beate Uhse gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Damit standen also nicht Kleinigkeiten auf der Tagesordnung, sondern nicht weniger als die Durchsetzung von Rationalit\u00e4t und Transparenz in allen Lebensbereichen. Neue Begr\u00fcndungszw\u00e4nge f\u00fcr alte Verh\u00e4ltnisse wurden geschaffen. Empirie als Argument war noch etwas Ungewohntes, und das &#8222;bessere Argument&#8221; fungierte als heilsames Ritual. Die gro\u00dfe Aufgabe erkl\u00e4rt vielleicht auch eine gewisse Forschheit der HU-Aufkl\u00e4rer: Einen CDU-Fraktionsvorsitzenden im Fernsehen psychoanalytisch zu sezieren, wie es Alexander Mitscherlich in einer ARD-<i>Report<\/i>-Sendung vorf\u00fchrte, mag viel-leicht nicht allen berufsethischen Normen entsprochen haben&#8230; (vgl. Mitscherlich 1966).<\/p>\n<p>Die berufliche N\u00e4he vieler HU-Mitglieder, aber selbstredend auch ihr Aufkl\u00e4rungsoptimismus pr\u00e4destinierte den Verband zu seinem bildungsreformerischen Engagement in Schulen und Hochschulen: Als Voraussetzung mutiger Bildungsexpansion wurden Bildungsexperimente, Sprachstile und Soziolinguistik debattiert; modernisierte und neue Schulf\u00e4cher (etwa politische Bildung) und eine st\u00e4rkere Mitbestimmung der Lernenden standen ohnehin auf der bildungspolitischen Tagesordnung. Die von 1962 bis 1969 t\u00e4tige Humanistische Studenten-Union agierte \u00e4u\u00dferst geschickt als radikalreformistische Kraft mit den psychologischen und sozialpolitischen Argumenten, die die HU-,V\u00e4ter` und ihre Disziplinen bereitstellten (vgl. Kreppe12002).<\/p>\n<p>Die HU als Symptom und als Akteurin der &#8222;Verwestlichung&#8221; lebte in ihren fr\u00fchen Jahren prim\u00e4r vom unglaublichen gesellschaftlichen Hunger nach Argumenten &#8212; man denke an die Riesenauflagen von Zeitschriften und Buchreihen wie rororo. Die oben genannten publizistischen Netzwerke und Schl\u00fcsselpositionen in Verlagen und \u00f6ffentlich-rechtlichen Sendern waren dabei hilfreich in einer Periode, in der das Leitmedium der Rundfunk war.<\/p>\n<p><b><i>Von der inneren Unsicherheit zur postmodernen B\u00fcrgerrechtspolitik?<\/i><\/b><\/p>\n<p>Hatte Szczesny in den Gr\u00fcndungsjahren noch vor partei\u00e4hnlichen umfassenden Programmatiken gewarnt, so ergab sich mit dem Erstarken der HU und ihres Gestaltungswillens eine deutliche Ausweitung von der &#8222;Abwehr&#8221; zu &#8222;Mitgestaltung&#8221; und &#8222;Einflussnahme&#8221;. Vietnamkrieg, Wirtschaftspolitik, Mietrecht und vieles mehr gerieten in<br \/>den Fokus der Arbeit. Prim\u00e4re Arbeitsform des Verbands blieben aber Veranstaltungen, &#8222;Stellungnahmen&#8221; und Memoranden, Gesetzesvorschl\u00e4ge und Gesetzgebungskritik so-wie die publizistische Verbreitung dieser Expertise in Zeitschriften, Brosch\u00fcren und Buchreihen.<\/p>\n<p>&#8222;Gemeinsame Denkarbeit in kleinen Kreisen&#8221; k\u00f6nnte man das mit J\u00fcrgen Seifert nennen, und es lie\u00df ein Selbstbewusstsein erkennen, das z. T. auch auf jugendbewegte Wurzeln zur\u00fcckgehen mag. Die Humanistische Union leistete sich in diesen sp\u00e4ten sechziger Jahren und seither immer wieder eine widerspr\u00fcchliche Mischung, die andere nicht boten: frontale Angriffe und Entlarvungen <i>und <\/i>Reformismus, thematische Kampagnen als Lostreten von Dingen, die in der Luft lagen, auch in Sachen Berufsverbote intern sehr umstrittene B\u00fcndnisse. Insgesamt bewahrte der Verband aber zumeist das Image eines Honoratiorenvereins mit minimalem Aufwand &#8211; &#8222;Kann man da \u00fcberhaupt eintreten oder muss man berufen werden?&#8221;<\/p>\n<p><i><b>Transformationen<\/b><\/i><\/p>\n<p>APO und Studentenbewegung haben auch diesen Verein &#8222;umgekrempelt&#8221;: Den liberalen Prominenten wurde die Willensbildung oftmals zu anstrengend, was h\u00e4ufiger zum R\u00fcckzug als zum Austritt f\u00fchrte. Bereits 1967 erlebte die HU eine Satzungsreform, die die heute so l\u00e4stigen komplizierten Strukturen jenseits der Mitgliederversammlung ein-baute. Anders ausgedr\u00fcckt: ab 1968 gab es eine &#8222;freundliche \u00dcbernahme&#8221; durch die APO-Generation, bei der ausreichend &#8222;\u00c4ltere&#8221; und Autorit\u00e4ten &#8222;mitspielten&#8221;. Die Gr\u00fcndungs-HU als Projekt der ,n\u00fcchtern-fortschrittsgl\u00e4ubigen` Flakhelfer-Konsorte wandelte sich zum B\u00fcndnis mehrerer Generationen und damit zu einer komplett anderen Vereinigung. Diese Koalition sehr verschiedener politischer Kr\u00e4fte funktionierte in der HU erstaunlich lange und effektiv &#8211; mindestens bis hin zur Entzauberung der sozial-liberalen Tr\u00e4ume gegen Ende der 70er Jahre. Der Gr\u00fcnder sprach zwar retrospektiv von einem seit 1969 dominanten totalitarismusverd\u00e4chtigen wirren Utopismus in der HU (Sczcesny 2001), verlie\u00df aber tats\u00e4chlich den Verband erst in den neunziger Jahren.<\/p>\n<p>Vom Kulturpathos ihrer Gr\u00fcndungszeit hat sich die HU rechtzeitig getrennt und den Verband seit Anfang der siebziger Jahre in zukunftsf\u00e4hige, n\u00fcchternere Politikformen \u00fcberf\u00fchrt: Eine gewisse Kampagnef\u00e4higkeit erwies sich nun vor allem f\u00fcr das Politikfeld &#8222;Rechtspolitik&#8221; &#8211; die gro\u00dfen neuen Themen des Datenschutzes und der informationellen Herrschaft, die Frauenpolitik, die in Form eines juristischen Feminismus betrieben wurde, der \u00fcber alle Bewegungskonjunkturen hinweg seine Berechtigung erwies (sei es in den Diskussionen um den Strafrechts-Paragraphen 218, um ein Antidiskriminierungsgesetz oder in der Verfassungsdebatte 1990).<\/p>\n<p>Die Kirchenkritik hat sich als Topos der B\u00fcrgerrechtsarbeit bis heute erhalten, wenngleich an Bedeutung verloren: Mit einem deutlichen S\u00fcd-Nord-Gef\u00e4lle interessieren sich die HU-Mitglieder f\u00fcr die Fragen von Kirchensteuer, Schul-Kruzifixen und staatlicher Alimentierung kirchlicher Aktivit\u00e4ten, und die Themen der Religionskritik, humanistischer Lebenshilfe und &#8222;Weltanschauung&#8221; werden nunmehr eindeutig im aus Ost- und West-Freidenkern entstandenen Humanistischen Verband bearbeitet.<br \/>In ihrem zweiten Jahrzehnt erfuhr die Humanistische Union wohl die gr\u00f6\u00dfte Resonanz und Wirksamkeit: In ihrer &#8222;Einwirkung&#8221; auf die sozialliberale Koalition &#8212; z. B. in Sachen Strafrecht und Strafvollzug &#8212; sind klare gesetzgeberische Konsequenzen der von ihr vorgetragenen Argumente erkennbar, obschon viele dieser Erfolge hinter den rasch folgenden Entt\u00e4uschungen verblassten: Berufsverbote, &#8222;Terroristenprozesse&#8221; und die folgenden innerstaatlichen Feinderkl\u00e4rungen gegen unabh\u00e4ngige Geister wie Peter Br\u00fcckner und Heinrich B\u00f6ll verdeutlichten erneut die Differenz zwischen Regierungsund Intellektuellen-Logik.<\/p>\n<p>Viele Widerspr\u00fcche und Kontroversen k\u00f6nnen hier nicht einmal an getippt werden &#8212; etwa die Ambivalenz der HU zwischen Friedensbewegung und Westbindung. (Pl\u00f6tzlich gab es in den neunziger Jahren einen Vorsitzenden mit einem lila Kirchentags-Halstuch, und der Gr\u00fcnder trat aus, als die HU das &#8222;Soldaten sind M\u00f6rder&#8220;-Zitat verteidigte, was seiner Weltkriegserfahrung entgegenstand.) Die nationale Begrenzung der B\u00fcrgerrechtsarbeit ist pragmatisch bis heute gut begr\u00fcndbar. Eine &#8222;Ostblindheit&#8221; aber, wie sie Hannes Schwenger der HU einmal bescheinigte, blieb bis in die j\u00fcngere Vergangenheit, z. B. gegen\u00fcber der &#8222;allzu katholischen&#8221; Solidarnosc-Bewegung in Polen, in einem gewissen Fremdeln gegen\u00fcber der &#8222;Pfarrer-Revolution&#8221; von 1989 oder in fragw\u00fcrdigen Rekrutierungs- und Verteidigungsversuchen gegen\u00fcber den DDR-Juristen sp\u00fcrbar. Dass eine Organisation, die Antidiskriminierungs-Recht und -Politik erfunden haben will, sich selbst immer zu ,fein` blieb f\u00fcr eine Quotierung, muss ebenfalls undiskutiert bleiben.<\/p>\n<p>Die Humanistische Union hat heute das eindeutige Profil einer rechtspolitischen Organisation &#8212; mit dem Bonus einer hohen Kompetenzvermutung in den meisten ihrer Arbeitsfelder und mit dem Sch\u00f6nheitsfehler einer sehr weit gehenden Spezialisierung ihrer Aktiven. Diese hohe Spezialisierung steht in einer unaufl\u00f6slichen Spannung zur Mitsprache von 1.600 Mitgliedern und auch zur historisch gewachsenen Vielfalt ihrer Beitritts- und Mitgliedschaftsmotive, was im Rahmen von Delegiertenkonferenzen und Verbandstagen zu einem gelegentlich skurrilen Nebeneinander ausgefeiltester Argumente und schlichter linkspopulistischer Gesinnungs-Bekundungen f\u00fchren kann. Auch der in den letzten Jahren zu verzeichnende Mitgliederzuwachs, der den Altersaufbau des Verbands in erfreulicher Weise normalisiert hat, wird daran wohl wenig \u00e4ndern, weil die jungen &#8222;Online-Mitglieder&#8221; vermutlich die &#8222;altfr\u00e4nkischen&#8221;, gegen\u00fcber allen Vereinfachungsversuchen resistenten Satzungsstrukturen der HU schlicht ignorieren wer-den.<\/p>\n<p><i><b>Wird die HU noch gebraucht?<\/b><\/i><\/p>\n<p>Alle Mitgliederorganisationen stecken seit vielen Jahren in einer Krise, weil Individualisierung und Flexibilisierung die Motive f\u00fcr kontinuierliches Engagement aufzuzehren scheinen. Zudem leidet die HU seit Mitte der siebziger Jahre bis in die Gegenwart hin-ein am &#8222;Auswandern&#8221; von Themen in Spezialorganisationen und Selbsthilfegruppen, die auf ihren Arbeitsgebieten klare Kompetenzvorspr\u00fcnge entwickelt haben. Als Bei-spiele k\u00f6nnen Deutsche Gesellschaft f\u00fcr soziale Psychiatrie (1970), IAF &#8212; Verband bi-nationaler Familien (1972), Deutsche Vereinigung f\u00fcr Datenschutz (1977), Republikanischer Anw\u00e4ltinnen- und Anw\u00e4lteverein (1979), pro asyl (1986), Mehr Demokratie (1988) aber ebenso die stets mit B\u00fcrgerrechtsfragen befasste Neue Frauenbewegung, die Friedensbewegung und die Anti-AKW-Bewegung genannt werden. Auch eine Quasi-Spaltung im Gefolge des Russell-Tribunals 1978 und die Entstehung des Grundrechte-Komitees im Jahr 1980 seien nicht unterschlagen.<\/p>\n<p>Ganz unpathetisch-empirisch gesehen, wird die Humanistische Union in einigen ihrer Interessengebiete auch f\u00fcrderhin ben\u00f6tigt, weil es sonst schlicht keine qualifizierte Opposition g\u00e4be: Das gilt u. a. f\u00fcr die Felder der Polizeirechts, der Geheimdienstkritik, des Demonstrationsrechts, in denen zwar FDP und Gr\u00fcne sich zeitweise parlamentarisch profilierten, aber auch in diesen Parteien r\u00fcckten B\u00fcrgerrechtsfragen inzwischen an den Rand der Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Drei oder vier geschichtliche Situationen hat es seit ihrer Etablierung gegeben, in denen Argumente und Expertise der Humanistischen Union bundesweit stark nachgefragt waren: Dazu z\u00e4hlen die Debatte um die Notstandsgesetze, vielleicht auch die Berufsverbote-Kontroversen, sicher aber die &#8222;Sympathisanten&#8220;-Hetze der siebziger Jahre sowie der Volksz\u00e4hlungsboykott der achtziger Jahre. Diese Erfahrung legte den Grund f\u00fcr eine Funktionsbestimmung der B\u00fcrgerrechtsarbeit, die ihr die Aufgabe zuweist, zwischendurch auch leise und bescheiden intellektuelle Vorratsarbeit zu leisten.<\/p>\n<p>Aber m\u00f6glicherweise lassen sich in der Vergangenheit der HU einige weitere Charakteristika erkennen, die zuk\u00fcnftige St\u00e4rke bedeuten k\u00f6nnen? So k\u00f6nnen beispielsweise die realiter sehr unkomplizierten Arbeitsweisen in Adhoc-Gruppen eine spezifische Attraktion f\u00fcr Aktivierungswillige darstellen. Dass dieser Verein oftmals eine Spur pragmatischer und &#8222;reformistischer&#8221; als andere linke Formationen auftrat (einschlie\u00dflich der Gr\u00fcndung von Beratungsstellen), ist im nach 1989 eingetretenen neuesten post-ideologischen Zeitalter ein weiteres Argument f\u00fcr die Fortsetzung.<\/p>\n<p>Und das unbezweifelbare Verdienst, seit den achtziger Jahren viele Kontroversen, eigene Ambivalenzen und tats\u00e4chliche Grundrechts-Kollisionen auch im Inneren durch-gehalten und offen gelegt zu haben (etwa beim PorNo-Thema, in der Sterbehilfe-Diskussion oder in der Frage, ob der Verfassungsschutz zu reformieren oder aufzul\u00f6sen sei) ist angesichts der allm\u00e4hlichen Aufl\u00f6sung weltanschaulicher Lager und politischer Gewissheiten geradezu ein neues Qualit\u00e4tsmerkmal. Das argumentative Moment garantiert keine Schlagzeilen und schnellen Erfolge, aber es taugt vielleicht dennoch als Markenzeichen, wenn man weniger grobschl\u00e4chtig und pathetisch als andere formuliert? Was J\u00fcrgen Seifert f\u00fcr die Verfassungsordnung der Bundesrepublik postulierte: ein &#8222;Forum&#8221; der Auseinandersetzung statt einer hierarchischen &#8222;Wertekirche&#8221; zu bilden (Seifert 1979: S. 335 ff.), k\u00f6nnte auch eine Funktionsbestimmung f\u00fcr eine lebendige, tabu arme und kooperationsf\u00e4hige B\u00fcrgerrechtsvereinigung sein. Damit an den offensiven und bekennenden Pluralismus der Gr\u00fcnder, der Vielfalt von Relativismus zu unter-scheiden wusste, anzukn\u00fcpfen, hie\u00dfe, an der richtigen Stelle leidenschaftlich zu bleiben.<\/p>\n<p>[1] So das Erzbisch\u00f6fliche Ordinariat M\u00fcnchen 1967 &#8212; zit. nach HU-Mitteilungen Nr. 32 (Sept. 1967), 5. 18.<\/p>\n<p>[2] Eine zweite Welle um 1970 brachte etwa die Gesellschaft f\u00fcr bedrohte V\u00f6lker und Terre des Hommes hervor, eine dritte kann mit der Entstehung von Pro Asyl und Terre des Femmes f\u00fcr die 80er Jahre konstatiert werden (vgl. Roos 1993: S. 77 f.; Wildenthal 2000: S. 1052 f.).<\/p>\n<p>[3] Dieses B\u00e4ndchen &#8212; 1961 hg. von Martin Walser &#8212; kann ebenfalls als ein Versuch gelesen werden, ungeachtet individualistischer Selbstverst\u00e4ndnisse das Unbehagen der &#8222;Intelligenz&#8221; im als konservativ-klerikal empfundenen Meinungsklima zu b\u00fcndeln und die Notwendigkeit eines Regierungswechsels aus dieser Perspektive zu unterfiittern. Zu den 20 Autoren geh\u00f6rten u. a. Axel Eggebrecht, Hans M. Enzensberger, Peter R\u00fchmkorf, Inge Aicher-Scholl, G\u00fcnter Grass, Gerhard Schoenberner und Erich Kuby.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\">Literatur<\/h2>\n<p><i>Elon, Amos <\/i>1988 [1964]: In einem heimgesuchten Land. Berichte aus beiden Deutschland, N\u00f6rdlingen<\/p>\n<p><i>Hirschauer, Gerd <\/i>1961:Br\u00e4uchen wir eine neue Regierung? in: Walser, Martin (Hg.): Die Alternative, Reinbek, S. 14-24<\/p>\n<p><i>Hofmann, J\u00fcrgen<\/i> 1967: Die Humanistische Union. Ein Beitrag zur Soziologie der Intellektuellen, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><i>Kreppel, Klaus <\/i>2002: Linksliberalismus. Das Beispiel der Humanistischen Studenten-Union. In: Faber, Richard\/ St\u00f6lting, Erhard (Hg.): Die Phantasie an die Macht? 1968 &#8212; Versuch einer Bilanz. Berlin, 5. 82-106<\/p>\n<p><i>Mitscherlich, Alexander<\/i> 1966: Das Portr\u00e4t des Rainer Barzel, M\u00fcnchen<\/p>\n<p><i>M\u00fcller-Heidelberg, Till<\/i> 2001: Die Humanistische Union als \u00e4lteste deutsche B\u00fcrgerrechtsorganisation, in: Vorg\u00e4nge, 40. Jg. H.3 (155), S. 13-24<\/p>\n<p><i>Reichling, Norbert <\/i>2001: Liberale politische Kultur und beginnende Aufkl\u00e4rung \u00fcber den Nationalsozialismus in der Bundesrepublik der 60er Jahre. Beitr\u00e4ge der Humanistischen Union, in: Vorg\u00e4nge, 40. Jg. H.3 (155), S. 35-48<\/p>\n<p><i>Roos, Alfred<\/i> 1993: Nicht-parlamentarische Politik und Opposition, in: Vorg\u00e4nge, 32. Jg. H.3 (123), S. 175-89<\/p>\n<p><i>Seifert, J\u00fcrgen <\/i>1979: Haus oder Forum. Wertesystem oder offene Verfassung, in: Habermas, J\u00fcrgen (hg.): Stichworte zur &#8222;Geistigen Situation der Zeit&#8220;, 1. Bd. Frankfurt\/M., 5.321-339<\/p>\n<p><i>Sonnemann, Ulrich<\/i> 1984 [1964]: Die Ein\u00fcbung des Ungehorsams in Deutschland, Frankfurt\/M. Szczesny, Gerhard 1961: Humanistische Union, in: Walser, Martin (Hg.): Die Alternative, Reinbek, S. 36-43<\/p>\n<p><i>Szczesny, Gerhard<\/i> 2001: &#8222;Den Utopismus und Radikalismus habe ich mir selbst ins Haus geholt&#8221;, in: Vorg\u00e4nge, 40. Jg. H.3 (155), S. 33 f.<\/p>\n<p><i>Verheyen, Nina<\/i> 2010: Diskussionslust. Eine Kulturgeschichte des &#8222;besseren Arguments&#8221; in Westdeutschland, G\u00f6ttingen<\/p>\n<p><i>Wildenthal, Lora <\/i>2000: Human Rights Advocacy and National Identity in West Germany, in: Human Rights Quarterly, Vol. 22 N. 4, S. 1051-1059<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[396],"publikationen":[1439],"class_list":["post-11778","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-norbert-reichling","publikationen-194-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ein \u201esehr z\u00e4her Intelligenzlerverein\u201c[1] - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/194-vorgaenge\/publikation\/ein-sehr-zaeher-intelligenzlerverein1\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ein \u201esehr z\u00e4her Intelligenzlerverein\u201c[1] - 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