{"id":11780,"date":"2011-06-01T22:20:00","date_gmt":"2011-06-01T20:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/humanismus-statt-religion-als-leitkultur\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:07","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:07","slug":"humanismus-statt-religion-als-leitkultur","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/194-vorgaenge\/publikation\/humanismus-statt-religion-als-leitkultur\/","title":{"rendered":"Humanismus statt Religion als Leitkultur"},"content":{"rendered":"<p>Zu den moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften,<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 194, Heft 2\/2011, S. 45-59<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-einleitung-und-fragestellung\">I. Einleitung und Frage&shy;stel&shy;lung<\/span><\/h2>\n<p>Die Weimarer Republik gilt in der historischen R&uuml;ckschau als eine Demokratie ohne Demokraten, als eine Republik ohne Republikaner. Diese Aussage spielt auf folgenden Sachverhalt an: Einerseits bestanden die Institutionen einer Demokratie, andererseits spiegelte sich diese nicht in der Gesellschaft wider. Die B&uuml;rger hatten die Normen einer Demokratie nicht verinnerlicht, die politische Kultur zeigte sich noch zu sehr vom Wilhelminischen Obrigkeitsstaat gepr&auml;gt. Eine allgemeine Lehre, die man aus der damit einhergehenden historischen Erfahrung ziehen kann, besteht in der Einsicht: In Demokratien bedarf es nicht nur der auf ihren Prinzipien gr&uuml;ndenden Institutionen und Verfassungsordnungen, auch die Denkungsart und Gewohnheiten ihrer B&uuml;rger m&uuml;ssen von einschl&auml;gigen Wertvorstellungen gepr&auml;gt sein. Der seinerzeitige Juraprofessor und sp&auml;tere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang B&ouml;ckenf&ouml;rde formulierte dazu 1967 seinen ber&uuml;hmt gewordenen Satz: &bdquo;Der freiheitliche, s&auml;kulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.&rdquo;[1]<\/p>\n<p>Doch worin sollten die damit angesprochenen &bdquo;Voraussetzungen&rdquo; konkret bestehen und wie sollten sie begr&uuml;ndet werden? Hierzu &auml;u&szlig;erte sich B&ouml;ckenf&ouml;rde weder in der seinerzeitigen Abhandlung noch in einem sp&auml;teren Text. Die dem &ouml;ffentlich als katholisch gepr&auml;gt geltenden Juristen zugeschriebene Auffassung, damit seien eben die Grundprinzipien des christlichen Glaubens gemeint, l&auml;sst sich aus der Lekt&uuml;re seiner damaligen wie sp&auml;teren Ausf&uuml;hrungen nicht ableiten. Unabh&auml;ngig davon, was nun B&ouml;ckenf&ouml;rde gemeint oder nicht gemeint hat[2], stellt sich die Frage nach der normativen Grundlage f&uuml;r den inneren Zusammenhalt einer offenen Gesellschaft und eines s&auml;kularen Rechtsstaats durchaus. Neue Anst&ouml;&szlig;e in diese Richtung gibt etwa die Rede von der &bdquo;Postdemokratie&rdquo;, wonach unter Beibehaltung der Institutionen das politische Leben in einer Demokratie schwinde[3], oder die Sozialphilosophie des Kommunitarismus, die eine st&auml;rkere Orientierung am Gemeinsinn im Lichte einer in Egoismen zerfallenden Gesellschaft einfordert.[4]<\/p>\n<p>Hier soll f&uuml;r den Humanismus und nicht f&uuml;r die Religion als Leitkultur moderner Gesellschaften am Beispiel von Deutschland pl&auml;diert werden. Dazu bedarf es zun&auml;chst einer Definition von Leitkultur als moralischer Grundlage (2.) und von Religion als Sinnressource f&uuml;r eine offene Gesellschaft (3.). Danach geht es um die Einw&auml;nde gegen die Erhebung von Glaubensauffassungen zu einem Bestandteil von Leitkultur: erstens geschichtsbezogen die Ambivalenz der Religionen (4.), zweitens legitimationstheoretisch die mangelnde Begr&uuml;ndbarkeit (5.) und drittens gesellschaftsbezogen das multireligi&ouml;se Gemeinwesen (6.). Nach Ausf&uuml;hrungen zu den Voraussetzungen f&uuml;r ein Konzept von Leitkultur (7.) und dem Humanismus im s&auml;kularen Selbstverst&auml;ndnis (8.) folgen die Argumente f&uuml;r dessen Erhebung zur Leitkultur: erstens demokratietheoretisch die geringere Missbrauchsm&ouml;glichkeit (9.), zweitens gesellschaftsbezogen der h&ouml;here Realit&auml;tsgehalt (10.) und drittens kultur&uuml;bergreifend die gr&ouml;&szlig;ere Verallgemeinerbarkeit (11.).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-leitkultur-als-bezeichnung-der-moralischen-grundlagen-einer-gesellschaft\">II. Leitkultur als Bezeichnung der moralischen Grundlagen einer Gesell&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>Da die vorliegende Abhandlung mit dem Begriff &bdquo;Leitkultur&rdquo; arbeitet und so einen in der &ouml;ffentlichen Debatte umstrittenen Terminus nutzt, soll hier zun&auml;chst das hinsichtlich des Geltungsanspruchs und Inhalts damit konkret Gemeinte erl&auml;utert werden. Als &bdquo;Erfinder&rdquo; der &bdquo;Leitkultur&rdquo; gilt der Politikwissenschaftlicher Bassam Tibi, der dazu 1998 im Kontext eines Pl&auml;doyers f&uuml;r Werte-Verbindlichkeit in einer multikulturellen Gesellschaft bemerkte: &bdquo;Die Werte f&uuml;r die erw&uuml;nschte Leitkultur m&uuml;ssen der kulturellen Moderne entspringen, und sie hei&szlig;en: Demokratie, Laizismus, Aufkl&auml;rung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.&#8220;[5] Bei dieser Aussage gilt es, im Kontext der hier zu er&ouml;rternden Problematik, zwei Gesichtspunkte zu beachten: Die genannten Eigenschaften sind nicht auf eine Kultur, Nation oder Religion bezogen, was f&uuml;r ihre interkulturelle, internationale und s&auml;kulare Orientierung spricht. Au&szlig;erdem geht es in dieser Erl&auml;uterung um die inhaltlichen Bestandteile von &bdquo;Leitkultur&rdquo;, aber nicht um eine Definition des damit formal Gemeinten.<\/p>\n<p>Gr&ouml;&szlig;ere Bekanntheit erlangte die Bezeichnung in der breiteren &ouml;ffentlichen Debatte durch Friedrich Merz, dem damaligen Fraktionsvorsitzenden der CDU im Bundestag, der 2000 in einem Artikel der Tageszeitung &bdquo;Die Welt&rdquo; Migranten zur Respektierung der Regeln f&uuml;r das Zusammenleben in Deutschland aufforderte: &bdquo;Ich habe diese Regeln als die ,freiheitliche deutsche Leitkultur&#8216; bezeichnet.&#8220;[6] In dieser Formulierung vermischt sich eine demokratietheoretische mit einer nationalen Kategorie, ohne das damit Gemeinte klar und trennscharf zu erl&auml;utern. Dies l&ouml;ste kritische Einw&auml;nde aus, hatte Merz doch eine Definition des spezifisch &bdquo;deutschen&rdquo; in diesem Kontext unterlassen. Einige Referenzpersonen des CDU-Politikers distanzierten sich von der Berufung auf ihre Auffassung von &bdquo;Leitkultur&rdquo;, da sie nicht national, sondern universalistisch ausgerichtet war.[7] Die Differenzen bestanden also nicht bez&uuml;glich der allgemeinen Auffassung von einer &bdquo;Leitkultur&rdquo;, sondern hinsichtlich der ihr im jeweiligen Verst&auml;ndnis eigenen Begr&uuml;ndungskontexte und Wertvorstellungen.<\/p>\n<p>Doch was sollte man nun unter einem solchen Begriff formal und objektiv verstehen? Hier kann der Blick auf das Verst&auml;ndnis von &bdquo;politischer Kultur&rdquo; weiterhelfen: Die in den Sozialwissenschaften genutzte Bezeichnung steht f&uuml;r Einstellungen und Werte von Individuen, die sie in einer Gesellschaft zu politischen Fragen in einem allgemeinen Sinne entwickelt haben.[8] Das mit &bdquo;Leitkultur&rdquo; Gemeinte kann somit als ein Teil der &bdquo;politischen Kultur&rdquo; gelten und nennt die in ihr dominierenden Auffassungen und Normen. Inhalt einer &bdquo;Leitkultur&rdquo; w&auml;ren demnach die Meinungen und Prinzipien, die eine Gesellschaft mehrheitlich als Orientierungswerte ansieht oder ansehen sollte. Diese Unterscheidung bezieht sich auf die empirische Betrachtung im Sinne einer Beschreibung des Bestehenden oder eine normative Perspektive im Sinne einer Erwartung f&uuml;r die Zukunft. Hier geht es fortan um die Frage, ob mehr im Humanismus oder mehr in der Religion eine Leitkultur f&uuml;r die gegenw&auml;rtige Gesellschaft in Deutschland gesehen werden kann bzw. gesehen werden sollte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-religion-als-sinnressource-fuer-eine-moderne-gesellschaft\">III. Religion als Sinnres&shy;source f&uuml;r eine moderne Gesell&shy;schaft<\/span><\/h2>\n<p>F&uuml;r den R&uuml;ckgriff auf die eigentlich alte und wieder neue Sinnressource &bdquo;Religion&rdquo; f&uuml;r die normative Ausrichtung des sozialen Miteinanders pl&auml;dierten j&uuml;ngst ganz unterschiedliche Akteure im &ouml;ffentlichen Diskurs. Als Erster soll hier exemplarisch Bundespr&auml;sident Christian Wulff genannt werden, &auml;u&szlig;erte er doch 2010 in einer Rede anl&auml;sslich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit bez&uuml;glich des Verst&auml;ndnisses von Zugeh&ouml;rigkeit in Deutschland: &bdquo;Das Christentum geh&ouml;rt zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum geh&ouml;rt zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich j&uuml;dische Geschichte. Aber der Islam geh&ouml;rt inzwischen auch zu Deutschland.&#8220;[9] Das gesellschaftlich-soziale Miteinander und die historisch-kulturelle Pr&auml;gung werden in dieser &Auml;u&szlig;erung prim&auml;r in religi&ouml;sen Kategorien gesehen. Die Begriffe &bdquo;Aufkl&auml;rung&rdquo; und &bdquo;Humanismus&rdquo; kommen in diesem Kontext nicht vor. Dar&uuml;ber hinaus blendet die Perspektive objektiv die Tatsache aus, dass mindestens ein gutes Drittel der deutschen Gesellschaft als Konfessionslose keiner Religion zugeordnet werden k&ouml;nnen.[10]<\/p>\n<p>F&uuml;r eine einflussreiche Stimme aus dem philosophischen Bereich, die der Religion wieder einen h&ouml;heren Stellenwert als Sinnressource zuschreibt, steht J&uuml;rgen Habermas. Seit 2001 pl&auml;dierte er unter bekundeter Beibehaltung seiner s&auml;kularen Grundposition daf&uuml;r, dass religi&ouml;se Aussagen einen legitimen und notwendigen Platz im &ouml;ffentlichen Vernunftgebrauch h&auml;tten. So bemerkte Habermas: Der liberale Staat &bdquo;darf die Gl&auml;ubigen und die Religionsgemeinschaften nicht entmutigen, sich <i>als solche <\/i>auch politisch zu &auml;u&szlig;ern, weil er nicht wissen kann, ob sich die s&auml;kulare Gesellschaft sonst von wichtigen Ressourcen der Sinnstiftung abschneidet.&#8220;[11] M&ouml;gliche Wahrheitsgehalte religi&ouml;ser Beitr&auml;ge k&ouml;nnten aber nur dann in verbindliche Entscheidungen der Politik einflie&szlig;en, wenn sie in eine f&uuml;r alle B&uuml;rger allgemein zug&auml;ngliche Argumentation &uuml;bersetzt w&uuml;rden.[12] Worin die gemeinten Potentiale religi&ouml;ser &Uuml;berlieferungen als Sinnressource moderner Gesellschaften bereits bestehen oder bestehen sollten, erl&auml;uterte Habermas in seinen zahlreichen Stellungnahmen aber nicht.<\/p>\n<p>Der Bundespr&auml;sident wie der Philosoph pl&auml;dieren nicht f&uuml;r die Einsetzung von Religion als neue Leitkultur. Indessen wollen sie ihr doch eine herausragende Bedeutung als Inhalt der moralischen Grundlage moderner Gesellschaften einr&auml;umen. Bevor gegen eine solche Auffassung inhaltliche Einw&auml;nde formuliert werden, bedarf es hier einer Definition von &bdquo;Religion&rdquo; als Arbeitsbegriff f&uuml;r die folgende Er&ouml;rterung: Es handelt sich um eine Sammelbezeichnung f&uuml;r unterschiedliche Einstellungen und Praktiken, die auf eine transzendente Dimension zur Erlangung von Orientierung und Sinn f&uuml;r menschliches Leben gerichtet sind. Inhaltlich geht es um den Glauben an einen &bdquo;Gott&rdquo; oder etwas &bdquo;G&ouml;ttliches&rdquo;, wof&uuml;r weder empirische noch rationale Belege vorgebracht werden k&ouml;nnen noch m&uuml;ssen. Der Unterschied zu anderen Sinnsystemen besteht darin, dass im Selbstverst&auml;ndnis der Glaube und nicht das Wissen das konstitutive Erkenntnisprinzip ist. Eine solche Auffassung schr&auml;nkt die M&ouml;glichkeit einer kritischen Pr&uuml;fung von formulierten Positionen demnach erheblich ein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-der-geschichtsbezogene-einwand-die-ambivalenz-der-religionen\">IV. Der geschichts&shy;be&shy;zo&shy;gene Einwand: Die Ambivalenz der Religionen<\/span><\/h2>\n<p>Gegen die referierten Forderungen nach einem R&uuml;ckgriff auf Religion als Ressource f&uuml;r eine Leitkultur sollen hier drei Einw&auml;nde auf unterschiedlicher Ebene vorgetragen wer-den. Zun&auml;chst geht es um einen historischen Gesichtspunkt, der in der Ambivalenz der Religionen zum Ausdruck kommt. Dieser und andere Gesichtspunkte sollen hier anhand des Christentums und des Islam er&ouml;rtert werden, handelt es sich doch sowohl um die in Deutschland wie der Welt am weitesten verbreitete Religionen.[13] Beide traten und treten zwar im Namen des &bdquo;Friedens&rdquo; und der &bdquo;Liebe&rdquo; auf, die Geschichte sowohl des Christentums wie des Islam ist indessen auch von Gewaltanwendung gepr&auml;gt. Der Politikwissenschaftler Hans Maier sprach in diesem Kontext von einem &bdquo;Doppelgesicht des Religi&ouml;sen&rdquo; und bemerkte: &bdquo;In aller Vorsicht kann man sagen, dass Religion und Gewalt nicht in einem systematischen Zusammenhang stehen, dass sie aber miteinander historisch-kontingente Verh&auml;ltnisse eingehen, die sich im Laufe der Zeit ver&auml;ndern.&#8220;[14]<\/p>\n<p>Dies erkl&auml;rt sich letztendlich daraus, dass in der gesellschaftlichen Realit&auml;t nicht Religionen, sondern Menschen in deren Namen handeln. In der historischen Gesamtschau kann sowohl bezogen auf das Christentum wie den Islam gesagt werden, dass beide Glaubensformen kontinuierlich zur Legitimation von Gewalt in unterschiedlichster Form dienten. Bereits in der Fr&uuml;hgeschichte des Christentums gingen die Anh&auml;nger unterschiedlicher Interpretationen gegeneinander vor. Gewaltt&auml;tige Unterdr&uuml;ckung und Verfolgung pr&auml;gte auch den Umgang mit Heiden und Juden, &bdquo;Hexen&rdquo; und &bdquo;Ketzern&rdquo;, Andersgl&auml;ubigen und Kolonialisierten. Im Islam war bereits die &uuml;berlieferte Entstehungsgeschichte von Eroberungs- und Unterwerfungskriegen gepr&auml;gt, woran die Nachfolger des Religionsstifters dann nahtlos ankn&uuml;pfen konnten. Einschl&auml;gige milit&auml;rische Expansionen f&uuml;hrten bis nach Europa, wof&uuml;r die teilweise Beherrschung von Spanien und die zweimalige Belagerung Wiens stehen. Auch im Zeitalter der Globalisierung werden weiterhin Religionskriege gef&uuml;hrt.[15]<\/p>\n<p>Gegen den kritischen Hinweis auf die gewaltt&auml;tige Dimension des Glaubens verweist man darauf, dass es sich hierbei um eine Instrumentalisierung oder einen Miss-brauch von Religion handele. Dazu lassen sich wiederum folgende Einw&auml;nde formulieren: Erstens war die Geschichte beider Religionen quantitativ st&auml;rker von dieser denn einer anderen Komponente gepr&auml;gt. F&uuml;r das Christentum l&auml;sst sich erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts von einem gegenteiligen Trend sprechen; f&uuml;r den Islam kann eine &auml;hnliche Entwicklung bislang nicht konstatiert werden. Zweitens finden sich in den &bdquo;Heiligen Schriften&rdquo;, in der Bibel wie im Koran, durchaus Stellen, die zumindest symbolisch zur Gewalt gegen&uuml;ber Anders- und Nichtgl&auml;ubigen aufrufen.[16] Diese Forderungen und Positionen dominieren gegenw&auml;rtig nicht die Einstellungen und Verhaltensweisen der meisten Christen und Muslime. Gleichwohl machen solche Aussagen deutlich, dass die bei-den Religion sehr wohl mit derartigen Praktiken in der Geschichte kompatibel waren und es in der Gegenwart noch sein k&ouml;nnten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-der-legitimatimatorische-einwand-die-mangelnde-begruendbarkeit\">V. Der legiti&shy;ma&shy;ti&shy;ma&shy;to&shy;ri&shy;sche Einwand: Die mangelnde Begr&uuml;nd&shy;bar&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Als zweiter Einwand gegen den R&uuml;ckgriff auf Religion als Ressource f&uuml;r eine Leitkultur soll hier auf die mangelnde Begr&uuml;nd- und Belegbarkeit von konstitutiven Aussagen ab-gestellt werden. Die Existenz eines &bdquo;Gottes&rdquo; bzw. des &bdquo;G&ouml;ttlichen&rdquo; konnte bislang weder empirisch belegt noch rational bewiesen werden: Niemand hat allgemein nachvollziehbar einen Gott gesehen, die rationalen Gottesbeweise gelten als gescheitert.[17] Dar&uuml;ber hinaus bedarf es der Beachtung folgender Legitimationsprobleme: Selbst wenn es einen Gott gibt, bleibt unklar, ob es der Gott Abrahams oder einer anderen Religion ist. Selbst wenn es der Gott Abrahams ist, bleibt unklar, ob er in einem christlichen, islamischen oder j&uuml;dischen Sinne verstanden werden muss. Selbst wenn Gott in einem christlichen Sinne verstanden werden sollte, bleibt unklar, ob dies in einem katholischen oder protestantischen Sinne geschehen m&uuml;sste. Selbst wenn Gott in einem katholischen Sinne gedeutet werden sollte, bleibt zu kl&auml;ren, ob dies im Sinne des amtierenden Papstes oder einer &bdquo;Theologie der Befreiung&rdquo; geschehen m&uuml;sste.<\/p>\n<p>Religionen formulieren zentrale Annahmen, die nicht einer kritischen Pr&uuml;fung an der Realit&auml;t ausgesetzt werden k&ouml;nnen. Immer dann, wenn dies durch die Benennung einer solchen Ebene geschieht, fehlt es aber an den entsprechenden Belegen. Dies zeigt die Fr&uuml;hgeschichte des Christentums und des Islam: Entgegen allgemeiner Auffassungen lassen sich die angeblichen Auffassungen und Handlungen von Jesus und Mohammed gerade nicht durch historische Quellen genau belegen. Solche liegen f&uuml;r Christentum und Islam weder f&uuml;r die gemeinte geschichtliche Epoche noch von anderer unabh&auml;ngiger Seite vor. Mitunter konnten f&uuml;r die Fr&uuml;hgeschichte beider Religionen so-gar F&auml;lschungen und Manipulationen belegt werden. Unabh&auml;ngig davon, wie hoch deren Anteil sein mag, l&auml;sst sich allgemein ein Mangel an belegtem und sicherem Wissen &uuml;ber die angesprochenen historischen Phasen konstatieren.[18] Gleichzeitig erheben beide Religionen mit Verweis auf ihre Genesis den Anspruch, allein &uuml;ber den richtigen Weg zum Heil f&uuml;r alle Menschen zu verf&uuml;gen.<\/p>\n<p>&Uuml;ber diese Auffassung bemerkte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der sich als skeptischer Christ versteht: &bdquo;Was mich bis heute bei der Berufung auf den christlichen Gott immer wieder st&ouml;rt &mdash; sowohl bei manchen Kirchenleuten als auch bei manchen Politikern &mdash;, das ist die Tendenz zur Ausschlie&szlig;lichkeit, die wir im Christentum antreffen &mdash; und ebenso auch in anderen religi&ouml;sen Bekenntnissen: Du hast unrecht, ich aber bin erleuchtet, meine &Uuml;berzeugungen und meine Ziele sind gottgef&auml;llig.&#8220;[19]<\/p>\n<p>Derartige Absolutheitsanspr&uuml;che k&ouml;nnen auch in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft Legitimit&auml;t beanspruchen, sofern sie nicht ein normativer Bestandteil der verbindlichen Gestaltung des sozialen Miteinanders sein wollen. Gleichwohl ist der behaupteten Ausschlie&szlig;lichkeit auch unabh&auml;ngig davon ein latentes Konfliktpotential eigen, trifft sie auf andere Sinnsysteme mit gleich lautenden Anspr&uuml;chen. Da religi&ouml;se Aussagen aber nicht begr&uuml;ndet, sondern geglaubt werden m&uuml;ssen, minimiert sich durch diese Einstellung objektiv die Bereitschaft zu Respekt und Toleranz.<\/p>\n<p><b>VI. Der gesellschaftsbezogene Einwand:<br \/>Das multireligi&ouml;se Gemeinwesen<\/b><\/p>\n<p>Und als dritter Einwand gegen den R&uuml;ckgriff auf Religion als Ressource f&uuml;r eine Leitkultur soll hier mit dem Bezug auf die gesellschaftsbezogene Ebene darauf verwiesen werden, dass man es heute in Deutschland mit einem in mehrfacher Hinsicht multireligi&ouml;sen Gemeinwesen zu tun hat. Bereits seit der Reformation und deren Verbreitung lie&szlig; sich f&uuml;r die Mitte Europas schon nicht mehr von religi&ouml;s homogenen Gesellschaften sprechen. Gleichwohl dominierte jahrhundertelang eine Orientierung der Menschen am evangelischen oder katholischen Christentum, wobei je nach Region eine der beiden Interpretationen dieses Glaubens hegemonial war. In den 1960er Jahren geh&ouml;rten in der &bdquo;alten&rdquo; Bundesrepublik Deutschland knapp &uuml;ber die H&auml;lfte der B&uuml;rger der evangelischen und etwas weniger als die H&auml;lfte der B&uuml;rger der katholischen Kirche an. Insofern k&ouml;nnte man angesichts einer derart breiten Akzeptanz des Christentums, das hier aber in einem &uuml;berkonfessionellen Sinne verstanden werden m&uuml;sste, ein sozial verankertes Sinnsystem als Bezugspunkt einer Leitkultur sehen.<\/p>\n<p>F&uuml;r die Gegenwart l&auml;sst sich gleichwohl aus mehreren Gr&uuml;nden nicht mehr von einer solchen monoreligi&ouml;sen Gesellschaft sprechen: Durch den Beitritt der f&uuml;nf neuen L&auml;nder kamen gro&szlig;e Teile von Konfessionslosen als B&uuml;rger hinzu. Au&szlig;erdem gibt es seit Jahrzehnten einen kontinuierlichen Anstieg von Kirchenaustritten, was in der Gesamt-schau zur Herausbildung einer multireligi&ouml;sen Gesellschaft[20] f&uuml;hrte. F&uuml;r die 2000er Jahre gestaltet sich die Aufteilung entsprechend ganz anders: Jeweils knapp unter einem Drittel ist konfessionslos, evangelisch und katholisch, wobei die Reihenfolge der Nennung den quantitativen Verh&auml;ltnissen entspricht. Hinzu kommen noch die Muslime als mit um die vier Prozent st&auml;rkste religi&ouml;se Minderheit. Die Erhebung der Religion, womit ja dann das Christentum gemeint w&auml;re, zum Bestandteil einer Leitkultur w&uuml;rde angesichts der referierten sozialen Entwicklung in der deutschen Gesellschaft demnach mindestens &uuml;ber ein Drittel der Bev&ouml;lkerung kulturell und normativ ausgrenzen.[21]<\/p>\n<p>Statt einer gemeinsamen moralischen Grundlage f&uuml;r die Gesellschaft w&uuml;rde so wohl eher die Basis f&uuml;r eine neue Konfliktlinie gelegt. Best&auml;rkung findet diese Hypothese auch dadurch, dass neuere Umfragen in Deutschland und Europa die geringere Neigung zu Toleranz und st&auml;rkere Orientierung zu Vorurteilen von religi&ouml;s eingestellten Personen konstatieren.[22] Diese Erkenntnisse gelten bezogen auf den jeweiligen &Uuml;berlegenheitsanspruch f&uuml;r Christen, aber auch f&uuml;r Muslime.[23] Ebenso wie sich die Trennung von Religion und Staat als demokratie- und gesellschaftstheoretisch angemessen erwiesen hat, scheint auch eine Trennung von Religion und Leitkultur aus gleichen Gr&uuml;nden sinnvoll zu sein. Ersteres konstatieren auch Repr&auml;sentanten der Kirche, &auml;u&szlig;erte doch etwa Bischof Wolfgang Huber als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands 2008: &bdquo;Die wechselseitige Unabh&auml;ngigkeit von Staat und Kirche ist eine Errungenschaft &#8230;&ldquo;[24] Gleiches w&uuml;rde f&uuml;r das Verh&auml;ltnis von Leitkultur und Religion um der Vermeidung von Benachteiligung und Konflikten willen gelten.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vii-formale-bedingungen-eines-inhaltlichen-konzeptes-der-leitkultur\">VII. Formale Bedingungen eines inhalt&shy;li&shy;chen Konzeptes der Leitkultur<\/span><\/h2>\n<p>In den bisherigen Ausf&uuml;hrungen, welche die Argumente f&uuml;r &bdquo;Religion&rdquo; als Bestandteil einer Leitkultur kritisierten, wurden indirekt bereits einige formale Voraussetzungen f&uuml;r ein solches Konzept benannt. Hier soll noch einmal eine systematische Auflistung dieser unabdingbaren Merkmale erfolgen, bilden sie doch den Ma&szlig;stab f&uuml;r die Pr&uuml;fung der Angemessenheit des Humanismus als Alternative. Zun&auml;chst aber noch einmal zu einem allgemeinen und formalen Verst&auml;ndnis von &bdquo;Leitkultur&rdquo;: Gemeint sind damit Auffassungen und Werte, die das gesellschaftliche Leben pr&auml;gen sollen. Die jeweiligen Inhalte k&ouml;nnen den Individuen nicht vorgeschrieben werden. Insofern steht deren Akzeptanz f&uuml;r den Ausdruck eines freiwilligen Bekenntnisses, aber nicht f&uuml;r rechtliche Verbindlichkeit. Gleichwohl k&ouml;nnen die gemeinten Inhalte der Leitkultur im Sinne eines &bdquo;Geistes der Gesetze&rdquo; (Charles de Montesquieu)[25] auch die Inhalte der Verfassung pr&auml;gen. Dem-nach m&uuml;ssen die angesprochenen Einstellungen und Tugenden auch f&uuml;r alle B&uuml;rger in einer Sozialordnung inhaltlich akzeptabel sein.<\/p>\n<p>Dies beschr&auml;nkt und erweitert gleichzeitig den Basis-Bestand einer Leitkultur: Einerseits kann man ihm im Sinne von Minimalbedingungen nur die Auffassungen und Werte zuordnen, welche in einer offenen und pluralistischen Gesellschaft von den kulturell, politisch oder religi&ouml;s unterschiedlich ausgerichteten Individuen geteilt werden. Handelt es sich aber um ein multikulturell und multireligi&ouml;s gepr&auml;gtes Miteinander, w&uuml;rde die inhaltliche Ausrichtung einer Leitkultur an einer besonderen nationalen oder einer spezifischen religi&ouml;sen Komponente f&uuml;r die jeweils anders Gepr&auml;gten objektiv Benachteiligung und Desintegration bedeuten. Andererseits lassen sich dem Basis-Bestand einer Leitkultur nur Einstellungen und Tugenden zurechnen, welche eine all-gemeine und weite Dimension zur Akzeptanz und Gewinnung von Angeh&ouml;rigen kultureller, politischer oder religi&ouml;ser Minderheiten aufweisen. Die darin enthaltene universelle Komponente pr&auml;gt auch das seit einigen Jahren diskutierte Verst&auml;ndnis von &bdquo;Verfassungspatriotismus&rdquo; (Dolf Sternberger\/J&uuml;rgen Habermas).[26]<\/p>\n<p>Und schlie&szlig;lich sei im hier zu er&ouml;rternden Kontext noch auf folgenden Gesichtspunkt verwiesen: Die diskutierte Leitkultur ist eine solche f&uuml;r eine Gesellschaft, die sich &uuml;ber Demokratie und Menschenrechte definiert. Demnach k&ouml;nnen und sollten nur die Auffassungen und Werte Bestandteil einer solchen Leitkultur sein, welche nicht in einem Spannungsverh&auml;ltnis zu den genannten konstitutiven Prinzipien stehen. Die Inhalte einer solchen Leitkultur d&uuml;rfen daher nicht &bdquo;diktaturkompatibel&rdquo; und &bdquo;menschenrechtsfeindlich&rdquo; deutbar sein. Dies schlie&szlig;t gerade Religion als Inhalt einer solchen Leitkultur aus: Zwar akzeptieren etwa die Kirchen als institutioneller Ausdruck des Christentums seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Menschenrechte. Deren gesellschaftliche Akzeptanz und juristische Verankerung musste gleichwohl gegen die Kirchen durch Aufkl&auml;rung und S&auml;kularisierung durchgesetzt werden. Aber nicht nur ideengeschichtlich, sondern auch normativ haben die modernen Menschenrechte keine christliche Grundlagen oder Urspr&uuml;nge.[27]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"viii-humanismus-als-begriff-fuer-ein-saekulares-selbstverstaendnis\">VIII. Humanismus als Begriff f&uuml;r ein s&auml;kulares Selbst&shy;ver&shy;st&auml;ndnis<\/span><\/h2>\n<p>Bevor nun aufgezeigt werden soll, inwieweit der &bdquo;Humanismus als Leitkultur&#8220;[28] derartige Bedingungen erf&uuml;llt oder nicht, bedarf es einer definitorischen Erl&auml;uterung zum Gemeinten. Dies ist hier aus zwei Gr&uuml;nden notwendig: Die Bezeichnung &bdquo;Humanismus&rdquo; findet mittlerweile inflation&auml;r Anwendung und Verbreitung. Und: &bdquo;Humanismus&rdquo; wird auch mit Religion in Verbindung gebracht.[29] Die vorliegende Abhandlung geht mit ihrem Verst&auml;ndnis zun&auml;chst von einer Sammelbezeichnung f&uuml;r Auffassungen und Bestrebungen in der ldeen- und Realgeschichte aus, welche auf der Achtung vor der Pers&ouml;nlichkeit und W&uuml;rde des Menschen beruhen und eine entsprechende Entwicklung des Einzelnen und Gestaltung der Gesellschaft beabsichtigen. Mit der damit einhergehenden zentralen Orientierung am Menschen k&ouml;nnen bereits zwei Abgrenzungen vorgenommen werden: zum einen von religi&ouml;sen Auffassungen, die an einer besonderen Gottesvorstellung ausgerichtet, zum anderen von nationalistischen Auffassungen, die an einer ethnischen Zugeh&ouml;rigkeit orientiert sind.<\/p>\n<p>Das s&auml;kulare und universalistische Humanismus-Verst&auml;ndnis[30] postuliert mit der Orientierung am Menschen aber keine anthropozentrische Sicht: Die Auffassungen, man sei die &bdquo;Kr&ouml;nung der Sch&ouml;pfung&rdquo; oder man solle sich &bdquo;die Natur untertan machen&rdquo;, ignorieren grundlegende naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Danach gilt der Mensch nur als Teil der Natur, die auch ohne ihn, aber er nicht ohne sie auskommen kann. Insofern ist der skizzierten Auffassung ein &ouml;kologisches Bewusstsein unabh&auml;ngig von einer naiven Natur-Romantik eigen. Die Anthropologie des Humanismus kann sich auf die Einsichten der Evolutionsforschung und Soziobiologie st&uuml;tzen, wonach altruistisches und kooperatives Verhalten weder von einem Gott noch dem Weltgeist vorgegeben wurde, sondern eine n&uuml;tzliche Erfindung der Menschen zur Regelung des sozialen Miteinanders ist.[31] Das damit verbundene realistische Bild des Humanismus vom Menschen stellt bezogen auf die Ethik seine Individualit&auml;t und W&uuml;rde ins Zentrum und unter-schl&auml;gt dabei nicht dessen soziale Einbettung ins Gemeinwesen.<\/p>\n<p>Als Maxime f&uuml;r sein Handeln kann der kategorische Imperativ im Sinne Immanuel Kants mit dem Kriterium einer Verallgemeinerbarkeit eigener Prinzipien als gesellschaftliche Normen gelten: &bdquo; &#8230; handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.&rdquo; und: &bdquo;Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden andern jeder-zeit zugleich als Zweck, niemals blo&szlig; als Mittel brauchst.&#8220;[32] So entst&uuml;nde ein Katalog von Merkmalen einer humanistischen Ethik, bestehend u. a. aus den Geboten der Fairness gegen Andere, der Integrit&auml;t als Person, der Minderung von Leid, der Offenheit gegen&uuml;ber Kritik und der Pflicht zum moralischen Verhalten. Ein darauf bezogenes Humanismus-Verst&auml;ndnis kann politisch nicht neutral sein: Das Bekenntnis zu Individualismus und Menschenrechten, Pluralismus und S&auml;kularit&auml;t schlie&szlig;t die Orientierung an Demokratie und Gewaltenkontrolle, Rechtsstaatlichkeit und Volkssouver&auml;nit&auml;t &#8211; und demnach am demokratischen Verfassungsstaat[33] ein.[34<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ix-das-demokratietheoretische-argument-die-geringere-missbrauchsmoeglichkeit\">IX. Das demokra&shy;tie&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Argument: Die geringere Missbrauchs&shy;m&ouml;g&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Als erstes Argument f&uuml;r die Forderung &bdquo;Humanismus statt Religion als Leitkultur&rdquo; soll daher auch die demokratietheoretische Dimension der geringeren Missbrauchsm&ouml;glichkeit benannt werden. Hierbei kann von folgender Erkenntnis ausgegangen werden: Im Laufe der Geschichte wurden immer wieder bestimmte Auffassungen, Theorien oder Weltanschauungen zur moralischen Grundlage f&uuml;r die Gestaltung des sozialen Miteinanders erhoben, welche das Wohlergehen der &uuml;berwiegenden Mehrheit der Bev&ouml;lkerung steigern wollten. In der gesellschaftlichen Realit&auml;t gingen damit aber auch immer wie-der Diktaturen und Freiheitseinschr&auml;nkungen, Menschenrechtsverletzungen und Repressionen einher. Mitunter sollte auf dem Weg zum angeblich angestrebten Gl&uuml;ck f&uuml;r Alle oder die Mehrheit mit Gewalt nachgeholfen werden. Dies gilt etwa f&uuml;r die Berufung auf &bdquo;Nation&rdquo; oder &bdquo;Religion&rdquo;, &bdquo;Sozialismus&rdquo; oder &bdquo;Vernunft&rdquo;, etablierten sich doch in deren Namen diktatorische Regime von autorit&auml;ren bis totalit&auml;ren Systemen zur Unterdr&uuml;ckung gro&szlig;er Teile der Bev&ouml;lkerung.<\/p>\n<p>Hierzu findet man im Nachhinein unterschiedliche Deutungen: Entweder besteht die Auffassung, dass es sich dabei um die Konsequenzen von Grundprinzipien handele, welche bereits in den jeweiligen Auffassungen inhaltlich angelegt waren. Oder man postuliert die Einsch&auml;tzung, es handele sich hierbei um den Missbrauch von Wertvorstellungen, die eigentlich ganz andere politische Implikationen hatten. Unabh&auml;ngig von einer Positionierung in dieser Frage, die nach dem jeweiligen konstitutiven Prinzip eines Normensystems auch ganz unterschiedlich ausfallen kann, belegt die historische und politische Erfahrung eine Kompatibilit&auml;t mit diktatorischen Folgen. Daraus ergibt sich f&uuml;r die inhaltliche Ausrichtung der moralischen Grundlagen einer modernen Gesellschaft das Gebot, nur Inhalte und Prinzipien ohne eine Anschlussf&auml;higkeit an solche Konsequenzen zum Bestandteil einer Leitkultur zu machen. Dies schlie&szlig;t &bdquo;Religion&rdquo; in Form des Christentums oder des Islam angesichts einschl&auml;giger Erfahrungen in der Geschichte aber aus.<\/p>\n<p>Demgegen&uuml;ber ist der Humanismus in seiner ideengeschichtlichen Entwicklung immer ganz zentral mit jenen Inhalten verbunden gewesen, welche als normative Bestandsteile heutiger demokratischer Verfassungsstaaten gelten. Dies betrifft insbesondere die &bdquo;Menschenw&uuml;rde&#8220;[35], also die Auffassung, wonach allen Menschen unabh&auml;ngig von Alter, Ethnie, Geschlecht, Herkunft,&rdquo; Religion oder Status aufgrund ihres Menschseins ein Achtungs- und Wertanspruch in Verbindung mit der Gew&auml;hrung einschl&auml;giger Grundrechte zukommt. Man kann in dieser Auffassung das Konstitutionsprinzip und den Leitbegriff moderner demokratischer Verfassungsstaaten sehen. Insofern findet sich die Berufung auf die &bdquo;Menschenw&uuml;rde&rdquo; auch an erster Stelle daf&uuml;r bedeutsamer Erkl&auml;rungen oder Gesetze wie der Franz&ouml;sischen Erkl&auml;rung der Menschen- und B&uuml;rgerrechte von 1789 mit der Aussage &bdquo;Alle Menschen sind frei und gleich an W&uuml;rde und Rechten geboren.&#8220;[36] oder dem deutschen Grundgesetz von 1949 mit der Formulierung &bdquo;Die W&uuml;rde des Menschen ist unantastbar.&#8220;[37] im jeweils ersten Artikel.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"x-das-gesellschaftsbezogene-argument-der-hoehere-realitaetsgehalt\">X. Das gesell&shy;schafts&shy;be&shy;zo&shy;gene Argument: Der h&ouml;here Reali&shy;t&auml;ts&shy;ge&shy;halt<\/span><\/h2>\n<p>Das zweite Argument f&uuml;r die Priorit&auml;tensetzung &bdquo;Humanismus statt Religion als Leitkultur&rdquo; bezieht sich auf die gesellschaftliche Ebene und dabei auf den h&ouml;heren Realit&auml;tsgehalt. In diesem Kontext muss noch einmal daran erinnert werden, dass Deutschland nicht mehr ein monoreligi&ouml;ses, sondern ein multireligi&ouml;ses Land ist. Zwar pr&auml;gte das Christentum Einstellungen und Kultur, wobei dies aus der Perspektive humanistischer Auffassungen sowohl mit negativen wie mit positiven Pr&auml;gungen und Wertvorstellungen verbunden war. Gleichwohl f&uuml;hrte die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahre hinsichtlich der Einstellungen zu Religion in mehrfacher Hinsicht zu einem heterogenen Zustand: Noch nicht einmal zwei Drittel der deutschen B&uuml;rger geh&ouml;ren den christlichen Kirchen an, wovon wiederum ein nicht unbetr&auml;chtlicher Teil dies mehr aus Gewohnheit denn &Uuml;berzeugung ist. Mit knapp einem Drittel besteht ein relativ hoher Anteil von Konfessionslosen. Und die Muslime bilden eine sozial &uuml;beraus relevante religi&ouml;se Minderheit.[38]<\/p>\n<p>Auf Grund dieser sozialen Gegebenheiten und eines kontinuierlichen S&auml;kularisierungsprozesses k&ouml;nnen religi&ouml;se Auffassungen immer weniger die moralische Grundlage f&uuml;r eine moderne und pluralistische Gesellschaft bilden. Ein darauf bezogener Realit&auml;tsgehalt ist nicht nur bezogen auf die mangelnde Begr&uuml;ndbarkeit von Inhalten des Glaubens, sondern auch hinsichtlich deren schwindender Verankerung in der Bev&ouml;lkerung immer weniger auszumachen. Demgegen&uuml;ber k&ouml;nnen die erw&auml;hnten Auffassungen und Grundprinzipien des Humanismus sehr wohl f&uuml;r sich soziale Akzeptanz beanspruchen, bilden sie doch die konstitutive Grundlage f&uuml;r das Selbstverst&auml;ndnis der offenen Gesellschaft und der Verfassungsordnung eines demokratischen Rechtsstaates. Nur durch die Akzeptanz solcher Minimalbedingungen, die der Philosoph John Rawls den &bdquo;&uuml;berlappenden Konsensus&#8220;[39] und der Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel den &bdquo;nicht-kontroversen Sektor&#8220;[40] genannt haben, kann &uuml;berhaupt eine &bdquo;Einheit in Vielfalt&rdquo; im Sinne des Pluralismus funktionieren.<\/p>\n<p>Die Einsicht darin, dass Grundrechte und Individualit&auml;t als Bestandteile der Menschenw&uuml;rde als Bestandteile solcher Prinzipien zu gelten haben, ist gesellschaftlich weiter verbreitet als der besondere Glaube an einen spezifischen Gott. Insofern kommt einem solchen Konzept als moralischer Grundlage einer modernen Gesellschaft auch ein h&ouml;herer Realit&auml;tsgehalt als das der Religion zu. Gegen&uuml;ber solchen Auffassungen bemerkte Papst Benedikt XVI. noch als Kardinaldekan Joseph Ratzinger: &bdquo;Es konstituiert sich eine Diktatur des Relativismus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Ma&szlig; nur das Ich und seine Bed&uuml;rfnisse l&auml;sst.&#8220;[41] Hier artikuliert sich &mdash; beabsichtigt oder unbeabsichtigt &#8211; eine Verwechselung von &bdquo;Pluralismus&rdquo; und &bdquo;Relativismus&rdquo;: W&auml;hrend die letztgenannte Auffassung keine allgemein g&uuml;ltigen Normen zugunsten einer indifferenten Duldung aller Wertvorstellungen anerkennt, bildet beim Pluralismus gerade die Akzeptanz von Minimalbedingungen wie etwa der Menschenw&uuml;rde beim Humanismus die Voraussetzung f&uuml;r soziales Miteinander [42]<\/p>\n<p><b>XI. Das kultur&uuml;bergreifende Argument: <br \/>Die gr&ouml;&szlig;ere Verallgemeinerbarkeit<\/b><\/p>\n<p>Und als drittes Argument zur St&auml;rkung der Position &bdquo;Humanismus statt Religion als Leitkultur&rdquo; sei auf die kultur&uuml;bergreifende Dimension der gr&ouml;&szlig;eren Verallgemeinerbarkeit verwiesen. Eigentlich handelt es sich um eine Fortsetzung der zuvor vorgetragenen Auffassungen, geht es hier doch ebenfalls um die Frage einer allseitigen Akzeptanz der moralischen Grundlagen f&uuml;r eine moderne Gesellschaft. Eine solche ist nicht mehr monokulturell, sondern multikulturell gepr&auml;gt. Diese Feststellung bezieht sich nicht nur auf die Pr&auml;senz nicht-ethnisch Deutscher, sondern auch auf einen Pluralismus unter den ethnisch Deutschen selbst. Hier soll es aber prim&auml;r um den Gesichtspunkt eines gemeinsamen Normenfundaments auch f&uuml;r B&uuml;rger aus anderen Kulturkreisen gehen. Um ihrer Anerkennung und Integration auf Basis der Grundprinzipien einer offenen Gesellschaft willen, k&ouml;nnen diese im Sinne einer Leitkultur nicht partikular wie &bdquo;christlich&rdquo; oder &bdquo;deutsch&rdquo; sein. Vielmehr bedarf es hier einer kultur&uuml;bergreifenden und universellen Pr&auml;gung solcher Werte.<\/p>\n<p>In diesem Kontext sei auch noch einmal an die einleitend erw&auml;hnte Auseinandersetzung um die Auffassung von einer &bdquo;deutschen&rdquo; und einer &bdquo;europ&auml;ischen&rdquo; Leitkultur erinnert. F&uuml;r ein Verst&auml;ndnis im letztgenannten Sinne fanden Aufkl&auml;rung, Demokratie, Laizismus, Menschenrechte und Zivilgesellschaft als pr&auml;gende Bestandteile Erw&auml;hnung. In ihnen k&ouml;nnen auch die Grundprinzipien des hier vertretenen s&auml;kularen Humanismus ausgemacht werden. Deren Akzeptanz bildet dann auch die einschlie&szlig;ende Dimension von Toleranz, w&auml;hrend die Gegnerschaft zu diesen Wertvorstellungen in einem aus-schlie&szlig;enden Sinne an die Grenzen der Toleranz sto&szlig;en.[43] Hier darf dann auch J&uuml;rgen Habermas zustimmend zitiert werden: &bdquo;In multikulturellen Gesellschaften kann die rechtsstaatliche Verfassung nur Lebensformen tolerieren, die sich im Medium solcher nicht-fundamentalistischer &Uuml;berlieferungen artikulieren, weil die gleichberechtigte Koexistenz dieser Lebensformen die gegenseitige Anerkennung der verschiedenen kulturellen Mitgliedschaften verlangt.&rdquo;[44]<\/p>\n<p>Ein inhaltlicher Gesichtspunkt, der eine kultur&uuml;bergreifende Dimension aufweist, kann im erw&auml;hnten Kantschen kategorischen Imperativ gesehen werden. Hierbei handelt es sich um den besonderen Ausdruck der &bdquo;Goldenen Regel&rdquo;, also dem Grundsatz einer praktischen Ethik, wonach man andere Personen so behandeln soll, wie man von ihnen selbst behandelt werden will. Diese Aufforderung erf&uuml;llt im doppeltem Sinne den Anspruch universeller Pr&auml;gung: Sie geh&ouml;rt zum Normenbestand nahezu aller Kulturen der Welt und sie verf&uuml;gt &uuml;ber eine jahrtausendelange Tradition gesellschaftlicher Verankerung. Obwohl die &bdquo;Goldene Regel&rdquo; wohl im s&auml;kularen Kontext des Konfuzianismus entstand, fand sie auch in vielen Religionen als moralisches Gebot Aufnahme. Daher k&ouml;nnte in ihr nicht nur die Basis f&uuml;r ein interkulturelles Humanismus-, sondern auch f&uuml;r ein interkulturelles Rechtsverst&auml;ndnis gesehen werden.[45] Neuere Erkenntnisse aus dem<br \/>Bereich der Evolutions- und Verhaltensforschung deuten so etwas dar&uuml;ber hinaus aus anthropologischer Perspektive an.[46]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"xii-schlusswort-und-zusammenfassung\">XII. Schlusswort und Zusam&shy;men&shy;fas&shy;sung<\/span><\/h2>\n<p>Abschlie&szlig;end soll hier noch einmal auf zwei m&ouml;gliche Einw&auml;nde oder potentielle Missverst&auml;ndnisse der vorgetragenen Auffassung eingegangen werden: Dem Pl&auml;doyer &bdquo;Humanismus statt Religion als Leitkultur&rdquo; geht es nicht darum, dem Gl&auml;ubigen sein Recht auf Religionsfreiheit einzuschr&auml;nken oder der Glaubensgemeinschaft ihr &ouml;ffentliches Wirken zu untersagen. Beide Absichten st&uuml;nden im Gegensatz zu der als konstitutives Prinzip des Humanismus geltenden Menschenw&uuml;rde. Religion d&uuml;rfte aber durch die postulierte Auffassung bez&uuml;glich der Ausrichtung moralischer Grundlagen einer modernen Gesellschaft in die ,zweite Reihe&#8220; -treten. Der den meisten Religionen eigene Anspruch, allein dem Menschen den Weg zum Heil zeigen zu k&ouml;nnen, kann in einer multireligi&ouml;sen Gesellschaft eben nur f&uuml;r die Ebene des Glaubens und nicht f&uuml;r die Politik Legitimit&auml;t beanspruchen. Eine besondere Religion h&auml;tte als Deutungsangebot und Sinnsystem den gleichen Status wie andere Deutungsangebote und Sinnsysteme in einer pluralistischen Sozialordnung.<\/p>\n<p>Ein weiterer Einwand k&ouml;nnte sich auf die Position beziehen, wonach die inhaltlichen Grundprinzipien des s&auml;kularen Humanismus auch die inhaltlichen Grundprinzipien des demokratischen Verfassungsstaates seien. Mit dieser Auffassung verbindet sich keineswegs eine Einstellung im Sinne von &bdquo;Apologie&rdquo; oder &bdquo;Herrschaftslegitimation&rdquo;. Das referierte Postulat geht zun&auml;chst einmal davon aus, dass solche politischen Systeme im historischen Vergleich das bislang h&ouml;chste Ma&szlig; an individueller Freiheit und Sicherheit gew&auml;hrleisteten. Diese Einsicht bedeutet keineswegs die kritiklose Akzeptanz aller gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten in solchen Systemen, gleichwohl aber die Berufung auf deren normative Grundlagen als Ausgangsbasis f&uuml;r Kritik an und Protest gegen bedenkliche Entwicklungen und ungerechte Zust&auml;nde. In keinen anderen Gesellschaftsordnungen kann unter Berufung auf deren konstitutive Prinzipien legale und legitime Kritik an den in Folge eines demokratischen Wahlaktes an die Regierung gelangten Herrschenden ge&uuml;bt werden.<\/p>\n<p>Bilanzierend lassen sich die vorstehenden Ausf&uuml;hrungen wie folgt zusammenfassen: Gegen die Erhebung der Religion als einem Bestandteil oder gar zentralem Prinzip der Leitkultur einer modernen und offenen Gesellschaft sprechen erstens die ambivalente Deutbarkeit von Glaubensgeboten in Richtung Intoleranz, zweitens die mangelnde Begr&uuml;ndbarkeit zentraler Annahmen der Religion und drittens das Bestehen eines multireligi&ouml;sen Gemeinwesens ohne allgemeine Akzeptanz f&uuml;r spezifische Glaubensgebote. Daher d&uuml;rfte eine Erhebung von Religion zur Leitkultur eher f&uuml;r soziale Folgen im Sinne von Desintegration und Konflikttr&auml;chtigkeit stehen. Demgegen&uuml;ber weist der Humanismus als ein auf der Menschenw&uuml;rde gr&uuml;ndendes Sinnsystem bedeutende Vorz&uuml;ge auf, wozu erstens die geringere Missbauchsm&ouml;glichkeit in einem antidemokratischen Sinne, zweitens der h&ouml;here Realit&auml;tsgehalt angesichts einer multireligi&ouml;sen Gesellschaft und drittens die gr&ouml;&szlig;ere Verallgemeinerbarkeit durch seine kultur&uuml;bergreifende Dimension geh&ouml;ren.<\/p>\n<p>[1] Ernst Wolfgang B&ouml;ckenf&ouml;rde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der S&auml;kularisation (1967), in: Ernst Wolfgang B&ouml;ckenf&ouml;rde, Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, Frankfurt\/M. 1991, S. 92-114, hier S. 112.<\/p>\n<p>[2] Vgl. Gerhard Czermak, &bdquo;Der freiheitliche, s&auml;kularisierte Staat &#8230;&rdquo; (Kommentar), in: <a href=\"http:\/\/www.hpd.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.hpd.de<\/a>, Nr. 8543 vom 7. Januar 2010.<\/p>\n<p>[3] Vgl. Colin Crouch, Postdemokratie, Frankfurt\/M. 2008.<\/p>\n<p>[4] Vgl. Axel Honneth (Hrsg.), Kommunitarismus. Eine Debatte &uuml;ber die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, Frankfurt\/M. 1993.<\/p>\n<p>[5] Bassam Tibi, Europa ohne Identit&auml;t? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft, M&uuml;nchen 1998, S. 154.<\/p>\n<p>[6] Friedrich Merz, Einwanderung und Identit&auml;t, in: Die Welt vom 25. Oktober 2000.<\/p>\n<p>[7] Vgl. Tobias D&uuml;rr, Der Leitkulturwart, in: Die Zeit, Nr. 45\/2000, Theo Sommer, Einwanderung ja, Ghetto nein, in: Die Zeit, Nr. 47\/2000.<\/p>\n<p>[8] Vgl. als neuere Einf&uuml;hrungen u. a. Susanne Pickel\/Gert Pickel, Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden, Eine Einf&uuml;hrung, Wiesbaden 2006; Bettina Westle\/Oscar W. Gabriel (Hrsg.), Politische Kultur. Eine Einf&uuml;hrung, Baden-Baden 2009.<\/p>\n<p>[9] &bdquo;Vielfalt sch&auml;tzen &ndash; Zusammenhalt f&ouml;rdern&rdquo; &ndash; Rede von Bundespr&auml;sident Christian Wulff zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit (Bremen, 3. Oktober 2010), in: <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.bundespraesident.de<\/a><\/p>\n<p>[10] Vgl. als kritische, aber polemische Stellungnahmen dazu Henry M. Broder\/Reinhard Mohr, Geh&ouml;ren wir Ungl&auml;ubigen auch dazu? in: Der Tagesspiegel vom 6. Oktober 2010; Michael Schmidt-Salomon, Wie blind sind unsere Politiker eigentlich?, in: <a href=\"http:\/\/www.hpd.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.hpd.de<\/a>, Nr. 10406 vom 8. Oktober 2010.<\/p>\n<p>[11] J&uuml;rgen Habermas, Religion in der &Ouml;ffentlichkeit. Kognitive Voraussetzungen f&uuml;r den &bdquo;&ouml;ffentlichen Vernunftgebrauch&rdquo; religi&ouml;ser und s&auml;kularer B&uuml;rger, in: J&uuml;rgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufs&auml;tze, Frankfurt\/M. 2005, S. 119-154, hier S. 137.<\/p>\n<p>[12] Vgl. zur Debatte auch Paolo Flores D&#8217;Arcais, Elf Thesen zu Habermas, in: Die Zeit, Nr. 48\/2007; J&uuml;rgen Habermas, Babylonisches Stimmengewirr, in: Die Zeit, Nr. 49\/2007.<\/p>\n<p>[13] Eine Einbeziehung anderer Religionen w&uuml;rde den Rahmen der vorliegenden Abhandlung sprengen. Entsprechend der vorgenommen Definition rechnet die erw&auml;hnte Sammelbezeichnung den Buddhismus nicht dazu, fehlt ihm doch die transzendente Ebene eines Glaubens an einen &bdquo;Gott&rdquo; oder das &bdquo;G&ouml;ttliche&rdquo;.&nbsp;,<\/p>\n<p>[14] Hans Maier, Das Doppelgesicht des Religi&ouml;sen. Religion -Gewalt &ndash; Politik, Freiburg 2004, S. 17.<\/p>\n<p>[15] Vgl. u.a. Rene Girard, Das Heilige und die Gewalt, Z&uuml;rich 1987; Hans G. Kippenberg, Gewalt als Gottesdienst. Religionskriege im Zeitalter der Globalisierung, M&uuml;nchen 2008.<\/p>\n<p>[16] Vgl. in der Bibel (Neues Testament): Johannes Evangelium 15, Vers 6; Lukas-Evangelium, 19, Vers 27; Matth&auml;us-Evangelium 10, Vers 34f. und 37, 13, Vers 41&pound; und im Koran: Sure 4, Vers 56; Sure 9, Vers 5, 29 und 63 Sure 47, Vers 4.&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211; &#8211;&nbsp;&#8211;<\/p>\n<p>[17] Vgl. u. a. Norbert Hoerster, Die Frage nach Gott, M&uuml;nchen 2005; John Leslie Mackie, Das Wunder des Theismus. Argumente f&uuml;r und gegen die Existenz Gottes, Stuttgart 1985.<\/p>\n<p>[18] Vgl. u.a. Karlheinz Deschner, Der gef&auml;lschte Glaube. Eine kritische Betrachtung kirchlicher Lehren und ihrer historischen Hintergr&uuml;nde, M&uuml;nchen 1988; Hans Jansen, Mohammed. Eine Biographie, M&uuml;nchen 2008.<\/p>\n<p>[19] Helmut Schmidt, Zum Ethos des Politikers, in: Helmut Schmidt, Religion in der Verantwortung. Gef&auml;hrdungen des Friedens im Zeitalter der Globalisierung, Berlin 2011, S. 197-215, hier S. 202.<\/p>\n<p>[20] Der Begriff schlie&szlig;t demnach nicht nur bedeutende Gruppen mit unterschiedlichen religi&ouml;sen Ausrichtungen, sondern auch bedeutende Gruppen mit einer konfessionslosen oder nicht-religi&ouml;sen Haltung in einer Gesellschaft ein. Es geht dabei lediglich darum, dass nicht mehr von einer homogenen religi&ouml;sen Pr&auml;gung des sozialen Miteinanders gesprochen werden kann.<\/p>\n<p>[21] Die Angaben der Zahlen nach Carsten Frerk, R&uuml;ckkehr der Religion?, in: Humanismus aktuell, 11. Jg., Nr. 21\/Herbst 2007, S. 18-32, hier S. 19.<\/p>\n<p>[22] Vgl. Beate K&uuml;pper\/Andreas Zick, Riskanter Glaube. Religiosit&auml;t und Abwertung, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zust&auml;nde. Folge 4, Frankfurt\/M. 2006, S. 179-188, hier S. 180, 182 und 184.<\/p>\n<p>[23] Vgl. Katrin Brettfeld\/Peter Wetzels, Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religi&ouml;s motivierter Gewalt. Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in st&auml;dtischen Lebensr&auml;umen, Hamburg 2007, S. 140-200.<\/p>\n<p>[24] Wolfgang Huber, &bdquo;Es gibt die Pflicht zur Selbstkritik&rdquo; (Interview), in: Der Spiegel, Nr. 20 vom 10. Mai 2008, S. 46-50, hier S. 50.<\/p>\n<p>[25] Charles de Montesquieu, Vom Geist der Gesetze (1748), herausgegeben von Ernst Forsthoff, (2. Auflage) T&uuml;bingen 1992.<\/p>\n<p>[26] Vgl. Dolf Sternberger; Verfassungspatriotismus (1979), in: Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus. Schriften X, Frankfurt\/M. 1990, S. 13-17; J&uuml;rgen Habermas, Apologetische Tendenzen (1986), in: J&uuml;rgen Habermas, Eine Art Schadensabwicklung. Kleine politische Schriften VI, Frankfurt\/M. 1987, S. 120-136, hier S. 135. Hier kann nicht n&auml;her auf Begriff und Debatte eingegangen werden, vgl. Jan-Werner M&uuml;ller, Verfassungspatriotismus, Berlin 2010.<\/p>\n<p>[27] Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Haben die modernen Menschenrechte christliche Grundlagen und Urspr&uuml;nge? Kritische Reflexionen zu einem immer wieder postulierten Zusammenhang, in: Humanismus aktuell, 3. Jg., Nr.5\/November 1999, S. 66-77.<\/p>\n<p>[28] Diesen Titel tr&auml;gt auch ein Buch von Julian Nida-R&uuml;melin, &bdquo;Humanismus als Leitkultur. Ein Perspektivenwechsel, M&uuml;nchen 2006, worin sich Nachdrucke von Aufs&auml;tzen und Reden &uuml;ber Bildung, Kultur und Kunst finden, aber auf die hier zu er&ouml;rternde Thematik weder bezogen auf Humanismus noch auf Leitkultur eingegangen wird.<\/p>\n<p>[29] Vgl. u. a. August Buck, Humanismus. Seine europ&auml;ische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen, Freiburg 1987; Richard Faber\/Enno Rudolph (Hrsg.), Humanismus in Geschichte und Gegenwart, T&uuml;bingen 2002.<\/p>\n<p>[30] Vgl. u. a. Joachim Kahl, Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie f&uuml;r unsere Zeit, M&uuml;nster 2005; Paul Kurtz, Leben ohne Religion. Eupraxophie (1989), Neustadt 1993.<\/p>\n<p>[31] Vgl. u. a. Matt Ridley, Die Biologie der Tugend. Warum es sich lohnt, gut zu sein, Berlin 1997; Eckart Voland, Grundriss der Soziobiologie, 2. Auflage, Heidelberg &mdash; Berlin 2000, S. 29-134.<\/p>\n<p>[32] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), in: Immanuel Kant, Werke in sechs B&auml;nden. Band 3, K&ouml;ln 1995, S. 171-270, hier S. 215 und 226.<\/p>\n<p>[33] Vgl. u. a. Carl J. Friedrich, Der Verfassungsstaat der Neuzeit, Berlin 1953; Christian Starck, Der demokratische Verfassungsstaat. Gestalt, Grundlagen, Gef&auml;hrdungen, T&uuml;bingen 1995.<\/p>\n<p>[34] Vgl. ausf&uuml;hrlicher aus Sicht des Autors: Armin Pfahl-Traughber, Thesen zu einer Theorie es Humanismus, in: Diesseits, 20. Jg., Nr. 77\/2006, S. 22&pound;; Armin Pfahl-Traughber, Demokratischer Humanismus, in: Horst Groschopp (Hrsg.), Humanismusperspektiven, Aschaffenburg 2010, S. 87-105.<\/p>\n<p>[35] Vgl. u. a. Paul Tiedemann, Was ist Menschenw&uuml;rde? Eine Einf&uuml;hrung, Darmstadt 2006; Hans Wagner, Die W&uuml;rde des Menschen. Wesen und Normfunktion, W&uuml;rzburg 1992.<\/p>\n<p>[36] Erkl&auml;rung der Menschen und B&uuml;rgerrechte (26. August 1789), in: Walter Grab (Hrsg.), Die Franz&ouml;sische Revolution. Eine Dokumentation. 68 Quellentexte und eine Zeittafel, M&uuml;nchen 1973, S. 37-39, hier S. 37.<\/p>\n<p>[37] Grundgesetz f&uuml;r die Bundesrepublik Deutschland, Berlin 2010, S. 15.<\/p>\n<p>[38] Vgl. allgemein zu diesen Entwicklungen die gesammelten Studien in Detlef Polack, S&auml;kularisierung &mdash; ein moderner Mythos? Studien zum religi&ouml;sen Wandel in Deutschland, T&uuml;bingen 2003; Detlef Polack, R&uuml;ckkehr des Religi&ouml;sen? Studien zum religi&ouml;sen Wandel in Deutschland und Europa II, T&uuml;bingen 2009.<\/p>\n<p>[39] Vgl. John Rawls, Politischer Liberalismus, Frankfurt\/M. 1998, S. 219-263.<\/p>\n<p>[40] Vgl. Ernst Fraenkel, Demokratie und &ouml;ffentliche Meinung, in: Ernst Fraenkel, Deutschland und die westlichen Demokratien, Frankfurt\/M. 1991, S. 232-260, hier S. 246-249.<\/p>\n<p>[41] Predigt von Kardinaldekan Joseph Ratzinger bei der Messe &bdquo;pro eligendo papa&rdquo;, 18. April 2005, in: <a href=\"http:\/\/www.oecumene.radiovaticana.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.oecumene.radiovaticana.org<\/a>.<\/p>\n<p>[42[ Vgl. ausf&uuml;hrlicher zur Kritik an den Positionen des Papstes: Paolo Flores d&#8217;Arcais, Eine Kirche ohne Wahrheit? in: Joseph Ratzinger\/Paolo Flores d&#8217;Arcais, Gibt es Gott? Wahrheit, Glaube, Atheismus, Berlin 2006, S. 69-106; Alan Posener, Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikans auf die moderne Gesellschaft, Berlin 2009, S. 19-50.<\/p>\n<p>[43] Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Toleranz braucht Grenzen. Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Kulturpluralismus und gegen Kulturrelativismus, in: Vorg&auml;nge, 46. Jg., Nr. 179 vom September 2007, S. 110-119.<\/p>\n<p>[44] J&uuml;rgen Habermas, Anerkennungsk&auml;mpfe im demokratischen Rechtsstaat, in: Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Ankerennung (1992). Mit Kommentaren von Amy Gutmann, Steven C. Rockefeller, Michael Walzer, Susan Wolf. Mit einem Betrag von J&uuml;rgen Habermas, Frankfurt\/M. 1993, S. 147-196, hier S. 177.<\/p>\n<p>[45] Vgl. u. a. Otfried H&ouml;ffe, Vernunft und Recht. Bausteine zu einem interkulturellen Rechtsdiskurs, Frankfurt\/M. 1996; Otfried H&ouml;ffe, Gibt es ein interkulturelles Strafrecht? Ein philosophischer Versuch, Frankfurt\/M. 1999.<\/p>\n<p>[46] Vgl. u. a. Stefan Klein, Der Sinn des Gebens. Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen, Frankfurt\/M. 2010; Michael Tomasello, Warum wir kooperieren, Berlin 2010.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1865],"publikationen":[1439],"class_list":["post-11780","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-armin-pfahl-traughber","publikationen-194-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Humanismus statt Religion als Leitkultur - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/194-vorgaenge\/publikation\/humanismus-statt-religion-als-leitkultur\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Humanismus statt Religion als Leitkultur - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zu den moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, aus: vorg&auml;nge Nr. 194, Heft 2\/2011, S. 45-59 I. 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