{"id":11803,"date":"2010-12-01T23:50:00","date_gmt":"2010-12-01T22:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-28\/"},"modified":"2010-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2010-12-01T11:00:00","slug":"editorial-28","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/editorial-28\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 1-3<\/p>\n<p>Als das Nachrichtenmagazin &#132;Der Spiegel&#148; 1962 der Bundeswehr attestierte, &#132;bedingt abwehrbereit&#148; zu sein, witterte der Bundesverteidigungsminister einen &#132;Abgrund von Landesverrat&#148;, lie\u00df den Herausgeber festnehmen und musste doch nach wenigen Wochen auf Druck der \u00d6ffentlichkeit diesen wieder freilassen und selbst zur\u00fccktreten. Der abgewehrte Angriff auf das selbsternannte &#132;Sturmgesch\u00fctz der Demokratie&#148; war die Sternstunde klassischer \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Knapp f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter tr\u00e4gt das Gesch\u00fctz den Namen Wikileaks, es verbreitet im Internet weltweit f\u00fcr jedermann einsehbar 250.000 Dokumente voller Interna der amerikanischen Diplomatie und bringt damit die US-Regierung in die Bedrouille. Auch diese sieht sich vor einem Abgrund von Landesverrat, ihre Gegenma\u00dfnahmen erweisen sich allerdings als hilflos. Das Material ist jedermann zug\u00e4nglich, dem &#132;Spiegel&#148; bleibt die Aufgabe, es publikumsgerecht aufzubereiten. Es ist die Sternstunde der neuen \u00d6ffentlichkeit &#150; und so die Ank\u00fcndigungen des Wikileaks Chefs Julian Assange nicht \u00fcbertrieben sind, werden ihr weitere folgen.<\/p>\n<p>Die beiden Ereignisse markieren den Wandel der \u00d6ffentlichkeit in den letzten Jahren. Zum Zeitpunkt der Spiegelaff\u00e4re schuf J\u00fcrgen Habermas mit seiner Habilitationsschrift zum &#132;Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit&#148; den ma\u00dfgeblichen theoretischen Referenzrahmen zur zeitgem\u00e4\u00dfen Fassung dieses Begriffes. Seitdem ist \u00d6ffentlichkeit sowohl als Forum gesellschaftlicher Selbstverst\u00e4ndigung und Integration als auch in ihrer Kontroll- und Legitimationsfunktion gegen\u00fcber demokratischer Herrschaft Ver\u00e4nderungen unterworfen, die eine neue Konzeptionierung dieses Begriffes sinnvoll erscheinen lassen &#150; wobei fraglich ist, ob sich die divergierenden Entwicklungen noch sinnvoll unter <i>einen <\/i>Begriff der \u00d6ffentlichkeit fassen lassen. Schon im sp\u00e4teren Habermas scheu Konzept blieb vage, in welchen Verh\u00e4ltnis gesellschaftliche Deliberation zur Legitimation staatlichen Handelns steht. W\u00e4hrend sich die Staaten transnationalisierten, verharren deren \u00d6ffentlichkeiten im nationalen Geh\u00e4use. Die von Habermas seinerzeit als Refeudalisierung kritisierte inszenatorische und manipulative Form der \u00d6ffentlichkeit hat in postdemokratischen Zeiten eine neue Qualit\u00e4t erreicht. Diese manifestiert sich in einer Pluralisierung des Angebots von elektronischen und Printmedien, deren zugrunde liegende \u00f6konomische Dynamik gleichzeitig die damit insinuierte Meinungsvielfalt auf einen selbstreferenziellen Medien-Mainstream schrumpfen l\u00e4sst. Unklar ist, in welchem Ma\u00dfe Gegen\u00f6ffentlichkeit ein Therapeutikum ist. Die vermeintliche Vielfalt des Medienangebots korrespondiert mit einer Individualisierung der Nutzer. Der damit einhergehenden Fragmentierung der Gesellschaft steht das Gleichheitsversprechen gegen\u00fcber, mit dem die Nutzung des Internets unterlegt ist &#151; die derzeit programmatisch optimalste Kombination von Freiheit und Gleichheit in der Medienwelt. Dieses Versprechen ist technisch definiert &#151; aber wie wird es inhaltlich eingel\u00f6st? Die Fragen sind Grund genug, dem Wandel der \u00d6ffentlichkeit diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>zu widmen.<\/p>\n<p><i>Marian Adolf <\/i>und <i>Nico Stehr <\/i>nehmen Habermas &#132;Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit&#148; zur Folie, auf deren Hintergrund sie diesen Wandel hin zu einer neuen \u00d6ffentlichkeiten fortschreiben, die sie gegen die betreute \u00d6ffentlichkeit fr\u00fcherer Jahre abgrenzen. Die Grenzen zwischen privater und \u00f6ffentlicher Kommunikation erodieren zusehends und auch die Nutzungsmuster des umfassenden Medienportfolios pluralisieren sich. Zugleich ist eine weitere Diversifizierung und Individualisierung von \u00d6ffentlichkeiten zu beobachten.<\/p>\n<p><i>Dirk Baecker <\/i>geht der Rolle der vierten Gewalt im Wechselspiel mit den ersten drei nach und erkennt deren Wesen in einem offenen Netzwerk von Produktionen, Meinungen, Interessen und Konsequenzen, in dem das Publikum frei in der Wahl seiner Verkn\u00fcpfungen ist und das sich von daher jeder einseitigen Zurichtung entzieht und offen f\u00fcr jederzeitigen Wandel ist.<\/p>\n<p>Hingegen geht <i>Jeffrey Wimmer<\/i> in Anlehnung an Habermas von einer fortwirkenden Vermachtung der \u00d6ffentlichkeit aus, da die neuen Medientechnologien nichts grundlegend an den \u00f6konomischen Herrschaftsstrukturen ge\u00e4ndert haben. Die neuen Medien sind folglich nicht allein Foren einer Gegen\u00f6ffentlichkeit, sondern werden auch von den etablierten Konzernen und politischen Akteuren f\u00fcr ihre Zwecke (aus)genutzt.<\/p>\n<p><i>Andreas Fisahn <\/i>erforscht die Konstitutionsbedingungen einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit und fordert von den europ\u00e4ischen Institutionen, die Zentralit\u00e4t des politischen Konfliktes zu organisieren, um dadurch die demokratische \u00d6ffentlichkeit zur Entfaltung zu bringen. Der passende Ort dazu ist das europ\u00e4ische Parlament.<\/p>\n<p><i>Sebastian M\u00fcller <\/i>untersucht an den Beispielen Gro\u00dfbritannien, Kroatien und Deutschland die europ\u00e4ischen Medienstrukturen und pl\u00e4diert f\u00fcr einen \u00f6ffentlich-rechtlichen Sektor, der \u00f6konomisch so ausgestattet sein soll, dass seine Unabh\u00e4ngigkeit gew\u00e4hrleistet ist.<\/p>\n<p><i>Tom Schimmeck<\/i> h\u00e4lt ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr die klassischen Qualit\u00e4ten des Journalismus und gegen dessen \u00f6konomische Verflachung oder politische Vereinnahmung und eine damit einhergehende journalistische Selbstentm\u00fcndigung.<\/p>\n<p><i>Thymian Bussemer <\/i>durchforstet das Biotop der Berliner Medienrepublik und zeichnet ein f\u00fcr beide Seiten wenig schmeichelhaftes Bild der Beziehung von Politik und Medien.<\/p>\n<p><i>Hans J. Kleinsteuber<\/i> und <i>Katrin Voss<\/i> stellen die Website &#132;abgeordnetenwatch.de&#148; als einen gelungenen Beitrag der neuen Medien zur St\u00e4rkung der repr\u00e4sentativen Demokratie vor.<\/p>\n<p><i>Annegret Falter <\/i>analysiert die Rolle von Wikileaks und Whistleblowern in der Demokratie und bem\u00e4ngelt deren mangelhaften rechtlichen Schutz.<\/p>\n<p><i>Michael Klundt<\/i> untersucht, wie weit es mit der auch rechtlich garantierten Teilhabe von Kindern am politischen und kulturellen Leben her ist, und fordert eine Kinder\u00f6ffentlichkeit, die deren Belange bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In seinem Essay geht <i>Dieter Rulff<\/i> dem Dilemma einer Klimapolitik nach, die zum Erfolg verdammt ist, aber einen erfolgreichen Weg dorthin nicht benennen kann, und kommt zu dem skeptisch-realistischen Res\u00fcmee, dass man die Katastrophe, die es zu verhindern gilt, wohl auch denken muss.<\/p>\n<p><i>Thomas Meyer<\/i> unterzieht die neueren Begrifflichkeiten, auf die soziale Ungleichheit gebracht wird, einer kritischen Analyse und entdeckt in ihrem Kern bekannte klassengesellschaftliche Muster.<\/p>\n<p><i>Michael L\u00fchmann<\/i> erkennt in dem demoskopischen H\u00f6henflug der Gr\u00fcnen nicht allein das Ergebnis einer gelungenen, geschlossenen Performance, sondern auch die Frucht beharrlichen Festhaltens an Konfliktlinien, die mittlerweile den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen zu dieser Ausgabe der vorg\u00e4nge eine anregende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Ihr<br \/>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2827],"class_list":["post-11803","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-192-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/editorial-28\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 1-3 Als das Nachrichtenmagazin &#132;Der Spiegel&#148; 1962 der Bundeswehr attestierte, &#132;bedingt abwehrbereit&#148; zu sein, witterte der Bundesverteidigungsminister einen &#132;Abgrund von Landesverrat&#148;, lie\u00df den Herausgeber festnehmen und musste doch nach wenigen Wochen auf Druck der \u00d6ffentlichkeit diesen wieder freilassen und selbst zur\u00fccktreten. 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