{"id":11807,"date":"2010-12-01T21:00:00","date_gmt":"2010-12-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zur-notwendigkeit-einer-europaeischen-oeffentlichkeit\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:57","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:57","slug":"zur-notwendigkeit-einer-europaeischen-oeffentlichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/zur-notwendigkeit-einer-europaeischen-oeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Zur Notwendigkeit einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 35-45<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-das-problem-der-europaeischen-oeffentlichkeit\">I. Das Problem der europ&auml;&shy;i&shy;schen &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Das BVerfG hat im Urteil zum Lissabon Vertrag die europ&auml;ische Demokratie klein geschrieben und die Legitimation europ&auml;ischer Regeln aus der Legitimation der nationalen Parlamente abgeleitet. Eine der Begr&uuml;ndungen fair den nationalstaatlichen Fokus in dem Urteil ist das &bdquo;Problem&rdquo; der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit. Im Urteil hei&szlig;t es w&ouml;rtlich: &bdquo;Demokratie bedeutet nicht nur die Wahrung formaler Organisationsprinzipien und nicht allein eine korporative Einbindung von Interessengruppen. Demokratie lebt zuerst von und in einer funktionsf&auml;higen &ouml;ffentlichen Meinung, die sich auf zentrale politische Richtungsbestimmungen und die periodische Vergabe von politischen Spitzen&auml;mtern im Wettbewerb von Regierung und Opposition konzentriert. Diese &ouml;ffentliche Meinung macht f&uuml;r Wahlen und Abstimmungen erst die Alternativen sichtbar und ruft diese auch f&uuml;r einzelne Sachentscheidungen fortlaufend in Erinnerung, damit die politische Willensbildung des Volkes &uuml;ber die f&uuml;r alle B&uuml;rger zur Mitwirkung ge&ouml;ffneten Parteien und im &ouml;ffentlichen Informationsraum best&auml;ndig pr&auml;sent und wirksam bleiben. &#8230; Auch wenn durch die gro&szlig;en Erfolge der europ&auml;ischen Integration eine gemeinsame und miteinander im thematischen Zusammenwirken stehende europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit in ihren jeweiligen staatlichen Resonanzr&auml;umen ersichtlich w&auml;chst, so ist doch nicht zu &uuml;bersehen, dass die &ouml;ffentliche Wahrnehmung von Sachthemen und politischem F&uuml;hrungspersonal in erheblichem Umfang an nationalstaatliche, sprachliche, historische und kulturelle Identifikationsmuster angeschlossen bleibt.&#8220;[1]<\/p>\n<p>Daraus folgert das Gericht, dass es eine sachliche Begrenzung der Kompetenz&uuml;bertragung an die EU geben m&uuml;sse. Das ist erstens ein Schwindel oder zumindest eine Selbstt&auml;uschung, weil inzwischen alle wesentlichen Politikfelder, also solche, die zentral die Lebensbedingungen der B&uuml;rger in der EU bestimmen, auch in deren Kompetenzbereich f&auml;llt &#8211; mit dem Lissabon Vertrag nicht zuletzt das Strafrecht. Zweitens ist die Forderung nach einer Begrenzung der Kompetenzen nur mittelbar eine logische Schlussfolgerung &ndash; es fehlt der Zwischenschritt: ohne eine lebendige, politische &Ouml;ffentlichkeit mangelt es an einer wesentlichen Voraussetzung f&uuml;r eine europ&auml;ische Demokratie.<\/p>\n<p>Weil diese nicht zu haben ist &mdash; und genau das wollte das Gericht offenbar nicht explizit festhalten &mdash; bleibt es bei der Legitimation &uuml;ber die nationalen Parlamente und der Fiktion begrenzter Einzelerm&auml;chtigungen, also der &Uuml;bertragung einzelner Kompetenzen an die EU.[2]<\/p>\n<p>Dieter Grimm hat das problematische Verh&auml;ltnis zwischen europ&auml;ischer &Ouml;ffentlichkeit und demokratischer Konstitution der EU ausf&uuml;hrlicher diskutiert. Sein vielleicht &uuml;berraschendes Fazit: eine &bdquo;volle Parlamentarisierung der Europ&auml;ischen Union nach dem Muster des nationalen Verfassungsstaats (w&uuml;rde) das europ&auml;ische Demokratieproblem eher versch&auml;rfen&rdquo; als l&ouml;sen.[3] Er weist zun&auml;chst darauf hin, dass Demokratie nicht mit Parlamentarismus gleichgesetzt werden d&uuml;rfe, sondern ein Mehr beinhalte. &bdquo;Der parlamentarische Betrieb allein gew&auml;hrleistet jedoch noch keine demokratischen Strukturen.&#8220;[4] Vielmehr brauche es intermedi&auml;re Vermittlungen und R&uuml;ckbindungen der parlamentarischen Willensbildung an die gesellschaftlichen Meinungen und Interessen durch gesellschaftliche Arenen. Unter Berufung auf Habermas (Faktizit&auml;t und Geltung) konstatiert er: &bdquo;Die Verbindung zwischen den Einzelnen, ihren gesellschaftlichen Assoziationen und den staatlichen Organen (wird) vor allem von den Kommunikationsmedien aufrecht erhalten, die jene &Ouml;ffentlichkeit herstellen, durch welche allgemeine Meinungsbildung und demokratische Teilhabe erst m&ouml;glich werden.&#8220;[5] Diese Vermittlung und R&uuml;ckbindung, die erst die &bdquo;demokratische Substanz&rdquo; ausmachen, funktioniere auch in den Nationalstaaten wegen der Selbstbez&uuml;glichkeit der Parteien, der Defizite im Kommunikationssystem und der asymmetrischen Repr&auml;sentation der Interessen mit einem Vorrang &bdquo;&ouml;konomischer Imperative&rdquo; nur h&ouml;chst unzureichend. In Europa versch&auml;rfe sich das Problem aber noch, weil es v&ouml;llig an intermedi&auml;ren Strukturen mangele. Es fehle an einem europ&auml;ischen Parteiensystem, an europ&auml;ischen Verb&auml;nden und B&uuml;rgerbewegungen und vor allem an europ&auml;ischen Medien. Und hier liegt die Schwachstelle seiner Argumentation: europ&auml;ische Medien seien deutlich von nationalen Medien, auch wenn diese europ&auml;ischen Themen ansprechen, zu unterscheiden, weil letztere sich an ein &bdquo;nationales Publikum&rdquo; richten und &bdquo;damit nationalen Sichtweisen und Kommunikationsgewohnheiten verhaftet&rdquo; blieben.[6] Europ&auml;ische Medien m&uuml;ssten vielmehr zwingend einen europ&auml;ischen Markt bedienen, was voraussetze, dass die europ&auml;ischen B&uuml;rger eine gemeinsame Sprache (nicht sprechen, aber) verstehen. &bdquo;Damit ist das gr&ouml;&szlig;te Hemmnis f&uuml;r eine Europ&auml;isierung der politischen Substruktur, von der das Funktionieren eines demokratischen Systems und das Leistungsverm&ouml;gen eines Parlaments abh&auml;ngen, benannt. Es liegt in der Sprache.&#8220;[7] Dabei sieht Grimm durchaus kritisch, dass das Verst&auml;ndigungsproblem zu oligarchischen Tendenzen f&uuml;hrt, die den Abstand zwischen &ouml;konomischen und politischen Eliten im Vergleich zum Nationalstaat noch vergr&ouml;&szlig;ern. Der Grad der Oligarchisierung sei richtungsabh&auml;ngig, die Unterschichten h&auml;tten gr&ouml;&szlig;ere Probleme repr&auml;sentiert zu werden oder sich in ihrer Repr&auml;sentation wiederzufinden als die Oberschichten &bdquo;und ein &auml;hnliches Gef&auml;lle muss zwischen Verb&auml;nden, die massenhafte Mitgliederinteressen, und solchen, die anonyme Unternehmensinteressen vertreten, erwartet werden.&#8220;[8]<\/p>\n<p>Die Diagnose l&auml;sst sich inzwischen empirisch best&auml;tigen &mdash; die Bef&uuml;rchtungen sind (leider) eingetreten. Die Wahlbeteiligung an den Europawahlen sinkt kontinuierlich, wobei insbesondere die unteren Schichten zur Wahlenthaltung neigen. Dagegen ist in Europa ein Lobbyismus entstanden, der die asymmetrische Interessenvertretung in den Nationalstaaten als eher l&auml;ssliche Verzerrung der Repr&auml;sentativit&auml;t und der demokratischen R&uuml;ckbindung parlamentarischer Willensbildung erscheinen l&auml;sst. Grimm argumentiert aus der Perspektive der Massengesellschaft, die auf intermedi&auml;re Instanzen nicht verzichten kann.<\/p>\n<p>Der nahe liegende Einwand gegen die Diagnose &bdquo;Es liegt in der Sprache&rdquo; ist der Verweis auf bi- oder multilinguale Demokratien wie die Schweiz, Kanada oder auch die USA. Grimm antwortet, dass &bdquo;ein Land wie die Schweiz lange vor der Konstitutionalisierung eine nationale Identit&auml;t ausgebildet&rdquo; h&auml;tten. Die USA h&auml;tten sich auf eine Mehrheitssprache als Voraussetzung landesweiter Kommunikation eingelassen.[9] F&uuml;r die EU treffen beide Kriterien nicht zu, Englisch ist allenfalls die lingua latina der Eliten. Die Frage ist allerdings, wie sich die ber&uuml;hmte nationale Identit&auml;t herausbildet. Meistens folgte historisch die Nationenbildung und Identit&auml;tsbildung der Staatsbildung.[10] Wichtiger ist allerdings die Frage, ob es technisch ausgeschlossen ist, europ&auml;ische Kommunikationsmittel zu etablieren. Der deutsch-franz&ouml;sische Sender Arte zeigt, dass ein gemeinsamer Sender auch mit mehreren Sprachen funktionieren kann. Das gleiche l&auml;sst sich f&uuml;r eine europ&auml;ische Zeitung in mehrsprachigen Ausgaben denken. Allerdings wird das etwas kosten und l&auml;sst sich kaum als private Einrichtung denken &#8211; die Einrichtung europ&auml;ischer Medien k&ouml;nnte so nicht nur ein Beitrag zur Identit&auml;tsbildung der Europ&auml;er, sondern auch zur Anhebung des Niveaus in Rundfunk und Printmedien und damit des &ouml;ffentlichen Diskurses insgesamt sein. Die Sprache wird so eher zur technischen Frage als zu einem grunds&auml;tzlichen Problem europ&auml;ischer Demokratie &#8211; was nicht hei&szlig;t, das dieses Problem nicht existiert. Multilinguale Medien garantieren nun keineswegs, dass die Politik der EU Thema des &ouml;ffentlichen Diskurses wird, dazu bedarf es intensiverer Umgestaltungen, die unten diskutiert werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-intermediaere-instanzen\">II. Inter&shy;me&shy;di&auml;re Instanzen<\/span><\/h2>\n<p>Die Grundposition Grimms ist mit Blick auf das Verh&auml;ltnis Demokratie, Willensbildung und &Ouml;ffentlichkeit keineswegs unumstritten. Als erster hat wohl Rousseau die Gegenthese vertreten, n&auml;mlich mit der Auffassung, dass intermedi&auml;re Instanzen der Demokratie eher abtr&auml;glich sind, weil sie die &ouml;ffentliche Willensbildung oder den Allgemeinwillen verf&auml;lschen. Mit der Bildung des allgemeinen Willens ist es unvereinbar, wenn sich in der Gesellschaft Teilgesellschaften bilden, also die Gesellschaft nach St&auml;nden, Schichten, Klassen oder Religionsgemeinschaften getrennt ist oder in Verb&auml;nde, Parteien, Gewerkschaften usw. gespalten ist. Rousseau schreibt: &bdquo;Um die genaue Stimme des allgemeinen Willens zu erhalten, ist es wichtig, dass es im Staat keine Teilgesellschaften gibt und dass jeder B&uuml;rger nur seinen eigenen Standpunkt vertritt. &#8230; Wenn es jedoch Teilgesellschaften gibt, muss ihre Anzahl vermehrt und ihrer Ungleichheit vorgebeugt werden.&ldquo;[11] Rousseau sieht Repr&auml;sentation und die Vertretung von Interessen als Problem f&uuml;r die Demokratie, deren Ideal f&uuml;r ihn die Meinungsbildung und die Abstimmung aller B&uuml;rger auf dem Forum ist, also demokratische Entscheidung nach dem Vorbild des Kantons Appenzell-Innerrhoden.[12]<\/p>\n<p>J&uuml;rgen Habermas pr&auml;sentierte diese Grundposition eloquent ausgefeilt. Der &Uuml;bergang zur interventionistischen Massengesellschaft und die Entstehung intermedi&auml;rer Institutionen werden als &bdquo;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; analysiert bzw. als Niedergang der b&uuml;rgerlich-liberalen &Ouml;ffentlichkeit beklagt. Die Anf&auml;nge der b&uuml;rgerlich-liberalen &Ouml;ffentlichkeit bilden f&uuml;r ihn literarische Klubs und Kaffeeh&auml;user, die gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstehen und sich allm&auml;hlich zu einer r&auml;sonierenden &Ouml;ffentlichkeit entwickeln.[13] In den Salons, Kaffeeh&auml;usern und Tischgesellschaften sei eine permanente Diskussion der Privatleute organisiert worden. Der &ouml;ffentliche Diskurs wird schon in dieser fr&uuml;hen Schrift zum Garanten der Rationalit&auml;t, unterstellt wird mehr als die R&uuml;ckbindung der Macht an Meinungen, Werte und Interessen. Das &ouml;ffentliche R&auml;sonnement der Privatleute wird charakterisiert als &bdquo;gewaltlose Ermittlung des zugleich Richtigen und Rechten&rdquo;, das sich in der Gesetzgebung bzw. im Recht des liberalen Rechtsstaates wiederfinde.[14]<\/p>\n<p>Der Interventionismus des Staates l&ouml;se die Trennung zwischen Privatem und Staatlichem auf, weil Interessenkonflikte aus der Privatsph&auml;re (der Wirtschaft) in den Staat getragen w&uuml;rden. Die staatliche Gewalt dehne sich so ins Private aus und zerst&ouml;re die Grundlage der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit. Habermas formuliert das komplizierter: &bdquo;Erst diese Dialektik einer mit fortschreitender Verstaatlichung der Gesellschaft sich gleichzeitig durchsetzenden Vergesellschaftung des Staates zerst&ouml;rt allm&auml;hlich die Basis der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit &mdash; die Trennung von Staat und Gesellschaft. Zwischen beiden, und gleichsam &bdquo;aus&rdquo; beiden, entsteht eine repolitisierte Sozialsph&auml;re, die sich der Unterscheidung von &bdquo;&ouml;ffentlich&rdquo; und &bdquo;privat&rdquo; entzieht.&#8220;[15]<\/p>\n<p>Nun ist es prima facie nicht evident, dass mit der Verschr&auml;nkung von Privatem und Politischem das kritische R&auml;sonnement leidet. Es muss ein weiteres Element hinzutreten, das Habermas in der Verdr&auml;ngung des kritischen R&auml;sonnements durch strategisches Handeln von Verb&auml;nden und Parteien ausmacht. Diese sind es, die sich in der intermedi&auml;ren Sph&auml;re, die einstmals den Raum der kritischen &Ouml;ffentlichkeit darstellte, breit gemacht haben und das an Wahrheit und Richtigkeit orientierte R&auml;sonnement verdr&auml;ngt haben.[16] Parteien und Verb&auml;nde fungierten, so Habermas, als Interessenvertreter, die nicht das Wahre und Richtige f&uuml;r das Allgemeinwohl im Auge haben, sondern die Durchsetzung ihrer Interessen bzw. derjenigen ihrer Klientel verfolgen. Beim notwendigen Ausgleich der Interessen komme nun nicht das Wahre und Richtige heraus, sondern der &#8222;faule&#8220; Kompromiss.&rdquo;[17] Auch das Parlament verliere mit dem Interventionsstaat seinen r&auml;sonierenden Charakter, Ziel sei nicht die &Uuml;berzeugung anderer Parlamentarier, sondern die Mobilisierung des Publikums.[18] Die Massenpresse habe ihre politische Funktion eingeb&uuml;&szlig;t[19] und Funk und Fernsehen verhinderten das kritische R&auml;sonnement, weil sie die Distanz zum Verschwinden br&auml;chten, die beim Buch existiert, die Privatheit seiner Aneignung garantiert und den r&auml;sonierenden Austausch von Gedanken erm&ouml;glicht habe.[20]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-der-einbruch-der-massen-in-die-politik\">III. Der Einbruch der Massen in die Politik<\/span><\/h2>\n<p>Vor der Wertung muss eine Kontrastierung mit der Position Grimms erfolgen. Wenn es mit Habermas die Organisationen der intermedi&auml;ren Sph&auml;re sind, die den rationalen, herrschaftsfreien Diskurs unterminieren, dann &mdash; m&uuml;sste man gegen Grimm folgern &mdash; ist es f&uuml;r die Europ&auml;ische Union geradezu vorteilhaft, dass es diese Form der strategisch handelnden &Ouml;ffentlichkeit nicht gibt und der B&uuml;rger frei in seinen nationalen Klubs und Vereinen &uuml;ber die europ&auml;ische Politik r&auml;sonieren kann. Man bemerkt hoffentlich, dass diese Schlussfolgerung eher ironisch gemeint ist. Was Habermas als Verfall beschreibt, ist der Einbruch der Massen in das Politische und ihre Teilhabe an der &Ouml;ffentlichkeit. Die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung blieb von der von Habermas beschriebenen b&uuml;rgerlichen, den herrschaftsfreien Diskurs &uuml;benden &Ouml;ffentlichkeit ausgeschlossen. Ihr mangelte es sowohl an Bildung wie an Zeit und Mu&szlig;e, um sich als kritisches Publikum dem R&auml;sonnement in Kaffeeh&auml;usern hinzugeben. Der zentrale Einwand gegen die Idealisierung der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts richtet sich gegen die Tatsache, dass es eine b&uuml;rgerliche &Ouml;ffentlichkeit blieb, die &Ouml;ffentlichkeit von Honoratioren. Massendemokratie funktioniert eben nicht in elit&auml;ren Klubs, die Victor Hugo &mdash; zeitlich deutlich n&auml;her dran &mdash; als Hort der Reaktion gegen die Neuerungen der franz&ouml;sischen Revolution beschreibt. Habermas beschreibt die b&uuml;rgerliche Gesellschaft als Gesellschaft der B&uuml;rger unter sich, die das allgemein Beste herausfinden. In der Massengesellschaft kommen nun die Interessen antagonistischer Klassen hinzu, das gerade ist Evolution und nicht Verfall. Die Interessenunterschiede lassen sich aber nur teilweise zum &bdquo;Allgemeinen&rdquo; destillieren, der Rest ist &bdquo;fauler&rdquo; Kompromiss, aber der ist ebenso notwendig wie die Interessenvertretung ein demokratischer Fortschritt ist. Grimm ist deutlich realit&auml;tstauglicher als Habermas, wenn er bef&uuml;rchtet, die unzureichende Kommunikation wegen fehlender intermedi&auml;rer Instanzen in der EU f&uuml;hre zu einer Oligarchisierung der Politik.<\/p>\n<p>Habermas hat in Faktizit&auml;t und Geltung die Position gewendet. Der rationale Diskurs, meint er nun, finde im Parlament statt[21], die &Ouml;ffentlichkeit stehe au&szlig;erhalb und fungiere in Arenen des Diskurses als Seismograf f&uuml;r politische Verwerfungen, die das Parlament nicht wahrnehmen k&ouml;nne, nach dem Hinweis der &Ouml;ffentlichkeit aber einer rationalen und effektiven Bearbeitung zuf&uuml;hren k&ouml;nne, welche die &Ouml;ffentlichkeit gerade nicht[22] leiste. Habermas fasst das Verh&auml;ltnis von allgemeiner &Ouml;ffentlichkeit und politischem System so zusammen: &bdquo;Die politische &Ouml;ffentlichkeit wurde als Resonanzboden f&uuml;r Probleme beschrieben, die vom politischen System bearbeitet werden m&uuml;ssen, weil sie andernorts nicht gel&ouml;st werden. Insoweit ist die &Ouml;ffentlichkeit ein Warnsystem mit unspezialisierten, aber gesellschaftsweit empfindlichen Sensoren. Aus demokratietheoretischer Sicht muss die &Ouml;ffentlichkeit dar&uuml;ber hinaus den Problemdruck verst&auml;rken, d. h. Probleme nicht nur wahrnehmen und identifizieren, sondern auch &uuml;berzeugend und einflussreich thematisieren, mit Beitr&auml;gen ausstatten und so dramatisieren, dass sie vom parlamentarischen Komplex &uuml;bernommen und bearbeitet werden.&#8220;[23]<\/p>\n<p>Folgt man dieser Analyse einer doch sehr bescheidenen Bedeutung &ouml;ffentlicher Diskurse, braucht es nicht zwingend europ&auml;ischer Diskurse, sehr wohl aber europ&auml;isch wirksamer Mechanismen, um wahrgenommene Problemlagen in den parlamentarischen Diskurs oder besser in den Entscheidungsprozess der europ&auml;ischen Organe einzuspeisen. Die Machtasymmetrien oder normativ gewendet das Postulat gleicher Teilhabem&ouml;glichkeiten, auf das Grimm richtigerweise insbesondere mit Blick auf den Einfluss &bdquo;der Wirtschaft&rdquo; in Europa hingewiesen hat, ist aus dieser Perspektive weniger relevant. Ein Resonanzboden funktioniert nicht unter Ber&uuml;cksichtigung von Gleichheitsgesichts-punkten, sondern von Lautst&auml;rke. Grimms klassische Repr&auml;sentationslehre f&uuml;hrt hier zu deutlich kritischeren Ergebnissen als die Nachfolge &bdquo;kritischer Theorie&rdquo;, die dem Einfluss der Massen und der Legitimit&auml;t einer Repr&auml;sentanz schn&ouml;der Interessen immer noch distanziert gegen&uuml;ber steht. Eben diese Machtasymmetrien sind nicht nur ein Problem der &Ouml;ffentlichkeit, sondern der europ&auml;ischen Integration insgesamt, wie zu zeigen ist.<\/p>\n<p>Interessant ist aber ein anderer Gesichtspunkt: Grimm versteht die &Ouml;ffentlichkeit als Voraussetzung der Demokratie im Sinne einer der politischen Demokratie vorgelagerten Sph&auml;re oder Substanz, die nicht durch das demokratische Verfahren erzeugt werden kann.4 Im Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit wird implizit ein anderer Zusammenhang sichtbar. Die r&auml;sonierende &Ouml;ffentlichkeit der Privatleute entsteht in einem Prozess der Entfeudalisierung, in dem sich das &Ouml;ffentliche und das Private sowie die politische Macht von der &ouml;konomischen Sph&auml;re trennen. Das ist gleichsam die Bedingung und Folge der Entstehung eines kapitalistischen Marktes, weil u. a. die Garantie des Marktgeschehens nicht den Marktteilnehmern selbst &uuml;berlassen werden kann. Der Strukturwandel setzt dann ein als Folge der Industrialisierung und der Entstehung von Massengesellschaften, die mehr oder weniger zusammen f&auml;llt mit der Entstehung repr&auml;sentativer Systeme. F&uuml;r Habermas degeneriert der rationale Diskurs der &Ouml;ffentlichkeit durch den Einfluss neuer Institutionen, Verfahren und einer Ver&auml;nderung der sozio&ouml;konomischen Situation. Im Hintergrund wird die Dialektik von institutionellen Verschiebungen und parallel verlaufenden Verschiebungen der Diskurskultur sichtbar, die Grimm nicht sieht bzw. explizit leugnet. Politische Institutionen und &Ouml;ffentlichkeit stehen f&uuml;r ihn nebeneinander oder zeitlich hintereinander. Die &Ouml;ffentlichkeit beeinflusst die Politik oder soll dies zumindest &ndash; der Weg umgekehrt ist aber seltsamerweise versperrt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-personalisierung-der-politik\">IV. Perso&shy;na&shy;li&shy;sie&shy;rung der Politik<\/span><\/h2>\n<p>Ziehen wir noch eine andere ber&uuml;hmt gewordene Diagnose zur Entwicklung der &Ouml;ffentlichkeit zu Rate. F&uuml;r Richard Sennett dringt in &bdquo;Verfall und Ende des &ouml;ffentlichen Lebens&rdquo; nicht der Staat in die Privatsph&auml;re vor, sondern die Privatsph&auml;re in den &ouml;ffentlichen Bereich. Die Pers&ouml;nlichkeit erobere die &ouml;ffentliche Sph&auml;re, was zu einem Strukturwandel der &ouml;ffentlichen wie der privaten Sph&auml;re f&uuml;hre. Er beklagt gleichsam die Entpolitisierung der (amerikanischen) Politik und Gesellschaft, in der Politiker nicht nach ihren Programmen und der tats&auml;chlich verwirklichten Politik beurteilt werden, sondern aufgrund ihrer Person, nach ihrer Wahrhaftigkeit und Glaubw&uuml;rdigkeit, zu deren Beurteilung auch alle nicht-politischen oder privaten Lebens&auml;u&szlig;erungen herangezogen w&uuml;rden.<\/p>\n<p>Die Pers&ouml;nlichkeit als Ausdruck des individuellen Charakters ist nach Sennett eine Erfindung oder Entwicklung des sp&auml;ten 19. Jahrhunderts. Den Wandel der Pers&ouml;nlichkeitsauffassung k&ouml;nnte man als ersten Individualisierungsschub bezeichnen. Der Charakter war keine Rolle mehr, die den Personen nach Stand und sozialer Stellung zufiel und den sie deshalb in der &Ouml;ffentlichkeit zu spielen hatten, sondern er wurde aufgefasst als Ausdruck der individuellen Pers&ouml;nlichkeit, deren Innerstes sich durch unterschiedliche Merkmale offenbart, die in der &Ouml;ffentlichkeit gezeigt werden.<\/p>\n<p>Den Wandel der Auffassung vom Charakter oder der Pers&ouml;nlichkeit f&uuml;hrt Sennett auf die gewandelten gesellschaftlichen Strukturen, die sich durchsetzende Dominanz der kapitalistischen Warenproduktion und den &Uuml;bergang zur Massengesellschaft zur&uuml;ck. So entstehe eine Ideologie der Intimit&auml;t, wonach soziale Beziehungen umso glaubhafter und realer seien, je n&auml;her sie den inneren, psychischen Bed&uuml;rfnissen der Einzelnen k&auml;men. Ergebnis dieser Ideologie sei die Zerst&ouml;rung der &Ouml;ffentlichkeit und das Entstehen einer unzivilisierten Kultur. Es werde erwartet, dass die Person in der &Ouml;ffentlichkeit ihr Selbst zur Schau stelle oder offenbare. Zivilisiertheit setze Distanz voraus, die durch das Vordringen der Pers&ouml;nlichkeit in die &ouml;ffentliche Sph&auml;re verloren gegangen sei.[25] Den Verfall der &Ouml;ffentlichkeit spitzt Sennett schlie&szlig;lich zur Tyrannei der Intimit&auml;t zu: die Intimit&auml;t beherrsche das Alltagsleben, ihre Tyrannei bestehe darin, dass sie zum einzigen Wahrheitskriterium werde, nach dem die Wirklichkeit erfasst und strukturiert werde.[26] Obwohl die Tyrannei der Intimit&auml;t einen spezifischen Narzissmus mobilisiere, zu einer Gesellschaft narzisstischer Pers&ouml;nlichkeiten f&uuml;hre, finde eine &ouml;ffentliche Artikulation von Interessen nicht statt. Die Pers&ouml;nlichkeit beziehe sich nur auf sich selbst, mache auch sich selbst f&uuml;r ihr Schicksal verantwortlich, was sie davon ab-halte, soziale Interessen zu formulieren, individuelle Interessen auch als Gruppeninteressen zu erkennen.[27]<\/p>\n<p>Zun&auml;chst ist zu bemerken, dass auch Sennett die &Ouml;ffentlichkeit als abh&auml;ngige Variable analysiert, als in gesellschaftliche Strukturen eingebettet und keineswegs diesen vorgelagert. Weiter l&auml;sst sich Sennetts Beschreibung folgen. Die Entstehung demokratischer Massengesellschaften ist mit einer Personalisierung der Politik verbunden. Die normative Bewertung muss allerdings ambivalent ausfallen: die Personalisierung bedeutet einerseits eine Abdr&auml;ngung der politischen Inhalte und Programme aus dem &ouml;ffentlichen Diskurs und f&uuml;hrt angesichts der Dominanz des Fernsehens tendenziell zu einer Ann&auml;herung der politischen Sph&auml;re an das Showbusiness zumindest zur &Uuml;bernahme von Show-Elementen, die in den Ph&auml;nomenen Reagan, Berlusconi, Schwarzenegger oder Erdogan auch als Degeneration des Politischen begriffen werden k&ouml;nnen. Umgekehrt wird durch die Personalisierung Politik verst&auml;ndlich und gleichsam transportabel und vermittelbar. Personen stehen f&uuml;r eine politische Richtung, verk&ouml;rpern gleichsam ein politisches Programm, das erst &uuml;ber die personale Vermittlung die Mehrheit der Menschen, die Politik nur neben ihrem arbeitsintensiven Alltag verfolgen k&ouml;nnen, erreichen kann. Der Charakter der Person wird dann auch Teil des Programms, aber das politische Programm eben auch Teil des Charakters der politischen Pers&ouml;nlichkeit.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-oeffentlichkeit-und-europaeische-institutionen\">V. &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit und Europ&auml;ische Insti&shy;tu&shy;ti&shy;onen<\/span><\/h2>\n<p>Folgt man der Beobachtung, dass die &Ouml;ffentlichkeit eine abh&auml;ngige Variable ist oder Teil einer relationalen Beziehung zwischen sozio-&ouml;konomischen Strukturen und politischen Institutionen, dann ist ein Blick auf diese Beziehungen und die potenziellen Wirkungen auf die europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit zu richten. Eine politische &Ouml;ffentlichkeit entsteht, wandelt sich oder bleibt fragmentiert auch in Abh&auml;ngigkeit von der Anordnung der politischen Institutionen. Ihr Funktionieren h&auml;ngt davon ab, dass die Institutionenordnung das Entstehen der &Ouml;ffentlichkeit bef&ouml;rdern. Eine demokratischen Verfahren angemessene politische &Ouml;ffentlichkeit kann nur entstehen, wenn die politische Institutionenordnung den politischen Konflikt, den Streit um politische Richtungen, Werte und Interessen in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. Denn nur in diesem Fall besteht die M&ouml;glichkeit der politischen Repr&auml;sentanz unterschiedlicher Weltbilder oder Interessen: Die Repr&auml;sentanz ist bekanntlich keine Einbahnstra&szlig;e. Die Repr&auml;sentanten wirken &mdash; nach dem GG ausdr&uuml;cklich &mdash; &uuml;ber die Parteien an der politischen Willensbildung des Volkes mit. Die politische Willensbildung ist kein dem demokratischen Prozess vorgelagerter Akt, sondern inklusiver Bestandteil demokratischer Entscheidungsverfahren. Stehen andere Konflikte wie ethnische, religi&ouml;se oder nationale Konflikte im Vordergrund oder anders gesagt, gibt es strukturelle Minderheiten, st&ouml;&szlig;t das demokratische Verfahren an seine Grenzen, weil die Minderheiten &uuml;ber kurz oder lang oder in schwierigen Zeiten die Legitimit&auml;t der Mehrheits-Entscheidungen zur Disposition stellen. Nur der politische Konflikt erlaubt &Uuml;berzeugungsarbeit mittels der &Ouml;ffentlichkeit oder um-gekehrt: die &Ouml;ffentlichkeit ist Bestandteil und in diesem Sinne Voraussetzung demokratischer Verfahren, wenn diese auf die reale Chance angelegt sind, dass Minderheiten und Mehrheiten sich gegenseitig abl&ouml;sen. Diese Chance muss wiederum begriffen wer-den als normatives Postulat an einen demokratischen Prozess mit einem Minimum an Substanz. Kurz: die Institutionen m&uuml;ssen eine Zentralit&auml;t des politischen Konflikts organisieren, wenn eine demokratische &Ouml;ffentlichkeit funktionieren soll.<\/p>\n<p>Die Zentralit&auml;t des politischen Konflikts fehlt aber in der Konstitution der Europ&auml;ischen Union. Dabei spielen zwei Gesichtspunkte eine wesentliche Rolle: die Entpersonalisierung der Politik und die Zentralit&auml;t des Ausgleichs nationaler Interessen. Akzeptiert man zun&auml;chst bei aller Ambivalenz des Ph&auml;nomens, dass Politik faktisch &uuml;ber ihre Personalisierung in dem Sinne vermittelt wird, dass der Unterschied politischer Inhalte sichtbar und &bdquo;verst&auml;ndlich&rdquo; wird, dann m&uuml;sste die Europ&auml;ische Konstitution eine Personalisierung von Politik zulassen. Das Gegenteil ist der Fall, die Personalauswahl in der EU l&auml;uft weitgehend unabh&auml;ngig vom Parlament, wird hinter verschlossenen T&uuml;ren im Rat (vor)entschieden und kann so in der &Ouml;ffentlichkeit allenfalls am Rande wahrgenommen werden. Das Parlament best&auml;tigt die Kommission weiterhin nur, w&auml;hlt aber nicht nach eigenen Vorschl&auml;gen. Im Ergebnis d&uuml;rfte eine &uuml;bergro&szlig;e Mehrheit der Bev&ouml;lkerung die Namen der EU-Kommissare noch weniger kennen als diejenigen der Bundesminister. Grimm hat richtigerweise darauf hingewiesen, dass es europ&auml;ische, politische Parteien nicht gibt, sondern nur Fraktionsb&uuml;ndnisse nationaler Parteien im EU-Parlament.<\/p>\n<p>Das ist sicher auch darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass die europ&auml;ischen Parteien weder einen Spitzenkandidaten f&uuml;r das Amt des Kommissionspr&auml;sidenten noch f&uuml;r irgendein anderes Amt nominieren m&uuml;ssen[28] und die Wahl zum EU-Parlament als nationale Wahl mit nationalem Wahlrecht organisiert ist und nicht als europ&auml;ische Wahl.<\/p>\n<p>Wenn politische Richtungsunterschiede innerhalb der EU als Differenz &uuml;ber Weltbilder, Werte und soziale Interessen sichtbar werden, dann als erstes im europ&auml;ischen Parlament. Das Parlament ist durch die Erweiterung der zustimmungspflichtigen Rechtsakte im Lissaboner Vertrag zwar in seinen Rechten gest&auml;rkt worden, dennoch bleibt es gegen&uuml;ber dem Rat zweite Kammer mit weniger und weniger wahrnehmbaren Entscheidungskompetenzen. Nur wenn das Parlament einheitlich gegen den Rat auftritt, seine Interessen gegen&uuml;ber den anderen Institutionen vertritt, wie im Fall des Initiativ-rechts f&uuml;r Rechtsakte, das nach den Vertr&auml;gen nur der Kommission zusteht, bekommt es eine entsprechende &ouml;ffentliche Resonanz, dann geht es aber grade nicht um den Richtungsstreit zwischen den politischen Farben. So l&auml;sst sich das &bdquo;&Ouml;ffentlichkeitsdefizit der Europ&auml;ischen Union als institutionelles Problem fassen.&#8220;[29] Die von Grimm richtiger-weise geforderte Anbindung des Parlaments, seiner Diskussionen und Willensbildung an die Diskurse, Meinungen und Interessen in der Bev&ouml;lkerung, die Herstellung einer &ouml;ffentlich kontrollierten Repr&auml;sentanz bleibt Illusion, wenn das Parlament wenig zu entscheiden hat. Das Ohnmachtsgef&uuml;hl der unteren Klassen, das sich angesichts der unzureichenden Repr&auml;sentation schon im nationalen Raum breit macht, versch&auml;rft sich auf europ&auml;ischer Ebene und wird zur Wahlabstinenz und zum Desinteresse. Umgekehrt ist richtig: &bdquo;In der Europapolitik erlangen unter solchen Umst&auml;nden fachlich-technische Gesichtspunkte, namentlich &ouml;konomischer Art, &uuml;berm&auml;&szlig;iges Gewicht.&#8220;[30]<\/p>\n<p>Die Entscheidungen im Rat werden dagegen nicht &ouml;ffentlich getroffen, eine kritische Beobachtung des Verhaltens der nationalen Regierung ist kaum m&ouml;glich &mdash; die &Ouml;ffentlichkeit ist ausgeschlossen, ein Diskurs &uuml;ber das Ratsverfahren soll nicht stattfinden. Die Institutionen der EU sind nicht um den politischen Konflikt, sondern um nationale Interessen zentralisiert, die im Rat ausgehandelt werden und vom Parlament nur nach-vollzogen werden k&ouml;nnen. Im Rat treffen die Regierungsvertreter aufeinander, die versuchen, unter Ausgleich der nationalen Interessen eine gemeinsame Politik zu formulieren, wobei die nationalen Interessen meist &uuml;ber die Interessen der &bdquo;nationalen&rdquo; &Ouml;konomie definiert werden. So wird die politische Richtungsentscheidung nicht mehr sichtbar &mdash; was in Diskussionen um europ&auml;ische Politik, wo sie denn stattfinden, sich offenbart: Kritik wird allzu schnell zur Kritik an der europ&auml;ischen Integration, nicht Kritik bestimmter Politiken.<\/p>\n<p>Das Arrangement der europ&auml;ischen Institutionen ist so angeordnet, dass eine europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit nicht entstehen kann[31] und nicht entstehen soll. Grimm und das BVerfG haben insofern recht: Eine europ&auml;ische Demokratie ist problematisch, was in erster Linie am Aufbau der Institutionen der EU liegt. Woraus zwanglos gefolgert wer-den kann, dass eine europ&auml;ische Demokratie nicht gewollt ist. Die Konstitution der EU verschiebt gleichsam den nationalen Klassenkompromiss und organisiert eine Dominanz wirtschaftlicher Interessen unter Ausschluss der &Ouml;ffentlichkeit. Die EU ist als Wirtschafts- und W&auml;hrungsunion konzipiert, nicht als Sozialunion, nicht als Solidargemeinschaft und nicht als Union der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten. Dominant sind die wirtschaftlichen Freiheiten einschlie&szlig;lich der Kapitalverkehrsfreiheit mit der Forderung nach liberalisierten Finanzm&auml;rkten. Eine Kontrolle oder ein Gegendiskurs durch eine demokratische &Ouml;ffentlichkeit findet nicht oder nur sehr begrenzt statt. Die Entscheidungen der EU schlagen sich schlie&szlig;lich als scheinbarer Sachzwang &bdquo;unvereinbar mit Europarecht&rdquo; in der nationalen Politik nieder und h&ouml;hlen die Substanz auch der nationalen Demokratie aus. Sie m&uuml;ssen zwangsl&auml;ufig den Anteil des Showbusiness erh&ouml;hen, wenn nationale Politik in ihren Entscheidungsbefugnissen europ&auml;isch streng limitiert wird; kurz: mit dem Ausschluss der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit degeneriert auch die nationale &Ouml;ffentlichkeit.<\/p>\n<p>Die Parlamentarisierung der EU, hatte Grimm argumentiert, w&uuml;rde das Demokratieproblem eher versch&auml;rfen als l&ouml;sen, weil bei fehlender &Ouml;ffentlichkeit die &ouml;konomischen Interessen eine ungerechtfertigte Dominanz erhielten. Die Diagnose ist richtig, aber die Ursache-Folge Wirkung umgekehrt. Die Interessen &bdquo;der Wirtschaft&rdquo; sind auch deshalb so dominant, weil eine demokratische Kontrolle auf europ&auml;ischer Ebene fehlt und den-noch die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen in der EU getroffen werden. Die demokratische Kontrolle durch das Parlament und eine kritische &Ouml;ffentlichkeit oder eine &Ouml;ffentlichkeit, in der sich andere als wirtschaftliche Interessen artikulieren, ist unzureichend, weil das Institutionengef&uuml;ge geradezu als Abschottung gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit funktioniert.<\/p>\n<p>Die Dominanz wirtschaftlicher Interessen hat aber nicht nur &ndash; hier nicht zu diskutierende &ndash; Folgen f&uuml;r die sozialen Beziehungen in den Nationalstaaten und zwischen diesen. Die gegenw&auml;rtige Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt vielmehr, dass eine europ&auml;ische Integration, deren Grundlage die Koordinierung und der Ausgleich nationaler &ouml;konomischer Interessen ist, in &ouml;konomisch schwierigen Zeiten ins Straucheln ger&auml;t. Die EU ist konstitutionell auf eine Krisensituation nicht eingestellt, deshalb lief das Krisenmanagement bisher zu gro&szlig;en Teilen neben den Vertr&auml;gen ab oder gar gegen sie[32], d. h. &uuml;ber Konsense der Nationalstaaten, die aber br&uuml;chig werden, wenn Interessenkonflikte auftreten. Umgekehrt wird also ein Schuh daraus: Die europ&auml;ische Union ben&ouml;tigt eine politische Vertiefung und Demokratisierung inklusive einer europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit, wenn sie stabil bleiben soll. Die Chancen stehen nicht gut, weil Akteure und Perspektiven f&uuml;r eine Weiterentwicklung der EU in der herrschenden Politik fehlen.<\/p>\n<p>[1] BVerfG, 2 BvE 2\/08 vom 30.6.2009, Absatz-Nr. 250 f, <a href=\"http:\/\/www.bverfg.de\/entscheidungen\/es200\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bverfg.de\/entscheidungen\/es200<\/a> 90630_2bve000208.html.<\/p>\n<p>[2] Die EU selbst denkt durchaus in Kategorien europ&auml;ischer Demokratie und eines Konzeptes aktiver B&uuml;rgerschaft, vgl. Lemke, Ch.: Aktive B&uuml;rgerschaft und Demokratie in der EU, in: Klein, A. u. a. (Hrsg.): B&uuml;rgerschaft &Ouml;ffentlichkeit und Demokratie in Europa, (Opladen 2003), S. 101 ff.<\/p>\n<p>[3] Grimm, D.: Braucht Europa eine Verfassung? Vortrag, gehalten in der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung am 19. Januar 1994, M&uuml;nchen, Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung, 1995, S. 45.<\/p>\n<p>[4] Grimm, D.: a. a. 0., S. 37.<\/p>\n<p>[5] Ebenda.<\/p>\n<p>[6] Zum Problem der Diagnose &bdquo;europ&auml;isches &Ouml;ffentlichkeitsdefizit&rdquo; vgl. Gerhards, J.: Das &Ouml;ffentlichkeitsdefizit der EU im Horizont normativer &Ouml;ffentlichkeitstheorien, in: Kaelble, H., u.a. (Hrsg.): Transnationale &Ouml;ffentlichkeiten und Identit&auml;ten im 20. Jahrhundert, (Frankfurt 2002), S. 135 ff m. w. N..<\/p>\n<p>[7] Grimm, a.a.O., S. 42.<\/p>\n<p>[8] Grimm, a.a.O., S. 40.<\/p>\n<p>[9] Grimm, a.a.0., S. 43.<\/p>\n<p>[10] Vgl. ausf&uuml;hrlicher: Fisahn, A: Demokratie in Europa &mdash; ein Volk oder das Volk?, in: Bovenschulte\/ Grub! L&ouml;hr\/ von Schwanenfl&uuml;gel\/ Wietschel, Demokratie und Selbstverwaltung in Europa, Festschrift f&uuml;r Dian Schefold zum 65. Geburtstag, Baden-Baden 2001, S. 131.<\/p>\n<p>[11] Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag, S. 43 f.<\/p>\n<p>[12] Abstimmungsberechtigt in den Gemeinden waren alle S&auml;beltr&auml;ger &#8211; in dem durchaus doppeldeutigen Sinn. Erst 1990 wurde nach einer Klage vor dem Schweizer Bundesgericht in Appenzell-Innerrhoden das Frauenstimmunrecht eingef&uuml;hrt. Der Rest der Schweiz hatte sich &bdquo;schon&rdquo; 1971 dazu entschlossen.<\/p>\n<p>[13] Habermas, Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit (Darmstadt und Neuwied 1962 ), S. 48.<\/p>\n<p>[14] Habermas, Strukturwandel, S. 103 f.<\/p>\n<p>[15] Habermas, Strukturwandel, S. 173.<\/p>\n<p>[16] Habermas, Strukturwandel, S. 183.<\/p>\n<p>[17] Habermas, Strukturwandel, S. 215.<\/p>\n<p>[18] Habermas, Strukturwandel, S. 215.<\/p>\n<p>[19] Habermas, Strukturwandel, S. 203.<\/p>\n<p>[20] Habermas, Strukturwandel, S. 205.<\/p>\n<p>[21] Habermas, Faktizit&auml;t und Geltung (Frankfurt 1992), S. 413.<\/p>\n<p>[22] Vielleicht auch nicht mehr leistet &mdash; das w&uuml;rde eine Kontinuit&auml;t zum Strukturwandel darstellen.<\/p>\n<p>[23] Habermas, a. a. 0., S. 435; ausf&uuml;hrlicher: Fisahn, A.: Plurale Kommunikation und Demokratie, in: Bisky, Kriese, Scheele (Hrsg.), Medien-Macht-Demokratie. Neue Perspektiven, S. 70 &#8211; 90.<\/p>\n<p>[24] Grimm, D.: Braucht Europa eine Verfassung?, S. 25.<\/p>\n<p>[25] Sennett, Verfall und Ende, S. 335 ff. Umgekehrt f&uuml;hre der Verfall der &Ouml;ffentlichkeit auch zu einer Deformation des Privaten, die hier aber nicht von Interesse ist.<\/p>\n<p>[26] Sennett, Verfall und Ende, S. 425.<\/p>\n<p>[27] Sennett, Verfall und Ende, S. 334.<\/p>\n<p>[28] &Auml;hnlich: Gerhards, J.: Das &Ouml;ffentlichkeitsdefizit der EU im Horizont normativer &Ouml;ffentlichkeitstheorien, in: Kaelble, H., u. a. (Hrsg.): Transnationale &Ouml;ffentlichkeiten und Identit&auml;ten im 20. Jahr-hundert, (Frankfurt 2002), S. 154.<\/p>\n<p>[29] Kanter, C.: &Ouml;ffentliche politische Kommunikation in der EU, in: Klein, A. u. a. (Hrsg.): B&uuml;rgerschaft &Ouml;ffentlichkeit und Demokratie in Europa, (Opladen 2003), S. 227.<\/p>\n<p>[30] Grimm, D.: Braucht Europa eine Verfassung?, S. 44.<\/p>\n<p>[31] Zur Reformdiskussion vgl. Liebert, U.: Transformationen europ&auml;ischen Regierens: Grenzen und Chancen transnationaler &Ouml;ffentlichkeiten, in: Klein, A. u.<\/p>\n<p>a. (Hrsg.): B&uuml;rgerschaft &Ouml;ffentlichkeit und Demokratie in Europa, (Opladen 2003), S. 75 ff.<\/p>\n<p>[32] Wie der Ankauf griechischer Staatsanleihen durch die EZB, was politisch richtig ist, aber durch Art. 123 AEUV verboten wird.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[162],"publikationen":[2827],"class_list":["post-11807","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-andreas-fisahn","publikationen-192-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zur Notwendigkeit einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/zur-notwendigkeit-einer-europaeischen-oeffentlichkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zur Notwendigkeit einer europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 35-45 I. 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