{"id":11812,"date":"2010-12-01T17:30:00","date_gmt":"2010-12-01T16:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/kinderoeffentlichkeit\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:58","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:58","slug":"kinderoeffentlichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/kinderoeffentlichkeit\/","title":{"rendered":"Kinder\u00f6ffentlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Erscheinungsformen und Rahmenbedingungen<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge 192 ( Heft 4\/2010), S.94-102<\/p>\n<p>Mit Oskar Negt und Alexander Kluge l&auml;sst sich Kinder&ouml;ffentlichkeit begreifen als eine verst&auml;rkte Beteiligung von Kindern am politischen und &ouml;ffentlichen Leben (Negt\/Kluge 1972: 464ff.). Darunter verstehen sie freie Zusammenschl&uuml;sse von Kindern, Kinderbewegungen und Kinderrepubliken, in denen Selbstregulierung und Selbstorganisation der Kinder versucht werden. Kinder&ouml;ffentlichkeiten sind f&uuml;r sie aber keine &#8222;Kinderghettos&#8221; von liberalisierten Mittelschichtkindern, in denen wichtige Lebensbereiche ausgegrenzt sind. &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit (ist) nicht herzustellen, ohne eine materielle &Ouml;ffentlichkeit, die die Eltern verbindet, und ohne Kinder&ouml;ffentlichkeit in allen Schichten und Klassen der Gesellschaft, die miteinander Verbindung aufnehmen k&ouml;nnen&#8221; (Negt\/Kluge 1972: 466f.). An diesem Ma&szlig;stab orientiert sollen im Folgenden verschiedene Facetten von Kinder&ouml;ffentlichkeit, ihre Erscheinungsformen und realen Rahmenbedingungen unter-sucht werden.<\/p>\n<p>Zun&auml;chst sei jedoch erw&auml;hnt, dass Partizipation, Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit und freie Meinungs&auml;u&szlig;erung keine Geschenke (mehr) sind, sondern in der UNKinderrechtskonvention festgehaltene Rechte der Kinder (Art. 12-17 UN-KRK). Zu ihnen haben sich die 193 Unterzeichnerstaaten seit 1989 verpflichtet (Deutschland durch vorbehaltliche Ratifizierung seit 1992 und vorbehaltlos seit 2010). Das Gleiche gilt f&uuml;r das &#8222;Recht des Kindes auf Ruhe und Freizeit (,..), auf Spiel und altersgem&auml;&szlig;e aktive Erholung sowie auf freie Teilnahme am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben&#8221; (Art. 31, Absatz 1 UN-KRK). Interessanterweise erkennen die Vertragsstaaten diese Rechte nicht nur an, sondern verpflichten sich im folgenden Absatz explizit dazu, das Recht des Kin-des auf volle Beteiligung am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben zu achten und zu f&ouml;rdern sowie &#8222;die Bereitstellung geeigneter und gleicher M&ouml;glichkeiten f&uuml;r die kulturelle und k&uuml;nstlerische Bet&auml;tigung sowie f&uuml;r die aktive Erholung und Freizeitbesch&auml;ftigung&#8221; zu f&ouml;rdern (Art. 31, Absatz 2 UN-ICRK).<\/p>\n<p>Durch die &#8222;freie Teilnahme am kulturellen und k&uuml;nstlerischen Leben&#8221; (Artikel 31, UN-KRK) in Theater, Malerei und Musik mit Kindern k&ouml;nnen kreative F&auml;higkeiten von Kindern gef&ouml;rdert werden, statt sie verk&uuml;mmern zu lassen. Doch die R&auml;ume zum Spie-len und Toben f&uuml;r Kinder werden immer mehr eingeengt (&#8222;Bacicseat-Generation&#8220; &#8212; R&uuml;cksitz-Generation). Oskar Negt schrieb 1997, dass es &#8222;nie in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts (&#8230;) in den fortgeschrittenen Industriel&auml;ndern derart geringe Bet&auml;tigungsr&auml;ume f&uuml;r Kinder und Jugendliche gegeben&#8221; habe (Negt 1997: 111). Dabei brauchen Kinder heute mehr denn je Freir&auml;ume, die sie zur autonomen Selbstbildung nutzen k&ouml;nnen, da die Chancen zum informellen Lernen immer geringer werden. Denn Kinder ben&ouml;tigen einen eigenen Durchblick durch erlebte praktische Erfahrungen, auch um sich die F&auml;higkeit zu erwerben, sich Kenntnisse selbstst&auml;ndig anzueignen (Lernen lernen).<\/p>\n<p>Des Weiteren braucht Kinder&ouml;ffentlichkeit andere R&auml;ume: mehr Bewegungsspielraum, andere Zeitr&auml;ume als jene der Erwachsenen. Kinder werden in der Regel aus der &Ouml;ffentlichkeit der &#8222;b&uuml;rgerlichen Gesellschaft&#8221; ferngehalten oder angewiesen, dort nicht aufzufallen. Die zum Teil erfolgreichen Versuche zur Schlie&szlig;ung von Kindertagesst&auml;tten und Kinderheimen aufgrund von &#8222;Kinderl&auml;rm&#8220;-Verordnungen bzw. Gerichtsprozesse in Hamburg, Frankfurt am Main und Bonn k&ouml;nnen dies ganz gut illustrieren. In einem Stadtteil von Bonn versuchen z.B. 27 Haushalte durch eine B&uuml;rgerinitiative das Kinderwohnheim eines freien Tr&auml;gers zu verhindern (Wallow 2010).<\/p>\n<p>Derweil schreitet die mediale Kommerzialisierung weiter voran, sodass nicht nur der Alltag vieler Familien nur noch vom Fernsehprogramm strukturiert wird. Dabei l&auml;sst sich auch leicht der Eindruck gewinnen, dass medien&ouml;ffentliche Darstellungen eigentlich nur zwischen bedrohten und bedrohlichen Kindern und Kindheiten hin- und her-wechseln k&ouml;nnen. Vergleicht man das Ausma&szlig; und die Qualit&auml;t von &ouml;ffentlichen Bildern krimineller Kinder und Jugendlicher im Vergleich zu &ouml;ffentlichen Bildern von helfenden und solidarischen Kindern und Jugendlichen, so wird schnell sichtbar, dass erstere deutlich &uuml;berwiegen. Oskar Negt schreibt, dass das Interesse an Jugendlichen wesentlich nur auf ihren Konsumentenstatus oder ihre Gewaltbereitschaft als St&ouml;rer gerichtet ist (ebd.: 103). Auch dadurch wird nat&uuml;rlich &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221; gepr&auml;gt.<\/p>\n<h5><span id=\"umsetzung-der-un-kinderrechtskonvention-ins-grundgesetz\">Umsetzung der UN-Kin&shy;der&shy;rechts&shy;kon&shy;ven&shy;tion ins Grundgesetz<\/span><\/h5>\n<p>Auch der politische und zivilgesellschaftliche Kampf um die Einf&uuml;hrung von Kinder-rechten in die Verfassung kann als ein Kampf um Kinder&ouml;ffentlichkeit verstanden wer-den. Dabei geht es u. a. um ein Signal f&uuml;r die Umsetzung von Kinderrechten auf Schutz; F&ouml;rderung und Beteiligung in die politische, rechtliche und gesellschaftliche &Ouml;ffentlichkeit. Im Zusammenhang mit einem Urteil zu Adoptionen erkl&auml;rte das Bundesverfassungsgericht 1968 erstmals, dass dem Kind &#8222;als Grundrechtstr&auml;ger eigene Menschen-w&uuml;rde und ein eigenes Recht auf Entfaltung seiner Pers&ouml;nlichkeit im Sinne des Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG&#8221; zukommen (siehe BverfG 1968, S. 119). Ein halbes Jahrzehnt sp&auml;ter, 1973, wurde sogar die Pr&uuml;gelstrafe in den Schulen der Bundesrepublik Deutschland offiziell abgeschafft. Die bayerischen Schulkinder mussten sich allerdings gesetzestechnisch weitere sieben Jahre gedulden. Dort erkl&auml;rte noch 1979 das Bayerische Oberste Landesgericht, im Gebiet des Freistaates Bayern bestehe ein &#8222;gewohnheitsrechtliches Z&uuml;chtigungsrecht&#8221; (siehe Matschke 2007). 1980 wurde dann aber die Pr&uuml;gelstrafe auch an Schulen in Bayern offiziell aufgehoben. Seit dem 3. November 2000 &#8211; nach &uuml;ber drei&szlig;igj&auml;hriger Diskussion &#8211; gibt es das verbriefte Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung in &sect; 1631 Abs. 2 des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches (BGB). Jedoch fehlen immer noch Kinderrechte im Grundgesetz, die dem Kind ein Verfassungsrecht auf Wahrung und Entfaltung seiner Grundrechte auf Schutz, F&ouml;rderung und Beteiligung sowie auf Entwicklung zu einer selbstbestimmungs- und verantwortungsf&auml;higen Pers&ouml;nlichkeit in Artikel 6 Grundgesetz zubilligen (vgl. Hildebrandt 2008, S. 1032).<\/p>\n<p>Bei der Menschenrechtsbildung anhand von Kinderrechten wird deutlich: Wer seine Rechte kennenlernt, lernt, dass andere die gleichen Rechte haben (Gleichheit in Vielfalt) und schlie&szlig;lich, dass man sich auch praktisch f&uuml;r die eigenen und die gemeinsamen (Kinder-)Rechte einsetzen muss, damit sie Wirklichkeit werden (Solidarit&auml;t). &#8222;Im Begriff der Gleichberechtigung kommt zum Ausdruck, dass Egalit&auml;t und Diversit&auml;t in ihrer wechselseitigen Bezogenheit zu verstehen sind. Denn Gleichheit ohne Offenheit f&uuml;r Vielfalt w&uuml;rde Ausgrenzung und Angleichung mit sich bringen, und Vielfalt ohne Gleichheit w&uuml;rde &Uuml;berordnung und Unterordnung bedeuten&#8221; (Prengel 2007: 303). Da-mit l&auml;sst sich das Ziel einer erweiterten individuellen und kollektiven Erfahrungs- und Handlungsf&auml;higkeit im Sinne von Mit- und Selbstbestimmung skizzieren.<\/p>\n<h5><span id=\"rahmenbedingungen\">Rahmenbedingungen<\/span><\/h5>\n<p>Idealerweise k&ouml;nnen Kinder durch so etwas wie Kinder&ouml;ffentlichkeit ihre Bed&uuml;rfnisse &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;ern und finden dabei auch Ber&uuml;cksichtigung. Kinder&ouml;ffentlichkeit kann durch Erwachsene unterst&uuml;tzt werden, muss aber von Kindern selbst inhaltlich gef&uuml;llt werden. Sie darf nicht auf bestimmte Orte und Zeiten beschr&auml;nkt sein und muss alle gesellschaftlichen Schichten umfassen. Deshalb geht es darum, insbesondere die Partizipation und Kinder&ouml;ffentlichkeit von sozial benachteiligten und armen Kindern im Sinne von Menschenrechtsbildung, Vielfalt und Inklusion zu st&auml;rken.<\/p>\n<p>Laut Bildungsbericht 2010 des Bundes und der L&auml;nder befanden sich im Jahr 2008 zirka 3,9 Millionen der insgesamt 13,6 Millionen Minderj&auml;hrigen in Deutschland in mindestens einer der drei Risikolagen einkommensarmer, bildungsferner oder erwerbsloser Familien. Das entspricht einem Anteil von fast 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren. Mit 1,7 Millionen Betroffenen ist die Gruppe der jungen Menschen mit Migrationshintergrund unter ihnen besonders stark vertreten. Etwa 42 Prozent der Heranwachsenden mit ausl&auml;ndischen Wurzeln leben in mindestens einer der Risikolagen, w&auml;hrend es unter den Kindern und Jugendlichen ohne Migrationshintergrund &#8222;nur&#8221; etwa 23 Prozent sind. Au&szlig;erdem wachsen 1,1 Millionen Minderj&auml;hrige aus dieser Risikogruppe bei alleinerziehenden Elternteilen auf. Damit wird in Ein-Eltern-Familien fast jedes zweite Kind mit Geldsorgen, Bildungsarmut oder Arbeitslosigkeit konfrontiert. Bei Alleinerziehenden lag der Anteil der Transferleistungsbezieher 2008 viermal so hoch wie bei Paaren mit Kindern (Leu\/Prein 2010: 18f.).<\/p>\n<p>Was bedeutet es aber f&uuml;r &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221;, wenn &uuml;ber 3 Millionen Kinder und Jugendliche auf oder unter Sozialhilfeniveau leben m&uuml;ssen, mit ungen&uuml;genden Regelsatzleistungen f&uuml;r Gesundheit, Schulsachen und Bildung &#8211; von Spielzeug, Sport- und Freizeitkosten nicht zu reden? Die Einkommensarmut von Kindern hat mit Hartz IV und der Agenda 2010 einen historischen H&ouml;chststand und eine neue Qualit&auml;t erreicht (Butterwegge\/Klundt\/Zeng 2008). Die elementaren Grundlagen f&uuml;r Kinder&ouml;ffentlichkeit sind zutiefst beeintr&auml;chtigt, wenn Familien f&uuml;r Ern&auml;hrung, Bekleidung und die Teilnahme am sozialen Leben ihrer Kinder nicht mehr aufkommen k&ouml;nnen, wenn die Anschaffung von B&uuml;chern und Schulmaterialien oder Klassenfahrten und Kindergeburtstage praktisch nicht zu finanzieren sind. Bildungschancen sind damit von Anfang an behindert, w&auml;hrend chronische Armut auch eine deutlich niedrigere Lebenserwartung bedeutet. Wer von Kinder&ouml;ffentlichkeit spricht, darf von Kinderarmut somit nicht schweigen.<\/p>\n<p>Die sozio-&ouml;konomischen Rahmenbedingungen von Kinder&ouml;ffentlichkeit(en) sind gepr&auml;gt durch eine Klassengesellschaft mit enorm gestiegener sozialer Polarisierung im Erwachsenen- wie Kindesalter. Seit einiger Zeit h&auml;ufen sich wieder die verschiedenen Studien zum Thema Armut und soziale Polarisierung. Laut Angaben des DIW sind in Deutschland etwa 14 Prozent der Bev&ouml;lkerung oder 11,5 Millionen Menschen von relativer Einkommensarmut bedroht. Vor allem Haushalte mit Kindern und jungen Erwachsenen sind davon betroffen, w&auml;hrend Alleinerziehende mit minderj&auml;hrigen Kindern Mit &uuml;ber 40 Prozent weit &uuml;berdurchschnittliche Armutsrisiken aufweisen (Grabka\/Frick 2010: 2ff.). Derweil verf&uuml;gen laut einer Studie der Hans-B&ouml;ckler-Stiftung mehr als ein Viertel aller Erwachsenen (27 Prozent) &uuml;ber keinerlei pers&ouml;nliches Verm&ouml;gen oder waren sogar verschuldet. &#8222;Die unteren 70 Prozent besitzen nur neun Prozent des Gesamtverm&ouml;gens, dagegen verf&uuml;gt das reichste Zehntel der Bev&ouml;lkerung &uuml;ber mehr als 60 Prozent des Gesamtverm&ouml;gens von 6,6 Billionen Euro. Diese Kluft hat sich seit 2002 deutlich vergr&ouml;&szlig;ert&#8221; (Bunzenthal 2009). W&auml;hrend also der real existierende Reichtum eine enorme Steigerung erfahren hat, kommen viele Forscher\/innen zu dem besorgniserregenden Ergebnis, dass die Armut insbesondere von Kindern und Familien in den letzten Jahren auf fast 20 Prozent angestiegen ist. Sie schlage sich inzwischen auch schon bei Grundsch&uuml;lerinnen und Grundsch&uuml;lern als Zukunfts&auml;ngste vor Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit nieder (Studien zu Kindheit in Deutschland 2010).<\/p>\n<p>Selbst eine Studie der Konrad Adenauer Stiftung sieht Deutschland &#8222;auf dem Weg in eine neue Art von Klassengesellschaft (&#8230;), wobei die Trennungslinie eben nicht nur &uuml;ber Einkommen und Verm&ouml;gen, sondern auch &uuml;ber kulturelle Dimensionen wie etwa Bildungskapital und Bildungsaspirationen, aber auch Werte und Alltags&auml;sthetik verl&auml;uft. Ebenso erweisen sich Ern&auml;hrung, Gesundheit, Kleidung und Medienumgang als Abgrenzungsfaktoren. Der Zulauf zu privaten Schulen ebenso wie das Umzugsverhalten von Eltern der b&uuml;rgerlichen Mitte geben ein beredtes Zeugnis dieser Entwicklung&#8221; (Borchard u. a. 2008: 8). Die ungleiche Verteilung der Verm&ouml;gen wird zuk&uuml;nftig durch den Generationenzusammenhang sogar noch weiter versch&auml;rft, da mit der Zunahme der Erbschaften sich auch die sozialen Gegens&auml;tze vergr&ouml;&szlig;ern werden, denn Personen aus h&ouml;heren Bildungsschichten, die in der Regel schon selbst h&ouml;here soziale Positionen er-reichen, erben h&ouml;her als Personen mit niedrigerem Bildungsstand. Dar&uuml;ber hinaus heiraten wohlhabende Menschen in der Regel auch innerhalb der gleichen Schicht, sodass Reichtum noch einmal konzentrierter vorkommt (Esping-Andersen 2006: 59). Gleich-zeitig leben aber (nicht nur) in der Bundesrepublik viele Kinder und Jugendliche in (Einkommens-)Armut.<\/p>\n<h5><span id=\"instrumentalisierte-und-verdinglichte-kinderoeffentlichkeit\">Instru&shy;men&shy;ta&shy;li&shy;sierte und verding&shy;lichte Kinder(&Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit)<\/span><\/h5>\n<p>Au&szlig;erdem spielen in den letzten Jahren Kinder in der &Ouml;ffentlichkeit eine immer gr&ouml;&szlig;ere Rolle. Sei es, weil sie weniger werden, sei es, weil sie &#8222;unsere Renten&#8221; finanzieren und uns sp&auml;ter gut behandeln sollen oder sei es einfach, weil die Gesellschaft insgesamt sensibler auf Kinderinteressen eingeht (vgl, die &#8222;Ged&ouml;ns&#8220;-Relevanz vor und nach Gerhard Schr&ouml;der). Vielleicht hat diese Wahrnehmungs&auml;nderung auch etwas damit zu tun, dass sich genau in den beiden Bereichen Wandlungsprozesse vollzogen, die laut Negt und Kluge noch von der b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit ausgegrenzt werden: der industrielle Apparat des Betriebes und die Sozialisation in der Familie (Negt\/Kluge 1972: 10). Mit der st&auml;rkeren Erwerbsbeteiligung von Frauen in Westdeutschland &auml;ndert sich die Arbeitswelt und der bislang unsichtbar gebliebene Bereich der Reproduktionsarbeit und Pflege von Kindern und Alten erlangt nach und nach gesellschaftliche und &ouml;ffentliche Bedeutung.<\/p>\n<p>Doch in all diesen Diskursen wird vielmehr &uuml;ber Kinder verhandelt, als mit ihnen gehandelt, geschweige denn von Kindern selbst aktiv eingegriffen. Nur allzu leicht las-sen sich dabei Heranwachsende f&uuml;r verschiedene Zwecke benutzen. Die Instrumentalisierung junger Menschen im politischen Diskurs l&auml;sst sich auch anhand der Mitteilung der EU-Kommission zu einer &#8222;EU-Strategie f&uuml;r die Jugend &#8212; Investitionen und Empowerment&#8221; verdeutlichen (siehe Europ&auml;ische Kommission 2009: lff.). Dort wird festgestellt, dass &#8222;angesichts der derzeitigen Wirtschaftskrise (.,.) das junge Humankapital gehegt und gepflegt werden&#8221; m&uuml;sse. Junge Menschen stellten eine &#8222;Ressource f&uuml;r die Gesellschaft (dar), die genutzt werden kann, um &uuml;bergeordnete gesellschaftliche Ziele zu erreichen.&#8221; (ebd.: 2) Im Folgenden ist mehr von &#8222;Wettbewerbsf&auml;higkeit&#8221; die Rede als von Jugendarmut. Dabei sind auch gute Ideen und Forderungen zu Bildung, Gesundheit, sozialer Integration, Jugendarbeit und Chancengleichheit enthalten. W&auml;hrend jedoch Jugendarbeitslosigkeit nur als &#8222;Resultat fehlender oder falscher Qualifikationen&#8221; bezeichnet wird, fordert die EU-Kommission den Ausbau der Jugendarbeit nur &#8222;als Ressource zu Unterst&uuml;tzung der Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit der Jugend&#8221; (ebd.: 7). Somit wird offenbar, worauf die Kritik an einer &#8222;neoliberalen Hegemonie in der EU&#8221; zielt: Ei-ne v&ouml;llige Marktorientierung, die den Wert von Menschen nur an ihrer instrumentellen Vernutzbarkeit misst.<\/p>\n<p>Junge Generationen lassen sich zudem leicht f&uuml;r die Privatisierung der Sozialsysteme und die Restrukturierung des demokratischen Wohlfahrtsstaates in einen neoliberalen Wettbewerbsstaat instrumentalisieren, Dies geschieht dann h&auml;ufig unter dem Banner von &#8222;mehr Demografie-Sensibilit&auml;t&#8221;, &#8222;Generationengerechtigkeit&#8221; und im Namen der ohnm&auml;chtigen Kinder gegen die &#8222;raffgierigen Rentner&#8221; und ihren &#8222;Schuldenberg&#8221;. Doch was bedeutet das konkret und vor allem in wessen Interesse findet dies statt? Der fr&uuml;here Pr&auml;sident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, bemerkte schon 1998, dass &#8222;Reformen, die mit der Verantwortung f&uuml;r kommende Generationen plausibel begr&uuml;ndet werden k&ouml;nnen, (&#8230;) eine gute Chance (haben), von Medien und &Ouml;ffentlichkeit akzeptiert und vom W&auml;hler honoriert zu werden. (&#8230;) Wir schulden es unseren Kindern.&#8221; (Henkel 1998: 12) Was wir &#8222;unseren Kindern&#8221; schulden, zielt auf einen vermarktlichten Wohlfahrtsstaat, den Henkel mit den Lebensinteressen k&uuml;nftiger Generationen legitimiert: &#8222;Heute m&uuml;ssen wir die Sozialpolitik mit marktwirtschaftlichen Instrumenten renovieren, im eigenen Interesse und weil wir es unseren Kindern schulden&#8221; (ebd.: 25f.). (Kinder-)Politikwissenschaftliche Forschung kann untersuchen, auf welche Weise hierbei partikulare Wirtschaftsinteressen als universale Generationen- oder gar Menschheitsinteressen ausgegeben werden (vgl. Klundt 2008: 264f.).<\/p>\n<p>Auch das Reden &uuml;ber Arme (Kinder und Familien) macht einen Teil der gesellschaftspolitischen Polarisierungs-Problematik aus. Dies gilt vor allem dann, wenn die Betrachtung von (Kinder-)Armut durch vielfache Formen der Ignoranz, der Krokodils-tr&auml;nen sowie der Schicksalsgl&auml;ubigkeit gekennzeichnet ist. Am bedenklichsten haben sich jedoch diejenigen Diskurse entwickelt, in denen Kinder und Familien mit den Etiketten &#8222;selbst schuld&#8221; und &#8222;asozial&#8221; bedacht werden und statt der Bek&auml;mpfung von Armut die Bek&auml;mpfung der Armen im Vordergrund steht. Das geschieht, wenn das ehemalige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank und ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator Thilo Sarrazin und der Berlin-Neuk&ouml;llner SPD-B&uuml;rgermeister Heinz Buschkowsky verbal auf die &#8222;asoziale&#8221; Unterschicht der &#8222;S&auml;ufer&#8221; und &#8222;Kopftuchm&auml;dchen&#8220;-Produzenten eindreschen (von Lucke 2009: 55ff.).<\/p>\n<p>Doch weniger der notorische Sozialrassismus Sarrazins ist das Problem, als die vielen heimlichen und offenen Unterst&uuml;tzer seiner Hetzreden in den Eliten von Medien, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Wissenschaftler, wie der Bremer Professor f&uuml;r Sozialp&auml;dagogik, Gunnar Heinsohn, versuchen unterdessen deutlich zu machen, dass Armut ausschlie&szlig;lich durch das Vermehrungsverhalten armer Menschen verursacht sei, da diese Kinder nur als Geldanlage produzierten: &#8222;Solange die Regierung das Recht auf Kinder als Recht auf beliebig viel &ouml;ffentlich zu finanzierenden Nachwuchs auslegt, werden Frauen der Unterschicht ihre Schwangerschaften als Kapital ansehen&#8221; (FAZ v. 16.3.2010). Da Kinder aus bildungsfernen Schichten f&uuml;r Heinsohn praktisch qua Geburt grunds&auml;tzlich zu den &#8222;Niedrigleistern&#8221; geh&ouml;ren, naturgem&auml;&szlig; als Frauen &#8222;durch Vermehrung nach Einkommen streben&#8221; und als M&auml;nner, zumal mit Migrationshintergrund, ein-zig und allein kriminell vorstellbar sind, erkl&auml;rt er sie auch gleich noch f&uuml;r beinahe lebensunwert. &#8222;Ungeborene k&ouml;nnen niemandem einen Baseballschl&auml;ger &uuml;ber den Kopf ziehen, aber sie k&ouml;nnen auch von niemandem erniedrigt oder beleidigt werden&#8221; (WELT v. 9.2.2010). An dieser volksverhetzenden Propaganda wird ganz gut deutlich, dass man Menschen am besten ideologisch zun&auml;chst ihre menschliche W&uuml;rde nimmt, um ihnen danach auch ihre sozialen Rechte streitig zu machen. In diesem biologistischen Menschenbild sind sowohl der Intelligenzquotient als auch der Schulabbruch bereits am Tage der Geburt anhand der sozialen Herkunft eines Kindes festgelegt. Deshalb kann sich Heinsohn auch die mangelhaften Bildungschancen von Migrantenkindem in Deutschland nicht mit strukturellen Problemen im dreigliedrigen Bildungssystem erkl&auml;ren, sondern nur folgenderma&szlig;en: &#8222;Schon die Eltern unserer Einwanderungskinder waren schlecht in der Schule&#8220; (ebd.). &Auml;hnlich erl&auml;utert Sarrazin Behinderungen und Misserfolge von muslimischen Kindern im deutschen Schulsystem lieber mit vorausgegangener &#8222;Inzucht&#8221;. Statt selektiver Bildungsstruktur und jahrzehntelanger Ausgrenzung seien vielmehr &#8222;Erbfaktoren f&uuml;r das Versagen von Teilen der t&uuml;rkischen Bev&ouml;lkerung im deutschen Schulsystem verantwortlich&#8221; (Sarrazin 2010: 316).<\/p>\n<p>Die Auswirkungen dieser sozialrassistischen Diskurse auf den Alltagsverstand und das Selbstverst&auml;ndnis von (sozial benachteiligten) Heranwachsenden sind nicht zu untersch&auml;tzen. Berichte von Kindern (&uuml;ber ihre Angst davor), auf dem Schulhof als &#8222;Hartzer&#8221; oder &#8222;Opfer&#8221; beschimpft zu werden, verdeutlichen dies. Denn nat&uuml;rlich pr&auml;gen solche unsolidarischen Einstellungen und Verhaltensweisen auch das Denken und Handeln Jugendlicher. Au&szlig;erdem ist es f&uuml;r Kinder sicherlich nicht einfach, tagt&auml;glich lesen oder sehen zu m&uuml;ssen, dass ihre erwerbslosen Eltern als &#8222;faule und asoziale Sozialschmarotzer&#8221; bezeichnet werden. Laut Befragung von jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 24 Jahren durch das Marktforschungsinstitut Rheingold im Jahr 2010 lassen sich signifikante Zuspitzungen feststellen. &#8222;Panische Absturzangst, massiver Anpassungswille sowie Verachtung f&uuml;r alle, die abgerutscht sind&#8221;, seien die zentralen Denk- und Verhaltensmuster vieler junger Erwachsener. &#8222;Die Resultate erinnern an die Sarrazin-Debatte. Damit ist die Zwei-Klassen-Gesellschaft angekommen im Denken der Heranwachsen-den&#8221; (FR v. 12.9.2010). Selbstredend pr&auml;gen solche Ein&uuml;bungen in unsolidarisches Verhalten auch Bem&uuml;hungen Heranwachsender um Kinder&ouml;ffentlichkeit.<\/p>\n<h5><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p>Was k&ouml;nnten die Konsequenzen hinsichtlich einer &#8222;Kinder&ouml;ffentlichkeit&#8221; sein? Zum einen ist es unerl&auml;sslich, die gesellschaftspolitischen Hintergr&uuml;nde und Interessen bei der &ouml;ffentlichen Darstellung von Kindern zu studieren. Zentrale Frage sollte dabei immer sein, ob es sich nur um &Ouml;ffentlichkeit &uuml;ber Kinder handelt, oder ob sie selbstbestimmt die Akteure ihrer eigenen &ouml;ffentlichen Beteiligung sind. Ansonsten l&auml;sst sich mit Manfred Liebel sagen: &#8222;Wir sollten uns nicht immer wieder auf neue Partizipationsmodelle und -projekte st&uuml;rzen, f&uuml;r die wir geeignete &#8218;Zielgruppen&#8216; suchen, sondern wir sollten genauer hinsehen, wo im Alltag Kinder und Jugendliche ihren Unmut ausdr&uuml;cken und dabei sind, sich f&uuml;r sich und f&uuml;r andere zu engagieren und zu organisieren. Dazu m&ouml;gen auch Aktivit&auml;ten geh&ouml;ren, die nicht besonders fein sind, z. B. die Kritik an Lehrern in Internetportalen, die Besetzung leer stehender H&auml;user, die St&ouml;rung des Autoverkehrs oder Graffiti an Hausw&auml;nden oder S-Bahn-Z&uuml;gen. Es kommt drauf an, die Botschaften auch solcher Aktionen zu verstehen und ihnen ggf zu mehr Resonanz und Wirkung zu verhelfen.&#8221; (Liebe12009: 25) Als ein beeindruckendes Beispiel f&uuml;r selbst organisierte Initiativen kennzeichnet Liebel mit Recht z. B. die &#8222;Kindergipfel&#8221; der Naturfreundejugend, die seit dem Jahr 2000 in eigener Regie von Kindern durchgef&uuml;hrt werden. Denn damit dr&auml;ngen die Kinder Politikerinnen und Politiker dazu, mehr zu tun, um die Lebensgrundlagen heutiger und k&uuml;nftiger Generationen zu sichern. So stand der Kindergipfel vom Mai 2008 unter dem Motto &#8222;Kaufen wir uns die n&auml;chste Erde?&#8221; und rund 120 acht- bis zw&ouml;lfj&auml;hrige Kinder haben dabei einen &#8222;Zukunftsvertrag&#8221; formuliert, in dem sie zahlreiche Forderungen und Selbstverpflichtungen aufstellten. Zum Beispiel zeigen sie darin auf, wie sie eine &#8222;gerechte Weltwirtschaft&#8221; erreichen, bedrohte Arten vor dem Verschwinden bewahren oder die &#8222;Biodiversit&auml;t&#8221; besser erforscht sehen wollen und wie sie selbst dazu beitragen k&ouml;nnen (siehe: <a href=\"http:\/\/www.kindergipfel.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kindergipfel.de<\/a>). Hinzugef&uuml;gt werden k&ouml;nnen auch z. B. die selbst organisierten Sch&uuml;lerstreiks, in denen sich Kinder und Jugendliche f&uuml;r ein besseres Lernen und eine bessere Schule starkmachen (<a href=\"http:\/\/www.schuelerstreik.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.schuelerstreik.de<\/a>).<\/p>\n<p>Als ein weiteres Beispiel nennt Liebel die Initiative &#8222;Hiergeblieben!&#8221; des Berliner Grips-Theaters, das mit seinen Erfahrungen und M&ouml;glichkeiten die Selbstorganisation von jungen Fl&uuml;chtlingen unterst&uuml;tzt. &#8222;Die auf diese Weise entstandene Gruppe ,Jugendliche ohne Grenzen&#8216; ist mittlerweile bundesweit mit &auml;u&szlig;erst phantasievollen Aktionen aktiv und beehrt jedes Jahr einen Politiker oder eine Politikerin mit dem Preis ,Abschiebeminister`. Sie beschr&auml;nkt sich aber nicht auf die Kritik an den Obrigkeiten, sondern ermutigt auch andere Menschen gleich welchen Alters, sich f&uuml;r die Rechte von Fl&uuml;chtlingen einzusetzen (siehe: <a href=\"http:\/\/www.jogspace.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.jogspace.net<\/a>)&#8221; (Liebel 2009: 26). In diese Richtung sollte der Einsatz f&uuml;r Kinder&ouml;ffentlichkeit solche und andere vergleichbare selbst organisierte Initiativen von Kindern und Jugendlichen, die es bereits in beachtlicher Zahl gibt, st&auml;rker beachten und unterst&uuml;tzen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Borchard, Michael\/HenryHuthmacher, Christine\/Merlcle, Tanja\/Wippermann, Carsten (2008): Eltern<br \/>unter Druck. Selbstverst&auml;ndnisse, Befindlichkeiten und Bed&uuml;rfnisse von Eltern in verschiedenen Lebenswelten (hrg. von der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.), Berlin.<br \/>Bunzenthal, Roland (2009): Verm&ouml;gensverteilung. 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