{"id":11879,"date":"2006-11-04T13:45:00","date_gmt":"2006-11-04T12:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/selbstbestimmung-am-lebensende\/"},"modified":"2006-11-04T12:00:00","modified_gmt":"2006-11-04T11:00:00","slug":"selbstbestimmung-am-lebensende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/175-vorgaenge\/publikation\/selbstbestimmung-am-lebensende\/","title":{"rendered":"Selbstbestimmung am Lebensende"},"content":{"rendered":"<p>Der Konsens der Eliten und die Meinung der Bev\u00f6lkerung  . Aus: vorg\u00e4nge Nr.175, (Heft 2\/2006), S.81-86<\/p>\n<p>Der Konfrontation mit dem eigenen Tod entgeht niemand. Aber das Ende des Lebens ist nicht nur auferlegtes und erduldetes Schicksal. Es liegt auch im Horizont eigenen Entscheidens. Die M\u00f6glichkeit, sich selbst das Leben zu nehmen, ist nur der radikalste Ausdruck dieser Entscheidbarkeit. Die moderne Medizin vervielf\u00e4ltigt die Entscheidungssituationen am Lebensende. Sie vervielf\u00e4ltigt damit zugleich die moralischen Fragen. Vom Abbruch einer lebensverl\u00e4ngernden Behandlung \u00fcber die Patientenverf\u00fcgung bis zur aktiven Sterbehilfe steht zur Diskussion, wie weit man in Rahmen von Selbstbestimmung \u00fcber das Ende seines Lebens verf\u00fcgen darf, und ob man andere an dieser Verf\u00fcgung beteiligen darf.<br \/>Soll man die Beendigung einer medizinischen Behandlung verlangen d\u00fcrfen, auch wenn dies den sicheren Tod bedeutet? Soll man festlegen k\u00f6nnen, dass man nicht behandelt wird, falls man ins Koma f\u00e4llt oder demenzkrank wird? Sollen Angeh\u00f6rige und \u00c4rzte an solche Festlegungen gebunden sein? Soll man die Hilfe eines Arztes in Anspruch nehmen d\u00fcrfen, um sein Leben zu beenden? Soll man f\u00fcr den Fall, dass man selbst handlungsunf\u00e4hig ist, den Arzt erm\u00e4chtigen k\u00f6nnen, den eigenen Tod herbeizuf\u00fchren?<br \/>Diese Fragen bewegen die \u00d6ffentlichkeit. Sie haben die politische Agenda erreicht. Man kann sie nicht nicht entscheiden, weil auch der Verzicht auf eine Regelung auf Regelung hinausl\u00e4uft. Aber dar\u00fcber, was die richtige L\u00f6sung ist, herrscht in vieler Hinsicht Streit. Am Ende wird im Parlament mit Mehrheit entschieden werden m\u00fcssen.<br \/>Die Sozialwissenschaften haben weder das Mandat noch die Kompetenz, sich in die Wertungsfragen einzumischen. Sie k\u00f6nnen jedoch die Wirklichkeit der Gesellschaft beobachten und beschreiben &#150; auch die der Wirklichkeit der Wertungen, die in der Gesellschaft vorkommen. Dabei tritt zu Tage, dass einige der Antworten, die in Politik und Recht auf die oben gestellten Fragen angeboten werden, an den Wertungen der Bev\u00f6lkerung vorbeigehen.<br \/>Ausgangspunkt der soziologischen Beschreibung ist die Zentralit\u00e4t von Selbstbestimmung und der Bedeutungsverlust von Religion im &#132;Wertehaushalt&#147; moderner Gesellschaften. Es kennzeichnet die Wirklichkeit unserer Gesellschaft, dass sie ein liberaler Verfassungsstaat ist, in dem kollektive Regulierung als Einschr\u00e4nkung garantierter individueller Freiheit gerechtfertigt werden muss.<br \/>Diese Wirklichkeit wurde nicht durch einen verfassungspolitischen Krafttakt im Jahre 1949 geschaffen. Sie ist Ergebnis eines historischen Trends, der mit dem Aufstieg der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft einsetzt und jene kulturellen Ordnungen entwertet hat, die inhaltlich vorgeben, was Sinn und Ziel menschlichen Lebens zu sein hat. Emile Durkheim diagnostiziert zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, &#132;dass sich das Kollektivbewusstsein immer mehr auf den Kult des Individuums reduziert&#147;. Lebensf\u00fchrung wird individueller Selbstbestimmung \u00fcberantwortet; die Menschen k\u00f6nnen (und m\u00fcssen) entscheiden, wie sie leben wollen.<br \/>Der Freiheitsgewinn, den die Durchsetzung von Selbstbestimmung gebracht hat, ist ambivalent. Die Frage, wie unter dem &#132;Kult des Individuums&#147; soziale Ordnung und Solidarit\u00e4t gew\u00e4hrleistet werden k\u00f6nnen, bewegte schon die Klassiker der Soziologie am Ausgang des 19. Jahrhundert; ein j\u00fcngster Reflex ist die Kontroverse zwischen Liberalismus und Kommunitarismus in der Sozialethik. Ebenso ist Sinndefizit ein endemisches Problem in modernen (westlichen) Gesellschaften geblieben.<br \/>Als Kehrseite der Emanzipation von der kulturellen Deutungsmacht der Religion und Tradition tr\u00e4gt das Individuum die Last, den Sinn des Lebens selbst zu definieren.<\/p>\n<p><i>Frage: &#8222;Hier unterhalten sich zwei \u00fcber Sterbehilfe. Welcher von beiden sagt das, was Sie denken?&#8220;<\/i><\/p>\n<table bordercolor=\"#000000\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">Bev\u00f6lke-<\/p>\n<p>rung<\/p>\n<p>%\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">Protes-<\/p>\n<p>tanten<\/p>\n<p>%<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0Katholi-<\/p>\n<p>ken<\/p>\n<p>%<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">Andere<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>%\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Ich finde, dass Sterbehilfe f\u00fcr Schwerkranke<\/p>\n<p>Menschen ein guter Weg ist, um sie nicht so<\/p>\n<p>leiden zu lassen. Solange ein schwerkranker<\/p>\n<p>Mensch noch bei Bewu\u00dftsein ist, sollte er<\/p>\n<p>selbst entscheiden k\u00f6nnen, ob er leben oder<\/p>\n<p>sterben m\u00f6chte.&#8220;<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a070<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a060<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a068<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a083<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Das sehe ich anders. \u00dcber Leben und Tod<\/p>\n<p>darf nur Gott, man kann auch sagen das\u00a0<\/p>\n<p>Schicksal, entscheiden. Das Leben ist heilig<\/p>\n<p>und muss es auch bleiben. Keinesfalls darf<\/p>\n<p>das Leben vorzeitig beendet werden, auch<\/p>\n<p>wenn der Patient das ausdr\u00fccklich verlangt.&#8220;\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a012<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a014<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a018<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a04<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Tabelle 1<br \/>Strebehilfe, Deutschland (2001)<br \/>N = 2094; Quelle: Institut f\u00fcr Demoskopie Allensbach (2001), Allensbacher Berichte Nr. 9, S. 3\/5<\/p>\n<p>Eine Revitalisierung der Religion k\u00f6nnte hier Entlastung schaffen. Aber auch das bleibt eine individuelle L\u00f6sung. Dass religi\u00f6se Deutungen wieder gesamtgesellschaftliche Verbindlichkeit gewinnen, ist nicht zu erwarten.<br \/>F\u00fcr Deutschland zeigen die Zeitreihen der ALLBUS-Umfragen, dass die s\u00e4kularisierte Deutung, nach der Menschen den Sinn ihres Leben selbst bestimmen m\u00fcssen, seit 20 Jahren unver\u00e4ndert deutlich mehr Zustimmung findet als die christliche Deutung, nach der dieser Sinn durch die Beziehung zu Gott gegeben sei. Am wenigsten Zustimmung findet allerdings die Aussage &#132;Das Leben hat meiner Meinung nach wenig Sinn&#147;, was gegen die Vermutung spricht, dass moderne Gesellschaften auf eine Sinnkrise zusteuern.<\/p>\n<h5><span id=\"die-dynamik-der-individualisierung\">Die Dynamik der Indivi&shy;du&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Selbstbestimmung beherrscht nach wie vor das Ethos moderner Lebensf\u00fchrung. Die Wahrnehmung der Ambivalenzen der Freiheit hat der Dynamik der Individualisierung keinen Abbruch getan. Damit wird Selbstbestimmung auch bei Entscheidungen, die das Ende des eigenen Lebens betreffen, gewisserma\u00dfen automatisch zum Bezugsrahmen der Wertung. Man braucht gute Gr\u00fcnde, um gegen das zu entscheiden, was die Betroffenen selber wollen.<br \/>Damit geraten Regelungen, die religi\u00f6sen und anderen Deutungen entspringen, die dem Einzelnen ein bestimmtes Lebensethos kollektiv vorgeben, unter Revisionsdruck im Namen der Selbstbestimmung. Das l\u00e4sst sich etwa am Wandel der Familienformen ablesen (von den Scheidungsraten bis zu den gleichgeschlechtlichen Partnerschaften), an der Einstellung zur Sexualit\u00e4t, an der Bewertung der Abtreibung und eben auch an den gegenw\u00e4rtigen Diskussionen \u00fcber Entscheidungen am Lebensende, etwa zur Patientenverf\u00fcgung oder zur Sterbehilfe.<br \/>Allerdings hat die kulturelle Dominanz von Selbstbestimmung in modernen Gesellschaften nicht dazu gef\u00fchrt, dass sich die Einstellung durchgesetzt hat, Entscheidungen \u00fcber das eigene Leben sollten vollst\u00e4ndig in das Belieben des Einzelnen gestellt sein. So ist etwa der Suizid (Selbstt\u00f6tung) keineswegs entmoralisiert worden. In repr\u00e4sentativen Erhebungen im Rahmen des World Value Surveys sind zwischen 1981 und 2000 verschiedene Verhaltensweisen auf einer Skala von 1 (= &#132;darf man unter keinen Umst\u00e4nden&#147;) bis 10 (= &#132;in jedem Fall in Ordnung&#147;) eingesch\u00e4tzt worden. Den Suizid haben die Befragten in (West-)Deutschland um 3 herum eingestuft, also im negativen Bereich. In Spanien und den U.S.A. lagen die Werte noch niedriger, zwischen 2 und 3; in Schweden zwischen 3 und 5.<br \/>Aus diesen Daten folgt, dass die Enttabuisierung der Selbstt\u00f6tung im Recht, die in Deutschland mit dem Strafgesetzbuch von 1871 vollzogen worden ist, nicht mit einer Enttabuisierung im moralischen Urteil der Bev\u00f6lkerung einhergeht. An den Wert des eigenen Lebens sollen auch die Tr\u00e4ger dieses Lebens gebunden sein. Auch in modernen Gesellschaften erkennen die Menschen an, dass es moralische Pflichten gegen sich selbst gibt, die der Selbstbestimmung Grenzen setzen. Zu diesen Pflichten geh\u00f6rt der Respekt vor dem Leben, das man selbst verk\u00f6rpert.<br \/>Dieser Respekt gibt im Urteil der Bev\u00f6lkerung jedoch der Selbstbestimmung dann nach, wenn der Betroffene an schwerer, nicht heilbarer Krankheit leidet. Nur zw\u00f6lf Prozent pochen auch in diesem Fall auf die &#132;Heiligkeit&#147; des menschlichen Lebens und halten daran fest, dass das Leben keinesfalls vorzeitig beendet werden darf, &#132;auch wenn der Patient das ausdr\u00fccklich verlangt&#147;. Dagegen finden 70 Prozent, ein schwerkranker Mensch sollte &#132;selbst entscheiden k\u00f6nnen, ob er leben oder sterben m\u00f6chte&#147;. Diese Einsch\u00e4tzung teilt auch die gro\u00dfe Mehrheit der kirchlich gebundenen Menschen: 60 Prozent der Protestanten, 68 Prozent der Katholiken.<br \/>Die eigene Entscheidung soll nach \u00fcberwiegendem Urteil der Bev\u00f6lkerung auch beim Problem der aktiven Sterbehilfe den Ausschlag geben, also bei der Frage, ob der Arzt einem unheilbar Kranken auf dessen Wunsch hin zum Sterben verhelfen darf &#150; etwa indem er ihm eine t\u00f6dliche Spritze gibt. Aktive Sterbehilfe wird in den Befragungen des World Value Surveys \u00fcberwiegend ebenfalls als negativ eingestuft, wenn auch durchgehend positiver als die Selbstt\u00f6tung. Die neueren Werte liegen in Deutschland, den U.S.A. und in Spanien zwischen 4 und 5, in Schweden \u00fcber 6. Aus dieser Einstufung l\u00e4sst sich allerdings nicht ableiten, wie die Reaktion ist, wenn es &#132;zum Schwur kommt&#147;, also Ja oder Nein zur aktiven Sterbehilfe gesagt werden muss. In diesem Fall tendieren etwa zwei Drittel der deutschen Bev\u00f6lkerung dazu, die Sterbehilfe zumindest hinzunehmen.<\/p>\n<h5><span id=\"volkes-stimme-und-die-positionen-der-politik\">Volkes Stimme und die Positionen der Politik<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Diese Einsch\u00e4tzung wird durch weitere Daten best\u00e4tigt. Die Zustimmung zu der Aussage &#132;Ein schwerkranker Patient im Krankenhaus soll das Recht haben, den Tod zu w\u00e4hlen und zu verlangen, dass ein Arzt ihm eine todbringende Spritze gibt&#147; ist zwischen 1973 und 2001 von 53 auf 64 Prozent gestiegen; die Ablehnung hat sich fast halbiert: von 33 Prozent auf 19 Prozent. 1990 sprachen sich zwei Drittel und 2000 fast drei Viertel der Befragten (73,3 Prozent) gegen ein gesetzliches Verbot der aktiven Sterbehilfe aus.<br \/>Man wird aus diesen Zahlen nicht schlie\u00dfen d\u00fcrfen, dass f\u00fcr drei Viertel der Bev\u00f6lkerung aktive Sterbehilfe kein moralisches Problem darstellt. Die Frage, ob etwas akzeptabel ist, produziert nicht notwendigerweise dieselben Antworten wie die Frage, ob etwas verboten werden soll. So lehnen viele Menschen den Schwangerschaftsabbruch f\u00fcr sich ab, sprechen sich aber gleichwohl dagegen aus, ihn unter Strafe zu stellen. Diese Diskrepanz spiegelt den modernen Wertepluralismus wider. Man h\u00e4lt gewisse Werte und Normen zwar f\u00fcr sich selbst f\u00fcr moralisch zwingend, besteht aber nicht darauf, sie auch anderen verbindlich vorzuschreiben.<br \/>Die soziologischen Befunde zwingen zur Schlussfolgerung, dass bei der Bewertung der aktiven Sterbehilfe die Werthaltungen der Bev\u00f6lkerung und die Positionen der \u00f6ffentlichen Politik deutlich auseinander fallen. Im politischen Diskurs wird der Suizid als Option der Selbstbestimmung widerspruchslos hingenommen und weder moralisch noch rechtlich mit Sanktionen belegt; die aktive Sterbehilfe hingegen wird apodiktisch verworfen, und am Strafanspruch wird rigoros festgehalten.<\/p>\n<p><i>Frage: &#8222;Ein Arzt gibt eiem unheilbar kranken Patienten auf dessen Verlangen hin ein t\u00f6dliches Gift.&#8220;<\/i><\/p>\n<table bordercolor=\"#000000\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a01990\u00a0\u00a0 <\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a02000\u00a0\u00a0 <\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a02002 \u00a0<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Sehr schlimm&#8220;\/<\/p>\n<p>&#8222;ziemlich schlimm&#8220;\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a030,5<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a033,2\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a031,6<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">&#8222;Weniger schlimm&#8220;\/<\/p>\n<p>&#8222;\u00fcberhaupt nicht&#8220;\u00a0<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a069,4<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a066,7<\/p>\n<\/td>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a068,4<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Tabelle 2<br \/>Verhaltensbeurteilung aktiver Sterbehilfe in Westdeutschland (1990&#150;2002)<br \/>Quelle: ALLBUS 1980&#150;2002<\/p>\n<p>Von der Bev\u00f6lkerung wird umgekehrt der Suizid als problematischer eingesch\u00e4tzt als die aktive Sterbehilfe, und eine Freigabe letzterer w\u00fcrde \u00fcberwiegend auf Verst\u00e4ndnis sto\u00dfen. Die Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung gesteht kranken Menschen, die in einer ausweglosen Lebenssituation den Tod herbeisehnen, nicht nur die Option der Selbstt\u00f6tung zu, sie legitimiert auch deren Wunsch, dass der Arzt ihnen zum Sterben verhelfen solle. Dem Urteil der Bev\u00f6lkerung entspricht eher eine Politik, in der sich der Staat weitgehend heraush\u00e4lt und der Selbstbestimmung der Patienten das Feld \u00fcberl\u00e4sst.<br \/>Eine \u00e4hnliche Diskrepanz k\u00f6nnte bei der Regelung der Patientenverf\u00fcgung entstehen, \u00fcber die gegenw\u00e4rtig diskutiert wird. Die Bev\u00f6lkerung will, dass Selbstbestimmung gilt. Jeder soll selbst entscheiden k\u00f6nnen, ob und wie er medizinisch behandelt werden will, falls er in einen Zustand ger\u00e4t, in dem er keine eigene Entscheidung mehr treffen kann. In einer EMNID-Umfrage von 2004 verlangen etwa 90 Prozent der Befragten, dass solche Festlegungen f\u00fcr \u00c4rzte und Pflegepersonal bindend sein sollen.<br \/>Dem stehen Stimmen aus den politischen Parteien, den Kirchen, der \u00c4rzteschaft und sozialen Bewegungen gegen\u00fcber, die solche Verf\u00fcgungen nicht anerkennen wollen, mit dem Argument, dass niemand als Gesunder antizipieren und entscheiden k\u00f6nne, was er als Kranker im Zustand der Entscheidungsunf\u00e4higkeit wollen w\u00fcrde. Von manchen wird gefordert, die Patientenverf\u00fcgung solle nur f\u00fcr Behandlungsentscheidungen gelten, die anstehen, wenn der Sterbeprozess schon begonnen hat.<\/p>\n<h5><span id=\"normative-ansprueche-und-die-moral\">Normative Anspr&uuml;che und die Moral<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Was immer man f\u00fcr solche Beschr\u00e4nkungen ins Feld f\u00fchren mag, sie verfehlen jedenfalls den Willen der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Das gilt auch f\u00fcr komplizierte Formvorschriften oder Beratungserfordernisse, die dazu f\u00fchren, dass Millionen von Patientenverf\u00fcgungen unwirksam werden. 78 Prozent der Befragten lehnen es ab, die Geltung der Verf\u00fcgung auf den Sterbeprozess zu beschr\u00e4nken. Sie haben vermutlich gerade Situationen wie das Leben im Wachkoma oder im Zustand der Demenz im Auge und wollen f\u00fcr diesen Fall entscheiden k\u00f6nnen, was mit ihnen geschehen soll.<br \/>Der Streit, der in den U.S.A. um die Einstellung der k\u00fcnstlichen Ern\u00e4hrung der Wachkomapatientin Terry Schiavo gef\u00fchrt wurde, d\u00fcrfte die Entschlossenheit, den eigenen Willen durchgesetzt zu sehen, noch best\u00e4rkt haben. Nach einer FORSA-Umfrage von M\u00e4rz 2005 sind 91 Prozent der Deutschen (in Ost-Deutschland 96 Prozent) der Meinung, die Festlegung &#132;dass man als Koma-Patient keine lebensverl\u00e4ngernden Ma\u00dfnahmen w\u00fcnscht&#147; sollte f\u00fcr Gerichte und \u00c4rzte verbindlich sein.<br \/>Die soziologische Feststellung, ob eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung bestimmte normative Anspr\u00fcche teilt oder nicht teilt, beantwortet nicht die moralische Frage, ob diese Anspr\u00fcche vor dem Forum der Vernunft oder des Gewissens oder vor Gott richtig oder falsch sind. Es bleibt denkbar, dass die Minderheit gegen die Mehrheit recht hat. Es kann jedoch in einer Demokratie auch nicht irrelevant sein zu wissen, wie die Bev\u00f6lkerung denkt, wenn dar\u00fcber zu entscheiden ist, ob solche Anspr\u00fcche mit Hilfe rechtlicher Regulierung allgemeinverbindlich gemacht werden sollen oder nicht.<br \/>Der parlamentarische Gesetzgeber muss nicht den Wertorientierungen der Bev\u00f6lkerung folgen, und er tut es faktisch h\u00e4ufig nicht. Oft sind Rechtstraditionen und Elitendiskurse ausschlaggebend. Das konzessionslose und (fast) diskussionslose Verbot der aktiven Sterbehilfe in Deutschland ist ein Beleg. Es verdankt sich einem Elitenkonsens, der nicht durch die Wertorientierungen der Bev\u00f6lkerung gedeckt ist.<br \/>Dabei spielt die historische Erfahrung der Nazizeit mit den Verbrechen der Euthanasie eine Rolle. Vor diesem Hintergrund f\u00e4llt es schwer, dem Missbrauchsszenario, dass die Zulassung aktiver Sterbehilfe zum Einfallstor f\u00fcr unfreiwillige T\u00f6tungen unheilbar Kranker werden k\u00f6nnte, zu widersprechen bzw. das Verbot davon abh\u00e4ngig zu machen, ob das Missbrauchsrisiko realistisch ist oder wirksam kontrolliert werden k\u00f6nnte, ohne die Selbstbestimmung der betroffenen Patienten auszuschlie\u00dfen.<br \/>Allerdings ist eine Gesetzgebung, die relevante Teile der Bev\u00f6lkerung moralisch belehren oder erziehen will, prek\u00e4r. Es muss mit Ausweichman\u00f6vern gerechnet werden. Die sind eher bei der Sterbehilfe m\u00f6glich als bei der Patientenverf\u00fcgung. Dort haben Betroffene das Beispiel von Nachbarl\u00e4ndern vor Augen (Niederlande, Belgien, Schweiz), in denen aktive Sterbehilfe und organisierte Beihilfe zur Selbstt\u00f6tung kontrolliert freigegeben sind. Sie k\u00f6nnen sich der restriktiven deutschen Gesetzgebung notfalls durch &#132;Flucht&#147; ins Ausland entziehen &#150; und dabei mit der Zustimmung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung rechnen.<br \/>Diese Zustimmung w\u00fcrde vermutlich nur dann entfallen, wenn sich erweist, dass es in den L\u00e4ndern, die aktive Sterbehilfe freigeben, tats\u00e4chlich zu den beschworenen Fehlentwicklungen (Missbrauch) kommt und eine R\u00fcckkehr zum Verbot unumg\u00e4nglich ist. Sollten die beschworenen Fehlentwicklungen aber ausbleiben oder kontrollierbar sein, wird das Verbot der aktiven Sterbehilfe auch in Deutschland schlie\u00dflich dem Druck von Selbstbestimmungsanspr\u00fcchen nachgeben m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2067],"publikationen":[2816],"class_list":["post-11879","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfgang-van-den-daele","publikationen-175-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/175-vorgaenge\/publikation\/selbstbestimmung-am-lebensende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Selbstbestimmung am Lebensende - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Der Konsens der Eliten und die Meinung der Bev\u00f6lkerung . 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