{"id":11885,"date":"2006-11-04T13:16:00","date_gmt":"2006-11-04T12:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-verdraengte-tod\/"},"modified":"2006-11-04T12:00:00","modified_gmt":"2006-11-04T11:00:00","slug":"der-verdraengte-tod","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/175-vorgaenge\/publikation\/der-verdraengte-tod\/","title":{"rendered":"Der verdr\u00e4ngte Tod"},"content":{"rendered":"<p>Ein Erfahrungsbericht.<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr.175, (Heft 2\/2006), S.136-139<\/p>\n<p><b>Als Gemeindepfarrer ist man bem\u00fcht, Gemeindeglieder zu besuchen, wenn sie krank sind. Immer wieder habe ich dabei eine Erfahrung gemacht, die ich anfangs nicht recht einordnen konnte. Gerade wenn Menschen schwer krank waren, wurde meine Frage nach einem Besuch von den Angeh\u00f6rigen abgelehnt. Erst allm\u00e4hlich bin ich dahinter gekommen, dass das einen Grund hatte, den ich mir gar nicht vorstellen konnte. &#132;Dann denkt der Kranke ja, er m\u00fcsse bald sterben!&#147; \u00dcber den Tod t\u00e4uscht man auch Schwerstkranke gern hinweg. In 35 Jahren Pfarrdienst habe ich nicht nur vielfache Erfahrungen dieser Art gemacht, sondern ich habe nat\u00fcrlich auch viele Beobachtungen gesammelt und dar\u00fcber nachgedacht. Es ist ein subjektiver Bericht, der daraus resultiert. Ich denke aber, dass er auch anderen Anlass zum Nachdenken geben kann.<br \/>Die Angst, der Besuch des Pfarrers k\u00f6nnte als Hinweis auf den nahen Tod verstanden werden, hat traditionelle Bez\u00fcge und negiert sie zugleich. Im Mittelalter gab es Gebete mit dem Tenor &#132;Bewahre uns, Herr, vor raschem Tod.&#147; Gemeint war, dass man sich in einem solchen Fall nicht auf das Jenseits und das erwartete und gef\u00fcrchtete g\u00f6ttliche Gericht vorbereiten k\u00f6nnte. Daf\u00fcr war nat\u00fcrlich der Besuch des Pfarrers beim Sterbenden unerl\u00e4sslich. Warum dann heutzutage die Ablehnung? Einerseits ist anscheinend diese Vorstellung noch so weit vorhanden, dass man unterstellt, der Besuch des Pfarrers k\u00f6nnte als Vorbereitung auf das Jenseits und damit als Ank\u00fcndigung des nahen Todes verstanden werden. Die Ablehnung des Besuches war aber gleichzeitig die Absage an den traditionellen Jenseitsglauben. Der Besuch des Pfarrers, die Gelegenheit zu einem Beichtgespr\u00e4ch, zum Nachdenken \u00fcber Fehler und Vers\u00e4umnisse des Lebens und die M\u00f6glichkeiten von Vergebung und Vers\u00f6hnung wurden abgelehnt, weil die traditionelle Jenseitsvorstellung nicht mehr gegeben war. Damit wurden zugleich ein letztes Nachdenken \u00fcber den Sinn und die Aufgaben unseres Lebens und \u00fcber Hilfen zum Abschiednehmen abgeblockt. Dabei ist die Sinnfrage gerade angesichts des Todes und unseres in der Regel irgendwie unfertigen Lebens die eigentliche Frage nach dem Wert unseres Tuns und nach seiner Geborgenheit in gr\u00f6\u00dferem Zusammenhang. Das wurde und wird verdr\u00e4ngt. Mit den einfachen menschlichen Verpflichtungen wollte und will man wohl selbst zurechtkommen vom Ausf\u00fchren des letzten Willens bis zur Regelung der Bestattung, von der Benachrichtigung der Verwandten und Freunde bis zur Gestaltung der Traueranzeige, den Karten, die zu verschicken w\u00e4ren, und der Einladung nach der Trauerfeier. Der Pfarrer wurde f\u00fcr die Trauerfeier gebraucht und allenfalls f\u00fcr das Tr\u00f6sten der Angeh\u00f6rigen.<br \/>Andererseits habe ich bei vielen Trauerf\u00e4llen auch erlebt, dass es fatal war, nicht auf den Tod hingewiesen zu haben. Wie oft gab es hinterher das Nachdenken, was man eigentlich noch gern gesagt h\u00e4tte von Entschuldigungen bis zu Abschiedsworten der Liebe. Wie oft h\u00e4tte man noch gern etwas gefragt oder die Enkelkinder noch einmal zur Gro\u00dfmutter, zum Gro\u00dfvater gebracht. Wie viele bedauerten auf einmal, dass sie nicht noch einmal rechtzeitig zu Besuch gekommen sind: &#132;Ja, wenn ich gewusst h\u00e4tte, wie ernst es ist&#133;&#147; Mich hat es nachdenklich gemacht, als meine Gro\u00dfmutter ihre todkranke Schwester besucht hatte und dann beim Herausgehen sagte. &#132;Das war jetzt besser als erst zur Beerdigung zu gehen.&#147; Aber die M\u00f6glichkeit des Besuchens, des Abschiednehmens, setzt voraus, dass man offen vom herannahenden Tod spricht, und das vermeiden die meisten.<br \/>Die vierte Mitgliedschaftsuntersuchung der EKD hat versucht, Menschen auch danach zu fragen, was sie im Blick auf den Tod denken. In den daf\u00fcr angesetzten Gruppengespr\u00e4chen gab es zwei Hauptreaktionen. Die einen Gespr\u00e4che f\u00fchrten ganz schnell zur Frage der Beerdigung. Kann man den Angeh\u00f6rigen zumuten, sp\u00e4ter eine Grabstelle zu pflegen? Soll man sich nicht lieber anonym beerdigen lassen? Die anderen f\u00fchrten zu unsicherem Tasten nach dem, was nach dem Tod kommen k\u00f6nnte. Da gingen die Meinungen auseinander vom Nichts bis zu allerlei \u00dcberlegungen \u00fcber ein Weiterleben der Seele. Die traditionellen kirchlichen Vorstellungen von Auferstehung und k\u00fcnftigem Gericht kamen fast nicht mehr vor, die nichtbiblische Vorstellung einer Seele war \u00fcberraschend weit verbreitet. An Stelle der Sorge um ein Gericht gab es &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; \u00dcberlegungen, dass Gott ja vergibt und nur das Gute will. <br \/>Was selbst bis weit in die traditionelle Gemeinde sichtbar wird, merkt man erst recht, wenn man die medizinische Behandlung von Sterbenden und Todkranken ansieht. Meine Erfahrung ist, dass die meisten Menschen kaum Angst vor dem Tod, dagegen gro\u00dfe Angst vor den Schmerzen bei Krankheit und Sterben haben. Da kann die moderne Medizin erfreulich helfen, allerdings oft um den Preis, dass man das Sterben gar nicht bewusst erlebt. In anderen F\u00e4llen, in denen nicht Schmerzen qu\u00e4len, sondern bei Herzproblemen jede Aufregung gef\u00e4hrlich ist, wird selbst herbei eilenden n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen mit aller medizinischen Autorit\u00e4t geraten, nicht ans Krankenbett zu kommen, um ja keine Aufregung zu verursachen. Der so wichtige Abschied von Vater oder Mutter wird ebenso blockiert wie der Besuch des Pfarrers oder der Pfarrerin. Tod und Sterben sind zum medizinischen Problem geworden. Die Bedeutung des Todes f\u00fcr die Familie und die menschliche Umgebung, f\u00fcr das eigene Abschlie\u00dfen mit dem Leben und einen wirklichen Abschied verschwindet dahinter ebenso wie jegliche Frage nach gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen und Aufgaben unseres Lebens.<br \/>In gewisser Weise ist das konsequent und entspricht dem Denken der meisten Menschen. Wie oft habe ich geh\u00f6rt: &#132;Am liebsten m\u00f6chte ich einmal tot umfallen oder morgens nicht mehr aufwachen. Dann habe ich wenigstens keine Schmerzen.&#147; Meine Be-\u00a0\u00a0 obachtung ist jedoch, dass ein unerwarteter pl\u00f6tzlicher Tod f\u00fcr die Umgebung besonders schlimm ist. Man ist nicht nur nicht darauf vorbereitet. Man kann auch nicht Abschied nehmen, nicht nochmals Liebe, Dank und Verbundenheit zum Ausdruck bringen, kann vielleicht auch nicht mehr etwas bereinigen, was noch trennt oder belastet. Meine Konsequenz aus vielen Trauerf\u00e4llen ist jedenfalls, dass ich mir nicht mehr w\u00fcnsche, pl\u00f6tzlich tot umzufallen. Da will ich lieber eine Zeit lang &#8211;\u00a0 hoffentlich nicht zu lange &#8211; krank sein, sp\u00fcren, dass ich Abschied nehmen muss, und dann auch in Ruhe Abschied nehmen k\u00f6nnen. Aber das ist eine pers\u00f6nliche \u00dcberlegung, beim Sterben ist jeder mit seinen Schmerzen allein, und schwer ist ein endg\u00fcltiger Abschied immer &#8211; f\u00fcr den Sterbenden wie f\u00fcr seine Umgebung. <br \/>Was viele angesichts des Todes denken, habe ich in ganz anderem Zusammenhang geh\u00f6rt. Als einer Frau mit zwei kleinen Kindern der Mann fr\u00fch starb, sagte man im Dorf: &#132;Das ist wirklich traurig.&#147; Warum? &#132;Die hat ja keine vern\u00fcnftige Versorgung.&#147; Die materiellen Folgen des Todesfalls waren wichtiger als die inneren Probleme wie Schmerz, Verlust von Liebe und Geborgenheit und eigene Trauer. Es kann allerdings auch anders sein. Als ein sehr alter Herr starb, der mit seinem Sohn seit Jahren kein Wort mehr gesprochen hatte, wollte es der Zufall, dass ich ihn kurz vorher noch zum Geburtstag besucht hatte. Da hatte er pl\u00f6tzlich von seinem Sohn gesprochen, nach ihm und seiner Familie gefragt und die Situation bedauert, die er aus \u00c4rger \u00fcber die Heirat des Sohnes selbst herbeigef\u00fchrt hatte. Ausgerechnet die Tochter des B\u00fcrgermeisters aus der seit Generationen konkurrierenden anderen vornehmen Familie hatte der n\u00e4mlich geheiratet. Als ich nun zu eben diesem Sohn wegen der Beerdigung des Vaters kam, konnte ich von dem Gespr\u00e4ch berichten, und es war eine Erleichterung zu sp\u00fcren, die zeigte, welche Last die Situation auch f\u00fcr ihn gewesen war. Es k\u00f6nnen also auch solche Fragen angesichts des Todes belastend sein, und es ist h\u00f6chst problematisch, wenn Menschen \u00fcber den Ernst einer Krankheit hinwegget\u00e4uscht werden. Wichtig ist allerdings, wie man dar\u00fcber spricht und welche Hilfe man im Blick auf deutlich werdende Probleme anbieten oder wenigstens vermitteln kann. Nicht zuletzt ist es hilfreich, wenn der Sterbende nicht allein gelassen wird, sondern Angeh\u00f6rige oder\u00a0 Freunde da sind, die seine Hand halten, \u00fcber seinen Kopf streichen k\u00f6nnen, weil so bis zuletzt die Liebe deutlich wird, die wichtiger ist als alle Theorien \u00fcber ein Jenseits.<br \/>Der Berliner Praktische Theologe Professor Klaus-Peter Joerns hat unter Berufung auf Befragungen von Gemeindegliedern und Pfarrern notwendige Abschiede der kirchlichen Verk\u00fcndigung von manchen Traditionen gefordert, um zu einem glaubw\u00fcrdigen Christentum zu kommen. Er fordert, die Toten wirklich tot sein zu lassen, spricht von den vielen kleinen Abschieden als kleinen Toden in unserem Leben, geht von der v\u00f6lligen Verwesung des Leibes aus und bleibt dann doch bei einer recht vagen Vorstellung eines zu Gott Geh\u00f6rens, einer Auferstehungshoffnung, die er aber nicht weiter beschreiben kann und will. Es l\u00e4uft anscheinend auf das hinaus, was in den Gespr\u00e4chen, die die EKD -Untersuchung zitiert, mit dem Weiterleben der Seele angesprochen war. Merkw\u00fcrdigerweise geht Joerns aber gar nicht auf die ver\u00e4nderte Praxis des medizinischen Umgangs mit Sterben und Tod ein. Dass diese in unserer Gesellschaft v\u00f6llig akzeptiert ist, bedeutet in Wahrheit, dass alles, was in fast jedem Gottesdienst mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis angesprochen wird von Jesus Christus, der &#132;kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten&#147;, und vom Glauben &#132;an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben&#147;, praktisch negiert wird. Geblieben ist die Mitmenschlichkeit, die sich Gedanken macht \u00fcber die Belastung Angeh\u00f6riger, \u00fcber die Hilfe bei Schmerzen durch die\u00a0 Medizin wie \u00fcber liebevolle Begleitung in der Hospizbewegung. In der Praxis ist es eine gewisse Entmythologisierung, die in der Kirche umstritten ist, aber offensichtlich l\u00e4ngst die Wirklichkeit pr\u00e4gt.\u00a0\u00a0 <br \/>\u00a0<br \/>Literatur\u00a0\u00a0 <br \/>Huber, Wolfgang, Friedrich, Johannes, Steinacker, Peter\u00a0 (Hrg.) Kirche in\u00a0 der Vielfalt der Lebensbez\u00fcge, G\u00fctersloh 2006<br \/>J\u00f6rns, Klaus-Peter, Gro\u00dfeholz, Carsten (Hrg.) Was die Menschen wirklich glauben, G\u00fctersloh 1998.<br \/>J\u00f6rns, Klaus-Peter Notwendige Abschiede, 2.Aufl. G\u00fctersloh 2005.<\/b><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1610],"publikationen":[2816],"class_list":["post-11885","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ulrich-finckh","publikationen-175-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der verdr\u00e4ngte Tod - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/175-vorgaenge\/publikation\/der-verdraengte-tod\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der verdr\u00e4ngte Tod - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Erfahrungsbericht. 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