{"id":11903,"date":"2006-06-03T15:42:00","date_gmt":"2006-06-03T13:42:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/weg-als-freiheit\/"},"modified":"2006-06-03T12:00:00","modified_gmt":"2006-06-03T10:00:00","slug":"weg-als-freiheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/weg-als-freiheit\/","title":{"rendered":"Freiheit als Weg"},"content":{"rendered":"<p>Ralf Dahrendorfs Tugendlehre der Freiheit.<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 174, (Heft 2\/2006), S. 132-135<\/p>\n<p><b>1516 ver\u00f6ffentlichte Thomas Morus seine ber\u00fchmte Schrift &#132;Utopia&#147;. Darin berichtet er von einer Empfindung der Insulaner, auf die man erst einmal kommen muss. Denn seine Utopier erfreuen sich, falls eine Krankheit dem nicht entgegensteht, tagt\u00e4glich ihrer Gesundheit. &#132;Dass man n\u00e4mlich sagt, man k\u00f6nne Gesundheit nicht empfinden, ist nach Meinung der Utopier ganz falsch. &#8230; Wer liegt in so festen Banden des Stumpfsinns oder der Lethargie, dass er nicht zugeben wollte, die Gesundheit bereite ihm Freude und Genuss. Was ist aber Genuss anderes als eine andere Bezeichnung f\u00fcr Vergn\u00fcgen?&#147;1 <\/b><\/p>\n<p>Ralf Dahrendorf\u00a0 Versuchungen der Unfreiheit\u00a0 Die Intellektuellen in Zeiten der Pr\u00fcfung;\u00a0 C.H. Beck\u00a0 M\u00fcnchen 2006; 239 S. 19,90Euro<\/p>\n<p>In diesem Punkt sind wohl damals wie heute nur ganze wenige Utopier. Was eigentlich ist Gesundheit? Beschreibt sie nur die Abwesenheit von Krankheit, die ziemlich genau zu bestimmen ist? Oder meint sie auch vollkommenes soziales, seelisches und k\u00f6rperliches Wohlbefinden? Also eine sehr individuelle Wahrnehmung, die kaum verallgemeinerbar sein d\u00fcrfte? Beides scheint zutreffend zu sein, kl\u00e4rt aber das Problem nicht. Das erste ist lediglich eine Abgrenzung, ohne positive inhaltliche Bestimmung. Das zweite versucht ein Ideal zu umkreisen, das nur individuell beschreibbar ist. <br \/>Es gibt nicht viele andere Begriffe, die so zentral, evident und signifikant f\u00fcr Gesellschaft und Individuum und zugleich so schwierig zu definieren sind. &#132;Freiheit&#147; aber geh\u00f6rt dazu, zweifellos, auch wenn die Spezialbibliotheken dazu \u00fcberborden und die Debatten dar\u00fcber nicht abrei\u00dfen. John Stuart Mills ber\u00fchmte &#132;Freiheits-Formel&#147; aus dem Jahr 1859 hat nicht an Strahlkraft eingeb\u00fc\u00dft. &#132;Dies Prinzip lautet: dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eins ihrer Mitglieder einzumengen befugt ist, der ist: sich selbst zu sch\u00fctzen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglied einer zivilisierten Gemeinschaft rechtm\u00e4\u00dfig aus\u00fcben darf, der ist: die Sch\u00e4digung anderer zu verh\u00fcten. &#8230; Man kann einen Menschen nicht rechtm\u00e4\u00dfig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser f\u00fcr ihn w\u00e4re, weil es ihn gl\u00fccklicher machen, weil er nach Meinung anderer klug oder sogar richtig handeln w\u00fcrde.&#147;2 Die Geschichte hat das Problem insofern aber nicht gel\u00f6st, weil kein Staat bisher dieses Prinzip akzeptiert hat. Nat\u00fcrlich, die Neuzeit hat einige Staatsmodelle hervorgebracht, die dieses Prinzip besser beachten als andere. England geh\u00f6rt dazu wie die USA, Frankreich wie die Bundesrepublik, Schweden wie Neuseeland und noch eine ganze Reihe weiterer Staaten. Prinzipiell freilich aber k\u00f6nnen auch diese Staaten Freiheit nur mittels Rechtsprechung, Verfassungsordnung und demokratischer Staatsprinzipien abstrakt garantieren. Jede Ordnung, jedes Gesetz, jede Regelung beeintr\u00e4chtigt oder unterbindet gar die &#132;absolute Freiheit&#147;, die konkret handelnden Individuen in diesen Strukturen tun ihr \u00fcbriges dazu, um die an sich garantierte Freiheit noch weiter einzuschr\u00e4nken, manchmal bis hin zur Unkenntlichkeit. So wie Demokratie nicht Wohlstand oder soziale Gleichheit verspricht, so bringt eine freiheitliche Grundordnung noch lange keine ideale Freiheit.<br \/>So wie Krankheit der Antipode zur Gesundheit ist, so stellt die Diktatur den sch\u00e4rfsten Gegensatz zur freiheitlichen Verfassungsordnung dar. In der Diktatur Lebende k\u00f6nnen dann genau Freiheit definieren und als absolut erstrebenswertes Ziel angeben, wenn sie die Diktatur als nicht lebenswert erachten und \u00fcberwinden wollen. In der freiheitlichen Ordnung angekommen, verlieren viele den Sinn f\u00fcr Freiheit und sehnen sich nach Arkadien, das sie einst \u00fcberwinden wollten. Dabei erfahren sie mannigfaltige Unterst\u00fctzung. Denn so wie der Gesunde sich zumeist nicht seiner Gesundheit zu erfreuen wei\u00df, so k\u00f6nnen viele in einer freiheitlichen Ordnung Sozialisierte sich nicht ihrer zun\u00e4chst einmal prinzipiellen Freiheit erfreuen. Mehr noch, f\u00fcr viele ist sie eine Last, die sie nach Staatsinterventionen und -alimentationen rufen l\u00e4sst. Nur in der Freiheit selbst l\u00e4sst sich Freiheit denunzieren, und wie ich als fr\u00fcherer DDR-B\u00fcrger\u00a0 seit 16 Jahren beobachten kann, ein medial, kulturell, politisch und wissenschaftlich allt\u00e4glicher Vorgang. Und wie ich zudem betr\u00fcblichen Quellenstudien entnehmen konnte, ein Vorgang, der sich seit der europ\u00e4ischen Revolution von 1989\/91 eher verbessert als verschlechtert hat, d.h. die Verachtung von Freiheit trieb in den Jahren und Jahrzehnten zuvor noch breitere Massen, von noch mehr Intellektuellen angef\u00fchrt, zusammen.<br \/>Wie aber kann man Freiheit in Freiheit erlernen? Wie kann man sie sch\u00e4tzen, w\u00fcrdigen und verteidigen lernen, wenn sie unter Inanspruchnahme der Freiheit best\u00e4ndig denunziert wird? Ist das \u00fcberhaupt m\u00f6glich, ohne gleich wieder nach dem Staat zu rufen? K\u00f6nnten der B\u00fcrger und die B\u00fcrgergesellschaft wiederum eine Freiheitserziehung gew\u00e4hrleisten, ohne in der Erziehung Freiheitsrechte einzuschr\u00e4nken? Dazu gibt es bislang weder hinreichende \u00dcberlegungen noch intensive Debatten. Aber es gibt mit dem neuesten Buch von Ralf Dahrendorf einen Entwurf, den der Lord selbst &#132;Tugendlehre der Freiheit&#147; nennt.<br \/>Manches in dem Buch ist wohl nicht ganz so ernst gemeint, wie einige ver\u00e4chtliche Rezensionen vorgeben. Dahrendorfs Ausf\u00fchrungen aber sind insgesamt ernsthaft genug, um sie nicht nur zu bedenken, sondern auch zum Ausgangspunkt einer neuen Freiheitsdebatte werden zu lassen. Das gro\u00dfe Thema ist nicht so sehr die Frage, warum so viele Intellektuelle den totalit\u00e4ren Verf\u00fchrungen, ob nun Faschismus, Nationalsozialismus oder Kommunismus, erlegen waren, sondern vielmehr, warum einige ihnen nicht erlagen. Diese nennt er in Erinnerung an Erasmus von Rotterdam Erasmier, die sich in der nicht existierenden Societas Erasmiana versammelt sehen. Aufnahme findet, wer konsequent und lebenslang die Dahrendorfschen Tugenden der Freiheit erf\u00fcllte, die da w\u00e4ren &#132;Mut des Einzelkampfes um Wahrheit&#147;, &#132;Gerechtigkeit im Leben mit Widerspr\u00fcchen&#147;, &#132;Besonnenheit beim engagierten Beobachten&#147; sowie &#132;Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft&#147;. Mustermitglieder dieser Akademie sind Raymond Aron, Isaiah Berlin und Karl Raimund Popper, aber auch Norberto Bobbio, Jan Pato\u010dka, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt oder Theodor Eschenburg. Viele weitere Personen lotet Dahrendorf nach einer eventuellen Akademiemitgliedschaft aus, findet aber nicht allzu viele, die f\u00fcr tauglich befunden werden. Das h\u00e4ngt nicht nur damit zusammen, dass er nur eine bestimmte Alterskohorte, zwischen 1900 und 1910 Geborene, in den Blick nimmt, sondern auch regional begrenzt bleibt. Sei es drum, dem Leser er\u00f6ffnet sich trotz dieser Einschr\u00e4nkung schnell und einleuchtend, worum es dem Autor geht, man muss es nur erkennen wollen. Warum schaffen es nur so wenige, sich dem Zeitgeist zu verschlie\u00dfen, selbst wenn er den Totalitarismus welcher Spielart auch immer preist? Dahrendorf allerdings geht das Problem positiv an und untersucht, warum es manche schaffen: weil sie, trotz oder gerade wegen individueller Eigenheiten, die ihrer Umwelt zuweilen einiges abverlangten, die &#132;Tugendlehre der Freiheit&#147; lebten.<br \/>Auch wenn nicht alle Antworten erf\u00fcllend ausfallen m\u00f6gen, auch wenn nicht jede Argumentation restlos \u00fcberzeugen mag, auch wenn man nicht jeder Entschuldigung folgen kann, so bleibt doch Dahrendorfs abstrakte &#132;Tugendlehre&#147;, die einem kategorischen Imperativ gleichkommt, deshalb \u00fcberzeugend, weil sie Freiheit als alternativlosen Weg ins Zentrum jeglichen Tun und Denkens r\u00fcckt und dabei zugleich ein Verhaltensregister anbietet, das diesen Weg erm\u00f6glicht.<br \/>Ja, es gibt vieles an diesem Essay, das irritiert oder zu Widerspruch anregt. Am meisten irritiert mich, dass ein &#132;Erasmier&#147;, wenn es auch gro\u00dfe N\u00e4he gibt, kein &#132;Sokratiker&#147; sein k\u00f6nne. Dem Ersamier ist, so die Konsequenz bei Dahrendorf, das Wort und das Leben f\u00fcr das Wort wichtiger als das Einstehen f\u00fcr Handlungen, die aus dem Wort folgen. Anders formuliert: Der Erasmier geht, wenn er irgendwie kann, davon, ins Exil, w\u00e4hrend der &#132;Sokratiker&#147;, etwa auch Thomas Morus, lieber stirbt als geht. Diesen &#132;Fanatismus&#147; stellt Dahrendorf in Gegensatz zur Vernunft der Erasmier. Ebenso irritiert im \u00dcbrigen die Kategorie des &#132;Mutes&#147;. Im Totalitarismus beantwortet sich die Mut-Frage fast allein und ist hunderttausendfach, ganz individuell, mit zum Teil furchtbaren Folgen, beantwortet worden. Aber was bedeutet Mut in der Offenen, in der freiheitlichen Gesellschaft? In den 16 Jahren, die ich in der Offenen Gesellschaft lebe, habe ich darauf bislang keine wirklich \u00fcberzeugende Antwort finden k\u00f6nnen. Wer es bereits als mutig empfindet, eine Meinung zu ver\u00f6ffentlichen und zu vertreten, f\u00fcr die er voraussehbar &#132;sanktioniert&#147; wird, in dem ihm etwa ein paar T\u00fcren verschlossen werden, wei\u00df nicht, was Mut in der geschlossenen Gesellschaft bedeutet. Insofern verlangt die Offene Gesellschaft Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, aber wirklich Mut?<br \/>Sehr wohltuend an dem Buch von Ralf Dahrendorf ist, dass er &#150; wie schon in vielen anderen Publikationen zuvor &#150; Freiheit in Opposition zu Unfreiheit stellt und nicht, wie es manche immer wieder gern tun, in Opposition zu &#132;sozialer Gleichheit&#147; oder &#132;sozialer Gerechtigkeit&#147;. Der arkadische Traum hat mit Freiheit nichts zu tun. <br \/>Ungel\u00f6st freilich bleibt die gro\u00dfe Frage, wie der eigentliche Besch\u00fctzer der Freiheit, der Staat, dessen zentrale Aufgabe in einer demokratischen Verfassungsordnung gerade in der Gew\u00e4hrleistung der Freiheit liegt, nicht gleichzeitig zur gr\u00f6\u00dften Gefahr f\u00fcr die Einschr\u00e4nkung der Freiheit wird. Denn jede Hierarchie, Ordnung, Institution und Verordnung, so n\u00fctzlich und auch notwendig sie sein m\u00f6gen, schr\u00e4nkt zwangsl\u00e4ufig Freiheit ein. Worin ein vern\u00fcnftiges Ma\u00df liegt, ist umstritten, sicherlich aber gehen Forderungen, den Sozial- und Wohlfahrtsstaat ganz abzuschaffen, was Dahrendorf nicht fordert!, dann doch erheblich zu weit.<br \/>Ralf Dahrendorfs Buch, durchaus mit einem Augenzwinkern geschrieben, ist aber nicht nur ein der Freiheit gewidmeter Essay, es ist auch ganz pers\u00f6nliches Erinnerungsbuch des Soziologen, Politikers, Wissenschaftsmanagers &#150; des Intellektuellen eben. Die von ihm vorzugsweise behandelten Aron, Berlin und Popper nennt er &#132;v\u00e4terliche Freunde&#147;, was so manche, f\u00fcr mich durchaus wohltuende Emphase erkl\u00e4ren mag. In einem Punkt aber irrt Ralf Dahrendorf, so glaube ich jedenfalls. Ein Erasmier habe, so der Autor, in der Regel keine (wissenschaftliche) Schule gebildet. Das mag stimmen, wenn der Blick allein auf die traditionellen Institutionen und den Vorgang einer wissenschaftlichen Schulbildung gerichtet bleibt. <br \/>Aber f\u00fcr die Wirkungsgeschichte wird man diese Feststellung nicht so einfach aufrechterhalten k\u00f6nnen. Gerade Popper und Aron, aber auch Berlin haben aus der Offenen\u00a0 Gesellschaft auf vielen verschlungenen Pfaden in geschlossene Gesellschaften hinein\u00a0 und, so behaupte ich, schulbildend gewirkt, ohne dass dabei eine klassische wissenschaftliche Schule herausgekommen w\u00e4re, sehr wohl aber eine Denkschule. Und das wiederum hat durchaus dazu beigetragen, dass nicht wenige sich potentiell eher &#132;sokratisch&#147; denn &#132;erasmisch&#147; verhielten. In der Offenen Gesellschaft muss man nicht zwischen dem einen oder dem anderen w\u00e4hlen, man kann hier f\u00fcr die Freiheit streiten, ohne ernstliche Sanktionen zu bef\u00fcrchten. Die geschlossene Gesellschaft aber bedarf auch sokratischer Intellektueller, die die Aufnahmebedingungen in die Societas Erasmiana erf\u00fcllen, um die Mauern niederzurei\u00dfen und die vergleichsweise langweilige Offene Gesellschaft zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>1\u00a0\u00a0\u00a0 Thomas Morus: Utopie. Leipzig: Verlag Ph. Reclam, 1985, 7. Aufl., S. 86.<br \/>2\u00a0\u00a0\u00a0 John Stuart Mill: \u00dcber die Freiheit. Stuttgart: Ph. Reclam jun., 1988, S. 16.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1885],"publikationen":[2815],"class_list":["post-11903","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ilko-sascha-kowalczuk","publikationen-174-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Freiheit als Weg - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/weg-als-freiheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Freiheit als Weg - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ralf Dahrendorfs Tugendlehre der Freiheit. 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