{"id":11914,"date":"2006-03-01T10:20:00","date_gmt":"2006-03-01T09:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/visuelle-glaubenssuche\/"},"modified":"2021-08-30T15:39:44","modified_gmt":"2021-08-30T13:39:44","slug":"visuelle-glaubenssuche","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/visuelle-glaubenssuche\/","title":{"rendered":"Visuelle Glaubenssuche"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Kunstausstellunen inzenieren Religion,<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S.  71-80<\/p>\n<p>Noch vor drei Jahren meinten die Kunsthistorikerin Carolin Meister und der Philosoph Knut Ebeling anl&auml;sslich der Ausstellung <i>Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen<\/i> im Berliner Martin-Gropius-Bau, dass in Galerien, Ateliers, Kunsthallen und Museen weit und breit keine Religion zu finden sei. Die These vom Fortleben der Religion in der Kunst trotz Aufkl&auml;rung und Moderne sei in weite Ferne ger&uuml;ckt (Meister\/Ebeling 2003: 28). Im folgenden soll gezeigt werden, wie fragw&uuml;rdig diese Aussage heute geworden ist. Im Gegenteil: Man kann vielmehr von einer Renaissance der Religion im zeitgen&ouml;ssischen Kunstbetrieb sprechen. Wenngleich im s&auml;kularisierten Kunstbetrieb der Glauben ein k&uuml;nstlerisches und kunsttheoretisches Thema unter vielen anderen ist, l&auml;sst sich doch vielfach seine wachsende Beliebtheit feststellen. <br \/>So fanden in den letzten Jahren zahlreiche Ausstellungen statt, die religi&ouml;se Themen und Motive aufgriffen: beispielsweise <i>Alt&auml;re &ndash; Kunst zum Niederknien <\/i>(2002) im museum kunst palast D&uuml;sseldorf, <i>Heaven<\/i> (1999) in der Kunsthalle D&uuml;sseldorf\/Tate Gallery Liverpool, <i>Corpus Christi <\/i>(2004) im Internationalen Haus der Fotografie Hamburg, <i>Die Zehn Gebote <\/i>(2004) im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, <i>Ansichten Christi <\/i>(2005) im Wallraf-Richartz-Museum K&ouml;ln, <i>Bilderglauben<\/i> (2005) in der Galerie Nord\/Kunstverein Tiergarten Berlin oder <i>Der Himmel auf Erden? <\/i>(2005) in Potsdam. <br \/>In der Tages- und Fachpresse wurde die Wiederkehr der Religion, wie sie sich unter anderem in Konflikten um Kunstwerke und Ausstellungen &auml;u&szlig;erte, diskutiert. So fand im Jahr 2000 die Zerst&ouml;rung der hyperrealistischen Papst-Skulptur von Maurizio Cattelan durch fundamental-katholische polnische Abgeordnete eine gro&szlig;e Resonanz in den Medien: Der K&uuml;nstler hatte in der Warschauer Nationalgalerie Zacheta Johannes Paul II. auf dem Boden liegend hyperrealistisch inszeniert &ndash; ein vom Himmel gefallener Meteorit hatte das Kirchenoberhaupt schwer getroffen. Nicht nur der Umstand, dass ausgerechnet der Mensch, dem eine besondere Verbindung zum Himmel nachgesagt wird, von oben einen Meteoriten geschickt bekam, sondern auch der Titel <i>La Nona Ora<\/i> erregte die Gem&uuml;ter: in der neunten Stunde am Kreuz zweifelte Christus an seinem Herrn (Matth&auml;us 27,46). Die Abgeordneten bem&uuml;hten sich, den k&uuml;nstlichen Stein wegzurollen und zerst&ouml;rten damit die Skulptur. &Auml;hnliche Konflikte l&ouml;ste 1999 auch die mit Elefantendung und Zeitungsschnipseln aus Pornomagazinen verzierte schwarze Madonna von Chris Ofili in New York aus: Der New Yorker B&uuml;rgermeister Rudolph Guiliani stand damals an der Spitze des Protestes gegen die Ausstellung <i>Sensation<\/i> im Brooklyn Museum of Art, in dem die Arbeit des K&uuml;nstlers gezeigt wurde. Der Protest m&uuml;ndete in einer Anzeige gegen das Museum und hatte ein juristisches Nachspiel. <br \/>Eine Vielzahl von Vortr&auml;gen und Tagungen, Kunstmessen und Ausstellungen in Galerien offenbaren gegenw&auml;rtig die Konjunktur religi&ouml;ser Themen; auch f&uuml;r das Jahr 2006 k&uuml;nden zahlreiche geplante Ausstellungen und Tagungseinladungen davon. <br \/>Seit langer Zeit verbindet beide Sph&auml;ren &ndash; Kunst und Religion &ndash; ein spezielles Verh&auml;ltnis. Bis weit in die Neuzeit hinein stand die bildende Kunst zumeist im Dienst der Religion. Es war eine ihrer Hauptaufgaben, die religi&ouml;sen Inhalte in Bilder zu fassen, um die christliche Lehre allen Schichten zug&auml;nglich zu machen. Mit der Aufkl&auml;rung trennte sich die Kunst von der Religion und verselbst&auml;ndigte sich. K&uuml;nstler sahen ihre Aufgabe nicht mehr darin, das Religi&ouml;se zu propagieren. Religion war nicht mehr zentraler Bestandteil k&uuml;nstlerischer Gestaltung; eine besondere Verbindung zur Kirche existiert heute nicht mehr (Messmer 2005: 15). <br \/>Wie verh&auml;lt sich nun dazu die eingangs beschriebene Wiederkehr der Religion im Kunstbetrieb? Das soll anhand zweier Ausstellungen analysiert werden: <i>Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen <\/i>(2003) in Berlin sowie <i>Die Zehn Gebote<\/i> (2004) in Dresden. In beiden Ausstellungen zeigten sich spezifische Formen von Religion im Kunstbetrieb: zum einen ein Verst&auml;ndnis von Religion als Moral und Wert, zum anderen die Fortf&uuml;hrung einer &auml;lteren kunstreligi&ouml;sen Haltung, wie sie in der Romantik und im b&uuml;rgerlichen 19. Jahrhundert entwickelt worden war. In der Romantik kam es &ndash; gleichsam als Reaktion auf die S&auml;kularisierung der Kunst &ndash; zu einer &bdquo;Engf&uuml;hrung&ldquo; von Kunst und Religion, die bis in die Gegenwart reicht; die romantische Verwandlung von Kunst-Erleben in religi&ouml;ses Erleben geh&ouml;rt u.a. dazu. Seit dem 19. Jahrhundert existiert zudem eine &bdquo;Sakralisierung&ldquo;, also die &Uuml;bertragung religi&ouml;ser Begriffe und Formen auf nicht religi&ouml;se Bereiche (Br&auml;unlein 2004: 23). Mit dem Bedeutungsverfall institutioneller Religion und damit auch institutionalisierter religi&ouml;ser Kunst gehen also neue Konnotationen des Religi&ouml;sen einher. Eine kunstreligi&ouml;se Wahrnehmung ist die Antwort auf den zunehmenden Funktionsverlust der historisch gepr&auml;gten Religionen (Schipperges 2005). <br \/>Seit den 1990er Jahren f&auml;llt im Kunstbetrieb eine wachsende Selbstbefragung der christlichen Mehrheit auf. Dabei spielt, so die These, das Christentum im Vergleich zum Islam oder Judentum eine dominante Rolle; es herrscht demzufolge ein spezifisches Nachfrageinteresse vor bzw. wird bedient. Aufgrund des Ausschlusses anderer Religionsgemeinschaften in den beiden hier untersuchten Ausstellungen wird im folgenden auch die Singularform von Religion verwendet. Die Leitfragen lauten hier also: Was machen Kunstwerke im Hinblick auf Sinn, Werte, Religionen, Religiosit&auml;t und Orientierung sichtbar? Was inszenieren und konstruieren die beiden Ausstellungen? Wird eine bestimmte Form von Religiosit&auml;t &uuml;ber Kunst entwickelt? Welche Gruppen unserer Gesellschaft werden angesprochen?<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zurueck-zum-glauben\">Zur&uuml;ck zum Glauben?<\/span><\/h2>\n<p>Der Philosph Herbert Schn&auml;delbach verwies k&uuml;rzlich darauf, dass es sich bei der vermeintlichen R&uuml;ckkehr der Religion in erster Linie lediglich um ein neuerliches Interesse an Religion handelt, das sich auf der kulturellen Nachfrageseite bemerkbar macht. Es gehe um ein rein funktionales Verst&auml;ndnis von Religion, bei dem prim&auml;r N&uuml;tzlichkeits&uuml;berlegungen im Spiel sind. Religion diene als Mittel zum Zweck f&uuml;r ein empfundenes spirituelles sowie kulturhistorisches Vakuum, soll Orientierungsma&szlig;stab sein f&uuml;r Beurteilungen und einstehen f&uuml;r alles, an dem es angeblich in der deutschen Gesellschaft mangelt. Dazu z&auml;hlen beispielsweise Werte, Normen, Sinngebung und N&auml;chstenliebe. Die Liste der existenziellen Fragen, die neuerdings unter Religion gefasst werden, ist lang. Bemerkenswert ist hierbei, dass weder eine traditionelle theologische Lesart noch eine alle Aspekte des Lebens umfassende, verbindliche Glaubens&uuml;berzeugung hoch im Kurs steht (Schn&auml;delbach 2005). <br \/>Gefragt ist stattdessen Religion als Wert und Emotion, als eigenh&auml;ndig zurechtgeschnittenes Paket, als das bereits Bekannte erweiterndes Erlebnisspektrum. Hier wird die Zeit- und Kulturgebundenheit des Religionsbegriffs deutlich, ebenso die Unterscheidung zwischen Religion im Allgemeinen und der Kirche als Institution. Das Bed&uuml;rfnis eines &bdquo;sich Zur&uuml;ckverbindens&ldquo;, wie es die lateinische Ableitung des Wortes Religion von <i>religari<\/i> impliziert, findet also losgel&ouml;st von der institutionellen Seite statt.<br \/>Gr&uuml;nde f&uuml;r die von Herbert Schn&auml;delbach angef&uuml;hrte verst&auml;rkte, christliche Nachfrageseite nach Religion im Sinne von Werten und Sinnstiftung mag das Gef&uuml;hl von Entfremdung gegen&uuml;ber dem Christentum sein. In diesem Zusammenhang erscheint auch Gabriele Werners Beobachtung interessant, wonach auch die F&auml;higkeit, christliche Ikonographie zu lesen, weitgehend verloren gegangen sei (Werner 2003: 38). In Katalogen, kunstwissenschaftlichen Zeitschriften und Ausstellungstexten lassen sich weitere Erkl&auml;rungen finden: Die Aufmerksamkeit von K&uuml;nstlern, Galeristen und Kuratoren sei aufgrund aktueller politischer Ereignisse wie beispielsweise das Erstarken von religi&ouml;s-fundamentalistischen Str&ouml;mungen im Islam verst&auml;rkt auf religi&ouml;se Fragestellungen gerichtet. Wurde in den 1980er Jahren &uuml;ber das Thema &bdquo;Religion&ldquo; zun&auml;chst noch nicht gesondert vom &bdquo;Kultur-Diskurs&ldquo; gesprochen, &auml;nderte sich dies in den 1990er Jahren durch eine Reihe von Kontroversen und Ereignissen, welche die Sprengkraft von Religion verdeutlichen. Hierzu z&auml;hlt sicherlich der Anschlag auf das World Trade Center 2001, durch den Religion eine neue und &bdquo;gef&auml;hrliche&ldquo; Dimension erhielt, sowie die Ermordung des Filmregisseurs Theo van Gogh in den Niederlanden. Der Wunsch nach einer christlichen Selbstbefragung scheint auch durch die steigende Wahrnehmung einer anderen religi&ouml;sen Gruppe in Europa und Deutschland ins Zentrum zu r&uuml;cken. So werden Muslime in Deutschland beispielsweise sichtbarer, seitdem der muslimischen Gemeinschaft Ende der 1980er Jahre deutlich wurde, dass sie f&uuml;r l&auml;ngere Zeit in Deutschland sein w&uuml;rde und die seit den 1950er Jahren eingereisten Migranten nicht in ihre Heimatl&auml;nder zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden (Heine 2000: 47). Hie&szlig; es noch vor einiger Zeit, dass die Geschichte der verschiedenen Ethnien und Religionsgemeinschaften, die seit der Arbeitsmigration in der Bundesrepublik leben, zu jung sei, um museal repr&auml;sentiert zu werden (Held 2004: 13), scheint sich hier eine Ver&auml;nderung zu vollziehen, wie die j&uuml;ngste Ausstellung im K&ouml;lner Kunstverein unter dem Titel Projekt Migration belegt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"warum-die-ueberreste-des-christentums-in-der-kunst\">Warum! &ndash; die &Uuml;berreste des Chris&shy;ten&shy;tums in der Kunst<\/span><\/h2>\n<p>Die Kunstausstellung <i>Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen <\/i>wurde 2003 anl&auml;sslich des ersten &ouml;kumenischen Kirchentages im Berliner Martin-Gropius-Bau von der Guardini-Stiftung und der Stiftung St. Matth&auml;us ausgerichtet. Von Mai bis August 2003 zeigte die Schau 36 internationale K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler, die von den Kuratoren und Kunsthistorikern Friedrich Meschede, Leiter des Berliner K&uuml;nstlerprogrammes des DAAD, und Matthias Fl&uuml;gge, Vize-Pr&auml;sident der Berliner Akademie der K&uuml;nste, ausgesucht worden waren. Die Ausstellung besch&auml;ftigte sich mit dem Weiterleben der christlichen Symbole und Inhalte und fragte, wie sich in einer s&auml;kularen Gesellschaft Religion manifestiert. Motivation f&uuml;r diese Themensetzung waren aktuelle ethische Diskussionen, die um die Frage nach dem Menschenbild kreisten. Hier wurde von den Kuratoren beispielsweise auf die Debatte um die Gentechnik und das Klonen des Menschen verwiesen. Die Ausstellung ignorierte ganz bewusst aktuelle Debatten wie die um die Globalisierung und bem&uuml;hte sich vielmehr um eine okzidentale Selbstbesinnung &ndash; in diesem Fall f&uuml;r die westlichen\/deutschen Christen, da die Ausstellung anl&auml;sslich des ersten &ouml;kumenischen Kirchentages entstanden war und sich daher auch an ein spezifisches Publikum richtete. Dar&uuml;ber hinaus sollten jedoch vor allem kunstinteressierte Besucher angesprochen werden. In <i>Warum! <\/i>waren durchg&auml;ngig Kunstwerke ausgestellt, die nicht per se christlich waren. Die teilnehmenden K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler entstammten gr&ouml;&szlig;tenteils dem christlichen Kulturkreis. In der Ausstellung, so schien es, waren &bdquo;die Anderen&ldquo; damit indirekt Anlass und die unsichtbare Fl&auml;che f&uuml;r die Selbstbefragung. In dieser Ausstellung fand sich die von Schn&auml;delbach genannte Definition von Religion als Moral und Sinnstiftung wieder: Die Kuratoren setzten Religion hier mit existenziellen Fragen gleich; heutige K&uuml;nstler und K&uuml;nstlerinnen, so die Botschaft, setzen sich noch immer mit &bdquo;religi&ouml;sen&ldquo;, also existentiellen Fragen auseinander. <br \/>Als Beispiel stand daf&uuml;r eine Videoarbeit der 1911 geborenen Louise Bourgeois <i>The five questions <\/i>(2003), die f&uuml;nf Fragen nach dem Sinn des Lebens stellte (u.a.: &bdquo;Wer hat Tag und Nacht erschaffen?&ldquo;, &bdquo;Warum sind wir auf der Welt?&ldquo;). Die Stimme erklang im Raum, w&auml;hrend gleichzeitig die Fragen nach dem Sinn des Lebens in roten Lettern an die Wand projiziert wurden. Einige Werke kreisten um grundlegende Fragen wie Tod, Selbstbilder und Menschenbilder. Thomas Sch&uuml;tte etwa gestaltete einen Raum als Andenken an seinen verstorbenen Freund, den D&uuml;sseldorfer Galeristen Konrad Fischer. Er pr&auml;sentierte neben Zeichnungen und Aquarellen zwei &uuml;berdimensionale, leuchtend farbige Keramiken, die in der Tradition der Totenmaske die Gesichtsz&uuml;ge des Freundes zeigten. Als Beispiel f&uuml;r Sinnsuchende stand auch Jonathan Meese, der als &bdquo;Idolforscher&ldquo; schlechthin gilt. In seinem leidenschaftlichen Gesamtwerk ergr&uuml;ndet er Ideologien und ihre Tr&auml;ger &ndash; von Nero und Dr. No &uuml;ber Claudia Schiffer und Napoleon ist alles an wirkungsm&auml;chtigen Gestalten der Geschichte und Gegenwart in seinen inszenierten Kultst&auml;tten dabei. In der Ausstellung war er mit einem 370 x 1000 cm gro&szlig;en Triptychon vertreten, auf dem neben einer Kreuzdarstellung einige der ehemals Angebeteten wie Richard Wagner und Hitler ihren Auftritt hatten. Sein Altarbild bildete ein apokalyptisches Szenario ab: saugende, parasit&auml;re Wesen und geh&auml;utete K&ouml;rper bewegten sich um das lebensbaumartige Kreuz, an das eine wurm&auml;hnliche Figur &ndash; betitelt als Staatsgottheit &ndash; angeschlagen war. <br \/>Wenngleich hier schon ein blasphemischer Zug anklingt, war den Organisatoren der Ausstellung wichtig, dass in dieser Schau keine Kritik an der Institution Kirche ge&uuml;bt wurde. Es sollten zwar k&uuml;nstlerische Positionen gezeigt werden, die Widerspruch generierten, jedoch empfanden Meschede und Fl&uuml;gge provokative und blasphemische Arbeiten als zu simplifizierend. Bemerkenswert ist die Gleichsetzung von Kunst und Religion in der Ausstellung, wenngleich die Macher postulierten, dass die Kunstwerke auf Sinnfragen keine Antwort geben k&ouml;nnen. Friedrich Meschede zufolge &auml;hneln sich Kunst und Religion in ihrer gemeinsamen Suche nach Antworten (Meschede 2005). In der Annahme eines gleichen Ursprungs von Kunst und Religion wurde die Kunst unter das Postulat &bdquo;Auch im Profanen ist Religi&ouml;ses eingeschrieben&ldquo; gestellt. Diese Idee verkennt allerdings, dass es auch nicht-religi&ouml;se, nicht religi&ouml;s inspirierte Kunst gibt (Kamel 2004: 101f.). <br \/>Der Gestus der Romantik, der das Ziel verfolgte, Religion zur Kunst, Kunst zur Religion und den K&uuml;nstler zum Priester zu erheben, zeigte sich in <i>Warum! <\/i>insbesondere in der Inszenierung des Hauptwerkes der Ausstellung, dem Triptychon des amerikanischen Malers Willem de Kooning. In der Inszenierung wurden zum ersten Mal der Entwurf und die letztendliche Ausf&uuml;hrung zusammengebracht. De Kooning hatte 1985 ein dreiteiliges Altarbild f&uuml;r die progressive lutherische St. Peters-Kirche in New York als Auftragsarbeit entworfen. Obwohl der K&uuml;nstler es der Kirche stiften wollte, lehnte die Gemeinde aus verschiedenen Gr&uuml;nden ab. Der Hauptgrund war die Abstraktion des Bildes. De Kooning hatte in seinem sp&auml;ten Werk die Figur mehr und mehr zu Gunsten eines durchlichteten Liniengewebes verschwinden lassen. Die Gemeinde empfand dies als blo&szlig;en Ausdruck einer privaten Theologie, als eine zu individuelle, nicht verbindliche Auslegung von Religion (Meschede\/Fl&uuml;gge 2003: 15). Obwohl die Gl&auml;ubigen den Entwurf ablehnten, realisierte de Kooning das Altarbild, das jedoch nie in eine Kirche gelangte, sondern in einer amerikanischen Kunstsammlung aufbewahrt wird.<br \/>Diese Arbeit z&auml;hlte zu den wenigen religi&ouml;sen Werken, die in der Ausstellung zu sehen waren &ndash; was die Inszenierung des Altarbildes dort erkl&auml;ren mag: Der gr&ouml;&szlig;te Raum des Ausstellungsrundgangs, der Schliemann-Saal des Martin-Gropius-Baus, verlieh den sechs Tafeln eine eindr&uuml;ckliche Aura. Auf einer extra gefertigten Wand wurde das f&uuml;r den Altarraum geplante Werk in Gegen&uuml;berstellung zu einer Videoarbeit von Anri Sala gesetzt. Das Video <i>Uomoduomo<\/i> (2001) zeigte einen schlafenden Obdachlosen in einer Kirchenbank des Mail&auml;nder Doms. Indem das Video dem Altarbild gegen&uuml;bergestellt wurde, entstand ein virtueller Kirchenraum. Die Sitzb&auml;nke des Mail&auml;nder Doms lie&szlig;en sich so in der Vorstellung bis zum Triptychon vorziehen. Die H&ouml;he des Raumes unterstrich diese Kirchenatmosph&auml;re.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kunstreligioese-inszenierungselemente-in-der-warum-ausstellung\">Kunst&shy;re&shy;li&shy;gi&ouml;se Insze&shy;nie&shy;rungs&shy;ele&shy;mente in der Warum!-Ausstel&shy;lung<\/span><\/h2>\n<p>Die gezeigten Kunstwerke waren etablierte Positionen im Kunstbetrieb; ihre Inszenierung im White Cube erinnerte an die europ&auml;ische Idee vom &bdquo;Meisterwerk&ldquo;. Es dr&auml;ngte sich der Eindruck auf, dass insbesondere ein Kunstkenner- und Intellektuellenpublikum angesprochen werden sollte: ein Bildungserlebnis f&uuml;r bestimmte Schichten\/Milieus. Eine &bdquo;spr&ouml;de&ldquo; und sachliche Inszenierung sollte sich gegen m&ouml;gliche Rezeptionsweisen sperren, wie etwa der religi&ouml;sen Praxis (Niederknien und Beten) vor den Kunstwerken (Meschede 2005). Die &auml;sthetische Pr&auml;sentationsform, die in der Warum!-Ausstellung gew&auml;hlt wurde, lie&szlig; die Konstruiertheit von Wahrnehmung unber&uuml;cksichtigt und setzte universale Sichtweisen und Gef&uuml;hle voraus (Kamel 2004: 102). Dass es sich bei &bdquo;Heiligkeit&ldquo; oder &bdquo;Sch&ouml;nheit&ldquo; um Zuschreibungen handelt, die F&auml;higkeit, etwas &auml;sthetisch oder religi&ouml;s zu erfahren, demzufolge allein von der Empfindsamkeit des Betrachters abh&auml;ngt und Hintergrundwissen n&ouml;tig ist, wurde nicht gen&uuml;gend in der Konzeption der Ausstellung bedacht. Mit einem elit&auml;r-bildungsb&uuml;rgerlichen Ansatz von Kunst wurde hier bewusst gearbeitet, was sich auch am Assoziativen des Ausstellungskonzeptes (keine thematischen Sektionen oder eine festgelegte Laufrichtung) sowie den fehlenden inhaltlichen Orientierungsangeboten zeigte. Der kuratorische Appell an die Besucherinnen und Besucher, sich den Kunstwerken eigenst&auml;ndig zu n&auml;hern, wirkt in diesem Zusammenhang wie eine Phrase.<br \/>Die Ausstellung <i>Warum!<\/i> spiegelte die gesellschaftliche Suche nach Sinnstiftung und Wertorientierung sowie den &Uuml;berresten des Christentums wider. Im Selbstbild ihrer Ausstellung sahen die Kuratoren ihre Schau in Distanz zu den christlichen Kirchen verortet (Meschede 2005). Zwar thematisierten sie ihr Verh&auml;ltnis zur Institution und auch das der K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler. In der Au&szlig;enwahrnehmung entstand jedoch der Eindruck, dass auch k&uuml;nstlerische Kritik an der Kirche eher zu deren Fortbestand beitr&auml;gt, als inh&auml;renter Bestandteil des christlichen Denkmodells. Wenngleich die K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler um den Verlust des Christentums nicht zu trauern schienen &ndash; als Beispiel sei hierf&uuml;r Florian Slotawas leichtf&uuml;&szlig;ige raumf&uuml;llende M&ouml;belinstallation angef&uuml;hrt, in der er Dinge des Alltags (K&uuml;hlschrank, St&uuml;hle, Auto) zur Nachstellung der Verk&uuml;ndigungsszene verwendete &ndash;, schwang in der Ausstellung die Trauer um den Bruch von Kunst und Kirche mit. Kirche und Kunst sollten wieder zusammengef&uuml;hrt werden. Interessant ist auch hier der traditionelle, fast negative Kirchenbegriff, der doch eine indirekte Kirchenkritik offenbarte: Den Kirchen (bis auf wenige individuelle Ausnahmen) gel&auml;nge es nicht, die Gegenwartskunst wertzusch&auml;tzen, ihre Intensit&auml;t zu erkennen und ihr Potential f&uuml;r eine Zusammenarbeit in Form von Auftragswerken zu nutzen (ebd.). Hierf&uuml;r stand unter anderem das abgelehnte Altarbild von de Kooning. Als Gegenpol wurde hier die zeitgen&ouml;ssische Kunst ins Feld gef&uuml;hrt, die als innovativ definiert wurde. Dieses Bedauern &uuml;ber die Entfremdung von Kunst und Kirche &uuml;bersah, dass wom&ouml;glich in der vermeintlichen, aktuellen R&uuml;ckkehr der Religion etwas Neues vorliegt, das in seinen Ausformungen wom&ouml;glich noch nie da gewesen und allein schon deshalb originell ist. <br \/>Die Bestandsaufnahme der <i>Warum!-<\/i>Ausstellung fragte nicht, ob die Ver&auml;nderung des Verh&auml;ltnisses von Kunst und Kirche auch eine Chance beinhalten w&uuml;rde. Im Ergebnis der Ausstellung standen Gegenwartskunst und Kirche weit von einander entfernt. Ausgangspunkt der Schau war jedoch, dass gezeigt werden sollte, wie heutige Bilder durchaus noch in Verbindung zum Christlichen stehen und mit den Kirchen eine Allianz bilden k&ouml;nnten. Die totale Losl&ouml;sung der Kunst von ihren kirchlichen Auftraggebern, den christlichen Inhalten und ihrem Verk&uuml;ndigungsauftrag hat sich im 20. Jahrhundert vollzogen. So stellten die pr&auml;sentierten Kunstwerke kein Glaubenszeichen dar, sondern brachten eher allgemein Menschliches zum Ausdruck. Kritisches klang im Katalogtext durch: Die K&uuml;nstler wollten von komplexen, theologischen Inhalten nichts mehr wissen, wenngleich auch eine Kontinuit&auml;t der Auseinandersetzung mit Sinnfragen zu verzeichnen sei (Meschede\/Fl&uuml;gge 2003: 14). Anhand einzelner Arbeiten wurde aber deutlich, wie stark einige K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler auf der Suche nach einer christlichen Verankerung waren. Beispielsweise wandte sich Gerhard Richter &ndash; erstmals und bislang einmalig &ndash; einer christlichen Thematik zu und setzte sich in drei Tafeln mit der Verk&uuml;ndigungsszene auseinander. Die Aufl&ouml;sung des Motivs ins Abstrakte versinnbildlichte in Verk&uuml;ndigung nach Tizian (344-1-3) (1973), dass es sich bei der Begegnung zwischen Maria und dem Engel um einen spirituellen Moment handelte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-zehn-gebote-moralische-orientierung-im-zeitalter-der-globalisierung\">Die Zehn Gebote &ndash; Moralische Orien&shy;tie&shy;rung im Zeitalter der&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung <\/span><\/h2>\n<p>Die im Dresdner Hygiene-Museum von Juni bis Dezember 2004 ausgerichtete Ausstellung <i>Die Zehn Gebote<\/i> f&uuml;hrte bereits in ihrem Untertitel die zentralen Schlagworte an: <i>Politik-Moral-Gesellschaft<\/i>. Anhand der Arbeiten von 69 internationalen K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstlern fragte die von Klaus Biesenbach kuratierte Pr&auml;sentation konkret nach der Relevanz der Zehn Gebote in Zeiten der Globalisierung. Dar&uuml;ber hinaus stand allgemein die Bedeutung der Moral und die Orientierung des Individuums im Mittelpunkt. Insgesamt wurden &uuml;ber hundert Kunstwerke gezeigt, die alle in Auseinandersetzung mit ethischen Prinzipien entstanden waren. Die Dresdner Einrichtung als &bdquo;Museum vom Menschen&ldquo; hatte bislang eher kulturhistorische Ausstellungen von Hirnforschung bis Gentechnologie realisiert, die an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Alltagswelt angesiedelt waren &ndash; reine Kunstausstellungen hatte es zuvor hier nicht gegeben. Also musste man hier weniger mit einem dezidiert kunstinteressiertem Publikum rechnen, andere Bev&ouml;lkerungsschichten waren hier erreichbar. <br \/>Zun&auml;chst war f&uuml;r das Thema <i>Die Zehn Gebote<\/i> auch eine kulturhistorische Herangehensweise geplant. Jedoch stellte sich f&uuml;r die Ausstellungsmacher relativ schnell heraus, dass so ein Vorhaben als moralischer Fingerzeig wirken w&uuml;rde. So entschied man sich auf zeitgen&ouml;ssische Kunst zur&uuml;ckzugreifen, um &uuml;ber diese Thematik mit dem Publikum ins Gespr&auml;ch zu kommen. Daraus mag sich auch die Wahl der gew&auml;hlten Medien erkl&auml;ren: Auff&auml;llig waren die vielen Video-, Film- und fotografischen Arbeiten, die einen dokumentarischen Realismus verk&ouml;rperten. Hier verschwammen die Grenzen zwischen Realit&auml;t und k&uuml;nstlerischer Realit&auml;t (Behrmann 2004). Die gezeigten Kunstwerke wiesen einen hohen Narrationsgrad auf, waren insofern durch die anekdotischen Geschichten, die sie erz&auml;hlten, leichter zug&auml;nglich. Hinzu kam, dass ausf&uuml;hrliche Labels Deutungsangebote f&uuml;r die Besucherinnen und Besucher bereithielten, die die Pr&auml;sentationsform des White Cube abschw&auml;chte. Jedes der Kunstwerke war einem der Zehn Gebote zugeordnet, die Ausstellung war somit in mehrere thematische Sektionen unterteilt. Trotz der Aufteilung in einzelne Kapitel und einer mehr oder weniger vorgegebenen Laufrichtung, herrschte hier ein eher offeneres Konzept vor, da einige R&auml;ume ineinander &uuml;ber gingen. Ein kulturhistorischer, in rot gehaltener Raum war dem Ausstellungsrundgang vorgeschaltet. Hier waren beispielsweise Martin Luthers Handexemplar der hebr&auml;ischen Bibel von 1494 sowie eine Torarolle aus Mitteldeutschland um 1800 ausgestellt. In einem der gesamten Ausstellung vorangehenden politischen Einf&uuml;hrungsbereich wurden zahlreiche Zahlen und Weltstatistiken visuell umgesetzt. Elf bunte, gro&szlig;formatige Weltkarten informierten &uuml;ber globale Zust&auml;nde im Hinblick auf Drogenhandel, Religionskriege, Arbeit und Freizeit, Sexualit&auml;t u.a. Auch in dieser Ausstellung wurden keine religi&ouml;sen Arbeiten gezeigt. Die meisten wurden bereits vorher in einem anderen Kontext vorgestellt und waren somit im Gegensatz zu einigen Werken der <i>Warum!-<\/i>Ausstellung keine Auftragsarbeiten. Einhergehend mit der globalen Fragestellung waren auch tats&auml;chlich K&uuml;nstler und K&uuml;nstlerinnen aus allen Teilen der Welt vertreten. <br \/>Viele der gezeigten Kunstwerke thematisierten die &Uuml;bertretung eines Gebotes. Beispielsweise zeigten die Fotografien von Boris Michailov unter dem Gebot <i>Du sollst deine Eltern ehren <\/i>einen ukrainischen Stra&szlig;enjungen, wie er seine alkoholkranke obdachlose Mutter mit F&auml;usten traktierte. Die positive Einhaltung eines Gebotes wurde nur in wenigen Arbeiten aufgegriffen, unter anderem von Aleksander Sokurov, der in seinem Film <i>Mutter und Sohn <\/i>(1997) zeigt, wie ein Sohn bei seiner Mutter liebevolle Sterbebegleitung leistet. <br \/>Verdienstvoll war die Erweiterung und Anpassung der Zehn Gebote an eine ver&auml;nderte globale Situation in der Ausstellung. Der N&auml;chste sei nicht mehr nur in unmittelbare N&auml;he zu finden, sondern aufgrund der verk&uuml;rzten Distanzen auch eine Afrikanerin N&auml;chste ist. Die Schau erweiterte auch das Gebot Du sollst nicht ehebrechen und griff den westlichen Sextourismus und Umgang mit Sexualit&auml;t auf. Beispielsweise pr&auml;sentierte der algerische K&uuml;nstler Adel Abdessemed eine Videoarbeit mit dem Titel &bdquo;Real Time&ldquo;, welche zehn Paare vor einem applaudierendem Publikum kopulierend in einer Mail&auml;nder Galerie zeigte. Der K&uuml;nstler hatte per Zeitungsanzeige Menschen gesucht, die bereit waren, sich sexuell im &ouml;ffentlichen Raum zu bet&auml;tigen. Die K&uuml;nstlerin Dayanita Singh zeigte Schwarzwei&szlig;aufnahmen, welche die Lebensumst&auml;nde von minderj&auml;hrigen Sexarbeiterinnen in indischen Gro&szlig;st&auml;dten reflektieren. <br \/>Die Ausstellung generierte eine Diskussion &uuml;ber die Grenzen einer Kunstausstellung und regte eine Debatte dar&uuml;ber an, was in der Kunst erlaubt und was untersagt ist. Dazu z&auml;hlte insbesondere eine Arbeit der K&uuml;nstlerin Teresa Margolles <i>Lengua (Zunge) <\/i>(2000). Die K&uuml;nstlerin pr&auml;sentierte eine dunkle, gepiercte, geschrumpfte Zunge eines Teenagers, der in einem Stra&szlig;enkampf in Mexiko ums Leben gekommen war. Die K&uuml;nstlerin hatte dieses K&ouml;rperteil bei den verarmten Eltern des Jungen gegen die &Uuml;bernahme der Kosten f&uuml;r seine Beisetzung und Grabstelle eingetauscht. Dieses Objekt wurde unter dem Gebot<i> Du sollst nicht stehlen<\/i> eingeordnet, da die K&uuml;nstlerin ihr Handeln selbst moralisch als Diebstahl bezeichnete. Einige Publikumsstimmen formulierten denn auch ein Bed&uuml;rfnis nach Grenzen und Regeln im Ausstellungsraum und in der Kunst: So war im Besucherbuch zu lesen, dass die Zunge eines toten Jungen &bdquo;in solch einer Ausstellung einfach nur falsch und traurig&ldquo; sei. Es dr&auml;ngte sich im Gespr&auml;ch mit den Machern der Ausstellung der Eindruck auf, dass die K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler vor kritischen Nachfragen gesch&uuml;tzt wurden und rasch das unantastbare Label &bdquo;Das ist doch Kunst&ldquo; herausgeholt wurde. Mit ihrem Verweis auf die Kunst als Kunst entlie&szlig; die Ausstellung sich selbst aus der Verantwortung (Sommer 2004). <br \/>St&auml;rker als die <i>Warum!-<\/i>Ausstellung hatte die Dresdner Pr&auml;sentation den Anspruch zu provozieren und arbeitete daher gezielt mit den Emotionen der Besucher (Sommer 2004). Das Besucherbuch offenbart, wie ber&uuml;hrt das Publikum war: von &bdquo;Betroffenheit&ldquo;, &bdquo;Beeindrucktsein&ldquo;, Ansto&szlig; f&uuml;r Toleranz und das &bdquo;Beschreiten spezifischer Lebenswege&ldquo; ist die Rede. Das Bed&uuml;rfnis nach Grenzen des <i>anything goes <\/i>der Postmoderne ist hier deutlich zu sp&uuml;ren. Die Ausstellungstexte selber waren sehr moralisierend formuliert. Die Erkl&auml;rungstafeln mit konkreten Interpretationsangeboten waren Ausdruck des kuratorischen Versuchs, die Reaktionen der Besucherinnen und Besucher zu steuern. Diese f&uuml;hlten sich dadurch jedoch eher eingeengt. <br \/>Daneben gab es andere bemerkenswerte Aspekte: Am Anfang der Ausstellung waren die Zehn Gebote noch die inhaltliche Klammer, die sich jedoch mehr und mehr in der Ausstellung verlor. Das spezifisch Religi&ouml;se, wie es eingangs durch den Verweis auf das Judentum, den Islam und das Christentum noch verherrschte, verschwand. So blieb unklar, vor welchen religi&ouml;sen Hintergr&uuml;nden die jeweiligen Arbeiten entstanden waren. Interreligi&ouml;se, hybride Religions- oder Ethikzusammenh&auml;nge wurden nicht problematisiert, unterschiedliche Ethikbegriffe oder andere Differenzen nicht reflektiert. Die zun&auml;chst vorgenommene historische Verankerung wurde verschenkt. Die Ausstellung selbst f&uuml;hrte weg von der Fragestellung. Dies mag jedoch der Kompliziertheit des Vorhabens geschuldet sein, wie Carolin Behrmann anf&uuml;hrt, da der Dekalog als Kern j&uuml;discher, islamischer und christlicher Ethik und Gesetzgebung, in seiner Geschichte und Auslegung Interpretationsarbeit und Wissen erfordere und theologischer, rechtshistorischer und historischer Hinweise bed&uuml;rfe. Allerdings bleibt laut Behrmann die Frage, ob dies eine Kunstausstellung &uuml;berhaupt leisten kann (Behrmann 2004).<br \/>Das Fragmentarische der Ausstellung trat hier anders auf als in der <i>Warum!-<\/i>Ausstellung. <i>Die Zehn Gebote<\/i>-Schau wirkte unnahbar, da das angestrebte Untersuchungsfeld in seiner ganzen Spannweite von Theorie, Dokumentation und &auml;sthetischer Fiktion bis die an Kontext und Geschichte gebundenen Fragen der Ethik durch eine reine Nebeneinanderstellung von Gebot und Kunstwerk nicht gen&uuml;gend beantwortet wurde (ebd.).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"kunst-und-glauben\">Kunst und Glauben<\/span><\/h2>\n<p>Das Religi&ouml;se scheint in den westlichen Gesellschaften wieder an Bedeutung zu gewinnen &ndash; und dadurch wird es auch zum Thema von Ausstellungen. Doch die gegenseitige Entfremdung zwischen Kunst und Religion ist nach wie vor sichtbar; ihre Ursache liegt in der Weigerung der bildenden Kunst, kirchliche Repr&auml;sentationsleistungen zu erf&uuml;llen. Auff&auml;llig ist, dass K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler sich dem Thema Religion meist fern vom Kontext der Kirchen, eher in Zusammenhang mit &auml;sthetischen Problemen stellen. Die Auseinandersetzung mit religi&ouml;sen Fragen zerf&auml;llt in individuelle Herangehensweisen. Viele Werke greifen heute auf die Bildtradition religi&ouml;ser Inhalte zur&uuml;ck, ohne explizit religi&ouml;se Inhalte zu vermitteln. Dar&uuml;ber hinaus ist bemerkenswert, dass die Kunst &ndash; nach wie vor &ndash; selbst &uuml;berh&ouml;ht wird: trotz der Autonomisierung der Kunst im Laufe der Jahrhunderte ist ihr die Aura des G&ouml;ttlichen haften geblieben (Messmer 2005: 15). Umgang mit Kunst wurde vielfach zur Ersatzreligion, wof&uuml;r die <i>Warum!-<\/i>Ausstellung ein Beispiel war: Kunstpr&auml;sentation und die &Uuml;berh&ouml;hung von K&uuml;nstlern nimmt quasireligi&ouml;se Formen an; eine Ausstellungsinszenierung f&uuml;hrt die alte, eigentlich doch so ferne Kunstreligion in der Gegenwart fort.<br \/>&nbsp;<br \/>&nbsp;<br \/><b>Literatur&nbsp;&nbsp;<\/b><\/p>\n<p>Behrmann, Carolin 2004: Zur Ausstellung Die Zehn Gebote. Politik &ndash; Moral &ndash; Gesellschaft. Internationale Kunstausstellung. Deutsches Hygienemuseum Dresden. 19. Juni &ndash; 5. Dezember 2004; <a href=\"http:\/\/www.arthist.net\/DocExpoD.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.arthist.net\/DocExpoD.html<\/a> [28. Dezember 2005]<br \/>Biesenbach, Klaus (Hg.) 2004: Die Zehn Gebote. Eine Kunstausstellung, Ostfildern-Ruit <br \/>Br&auml;unlein, Peter J. 2004: &bdquo;Zur&uuml;ck zu den Sachen!&ldquo;. Religionswissenschaft vor dem Objekt. Zur Einleitung; in: Religion und Museum. Zur visuellen Repr&auml;sentation von Religion\/en im &ouml;ffentlichen Raum, hg. v. Peter J. Br&auml;unlein, Bielefeld, S. 7-53<br \/>Ebeling, Knut\/Meister, Carolin 2003: Posts&auml;kulare Paradiese. Kunst im Reich der Un&auml;hnlichkeit; in: warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen, hg. v. Matthias Fl&uuml;gge und Friedrich Meschede, Ostfildern-Ruit, S. 28-37<br \/>Fl&uuml;gge, Matthias\/Meschede, Friedrich 2003: Warum warum! Zur Ausstellung; in: warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen, hg. v. Matthias Fl&uuml;gge und Friedrich Meschede, Ostfildern-Ruit, S. 12-19<br \/>Heine, Peter 2000: Islam in Deutschland &ndash; Deutscher Islam; in: 7 H&uuml;gel. Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts, V) Glauben. Weltreligionen zwischen Trend und Tradition, hg. v. Bodo-Michael Baumunk und Eva Maria Thimme, Berlin, S. 46-52<br \/>Held, Jutta 2004: J&uuml;dische Kunst im 20. Jahrhundert und die Konzeptionen der Museen. Zur Einf&uuml;hrung; in: Kunst und Politik. Jahrbuch der Guernica-Gesellschaft 6 (2004), S. 9-17<br \/>Kamel, Susan 2004: Museen als Agenten Gottes oder 0:0 unentschieden?; in: Religion und Museum. Zur visuellen Repr&auml;sentation von Religion\/en im &ouml;ffentlichen Raum, hg. v. Peter J. Br&auml;unlein, Bielefeld, S. 97-118<br \/>Meschede, Friedrich 2005: Interview mit der Autorin am 19. Dezember 2005<br \/>Messmer, Dorothee 2005: Die Kunst und das &Uuml;berirdische; in: Gott sehen, hg. v. Dorothee Messmer\/Markus Landert, Sulgen\/Z&uuml;rich 2005, S. 11-25<br \/>Schipperges, Thomas 2005: Rezension Stephenson, Gunther: Kunst als Religion. Europ&auml;ische Malerei um 1800 und 1900. W&uuml;rzburg 2005; <a href=\"http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/rezensionen\/2005-3-080\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/hsozkult.geschichte.hu-berlin.de\/rezensionen\/2005-3-080<\/a> [11. Februar 2006]<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2249],"publikationen":[1082],"class_list":["post-11914","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-maren-ziese","publikationen-173-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Visuelle Glaubenssuche - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/visuelle-glaubenssuche\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Visuelle Glaubenssuche - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zwei Kunstausstellunen inzenieren Religion, aus: vorg&auml;nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 71-80 Noch vor drei Jahren meinten die Kunsthistorikerin Carolin Meister und der Philosoph Knut Ebeling anl&auml;sslich der Ausstellung Warum! 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