{"id":11915,"date":"2006-03-01T10:10:00","date_gmt":"2006-03-01T09:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wege-und-irrwege-der-religion\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:11","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:11","slug":"wege-und-irrwege-der-religion","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/wege-und-irrwege-der-religion\/","title":{"rendered":"Wege und Irrwege der Religion"},"content":{"rendered":"<p>Warum die Moderne einen anderen Glauben braucht,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/206) S. 81-86<\/p>\n<p>Schleiermacher hat Religion als das Gef\u00fchl der schlechthinnigen Abh\u00e4ngigkeit bezeichnet und Luther sagt im gro\u00dfen Katechismus: &#8222;Woran du dein Herz h\u00e4ngst, das ist dein Gott.&#8220; Geht man nicht von \u00e4u\u00dferen Formen, sondern von der das Leben bestimmenden religi\u00f6sen Kraft aus, d\u00fcrften das zutreffende Definitionen von Religion sein. Allerdings beschreiben diese Definitionen nicht mehr das, was wir landl\u00e4ufig als Religion ansprechen. In unserer westlichen s\u00e4kularen Welt haben die christlichen Kirchen &#8211; von kleineren aktiven Gruppen abgesehen &#8211; kaum mehr derartige Bedeutung, dass Menschen von deren Botschaft und deren Riten &#8222;schlechthin&#8220; bestimmt werden oder ihr Herz so daran h\u00e4ngen, dass Gott wirklich ihr Gott ist, f\u00fcr den sie selbst zum Martyrium bereit sind. Wof\u00fcr sind Menschen bereit, ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Familie in Frage zu stellen? Was ist ihnen heilig? Was bestimmt ihr Leben? Ohne Zweifel gab und gibt es Einzelne, die als Christen, Juden, Moslems oder Anh\u00e4nger anderer Religionen so leben, dass solche Glaubensform auch in der modernen Welt mehr als ein Etikett ist: so f\u00fcr die Mitglieder der <i>Wei\u00dfen Rose<\/i>, f\u00fcr Dietrich Bonhoeffer oder einzelne Ordensleute. Aber wie ist es mit der gro\u00dfen Mehrheit, die Weihnachten mit M\u00e4rchenbildern in den Schaufenstern feiert und sich im Alltag kaum um Barmherzigkeit und N\u00e4chstenliebe k\u00fcmmert, von Feindesliebe ganz zu schweigen?<br \/>Unsere Sprache nennt das, was gleichsam religi\u00f6se Bedeutung hat, &#8222;heilig&#8220;. Was ist uns heilig? Am h\u00e4ufigsten ist es &#8211; derzeit besonders deutlich in den USA, aber vor nicht allzu langer Zeit auch bei uns &#8211; die Nation, das &#8222;heilige Vaterland&#8220;, das der Dichter &#8222;\u00fcber alles&#8220; stellen will, wie es das Lied sagt, dessen dritter Vers unsere Nationalhymne ist. Der Nation werden das eigene Leben und fremde Leben als Menschenopfer dargebracht. Dem Nationalismus, der das Vaterland heilig spricht, werden anerkannte Regeln menschlichen Umganges geopfert, wurden und werden Menschen aus der eigenen Welt ausgeschlossen, diskriminiert und \u00fcberfallen, im Extremfall sogar ihres Lebens, ja ihres Menschseins beraubt, wie es in vielen Diktaturen tausendfach geschah und geschieht, und wie es heute in Lagern wie Guantanamo Hunderte erleiden. Nationalismus kann alle sonstigen Regeln au\u00dfer Kraft setzen. Es gilt nur noch das, was man dem s\u00e4kularen Glauben an die Nation oder dem eigenen Volk schuldig zu sein meint. Und das wird zelebriert mit Hymnen und Fahnen, mit ehrf\u00fcrchtigem Aufstehen und\/oder Verbeugen vor diesen religi\u00f6s geladenen Symbolen der Nation. Die Formen \u00e4hneln nicht zuf\u00e4llig klassischen religi\u00f6sen Riten wie Prozessionen und Feiern, Andachten und Gebetsgesten. Manchmal kommt der Nationalismus auch ganz unscheinbar daher, wenn die Bundeswehr nicht auf das Grundgesetz, sondern auf &#8222;Recht und Freiheit des deutschen Volkes&#8220; verpflichtet wird.<br \/>Ein anderer Bereich ist eng damit verbunden. Im Krieg gelten nur noch Gewalt, Zerst\u00f6ren, T\u00f6ten, Verletzen, Erniedrigen, und alle normalen R\u00fccksichten &#8211; auch die v\u00f6lkerrechtlich vereinbarten &#8211; werden nur zu schnell den Gesetzen des Krieges geopfert. Die Sprache, die mit einem urspr\u00fcnglich religi\u00f6sen Begriff vom Opfern spricht, ist verr\u00e4terisch. Eigene Soldaten werden geopfert, dem Feind werden Schl\u00e4ge zugef\u00fcgt, die mehr Opfer fordern und deshalb als erfolgreich gelten. Da wird vom &#8222;heiligen&#8220; Kampf gesprochen. Da wird nicht etwa von den zerfetzten, umgebrachten oder gestorbenen K\u00e4mpfern, den Toten, mit Trauer Abschied genommen, sondern den &#8222;Gefallenen&#8220; &#8211; so die traditionell feierliche Sprache &#8211; wird mit besonderen Riten wie Trauermarsch, Salut, Senken der Fahne oder Musikst\u00fccken Ehre erwiesen. Ihre Gr\u00e4ber werden auf Dauer erhalten, und dann werden Denkm\u00e4ler errichtet. Dort wird fortan vom Milit\u00e4r regelm\u00e4\u00dfig das Andenken der Gefallenen besonders geehrt und in Erinnerung gehalten mit Aufm\u00e4rschen, Kranzniederlegungen und Ansprachen. In vielen Staaten gibt es sogar besondere Feiertage, die den Kriegstoten gewidmet sind, und Stunden des feierlichen Gedenkens an ihr Opfer. Die Verbrechen, die regelm\u00e4\u00dfig in Kriegen ver\u00fcbt werden, sind dann wie weggewischt, und es bedarf gr\u00f6\u00dfter Anstrengungen, wenigstens die schlimmsten sp\u00e4ter zu untersuchen. Krieg hat eben seine besonderen Gesetze, und die sind wichtiger als das eigene Leben.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eigengesetzliche-lebensbereiche-oder-ganzheitlicher-glaube\">Eigen&shy;ge&shy;setz&shy;liche Lebens&shy;be&shy;reiche oder ganzheit&shy;li&shy;cher Glaube?<\/span><\/h2>\n<p>Gesetze, die das Leben pr\u00e4gen und tief greifend bestimmen, gibt es weniger t\u00f6dlich, aber doch \u00e4hnlich wirksam, in vielen Lebensbereichen. Am deutlichsten gilt das f\u00fcr den Bereich der Wirtschaft, die in manchen L\u00e4ndern, nicht zuletzt bei uns, noch vor dem Vaterland rangiert. F\u00fcr sie gelten die Gesetze des Marktes und des Wettbewerbs, die man angeblich nicht au\u00dfer Kraft setzen kann. Antrieb ist das Streben nach Macht und Geld. Meistens kommt dabei das Eine zum Anderen. Wer Macht hat, verdient bald auch mehr, und wer viel Geld hat, hat auch viel Einfluss und damit Macht. Staaten und ihre Regierungen, manchmal auch Kriege werden nicht selten den wirtschaftlichen Interessen dienstbar gemacht, wenn es um \u00d6l oder andere wichtige Rohstoffe geht. Die Menschen, die in Armut und\/oder Arbeitslosigkeit dabei auf der Strecke bleiben, werden bedenkenlos den angeblich nicht zu \u00e4ndernden Gesetzen des Marktes geopfert.<br \/>Betrachtet man Lebensbereiche daraufhin, wie sie das Leben von Menschen bestimmen, merkt man schnell, dass auch andere solche Eigengesetzlichkeiten entwickelt haben und uns st\u00e4rker als alle religi\u00f6sen Traditionen bestimmen. Das gilt f\u00fcr den Sport wie f\u00fcr die Kunst, f\u00fcr das Sexualleben wie f\u00fcr die Unterhaltung. Eigengesetzlichkeiten machen die Medien geltend mit den Unterteilungen nach Fernsehen, Funk und Presse oder der Verkehr mit den Besonderheiten von Seefahrt, Stra\u00dfen-, Bahn- und Luftverkehr. Oft kann man noch weiter trennen, etwa bei den verschiedenen K\u00fcnsten oder den Wissenschaften, die zwischen Medizin und Jura, Geistes- und Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft deutlich unterscheiden. Die Menschen werden vom jeweiligen Bereich so in Anspruch genommen, dass sie gew\u00f6hnlich den dort geltenden Spielregeln wie g\u00f6ttlichen Geboten folgen.<br \/>Was bedeutet das f\u00fcr die Religion heute? Die Eigengesetzlichkeiten der Lebensbereiche sind ungeheuer stark geworden. Sie sind zwar s\u00e4kular, aber entsprechen in vielem der antiken Welt und der griechisch-r\u00f6mischen Religion, die mit ihrer Verehrung verschiedener G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter Lebensbereiche definiert hatte. Dabei kann man viele antike Aussagen ob ihrer Treffsicherheit geradezu bewundern. Dass Hermes\/Merkur, nach dem sich moderne Versicherungen und Handelsunternehmen nennen, der Gott des Handels ist, hatte den beachtlichen Nebenklang, dass er auch der G\u00f6tterbote und der Gott der Diebe war. Dass die jeweiligen Gr\u00fcnder eines Staates, etwa Romulus in Rom oder Theseus in Athen, als G\u00f6tter verehrt wurden, war die antike Form des Nationalismus, zeigte die Heiligkeit der Nation. Dass Ares\/Mars, wenn er losschlagen darf, gewaltige zerst\u00f6rerische Kr\u00e4fte entwickelt, gilt noch heute f\u00fcr jeden Krieg. So kann man Bereich um Bereich nehmen und in unsere Welt \u00fcbersetzen. Poseidon\/Neptun, der Erdersch\u00fctterer, dessen Kr\u00e4ften Seefahrer und die Menschen in Erdbebengebieten ausgeliefert sind, fordert in seinem Herrschaftsbereich ebenso Beachtung seiner Kr\u00e4fte, wie es Hera\/Juno f\u00fcr Ehe und Familie fordert oder Aphrodite\/Venus f\u00fcr die Liebe. Asklepios\/Aeskulap war f\u00fcr die Heilkunst zust\u00e4ndig, Hephaistos\/Vulkan f\u00fcr die Technik und Apoll f\u00fcr Weisheit, Weissagung und mit den Musen f\u00fcr die K\u00fcnste. Oft wurde dann noch weiter unterteilt, wie auch unsere Welt immer mehr differenziert und f\u00fcr die verschiedensten Gebiete ihre Fachleute hat, die jeweils ihre Regeln durchsetzen wollen. <br \/>Der Repr\u00e4sentant des Staates, Zeus\/Jupiter, ist zwar der oberste Gott, der G\u00f6ttervater, aber den g\u00f6ttlichen Kolleginnen und Kollegen gegen\u00fcber recht schwach trotz der Blitze, die er strafend schleudern kann. Seine Aufgabe ist es, die f\u00fcr die verschiedenen Bereiche zust\u00e4ndigen G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter zum vern\u00fcnftigen Miteinander zu bringen. Als seine irdischen Vertreter hatten die Herrscher der hellenistischen und r\u00f6mischen Welt entsprechende irdische Aufgaben in ihren Reichen, sie wurden selber als G\u00f6tter verehrt und waren doch gezwungen, die Herrschaftsbereiche der verschiedenen Gottheiten zu achten. Das k\u00f6nnte &#8211; s\u00e4kular \u00fcbersetzt &#8211; auch ein Bild unseres Staates sein, der die verschiedenen Lebensbereiche zusammen halten soll, aber vor der Wirtschaft in die Knie geht und sein Handeln oft mehr von Fernsehbildern und heimlicher Lobby bestimmen l\u00e4sst als von n\u00fcchterner Analyse und Planung. Die Antike hat das gespiegelt in den Intrigen der Gottheiten untereinander und ihrem Buhlen um Jupiters Wohlwollen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"der-anspruch-des-christentums\">Der Anspruch des Chris&shy;ten&shy;tums<\/span><\/h2>\n<p>Die griechisch-r\u00f6mische Welt hatte erstaunlich genau beobachtet, wie es in den verschiedenen Lebensbereichen zugeht und wie autonom diese in vielem sind. Trotzdem hatte das Christentum diese ausgekl\u00fcgelte heilige Weltordnung aus den Angeln gehoben. Die Losung war, dass es nur einen Gott gibt, der alle Lebensbereiche bestimmt und dem gegen\u00fcber man immer und \u00fcberall verantwortlich ist. Diesen Ma\u00dfstab hatte f\u00fcr die Christenheit Jesus von Nazareth in Ankn\u00fcpfung an die mosaische Tradition verk\u00fcndet und gelebt. Das bedeutete einheitliche Verantwortung f\u00fcr alles Tun, gelebt in N\u00e4chsten- und Feindesliebe, in der Bereitschaft zum Helfen f\u00fcr Kranke oder unter die R\u00e4uber Gefallene und zum Vergeben selbst gegen\u00fcber dem Z\u00f6llner, der seine M\u00f6glichkeiten betr\u00fcgerisch missbraucht hatte. Es bedeutete Gewaltlosigkeit und das Durchbrechen der Eigengesetzlichkeiten der Herrschaftsbereiche aller bis dahin verehrten Gottheiten, deren g\u00f6ttlicher Anspruch schlicht bestritten wurde. <br \/>Mit der Demo in Jerusalem, der Reinigung des Tempels von den wirtschaftlich und organisatorisch so wichtigen Bankern und H\u00e4ndlern, missachtete Jesus unter Berufung auf den einen, alle Lebensbereiche beherrschenden Gott, zugleich die kirchliche (priesterliche) und staatliche (j\u00fcdische und r\u00f6mische) Ordnung und die des Tempels, der dank des j\u00fcdischen Zehnten nach heutigen Begriffen eine der gr\u00f6\u00dften, wenn nicht die gr\u00f6\u00dfte Bank im ganzen Reich war. Das konnte nicht gut gehen, aber es war &#8211; ohne Gewalt &#8211; ein Anspruch, der menschliches Leben wieder zu einem einheitlich verantworteten Leben machte. Deshalb setzte die christliche Gemeinde gegen die vielen angeblichen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und ihre Gottheiten, auch gegen den Staat und seinen g\u00f6ttlich verehrten Kaiser ihren &#8222;Herrn&#8220;, den &#8222;K\u00f6nig des Gottesreiches&#8220; (Christus), den &#8222;Sohn Gottes&#8220;, der zwar vom r\u00f6mischen Prokurator gefoltert und gekreuzigt werden konnte, dessen Ansage eines neuen, allein dem einen Gott und seinen Weisungen folgenden Lebens aber m\u00e4chtiger war als selbst die Macht Roms und auch vom Tod nicht zu bezwingen. Die g\u00f6ttlichen Attribute wurden auf den Gekreuzigten \u00fcbertragen.<br \/>Die christlichen Kirchen haben diesen Anspruch vertan, als sie sich selbst mit staatlicher Macht umgaben, statt den Menschen zu dienen, sie mit der Androhung von H\u00f6llenstrafen beherrschten und bis hin zur Inquisition regelrecht unterdr\u00fcckten, sich naturwissenschaftlichen Entdeckungen und damit verbundenen geistigen Entwicklungen ebenso verschlossen wie den Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit oder pers\u00f6nlicher Freiheit. Sie haben auch die historisch-kritische Arbeit und die Aufkl\u00e4rung nicht umfassend aufgegriffen und Rudolf Bultmanns Forderung einer Entmythologisierung weitgehend negiert. Die Botschaft Jesu wurde nicht wirksam \u00fcbersetzt, geschweige denn gelebt. Heute erleben wir, dass die Aufteilung der Welt in lauter unterschiedliche Bereiche herrschender Eigengesetzlichkeiten die Menschen zerrei\u00dft, die mal hier diese, mal dort jene Rolle spielen sollen. Man muss nur an den pingeligen Buchhalter denken, der daheim ein interessanter Ehepartner und liebevoller Vater sein soll, oder an den Soldaten, der im Dienst in einer Welt von Befehl und Gehorsam lebt und daheim als Partner in gegenseitiger Achtung erwartet wird, ganz zu schweigen von den vielen Menschen, die aus dienstlichen Gr\u00fcnden von ihren Familien weg versetzt werden. <br \/>Die Suche nach einer einheitlichen Verantwortung des Lebens ist mit mythologischen Formeln und\/oder Verweis auf ein Jenseits nicht zu beantworten. Die Menschen haben nicht mehr Angst vor einem Gericht nach dem Tod, sondern vor den Qualen des Sterbens. Es ist kein Problem, sie \u00fcber das nahende Ende hinweg zu t\u00e4uschen. Ihre Welt ist das Diesseits, aber hier sind sie gegen\u00fcber den vielen Anspr\u00fcchen der unterschiedlichen Lebensbereiche allein gelassen und oft ratlos. Das vergebliche Warten auf Hilfe f\u00fchrt dann zu Kurzschl\u00fcssen und ebnet den Weg zu Diktatoren oder zu fremden Religionen oder autorit\u00e4ren religi\u00f6sen F\u00fchrern, die man bewundert, weil sie scheinbar Antworten wissen, aber denen man deshalb noch lange nicht folgt. Manchmal gibt man sich auch schon zufrieden, wenn mit liturgischen oder sonstigen religi\u00f6sen Formen das k\u00fcnstlich aufgemotzt wird, was zwar Tradition ist, aber die Menschen nicht mehr bindet.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"die-akzeptanz-der-moderne-als-chance-fuer-den-glauben\">Die Akzeptanz der Moderne als Chance f&uuml;r den Glauben<\/span><\/h2>\n<p>Scheinbare M\u00f6glichkeiten zur Einheit des Lebens zur\u00fcckzukehren, bieten dann fundamentalistische Kreise in der Christenheit und im Islam (und nicht nur dort), die moderne Erkenntnisse leugnen und an den Buchstaben der heiligen Texte sich klammernde Gesetzlichkeit fordern. Das verspricht klare Ordnungen. Aber damit geraten die, die sich darauf einlassen, in offene Konfrontation mit der modernen Welt, weil sie vor Jahrhunderten Gesagtes buchst\u00e4blich als Gesetz in unsere ganz andere Zeit \u00fcbernehmen wollen. Manchmal geradezu blindw\u00fctige Angriffe auf die Moderne, etwa auf die Gleichberechtigung und Autonomie von Frauen, sollen dann die Einheit des Lebens durch Regeln wieder herstellen, die in andere soziale Verh\u00e4ltnisse und menschlich\/mitmenschliche Zusammenh\u00e4nge geh\u00f6rten. Die Bibel berichtet von einer langen Geschichte der zunehmenden Erkenntnis Gottes. Sie kennt Ver\u00e4nderungen und sagt nicht ohne Grund, dass der Buchstabe t\u00f6tet und der Geist lebendig macht. Es geht ihr um den rechten Weg, nicht um statische Lehre. Verantwortung vor Gott bedeutet deshalb in der christlichen Tradition der Nachfolge Jesu, unterwegs zu sein und mit den verschiedenen Lebensbereichen und ihren Gesetzen so umzugehen, dass deren Erkenntnisse dienstbar gemacht werden. Sie sollen den Menschen dienen, sie nicht knechten. Sie d\u00fcrfen nicht unmenschlich werden. Sie gelten nicht absolut. Mit dem Glauben der fr\u00fchen Christenheit gesagt, sie sind keine G\u00f6tter. Wer sie anbetet, ist auf dem Irrweg. Sie sind vielmehr dienstbare Geister und k\u00f6nnen hilfreich sein. Wer sich allerdings wissenschaftlichen Erkenntnissen fundamentalistisch verschlie\u00dft, hilft nicht dem Glauben, sondern versinkt in falscher Gesetzlichkeit und mittelalterlicher Bevormundung des Denkens.<br \/>Der Streit, ob die abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam mit ihrem Monotheismus die Menschen \u00fcberfordern, ob sie der Vielfalt der Welt nicht gerecht werden, ob sie mit ihrem moralischen Anspruch zu Unduldsamkeit und letztlich zu Gewalt und Krieg f\u00fchren, ist f\u00fcr Christen ein Anlass, sehr genau neu zu fragen, was unser religi\u00f6ses Erbe heute bedeutet. Leiten wir aus dem Gebot der N\u00e4chsten- und Feindesliebe die Achtung der Menschenrechte unserer Mitmenschen ab und unsere Verpflichtung zu weltweiter Solidarit\u00e4t? Leiten wir aus der Freiheit und der Gewaltlosigkeit Jesu in seiner Nachfolge den Aufruf zu eigenem freiem Denken, gewaltfreiem Diskurs, Frieden, Toleranz und aktiver, sozial engagierter Mitmenschlichkeit ab? K\u00f6nnen wir unsere Traditionen und \u00fcberkommenen zeitbedingten Aussagen korrigieren und haben wir den Mut dazu? \u00c4hnlich m\u00fcssen sich wohl auch Muslime fragen, wie sie der Toleranz und Menschlichkeit des Propheten gegen\u00fcber anderen Religionen und seinem Verweis auf die Barmherzigkeit Gottes in der modernen Welt gerecht werden k\u00f6nnen. Oder soll man wie der bekannte \u00c4gyptologe Jan Assmann sagen, dass die Anerkennung vieler Gottheiten eine friedlichere Welt erm\u00f6glichen w\u00fcrde? Sollen die alten G\u00f6ttinnen und G\u00f6tter fr\u00f6hliche Urst\u00e4nd feiern und s\u00e4kularisiert als Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten die Vielfalt der modernen Welt tragen und erkl\u00e4ren? Mit ein paar Korrekturen an Liturgien und Gesangb\u00fcchern, mit neuer Spiritualit\u00e4t, mit ein paar mehr Exerzitien, Fernsehgottesdiensten oder Prozessionen wird die Krise der \u00fcberlieferten Religion jedenfalls nicht beendet, mit fundamentalistischer R\u00fcckkehr in ferne Vergangenheit erst recht nicht. Anleihen bei religi\u00f6sen Traditionen, die die Aufkl\u00e4rung noch vor sich haben, helfen sicher auch nicht auf Dauer. Was derzeit als neues Interesse an Religion behauptet wird, scheint mir eher der Hinweis auf eine Krise zu sein, deren L\u00f6sung noch aussteht.<br \/>Dabei brauchen Menschen Religion mindestens zur ethischen Orientierung. Was sind die Werte, die ein gedeihliches Miteinander erm\u00f6glichen? Die vielen unterschiedlichen Spielregeln und Gesetze der Lebensbereiche, mit denen wir es zu tun haben, machen es schwer, \u00fcberall verantwortlich im Blick auf die Mitmenschen zu handeln. Oft geht das nur, wenn man auch bereit ist, zur\u00fcckzustecken, zu verzichten, anderen, die etwas besser k\u00f6nnen, den Vortritt zu lassen. Wie findet man friedliche L\u00f6sungen, wenn Interessen auseinander gehen oder gar strikt gegeneinander stehen? Wie \u00fcberwindet man die Gef\u00fchle, die &#8222;aus dem Bauch&#8220; kommen und mal nur den Nutzen der eigenen Gruppe (Familie, Nation, Firma) sehen, mal mit Emp\u00f6rung auf Fehler anderer reagieren? Angesichts der Entwicklung der Waffentechnik w\u00e4ren gro\u00dfe Kriege katastrophal. Katastrophal ist aber auch der Zustand der Welt mit ihren ungeheuren Gegens\u00e4tzen zwischen Reich und Arm. Religionen und Ideologien k\u00f6nnen ausgenutzt werden, um die Probleme zu versch\u00e4rfen. Wie kommt man dagegen an und f\u00fchrt zu der Aufgabe der Religion zur\u00fcck, den Menschen hilfreiche Orientierung zum Guten zu geben?<br \/>\u00a0Sicher sind viele organisatorische Regelungen hilfreich von den Vereinten Nationen und regionalen Organisationen, den Vertr\u00e4gen zum Schutz von Menschenrechten und anderen internationalen Vereinbarungen bis zur Einigung auf internationale Gerichte. Aber was begr\u00fcndet die dabei zu Grunde gelegten Ma\u00dfst\u00e4be? Was transzendiert die irdischen Fakten und Regeln? Bisher war das die Aufgabe der Religion jeweils in den Gebieten, in denen sie gemeinsam war. Es gibt auch im \u00f6kumenischen Gespr\u00e4ch der Kirchen das Bem\u00fchen um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch\u00f6pfung. Aber heute haben wir weltweite Bez\u00fcge und damit unterschiedliche Religionen, die sich gegen\u00fcber stehen. Wenn sie ihre Riten, ihre Traditionen betonen und gar bewusst aufpolieren, dann helfen sie nicht, sondern kommen in die Gefahr, Gegens\u00e4tze zu verst\u00e4rken. Neues Interesse an Religion ist gut, wenn es hilft, das Gespr\u00e4ch \u00fcber Gerechtigkeit und Friedensverantwortung, \u00fcber soziales Handeln und ethisch verantwortbare politische Ma\u00dfst\u00e4be in Gang zu bringen: \u00fcber das Gute im Sinne der Ringparabel aus Lessings <i>Nathan der Weise <\/i>als allen Menschen geltende Verpflichtung. 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